Die Wahrheit hinter der Wahrheit Rein in die Matrix, raus, Illusion, Wahrheit.

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Die Wahrheit hinter der Wahrheit

Sie sieht das abgepackte Fleischstück an. Sie denkt darüber nach, wie sie es zubereiten und wie es schmecken wird. Vielleicht wird sie Komplimente von Gästen für ihre Kochkunst bekommen. Sie freut sich darauf.

Das selbe Fleischstück. Es wird aus einem Kadaver herausgeschnitten. Der Kadaver war kurz davor noch lebendig und hatte Angst und wollte leben. Davor hatte er Qualen durch zugefügtes körperliches Leid und Trennungsschmerz, vielleicht von der Mutter, vielleicht von Herdengenossen.

Vorwärts in der Zeit, rückwärts in der Zeit.

Arbeiter pfeifen bei der Arbeit oder singen Lieder, um sich die Zeit zu verkürzen. Sie scherzen. Dabei schlagen sie genervt ein Rind, das nicht in den Tötungsstand hinein will. Andere schneiden blutüberströmt Körperteile von noch zuckenden sterbenden Tieren ab.

Normalität. Abnormalität.
Gewohnheit rettet uns. Gewohnheit macht uns zu Monstern.

Tiere werden angeliefert. Der Chef des Betriebes sieht kritisch und zufrieden beim Abladen zu. Er hat gute Ware gekauft. Ich sehe auch zu und habe einen Kloß im Hals. Die ist noch so jung, der ist unglaublich schön mit seinem violettbraunen Fell und der gleichmäßigen Zeichnung. Der nächste wirkt ganz zutraulich und dann noch ein älteres weibliches Tier, das womöglich trächtig sein könnte.

Zwei Menschen. Köpfe, Augen, Gehirne, Realitäten.

Ich stehe in Blut, Kot und Fett. Tiere schreien, ohrenbetäubender Maschinenlärm, unerträglicher Gestank. Ich gehe zehn Schritte weiter vor in den Betrieb. Leise surren die Kutter, dazu ein dezentes Pressluftgeräusch in gleichmäßigem Takt. Es duftet nach Leberkäse und Wienerle, frisch gebacken und gebrüht. Noch zehn Meter weiter und es kommt Kaffeeduft aus dem Brotzeitraum dazu. Kisten mit frisch verpackten Lebensmitteln werden in Kühlräume geschoben.

Es ist der Wahnsinn: zehn Schritte vor, zehn Schritte zurück, zehn vor.

Mein Gehirn kann das nicht wirklich begreifen, egal wie oft ich gehe. Rein in die Matrix, raus, Illusion, Wahrheit. Auch die Metzger nehmen das wahr, nur nicht so intensiv und bewusst wie ich. Ich kann spüren, wie sie Erleichterung empfinden, wenn sie nach vorne gehen. Wie Anspannung und Aggression zunehmen, wenn sie zurück gehen.

Was für ein Irrsinn.

Ich stehe direkt im Zentrum der Abläufe, ich weiß mehr darüber als jeder andere, den ich sonst kenne. Ich esse seit dreißig Jahren kein Fleisch mehr, nehme den Geruch nicht als appetitanregend wahr, selbst wenn ich hungrig bin. Und mein Gehirn kann diese zwei Welten nicht übereinander projizieren. Ich kann in der Wurst kein Lebewesen und kein Leid erkennen. Wie kann ich es dann von anderen erwarten?

Wie wunderbar, dass trotzdem so viele anfangen zu begreifen!

Nicole mit Freundin Berta

Ich habe das Zentrum dieses Wahnsinns inzwischen verlassen. Ich schwimme nicht mehr im Meer mit den Haien. Stattdessen stehe ich am Ufer und sammle auf, was angespült wird. Aber wenn ich meine eigenen Zeilen lese, ist sofort alles wieder da. Bilder, Geräusche, Gerüche, die elektrische Spannung auf meiner Haut, in meinem Kopf, in meiner Brust. Und ich weiß, diese Beschreibung wird für alle Zeiten jede(r) verstehen können. Deshalb ist sie es wert, immer wieder geteilt zu werden.