Barrieren der Veränderung Was uns manchmal hindert, das Richtige zu tun.

Vor unseren Augen vollzieht sich eine entsetzliche Tragödie. Wir töten ohne jede Notwendigkeit jährlich weltweit bis zu 70 Milliarden Landtiere allein für den menschlichen Verzehr. Das bedeutet 2.000 Opfer pro Sekunde. Hinzu kommen Milliarden von Fischen und anderen Wassertieren. Das ist der wohl größte Massenmord, den die Menschheit auf diesem Planeten je inszeniert hat.1

Die große Mehrheit der Menschen schafft es erstaunlicherweise mühelos, dieses offenkundige Unrecht komplett auszublenden, oder aber in einer Weise damit umzugehen, welche die Selbstverantwortung so relativiert, dass eine Änderung des eigenen Verhaltens nicht mal in Erwägung gezogen wird. Dass die Verdrängung so leicht gelingt, hat einerseits damit zu tun, dass wir in einer karnistischen Welt leben.2 Bereits als kleine Kinder lernen wir durch elterliche Botschaften und permanente gesellschaftliche Indoktrination, dass es völlig in Ordnung ist, bestimmte Tiere zu quälen, zu töten, zu essen oder sonstwie zu ‚nutzen‘. Wir üben uns bis zur Meisterschaft in der Kunst des selektiven Mitgefühls und verinnerlichen die Überzeugung, dass uns manches Leid sehr nahegehen sollte (Familie, Freunde, Haustiere, …), während uns anderes Leid völlig egal sein darf (fremde Menschen, ‚Nutztiere‘, …).

Ein weiterer Grund für unsere verzerrte Wahrnehmung liegt in der Begrenztheit des eigenen Denkens sowie in erlernten, meist unbewussten, limitierenden Handlungsmustern. Wir reagieren häufiger als uns lieb ist, nicht reflektiert, sondern automatisch auf die Ereignisse in unserer Umgebung.

Der Sozialpsychologe Otto Scharmer hat ein hilfreiches Modell entwickelt, mit dessen Hilfe wir diese ‚blinden Flecken‘ der Veränderung identifizieren, verstehen und im günstigsten Fall sogar überwinden können.3

Barrieren der Veränderung

Barrieren der Veränderung

Nicht verstehen, was ich sehe

Wir verstehen nicht, was wir sehen, weil die Dinge, die um uns herum geschehen, komplex und widersprüchlich sind, weil wir situativ immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit sehen und diesen vor dem Hintergrund unser Überzeugungen höchst eigenwillig interpretieren. Es fällt uns auch schwer, unsere eigene Rolle in diesem undurchsichtigen ‚Spiel‘ zu erkennen. Außerdem existieren einflussreiche Industrien mit vitalen Interessen, die einen beachtlich Aufwand betreiben, damit wir gewisse Zusammenhänge möglichst nicht so genau verstehen.

Wir sehen beispielsweise Tag für Tag in den Medien die fortschreitende Zerstörung der Ökosysteme, wir sehen die bittere Armut und den Hunger in vielen Regionen dieser Welt, die Ausbreitung multiresistenter Keime, die brutale Ausbeutung der Tiere durch den Menschen und vieles, vieles mehr. Wir begreifen aber nicht, dass das alles auch mit uns selbst und unserem eigenen Lebenstil zu tun hat. Wir verstehen nicht, dass wir selbst nicht nur die Opfer der Entscheidungen der politisch und wirtschaftlich Mächtigen sind, sondern selbst auch Täter. Wir erkennen die Auswirkungen unseres Tuns nicht. Wir ahnen nicht mal, dass wir durchaus in der Läge wären, die Dinge in dieser Welt ein kleines Stück besser zu machen, indem wir bei uns selbst beginnen und uns verändern. Es ist uns nicht bewusst, dass wir zum Beispiel mit jeder Konsumentscheidung gleichzeitig ein Statement abgeben, in welcher Welt wir leben möchten: Wollen wir Gerechtigkeit oder Ausbeutung, Fairness oder Ungleichheit, Gewalt oder Frieden?

