Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn!…oder lieber doch nicht? Vom Leid der Legehennen und dem Mythos, dass für Eier kein Tier sterben muss...

Ich legte jeden Tag ein Ei?

 

Gehört ihr auch zu den Menschen, die an den alten Vers glauben „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn, ich hätt‘ nicht viel zu tun: Ich legte jeden Tag ein Ei und sonntags auch mal zwei…“? Ich war jedenfalls so jemand. Hätte ich mal kurz nachgedacht, ob das Sinn macht, wäre ich vielleicht von selbst darauf gekommen. Leider hatte ich lange keinen Anlass dazu.

Hühner sind Vögel. Vögel legen nicht täglich ein Ei. Auch nicht jeden zweiten. Nicht einmal jeden zehnten. Vögel bauen sich Nester, um dort ihren Nachwuchs auszubrüten. Davor und danach legen sie keine Eier. Wozu auch? Unsere Hühner sind ursprünglich Bankivahühner.1 Vögel, die 12-20 Eier im Jahr legen. In der Natur. Bis der Mensch kam. In Notzeiten mochten Eier von verschiedenen Tieren das Überleben von Menschen gesichert haben. Heute gilt es als Notstand, wenn der Supermarkt die Lieblingsbiermarke nicht führt.

Bis 1940 hat der Mensch es immerhin geschafft, dass diese zu „Haushühnern“ umfunktionierten Tiere 70-80 Eier im Jahr legten. In weiteren Züchtungen sogar schonmal 120 bis 150 Eier. Immer noch jenseits von „jeden Tag“. Und im Grunde noch gar nicht so lange her…. Heute leben wir im Jahr 2019, und Menschen machen so ziemlich alles möglich. Auch dass Vögel inzwischen bis zu 320 Eier im Jahr legen. 300 mehr als in der Natur. Mit quasi demselben Körper. Hühner heute: Weder normal, noch natürlich.
Was der Mensch nicht geschafft hat: Andere Sachen zu essen, anstatt fühlende Kreaturen zu züchten, die nach einem guten Jahr körperlich am Ende sind.

© Max und Fine

 

Zum Liebhaben

 

Wer Hühner kennt, weiß, dass es soziale und intelligente Lebewesen sind. Kleine Charaktere, die gerne kuscheln, die mit ihren Küken kommunizieren, während sie noch im Ei sind, was Müttern – und auch Vätern – sicher bekannt vorkommt. Sogar „schnurren“ können diese Vögel. Intelligenz ist sicher kein Indiz dafür, wie wir Lebewesen behandeln sollen – bei menschlichen Babys gibt uns die noch nicht entwickelte Intelligenz ja auch nicht das Recht, diese auszunutzen. Im Gegenteil: Sie bedürfen unserer Fürsorge.

Und doch unterschätzen wir diese Vögel gerne. Kaum jemand weiß, dass Hühner zählen, Farben und Formen unterscheiden können oder logische Schlüsse ziehen, die Kinder mit circa sieben Jahren erst schaffen. In manchen Bereichen entsprechen ihre Fähigkeiten denen von Primaten. Hühner können sogar auf Geschehnisse in der Zukunft schließen, sie verfügen über Selbstkontrolle, trauern, schließen Freundschaften und zeigen Mitgefühl. Manche Menschen könnten sich vielleicht sogar ein Beispiel daran nehmen. Aber Menschen haben nicht den Anspruch, die Einzigartigkeit von einzelnen Vögeln wahrzunehmen, die sie benutzen wollen. Sie erfinden Ausdrücke wie „dummes Huhn“. Wahrscheinlich wäre auch die Eule „dumm“, würde der Mensch sie nutzen wollen, wie bei allen Tieren, die ein „Nutz“-Zertifikat verliehen bekommen haben.

 

 

Der „vernünftige“ Grund

 

Zurück zu den Eiern. Legehennen sind Hybridzüchtungen. Nur die weiblichen Tiere werden benötigt. Anders als die Hybridzüchtungen für Masthähnchen, bei denen beide Geschlechter „brauchbar“ sind. Aber Hähne legen nunmal keine Eier. Gleichzeitig setzen sie in der Züchtung auf Legeleistung kein Fleisch an, weshalb sie als unrentabel gelten. Lebewesen ohne Nutzen sind für Menschen überflüssig. Deshalb werden sie bis heute standardmäßig weltweit am selben Tag, an dem sie aus dem Ei schlüpfen, aussortiert und postwendend vergast oder im Homogenisator geschreddert. Ohne Narkose versteht sich. Alleine in Deutschland waren es im Jahr 2018 42 Millionen. Wir glauben ja gerne, das Gesetz werde Tiere schon schützen. Oder was gesetzlich erlaubt ist, muss auch okay sein, es wird dann schon nicht so tragisch sein. Na ja – vieles auf der Welt ist einmal gesetzlich erlaubt gewesen….

