Berta, es tut mir leid, aber du schmeckst fantastisch! Gedanken zur Sendung 'Dunja Hayali' vom 26.07.2017

‚Grillen ja, töten, nein. Wie weit geht unsere Lust auf Fleisch?‘ So lautete der Titel eines Beitrags der Sendung ‚Dunja Hayali‘ vom 26.07.2017.1

Als Einstieg erleben wir in einem kurzen Film, wie der Moderator und ‚Fleischfan‘ Jochen Schropp sich einer ganz besonderen Herausforderung stellt. Er besucht das Schwein, das er später essen wird, persönlich auf einem Bio-Bauernhof. Er gibt ihm einen Namen (Berta), ist bei der Schlachtung dabei, hilft mit beim ‚Verwursten‘ und isst es anschließend voller Begeisterung: „Berta, es tut mir leid, aber du schmeckst fantastisch!“

Schaut man sich den Filmclip vom Besuch beim Bio-Bauern aufmerksam an, so erkennt man schnell, dass Herr Schropp genau dem feige aus dem Weg geht, was eigentlich seine erklärte Intention war, nämlich das Tier kennenzulernen. Er baut keinerlei Beziehung zu ihm auf, betrachtet es nur kurz aus der Distanz, redet stattdessen lieber mit dem Bauern und ist nicht mal fähig das ‚auserwählte‘ Tier mit einer Spraydose selbst zu markieren, als er vom Bauern dazu aufgefordert wird. Er delegiert diese Aufgabe lieber zurück, denn er habe schon einen gewissen Respekt (im Sinne von Angst oder Unbehagen, nicht im Sinne von Achtung) vor den großen Tieren. Das Tier kennenzulernen hätte erfordert, ihm neugierig zu begegnen, Nähe herzustellen, Zeit mit ihm zu verbringen und sich achtsam auf die faszinierende Persönlichkeit dieses Geschöpfs einzulassen. Dann hätte Herr Schropp eine realistische Idee davon bekommen, wie klug, sozial und voller Lebensfreude sein potenzielles Opfer ist. Hätte er wirklich in sein Herz gelassen, wie glücklich dieses Tier ist und hätte er realisiert, dass ‚Berta‘ zum Zeitpunkt ihrer Schlachtung noch ein kleines Kind sein wird, wäre vielleicht seine Empathie erwacht, und die Geschichte hätte vermutlich einen etwas anderen Verlauf genommen. Unweigerlich hätte sich Herr Schropp die Frage stellen müssen: „Woher nehme ich das Recht, dieses Kind für mein persönliches Vergnügen abstechen zu lassen?“ Da er Berta aber emotional konsequent auf Distanz hält, kommt ihm diese Frage erst gar nicht in den Sinn.

Weil Herr Schropp ‚Berta‘ eben nicht kennen gelernt sondern lediglich kurz gesehen hat, bevor er ihr Leben auslöschen ließ, fällt es ihm leicht, in der Live-Diskussionsrunde mit Dunja Hayali und Sarah Wiener den ‚reflektierten Verbraucher‘ zu geben, der nach dieser wichtigen Erfahrung nun schon mehr darüber nachdenkt, wo sein Fleisch eigentlich herkommt. Ja, er denkt jetzt mehr, weil er zuvor äußerst erfolgreich vermieden hat zu fühlen. Wer nur im Kopf unterwegs ist, kann Sätze aussprechen wie „Ich war erleichtert, dass das Tier glücklich war“, ohne den Zynismus der Aussage auch nur ansatzweise zu bemerken.

So nimmt die Diskussion einen vorhersehbaren Verlauf. Wir werden ermahnt, besonnener mit unserem Konsum umzugehen, erinnert, dass das Fleisch auf unserem Teller ein Lebewesen war und angehalten, unbedingt darauf zu achten, dass das Tier ein glückliches Leben hatte. Wie glücklich ein Tier mindestens sein muss, damit wir ihm guten Gewissens die Kehle aufschneiden können, erfahren wir allerdings nicht.
Es ging also einmal mehr um die Frage ‚Wie sollten wir Tiere halten und nutzen?‘ Die wesentlich bedeutsamere Frage ‚Dürfen wir Tiere für unsere trivialen Vorlieben ausbeuten und töten?‘ wurde nicht mal gestellt.

Ein Lebewesen, das leben will. Kein Lebensmittel. (c) Land der Tiere

Irgendwie eine verschenkte Chance, denn Dunja Hayali steht für kritischen Journalismus. Sie steht für Antirassismus, Antisexismus und generell für ein engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Eine Frau, die auch mal gegen den Strom schwimmt und sich mutig und klar positioniert. „Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie eben ein Rassist“, sagte sie beispielsweise in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung der goldenen Kamera. Ein kompromissloses, wichtiges Statement. Wie anders hört sie sich an, wenn die Opfer ‚nur‘ nicht-menschliche Tiere sind: „Muss jeder für sich entscheiden“.

Immerhin erwähnt sie, sie selbst esse kein Fleisch und trinke keine Milch mehr. Vielleicht zeugt das ja bereits von einer kritischen persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Tierausbeutung. Vielleicht resümiert sie eines Tages eine ähnliche Diskussionsrunde mit der klaren Ansage: „Wenn Sie Tiere konsumieren, dann sind Sie direkt verantwortlich für unnötiges Leid.“ Wir freuen uns darauf.

  1. https://www.zdf.de/politik/dunja-hayali/dunja-hayali-sendung-vom26-juli-2017-100.html []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum 'eigentlich' intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.
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