Nicht sagen, was ich denke

Wenn wir beginnen, die unheilvollen Zusammenhänge und unsere Verstrickung darin zu verstehen, wartet bereits die nächste Hürde der Veränderung. Aus unterschiedlichen Gründen sagen wir oft nicht, was wir wirklich denken. Obwohl wir unsere persönliche Sicht der Dinge verändert haben, bestätigen wir nicht selten weiterhin die Meinung des Mainstream oder schweigen zu bedeutenden Themen. Wir reagieren in unseren gewohnten, alten Sprachmustern, weil wir uns unserer Meinung vielleicht noch nicht sicher sind. Vielleicht haben wir auch einfach Angst, unsere veränderten Ansichten nicht hinreichend schlüssig begründen zu können oder uns gar lächerlich damit zu machen. Vielleicht fürchten wir auch die Konfrontation oder haben die Sorge, unser Gegenüber könnte sich von uns in seiner eigenen Lebensweise angegriffen fühlen.

Es kann durchaus sein, dass jemand innerlich bereits sehr genau weiß, dass es falsch ist, Tiere auszubeuten und Tierprodukte zu konsumieren. Dieser Mensch behält diese Einsicht aber vielleicht lieber für sich, weil sie in krassem Widerspruch zu dem steht, was uns als Wahrheit und ‚Normalität‘ beigebracht wurde. Er beugt sich dem Konformitätsdruck der herrschenden Meinung.

Nicht tun, was ich sage

Die nächste Hürde wartet auf uns, wenn es darum geht, das, was wir für uns als richtig erkannt haben, konsequent in die Tat umzusetzen. Wir tun oft nicht, was wir sagen, weil konsistentes Handeln eine Menge Disziplin und Anstrengung erfordert. Es ist nicht immer einfach, eingefahrene Gewohnheiten zu überwinden, noch dazu, wenn genau diese Gewohnheiten sozial absolut anerkannt sind, ja, regelrecht erwartet werden, während das neue Verhalten die Menschen in unserer Umgebung in hohem Maße irritiert. Wir folgen dann oft weiter den gesellschaftlichen Konventionen, statt unseren neuen Einsichten, weil wir vielleicht (noch) nicht bereit sind, den Preis der Integrität zu bezahlen.

Ein gutes Beispiel für die Barriere ‚Ich tue nicht, was ich sage‘ sind Flexitarier*innen. Sie wissen bestens Bescheid, wie der Konsum von Tierprodukten mit Tierleid, ökologischer Katastrophe und gesundheitlichen Risiken zusammenhängt, vertreten auch engagiert die Position, dass sich unbedingt ‚etwas‘ an den untragbaren Zuständen ändern muss, ändern das eigene Verhalten aber nicht wesentlich. Einfach, weil es bequem ist. Diesen Widerspruch versuchen sie zu rechtfertigen, indem sie darauf verweisen, nur sehr selten und jederzeit bewusst ausschließlich glückliche Tiere töten zu lassen. Ein Blick auf die kaum rückläufigen Schlachtzahlen und auf den stabilen Anteil der Massentierhaltung am Gesamtfleischvolumen legt nahe, dass die meisten Flexitarier*innen nicht die Wahrheit sagen. Sie tun offenbar nicht, was sie sagen.

Nicht sehen, was ich tue

Manchmal kommt es auch vor, dass wir gesellschaftliche Missstände zwar erkennen, uns auch selbstkritisch als Teil des Problems wahrnehmen, unser Verhalten konsequent verändern und dennoch nichts oder nur wenig zur Beseitigung der Missstände beitragen. Dann kann es sein, dass wir uns schlicht für die falsche Lösung entschieden haben, aber irgendwie unfähig sind, dies einzusehen.

