Hauptsache vegan? Dilemmata beim Kauf veganer Produkte

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Vegane Produkte liegen im Trend. Ein äußerst interessanter Wachstumsmarkt, sowohl für innovative Start-ups als auch für die etablierten Konzerne, die sich mit der veganen Produktschiene ein lukratives Zusatzgeschäft erschließen.1

Kaufen oder meiden?

Wie sollte man als Veganer*in mit all diesen Angeboten umgehen? Welche Produkte sollten wir kaufen, welche besser nicht? Welche Firmen sollten wir aktiv unterstützen und weiterempfehlen, welche sollten wir meiden? Spielt es überhaupt eine Rolle, wer die Produkte herstellt und oder vertreibt?

Verfolgt man die Diskussionen in den sozialen Medien zu diesen Fragen, so gewinnt man schnell den Eindruck, dass es unter Veganer*innen dazu offenbar zwei konträre Hauptmeinungen gibt:

  1. Wenn etablierte Tierausbeutungsunternehmen jetzt auch vegane Produkte auf den Markt werfen, so ist dies nichts weiter als ein weiterer Ausdruck ihrer Profitgier. Es ‚beweist‘ lediglich ihr Gespür für Markttrends und ist kein Indiz für einen etwaigen moralischen Sinneswandel. Diese Unternehmen müssen konsequent boykottiert werden. Wer das nicht tut, verrät die vegane Idee.
  2. Was immer an veganen Angeboten in die Regale kommt, ist wunderbar, völlig egal woher es kommt. Hauptsache vegan. Wer das kritisiert, oder gar zum Boykott einzelner Firmen aufruft, bremst mit dieser bornierten Haltung die Dynamik des Vegantrends.

Ich möchte im Folgenden eine Haltung skizzieren, die beiden Positionen etwas abgewinnt, nämlich meine eigene, ganz private Sichtweise des Themas.

Eine erfreuliche Entwicklung

Die Qual der Wahl

Aus meiner Sicht ist es grundsätzlich zu begrüßen, wenn die Palette und die Verfügbarkeit veganer Produkte stetig wächst – und zwar zunächst völlig unabhängig von der Frage, wer diese produziert. Wenn wir wollen, dass möglichst viele Menschen sich für ein veganes Leben entscheiden, sollten wir uns freuen, wenn ihnen der Zugang zu den entsprechenden Produkten so einfach wie möglich gemacht wird. Mühelose Verfügbarkeit alternativer Produkte ist ein bedeutender Schlüssel zur Veränderung von Konsumgewohnheiten. Wann immer ein(e) Noch-Nicht-Veganer*in ein veganes Produkt anstelle eines unveganen aus dem Supermarktregal entnimmt, ist das gut.  Es ermöglicht diesen Menschen erste positive Erfahrungen, fördert eventuell die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema und stärkt generell die vegane Produktschiene gegenüber Tierqualprodukten. Vor allem ist es natürlich auch immer gut, wenn für ein beliebiges Produkt eben kein Tier vorsätzlich leiden und sterben muss.

 

Die Illusion vom veganen Produkt

Wenn wir unseren eigenen Umgang mit den vielfältigen veganen Angeboten klären möchten, sollten wir uns zunächst klarmachen, dass es bei konsequenter Betrachtung hundertprozentig vegane Produkte de facto kaum gibt.

