How to create a vegan world – oder: Der neue Geist des Veganismus [Buchrezension: Tobias Leenaert - How to create a vegan world: A pragmatic approach]

Der Veganismus hat in den letzten 10 Jahren eine unglaubliche Entwicklung hingelegt. Galt man früher als langhaariger, barfüßiger und Bäume umarmender Hippie, wenn man vegan lebte, so gilt man heute zwar immer noch als ein wenig wunderlich, wenn man vegan ist, aber man wird ernst genommen oder gar bekämpft und nicht mehr nur belächelt. Diskussionen über Veganismus oder Tierrechte füllen täglich die Zeitungen und die Kommentarspalten. Von dem Anstieg und der Verfügbarkeit veganer Produkte ganz zu schweigen.

Es ist klar, dass die Taktiken und Strategien, die vor 10, 20 oder 50 Jahren angewandt wurden, auf den Prüfstand müssen. Diesem Anspruch im Sinne einer Fundamentalkritik hat sich Tobias Leenaert in seinem Buch „How to create a vegan world: A pragmatic approach“ [Wie man eine vegane Welt schafft: Ein pragmatischer Ansatz] verpflichtet. Ausgehend von der Frage, wie wir effektiv sein können, ohne unser Ziel – das Beenden von menschengemachten Tierleid – aufzugeben, entwickelt Leenaert verschiedene Strategien und Kritiken an herkömmlichen Methoden und Kampagnen. Das Ziel, so wird Leenaert nicht müde am Anfang jedes Kapitels zu betonen, ist es, alle Menschen nach „Veganville“ zu bringen. Veganville, das ist eine Metapher für eine vegane Welt. Ganz oben auf dem Berg leben die Veganer*innen in einem Dorf. Sie sind wenige. Die meisten (Omnivor*innen) leben unten im Tal, manche dazwischen (Vegetarier*innen/Flexitarier*innen). Das Ziel ist es, die Menschen unterhalb davon zu überzeugen, auch in Veganville zu leben.

Auf dem Berg zu wohnen impliziert, auf andere herabzuschauen. Und das ist die (stillschweigende) Kritik, die das Buch durchzieht: Zu lange hätten Veganer*innen auf andere herabgeblickt, zu oft würden sie moralisieren und die „reine“ Lehre predigen. Da diese Taktik aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei, da immer noch der überwiegende Teil der Menschen nicht vegan lebe und der Markt an Alternativprodukten und veganen Angeboten hauptsächlich von „Reducern“ (also Menschen, die hin und wieder tierliche Produkte konsumieren) getragen werde, aber auch, da die Bewegung nicht mit anderen Bewegungen wie der Abschaffung der Sklaverei oder dem Feminismus gleichzusetzen sei (der Konsum tierlicher Produkte sei geschichtlich tiefer im Bewusstsein verankert und die Opfer könnten nicht für sich selber sprechen) sei ein „pragmatic approach“, eine pragmatische Herangehensweise, nötig.

In seiner Definition stützt sich Leenaert auf das Cambridge Essential English Dictionary: „Pragmatism is the quality of dealing with a problem in a manner that suits the conditions that really exist, rather than following fixed theories, ideas, or rules.“ [“Pragmatismus ist die Eigenschaft mit einem Problem in derjenigen Weise umzugehen, die den Bedingungen entspricht, die wirklich existieren, und nicht mit festen Theorien, Ideen oder Regeln.”] Er ergänzt: „Being pragmatic, then, is about reality rather than rules.” [“Pragmatisch zu sein bedeutet, sich mehr an der Realität zu orientieren als an Regeln.”] Dabei stellt er dem Pragmatismus Dogmatismus und Idealismus gegenüber, wobei er weder für einen puren Dogmatismus noch einen reinen Pragmatismus votiert, sondern für einen Weg der Mitte, der über den Pragmatismus führt.

