„Darauf erstmal ein Steak“ Wenn das Lachen in der Seele stecken bleibt

Vor ein paar Wochen gab es auf Facebook eine rege Diskussion mit kritischen und weniger kritischen Stimmen zu einer Kampagne eines fleischverarbeitenden Betriebes. Anlass waren einige Werbebilder, welche sich in einer humorvollen Art mit dem Beruf des Fleischers auseinandersetzten.

Unter einem dieser Bilder hinterließ auch ich meine Meinung und verglich diese Art des Witzigseins mit der des Comedians Mario Barth. Ich erklärte, weshalb ich über solche Art von Witzigkeit, gerade bei einem Thema, bei welchem Lebewesen sterben, nicht lachen kann. Mein Kommentar war sachlich gehalten und wurde auch von sehr vielen Nicht-Veganern verstanden und mit einem Like versehen. Leider waren unter den Kommentaren (und Bewertungen) auf der Seite der Firma auch weniger sachliche, sogar bedrohende Beiträge und verachtende Sätze zu finden, wohl hauptsächlich von Tierschützern.

Der Kampagnenentwickler der betreffenden Firma schrieb mich dann in einer persönlichen Nachricht an und fragte, ob ich, da ich zu den sachlichen Kommentatoren gehörte, ihm erklären könne, weshalb viele Veganer so aggressiv agieren. Er betonte selbst, dass er tierlieb ist und diese eher selbstironisch angelegte Kampagne für einen kleinen Betrieb entwickelt hat, welcher regional Fleisch bezieht und eigentlich eher dem Ideal einer „tierfreundlichen“ Produktionsweise entspricht.

https://pixabay.com/de/hunde-fasching-humor-karneval-1190015/

Bild: pixabay

Meine Antwort an ihn lautete wie folgt:

„Danke erstmal für Deine Nachricht und dass Du Dich dafür interessierst, weshalb manche Reaktionen bei diesem Thema so aus dem Ruder laufen können.

Ich persönlich lege immer Wert auf Sachlichkeit und versuche zu argumentieren, ohne in irgendeine persönliche, angreifende Richtung zu driften, wenn es im Netz um das Thema omnivore oder vegane Lebensweise geht. Nachdem ich jetzt seit über zwei Jahren viele Diskussionen darüber verfolge und mich auch selber daran beteilige, kann ich aber verstehen, dass es da Menschen gibt, welche nach dem tausendsten Mal „Hmm, lecker Fleisch“ oder „Wenn es kein Fleisch mehr gibt, dann esse ich Veganer“ als „witzigen“ Beitrag zu diesem Thema, nicht mehr wirklich sachlich bleiben können und genervt sind.

 

Wer natürlich komplett unsachlich beleidigt oder Mord androht ist einfach nur nicht diskussionsfähig und begibt sich auf eine Stufe, welche nicht mit der eigentlichen Intention eines Veganers konform geht. Manchmal ist es auch tatsächlich so, dass es gar keine Veganer sind, die so etwas schreiben, sondern Menschen, welche Veganer in seltsamem Licht erscheinen lassen wollen oder auch wirklich militante, in der politisch rechten Richtung ansässige, selbsternannte „Tierschützer“.

Das allgemeine Problem an der ganzen Sache ist, dass wir hier von einem Prozent Veganer und 99% Menschen, welche gesellschaftlich als „normal“ deklariert sind, sprechen. Und es gibt ja auch in diesem einen Prozent nicht das Stereotyp „vegan“, sondern es sind alles unterschiedliche Menschen, welche die Tatsache eint, dass sie aus diversen Gründen tierische Produkte ablehnen.

Das Gros der Veganer, welche ich kenne, tut dies aus ethischen Motiven heraus – also aus konsequent umgesetzter Tierliebe. Der andere, wesentlich geringere Teil meiner Bekannten, tut es aus gesundheitlichen Gründen.

