Haben Veganer mehr Empathie?

Empathie

Der Artikel1 „Study Shows Vegans Are More Empathetic, Neurologically Speaking“ weckt den Eindruck, Veganer seien deshalb vegan, weil sie eben einfach mehr Empathie haben.

Ist die Intensität des Mitgefühls, das wir empfinden oder eben nicht empfinden, also womöglich eine unveränderliche Größe? Können Nicht-Veganer somit vielleicht gar nicht vegan werden, oder fällt es ihnen aufgrund dieser weniger vorhandenen Fähigkeit schwerer?

Diese Annahme teile ich nicht. Ich vermute eher etwas anderes. Nämlich, dass uns von klein auf beigebracht wird, bei bestimmten Lebewesen, Nutztieren zum Beispiel oder auch Obdachlosen, unser natürliches Mitgefühl zu unterdrücken und dass wir, um uns das zu ermöglichen, von klein auf mit den dazu nötigen Rationalisierungen indoktriniert werden. „Die empfinden das alles nicht so wie wir. Es geht auch ganz schnell.“, „Wenn du dem was gibst, versäuft er es doch nur.“ Man lernt und trainiert von Kindesbeinen an, weg zu sehen. Anfangs fühlt man sich unwohl dabei, später ist es dann automatisiert.

Deshalb würde mich eine andere Art von Studie viel mehr interessieren:

Was passiert mit diesen Empathie-Bereichen im Gehirn, wenn jemand vom Nicht-Veganer zum Veganer wird? Reagieren sie öfter? Schneller vielleicht? Oder intensiver? Wie entwickelt sich das über die Jahre hinweg?

Ich bin fest davon überzeugt, dass man, indem man vegan wird, sich selbst wieder erlaubt, dieses natürliche Mitgefühl nicht nur zuzulassen, sondern auch entsprechend zu handeln.

Zumindest ist das etwas, das ich meine, an mir selbst erlebt zu haben. Als ich mich entschied, vegan zu werden, hatte ich das Gefühl, von Tag zu Tag empfindsamer zu werden. Ich entwickelte eine zunehmende Bereitschaft, mich diesem Mitgefühl, das ja oft von Gefühlen der Trauer, der Wut und Ohnmacht begleitet wird, zu stellen. Das sind alles keine bequemen Gefühle und ich fürchte, dass das Leben tatsächlich einfacher erscheint, wenn man ihnen ausweicht, sie gar nicht erst zulässt. Hat man sie erst einmal wiederentdeckt, dann muss man eben auch handeln. Folgt dem Fühlen kein entsprechendes Handeln, dann nimmt man sich selbst als widersprüchlich wahr, als „schlecht“ und scheinheilig. Das ist natürlich sehr unangenehm.

Vielleicht ist aber genau dieses Unangenehme das, was uns retten könnte. Wer sein Mitgefühl zulässt und sich demzufolge gezwungen sieht, entsprechend zu handeln, der kann niemandem mehr seine Hilfe verweigern.

Wie würde wohl eine Welt aussehen, in der alle einander helfen, wo und wann immer es möglich ist? Wo alle versuchen, einander zu trösten und zu behüten, wo immer es nötig ist? Eine Welt, in der wir den Lebensraum anderer achten und wahren? Eine Welt, in der wir freiwillig zurückstecken, um anderen nicht zu schaden?

  1. Study Shows Vegans Are More Empathetic, Neurologically Speaking []

Über Susanne

Froh, vegan zu sein, als ob atheistisch nicht schon gereicht hätte.
Fühlende Wesen sind kein Eigentum. Ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Freiheit, ihr Recht.

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