Flexitarier Ich esse-also bin ich

In einem Artikel der WirtschaftsWoche las ich kürzlich, dass die „Fleisch-Branche sich auf Flexitarier einstellt“.

„Ein zunehmendes Bewusstsein über die Auswirkungen des eigenen Ernährungsstils, auch auf Umwelt und Gesundheit, ist Zeichen eines höchst erfreulichen Trends – Achtsamkeit bestimmt immer öfter unseren Alltag.“ hieß es in dem Artikel.

Achtsamkeit und den Konsum von Tierprodukten in einem Atemzug zu nennen – das machte mich, wie so oft bei diesem Thema, doch sehr stutzig.

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Was bedeutet denn dieser Begriff „Flexitarier“?

Das ist so ziemlich das nichts aussagendste Wort, was man dafür erfinden konnte. „Jemand, der halt alles isst.“ (Total verrückt und ungewöhnlich)

Ein Mittendrinesser. Ein Mittelethiker. Größe M, genormt und zwischendrin. Aber man kann eben mitreden, hat eine eigene Bezeichnung, da man auch ein „-tarier“ hinten dran hat. Eine Bezeichnung ohne richtigen Inhalt allerdings.

Alle „Flexitarier“ essen dann natürlich „bewusst“ und „weniger“ – was bedeutet, dass sie um die Konsequenzen ihres Konsums zwar wissen, aber es eben doch zu anstrengend ist, sich wirklich zu ändern. Dann ändert man sich halt nur ein bißchen.

Man kauft ja auch nur einmal im Monat Textilien aus Kinderhandknüpfung, schüttet halt auch nur einmal in der Woche seine Chemikalien in die Toilette und trägt nur mittwochs Pelz. Seine Frau schlägt man auch etwas weniger, dafür aber bewusster. Und jemanden bestehlen, das macht man halt nur noch zweimal im Jahr. Im Urlaub.

Das beschreibt unsere halbgare, beim Untergang zuschauende Gesellschaft eigentlich ganz gut. Mittendrin statt nur dabei – und mit dem Finger lieber auf Diedaoben zeigen – weil: „hier unten“, bei sich selbst, beim mittelmäßigen Wohlstand was ändern, das wäre auch zu naheliegend, zu einfach, nicht wahr?
Und wenn man auf Gesetze und politische Umsetzungen wartet, dann geht es mit den notwendigen Veränderungen bekanntermaßen auch richtig schnell.

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Im Artikel heißt es: „Dabei geht es um einen maßvollen, auf Tierschutz bedachten und extrem qualitätsbewussten Fleischkonsum.
Wie konsumiert man denn „bewusst“ und auf Tierschutz bedacht, wenn man Tierprodukte isst? Dieses Wort ist in diesem Zusammenhang doch nur eine sinnentleerte Phrase. Baut man dem toten Tier und den dafür Verhungerten in irgendeinem armen Tierfuttermittelanbaugebiet einen Altar samt Grabstein, werden Messen gehalten und gedenkt man den guten Taten der Verstorbenen? Erfleht man Absolution dafür, dass man sich vorgaukelt, dieses Produkt  unbedingt zum Überleben zu brauchen?

 

Und es stimmt ja nicht mal, dass da wirklich weniger Leid konsumiert wird.
Dieses „2x die Woche Fleisch vom sagenumwobenen Vertrauensmetzger um die Ecke“ (der zu 98% „seine Tiere“ aus der Massentierhaltung schlachtet und/oder verkauft) heisst ja auch, dass Wurst, Gelatine, versteckte Tierprodukte wie Milchpulver, Eiklar, Karmin, Honig etc. nicht mit ins Bewusstsein zählen, genauso wenig wie Restaurantbesuche, Kochen/Essen bei Freunden, Imbiss, Betriebskantine, Raststätten etc.
In etwa vergleichbar mit Marlboro extra light Rauchern, welche sich als Quasi-Nichtraucher bezeichnen würden. Oder halbtrockene Ex-Alkoholiker.
„So kann der Konsument in der ‚gläsernen Metzgerei‘ den ganzen Produktionsprozess von der Schweinehälfte bis zur Wurst mitverfolgen.“

Ja, das schon tote Tier und dessen Verarbeitung zu sehen, tut auch, passend zur flexitarischen Einstellung, nur mittelmäßig weh. Das wirklich Unschöne, die „Produktion“ vom Lebewesen zum „Stück Fleisch“ – das wäre der Aspekt, welcher uns immer gezeigt werden müsste. Bei jeglichem Fitzelchen Gelatine, Wurst und Schnitzel.

Das will man so nicht sehen, wenn man mittendrin steckt- man übertüncht es lieber mit scheinbarer Handlung. Ich verurteile das auch nicht wirklich, schließlich war ich selbst leider durch Desinformation jahrelang den gleichen Verdrängungsmechanismen unterworfen.

Was ich beurteile ist, dass jeder eine Verantwortung gegenüber den Konsequenzen seines Konsumes innehat und diese auch wahrnehmen sollte.
Und mittlerweile bekommt man die Informationen über die negativen Auswirkungen des Tierproduktekonsums an allen Ecken und Enden, es gibt keine Ausreden mehr. Die Konsequenzen aus diesen Informationen ziehen und sich wirklich verändern muss man schon selbst.
Man darf bei der Entscheidung zur bequemen Nichtveränderung aber weder über die meckern, welche sich grundlegend verändern und weiterinformieren und sich auch nicht wundern, falls immer mehr negative Folgen in der eigenen Gesundheit (antibiotikaresistente Keime, Zoonosen, Gicht & Co.) und katastrophale Folgen für die nächsten Generationen entstehen.

Über Kirstin

Wenn man für Gleichberechtigung und gegen Ungerechtigkeiten seine Stimme erhebt, dann ist man nicht naiv, sondern man hat erkannt, dass die unsäglichen Sachen, welche täglich passieren, aus dem einfachen Irrglauben entstehen, dass der eine mehr wert wäre als der andere.

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