Das Ziel ist damit gesetzt. Und in 5 weiteren Kapiteln führt Leenaert seinen pragmatic approach aus. Er arbeitet mit Statistiken, bringt eigene Argumente, geht aber auch vorwegnehmend auf Gegenargumente ein. Die Sprache ist einfach gehalten. Ein englisches Wörterbuch ist fast kaum nötig. Leenaert ergänzt seine Argumente oft durch Metaphern und Beispiele. An manchen Stellen soll es der gesunde Menschenverstand richten, ohne weitere Belege anzuführen. Die Abbildungen sind (fast schon erschreckend) einfach gehalten. Die Auswahl der Statistiken ist begrenzt, was weniger an Leenaert selbst liegt, sondern an der Tatsache, dass die vegane Bewegung relativ jung ist und entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen rar sind. Der Stil ist nicht aggressiv, sondern eher vorsichtig tappend, ohne dabei jedoch inhaltliche Ansprüche aufzugeben. Diese Ansprüche sind es auch, warum der Stil so entgegenkommend ist und Leenaert am Anfang den „benefit of the doubt“  haben möchte.

Tobias Leenaert, so könnte man polemisch sagen, ist der Richard David Precht der veganen Bewegung. Das klingt herabwürdigender, als es gemeint ist. Wie Precht auch, so schreibt Leenaert nicht für Gelehrte oder Menschen, die allzu tief in ein bestimmtes Thema eindringen möchten. Wie Precht auch, so verlangt Leenaert (zumindest) explizit nichts von den Menschen. Sie sollen selbst entscheiden (auch wenn er natürlich den pragmatischen Weg besser findet, was in der Natur der Sache liegt, wenn er solch ein Buch schreibt). Wie Precht auch, so steht Leenaert auf der Seite des Konsequentialismus und nicht auf der Seite einer deontologischen Ethik. Sind beim Konsequentialismus die Folgen einer Handlung entscheidend, so bei der deontologischen Ethik die Absichten.

Precht rechtfertigt seinen Nicht-Veganismus damit, dass er mehr Menschen ansprechen könne, wenn er hin und wieder Fleisch äße. Seine philosophischen Bücher sind ebenfalls darauf ausgelegt, möglichst viele Menschen zu erreichen, um ihnen philosophische Themen näherzubringen, wofür er in der wissenschaftlichen Philosophie (ob nun zu Recht oder zu Unrecht) belächelt wird. Leenaert hält es ebenfalls für besser, Menschen überhaupt zu erreichen, als sie zu verprellen. Das Ziel von Leenaert ist keine Fundamentalkritik an dem kapitalistischen System, in dem Tiere (und Menschen) zur Ware degradiert werden. Er argumentiert innerhalb des Systems und von den Konsequenzen her. Sein Ansatz ist also individualistisch: Gefordert sind einzelne und isolierte Handlungen – keine kollektiven Bewegungen-, die dann nach und nach zu Veränderungen in Wirtschaft und Politik führen. Diese Herangehensweise ist zumindest – einseitig. Es wird vollkommen ignoriert, wie sehr Politik und Wirtschaft (und auch die Medien) Einfluss auf das Konsumverhalten nehmen.

Ich stehe auf der Seite der deontologischen Ethik, aber ich kann den konsequentialistischen Ansatz verstehen. Wenn es um die Begründung geht, so halte ich weder die eine noch die andere Herangehensweise für besser oder schlechter begründet. Am Ende entscheiden sowieso die tatsächlichen Handlungen, und wenn jemand meint, es sei falsch, einen Menschen zu töten, um 5 zu retten (oder ein Tier, um 5 zu retten), so ist das ein Streit, der theoretisch ungelöst ist, aber praktisch tausendfach entschieden wird. Mit ihren Handlungen entscheiden die Menschen, auch die Aktivist*innen, auf welcher Seite sie stehen.

Leenaert selbst bringt drei Beispiele, um den Konsequentialismus stark zu machen.

  1. Jemand behauptet, er/sie würde das Dreifache an Fleisch essen, was er/sie sonst isst, wenn du dich vegan ernährt. Tust du es nicht, bleibt er/sie bei der ursprünglichen Menge.
  2. Würdest du für 100’000 Euro ein Steak essen? Stell dir vor, was du mit diesem Geld alles für die Tiere tun könntest!
  3. Im Zuge von Undercover-Recherchen müssen Veganer*innen in Ställe einbrechen, hilflos zusehen, wie Tiere getötet werden Tiere oder Fleisch essen, um nicht aufzufallen. Sind sie deswegen schlechte Veganer*innen?

