Gedanken einer Aktivistin

Da steh ich also mit meinem Schild um den Hals, und vor mir teilt sich die Menge wie einst vor Moses das Tote Meer.
Es ist kalt.
Bitterkalt.
In meine Gedanken drängen sich Bilder von Tieren in kleinen Gitter-Käfigen. Ohne Schutz vor Wind und Nässe, nur das Fell an ihrem Körper, das ihnen bald gewaltsam genommen wird.

Ich sehe innerlich Bilder von Nerzen, die sich im Todeskampf minutenlang gegen die Wände der Kisten werfen, in die gerade CO oder CO2 geleitet wird, um ihr Leben zu beenden. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass ihr kostbares Fell keinen Schaden nimmt.
Würde man ihnen die Luftröhre und die Halsschlagader durchtrennen, wie man es bei anderen Tieren wie Kühen, Schweinen, Hühnern, Kaninchen, Puten, Schafen, Ziegen und vielen anderen praktiziert, die für die sogenannte „Fleischgewinnung“ getötet werden, würde man das kostbare „Produkt“ Pelz verletzen.

Pelz – fremde Haut, die von Menschen mit leeren Gesichtern durch die Innenstadt getragen wird.
Aber Nerz ist nichts für den Durchschnittsignoranten. Der/die junge Ausbeutungskonsument*in steht auf Kojotenpelz.
Je größer, desto besser.

Menschen jeden Geschlechts kommen mir entgegen, überheblich grinsend beim Blick auf das Plakat um meinen Hals.
Die Hosen, zu kurz, lassen den Blick auf entblößte Knöchel oberhalb der Sneakersöckchen zu. Aber je weiter man den Blick nach oben wandern lässt, desto deutlicher zeigt sich die Ode an den Winter.
Am Kapuzenaufschlag hängt das tote Tier.
Sein Fell bewegt sich im Wind. Lebendig gehäutet für eine sinnlose Mode.

„Ernte“ heißt dazu der euphemistische Fachjargon. Als würde man Äpfel von Bäumen pflücken und nicht ein Lebewesen gewaltsam und unter unvorstellbaren Schmerzen von seiner schützenden Haut trennen.
Der Nutzen dieser Kapuzenbehaarung ist gleich Null, sie gilt aber als Statussymbol unter den Jungen und Attraktiven.
Die nicht ganz so coolen Exemplare der Gattung Egosapiens tragen zusätzlich oder auch ausschließlich Bommelmützen mit Echtpelzbommel.
Jene Mützen, die ich mir bereits als Kind vom Kopf riss, sobald meine Eltern außer Sichtweite waren, weil sie einfach unfassbar peinlich waren.
Geändert hat sich daran nichts, nur, dass die Bommeln damals aus Polyester bestanden und nicht – wie heute – aus der Haut lebendig gehäuteter Kojoten und Hunde, denen ein Eisenhaken durch den Unterkiefer getrieben wird, um ihre Haut samt Haar besser an einem Stück abziehen zu können.
Im Internet findet sich dazu reichlich und schwer zu verkraftendes Videomaterial.

Ab und an bleibt jemand stehen, hört mir zu, nimmt einen Flyer und sagt mir leise, als solle es niemand außer mir hören, wie wertvoll meine Arbeit ist.
Das ist wie eine warme Brise an diesem kalten Tag, in einer noch kälteren Welt.

Viele grinsen.
Ich frage: „Sie wissen, dass ihr Pelz von einem Tier stammt, das lebendig und bei vollem Bewusstsein gehäutet wurde?“
Manche lachen und sagen: „Klar, aber das ist mir egal.“
Andere sind geschockt und ich frage mich, was sie dachten, wie der Pelz an ihren Kragen gekommen ist.

Ich schaue in viele Gesichter.
In lächelnde, die mir Zuspruch schenken, leise, heimlich, verschämt.
In lachende, verhöhnende.
In kalte, ausdruckslose.
Aber auch in peinlich berührte, denen klar wird, dass das Fell an ihrem Kragen dem Tier auf meinem Plakat gehört haben könnte.

Nach Stunden in der Kälte gehe ich nach Hause.
Etwas traurig, aber auch froh, den/die eine*n oder andere*n vielleicht doch erreicht zu haben.
Wenn es nur eine*r von hundert ist, hat sich die emotionale Achterbahnfahrt aus Wut, Abscheu, Traurigkeit und Hoffnung gelohnt.

Und eines ist jetzt schon klar: ich werde wieder dort stehen. Until every cage ist empty.