Du hast früher selbst Fleisch gegessen!

Du hast früher selbst Fleisch gegessen und Milch getrunken.
Kehre du gefälligst vor deiner eigenen Haustüre!“ 

Diese Reaktion erhalten Veganer*innen regelmäßig, wenn sie versuchen, Fleischesser*innen oder Vegetarier*innen für das Grauen und Unrecht hinter ihren ‚Lebensmitteln‘ zu sensibilisieren oder sie auf die bedenklichen ökologischen Folgen ihres Tuns hinzuweisen.1 Wer früher selbst Tierqualprodukte konsumiert hat, scheint keinerlei Recht zu haben, jetzt andere für genau dieses Verhalten zu kritisieren.

Dürfen wir eigene Fehler bei anderen kritisieren?

Sollten Veganer*innen angesichts der eigenen Schuld als ehemalige Täter*innen, die milliardenfache Tötung sogenannter ‚Nutziere‘ mit all ihren dramatischen Konsequenzen einfach hinnehmen und zu dem Thema für immer schweigen? Nein, sollten sie nicht, denn sie haben inzwischen eine wichtige Lektion gelernt und ein verhängnisvolles Verhalten abgelegt. Sie haben ja vor der besagten eigenen Haustüre gekehrt – und zwar sehr gründlich. Warum sollten sie ihr erworbenes Wissen, ihre veränderte Sichtweise und ihre Erfahrungen jetzt nicht mit anderen Menschen teilen?

Man stelle sich einmal ernsthaft für einen Moment vor, was es in letzter Konsequenz bedeuten würde, wenn wir bei anderen ab sofort nur noch die Verhaltensweisen kritisieren dürften, die wir selbst niemals gezeigt haben.

Eltern könnten dann einen Großteil ihrer Erziehungsbemühungen augenblicklich einstellen, denn als Kind haben sie sicher auch eine Menge angestellt, ausprobiert und falsch gemacht. Vermutlich haben auch sie die eigenen Eltern gelegentlich belogen, die Schule geschwänzt, heimlich geraucht, Versprechen gegenüber Freund*innen nicht eingehalten, Streiche gespielt, Schwächere schikaniert, mutwillig Sachen beschädigt und manches mehr.

Im Sport könnten künftig nur noch diejenigen als Trainer*in arbeiten, die den Sport selbst nie ausgeübt haben, denn nur so ist eine tadellose Vergangenheit möglich. Wer zum Beispiel früher selbst Fußball gespielt hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon hochkarätige Torchancen fahrlässig vergeben, vermeidbare Elfmeter verursacht, den Schiedsrichter beleidigt, leichtfertig den Ball verloren, sich eigensinnig verrannt statt abzuspielen oder für unbeherrschte Aktionen die rote Karte gesehen und dadurch das eigene Team geschwächt.

Wir dürften niemanden mehr auf Gefahren hinweisen, denen wir selbst zum Opfer fielen und nicht mehr vor Fehlern warnen, die uns selbst schon unterlaufen sind.

Die Frage ist nicht, ob wir kritisieren, sondern wie wir es tun

Es ist also völlig klar: Wenn ich in meinem Leben ein Verhalten oder eine Meinung als falsch erkenne und mich daraufhin tatsächlich ändere, darf ich andere natürlich ermuntern, es mir gleich zu tun. Ob ich es auch tun sollte oder vielleicht sogar tun muss, ist eine ganz andere Frage, die nicht ganz so leicht zu beantworten ist, denn es gibt dafür kein Patentrezept. Ich selbst mache meine Entscheidung, ob ich ein Thema überhaupt anspreche, und falls ja, wie ich es anspreche, in erster Linie davon abhängig, welche konkreten Auswirkungen das Verhalten meines Gegenübers hat.

