Dominion – Das Grauen der Tierausbeutung Filmbesprechung

Der australische Dokumentarfilm ‘Dominion’ ist derzeit innerhalb der Tierrechtsszene in aller Munde1. Wir haben ihn uns angeschaut.

Triggerwarnung: Der Film zeigt eine Vielzahl grausamer Bilder realer Gewalt gegen Tiere. Wir verwenden hier bewusst keine Bilder aus dem Film, werden aber unter der Überschrift ‚Was genau zeigt dieser Film?‘ in Worten beschreiben, welche Zustände Dominion dokumentiert. Auch diese Beschreibungen können verstörend wirken und psychischen Stress erzeugen.

Worum geht es in dem Film?

Dominion zeigt die Praxis der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen. Die meisten Aufnahmen stammen aus der australischen Tierrechtsmediathek Aussie Farms Respository, einige auch aus Asien (vor allem aus China) und den USA.2 Sie könnten aber ebenso aus einem europäischen Land stammen. Die dargestellten gewalttätigen Prozesse sind weltweit überall dort, wo industrielle Tiernutzung in großem Stil stattfindet, in ähnlicher Weise Realität.

Der Film dokumentiert hauptsächlich die Zustände in der sogenannten ‘konventionellen Nutztierhaltung’ zum Zweck der Fleisch- und Milchproduktion. Außerdem wirft er einige Blicke auf andere Bereiche, in denen Tiere für menschliche Zwecke ausgebeutet werden, z.B. Jagd, Unterhaltung, ‘Sport’, Bekleidungsindustrie und wissenschaftliche Forschung.

Dominion zeigt die Realität der Tierausbeutung schonungslos brutal. Das Filmmaterial ist fast durchgängig von hoher Bildqualität. Die Szenen wurden von Tierrechtsaktivist*innen über Jahre mit versteckten Kameras und Drohnen in den Mastanlagen, Schlachthöfen und an anderen Tatorten eingefangen.

Als Zuschauer*in erleben wir die Leidenswege der Tiere hautnah, getrennt nach Tierart bzw. ihrer vermeintlicher ‘Bestimmung’ (z.B. Legehuhn und Masthuhn), minutiös aufgezeichnet vom Moment ihrer Geburt in Gefangenschaft bis zum Zeitpunkt des unfreiwilligen Todes. Die Bilder werden von mehreren Sprecher*innen kommentiert. Emotionslos, nüchtern, auf die wesentlichen Fakten reduziert.

Was genau zeigt der Film?

Wer den Film anschaut, weiß und fühlt bereits nach wenigen Augenblicken, dass er/sie gerade Augenzeug*in eines entsetzlichen Gewaltverbrechens wird. Die Bilder sind von kaum erträglicher Brutalität. Wir werden heftig konfrontiert mit den Abgründen menschlicher Profitgier und damit, was es für fühlende Lebewesen konkret bedeutet, unter kapitalistischen Produktionsbedingungen zu Waren und Erzeugnissen degradiert zu werden.

Der Film führt uns kaum vorstellbares Grauen vor Augen: Bilder von Tieren, die dicht zusammengedrängt knietief in ihren eigenen Exkrementen stehen, sind noch die harmlosesten. Wir sehen entsetzlich leidende, sterbende Tiere, die elend krepieren, weil ihre Verletzungen nicht versorgt werden. Auch tote Tiere, einfach liegengelassen und vergessen. Wir erleben unerträgliche Szenen von Tierquälerei, begangen vom überforderten und oftmals sadistischen Personal in den Tierfabriken. Unsere Blicke begleiten die Opfer bis zum Schluss, wenn ihr Leben im Schlachthof ausgelöscht wird. Wir hören die Schreie der gepeinigten Tiere, sehen ihre panischen Blicke, erleben ihren verzweifelten Todeskampf. Wir werden zigfach Zeug*in misslungener Betäubung, sehen Tiere, die bei vollem Bewusstsein zerlegt werden oder mit aufgeschlitzter Kehle aus der Betäubung erwachen, während sie gleichzeitig langsam verbluten.

