Besser geht immer Killerphrasen sind das Ende jeder fruchtbaren Unterhaltung


Es ist so:
Der Versuch ethisch zu leben ist anstrengend.
Aber eigentlich nicht, weil es im Alltag so schwierig ist. Das ist alles machbar.
Was wirklich schwierig ist, sind die Leute um einen herum.

Nehmen wir das Beispiel Vegan.
Man kann vegan auf eine rein pflanzliche Ernährung reduzieren.
Muss man aber nicht.
Ich habe schon die wildesten Interpretationen zur Definition von Donald Watson gelesen.
Zum Beispiel, dass Gelatine o. k. wäre für Veganer*innen, da diese ja nur ein Abfallprodukt der Fleischindustrie sei.
Seriously?
Ja. Denk ich mir nicht aus.
Auch Muscheln wurden im gleichen Thread als „vegan“ gelabelt, da sie ja keine Schmerzen spüren (der Poster muss im letzten Leben Muschel gewesen sein, anders kann ich mir seine Erkenntnis nicht erklären).

Es ist also mittlerweile schwierig, auf einen gemeinsamen Konsens zu kommen, was vegan bedeutet.
Für viele von uns ist es die Grundlage gewaltfreier und emanzipatorischer Lebensform.
Das bedeutet, dass jedes Wesen Unversehrtheit und grundsätzlich Freiheit verdient.
Nein, besser gesagt: ein Recht auf diese hat.
Das bedeutet, dass „moderner“ Veganismus automatisch inkludiert, dass alle diskriminierenden -ismen nicht akzeptabel sind.

Die Grundidee des Veganismus ist, das Recht jedes Lebewesens zu schützen, solange keine weitere Person oder Lebensraum zu Schaden kommt.
Ich verwende den Begriff Person bewusst, denn hier stoßen wir auf ein weiteres Problem.
Personenstatus haben nur menschliche Tiere.
Nicht-menschlichen Tieren wird dieser Status und damit das Recht auf Unversehrtheit abgesprochen.
Um Tiere endlich rechtlich schützen zu können, ist es längst an der Zeit, nicht-menschlichen Tieren Personenstatus zuzusprechen.
Darauf sollte sich unter anderem der Fokus politischer Tierrechtsarbeit richten.
Das heißt, wir haben auf der einen Seite den Menschen, und auf der anderen Seite fassen wir alle anderen Lebensformen als nicht-menschlich – respektive Tiere – zusammen.
Die Unterteilung in Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Insekten klassifiziert zwar den Homo sapiens als Säugetier, bei der Zuteilung von Rechten und Fähigkeiten nimmt der MENSCH aber wieder eine Sonderstellung über allen anderen (Säuge-)Tieren ein.

Diese Tatsache verdanken wir vornehmlich Religionen, die den Menschen als Gottes Ebenbild, die Krone der Schöpfung und Herrscher über den Planeten sehen.
(Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan. 1. Mose 1,28)
Hier möchte ich zu meinem eigentlichen Thema kommen:
Was mich immer wieder maximal irritiert ist, wenn Menschen, die versuchen so viel Leid zu vermeiden, wie für sie machbar ist, als Vegannazis, Veganerererer, Veganpolizei und ähnliches bezeichnet werden.
Und nein, nicht von Menschen die die Tierausbeutung durch ihren Konsum unterstützen, sondern von anderen Veganer*innen.

Einige Beispiele:
Jemand postet ein Produkt einer bekannten Großfirma wie Nestle, Unilever oder Zweitmarken bekannter Tierausbeuterfirmen.
Eine andere Person macht darauf aufmerksam, dass man mit dem Kauf dieses Produktes besagte Großfirmen finanziell unterstützt.
Man kann von 10 rückwärts zählen, bis die ersten Beleidigungen auf den Kritiker niederprasseln.
Was mich allerdings am meisten irritiert, sind nicht einmal die Beleidigungen, sondern die vermeintlich „logischen“ Rückschlüsse, die einige Leute daraufhin ziehen.
„Argumente“ wie:
„Dann leb doch im Wald!“ (der arme Wald)
„Dann darfst du gar nichts mehr essen.“
„Aha, du schreibst doch auch gerade am PC.“
„Dann darfst du auch nicht in Supermärkten einkaufen, in denen es Tierprodukte gibt.“