Wenn wir zum Beispiel vegane Produkte im Supermarkt kaufen, so unterstützen wir damit automatisch ein Unternehmen, das überwiegend unvegane Artikel führt (und unter anderem eine Fleisch- und Käsetheke betreibt), also in erheblichem Umfang von Tierquälerei profitiert. Selbst wenn wir unsere pflanzlichen Lebensmittel in einem rein veganen Laden einkaufen, so wurden diese vielleicht mit tierischer Gülle oder anderen tierlichen Substanzen gedüngt und wurden vermutlich von unveganen Transporteuren angeliefert. Auch wenn Hersteller*innen eine glasklare ethische Ausrichtung haben und ausschließlich vegane Produkte produzieren, so kaufen sie die Zutaten irgendwo, beziehen irgendwo das Verpackungsmaterial, produzieren auf Anlagen unveganer Maschinenbauer. Auch vertreiben sie die Produkte in der Regel nicht ausschließlich an vegane Händler*innen, geschweige denn liefern sie mit einem eigenen veganen Lieferservice direkt und ausschließlich an Konsument*innen.2

Egal, was wir konsumieren: Irgendwo im Produktentstehungs- und/oder Transport- und Distributionsprozess verdienen auch unvegane Unternehmen Geld mit diesem Produkt. Unternehmen, die gleichzeitig auch Geschäfte betreiben, die direkt von Tierquälerei profitieren. Das ist letztlich kaum vermeidbar. Das Thema ist also nicht ganz so einfach und eindeutig, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint.

Hauptsache vegan?

Was bedeutet das für Menschen, die bereits vegan leben? Also für Menschen, die sich aus ethischen Gründen für diese Lebensweise entschieden haben, weil sie Tierquälerei ablehnen und mit ihrem Handeln möglichst wenig Leid verursachen möchten. Wenn es hundertprozentig ethische Produkte ohnehin nicht gibt, sollten sie sich dann am besten gar keine Gedanken mehr darüber machen, welche und wessen Produkte sie kaufen? Hauptsache vegan, alles andere ist uninteressant?

Nein, das sollten sie bitte nicht.

Ich achte in meinem eigenen Konsumverhalten durchaus darauf, möglichst Produkte von ethisch motivierten Unternehmen zu kaufen, die auf ein ausschließlich veganes Angebot setzen. Mir ist sehr wichtig, Unternehmer*innen zu bevorzugen, deren Werte und Vision ich teile. Wieso sollte ich Produkte von Tierqualkonzernen kaufen, die jeden Tag vorsätzlich, ohne jeden Skrupel, Millionen von Leben für den eigenen Profit auslöschen? Wieso sollte ich Gier und ethische Gleichgültigkeit unterstützen, wenn ich auch jemand belohnen kann, der/die sich für eine friedlichere, gerechtere Welt engagiert? Ich empfinde es als selbstverständlichen Akt der Solidarität, lieber Gleichgesinnte zu unterstützen, wenn ich die Wahl habe. Beim Kauf veganer Produkte habe ich eben nicht nur die Qual der Wahl, sondern buchstäblich auch die Wahl der Qual. Ich wähle, ob ich mein Geld lieber Tierquälern anvertraue oder Menschen, die bestrebt sind, Tierleid so weit wie irgend möglich zu vermeiden.

Jeder Kauf von Produkten bei Tierausbeuter*innen stärkt diese völlig unnötig im Wettbewerb innerhalb des veganen Marktsegments. Wiesenhof, Tönnies, Rügenwalder und Co. haben ohnehin einen riesigen Wettbewerbsvorsprung gegenüber den kleinen, meist noch jungen, ethisch motivierten Konkurrent*innen. Sie sind bereits präsent in den Regalen der großen Discounter. Für sie ist es einfach, in den verfügbaren Regalflächen tierliche Produkte probeweise oder im Erfolgsfall dauerhaft durch vegane zu ersetzen. Wer ihre Produkte kauft, trägt aktiv dazu bei, dass ethisch motivierte Produkte vielleicht gar nicht erst in die Regale kommen.3

Wie sag ich’s …?

