Der kuriose Fall des Ovo-Lacto-Pesco-Pollo-Carno-Veganers, der Gelatine nicht mag, dafür aber Honig Wenn Konsequenz als Übertreibung deklariert wird. Gedanken zu Flexiganern und anderen Kuriositäten.

Der kuriose Fall des Ovo-Lacto-Pesco-Pollo-Carno-Veganers, der Gelatine nicht mag, dafür aber Honig

Was fördert das Internet nicht alles zu Tage. Vegan-Aussteiger, Tiereier essende Veganer, Menschen die angeblich nur Tierprodukte konsumieren, weil sie mal einen Veganer kannten, der sogar geflucht hat, Personen, die ganz schnell das vegetarische Gericht wählen, wenn gerade kein veganes Drei-Gänge-Menü erhältlich ist usw. Gesammelt ergäbe das sicher einen nicht kleinen Band, der zumindest die Nackenmuskeln beim Kopf schütteln trainiert.

Was hat es mit dem Vegan-Märkchen um den Hals auf sich?

Das beliebte Vegan-Märkchen. Alle wollen eins.

Das beliebte Vegan-Märkchen. Alle wollen eins. Nur warum?

Immer wieder fragen wir uns, wo fängt es an, wo hört es auf? Muss ich immer fragen, ob die Verpackung des Getränks vegan ist, muss ich ein Medikament ablehnen, weil es nicht vegan ist und kann man mir zumuten, mit einem Apfel und ein paar Nüssen auszukommen, wenn sonst gerade nichts Veganes zu bekommen ist? Sicherlich ist es schwierig eine glatte Linie zu ziehen und üblicherweise war die Devise „Jeden Tag etwas mehr wissen und jeden Tag etwas besser machen“ in Bezug auf den Einsatz für Tierrechte und die sich daraus entwickelnde vegane Lebensweise. Seit einigen Jahren jedoch scheint es (trotz aller Anfeindungen und Geringschätzung veganer Menschen in sozialen Netzwerken), als sei es wichtig, sich ein Vegan-Märkchen um den Hals hängen zu können. Selbst wenn Tierrechte im Leben keine Rolle spielen und der Wille möglichst vegan zu leben, nicht ausgeprägt ist. Warum muss eine Person, die recht willig ist, Tierprodukte zu konsumieren („In dem Restaurant gab es nichts Veganes und ich wollte ja nicht verhungern.“), sich denn als vegane Person bezeichnen? Was ist denn aus dem Begriff Ovo-Lacto-Vegetarisch geworden? Und warum versuchen Menschen, die kein Bedürfnis haben, sich auf einer oder mehreren Ebenen für Tierrechte einsetzen, den Veganismus aufzuweichen? Zu verwaschen zu einem Lifestyle, bei dem cholesterin- und laktosefrei gegessen wird, und der Einsatz für eine Veränderung des Verhältnisses von Menschen zu anderen Tieren, die derzeit noch als z. B. Nutztiere, Labortiere oder Zootiere bezeichnet werden, als zu extrem abgetan und empört von sich gewiesen wird.

Der schaurige Wandel zum toleranten Waschbrettbauch

Die Gruppe derer, die einen recht locker verstandenen Veganismus („Ach, hin und wieder mal eine Ausnahme.“ „Aber Mama hat sich so Mühe gegeben beim kochen.“ „Couscous mit Aubergine ist ja langweilig. Da nehme ich lieber die Käsetaschen.“) praktiziert, schafft es bisweilen, nicht nur konsequentere Menschen für ihr Handeln zu kritisieren, sondern durch ihr Sendungsbewusstsein und ihre Bequemlichkeit für nicht vegan lebende Menschen („Aber X würde mich nicht darauf ansprechen.“ „Y würde jetzt eine Ausnahme machen.“) ein seltsames Bild veganer Menschen zu zeichnen. Glauben wir diesem Bild, sind wir nicht eine heterogene Gruppe aus jung, alt, gross, klein, dick, dünn, hell, dunkel, stark, schwach, wortgewandt, still, künstlerisch talentiert usw., der allein der Einsatz für Tierrechte gemein ist, sondern ein dauerstrahlender Trupp sportlich durchtrainierter Bademoden-Models mit absoluter Fokussierung auf Gesundheit, Clean Eating (möglichst unverarbeitete Lebensmittel werden gekauft und konsumiert) und Selbstoptimierung. Nur ja nicht anecken, indem man eine Diskussion über Tierrechte und den Auswirkungen die ihre Verweigerung auf die Tiere hat, führt. Bloß nicht auffallen, indem etwas Ungewöhnlicheres bestellt wird und keinesfalls vom Bild des ewig jungen, gesunden Menschen abweichen.