In der Kommunikationspsychologie nennt man diese Statements Killerphrasen.
Killerphrasen werden eingesetzt, um einen Dialog ad absurdum zu führen.
Inhalte sucht man hier vergeblich, Verallgemeinerungen findet man dagegen zuhauf.
Killerphrasen beinhalten keine Argumente, sondern dienen lediglich der Herabsetzung des Gegenübers. Sie sind nicht dazu angelegt, den Dialog zu fördern, im Gegenteil – jegliche Kommunikation und Auseinandersetzung wird durch sie unterbunden.
Der Hinweis auf Supermärkte ist faktisch betrachtet sogar richtig.
Kauft man bei Discountern ein, wo Tierausbeuterprodukte verkauft werden, unterstützt man die Filiale, den Konzern etc.
Das Problem an der Sache ist, dass dieses Kriterium, wenn man es zu Ende führt, darin mündet, dass man sich am besten in Luft auflöst.
Denn egal, was Lebewesen auf diesem Planeten tun, es hat Folgen, und wir Menschen haben uns durch Zivilisation und Industrialisierung in eine Situation gebracht, in der es kaum bis gar nicht möglich ist, etwas zu tun, ohne dass es anderen schadet.
Natürlich sterben Lebewesen beim Anbau von Gemüse.
Die wenigsten Veganer*innen denken, sie würden leidfrei leben.
Das ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht machbar.
Was allerdings machbar ist, ist eine genaue Auseinandersetzung mit Machtstrukturen.
Im Prinzip unterscheidet sich die Frage einiger Konsument*innen tierausbeuterischer Produkte, was Veganer*innen auf der berühmten Insel mit Giftpflanzen essen würde, nicht wirklich von dem Hinweis mancher Veganer*innen, man würde ja auch im Supermarkt einkaufen oder man soll bitte nackt im Wald leben.
Beide „Argumente“ sind absurd.
Ziel ist die größtmögliche Leidvermeidung.
Nun kommen wir aber damit zu einem spezifischen, sehr menschlichen und fast schon philosophischen Problem.
Denn die Grenzen setzt jeder Mensch für sich selbst.
Während manche nur noch Fahrrad fahren, keine Mobiltelefone nutzen , eventuell selbst Gemüse anbauen, ist für andere der Verzicht auf „vegane“ Produkte großer Tierausbeuterfirmen ein nicht akzeptabler Einschnitt in die Lebensqualität.
Wenn wir ehrlich sind, setzen die meisten von uns die moralischen Grenzen gemessen an der eigenen Bequemlichkeit und dem eigenen gustatorischen Verlangen.
Es wird immer jemanden geben, der noch konsequenter und noch leidfreier lebt.
Darf man ihm/ihr das zum Vorwurf machen?
Ich denke nicht.

Wie also umgehen mit diesen unterschiedlichen Ansätzen?
Ganz ehrlich?
Ich weiß es nicht.
Ich merke nur, dass die Art und Weise, wie innerhalb der sogenannten veganen Szene, einem schönen und nicht existenten Konstrukt, argumentiert und diskutiert wird, kontraproduktiv ist.
Nun gehe ich davon aus, dass dieser zwischenmenschliche Umgang nicht nur auf die Themen innerhalb des Veganismus beschränkt ist, sondern vielmehr eine menschliche „Schwäche“ innerhalb der Kommunikation offenbart.

Das 4-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun erklärt die Grundlagen dieser Missverständnisse sehr gut.

4-Seiten-Modell nach  Friedemann Schulz von Thun

Wenn man jemanden auf der Sachebene anspricht, dieser sich aber auf der Beziehungsebene angegriffen fühlt, ist der Dialog bereits zum Scheitern verurteilt.
Ich habe trotz allem die Hoffnung, dass wir uns weiter entwickeln, dass eine sachliche Auseinandersetzung möglich ist; dass ein Hinweis nicht als Kritik gewertet wird, sondern lediglich der Aufklärung dient.
Wir alle können noch so viel lernen und besser machen.
Dabei müssen wir einander unterstützen und Wissen weitergeben und nicht diejenigen angreifen, die schon konsequenter sind als man selbst.
Das sollte nicht zu Streit führen, sondern zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten, des eigenen Wissens und letztendlich auch zu Visionen für eine friedlichere Welt.
Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen immer weitergehen, denn es ist tatsächlich so:
Besser geht immer.

Über Alexandra

Jedes Lebewesen hat ein Recht auf Unversehrtheit. Ich glaube daran, dass ein friedliches Miteinander möglich ist. Dafür setze ich mich ein.
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