Die Kunst der Selbstüberlistung Wie wir es mit Leichtigkeit fertig bringen, gleichzeitig ethisch zu denken und unethisch zu handeln

Würden Sie folgender Aussage zustimmen?

„Tiere fühlen Freude und Schmerz. Wir tragen Verantwortung für ihr Wohlergehen und dürfen ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen.“

Wenn Sie mit ‚Ja‘ antworten, könnte dieser Artikel für Sie von Interesse sein.

Ein bemerkens-werter Widerspruch

Wer mit Tieren in Beziehung tritt oder sie auch nur beobachtet, sieht und spürt ihre Lebensfreude. Es ist völlig klar, dass sie emotionale Höhen und Tiefen durchleben und lustvolle Situationen gegenüber schmerzhaften eindeutig bevorzugen. Ähnlich wie wir. Für diese Erkenntnis bedarf es keiner wissenschaftlichen Studien. Unsere Alltagserfahrung und ein Minimum an sozialer Intelligenz reichen hierfür völlig aus.

Obwohl die meisten Menschen der Aussage zustimmen, dass wir Tieren kein unnötiges Leid zufügen dürfen, konsumieren 99% der Deutschen mehr oder weniger regelmäßig tierliche Produkte. Beispielsweise essen sie Fleisch, Eier, Käse, Joghurt und/oder trinken Milch. Sie tragen Kleidung aus Wolle, Leder, Pelz. Alle diese Konsumgewohnheiten erfordern zwangsläufig genau das, was die Menschen ja eigentlich ablehnen: vorsätzliche Tierquälerei. Tiere ihrer Freiheit zu berauben, sie auszubeuten und sie im Kindesalter abzustechen, wird unserem selbst auferlegten moralischen Anspruch im Umgang mit Tieren in keiner Weise gerecht.

Wer Tierquälerei moralisch verwerflich findet, muss eine ganze Reihe kognitiver und emotionaler Verrenkungen vollbringen, um sich zu befähigen, tierliche Produkte zu konsumieren. Mit Genuss, ohne jeden Skrupel! Ein echtes Kunststück.

Damit wir beispielsweise ein Steak nicht eklig sondern lecker finden, müssen wir die Realität heftig verzerren und uns eine unbedenkliche Wirklichkeit konstruieren. Wir müssen uns vom gewalttätigen Prozess der Produktentstehung, von der Identität der Opfer und von unserer eigenen Verantwortung dissoziieren.1

Betrachten wir dieses mentale Kunststück etwas genauer.

Die Transformation von Lebewesen zu Waren

Wenn das Steak, kunstvoll angerichtet auf unserem Teller vor uns liegt, dann erinnert absolut nichts mehr an das faszinierende Individuum, dessen Leben für unser kulinarisches Vergnügen ausgelöscht wurde. Stattdessen liegt da nur noch ein kleiner Teil seiner Leiche. Dieses Teil nennen wir jetzt auch nicht mehr Rind, sondern Steak. Wir haben das empfindsame Lebewesen (jemand) von einst, in unserer Wahrnehmung in ein Lebensmittel (etwas) transformiert.

Die Leugnung unserer Verantwortung

Wenn wir den Weg dieses Produkts zurückverfolgen, gelangen wir über ein paar Zwischenschritte zu irgendeinem Schlachthof. Dort wurde das Produkt für den menschlichen Konsum ‚erzeugt‘. Eine euphemistische Bezeichnung für das, was in Schlachthöfen tatsächlich geschieht: die Tötung wehrloser Geschöpfe, das Zerstückeln und Verpacken der Leichenteile, die Umetikettierung zum Lebensmittel.

Die ‚Arbeit‘, die in diesem Schlachthof für unser Essvergnügen geleistet wird, verrichten wir allerdings nicht selbst. Wir ziehen es vor, andere mit dem besonders blutigen Teil des Produktentstehungsprozesses zu beauftragen. Wir fühlen uns nicht als Täter und empfinden keinerlei Schuld. Vielleicht verachten wir sogar die Menschen insgeheim, die bereit sind, für ein paar Euro einen derart widerwärtigen Job zu machen.

Die Unsichtbarkeit des Grauens

Der mörderische Prozess vollzieht sich außerdem für uns unsichtbar. Wir sind also auch nicht Zeuge der Tat. Wir hören die Schreie, das Flehen der Opfer nicht. Wir blicken nicht in ihre weit aufgerissenen Augen. Wir wohnen dem Todeskampf nicht bei und sehen nicht das Blut, das aus ihren Körpern rinnt. Das ermöglicht es uns, anzunehmen, das Tier sei absolut human und stressfrei geschlachtet worden. Schließlich sind wir ein zivilisiertes Land und haben ein modernes Tierschutzgesetz.

