Haben wir eigentlich einen Knall? Silvesterfeuerwerk - Der einen Freud, der anderen Leid

Silvester. Während sich die einen bereits darauf freuen mit einem krachenden Feuerwerk fulminant ins neue Jahr zu starten, ist den anderen genau dieses Ereignis ein Gräuel, das ihnen jede Vorfreude auf den Jahreswechsel verdirbt. Was für die einen ein guter alter Brauch ist, für den man gerne mal bedenkenlos 137 Millionen Euro in einer einzigen Nacht ‚verbrennen‘ darf, empfinden die anderen als einen unsinnigen, gewalttätigen Akt der Verschwendung und Ignoranz.1

Sind die Kritiker*innen des Feuerwerks einfach nur spaßbefreite Langweiler*innen, oder haben sie vielleicht gute Gründe, sich nicht an dem Spektakel zu beteiligen? Sie haben. Wer beabsichtigt, sich auch dieses Jahr wieder an der Knallerei zu beteiligen, sollte sich zuvor mit diesen Argumenten auseinandersetzen.

Feuerwerke verursachen Tierleid

Wir sind nicht allein auf dieser Welt, sondern tragen Verantwortung für das Wohlergehen der anderen Lebewesen, mit denen wir uns diesen Planeten teilen.

Bei vielen Tierarten lösen Lärm, Lichtreize und intensive Gerüche massiven Stress aus. Tiere haben oftmals ein wesentlich empfindlicheres Gehör und einen feineren Geruchssinn als wir Menschen. Beides ist für viele überlebensnotwendig. Ihre geschärften Sinne warnen sie frühzeitig vor potenziellen Gefahren und ermöglichen eine rasche Flucht.

Feuerwerke werden von den meisten Tieren als extreme Bedrohung wahrgenommen. Wenn das Krachen und Blitzen in der Silvesternacht plötzlich losgeht, reagieren sie oft panisch. Viele bekommen Todesangst. Egal ob Wildtiere, Haustiere oder sogenannte Nutztiere: Für sie ist diese Nacht ein absoluter Ausnahmezustand. Hunde zittern oft noch Stunden nach dem Feuerwerk vor Aufregung am ganzen Körper. Haustiere, die nicht eingesperrt sind, rennen in Panik weg und kehren erst nach Tagen oder vielleicht auch nie wieder heim. Auch Wildtiere werden aufgescheucht und rennen in alle Richtungen davon. Manche werden auf der Flucht von Autos erfasst und getötet, wieder andere finden nicht mehr zu ihren Familien zurück. Igel werden im Winterschlaf gestört oder gar aufgeweckt und verbrauchen sinnlos lebenswichtige Energiereserven. Millionen Vögel schrecken in ihren Schlafplätzen auf und steigen scharenweise orientierungslos in große Höhen auf. Viele überleben den Schock und die Anstrengung nicht.2

Im Jahr 2011 kam es in der Silvesternacht im US Bundesstaat Arkansas zu einem gruseligen Ereignis. Auf einer Strecke von zwei Kilometern fielen während des Feuerwerks mehr als 3.000 Amseln tot vom Himmel. Das Ereignis war so gespenstisch, dass manche Einwohner*innen später berichteten, sie hätten geglaubt, dies sei der Beginn der Apokalypse.3

Wer böllert, unterstützt fast immer Ausbeutung und Kinderarbeit

Die pyrotechnische Industrie in Deutschland beschäftigt gerade mal 3.000 Menschen.4 Die Hauptproduzenten der Feuerwerkskörper sind China und Indien, die mit ihren Produkten 97% des Weltmarktes decken.5

Die Produkte werden dort unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt. Nach Angaben der Kampagne aktiv gegen Kinderarbeit arbeiten allein in Indien ungefähr 70.000 Kinder in der Feuerwerksindustrie. Laut Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi fangen die Kinder schon mit fünf Jahren zu arbeiten an. Zehn bis Zwölfjährige arbeiten bis zu 13 Stunden am Tag – sechs Tage die Woche. Sie verdienen nur einen Bruchteil dessen, was die erwachsenen Arbeiter*innen bekommen, aber auch sie sind bei ihrer Arbeit extremen Gefahren ausgesetzt. Verätzungen durch giftige Chemikalien und schwere Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung.6