Wer Dominion schaut, wird die Bilder und Schreie vielleicht ein Leben lang nicht vergessen.

Wer sollte den Film anschauen?

Der Film ist eine Empfehlung für alle Menschen, die die Überzeugung vertreten, ein Recht auf den Konsum tierlicher Produkte zu haben oder Tiere sonstwie zum eigenen Vorteil nutzen zu dürfen. Wer Tierleid in Auftrag gibt, sollte auch wissen, was er/sie da eigentlich beauftragt und sich der eigenen Verantwortung vollständig bewusst sein. Dominion regt dazu an, sorgsam zu prüfen, wie das, was dort zu sehen ist, eigentlich zu den eigenen Werten passt. Der Film kann sicher für manche Menschen der entscheidende Anstoß für eine bedeutsame Veränderung im eigenen Leben sein.

Auch Vegetarier*innen sollten sich den Film ansehen, insbesondere, wenn sie bislang der Meinung sind, Vegetarismus sei ein ethisches Verhalten, das kein Leid verursacht.

Wer bereits vegan lebt, weil er/sie die Fakten des Films längst kennt, sollte den Film vielleicht besser nicht anschauen. Zumindest dann nicht, wenn ähnliche Bilder einst der schmerzhafte Anstoß waren, das eigene Leben konsequent neu auszurichten. Die Gefahr einer Re-Traumatisierung durch die schockierenden Bilder ist erheblich. Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich diesem Risiko zwei Stunden lang auszusetzen.3

Wie kann der Film sinnvoll eingesetzt werden?

Die größte Wirkung wird der Film vermutlich dann entfalten, wenn er im Rahmen eines geplanten Anlasses (z.B. einer Tierrechts- oder Veganismuswoche oder als Sondervorstellung in einem Kino) öffentlich gezeigt wird und unter den Anwesenden möglichst viele Nochnichtveganer*innen sind. Es sollte unbedingt die Möglichkeit bestehen, noch über das Gesehene zu sprechen und die Bilder zu verarbeiten.

Natürlich lässt sich Ähnliches auch privat ganz leicht organisieren, wenn z.B. einige Veganer*innen ihre unveganen Bekannten einladen. Nützliche Hinweise hierzu gibt es direkt auf der Seite von ‚Dominion Movement‘.4 Die Macher von ‚Vegan ist ungesund‘ haben beispielsweise eine sehr gute Aktion durchgeführt und in einem YouTube-Video dokumentiert.5

Wer eine Veranstaltung inszeniert, sollte sich bewusst sein, dass es zu heftigen emotionalen Reaktionen kommen kann und sollte einige Erfahrung im Umgang damit haben.6
(Ich selbst habe den Film im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung erlebt, bei der sehr professionell auf die psychischen Risiken hingewiesen wurde und sogar therapeutische Soforthilfe möglich gewesen wäre.)7

Eine Vorführung ausschließlich für Veganer*innen ist vor allem dann sinnvoll, wenn der Fokus auf der Frage liegt, wie der Film für Überzeugungsarbeit strategisch genutzt werden kann. Dass Dominion auf der international animal rights conference gezeigt wird, ist beispielsweise sinnvoll und effektiv, weil er automatisch wichtige Diskussionen auslösen wird.8 Inhaltlich bietet Dominion für informierte Tierrechtler*innen allerdings keine Neuigkeiten.

Welche Schwächen hat der Film?

