Fragen lenken Denken! Die Kunst der K-omni-kation

Die Kunst der K-omni-kation

Gespräche zwischen Nichtveganer*innen und Veganer*innen zum Thema ‚Konsum von Tierprodukten‘ sind äußerst störungsanfällig. Da es bei diesen Themen buchstäblich um Leben oder Tod geht, werden die konträren Positionen von beiden Seiten entsprechend leidenschaftlich vorgetragen und verteidigt.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die nicht-vegane Seite eine ganze Batterie von ‚Argumenten‘ gegen Veganismus aufbietet, welche die vegane Seite nötigt, diese einzeln zu entkräften. Kaum hat sie zum Beispiel schlüssig begründet, warum es für die Beurteilung der Legitimität des menschlichen Fleischkonsums nicht relevant ist, ob Menschen ‚immer schon‘ Fleisch essen, schon bekommt sie zu hören: „Aber alle machen das“ (…) „Aber es ist doch nicht verboten“ (…) „Aber die Tiere sind doch eh schon tot“ (…) „In anderen Ländern geht es noch viel schlimmer zu“, und so weiter. Auf jedes widerlegte ‚Argument‘ folgt reflexhaft ein weiterer Einwand. Wieder und wieder.

Die argumentativen Anstrengungen vegan lebender Menschen führen leider nur selten zu einem befriedigenden Gesprächsergebnis, denn dieses Vorgehen ist nur dann wirklich sinnvoll, wenn die Gegenseite erkennbar ein ehrliches Interesse daran hat, mehr über Veganismus zu erfahren. Wenn sie offen ist, die bisherige Meinung zu überprüfen und sich auf neue Sichtweisen einzulassen. Wenn sie aus einer lernenden statt aus einer wissenden Haltung heraus agiert, sich also mit Herz und Verstand auf einen echten Dialog einlässt. Oft geht es Nichtveganer*innen aber eher darum (wenn auch nicht immer bewusst), ihr Gegenüber zu überführen, dass sein Weltbild inkonsistent, seine Argumentation nicht bis ins letzte Detail schlüssig, Veganismus deshalb eben nichts weiter als eine weltfremde, extreme Spinnerei ist, und es von daher auch keinen Grund gibt, am eigenen Verhalten irgendetwas zu ändern.

Selbst wenn die vegan lebende Person geduldig jeden Einwand kompetent auseinander nimmt, ist sie dennoch, psychologisch gesehen, in einer schwachen, defensiven Position. Sie befindet sich im Modus der Rechtfertigung, während der/die  Nichtveganer*in die Führung im Gespräch innehat, selbst wenn er/sie vielleicht nur wenig Redeanteil hat. Wer sich permanent nur rechtfertigt, wirkt letztlich nicht sehr überzeugend, so gut die Argumente auch sein mögen.

Wer fragt, führt!

Eine einfache, sehr wirksame Methode, der ‚Rechtfertigungsfalle‘ zu entgehen, besteht darin, auf Einwände nicht sofort mit Gegenargumenten zu reagieren, sondern mittels öffnender Fragen die aktiv steuernde Rolle im Gespräch zu übernehmen. Wer fragt, führt! Gute Fragen sind in vielfältiger Hinsicht nützlich: Sie zwingen unser Gegenüber zum kritischen Nachdenken über die eigene Position, fokussieren auf relevante Aspekte eines Themas (zum Beispiel auf die Moral des Konsums tierlicher Produkte) und ermöglichen manchmal überraschende Einsichten (wenn auch bisweilen mit beachtlicher zeitlicher Verzögerung).

Fragen lenken Denken.

Gewissheiten erschüttern

Immer dann, wenn unser(e) Gesprächspartner*in vermeintliches Faktenwissen präsentiert, können wir ihm/ihr durch Fragen helfen, die oft mangelnde Substanz der eigenen Sicht zu erkennen. Ein Beispiel. Häufig wird einfach behauptet: „Der Mensch ist nun mal ein Fleischesser. Veganismus ist deshalb völlig unnatürlich.“

Man könnte sich direkt an dieser Behauptung abarbeiten, und belegen, dass der Mensch erwiesener Maßen eben kein Fleischesser ist. Man könnte über die Evolution und die Anatomie von omnivoren, karnivoren und herbivoren Lebewesen dozieren, Gebisse und Gedärme vergleichen, und anschließend den naturalistischen Fehlschluss, der der zweiten Aussage innewohnt, anhand einiger Beispiele auseinander nehmen.