Schweigen kann immer dann eine gute Option sein, wenn meine Gegenüber mit seinem Verhalten niemand (außer vielleicht geringfügig sich selbst) schadet, mir selbst das Thema nicht besonders wichtig ist, oder ich in einer bestimmten Situation einfach nicht unhöflich sein möchte. Menschen sind verschieden, und das bereichert grundsätzlich unser Miteinander. Anstatt jede Kleinigkeit zu kritisieren, sollte ich mich manches Mal besser in Gelassenheit üben.

Geht es um ein Verhalten, von dem ich denke, dass der Person vielleicht nicht klar ist, wie dieses bei anderen Menschen ankommt, dann beschreibe ich das störende Verhalten und seine Wirkung speziell auf mich. Ich formuliere meine Rückmeldung in einer Weise, die deutlich macht, dass es um meine Wahrnehmung, meine Interpretation und um mein Unbehagen geht. Mein Feedback sagt also mehr über mich als über die andere Person aus.

Schweigen ist manchmal keine Option

Bei manchen Themen habe ich nicht nur das Recht, sondern die moralische Pflicht, andere mit der Problematik ihres Handelns zu konfrontieren. Wenn mein früheres Verhalten, das ich jetzt bei anderen beobachte, gewalttätig, zerstörerisch oder für andere gefährlich war, dann bin ich es nicht nur den potenziellen weiteren Opfern, sondern auch dem eigenen Gewissen schuldig, klar und deutlich Stellung zu beziehen. Dann sollte ich das Unrecht selbst dann ansprechen, wenn es mein Gegenüber am liebsten gar nicht hören will. Schweigen wäre in solch einer Situation kein Zeichen von Toleranz, sondern vielmehr Ausdruck von Feigheit oder Gleichgültigkeit. Wer Unrecht kommentarlos geschehen lässt, positioniert sich automatisch auf der Seite der Täter*innen und wird dadurch zu einem Teil des Problems.

Allerdings sollte ich meine Rückmeldung in einer respektvollen Weise geben. Sie sollte angemessenen im Ton, in der richtigen Dosierung und in einem geeigneten Rahmen erfolgen. Sie wird am ehesten Wirkung entfalten, wenn sie als Impuls, Anregung oder Bitte daher kommt, statt als Belehrung, Vorwurf, Forderung oder gar Beleidigung. Nicht die Person, sondern ihr spezifisches Verhalten bzw. die Konsequenzen dieses Verhaltens sollten Gegenstand meiner Kritik sein. Es kann auch hilfreich sein, die Kritik vor allem auf mich selbst und mein eigenes früheres Verhalten zu beziehen. Ich kann also meinem Gegenüber zuvorkommen und selbst darauf hinweisen, dass ich früher auch Tierprodukte konsumiert habe und dann erläutern, welche Gedanken und Gefühle mich veranlasst haben, für immer damit aufzuhören.

Der blinde Fleck der Nichtveganer*innen

Beim Thema ‚Tiere essen‘ besteht eine Besonderheit darin, dass dieses Verhalten von den dafür kritisierten Menschen selbst überhaupt nicht als gewalttätig oder gar verwerflich, sondern als völlig ‚normal‘ wahrgenommen wird. Sie sehen weder den Zusammenhang zwischen dem leckeren Stück Fleisch und dem entsetzlichen Leid, das seiner ‚Produktion‘ voraus ging, noch die katastrophalen ökologischen Folgen des Konsums tierlicher Produkte (bzw. wollen diese Verbindungen nicht sehen).2

Wenn sie dann zur Kenntnis nehmen müssen, dass es sich bei ‚ihrem‘ Steak in Wahrheit um den wenige Tage alte Leichnam eines brutal getöteten Tierkindes handelt, und sie durch ihre Kaufentscheidungen de facto dieses Gemetzel höchstpersönlich beauftragen, reagieren sie meist ziemlich verstört. Aussagen wie „Die Tiere sind doch dazu da, dass wir sie essen“, „Das Tier ist doch eh tot, es hilft ihm ja nichts mehr, wenn ich es nicht esse“, „Wenn wir die Tiere nicht essen, werden sie eben nach China exportiert“, sind dann oft spontane, trotzige Statements von Menschen, mit denen man noch vor einigen Minuten zu anderen Themen ein durchaus intelligentes Gespräch führen konnte. Ihr Autopilot produziert jetzt permanent Pseudoargumente, um die Verbindung zur Wahrheit nicht herstellen zu müssen und ein plötzliches Erwachen aus einer langjährigen partiellen moralischen Anästhesie zu verhindern.

