Du möchtest vegan leben, kannst aber nicht auf Käse verzichten … … dann lass ihn bitte trotzdem weg!

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One foot in the door?

Viele große Tierrechtsorganisationen sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, ihre Überzeugungsarbeit für die Notwendigkeit einer veganen Lebensweise nur noch sehr defensiv zu betreiben. Sie stützen sich dabei auf eigene Erfahrungen, psychologische Studien, Befragungen und Marktforschungen, die offenbar suggerieren, dass man Menschen am ehesten auf ein veganes Leben neugierig machen kann, wenn man sie Schritt für Schritt darauf hinführt und sie nur sehr schonend – wenn überhaupt – mit den moralischen Aspekten des Tierkonsums konfrontiert. Weil persönliche Veränderung immer schwierig ist und selten über Nacht geschieht, sollte man seinen Mitmenschen zugestehen, Veganismus als individuelle Reise, ganz in ihrem eigenen Tempo, zu entdecken. Unter dem Motto ‚Wir erzählen nicht unsere Wahrheit, sondern was effektiv ist’, wird die dem Veganismus zugrundeliegende antispeziesistische Ethik weitgehend ausgeklammert. Stattdessen werden die Menschen ermuntert, ihren Konsum tierlicher Produkte zu reduzieren (Reducetarianismus) oder auf bestimmte Opfer einzuschränken (Vegetarismus). Teilweise wird auch propagiert, ein guter Schritt könne sein, Tierkonsum auf diejenigen Situationen zu begrenzen, in denen veganes Essen nicht leicht verfügbar ist, oder es die Höflichkeit vermeintlich gebietet, Tiere zu konsumieren, z.B. bei öffentlichen Einladungen, Familienfeiern, Arbeitsessen, bei Besuchen oder auf Reisen (Flexitarismus).

Der Mensch im Fokus

Hinter all den Empfehlungen steht die Idee, dass es wichtiger ist, hier und jetzt eine für jeden Menschen leicht realisierbare Reduktion des Tierleids zu bewirken als eine perfekte Utopie des Veganismus zu propagieren, die den Menschen weltfremd, extrem und nur unter größten persönlichen Entbehrungen erreichbar erscheint. Im Wettbewerb um potenzielle Spender*innen, Mitglieder und mediale Aufmerksamkeit überbieten sich die Organisationen darin, Veganismus mit positiv aufgeladenen Begriffen wie Lifestyle, Fitness, gesunder Ernährung und ökologischer Verantwortung zu bewerben und dabei die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Menschen, statt der Rechte der Tiere, in den Vordergrund der Argumentation zu stellen. Selbst das vermeintlich negativ besetzte Wort ‚vegan‘ wird vermieden und gerne durch ‚pflanzlich‘ ersetzt. Eine vegane Lebensweise wird maximal als Kann-Option präsentiert. Jack Norris, der Präsident der Tierrechtsorganisation Vegan Outreach ruft den Menschen beispielsweise zu: „Du sagst, du würdest gerne vegan leben, kannst aber auf Käse nicht verzichten? Dann lebe eben vegan außer Käse.“1

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Gelbe Karte für ‚Ethik-Veganer*innen‘

Der Erfolg scheint diesen Organisationen recht zu geben. Die Strategie ist offenbar so wirkungsvoll, dass die Organisationen sogar ihre veganen Unterstützer*innen regelrecht zur Ordnung rufen, wenn diese ‚unangemessen klar‘ artikulieren, dass Reducetarianismus, Flexitarismus und Vegetarismus aus ihrer Sicht (und erst recht aus Sicht der Tiere) keine ethisch akzeptablen Konzepte sind, sondern menschliche Lifestyleentscheidungen oder halbherzige Lippenbekenntnisse auf Kosten wehrloser Opfer. Mercy for animals (MfA) rügt seine veganen Fans, sie sollten nicht so gemein mit Vegetarier*innen umgehen, nach all den bedeutsamen Schritten, die diese bereits zur Reduzierung ihrer Unterstützung der Tierausbeutung unternommen hätten.2 Mahi Klosterhalfen, Geschäftsführer der Albert-Schweitzer-Stiftung, weist Veganer*innen darauf hin, dass sie den Flexitarier*innen eigentlich sogar Dank schulden, weil nämlich sie es seien, die durch ihre Marktmacht vegane Angebote in Lokalen und Supermärkten voranbringen und das vegane Leben dadurch spürbar erleichtern.3 Veganer*innen werden darauf hingewiesen, dass sie selbst ja früher ebenfalls tierliche Produkte konsumiert hätten und deshalb akzeptieren sollten, dass sich die anderen jetzt eben auch nur langsam verändern. Pragmatismus statt Dogmatismus. Die Statements werden von den nichtveganen Fans freudig aufgenommen und überschwänglich kommentiert.