Der Film dauert zwei Stunden. Für viele ein Hindernis. Da wäre es hilfreich, wenn es eine komprimierte ‘Europa-Version’ gäbe.9

Obwohl der Film zu Beginn klarstellt, dass die gezeigten Geschehnisse tagtäglich überall auf der Welt stattfinden, werden wohl viele Zuschauer*innen intuitiv die Chance nutzen, die Relevanz der Bilder abzuwerten, weil das alles ja am anderen Ende der Welt stattfindet und außerdem auf die ‚allerschlimmsten‘ Auswüchse der Massentierhaltung fokussiert, die man selbst natürlich entschieden ablehnt. Wenn wir jemanden speziell für das Grauen der Massentierhaltung zum Zweck der Lebensmittelproduktion sensibilisieren wollen, dann sollten wir überlegen, ob wir statt Dominion nicht besser den Film Land of Hope and Glory des britischen Tierrechtlers Earthling Ed empfehlen.10 Der Film ist mit 48 Minuten Dauer wesentlich kompakter und genießt als europäischer Film vermutlich eine etwas höhere Akzeptanz bei nichtveganen Zuschauer*innen.

Wirklich störend ist der latent misanthrope Tenor des Films. Menschen werden ausschließlich von ihrer schlechtesten Seite gezeigt: grausam, erbarmungslos, zynisch. Am Ende fragt der Film, was all das Gesehene über den Mensch als Spezies verrät. Es folgen Bilder: Sklaverei, Hitlerdeutschland, Unterdrückung der Frauen. Danach die Frage: “Sind wir dazu verdammt, die Geschichte ständig zu wiederholen?”. Die Sequenz dauert zwar nur wenige Sekunden. Sie vermittelt aber ein durchaus verzerrtes, vermutlich gewollt unvollständiges, äußerst negatives Bild der Menschheit. Natürlich ist die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte der Unterdrückung und verbrecherischer Gewalt. Sie ist aber auch eine Geschichte des Widerstands, der Befreiung, der Solidarität mit den Gedemütigten, der Durchsetzung elementarer Rechte. Dieses Bild blendet der Film komplett aus.

Mein Fazit

Dominion ist ein Film, der wachrüttelt, bewegt und schmerzhaft berührt. All das kann sehr hilfreich sein und Erkenntnisprozesse anstoßen oder beflügeln.

Bevor man den Film empfiehlt, sollte man sich aber fragen, was genau man damit erreichen will. Geht es darum, das Gegenüber auf ganz bestimmte Missstände hinzuweisen, gibt es oftmals besser geeignete kurze Filme zu genau diesem Aspekt aus dem eigenen Land. Geht es um das Mensch-Tier-Verhältnis im Allgemeinen kann Dominion sicher die Heile-Welt-Vorstellungen mancher Mitmenschen massiv erschüttern und damit vielleicht tatsächlich der Unterschied sein, der den Unterschied macht.

  1. Die Verbreitung des Films wird über die Seite ‚Dominion Movement‘ gesteuert. Hier kann er auch kostenpflichtig angeschaut oder gekauft werden. https://www.dominionmovement.com/ []
  2. https://www.aussiefarms.org.au/ []
  3. Wer bereits vegan lebt und Dominion getrieben von der Motivation anschaut, unbedingt wissen zu wollen, worum es in dem Film geht, um in Diskussionen ‚mitreden‘ zu können oder den Film gegebenenfalls anderen gezielt zu empfehlen, dem/der empfehlen wir, einfach eine Beschreibung des Films wie z.B. diesen Artikel zu lesen. Das genügt völlig. []
  4. https://www.dominionmovement.com/host-screening []
  5. https://www.facebook.com/VeganIstUngesund/videos/495621644233063/ []
  6. Auf der Seite ‚Dominion Movement‘ gibt es einen sehr guten Text der klinischen Psychologin Apoorva Madan zur Selbsfürsorge bei belastenden Erfahrungen. https://www.dominionmovement.com/self-care []
  7. https://www.facebook.com/events/1964144750303511/ []
  8. https://ar-conference.org/ []
  9. Man könnte z.B. Hühner, Truthähne und Enten zusammenfassen und einige Themen weglassen, die für europäische Betrachter*innen weniger relevant sind (z.B. Kamelhaltung, Windhundrennen, …). []
  10. https://www.youtube.com/watch?v=dvtVkNofcq8&vl=de []