Feuerwerke belasten die Luft und produzieren tonnenweise Müll

Laut Umweltbundesamt werden allein in der Neujahrsnacht in Deutschland rund 4.500 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Diese Menge entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge.7 Angesichts der ohnehin dramatischen Feinstaubbelastung insbesondere in vielen Innenstädten überrascht es, dass in der Diskussion über mögliche Gegenmaßnahmen nur wenige Akteure ein Verbot von Silvesterfeuerwerken fordern. Es wäre eine naheliegende, leicht umsetzbare, sofort wirksame Maßnahme.

Wenn alles vorbei ist … (Foto: Pixabay)

Silvesterfeuerwerke produzieren tausende Tonnen Müll, der in den nächsten Tagen wieder eingesammelt und entsorgt werden muss. Obwohl das Abfallrecht eigentlich vorsieht, dass jede(r) Einzelne seinen/ihren Müll selbst wegräumen soll, geschieht dies tatsächlich fast überall in Deutschland durch die städtischen Straßenreinigungen, also auf Kosten der Steuerzahler*innen.

Allein in München entsorgten zu Jahresbeginn 150 Mitarbeiter*innen der städtischen Straßenreinigung mit Kehrmaschinen, LkW-Kippern, Mehrzweckfahrzeugen und Kleintraktoren 60 Tonnen Silvestermüll. Zehn Tonnen mehr als im Vorjahr.8

Während in den Städten das gewohnte Straßenbild schnell wieder hergestellt ist, kümmert sich nahezu niemand um die Feuerwerksreste, die auf die Wälder, Felder, Wiesen und Gewässer herabfallen. Millionen von Plastikteilen, die Jahrzehnte brauchen, um zu verrotten.

Gesundheitsgefährdung und Körperverletzung

Es gibt gute Gründe, warum es Privatpersonen ohne Sondergenehmigung an 364 Tagen im Jahr verboten ist, ein Feuerwerk abzufackeln. Allein dass dies eine Verordnung zum Sprengstoffgesetz regelt, lässt ahnen, dass das Silvestervergnügen wohl ein durchaus gefährlicher Spaß ist.9 Wir bringen große Mengen Sprengstoff zur Detonation und gefährden dadurch uns selbst und andere. Jedes Jahr verletzen sich hunderte Menschen in der  Silvesternacht beim Hantieren mit Feuerwerkskörpern schwer. Manche Unfälle enden tödlich. Allein das Unfallkrankenhaus Berlin zählte in der Nacht zum Jahreswechsel 2018 21 Verletzte. Mindestens fünf Patienten erlitten schwere Amputationsverletzungen. Das Team der Handchirurgie arbeitete durchgehend in drei Operationssälen.10

Außerdem werden auch viele unbeteiligte Menschen verletzt. Sie erleiden häufig Verbrennungen oder sogenannte Knalltraumata, wenn sie in der Nähe sind, wenn (oftmals alkoholisierte) Mitmenschen grob fahrlässig mit Böllern hantieren oder diese gar mutwillig in die Menge werfen.  Bei den männlichen Verletzten der Silvesternacht sind 40% der Unfälle fremdverschuldet, bei Frauen ist der Anteil der Fremdverschuldung mit 80% sogar doppelt so hoch.11

Knallkörper erzeugen eine Lautstärke von bis zu 180 Dezibel. Die Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs liegt bei ca. 120 Dezibel. Lärm, der diesen Pegel übersteigt, schädigt die Ohrzellen im Innenohr. Sterben die Hörzellen ab, sind sie unwiderbringlich verloren. Bereits ein einziger Knall von mehr als 150 Dezibel kann ein Knalltrauma auslösen und zu Schwerhörigkeit und dauerhaften Ohrgeräuschen führen.12 Aus einer Mitteilung des Ärzteblatts geht hervor: In Deutschland erleiden jährlich 8.000 Menschen an Silvester Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Rund ein Drittel behält bleibende Schäden.13

Erst nachdenken, dann nicht böllern

Die Argumente gegen Böller und Raketen sind begründet und leicht nachvollziehbar. Fragt man die Befürworter*innen nach ihren Argumenten pro Feuerwerk, so bekommt man in der Regel keine substanzielle Gegenrede, sondern eher schwache Argumente wie ‚Das Feuerwerk zu Silvester ist einfach eine schöne Tradition‘, ‚Ich mache das auch nur wegen der Kinder‘ oder ‚Wollt ihr jetzt alles verbieten, was Spaß macht‘ zu hören.