In unserem Tierschutzgesetz steht, niemand dürfe einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Und da ist der Haken. Als vernünftiger Grund in der „Nutztierindustrie“ in Deutschland gilt: Ich verdiene damit kein Geld. Also darf ich fühlende Lebewesen entsorgen. Würden wir die männlichen Küken mit den Spätzle oder der Eierpackung über das Supermarktband hinweg mit nach Hause bekommen, um sie dort selbst in den Mixer zu werfen – wer würde den Knopf drücken?

Auch Vergasen ist übrigens keine spaßige Angelegenheit. Wer einmal Schweine in einer CO2-Gondel in Panik schreien gehört hat, weiß, dass „leidfrei“ Welten entfernt ist. Betrachten wir es ganz nüchtern, wäre es wahrscheinlich schneller vorbei, würde man den Tieren den Kopf abhacken. Hört sich brutal an? Ist es. Noch brutaler ist, was wir tun: Ignorieren, was passiert. Nur weil Vergasen unblutig abläuft, ist es deshalb nicht weniger gemein und unnötig. Und wer erfindet eigentlich diese mörderischen Maschinen? Wer denkt sich sowas aus?

 

Was der Mensch „erschafft“

 

Zwischen 1935-1995 legten die Hybriden für die Mast 65 % ihres Gewichts zu, gleichzeitig verkürzte sich ihre Lebensdauer um 60 %. Ihr Sättigungsgefühl hat man ihnen kurzerhand weggezüchtet – im Gegenzug wurde den Legehybriden so gut es ging der Bruttrieb weggezüchtet. Das Huhn soll schließlich ununterbrochen weiterlegen. Um die vielen hundert zusätzlichen Eierschalen zu produzieren, entzieht der Körper den Knochen Kalzium. Ständig. Was dies für den Gesundheitszustand dieser Lebewesen bedeutet, kann sich jeder selbst denken.
Ein Experiment mit derselben Menge an Futter über einen gleichen Zeitraum hinweg, hat aus Küken der verschiedenen durch den Menschen gezüchteten Linien das Legehuhn ein halbes Kilo leicht, das Biomasthuhn zu einem 1650 Gramm-Tier und das Hybridmasthuhn ganze drei Kilo schwer gemacht…

Zwei Zuchtbetriebe erzeugen 90% der Legehennen. Man nennt das Monopol-Stellung. Erich Wesjohann mit der Lohmann Tierzucht GmbH und sein Bruder Paul Wesjohann, der Gründer der PHW-Gruppe, zu der Wiesenhof gehört, werden jedem ein Begriff sein. Die Familie Wesjohann gehört zu den 500 reichsten Deutschen. Und sie produzieren nicht nur für Deutschland, sondern auch für Spanien, Usbekistan, Kanada, … weltweit.2

 

ARIWA Legehennen Bodenhaltung

© ARIWA Legehennen Bodenhaltung

 

Dimensionen der Label-Liebelei

 

Allein in Deutschland leben 41,3 Millionen Legehennen in 1355 Betrieben. Nur weibliche Tiere. Jedes zweite Ei stammt aus Norddeutschland. Hennen legten in Betrieben mit mindestens 3000 Tieren 12,3 Milliarden Eier – allein in Deutschland. Zusätzlich wurden noch 6,6 Milliarden importiert. Weltweit legen Hühner im Jahr 1,2 Billionen Eier. Unvorstellbare Dimensionen. Merkwürdig, dass wir im Alltag diese Tiere selten bis nie zu Gesicht bekommen. Obwohl quasi fast jeder erzählt, er bekomme seine Eier vom netten Nachbarn mit einer Handvoll Hühner im Garten. Der Durchschnitt mit 33 300 Hennen pro Betrieb bräuchte durchaus riesige Vorgärten. Der Schnitt in Biobetrieben liegt „nur“ bei beschaulichen 13 500 Tieren. Aber auch hier sind Ställe mit bis zu 200 000 Hennen keine Seltenheit. Idyllisch.

Und doch reden wir uns ein, Eier mit Freiland- oder Bio-Label kämen von Glückshühnern. Dabei haben auch Biohennen mit 3000 Tieren pro Stalleinheit und 6 Lebewesen auf einem Quadratmeter nicht annähernd die Voraussetzung, ein Leben zu führen, das diesem Wort überhaupt nahekäme. Höchstens 60 Artgenossen wären für die Vögel überschaubar, um eine annähernd machbare Rangordnung herzustellen. Doch auch jede 2. Biolegehenne stammt aus Großbetrieben mit 30 000 Tieren. Und obwohl für Biolegehennen ein Freilauf für sage und schreibe ein Drittel ihrer kurzen Lebenszeit vorgeschrieben wäre, wird ihnen gar zu oft selbst das noch zusätzlich erschwert. Manchmal durch fehlende Deckung, die sie bräuchten, um sich hinauszuwagen oder durch verbotene Vorrichtungen, die sie schlicht daran hindern. Mit einem Marktanteil bei Bio unter 10 %.

