„Das muss jeder für sich entscheiden“ Nervende Veganer

Wenn man als Veganer in den Social Media Bereichen unterwegs ist und sich an Diskussionen um ethisch nachhaltigere Lebensweisen beteiligt, dann bekommt man beim Erwähnen des Wortes „Veganismus“ schnell und häufig Totschlagargumente zu lesen wie:

  • „Das muss jeder für sich entscheiden“
  • „Es bringt wenig, den Leuten Info zu geben. Das artet schnell in Predigten aus. Gutes Vorbild ist, was zählt.“
  • „Du kannst den Leuten nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben“

Da drängen sich mir einige Fragen des Umganges mit den Vermutungen und Erwartungen der Mitdiskutanten auf.

Ich schreibe ja gar niemandem vor, wie er zu leben hat. Das liegt ganz klar weder in meiner Macht, noch in meiner Kompetenz. Ich bringe lediglich Vorschläge zur Verbesserung unserer wirklich ziemlich düsteren Zukunftssprognosen und informiere über den derzeitigen Stand der Dinge.

Ich selbst bin doch nicht das Problem, sondern eine Überbringerin von Nachrichten.

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Foto: pixabay

Wirft man diese Informationen auch Umweltschutzorganisationen oder Forschern, welche wieder etwas neues Schreckliches herausgefunden haben, vor? (z.B. in Artikeln über neue antibiotikaresistente Keime/ Zoonosen, der Regenwald schrumpft immernoch sekündlich, der weltweit größte Sojaproduzent wird brasilianischer Agrarminister etc. ppp.)?

Sagt man zu denen: „Ey, Ihr könnt das jetzt aber nicht so anmahnen und uns erklären, was wir nicht so ganz richtig machen! Also das ist ja ein Eingriff in die persönliche Freiheit, wenn Ihr da jetzt Lösungsvorschläge wie Tierproduktekonsumverweigerung bringt. Da muss ich schon von selbst drauf kommen!“

 

Ich verstehe natürlich, das alles seine Zeit braucht- ich frage mich nur langsam, was denn noch so an Infos herausgegeben werden muss.
Vor 40 Jahren hat Cousteau vor dem Artensterben und der Überfischung der Meere samt Konsequenzen für uns alle gewarnt.
Heute sind die Meere ziemlich hinüber und noch mehr bedroht, Überfischung ist an der Tagesordnung, Todeszonen in den Ozeanen breiten sich immer mehr aus und das Barrier-Reef ist zu 70% verkalkt- irreparable Schäden an allen Ecken und Enden.
Hühner und andere Land“nutz“tiere sind mittlerweile die größten Meeresräuber.
Und wir erfinden lieber das Zweitnutzungshuhn als das System komplett in Frage zu stellen?
Wir subventionieren lieber Milch- und Fleischwirtschaft als den Anbau pflanzlicher Nahrung direkt für den menschlichen Verzehr?
Wir regen uns über die Forderung nach veganem Schulessen auf wegen der „Einschränkung der persönlichen Freiheit“?
Irgendwann ist keine Freiheit mehr da, die man einschränken kann.

Und die Veganer sind in unserer Wahrnehmung jetzt diejenigen, welche es mit ihren Informationen „mal nicht so übertreiben sollen“?

Man sieht das “Vegansein“  ja nicht wirklich unbedingt, die Forderung nach dem „einfach Vorleben“ ist also sehr schwierig umzusetzen. Gemüse, Hülsenfrüchte, Pilze, Getreideprodukte und Obst essen ja auch andere Menschen (auch wenn das dann nur den Veganern bei Diskussionen immer um die Ohren geschleudert wird, was das für Transportwege und Umweltprobleme verursacht, diese 2 Kilo Soja täglich und die 5 Kilo Südfrüchte für’s Frühstück).

Was man sieht ist, dass ich zum Beispiel in Restaurants und Bäckereien nachfragen muss, ob das auch ohne Butter, mit Pflanzenmilch etc. zu haben ist. Und dann sieht man Augenrollen und hört Grummelmurmeln. Ich versteh immer nicht, warum man dann so mundtot gemacht werden soll.

Weshalb? Das hemmt und verlangsamt doch alles. Es gibt so viele intelligente, vernünftige Menschen, welche diesem konditionierten Glauben anhängen und der einem ja von jeglicher Plakatwand gepredigt wird, dass Nutztierproduktekonsum tier- und umweltfreundlich sein kann und sich nicht im Weg stünde. Das ist uns jahrelang eingetrichtert worden, wie es Menschen auch eingetrichtert wurde, dass einige Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Vorlieben oder ihres Geschlechtes mehr wert seien als andere.

Die aktuelle Küken-Schredderdiskussion zeigt diese Doppelmoral unserer Gesellschaft sehr schön.
Die eigentliche Lösung wäre ja: einfach keine Tierprodukte konsumieren und nicht, dass man sich den Konsum schönredet.