Wir vermeiden es auch tunlichst, uns darüber zu informieren, wie die zwei Millionen Tiere, die allein in Deutschland an jedem einzelnen Tag geschlachtet werden, tatsächlich zu Tode kommen.

Die Anonymität der Opfer

Sollten wir doch aus irgendeinem Grund die schaurige Wahrheit der Lebensmittelproduktion erfahren, entwickeln wir meist dennoch kaum Mitgefühl mit den Tieren. Dies gelingt uns, weil wir unsere Opfer nie kennengelernt haben. Wir wissen nicht, welche einzigartigen, liebenswerten Persönlichkeiten sie waren. Sie tragen keine Namen. Für uns sind sie Nummern. Ihre Bedürfnisse, Vorlieben und Gewohnheiten bleiben uns verborgen. Es dringt nicht in unser Bewusstsein, wie jung und wie verzweifelt sie gestorben sind. Wir wollen auch lieber gar nicht wissen, wie die Tiere gelebt haben. Unsere romantische Fantasie von den allzeit glücklichen Tieren darf keine Kratzer bekommen.

Die gesellschaftliche Normalität des Wahnsinns

Selbst wenn wir die bislang beschriebenen Zusammenhänge realisieren und uns entsetzt eingestehen, dass wir persönlich verantwortlich dafür sind, wenn wehrlose, fühlende Lebewesen sinnlos leiden und sterben müssen, ändern wir unsere Konsumgewohnheiten meistens immer noch nicht. Spätestens, wenn wir unsere Zweifel an der Richtigkeit unseres Tuns erstmals gegenüber den Menschen in unserer Umgebung äußern, werden sich diese beeilen, uns zu beruhigen. Sie werden reflexartig die gesellschaftlich dominanten Glaubenssätze zum Thema Tierkonsum dozieren.2 Sie werden sagen: „Ja aber …
1. … der Mensch isst doch schon immer Fleisch
2. … das macht doch jeder
3. … es ist schließlich nicht verboten
4. … ‚Nutztiere‘ sind doch dazu da, dass wir sie essen.“

Schon sind wir besänftigt und erlauben uns erleichtert, weiterzumachen wie bisher. Wir sind froh, uns nicht ändern zu müssen und sehen gelassen darüber hinweg, dass alle diese ‚Argumente‘ für die Beantwortung der Frage, ob wir hier und heute Tiere konsumieren dürfen, völlig irrelevant sind.3

Fazit

Es gibt wohl kaum eine anmaßendere Überzeugung als die Annahme, wir hätten das Recht, unsere trivialen Konsumvorlieben höher zu bewerten als das elementare Lebensrecht unserer Mitgeschöpfe.

Wir können diese arrogante Überzeugung aber leicht überwinden, wenn wir uns unserer Verantwortung stellen. Wenn wir bereit sind, den subtilen Prozess unseres Selbstbetrugs schonungslos aufzudecken und die kollektiven Rechtfertigungsparolen der Tierausbeutungsgesellschaft zurückzuweisen. Dann können wir uns fragen, welches Konsumverhalten wir künftig zeigen wollen, um tatsächlich im Einklang mit unseren Werten zu handeln und unsere grausamen Gewohnheiten Schritt für Schritt durch friedfertige ersetzen.

Für Würde ist es nie zu spät.

  1. Eine ausführliche Analyse der psychologischen Mechanismen der feischessenden (karnistischen) Gesellschaft finden Sie in dem Buch der amerikanischen Psychologin Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Unser Artikel konzentriert sich auf die individuellen Verdrängungsstrategien, die in diesem Zusammenhang relevant sind. []
  2. Eine exzellente Auseinandersetzung mit den häufigsten Argumenten der fleischessenden Gesellschaft pro Tierkonsum findet sich in dem Ebook von Gary L. Francione und Anna Charlton: Essen als Engagement. Über die Moral des Tierkonsums. []
  3. 1. Es ist nicht relevant, was Menschen scheinbar schon immer tun. Vergewaltigung, Mord, Folter und Kindesmisshandlung akzeptieren wir ja auch nicht als gute Tradition, nur weil es Menschen immer schon tun.
    2. Unrecht bleibt auch dann Unrecht, wenn es (fast) alle begehen.
    3. Was legal ist, sagt nichts darüber aus, ob etwas auch richtig ist. Zum Beispiel waren Sklaverei, Hexenverbrennungen und Millionen von Hinrichtungen im Laufe der Geschichte der Menschheit legal.
    4. Einer bestimmten Gruppe von Personen willkürlich eine Bezeichnung zu geben (z.B. Untermensch, Sklave oder Nutztier) und anschließend daraus ein Recht zur Ausbeutung dieser Gruppe abzuleiten ist ein ziemlich billiger Taschenspielertrick. []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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