Das ist natürlich manipulativ und suggestiv. Die deontologische Ethik geht einher mit der Autonomie des Individuums und der Verantwortlichkeit der Handlungen. Im ersten Fall ist also niemand anderes als die Fleisch essende Person verantwortlich für die Konsequenzen. Alles andere ist paternalistisch und anmaßend. Im zweiten Falle würde wohl niemand nein sagen. Aber unrealistische Szenarien beweisen nichts. Man könnte hier auch einfach „Steak essen“ mit „töte ein Tier, damit tausende gerettet werden“ und die Sache sähe schon ganz anders aus. Ganz abgesehen vn der Frage, wo denn die preisliche Grenze zu ziehen ist: Ein Schnitzel für 10’000 Euro? Ein Liter Milch für 1000 Euro? Ein Ei für 100 Euro? Der dritte Fall ist schon schwieriger. Da lautet die Opposition aber auch nicht Konsequentalismus oder deontologische Ethik, sondern die Frage ist, was das für ein System ist, in dem wir leben (ich komme darauf zurück). Ganz davon abgesehen, dass bei Stallrecherchen durchaus Tiere gerettet werden und man im Schlachthaus nicht die Möglichkeit hätte, das Töten der Tiere zu unterbinden – selbst wenn man das wollen würde.

Auch der Konsequentialismus lässt sich in seiner Logik zuspitzen und so ad absurdum führen. Was spricht noch dagegen, mit rechten und antiemanzipatorischen Bewegungen zusammenzuarbeiten? Immerhin werden so eventuell mehr Tiere gerettet! Sklavenhaltung ist im reinen Konsequentialismus ebenfalls nicht schlecht, wenn dadurch das Wohl von mehr Menschen gefördert wird. Weder eine rein deontologisch noch eine rein konsequentialistiche Ethik also werden den intuitiven Empfindungen noch den gesellschaftlichen Verhältnissen gerecht. Und doch drängt uns Leenaert dazu, konsequentialistisch zu sein. Es verwundert nicht, dass er auch für einen „95%-Veganismus“ plädiert, um Menschen nicht aus dem „Vegankreis“ auszuschließen. Ironischerweise zitiert er die ursprüngliche Definition des Veganismus, die auch heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren hat:
“Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – soweit wie praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden.”

Veganismus heißt also nicht, aus einem Selbstzweck tierliche Produkte zu vermeiden, sondern das Leiden von Tieren zu minimieren, soweit das möglich ist. Da kommen deontologische und konsequentialistische Elemente zusammen. Und wichtiger noch: Das Ideal von „100%“ ist eingebunden in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Veganismus ist also der Versuch, möglichst wenig Tiere töten und leiden zu lassen. Ein gewisser Spielraum ist in dieser Definition damit schon vorhanden. Was denn nun notwendig ist und wo Einschränkungen beginnen, die nicht mehr zu rechtfertigen sind, ist eine andere Frage, die kontextabhängig ist. Man kann sich darauf einigen, dass Fleisch, Milch- und Eiprodukte vollkommen vermeidbar sind, ebenso wie Leder, Wolle, Pelze, Zirkusse und Zoos. Ob geklärte Weine, Produkte mit 2%-Honiganteil, Medikamente o.Ä. darunter fallen, ist eine Frage, die nicht so einfach so beantworten ist. Niemand wird zum Nicht-Veganer, wenn sie alte Lederschuhe trägt oder ein Getränk mit der E-Nummer 120 trinkt. Von der Gleichsetzung “Konsum = alleinige Verantwortung” ganz zu schweigen.

Darum ist der Vergleich zur Religion auch passend. Christ oder Muslimin zu sein, bedeutet nicht, unfehlbar zu sein. Ebenso wie links zu sein nicht bedeutet, in den Handlungen „pur“ zu sein. Es bedeutet die Verpflichtung auf bestimmte Werte oder Glaubensinhalte. Der Veganismus ist da nicht anders. Und man sollte von den Einzelnen keine Reinheit verlangen, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse an sich durch und durch falsch und destruktiv sind.