Du bist keine Tierrechtsorganisation!

Sollten wir das von den großen Organisationen gepriesene Erfolgsmodell für die Überzeugungsarbeit in unserem eigenen sozialen Umfeld einfach übernehmen? Sollten wir in Gesprächen innerhalb der eigenen Familie, mit Freund*innen und Bekannten oder mit neugierigen Fremden ebenfalls lieber zurückhaltend agieren, immer nur kleine Schritte in die richtige Richtung anregen, möglichst nicht über Moral reden und das Unwort ‚vegan‘ vielleicht am besten gar nicht erwähnen?

Nein, das sollten wir nicht, zumindest dann nicht, wenn unserer Lebensweise eine ethische Motivation zugrunde liegt.4

Wenn es dir darum geht, deine Mitmenschen auf Augenhöhe von der Notwendigkeit einer veganen Lebensweise zu überzeugen, kannst du dich in deiner Argumentation genau auf dieses eine Ziel konzentrieren. Tierrechtsorganisationen hingegen verfolgen in ihren Strategien meist mehrere Ziele gleichzeitig (Spendeneingang maximieren, möglichst viele Unterschriften unter Petitionen bekommen, mediale Aufmerksamkeit erzeugen, attraktiv für potenzielle neue Mitglieder und Aktivist*innen auftreten, Menschen das Thema Veganismus nahebringen, …). Es ist klar, dass eine Organisation eher Spendengelder bekommt, wenn sie die Gemeinsamkeiten mit potenziellen Förderer*innen betont („Toll, du lehnst Massentierhaltung ab. Wir auch. Schließe dich uns an und lass uns gemeinsam gegen die Fleischindustrie kämpfen.“), als wenn sie sie mit ihrer Verantwortung als Mittäter*innen eines entsetzlichen Unrechts konfrontiert („Wenn du Tierprodukte konsumierst, dann bist du direkt verantwortlich für immenses Leid, auch wenn dir dieser Zusammenhang vielleicht noch nicht hinreichend bewusst ist. Dein Verhalten ist Teil des Problems.“)

Die Problematik des Fuß-in-die-Tür-Ansatzes

Um die Vorteile und Gefahren des One-Foot-in-the-Door-Ansatzes bzw. der ‚reducetarian solution‘ zu erkennen, betrachten wir einfach exemplarisch die bereits erwähnte, viel zitierte Aussage „Du möchtest vegan leben, kannst aber auf Käse nicht verzichten? Dann lebe eben vegan außer Käse.“

Wenn wir eine solche Empfehlung aussprechen, haben wir die Gewissheit, die harmonische Beziehung zu unseren nichtveganen Mitmenschen auf keinen Fall zu gefährden, denn wir werden im Gespräch garantiert als verständnisvoll und wohltuend undogmatisch wahrgenommen. Diese Aussicht ist überaus verlockend. Allerdings bezahlen wir dafür, geliebt zu werden, auch einen hohen Preis (bzw. genau genommen bezahlen den Preis andere und zwar mit ihrem Leben), denn wir werfen gleichzeitig unsere antispeziesistische Tierethik kurzerhand über Bord.

Wenn wir uns des ‚fluffigen‘ Käsespruchs bedienen, bestätigen bzw. verstärken wir damit beim Gegenüber genau jene limitierenden Glaubenssätze, verzerrten Wahrnehmungen und karnistischen Vorurteile, die in der Vergangenheit eine Hinwendung zum Veganismus verlässlich verhindert haben, nämlich …
• Es ist in Ordnung Tierprodukte zu konsumieren
• Es gibt auch ‚harmlose‘ Tierprodukte
• Veganismus ist eine Form menschlicher Ernährung
• Ein veganes Leben ist schwierig, erfordert Anstrengung und braucht Zeit
• Vegan zu leben ist lediglich eine Option

Absolution für Tierkonsum?

Wer anderen rät, weiterhin bestimmte Tierprodukte zu konsumieren, erteilt – ob gewollt oder nicht – automatisch die Absolution für die Beibehaltung einer moralisch fragwürdigen Gewohnheit, sowie für den gesamten gewalttätigen Prozess der Tierausbeutung, der erforderlich ist, damit diese Gewohnheit überhaupt gepflegt werden kann.

