Gedanken zum Weltvegetariertag Des einen Freud, des anderen Leid.

Am ersten Oktober ist Weltvegetariertag.1 Für mich jedes Jahr ein denkwürdiges und emotionales Ereignis. An diesem Tag begegnen sich in mir zwei sehr unterschiedliche, intensive Gefühle: Freude und Trauer.

Ich freue mich von Herzen, dass immer mehr Menschen dem Fleischkonsum bewusst abschwören. Die meisten Vegetarier*innen tun dies nach eigenen Angaben aus moralischen Gründen. Sie lehnen die gewalttätigen Zustände, insbesondere in der Massentierhaltung, entschieden ab, und möchten nicht weiter für das Leid der gepeinigten Tiere mitverantwortlich sein. Ich freue mich auch deshalb, weil ich – aus eigener und fremder Erfahrung – weiß, dass bei Vegetarier*innen eine im Vergleich zu Fleischesser*innen statistisch deutlich erhöhte Chance besteht, dass sie irgendwann in ihrem Leben noch einen weiteren Schritt gehen und sich für eine vegane Lebensweise entscheiden.

Gleichzeitig bin ich aus mehreren Gründen sehr traurig. Zum einen, weil ich mittlerweile weiß, dass Vegetarismus kein sinnvoller Zwischenschritt, sondern ein völlig unnötiger Umweg ist. Andererseits, weil Vegetarismus bei näherer Betrachtung eben gar kein ethisches Verhalten ist (sondern höchstens ein vermeintlich ethisches Denken). Wer aufhört Fleisch, Wurst und Fisch zu essen, aber andere tierliche Produkte weiterhin konsumiert, unterstützt immer noch Tierquälerei – und zwar in erschreckendem Ausmaß. Vegetarismus vermeidet nicht Leid, sondern verschiebt und konzentriert es lediglich auf ganz bestimmte Opfer.

Vor allem aber bin ich voller Trauer und Scham über meine eigene Ignoranz. Der Weltvegetariertag erinnert mich daran, dass ich selbst eine Reihe einfacher Zusammenhänge viel zu lange nicht erkannt habe. Vielleicht wollte ich sie auch einfach nicht erkennen. Ich lebte mehr als zwanzig Jahre als Vegetarier und dachte ernsthaft, dass ich auf diese Weise meinem Bekenntnis zur Gewaltfreiheit und meiner Verantwortung gegenüber den geschundenen Tieren in der sogenannten ‚Nutztierhaltung‘ gerecht werde. Tatsächlich habe ich in dieser Zeit vermutlich mehr Leid verursacht als zuvor als Omnivore.2

Viel zu spät begann ich zu recherchieren, und die Fakten in ihrer dramatischen Tragweite zu verstehen. Es sollte der schmerzhafteste Erkenntnisprozess meines Lebens werden, an dessen Ende ich endlich, mit vielen Jahren ignoranzbedingter Verspätung vegan wurde. Ich kann meine Fehler leider nicht ungeschehen machen, ich kann sie nur bereuen und künftig vermeiden. Die Tiere würden mir, wenn sie meine Geschichte verstehen und zu mir sprechen könnten, vermutlich nicht verzeihen. Dazu ist das Leid, das Vegetarismus verursacht, zu offensichtlich und zu brutal.

Wer Eier konsumiert, trägt direkt Verantwortung für den grausamen Tod von jährlich 50 Millionen männlichen Küken, die kurz nach der Geburt lebendig geschreddert oder vergast werden – als wertloser Müll. Wer in irgendeiner Form Milchprodukte konsumiert, ist mitverantwortlich für das Schlimmste, was man einer Mutter und ihrem Kind überhaupt antun kann – die gewaltsame, dauerhafte Trennung unmittelbar nach der Geburt. Männliche Kälber werden ihren Müttern entrissen, kurze Zeit gemästet, nach wenigen Wochen abgestochen und als Kalbsfleisch verkauft, weil wir ihre Milch trinken wollen. Kühe ‚geben‘ nämlich keine Milch, zumindest nicht uns. Vielmehr stehlen wir sie ihren Kälbern.