Wenn man sich einmal mit dem Thema wirklich auseinandersetzt und, nachdem man ja jahrelang selbst nicht-vegan lebte, da man so „normalisiert“ wurde (Familie, Kindergarten, Schule, Freunde etc.) und sich trotzdem als tierlieb bezeichnet hätte, wenn man dann also erkennt, was da für Mechanismen dahinter stehen, welche komplett unser ethisches Empfinden aushebeln und übertünchen, dann bekommt man nach und nach immer mehr das Gefühl, dass es absolut nichts ist, worüber man Witzchen reißen darf und sollte. Da stecken für Menschen, Tiere, Umwelt und unseren gesamten Planeten soviel Leid und negative Auswirkungen dahinter, dass einem das Lachen in der Seele stecken bleibt.

Ich bin natürlich so realistisch, dass ich erstens: nicht vergesse, dass ich ja selbst auch mal Teil dieses ganzen Mechanismus‘ war und zweitens: weiß, dass die vegane Lebensweise bisher eine Randerscheinung der Gesellschaft ist und sie teilweise durch Unwissen, teilweise durch Ignoranz von den „Normalen“ gern ins Lächerliche gezogen wird.

Wenn es um Humor geht, sind wir natürlich im absolut subjektiven Bereich. Da kann man nicht mit Fakten oder Statistiken kommen, da geht es um bloße Empfindungen und emotionale Urteile. Ich denke aber trotzdem, dass man grob zwischen intelligentem und eher einfachem Humor unterscheiden kann. Es gibt da zum Beispiel subtilen Wortwitz, welcher einfach nur von etwas gebildeteren Menschen als Humor erkannt werden kann oder um die Ecke gedachte, witzige Spielereien, welcher einer gewissen Grundbildung oder Informationsbereitschaft bedarf.

Diese Kampagne fußt eben eher auf einem Humor, welcher auch von nicht so informationsinteressierten und auch eher nicht so gebildeten Menschen verstanden werden kann- eben deshalb verglich ich es auch mit Mario Barth.

Klar – eine Millisekunde braucht man um den Witz zu erkennen – Für tierliebe Menschen, welche den ganzen Hintergrund in diesem Bild sehen, ist das dann nach der Millisekunde aber auch wirklich bitter und nicht mehr witzig – alle anderen lachen halt länger.

Können sie meinetwegen auch, aber dann darf ich das – als diejenige, welche aus diversen, berechtigten Gründen da nicht mehr drüber lachen kann – dann auch werten.

Ich lache auch nicht über anderen grausamen Humor, z.B. verhungerte Kinder, kranke Menschen, Unfallopfer etc. – für mich gehören Tiere da mit hinein. Da ist nichts Witziges dran, was da in JEDER Schlachterei abläuft. Da, an diesen Orten, ist kein Humor – da ist nur Leid. Und genau das sehe ich (und andere VeganerInnen) auf diesem und auf all den anderen Bildern der Kampagne.

Es ist egal, ob die Tiere vorher Freiheit gespürt haben oder in Massentierhaltung aufgewachsen sind, sie werden in den Schlachtbetrieben ALLE weit vor ihrer Lebenserwartung umgebracht und spüren Panik und Qualen und Leid. Und werden zu Produkten degradiert und von Fleischereien zerlegt und verkauft.

Klar, Euer Betrieb ist ein kleiner und vergleichsweise „harmloser“ – aber nur weil es weniger Tote sind, sind es trotzdem Tote.  Das ist als ob man eine Figur erfindet, die noch schlimmer agiert als man selbst, nur um seine eigenen Fehler „ignorieren zu dürfen“.

Und für mich und jede/n andere/n ethisch motivierten Veganer/in ist jedes Tier wertvoll und es gibt Begriffe wie „artgerechte Haltung“ (=besser) nicht. Es geht im Tierschutzgesetz z.B. nicht um Tierschutz- es geht eher um „wie machen wir es Menschen möglichst juristisch einfach Tiere zu nutzen UND es trotzdem als Wohl für die Tiere zu verkaufen.“

Es ist menschengerechte, nutzungsgerechte Haltung- keine tiergerechte.

Veganer sind also nicht „für besseres Fleisch“, sondern für gar keins. Auch lehnen sie andere tierischen Produkte ab, da sie immer mit dem Ausnutzen/ Leid/ Tod von Tieren verbunden sind.