Abgesehen davon, dass wir uns fragen dürfen, woher wir eigentlich das Recht nehmen, anderen zu ‚erlauben‘, Gewalt gegen wehrlose Dritte zu verüben bzw. zu beauftragen, ist eine solche Erlaubnis auch Ausdruck einer speziesistischen Denkweise. Sie bestätigt die arrogante Vorstellung, Tiere seien letztlich weniger wert als Menschen. Niemand würde auf die Idee kommen, die Erteilung einer solchen Absolution zu erwägen, wenn es um menschliche Opfer von Gewalt ginge. Es würde uns z.B. nicht einfallen, gewalttätigen Eltern zu empfehlen, gerne weiterhin eines ihrer Kinder zu verprügeln und dafür bitte die anderen in Ruhe zu lassen.

Es gibt keine ‚guten‘ Tierprodukte

Angenommen wir würden Nichtveganer*innen folgenden Rat erteilen: „Du sagst, du möchtest vegan leben, kannst aber auf Fleisch nicht verzichten? Dann lebe eben vegan außer Fleisch.“ Wir würden große Irritation und Kopfschütteln ernten und zwar sowohl bei den Adressat*innen unserer Botschaft als auch im veganen Freundeskreis. Kaum jemand würde das als guten Schritt in die richtige Richtung deuten. Wieso finden wir den Spruch aber pfiffig, wenn statt von Fleisch von Käse die Rede ist? Ist Käse etwa weniger problematisch oder gar ein ‚gutes‘ Produkt?

Wer Tierprodukte konsumiert, verursacht Tierleid. Immer. Es ist keine gute Idee, unsere Mitmenschen in ihrer Fantasie zu bestärken, ausgerechnet Käse sei ein vergleichsweise harmloses ‚Lebensmittel‘. Viele Veganer*innen wurden nicht zuletzt deshalb vegan, weil sie irgendwann mit dem mörderischen Grauen der Milchindustrie in Berührung kamen. Während Tiere, die für die Fleischproduktion sterben, ‚nur‘ eingesperrt, gemästet und getötet werden, werden Milchkühe zusätzlich wieder und wieder zwangsgeschwängert, unmittelbar nach der Geburt ihrer Babys beraubt und dann als Hochleistungsmaschinen brutal ausgebeutet. Wenn ihre Leistung nachlässt landen auch sie ausgelaugt im Schlachthaus. Sie sind also selbst ein bedeutender Teil der Fleischindustrie. Genau wie ihre Kälber, die wir ebenfalls töten und zu Wurst verarbeiten, um uns ihre Milch anzueignen.5

Bildquelle: tierretter.de
Käse bedeutet großes Leid für Kühe und Kälber. Bildquelle: tierretter.de

Veganismus ist keine Ernährungsform und Tiere sind keine Lebensmittel

Veganismus ist eine ethisch motivierte Lebensweise, die jede Ausbeutung der Tiere durch den Menschen ablehnt. Es geht um das Lebens- und Freiheitsrecht der Tiere, nicht um die Gesundheit oder kulinarischen Vorlieben des Menschen. Dass eine vegane Lebensweise auch bedeutet, keine Tiere zu essen, ist ebenso selbstverständlich wie die Weigerung, sie für Mode, Unterhaltung oder andere Zwecke zu gebrauchen. Tiere sind nicht für uns in dieser Welt, sondern mit uns. Sie sind keine Lebensmittel! Genau darauf reduzieren wir sie aber, wenn wir z.B. den Konsum von Käse empfehlen.6

Vegan zu leben ist einfach

Vegan zu leben ist überaus einfach, denn es geht nicht darum, komplexe, neue Fertigkeiten zu erlernen, sondern schlicht darum, ab sofort etwas zu unterlassen, wozu wir moralisch noch nie berechtigt waren. Es stimmt zwar, dass Tierkonsum eine mächtige, langjährige Gewohnheit (sogar mit gewissem Suchtcharakter) ist, aber gerade deshalb sollten wir diese Gewohnheit mit einem klaren Schnitt beenden, anstatt zu hoffen, dass wir sie mit einer Schritt-für-Schritt-Entwöhnung sukzessive überwinden können. Hier hilft erneut die ethische Motivation. Wer sich für ein veganes Leben entscheidet, weil er/sie Tierquälerei verabscheut, begegnet den Versuchungen des Alltags aus dem Blickwinkel der Opfer (‚Verursache ich Leid, wenn ich das konsumiere? Ja, also lasse ich es!‘) und nicht durch die Brille der eigenen Vorlieben (‚Macht mich das an? Ja, also sofort her damit.‘)

Veganismus ist nicht das Ende, sondern ein Anfang

Die Entscheidung für eine vegane Lebensweise ist nicht das faszinierende Endziel einer individuellen langjährigen Entdeckungsreise, sondern der Anfang eines achtsamen Lebens. Sie entspringt der Überwindung der eigenen kognitiven Dissonanz und der Entscheidung unser Verhalten in Übereinstimmung mit den eigenen Werten zu bringen. Sie markiert einen Beginn.

