Ihr seid missionarisch!

MissionierenEin jeder dürfte schon mal einer Aussage begegnet sein, die er als offensichtlich „nicht richtig“, ja nahezu „falsch“ eingestuft hat. Sei es das bekannte Beispiel „1+1=3“. Jeder Mathelehrer hat das Recht, diese Aussage als fehlerhaft zu markieren. Aber wie kommt das überhaupt? Warum wird mir mein Umfeld direkt mitteilen, dass ich falsch liege, wenn ich eine solche Behauptung aufstelle, und wieso kann man sich bei anderen Aussagen mit dem Satz „Das ist nun mal meine Meinung“ gegen Kritik immunisieren?

Die Aussage „Das ist nun mal meine Meinung“ impliziert, dass gemeinte Behauptung nicht „objektiv“ mit „wahr“ oder „falsch“ betitelt werden kann.
Wie sieht so eine Behauptung aus?
Bei dem Satz „Ich finde rote Blüten am schönsten.“ wird wohl kaum jemand widersprechen, denn das ist trivialerweise eine Aussage, die sich auf den eigenen Geschmack bezieht. Wandeln wir den Satz in „Jeder findet rote Blüten schön“ um, dann darf er natürlich angegriffen werden. Jede Aussage bezüglich der Allgemeinheit ist also begründungspflichtig und darf von Außenstehenden kritisiert werden.
„1+1=2“ ist eine Aussage, der allgemeine Axiome zugrunde liegen, und die Mathematik akzeptiert eine solche Aussage auch erst nach seitenlangen Beweisführungen als „richtig“.
Im Alltag haben wir natürlich oft nicht genug Zeit, um jede unserer Aussagen auf 42 DIN A4 Blättern zu beweisen (zumal unsere Urwälder für sinnvollere Holzgegenstände gebraucht werden).

Sobald eine Aussage die Allgemeinheit betrifft und eine Handlung bzw. das vermeiden einer Handlung fordert, sprechen wir von „Moral“. Wenn wir uns zudem Gedanken über diese Aussage machen, dann finden wir uns im Bereich der Ethik wieder.

Häufig wird der Unterschied zwischen persönlicher Neigung und moralischer Forderung unterschätzt. Die Notwendigkeit des offensiven Einstehens für eine ethische Haltung scheint vielen nicht klar zu sein.
Das Wort „Missionieren“ wird oft Abwertend gegen einen Überzeugungsversuch genutzt (obwohl es im ursprünglichen Sinne einen rein religiösen Bezug hat).
Aber wann darf ich missionieren, oder besser überzeugen?

Man stelle sich einmal vor, in einer Gesellschaft, in der Frauen keine Rechte haben, zu leben. Nun wären einige Leute der Meinung, dass das falsch sei. Was würde jetzt von diesen Menschen erwartet werden? Dass sie ihre „Meinung“ für sich behalten und es jedem Mann selbst überlassen, ob er seine Frau diskriminiert? Wenn besagte Meinungsträger wirklich davon überzeugt sind, dass das Verhalten der Gesellschaft bezüglich der Frauen ethisch fragwürdig ist, dann wollen sie nicht nur für sich anders handeln, dann wollen sie auch dafür sorgen, dass andere zu der selben Erkenntnis kommen. Und wer würde ihnen dies vorwerfen? Denn letztendlich kann nur auf diese Weise eine Ungerechtigkeit bekämpft werden.
Dies sollte man immer bedenken, wenn jemand Überzeugungsarbeit leisten will, auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick wider die eigene Position spricht.
Wir sind es der Geschichte an Ungerechtigkeiten und Irrtümern pflichtig, uns zumindest mit einem jeden Gedanken zu befassen, egal, wie absurd dieser Gedanke scheinen möge, er wird nicht absurder wirken, als noch vor einigen Jahren die Idee, man könne schwarze Menschen nicht besitzen.