Bild: pixabay

Ich selbst poste auch eher selten krasse Bilder von leidenden Tieren um auf die Hintergründe der Tierprodukteindustrie aufmerksam zu machen, da ich die Bilder erstens: kaum selbst ertrage und zweitens: weiß, dass das viele Menschen eher abschreckt.

Aber ich finde es legitim, wenn andere dies als Teil ihres Weges sehen, darüber zu informieren.

Zum Beispiel sah ich letztens auch ein Bild von toten Kälbern, welche beim Schlachten von trächtigen Kühen als „Abfallprodukt“ übrig blieben. Das fand ich schockierend, aber auch wirksam und informativ, da das Schlachten von trächtigen Kühen kaum in den Vorstellungen der Konsumenten Platz hat, aber täglich irgendwo Realität ist.

Auch unter diesen Bildern fanden sich im Social Media Bereich unempathische Kommentare wie „darauf ein Steak“ oder „das passiert nunmal, man kann sich nicht um alles kümmern“. (Da fällt es schwer, weiter sachlich zu argumentieren und manchen gelingt es dann eben auch nicht)

So in etwa wirkt der Humor der Kampagne auf mich -> ich sehe da nichts anderes als tote Tierkörper, welche aber relativ abstrakt sind (also nicht mehr mit den lebenden Tieren in Verbindung gebracht werden), präsentiert von einer oder mehreren hübschen Frau/en (ja, wie immer, nicht gerade innovativ und auch sexistisch in alle Richtungen) und einem Mario-Barth-Wortwitz.

Der Humor funktioniert auch nur da, in der Fleischerei. Wenn diese Kampagne wirklich selbstironisch wäre – also im gesamten Herstellungs-Produkt-Kontext, dann würde das auch bei vielen der Fleischessenden nicht mehr funktionieren. Dann würde man nämlich einen lachenden Schlachter zeigen, ein ausblutendes Tier und dazu einen witzigen Spruch. Den Verarbeiter in einer Metzgerei selbstironisch darstellen – das ist einfach. Den ganzen Prozess mit Humor darzustellen, das ist unmöglich – zumindest unmöglich, wenn man etwas verkaufen will. Nicht wahr?

Wie gesagt: diejenigen, welche Euch aus „Tierliebe“ Morddrohungen schicken – die verstehe ich nicht. Ich verstehe aber sehr gut, dass die Kampagne negativ bewertet wurde und dass sie Gegenwind bekam.

Schade find ich auch, dass es so eine mediale Präsenz bekommen hat, wie Du sie beschreibst, ohne dass wirklich darauf eingegangen wurde, weshalb sie bitter aufstoßen kann und die üblich Konditionierten aber mit Hashtag und Trotzbewertungen unreflektiert dagegen halten, weil der Humor halt in seiner schlichten Polemik „so gut ankommt“ im Gros der Bevölkerung.

Es ist keine wirklich innovative Kampagne und auch wirklich kein witziges Thema- die Medien haben aber eben auch wie jedes Jahr ein Sommerloch zu überbrücken- so kommt es mir vor. Das war jetzt reichlich Text und ich hoffe meine Intention kam einigermaßen klar rüber. Bei dem Thema ist es relativ schwierig kurz zu antworten, da es eigentlich viel zu viel darüber zu sagen und zu erklären gibt, vor allem wenn man mal aus dem Kreis der „Normalität“ heraustritt und es mit anderen Augen betrachtet.“

Es folgten, nach anfänglicher Hoffnung auf einen regen und informativen Austausch (schließlich klang die erste Anfrage seitens des Kampagnenerfinders sehr interessiert und ich freute mich wirklich darüber) leider nur persönliche Erklärungen, warum man Fleisch und Tierprodukte essen darf.

Die eigentliche Intention des Erklärens von Reaktionen und Befindlichkeiten wurde außer Acht gelassen und versank leider in Rechtfertigungsversuchen, welche mit dem Thema an sich gar nichts zu tun hatten.

Über Kirstin

Wenn man für Gleichberechtigung und gegen Ungerechtigkeiten seine Stimme erhebt, dann ist man nicht naiv, sondern man hat erkannt, dass die unsäglichen Sachen, welche täglich passieren, aus dem einfachen Irrglauben entstehen, dass der eine mehr wert wäre als der andere.

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