Anstatt die Argumente zu widerlegen, ist es aber oftmals eleganter, unser Gegenüber durch Fragen zu zwingen, die eigene Sichtweise zu verteidigen. Man kann beispielsweise neugierig fragen:
• Woher genau weißt du, dass der Mensch ein Fleischesser ist?
• Auf welcher Forschung, auf welchen Fakten basiert deine Aussage?
• Inwiefern bedeutet die Tatsache, dass der Mensch Fleisch essen kann, auch automatisch, dass er es muss?
• Wie erklärst du dir, dass es Millionen von Menschen überall auf der Welt gibt, die völlig ‚wider die Natur‘ keinerlei Fleisch essen und sich dabei bester Gesundheit erfreuen?
• Inwiefern ist ein Verhalten, das in der Natur vorkommt, zwangsläufig das allein richtige Verhalten in der menschlichen Zivilisation? Was rechtfertigt diese Generalisierung?
• … ?

Ein anderer Klassiker der Kategorie ‚viel Meinung aber wenig Ahnung‘ ist die Überzeugung: „Veganismus bedeutet Mangelernährung und ist einfach total ungesund.“ Anstatt nun sofort die Positionen internationaler Ernährungsverbände zu zitieren, vegane Olympiasieger*innen aufzuzählen, die Lebenserwartungen veganer und nicht-veganer Menschen zu vergleichen oder Nährwerttabellen zu rezitieren, können wir einfach mal nachfragen:
• Was genau ist deiner Meinung nach ungesund?
• Welche Quellen hast du denn hierzu recherchiert, und wie hast du sie überprüft?

Jetzt ist der/die Nichtveganer*in dran, sein Wissen darzulegen. Je nachdem, welchen Mangel er/sie der veganen Ernährung unterstellt (Protein, Eisen, Calcium, B12, …), können wir weitere Vertiefungsfragen stellen oder unser eigenes Wissen erneut als Frage statt als Statement präsentieren, z.B.:
• Wann hast du zum letzten Mal von einem Menschen gehört, der in Deutschland an Proteinmangel gestorben ist?
• Wusstest du, dass nicht der Mangel, sondern der exzessive Konsum tierlichen Proteins, nahezu alle Zivilisationskrankheiten begünstigt?
• Was denkst du, welches Lebensmittel hat mehr Calcium und Protein je Kalorie: Broccoli oder Rindfleisch?
• Was glaubst du, wie die Tiere in der Massentierhaltung zu ihrem B12 kommen?
• Mehr als 30 Prozent der Amerikaner haben einen B12-Mangel. Wie kann das sein, wenn nur ein Prozent der Bevölkerung vegan lebt?
• … ?

Das selbe Vorgehen empfiehlt sich auch beim legendären Pflanzenargument, zumindest, wenn es als vermeintliches Wissen und nicht als offensichtliche Provokation daherkommt. Wenn es heißt: „Pflanzen haben auch Gefühle“, können wir nachfragen:
• Oh, das ist mir neu, was genau weißt du darüber?
• Was bedeutet das deiner Meinung nach für eine verantwortungsvolle ‚Pflanzenethik‘ und welche Konsequenzen ziehst du daraus für dein eigenes Leben?
• Wenn Pflanzen so sehr leiden, warum sollten wir ihnen vermeidbares Leid zufügen und sie erst an Tiere zu füttern, um anschließend die Tiere zu essen?
• … ?

Wann immer jemand seine antivegane Position begründen muss, steigt die Chance, dass er/sie die Fragwürdigkeit der eigenen Argumente bemerkt. Vielleicht fällt diesem Menschen dann auch plötzlich auf, dass er nur reflexartig etwas nachplappert, das er zwar schon oft gehört oder gelesen, aber noch niemals wirklich überprüft hat. Er wird zwar selten die Größe haben, dies direkt im Gespräch zuzugeben, aber wir dürfen hoffen, dass dieses Gespräch nachwirkt.

Irrelevanz konfrontieren

Viele antivegane ‚Argumente‘ sind für die Beurteilung der Frage, ob Menschen vegan leben sollten oder nicht, ganz einfach irrelevant. Dann muss man diese Einwände auch gar nicht widerlegen. Das Löwenargument ist ein prominentes Beispiel (oder die Inuits, unsere Vorfahren, oder die einsame Insel, …). Anstatt dagegen zu argumentieren, können wir einfach die Relevanzfrage stellen: „Inwiefern ist das Ernährungsverhalten des Löwen für unsere Frage, ob du und ich hier und jetzt vegan leben sollten von Bedeutung?“ Wenn daraufhin irgendeine abstruse Logik konstruiert wird, können wir fragen: „Verstehe ich dich richtig: Du willst allen Ernstes allein deshalb weiterhin Tiere zu deinem Vergnügen abstechen lassen, weil der Löwe nicht vegan lebt?“