In diesem Quadranten ‚Ich sehe nicht, was ich tue‘ befinden sich zum Beispiel die meisten Vegetarier*innen. Sie sind überwiegend der Meinung, dass es vor allem aus ethischen Gründen falsch ist, Tiere zu töten. Deshalb essen sie konsequent weder Fleisch noch Fisch. Andere tierliche Produkte konsumieren sie jedoch weiterhin. Sie sind offenbar der Meinung, es reiche im Sinne moralischen Verhaltens aus, lediglich keine Leichenteile zu essen. Dabei übersehen (oder ignorieren) sie, welches entsetzliche Leid sie durch ihren Lebensstil noch immer verursachen. Sie blenden aus, dass für ihr Vergnügen Küken geschreddert, Kühe zwangsgeschwängert und auf übelste Weise ausgebeutet, und Kälber im Babyalter abgeschlachtet werden. Sie realisieren nicht, dass die Milchindustrie noch grausamer agiert als andere Tierausbeutungsindustrien. Sie sehen nicht, dass die Ablehnung jeglicher Tierausbeutung für Nahrung, Medizin, Mode, Unterhaltung das Mindeste ist, was sie den Tieren und sich selbst schulden.

Fazit

Das Barrieren-Modell kann uns effektiv darin unterstützen, eigene Denkfehler und widersprüchliches Verhalten zu erkennen. Wir können es für unsere Persönlichkeitsentwicklung nutzen und entlang der vier Quadranten immer wieder unsere eigene Kompetenz und Integrität überprüfen, indem wir wir uns fragen:

  1. Verstehe ich, was in der Welt und um mich herum geschieht?
    Kann ich meine Sicht der Dinge widerspruchsfrei erläutern?
    Lasse ich andere Meinungen zu und überprüfe sie seriös?
    Ändere ich meine Meinung, wenn ich merke, dass ich im Irrtum bin?
  2. Bin ich mutig genug, meine Gedanken offen zu äußern?
    Bin ich bereit, gegen den Stom zu schwimmen und auch unpopuläre Wahrheiten offen anzusprechen?
  3. Bin ich konsistent in meinem Handeln?
    Lebe ich meine Werte authentisch?
  4. Bin ich mir den Folgen meines Handelns bewusst?
    Bin ich sensibel dafür, welchen Einfluss mein Tun auf andere hat?
    Berücksichtige ich deren Bedürfnisse angemessen?

Das Modell kann uns auch helfen, die blinden Flecken unserer Mitmenschen zu orten und in angemessener Weise zu spiegeln. Im Kontext veganer Überzeugungsarbeit ist es ein großer Vorteil, zu wissen oder wenigstens zu ahnen, vor welcher der vier Barrieren unser Gegenüber aktuell steht, um dann effektiv bei der Überwindung dieser Hindernisse zu unterstützen.

  1. Versteht mein Gegenüber überhaupt die elementaren Zusammenhänge zwischen seinem Konsumverhalten und den Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt?
    (Intervention: Aufklärung)
  2. Was hindert mein Gegenüber noch daran, die bereits gewonnenen Erkenntnisse selbstbewusst auszusprechen?
    (Intervention: Ermutigung)
  3. Inwiefern passt das Verhalten meines Gegenübers zu seinen erklärten Ansichten?
    Wo verhält sich dieser Mensch widersprüchlich?
    (Intervention: freundliche Konfrontation)
  4. Sieht mein Gegenüber hinreichend klar, welche Konsequenzen sein eigenes Verhalten auf Dritte hat?
    Verursacht dieses Verhalten vermeidbares Leid?
    (Intervention: Aufklärung und/oder freundliche Konfrontation)
  1. Quelle: Food and Agriculture Organization of the United Nations []
  2. Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Compassion media. []
  3. C. Otto Scharmer: Theorie U – Von der Zukunft her führen. Carl-Auer Verlag. []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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