Die Bezeichnung „Bio“ ist doch auch nur Augenwischerei und für die Konsumentenberuhigung da.
Ich war letztens zum Beispiel in einem kleinen Biobetrieb, der demnächst auch komplett auf das Zweitnutzungshuhn-Konzept umsatteln möchte. Da werden dann die Hähne im Kindergartenalter geschlachtet-was ethisch genauso inakzeptabel ist.

Die Aufregung um dieses Kükenschreddergebot/-verbot ist höchst widersprüchlich.
In etwa so wie der Shitstorm unter dem dekorierten Spanferkelpost Tim Mälzers oder dem Aufschrei, wenn jemand Katzenbabies ertränkt.
Wir lassen täglich 164 Millionen Tiere töten.
Ohne wirklichen Nutzen- außer dem wirtschaftlichen. Ernährungsalternativen gibt es ja zuhauf- wir brauchen das Zeug ja nicht zum Überleben- höchstens zur konditionierten Geschmacksbefriedigung. Da unser Gewissen sich aber immer mehr regt, erfinden wir Begriffe wie „artgerecht“- das gibt es in der Tierhaltung aber nicht. Das ist höchstens menschen- und nutzungsgerecht. Das muss man dann auch so kommunizieren.

Kein Tier möchte gezüchtet, gehalten, genutzt und weit vor seiner eigentlichen Lebenserwartung geschlachtet werden. Weder als „Fleischrasse“,Milchkuh, Legehenne, Geflügelfleisch, Versuchstier, Zirkusattraktion oder als Kleidungslieferant.

Und das Schöne ist:
Wir benötigen das auch alles gar nicht und es gibt für uns alle lohnenswerte, nachhaltigere Alternativen.

Das Fordern von nachhaltigerem Konsum, von Gleichberechtigung und das Verhindern von Ungerechtigkeiten sind doch keine anstrengenden und religiösen Ansichten (man muss nicht daran glauben, dass das alles passiert- man kann es einfach nachlesen) – das ist was andere daraus machen, da es ihnen scheinbar an das eigene Gewissen geht, dass ein möglichst leidfreier Lebenswandel möglich ist- man ihn aber bisher nicht für sich selbst als Lösung umsetzt.

Wenn man zum Beispiel weiß, was es für Folgen hat, wenn man Produkte aus Kinderarbeit kauft- dann stellt man diesen Konsum doch ein, oder? Und das sofort und umgehend. Und man würde andere auch darauf hinweisen, oder? Wenn man weiß, dass es schlecht für die Umwelt ist, seine Chemikalien aus dem Haushalt in Nachbars Garten zu entsorgen – dann macht man das doch nicht, oder?

Übrigens sprechen wir hier von einem veganen Bevölkerungsanteil von 1% in Deutschland! Die gehen den 99% so dermaßen auf den Sack?

Stellt Euch einfach mal vor, Ihr würdet zu diesem 1% gehören und sehen, wie viele Bereiche von den 99% täglich omnipräsent durchdrungen und als normal deklariert sind.

Und dann dürftet Ihr aber auch nix drüber sagen und bekämt immer zu hören, dass man den Mund halten sollte, da sonst die 99% sich aufregen und immer die gleichen, konditionierten Beschwerden vorbringen. Diejenigen würden dann im gleichen Atemzug aber auch zugeben, dass sich was verändern sollte, aber jeder selber drauf kommen müsse. (Ohne informiert zu werden, also Schrödingers Veränderungskatze quasi?). Andere, zum Beispiel „Diedaoben“, Wirtschaft, Politik (oder der liebe Gott) sollen was dagegen unternehmen, nicht der Angesprochene.

Doof und mit Vorwürfen bedacht seid dann Ihr, da Ihr tatsächlich schon was verändert und der Spiegel seid, den man schon erfolgreich zugehangen hat. Eine Logik, welche Mr. Spock die Augenbraue hochschnellen lassen würde.

Ehrlich gesagt mag ich keine Rücksicht mehr auf die zähe Bequemlichkeit nehmen.
Sie nimmt ja auch keine Rücksicht auf alles andere als sich selbst.

„Mir fällt fast keine politisch heftigere Tat ein, die mehr Fliegen mit einer Klappe schlägt, als die vegane Lebensweise.  Und das ist nicht einmal eine Tat.
Nur durch das Unterlassen.
Nur indem du etwas nicht machst, machst du ganz viele Sachen gut, die die Kinder heute schon in der Krippe lernen. Das ist erstaunlich. Also wenn wir es jetzt nicht machen, wann dann?“

(Hagen Rether)

Über Kirstin

Wenn man für Gleichberechtigung und gegen Ungerechtigkeiten seine Stimme erhebt, dann ist man nicht naiv, sondern man hat erkannt, dass die unsäglichen Sachen, welche täglich passieren, aus dem einfachen Irrglauben entstehen, dass der eine mehr wert wäre als der andere.
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