Provokationen und Spekulationen kontern

Manche Argumente sind nichts weiter als antivegane Provokationen. „Hitler war Vegetarier“, ist ein Beispiel hierfür. Veganer*innen steigen oft auf diese Provokation ein und zitieren Biografien, die beweisen, dass Hitler eben kein echter Vegetarier war, oder sie verweisen darauf, dass z.B. Göbbels, Stalin und Mao Fleischesser waren. Hilfreicher wäre vielleicht auch hier eine Frage:
• Angenommen, es stimmt, welche Bedeutung hat das für unser Thema, das wir gerade diskutieren? Was genau sagt das aus?
• Inwiefern ist es deiner Meinung nach legitim, vom Verhalten eines Vegetariers auf das Verhalten aller Veganer*innen zu schließen? Wie würdest du es finden, wenn ich alle Fußballer*innen zu schlechten Menschen erklären würde, nur weil ich von einem miesen Handballer gelesen habe?

Fragen_Krone_der_SchöpfungAuch beliebte Spekulationen der Nichtveganer*innen, dass Veganismus zwar toll, aber praktisch eben nicht realisierbar ist, weil dann die Nutztiere aussterben, oder im Gegenteil, sich hemmungslos vermehren, wenn sie nicht mehr geschlachtet werden, und bald schon die Weltherrschaft an sich reißen, weil es außerdem viel zu wenig nutzbare Anbauflächen gibt, um alle Menschen satt zu bekommen, weil tausende Arbeitsplätze verloren gehen werden, usw. …, lassen sich mit einfachen Rückfragen auflösen.
• Wie wahrscheinlich ist es, dass alle siebeneinhalb Milliarden Menschen über Nacht vegan werden?
• Wozu braucht man deines Erachtens mehr Anbaufläche: für die Ernährung von 60 Milliarden Tieren plus sieben Milliarden Menschen oder allein für die Ernährung von sieben Milliarden Menschen?
• Wie wahrscheinlich ist es, dass sämtliche Arbeitsplätze in der Tierindustrie wegfallen und gleichzeitig keine neuen in der Erzeugung und im Verkauf nichttierlicher Lebensmittel entstehen?

Moralische Widersprüche enttarnen

Viele Nichtveganer*innen räumen mangels Argumenten (oder weil sie die Ethik des Veganismus insgeheim längst für richtig erkannt haben) sogar ein, dass wir Tieren ‚eigentlich‘ kein unnötiges Leid zufügen dürfen. Sie empfinden Veganismus aber als übertrieben und extrem. Sie beruhigen ihr Gewissen damit, dass sie nur wenig Fleisch essen, natürlich Bio, nur von glücklichen, vom ‚Vertrauensmetzger‘ eigens human getöteten Tieren oder sie leben vegetarisch und vertreten die Auffassung, dass für Milchprodukte und Eier niemand leidet.

Auch hier bieten sich einige Fragen an, die je nachdem, ob sich unser Gegenüber eher unwissend oder ignorant präsentiert, freundlich, frech oder auch konfrontativ ausfallen können:
• Was ist deiner Meinung nach artgerechte Haltung? Wie funktioniert das ‚humane‘ Töten von Lebewesen, die gar nicht sterben möchten?
• Was glaubst du, welche Vorgeschichte der Käse auf deinem Teller hat? Was weißt du über die ‚Produktionsbedingungen‘?
• Wenn du Tieren kein unnötiges Leid zufügen möchtest, wie rechtfertigst du es für dich, dass ein Tierkind, das sich Tag für Tag seines Lebens erfreut, für deine Konsumvorlieben sterben muss?
• Was erzählst du deinen Kindern, woher unsere Lebensmittel kommen?
• Wie glücklich muss ein Tier denn mindestens sein, dass es zu deinem Vergnügen abgestochen werden darf?
• Was ist grausamer: Tiere einsperren, mästen, töten, zu Fleisch verarbeiten, oder Tiere einsperren, zwangsweise schwängern, ein Kind gebären lassen, das Kind wegnehmen und ermorden, die Mütter als Milchmaschinen ausbeuten, in einem ständig wiederkehrenden Kreislauf erneut schwängern (usw. …) und dann, wenn sie völlig ausgelaugt sind, töten und zu Fleisch verarbeiten?

Fragen lenken Denken. Sie klären, inspirieren und erzeugen Betroffenheit. Vor allem kehren sie den Prozess von Aktion und Reaktion in der Weise um, dass nicht mehr Veganer*innen ihre Gewaltlosigkeit rechtfertigen müssen, sondern Nichtveganer*innen begründen müssen, warum sie ohne jede Notwendigkeit und entgegen der erklärten eigenen Werte noch immer Tiere quälen und töten lassen.

Fragen_Francione

Die Umkehr von Aktion und Re-aktion