Das Seelenleben der Tiere Buchbesprechung - Keine Empfehlung

Voller Neugier begann ich vor ein paar Tagen Peter Wohllebens neues Buch ‚Das Seelenleben der Tiere‘ zu lesen. Ich habe es gekauft, weil es von einigen (Tierrechts-)organisationen1 und vielen meiner veganen Freund*innen auf Facebook empfohlen wurde. Der Bezugspunkt fast aller Empfehlungen war ein Link auf eine überaus positive, geradezu überschwängliche, Rezension in der ‚Zeit‘.2

Buchbesprechung_Seelenleben_der_TiereDer Forstwirt Peter Wohlleben berichtet über zahlreiche Beobachtungen und Erkenntnisse zur Gefühlswelt der Tiere. Wir erfahren, dass Tiere in vielfältigen Situationen Gefühle wie Trauer, Scham, Reue, Angst, Freude und Glück zum Ausdruck bringen. Tiere können altruistisch handeln, empfinden Mitgefühl und selbstverständlich auch Schmerzen. Wer Tiere liebt und sich für ihre Rechte einsetzt, weiß das alles zwar längst aus eigener Beobachtung und Recherche. Hier erfährt er/sie aber noch viele interessante, teils überraschende, manchmal amüsante Geschichten und Details. (Eine Hündin, die 14 Ferkel adoptierte und säugte … eine Krähe, die sich mit einer Katze anfreundete … Schweine, die sich selbst im Spiegel erkennen … Kohlmeisen, die ihre Artgenossen belügen … rodelnde Krähen … Raben, die sich beim Namen rufen … Hirsche, die trauern … Kolkraben, die sich über Ungerechtigkeit empören … Tiere, die Krieg führen … Ziegen, die Erdbeben vorhersehen …) Das Buch ist kurzweilig und unterhaltsam, auch weil der Autor jenseits des eigentlichen Hauptthemas immer wieder sein Detailwissen zum Leben und Verhalten der Tiere ausbreitet. (Wie alt kann eine Waldameisenkönigin werden … Warum verdrängen die nordamerikanischen Grauhörnchen ihre europäischen roten Verwandten … Warum legen manche Nagetiere leere Winterdepots an … Warum wäre der Kolkrabe fast ausgestorben … Warum fressen Kaninchen ihre Exkremente … Warum suchen Milane die Nähe des Menschen … Warum knabbern Marder Autokabel an … Warum ist es in der Wildnis für Menschen keine gute Idee, auf die Freundschaft eines Braunbären zu vertrauen … wie Mauersegler im Flug schlafen …)

Der Autor betrachtet die Tiere jedoch stets aus der speziesistischen Brille des Tierschützers. Insofern überrascht es mich sehr, dass so viele vegan lebende Tierrechtler*innen das Buch empfehlen. Sein Plädoyer zusammengefasst: Tiere sind faszinierende Geschöpfe mit einem eigenen Seelenleben. Wir sollten freundlicher mit ihnen umgehen. Aber natürlich dürfen wir sie nutzen, schließlich haben auch Bäume und andere Pflanzen Gefühle. Sein Fazit:

Keine Sorge, ich rufe nicht zu einem Frühstück in Moll und einem Abendessen mit Widerwillen auf – unsere Stellung in der biologischen Welt ist wie die vieler anderer Arten durchaus mit dem Recht verbunden, andere Wesen zu nutzen und auch zu verspeisen, da wir nun mal keine Fotosynthese betreiben können. Mein Wunsch ist vielmehr, dass ein wenig mehr Respekt im Umgang mit unserer belebten Mitwelt einkehren möge, seien es Tiere oder auch Pflanzen.3

Aus einer tierethischen Perspektive ist ein solches Fazit angesichts des täglichen Massenmordes an den Tieren ein Offenbarungseid. Ein wenig mehr Respekt wird diese gewalttätige Welt und die dramatische Situation der ausgebeuten Tiere wohl kaum nennenswert verbessern.

In manchen Bemerkungen und teilweise auch zwischen den Zeilen ist zwar ansatzweise erkennbar, dass der Autor ein kritisches Verhältnis zu Zucht, Jagd, Tierversuchen und Massentierhaltung hat. Er achtet aber sehr sorgfältig darauf, dass er ja niemand zu nahe tritt, nur äußerst moderat kritisiert und sich nicht eindeutig positioniert. Das Seelenleben der Tiere, ist definitiv kein mutiges Buch.