Veganismus ist keine Option

Veganismus ist aus einer antispeziesistischen Sicht auch keine Kann-Option, für die man sich vielleicht eines Tages entscheiden wird oder auch nicht, sondern das absolut Mindeste, was wir den Tieren schulden. Wer sich für ein veganes Leben entscheidet, hat mit dieser Entscheidung noch gar nichts aktiv für das Wohl der Tiere getan, sondern lediglich die Selbstverpflichtung abgegeben, ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zuzufügen. Eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich so wenig einer Erwähnung bedarf wie die Erklärung, dass man seine Kinder nicht misshandelt, wenn man sie liebt.

Vegan zu leben ist nichts Besonderes oder gar Heroisches. Es bedeutet einfach die Selbstverpflichtung zur Vermeidung unnötiger Gewalt.

Unwort ‚vegan‘?

Veganismus ist kein Selbstzweck, sondern die logische Konsequenz einer antispeziesistischen Ethik und deshalb nichts, was man einfach zur Disposition stellen könnte.

Unsere Mitmenschen sind durchaus in der Lage zu verstehen, dass es falsch ist, anderen zum eigenen Vorteil die Kehle aufzuschlitzen. Wir brauchen keine Psychotricks, um sie sukzessive auf diese Erkenntnis vorzubereiten. Wenn wir andere aufrichtig in einer nicht anklagenden Weise über das Unrecht der Tierausbeutung aufklären, dann werden sie darüber nachdenken, ihr Verhalten zu ändern. Vielleicht tun sie das dann tatsächlich in kleinen Schritten. Dann tun sie es aber, weil es nun mal ihre Entscheidung ist und nicht etwa, weil wir ihnen dieses halbherzige Vorgehen ausdrücklich empfohlen haben. Wir sollten jederzeit ausstrahlen: Wir brauchen keine Tierprodukte. Veganes leben ist einfach, bereichernd und macht Spaß. Wir können uns in jedem Moment unseres Lebens dafür entscheiden. Zum Beispiel jetzt.

Ja, es stimmt, das Wort ‚vegan‘ ist bei manchen Mitmenschen negativ besetzt. Das hat einerseits damit zu tun, dass es einflussreiche Industrien und Medien gibt, die viel Aufwand betreiben, um Veganer*innen als weltfremd, radikal, extrem zu überzeichnen. Andererseits gibt es diese weltfremden, radikalen, extremen ‚Exemplare‘ leider vereinzelt tatsächlich, und manche Menschen hatten schon verstörende Erfahrungen mit ihnen. Das sollte aber kein Grund sein, das Wort ‚vegan‘ ab sofort zu meiden, sondern wir sollten ganz im Gegenteil alles dafür tun, um das Wort positiv aufzuladen. Vegan bedeutet gerecht, friedfertig, achtsam, sozial verantwortlich.

Wir werden niemals in einer veganen Welt leben, wenn nicht einmal die Veganer*innen bereit sind, selbstbewusst und begeistert über Veganismus zu reden.

  1. https://www.facebook.com/veganoutreach/photos/pb.165205491507.-2207520000.1463917784./10153778556136508/?type=3&theater []
  2. http://www.mercyforanimals.org/this-is-why-vegans-should-stop-being-mean []
  3. https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/ganz-wenig-fleischesser []
  4. Definition der Vegan Society aus dem Jahre 1944: „Veganismus ist eine Lebensweise, die bestrebt ist, soweit möglich und durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was dem Nutzen der Tiere, Menschen und der Umwelt dienen soll.” https://www.vegansociety.com/about-us/history []
  5. Einen sehr guten Einblick in ‚das Prinzip Milchproduktion‘ bietet dieses Video der Tierrechtsorganisation ARIWA. Warnung: Das Video enthält verstörende Bilder menschlicher Gewalt gegen Tiere. https://www.youtube.com/watch?v=2LvYOZXyIYs []
  6. Zur Vertiefung empfehlen wir diesen Artikel von Mario Burbach. http://thevactory.de/reducetarian-solution/ []