Die Revolution liegt in den Händen unserer Kinder Ein Plädoyer für die Wahrheit

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Die Selbstverständlichkeit der heilen Welt

Als Kitaleitung in einer Elterninitiative, mit 25jähriger Berufserfahrung, bin ich umgeben von Eltern und Kolleginnen, die geprägt sind von Werbeslogans wie „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ oder „Die Milch macht´s“. Sie besuchen wie selbstverständlich Zoos, kaufen tierische Lebensmittel und tragen Leder und Wolle. Sie sind Teil des Systems der ‚Tiernutzung‘ und haben dessen Werte verinnerlicht.

Ihnen sind grundsätzlich Werte wie Akzeptanz, Toleranz und gegenseitiger Respekt sehr wichtig, nur hören diese aufgrund der eigenen Prägung bereits beim Kauf von Kinder– und Jugendliteratur auf. Die Kinder bekommen schon ab dem ersten Lebensjahr Bauernhofbücher, in denen fröhliche Kühe und lachende Schweinchen einträchtig mit ihren Kindern im Einklang mit der Natur auf dem Bauernhof leben. Diese Bücher zähle ich zur Kategorie Märchenbücher. Ich lehne sie ab, da sie ein verzerrtes Bild der Realität darstellen und den Kindern von klein auf ein falsches Bild vermitteln.

Welche Wertevorstellungen entwickeln die Kinder, wenn sie in einer Umwelt aufwachsen, in der es natürlich ist, Tiere in Nutz– und Haustiere zu unterscheiden, Tiere in Zoos einzusperren oder sie für die Nahrungsaufnahme ausbeuten und töten zu lassen?

Was wir stattdessen vermitteln sollten

Was kann jeder von uns tun, um den Kindern in seiner persönlichen Umgebung nahe zu bringen, dass Empathie und Mitgefühl nicht bei den geliebten Haustieren endet, sondern sich auf alle fühlenden Lebewesen beziehen sollte?

Die Antworten sind denkbar einfach: Die eigene Vorbildfunktion wahrnehmen, in Dialog treten, aufklären und emanzipatorische Kinder– und Jugendliteratur nutzen, die dem Kind den Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und den Konsequenzen für die Lebensbedingungen der Tiere und die Umwelt vermittelt.

Deshalb liegt es auch an pädagogisch tätigen Menschen wie mir, gemeinsam mit den Kindern einen realistischen Blick hinter den Vorhang der Bauernhof-Idylle zu wagen, so dass sie die Möglichkeit haben, sich ihre eigene Meinung zu unserem Umgang mit den Tieren zu bilden, denn bislang kennen sie ja nur die ‚Heile-Welt-Version‘ dieses Systems.

Warum die Wahrheit so wichtig ist

Die in der Kindheit vermittelten Werte prägen den Menschen sein Leben lang. Die Erziehung und das Lebensumfeld erzeugen schon von klein auf eine bestimmte Grundeinstellung, die weitgehend festlegt, was man im Leben schätzt und als wichtig empfindet.

Werte helfen besonders Kindern, sich in der Welt zurechtzufinden und sich vermeintlich richtig zu entscheiden. Sie sind die Grundlage für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft.

Kinder wachsen in einer bestimmten Gruppe bzw. Gesellschaftsschicht auf und begegnen deren Werte und Normen überall im Alltag. Dadurch verfestigen sich bestimmte Überzeugungen, die die Kinder dann als generell richtig empfinden. Sie dienen ihnen als Orientierung für das eigene Verhalten.

Was gute Literatur beitragen kann

Problematisch war und ist allerdings die gängige Kinder– und Jugendliteraturlandschaft, die bis heute die Bauernhof-Idylle kaum oder gar nicht in Frage stellt. Wie soll ich als Kita-Leiterin Kindern die Zusammenhänge näher bringen, wenn fast nur systemkonforme Bücher auf dem Markt zu finden sind?

Die Antwort auf diese Frage war für mich denkbar einfach: Als Illustratorin habe ich mit meinem Mann, dem Autor und Schauspieler Marco Mehring, die Buchreihe „Max & Fine“ entwickelt und in unserer Kita etabliert.1 Die Bücher thematisieren in kindgerechter Weise die tatsächlichen Bedingungen der (Massen-)tierhaltung und das Leid der sogenannten Nutztiere.2

Der Einsatz dieser etwas ‚anderen‘ Literatur hatte Diskussionen, weitere Fragen und Veränderungen im Verhalten einiger Kinder und deren Eltern zu Folge und war anfangs auch für mich nicht immer einfach.

Fine, die mutige Tierretterin.

Es ist unglaublich wichtig, den Kindern durch das eigene Vorbild, aber auch durch Geschichten diese Werte zu vermitteln. Jedes Elternteil, Tanten, Onkel, Omas und Opas, die sich mit diesen Werten identifizieren, kann mit dem Kauf der Bücher für die Kinder in seiner Verwandtschaft / Bekanntschaft dafür sorgen, dass die Kinder das System der Tierausbeutung erkennen, hinterfragen, ihre eigenen Schlüsse ziehen und im besten Fall ihr Verhältnis den Tieren gegenüber verändern.

Durch das Vorlesen und besprechen spannender, realistischer Geschichten fördern wir

  • Die Empathie, indem die Kinder sich in die Situation der Figuren hinein fühlen
  • Die Erweiterung des kindlichen Horizonts
  • Das Stillen von Neugierde und Wissensdurst
  • Die Erweiterung ihres Wissen
  • Die Entwicklung eines achtsamen Werte – und Normensystems (Toleranz, Mitgefühl, Empathie gegenüber allen Lebewesen)
  • Die Anregung und Weiterentwicklung der Phantasie
  • Die Freude der Kinder, den Dingen auf den Grund zu gehen

Jeder Erwachsene kann aktiv dazu beitragen, dass die Kinder sensibilisiert werden, in dem er solche Bücher mit den Kindern liest.

Jede Tierrechts – und Tierschutzorganisation kann einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie sich bewusst macht, wie maßgeblich die Werteentwicklung im Kindesalter das spätere Verhalten der Menschen beeinflusst. Statt hauptsächlich vegane Kochbücher zu bewerben, dürfen sie sich gerne noch stärker für die Bewerbung und Verbreitung veganer Kinder– und Jugendliteratur engagieren.

Warum erst bei den bereits geprägten Erwachsenen anfangen, statt sich den Kindern zu widmen? Warum Zeit, Ressourcen und Gelder fast ausschließlich in die Sensibilisierung der Erwachsenen investieren?

Die Lösung liegt so nahe: Die Kinder sind der wichtigste Schlüssel zur Veränderung gesellschaftlicher Wertvorstellungen und Verhältnisse. Wenn wir sie bedingungsloses Mitgefühl und Respekt lehren, werden sie gleichzeitig lernen, Unrecht nicht einfach hinzunehmen, sondern zu widersprechen und sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Der Lernprozess funktioniert auch in die andere Richtung, denn Eltern sind heute offener für die Anliegen ihrer Kinder und bereit, sich für sie und ihre Zukunft zu verändern.

Deshalb gehört für mich emanzipatorische, kindgerechte Tierrechtskinder– und Jugendliteratur in jedes Bücherregal.

  1. Homepage: https://www.maxundfine.de/, Facebook: https://www.facebook.com/maxundfine/ []
  2. Die kleine Heldin Fine entdeckt im ersten Band das Grauen der Milchindustrie und rettet ein Kalb vor dem Schlachter. Im zweiten Band kommt sie den Machenschaften der Eierindustrie auf die Spur. Band drei wird sich mit der Schweinehaltung beschäftigen. []