Foto: Jo-Anne McArthur

Ein neugeborenes Kalb. Gewaltsam getrennt von seiner Mutter. Sie werden sich nie wiedersehen. (c) Bildquelle: Jo-Anne McArthur

‚Milchkühe‘ werden in einem grausamen Kreislauf von Zwangsschwängerung, Geburt, Kindesraub, Milchproduktion, erneuter Schwängerung, usw. auf unvorstellbar grausame Weise ausgebeutet, bis sie nach vier oder fünf Jahren, die geforderte Milchleistung verfehlen und völlig ausgemergelt im Schlachthaus landen. In Deutschland werden jährlich auch rund 180.000 trächtige Kühe geschlachtet. Die ungeborenen Kälber ersticken dabei qualvoll im Mutterleib.3 Die Milchindustrie ist die vielleicht grausamste aller Tierausbeutungsindustrien.

Fast alle Tiere, die für die kulinarischen Vorlieben von Vegetarier*innen ausgebeutet werden, enden letztlich im Schlachthaus, genau wie ihre Artgenossen aus der Fleischindustrie. Dass Vegetarier*innen den Verzehr der Leichenteile ihrer Opfer dann den Fleischesser*innen überlassen, macht die Sache nicht besser.

Wenn Sie Vegetarier*in sind, und wenn Sie dies aus einer ethischen Motivation heraus sind, dann bitte ich Sie: Nehmen Sie den Weltvegetariertag zum Anlass und erforschen Sie neugierig die Geschichte Ihrer ‚Lebensmittel‘. Prüfen Sie sorgfältig, ob das, was Ihnen da an Unrecht und Gewalt begegnet, tatsächlich mit Ihrem Sinn für Gerechtigkeit und Ihrer Empathie gegenüber leidensfähigen Geschöpfen vereinbar ist. Legen Sie Zeugnis ab: Schauen Sie sich auch die Bilder aus den Tierfabriken und Schlachthöfen an. Lassen Sie sich berühren von dem Schmerz, den wir den Tieren Tag für Tag ohne jede Notwendigkeit zufügen, eben auch als Vegetarier*innen. Zeugnis ablegen erfordert Mut und tut oftmals sehr weh, weil wir dabei mit der eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert werden und den Widerspruch zwischen unseren erklärten Werten und unserem gelebten Verhalten erkennen. Weil wir bemerken, dass wir Unrecht begehen und direkt für entsetzliche Tierquälerei verantwortlich sind.

Im gleichen Moment bietet sich uns aber auch eine wunderbare Chance. Wenn unsere Herzen erschaudern im Angesicht des Leids, können wir eine kraftvolle Entscheidung treffen: für die Tiere, für diesen Planeten, für unsere Kinder und nicht zuletzt für uns selbst.4

Schauen Sie hin. Hören Sie hin. Bitte. Werden Sie vegan.

  1. Der Weltvegetariertag wurde erstmals im Jahr 1977 von der North American Vegetarian Society ausgerufen und findet jährlich am 1. Oktober statt. []
  2. Morgens und abends gab es all die Jahre reichlich Butter und zig Sorten Käse (ich lebte in der Käsehochburg Allgäu), als Hauptspeise am liebsten Pasta mit Parmesan, Gemüseaufläufe mit Käse überbacken, Rühreier, Käsespätzle oder mit Sahne ‚verfeinerte‘ Suppen. Es gab fast keine Mahlzeit ohne tierliche Produkte. []
  3. https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/regioline_nt/hamburgschleswigholstein_nt/article126188024/Tierschuetzer-fordern-Schlachtverbot-fuer-traechtige-Kuehe.html []
  4. Achtung: Dieses Video enthält drastische Szenen von Gewalt. Animal Rights Watch (ariwa) zeigt die ungeschminkte Wahrheit der Milchproduktion. https://www.youtube.com/watch?v=2LvYOZXyIYs []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Veganes Leben, Warum vegan?, Ethik, Erfahrungen, Ereignisse abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.