Interessanterweise wird bei Leenaert nicht ganz klar, wo er die Grenzen zieht. Er spricht sich zwar klar für einen konsequentialistischen Ansatz aus, also dafür, möglichst viel Leid zu verhindern, aber er hat doch Prinzipien, an denen er festhalten möchte. So spricht er von Yvonne, die eine hypothetische Lasagne mit Ei zubereitet. Essen oder nicht essen, das ist Leenaerts Frage. Er würde die Lasagne essen, da er so mehr für die Tiere tun würde (da Yvonne dem Veganismus wohl abgeneigt wäre, wenn sie sich soviel Mühe gegeben hätte und wegen ein klein wenig Ei Leenaert die Lasagne nicht essen würde). Das Szenario ist nicht absurd. In der ein oder anderen Form kennen das die meisten Veganer*innen. Interessant ist nun die Konsequenz des Beispiels: Warum Halt machen bei Eiern? Was ist mit Milch oder Hackfleisch? Leenaert hat da keine Antwort, sondern spricht nur davon, dass das „absurd limits“ [absurde Grenzen] wären und er schon aus „physical disgust“ [körperlichem Ekel] keinen Käse essen würde.

Die ethische Gegenüberstellung zwischen Konsequentialismus und deontologischer Ethik ist nicht neu. Jede soziale Bewegung, je größer sie wird, kennt den Streit zwischen Pragmatist*innen und Idealist*innen. Auch in der Politik besteht die Diskrepanz zwischen Fundamentalopposition (Theorie) und pragmatischem Regierungshandeln (Praxis). Die Grünen starteten als Partei, die fundamentale gesellschaftliche und politische Werte in Frage stellte. Der Widerstand war entsprechend groß. 1998 waren sie dann an der Regierung beteiligt und haben heute keine Probleme mehr damit, mit der Union zu koalieren. SPD, Grüne, CDU/CSU, FDP und auf Landesebene auch die Linke: Sie alle sind bereit, einen Teil ihrer Überzeugungen aufzugeben, um regieren und damit überhaupt etwas verändern zu können. Und je weiter verbreiteter der Veganismus wird, desto mehr wird eine pragmatische Herangehensweise zunehmen. Lieber wenig(er) als nichts, so die Idee des neuen Geistes des Veganismus. (Es muss an dieser Stelle offen bleiben, ob ein Festhalten an Grundidealen „nichts“ erreicht.)

Auf seiner Facebooksseite tritt Leenaert deutlich entschiedener auf als in seinem Buch und macht keinen Hehl daraus, dass er den Begriff des Veganismus verschieben möchte.

Ebenfalls wird deutlich, dass er seinen Ansatz für besser hält und für die herkömmlichen Methoden und Inhalte nur Verachtung übrig hat.

 

Nach fast 10 Jahren Verdruss hat sich für mich das Moralisieren als nicht zielführend herausgestellt. Und es reicht ja schon, überhaupt auf die Zustände der Massentierhaltung hinzuweisen, um als „moralisierend“ zu gelten. Den meisten Menschen ist das Tierleid egal oder zumindest nicht so wichtig, als dass sie dafür ihr Verhalten ändern würden. Und die Gründe dafür sind bekannt. Leenaert geht auf die Konformität und den Karnismus ein. Aber das greift zu kurz, da es nur die psychologische und individuelle, nicht aber die strukturelle Ebene beleuchtet.