Eine weitere Baustelle

Bisher glaubten wir, das Schwierigste in der veganen Szene sei, aktiv für Basis-Tierrechte einzustehen, sich gegen rechte Strukturen abzugrenzen („Is doch egal, dass der Menschenrechte mit Füssen tritt, so lange der meine Petition für die Bestrafung von Tierquälern teilt und mich nicht ins Koma prügelt.“), Schwurbel („Backpulver heilt Krebs“ „Zitrone heilt alles“ „Und Kurkuma schützt vor allem“) einzudämmen und Menschen zu möglichst viel Tierrechtsarbeit nach Fähigkeit zu motivieren, haben wir nun die Attacken der weichgespülten Lifestyle-Flexiganer (allen Ernstes versuchen Leute, die nicht vegan leben, sich ein vegan Etikett zu stricken, mit dem sie ihren Tierproduktkonsum rechtfertigen, weil sie ja nicht immer Tierprodukte verbrauchen…denn auch die Flexiganer*innen schlafen mal) zu ertragen.

Vegane Statuen in die Tonne

Da bleibt wohl nur die Rückbesinnung auf früher. Ihr wisst schon, die Zeit, als der Pizzaservice bei der Bestellung einer veganen Pizza noch geschaut hat, was im Teig ist und was nicht, mitleidig gefragt hat, ob man die Pizza wirklich ohne Käse wolle, nicht einmal mit Mozzarella, und nicht gefragt hat, ob er Wilmersburger Pizzaschmelz, Hefeschmelz, Daya oder Violife auf die Pizza geben soll. Vegane Stars sind oft einfach nur Menschen, die sich auf einen Teilbereich des Veganismus beziehen. Auf den womöglich einfachsten Bereich. Nämlich aufs Essen. Und dafür mehr Unterstützung erhalten als Menschen, die in Ställen recherchieren und ihre Aufnahmen für die Konsument*innen zugänglich machen (bisweilen müssen sich Rechercheur*innen doch allen Ernstes rechtfertigen, weil sie ohne schriftliche Einladung in goldenen Lettern auf handgeschöpftem Papier Ställe betreten).

Um nicht ungerecht zu sein, alle setzen sich für Tierrechte ein, wie es den Fähigkeiten entspricht. Die einen kommen über den mit Leckereien gefüllten Bauch im Koch- oder Backkurs zum Thema, andere recherchieren, organisieren Demos, halten Vorträge usw. So hat natürlich auch vegane Kochkunst ihre Berechtigung.

Aber bei den bekannteren Köch*innen wird das unbequeme Thema Tierrechte gern ausgeklammert und stattdessen die Gesundheit vorgeschoben. Da ist die Gruppe an Käufer*innen wesentlich grösser. Muss sich ja niemand eingestehen „Huch, Tierprodukte bedeuten immenses Leid und frühen Tod für Tiere. Mein Konsum derzeit ist falsch. Ich muss meine Verhaltensweisen ändern, wenn ich die Situation für Tiere verbessern will.“. Stattdessen kann einmal eine vegane Mahlzeit eingeschoben werden. Für „Nutztiere“ ist es erst einmal egal, ob wir sie essen oder ihre Körper exportiert werden.

Reiner Konsum ändert die Situation nicht. Erst der politische Einsatz, der die Ausbeutung von Tieren (und da nicht nur im Bereich Ernährung) erschwert oder weniger profitabel macht, bringt, gepaart mit dem Konsum, einen Wandel.

Können Gesundheit, Umweltschutz usw. zwar klasse Nebeneffekte bei der Etablierung von Basisrechten für Tiere sein, so werden sie dennoch selten der Motor für diesen Wandel sein. Ohne einen stabilen ethischen Unterbau verliert sich leicht die Notwendigkeit, sich für die Abschaffung der „Nutztierhaltung“, Zoos, Tierversuche, Tierzirkusse usw. einzusetzen.

Denn lecker kochen, Omas Essen futtern, Waschbrettbäuche zeigen und begeistert schwurbeln können auch Atkins-Fans.

Über Hella

Ich arbeite im NRO-Bereich und nutze meine Freizeit gern für Tierrechtsaktivitäten.
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