Die meisten Menschen, auch die Mehrheit der Fleischesser*innen, verfügen nämlich durchaus über ein solides Unrechtsempfinden und stimmen z.B. der Aussage zu, dass der Mensch Verantwortung für das Wohl der Tiere trägt und ihnen kein unnötiges Leid zufügen darf. Sie würden auch zustimmen, dass wir die Verpflichtung haben, mit Ressourcen sorgsam umzugehen und unseren Kindern einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen. Wer so denkt und gleichzeitig tierliche Produkte konsumiert, kann sein Verhalten mit halbwegs gutem Gewissen nur aufrechterhalten, wenn er sich von der eigenen Schuld und Verantwortung systematisch dissoziiert, erst mit haarsträubenden Argumenten und dann mit wütenden Gegenangriffen. Attacken wie „Du hast früher selbst Fleisch gegessen“, „Kehre vor deiner eigenen Türe“, „Du hast es gerade nötig“, „Du bist auch nicht als Veganer*in auf die Welt gekommen“, verlagern den Fokus der Diskussion. Sie ersparen den Angreifer*innen schmerzhafte Erkenntnisse in Bezug auf den Widerspruch zwischen dem eigenen moralischen Anspruch und der gelebten Wirklichkeit. Je aggressiver der äußere Angriff, umso heftiger tobt oftmals der innere Wertekonflikt.

Fazit

Natürlich sollten Veganer*innen, wenn sie wütende Reaktionen erfahren, nicht automatisch selbstgefällig davon ausgehen, dass der/die andere eben ein schlechtes Gewissen hat. Sie sollten sich immer fragen, inwieweit ihr eigenes Verhalten angemessen war. Manchmal schallt es aus dem Wald tatsächlich nur deshalb so laut zurück, weil ebenso laut hinein gerufen wurde. Da gibt es sicher noch sehr viel zu lernen. Niemand sollte sich allerdings kleinlaut zurückziehen und für immer schweigen, nur weil er/sie selbst in der Vergangenheit auch teilweise falsch gehandelt hat.

Viele zivilisatorische Fortschritte, wie beispielsweise die gesellschaftliche Ächtung der Diskriminierung von Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlecht oder ihrer sexueller Neigung, hätten vermutlich niemals stattgefunden, hätte es nicht immer schon Menschen gegeben, die das Unrecht der eigenen Handlungen oder Überzeugungen erkannten. Menschen, die das Rückgrat hatten, entschlossen auf die Seite des Rechts und der Moral zu wechseln und sich fortan für die Belange ihrer ehemaligen Opfer zu engagieren.

(Bildquelle: Pixabay)

‚Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ – George Orwell –

  1. Dieser Artikel bezieht sich vor allem auf den Konsum tierlicher Nahrungsmittel, weil unsere Ernährung im Alltag besonders häufig Anlass für kontroverse Gespräche zwischen Veganer*innen und Nicht-Veganer*innen bietet. Die hier skizzierten Beobachtungen und Gedanken gelten aber gleichermaßen auch für andere tierliche Produkte, z.B. Kleidung, Kosmetik, Putzmittel, usw. … []
  2. Welche psychologischen Tricks Menschen anwenden, um ohne schlechtes Gewissen dauerhaft entgegen der eigenen Wertvorstellungen handeln zu können, beschreiben wir in unserem Artikel ‚Die Kunst der Selbstüberlistung‘: http://veganswer.de/die-kunst-der-selbstueberlistung/ []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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