Ob uns das gefällt oder nicht, andere Herangehensweisen sind geboten, und wenn diese über Gesundheit, Umwelt oder Klima führen, mag das nicht unsere Motivation sein, ist aber aus strategischer Sicht anzuerkennen. Zwar bin ich der Auffassung, dass eben die mangelnde Motivation dazu führt, dass viele Veganer*innen und Vegetarier*innen wieder rückfällig werden (Leenaert geht auch auf das Argument ein, ohne es allerdings entkräften zu können), aber auch hier handelt es sich um eine These, die bewiesen werden müsste. Ebenso wie ich nicht belegen kann, dass es schlecht ist, Menschen dafür zu loben, wenn sie nur an drei Tagen pro Woche Fleisch essen, weil sie dann keine Motivation mehr haben, weiter zu gehen. Wenn man etwas weniger Schlechtes als gut empfindet, hat man ein definitorisches Problem. Die Menschen fühlen sich besser und gut, wenn sie etwas tun, das im Vergleich eigentlich nur weniger schlecht ist. Da es Massentierhaltung gibt, halten sich einige für gut, wenn sie Biofleisch kaufen. Aber Biofleisch ist nicht gut, sondern nur weniger schlecht als Fleisch aus Massentierhaltung (aus der 98% alles Fleisch stammt).

Zugegeben, die Strategien sind nicht welterschütternd. Im Grunde geht es darum, kein Arschloch zu sein, Menschen zuzuhören und sie abzuholen, wo sie stehen und wohin zu gehen sie bereit sind. Viel wichtiger sind die Implikationen und die Richtungsverschiebung in Bezug auf den Veganismus, aber auch der Bezug zur Gesellschaft insgesamt, die in dem Buch enthalten sind. Vielen Veganer*innen wird nicht gefallen, was Leenaert schreibt. Sie werden es als Aufgabe des Veganismus betrachten, wenn dieser nicht (hauptsächlich) ethisch fundiert ist und wenn man kleine Schritte lobt. Aber das würde bedeuten, die normative (wertende) mit der deskriptiven (beschreibenden) Ebene zu verwechseln. Man kann kaum Leenaert dafür verantwortlich machen, dass ethische Argumente eine eingeschränkte Wirkung besitzen, dass Menschen Konventionen und Traditionen über das Wohl von Tieren stellen, dass Klima- und Gesundheitsargumente gleichgewichtig neben ethischen stehen oder dass Menschen davon eingeschüchtert sind, wo alles tierliche Produkte enthalten sind.

Die Ablehnung sollte sich also weniger auf Leenaert und den neuen Geist des Veganismus richten, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Leenaert widmet zwar ein Kapitel den institutionellen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, aber eine Kapitalismuskritik fehlt komplett (was auch sein oberflächlicher Gebrauch des Wortes „Ideologie“ beweist). Wenn Leenaert appelliert, den Schulterschluss mit anderen Bewegungen zu suchen, so wäre eine kapitalismuskritische Bewegung naheliegend. Es ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechen (neo-)liberale Ideologie, in deren Zuge Menschen und Tiere zu Waren degradiert werden. Ohne Kritik des Kapitalismus keine Kritik des Tierverhältnisses. Und wer vom Kapitalismus nicht reden möchte, der sollte vom Veganismus schweigen.

Auch Leenaert steht in dieser individualistischen und neoliberalen Tradition. Wenn Leenaerts Buch eine Jobausschreibung wäre, würde sie so lauten: „Bist du jung, dynamisch kreativ, teamfähig und hast Lust, täglich neue Menschen kennenzulernen? Dann bewirb dich jetzt auf unsere Stelle!“ Alles muss vermessen werden. Alles muss statistisch untermauert sein. Leenaert leugnet zwar, dass es darum ginge, Menschen zu manipulieren, aber man wird diesen Eindruck nicht los, wenn er, sich auf Dale Carnegie stützend, „Techniken“ und „Methoden“ darlegt, wie man Menschen erreichen kann. Er zitiert auch William James, einen der Begründer des Pragmatismus, der schreibt: „What is the truth’s cash value?“. Wahrheit wird eine Frage des Geldwerts. Besser wäre eine Veränderung der konkreten Praxis hin zu einer empathischeren Welt. Karl Marx wollte auch eine Praxis der Philosophie. Aber diese sollte gesellschaftsverändernd sein. Die Praxis der Pragmatist*innen und Leenaerts dagegen ist konformistisch und duckmäuserisch. Lasst uns also nicht pragmatisch und effektiv sein, sondern fundamentalkritisch. Im wahrsten Sinne des Wortes.