Spaß zu haben ist natürlich ein legitimer Wunsch. Allerdings endet unser Recht auf Spaß genau da, wo es anderen vorsätzlich Schaden zufügt. Sich auf Kosten anderer zu amüsieren, die vielleicht mit ihrer körperlichen Unversehrtheit oder ihrem Leben dafür bezahlen, ist nicht lustig, sondern egoistisch und ignorant.

Kinder sind mühelos in der Lage, zu verstehen, warum man sich ab sofort nicht mehr an der Knallerei beteiligt. Würde man ihnen z.B. erklären, dass die Feuerwerkskörper von Kindern ihres Alters am anderen Ende der Welt unter furchtbaren Bedingungen gefertigt werden, oder dass tausende von Tieren in der Silvesternacht durch unsere Gleichgültigkeit leiden und sterben müssen, wären die meisten wohl sofort bereit, auf diese merkwürdige Tradition zu verzichten und stattdessen auf andere Weise Spaß zu haben.

Wie wäre es also, im Kreis der Familie das Thema einmal in Ruhe zu besprechen, um gemeinsam eine verantwortliche Entscheidung zu treffen? Man stelle sich vor, die Menschen in diesem Land würden sich kollektiv entschließen, 137 Millionen Euro für etwas wirklich Sinnvolles statt für Feuerwerkskörper auszugeben.

 

  1. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  2. Der Falke. Journal für Vogelbeobachter. 01/2013. https://blog.canoncam.de/media/blogs/cam/SONJA/Falke_Studie_Voegel_Silvester.pdf []
  3. Die Welt. Silvesterböller verursachen mysteriöses Vogelsterben. https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article11962392/Silvesterboeller-verursachten-mysterioeses-Vogelsterben.html []
  4. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  5. Die Stadt Liuyang in China ist mit 1700 Fabriken der größte Fabrikant. In Liuyang arbeitet ein Drittel der Bevölkerung in der Feuerwerksproduktion. Die Stadt Sivakasi in Südindien wird auch die ‚Feuerwerkhauptstadt‘ genannt. Mehr als 90% der aus Indien stammenden Feuerwerkskörper werden hier in über 800 Werken produziert. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  6. Kampagne ‚aktiv gegen Kinderarbeit‘. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  7. Umweltbundesamt. Dicke Luft zum Jahreswechsel. https://www.umweltbundesamt.de/themen/dicke-luft-jahreswechsel?fbclid=IwAR3MMtUcPfvBSR6fRixQJoheIyLs5EPAfbudtb95QZqzHff6SICez6x9oNQ []
  8. münchen.tv. https://www.muenchen.tv/strassenreinigung-60-tonnen-silvestermuell-mussten-entsorgt-werden-254400/ []
  9. Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz, § 23.  https://www.gesetze-im-internet.de/sprengv_1/__23.html []
  10. Spiegel online. http://www.spiegel.de/panorama/silvester-unfaelle-durch-boeller-und-silvester-fondue-a-1185749.html []
  11. Stille Nacht. http://web201.c10.webspace-verkauf.de/bi-stillenacht/index.php?pid=7&art=1963 []
  12. RP Online: Damit nach Silvester nicht das Knalltrauma bleibt. https://rp-online.de/leben/gesundheit/medizin/damit-nach-silvester-nicht-das-knalltrauma-bleibt_aid-13041051 []
  13. Ärzteblatt. Zahl der Woche. https://www.aerzteblatt.de/archiv/treffer?mode=s&wo=1008&typ=16&aid=133942&s=Silvester []