Ein Beispiel. Jeder Mensch, der ein Hirn und ein Herz sowie Interesse am Thema hat, kann mühelos im Alltag beobachten, dass Tiere in vielen Situationen Mitgefühl mit ihren Artgenossen, bzw. zum Teil auch mit anderen Arten zeigen. Wir müssten nur unsere Aufmerksamkeit darauf richten. Der Mensch will so etwas aber nicht beobachten, sondern wissenschaftlich beweisen. Deshalb führt er aus reiner Neugier grausame Tierversuche durch und nennt dies ‚Grundlagenforschung‘. Die Versuchsanordnung ist dann so, dass Tiere in Gegenwart ihrer Artgenossen gefoltert werden, indem ihre Pfoten mit Säure verätzt werden oder ihre Körperteile auf heiße Platten gedrückt werden. Die triumphale Erkenntnis der Forscher: Ja, Tiere empfinden Mitgefühl, wenn andere leiden, und zwar besonders heftig, wenn die Tiere einander nahestehen. Ich würde mir von einem Anwalt für die Rechte der Tiere wünschen, dass er solche widerwärtigen Versuche, wenn er sie beschreibt, unmissverständlich als ethisch verwerflich ächtet. Herr Wohlleben merkt jedoch lediglich an, die Versuche selbst seien ‚alles andere als mitfühlend‘ gewesen.4 An anderer Stelle kommentiert er die Forschung, die in der Maulzone von Fischen, durch die sich in der Regel der Angelhaken bohrt, zwanzig Schmerzrezeptoren nachwies, lapidar mit ‚Aua!‘.5

Peter Wohlleben räumt ein:

Die Nutzung von Tieren würde sich erheblich erschweren, würden bei jeder Mahlzeit oder jeder Lederjacke moralische Bedenken unser Vergnügen trüben.3

Er räumt auch ein, dass es uns schon ‚ein wenig schaudert‘, angesichts 250 Millionen jährlich allein in der EU geschlachteter Schweine.3 An anderer Stelle sagt er immerhin:

Wenn jedem klar wäre, was für ein Wesen er da auf dem Teller hat, dann würde vielen der Appetit vergehen.6

Es geht um Wesen, deren Intelligenz, Gefühlsleben und wunderbare Persönlichkeit an vielen Stellen des Buches ausführlich beschrieben wurden. Ein Buch, das wirklich die Tierrechtsbewegung voranbringen könnte, müsste meines Erachtens genau diese moralischen Bedenken verstärken, statt sie derart zaghaft zu formulieren. Die Ereignisse sollten uns nicht ein wenig schaudern – sie sollten uns entsetzen, empören, uns den Widerspruch zwischen unserer entschiedenen Ablehnung von Tierquälerei und unserem sorglosen Konsumverhalten so klar vor Augen führen, dass uns eine Fortsetzung unserer Gewohnheiten mit gutem Gewissen nicht mehr möglich ist.

Zum Thema Züchtung von Schoßhunden als Stofftierersatz merkt er an, er wolle gar nicht beurteilen ob das legitim sei. Die genetische Veränderung durch Zucht hinterlasse bei ihm aber einen ‚ganz leicht bitteren Nachgeschmack‘.7 So spricht kein Tierrechtler. Ein Tierrechtler würde wohl auch kaum berichten, dass er ein Problem mit einem rabiaten Kaninchen löste, indem dieses kurzerhand im seinem Kochtopf landete.8

Fazit: Für mich ein interessantes Buch über das Verhalten und Erleben der Tiere, jedoch keines, das die tierethische Diskussion positiv beflügeln wird. Der  weiteren Verbreitung des Veganismus schadet das speziesistische Buch vermutlich sogar. Obwohl es möglich ist, dass einzelne Leser*innen in ihren persönlichen Konsequenzen ein paar Schritte weiter gehen, als es der Autor tut, ist zu befürchten, dass sich die ‚Happy-Meat-Fraktion‘ insgesamt in ihrer Überzeugung bestärkt sieht, eine ‚bewusstere‘ Ausbeutung unserer tierlichen Mitgeschöpfe reiche im Sinne eines angemessenen Umgangs völlig aus.

Veganer*innen, die sich für das Thema interessieren, werden deutlich mehr Lesegenuss erfahren, wenn sie sich ein anderes Buch anschaffen: ‚Das Gefühlsleben der Tiere‘ von Marc Bekoff. Dieser Autor zieht deutlich konsequentere Schlüsse aus seinen Erkenntnissen und stellt klar, dass es darum geht allen Tieren immer die beste Fürsorge angedeihen zu lassen und darauf hinzuarbeiten, sie in keiner Weise auszubeuten.9

 

  1. https://www.facebook.com/albertschweitzerstiftung/posts/10154176729805491, https://www.facebook.com/HofButenland/posts/1052219678149286 []
  2. http://www.zeit.de/2016/28/das-seelenleben-der-tiere-peter-wohlleben []
  3. Seite 228 [] [] []
  4. Seite 117 []
  5. Seite 31 []
  6. Seite 43 []
  7. Seite 28f []
  8. Seite 182 []
  9. Marc Bekoff: Das Gefühlsleben der Tiere. animal Learn Verlag []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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