Die Frage, wie wir die veganen Konsumentscheidungen unserer Mitmenschen kommentieren sollten, hängt wiederum von ihrem ‚veganen Reifegrad‘ ab. Auf jeden Fall sollten wir andere eher informieren statt belehren und zum Denken anregen statt sie zu verurteilen. Jemand, der gerade beginnt, sich überhaupt für vegane Produkte zu interessieren, wäre mindestens irritiert, wenn wir nichts Besseres zu tun haben als mit erhobenem Zeigefinger über ‚gute‘ und ’schlechte‘ Produkte und Unternehmen zu dozieren. Wir sollten immer berücksichtigen, mit wem wir es zu tun haben, wo dieser Mensch in seiner Entwicklung zum Veganer/zur Veganerin steht und mit welchen Rahmenbedingungen er klarkommen muss.4

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Freund A, ein Omnivore, der gerade anfängt, sich dem Thema Veganismus zu nähern und gelegentlich vegane Prdukte zu testen, und Freund B, ein langjähriger ethisch motivierter, veganer Tierrechtler, haben beide unabhängig voneinander die Lidl-Fan-Pizza probiert. Nun berichten sie mir begeistert. Freund A ermutige ich: „Ja, viele vegane Produkte sind sehr lecker. Kaufe mehr davon und lass dich überzeugen“. Freund B hingegen gebe ich den Hinweis: „Ist dir bekannt, dass der Hersteller der Pizza, Trattoria Alfredo, zur Ospelt Food GmbH gehört, eines der führenden Fleischunternehmen Europas?“

Fazit

Es gibt kein universell gültiges Patentrezept, wie wir beim Kauf veganer Produkte entscheiden sollten. Ich empfehle aber, ethisch motivierte Unternehmen mit ausschließlich veganer Produktpalette zu bevorzugen, wann immer das mit vertretbarem Aufwand möglich ist.5 Ich empfehle auch, im veganen Freundeskreis für diese Einstellung zu werben. Um bei dem sensiblen Thema den richtigen Ton zu treffen, hilft vielleicht die pragmatische innere Haltung: Vegan zu leben ist unsere Pflicht, die ‚richtigen‘ Produkte zu konsumieren ist die Kür.

  1. Beispielsweise lag der Anteil der im Jahr 2015 in Deutschland neu auf den Markt eingeführten veganen Lebensmittel bei 10%. 2013 waren es noch 3%. Der Anteil der neu auf den deutschen Markt eingeführten Fleischersatzprodukte, die als ‚vegan‘ vermarktet werden, lag im Jahr 2015 bei 52%, im Vergleich zu 3% im Jahr 2013. Quelle: https://www.aid.de/inhalt/vegane-lebensmittel-559.html []
  2. Die skizzierten Dilemmata gelten natürlich nicht nur für vegane Lebensmittel, sondern auch für Kleidung, Kosmetika, Putzmittel, Gebrauchsgegenstände und vieles mehr. Lebensmittel sind aber besonders häufig der Auslöser von Grundsatzdiskussionen unter Veganer*innen. Deshalb habe ich dieses Beispiel gewählt. []
  3. Bei der Beschäftigung mit einzelnen Anbieter*innen versuche ich offen zu bleiben, für etwaige ethisch begründete Strategiewechsel. Sollte ein Unternehmen glaubhaft erklären, dass es einen sukzessiven Wandel vom Gemischtanbieter zum rein veganen Hersteller anstrebt, verdient es eine wohlwollende Beobachtung und gegebenenfalls auch Unterstützung, wenn das Unternehmen in der Praxis beweist, was es verspricht. Entscheidendes Kriterium für eine Unterstützung sind dabei die Taten, nicht die Worte. []
  4. Einem Menschen, der viel Zeit und hinreichend Geld hat, kann ich andere Empfehlungen geben als einer alleinerziehenden, voll berufstätigen Person, die nach Feierabend noch schnell die Einkäufe im Supermarkt tätigen muss. []
  5. Eine Liste, wer alles vegane Produkte herstellt und welche Unternehmen sich hinter den einzelnen Marken verbergen, gibt es hier: http://vegan-welt.de/wer-steckt-hinter-den-fleischersatzprodukten/ []