Weitere supermarkteigene Labels suggerieren Konsumenten eine Verbesserung, die in der Realität höchstens zwischen katastrophal und minderschlecht unterscheidet.

 

© we animals Archive

 

Die Freiland- und Bodenhaltung sind dementsprechend noch übler. Als Böden gelten auch Gitterböden, durch die sich die Hennen übereinanderstapeln lassen. Als Nestfläche stehen je 120 Tieren ein Quadratmeter zu. Und obwohl die Käfighaltung in Deutschland inzwischen verboten ist, gelten Käfige mit bis zu 60 Tieren nicht als Käfige, sondern als sogenannte Kleingruppenhaltung, die 12 Tiere pro Quadratmeter zulässt.

Das BMLE schreibt zur Biohaltung: „Eine künstliche Beleuchtung der Ställe fördert die Legeleistung und ist bei Biohennen in Kombination zum natürlichen Licht auf täglich insgesamt maximal 16 Stunden zu begrenzen.“ Schlaf wird überbewertet. Wer sich einmal den Lärmpegel in diesen Ställen und das Gedränge vorstellen möge, sollte sich ein Leben in einem überfüllten Schulbus vorstellen – jedoch ohne die Möglichkeit, vor Lebensende auszusteigen.
Falls eine Krankheit ausbricht, ist es unmöglich, ein einzelnes Tier zu finden und zu behandeln. Alle werden über das Trinkwasser mit Breitbandantibiotika versorgt. Übrigens auch Biolegehennen. Es gelten nur längere Wartezeiten.

 

Und du denkst wirklich, du kaufst nur Glückseier?

 

Wir glauben immer sehr gerne, dass wir ja gar nicht viele Eier verzehren. Vielleicht mögt ihr sogar gar keine Frühstückeier. Und doch konsumiert ihr mehr davon, als euch bewusst ist. Mir zumindest war die Größenordnung lange nicht klar. Ich dachte, wenn ich gar keine Eier kaufe, dann hält sich der Schaden in Grenzen. Und wenn doch mal ein Kuchen anstand, holte ich eben Freiland- oder Bioeier. Fürs gute Gewissen. Weit gefehlt.

235 Eier isst jeder Mensch in Deutschland pro Jahr im Durchschnitt. Das sind bei einer vierköpfigen Familie 940 Eier im Jahr. Und in diesem Durchschnitt ist jedes Baby, jeder Veganer und jeder Allergiker ebenfalls eingerechnet. Es sind also in Wahrheit noch ein paar mehr. Ihr aber sicher nicht? Dann überlegt mal kurz mit. Selbst wenn ich jede Woche eine Zehnerpackung Eier von meinem freundlichen Nachbarn und seinen geretteten Legehennen für meine vierköpfige Familie bekäme, wäre das nur rund die Hälfte dieses Durchschnittverbrauchs. Und da 98-99 % der konsumierten Eier nicht aus Nachbargärten und Hühnermobilen auf Wiesen stammen, geht die Rechnung vorne und hinten nicht auf.

Tatsächlich liegt das Problem nämlich an anderer Stelle. Wir gehen morgens zum Bäcker oder essen mittags in der Kantine, gehen ins Restaurant, wir sind bei Freunden zum Essen eingeladen, im Cafe, auf Festen und Veranstaltungen, am Imbiss und nicht zuletzt im Urlaub. Und überall finden wir Gerichte, in denen Eier verarbeitet sind. Ob in Kuchen, Spätzle, Panade – selbst in manchen Eissorten ist Ei enthalten. Dreht mal eure Supermarkteinkäufe um und lest Zutatenlisten. Eier. Selbst wenn ihr euer eigenes Huhn im Garten versorgen und liebhaben würdet: Ihr habt sicher weder den Bäcker, noch eure Freunde oder den Kellner und auch nicht im Urlaub gefragt: „Können Sie mir bitte den Namen der Henne nennen, die für dieses Gericht fast täglich in einem Megastall ein Ei legen musste?“ Never. Macht euch nichts vor. Ihr konsumiert am laufenden Band krasses Tierleid.

 

© ARIWA Bio- Kadavertonne

 

Hinter der Zutatenliste

 

Ein Huhn könnte 6-10 Jahre alt werden, einige sogar älter. Wenn man es ließe. Legehennen werden höchstens 15-18 Monate. Biolegehennen eingeschlossen. Falls sie überhaupt so alt werden, denn die sogenannte Verlustrate liegt bei bis zu 18%. Also knapp ein Fünftel, das durch Krankheiten, Deformationen, Knochenbrüche, Kannibalismus oder Federpicken vorher stirbt. Gegen das Federpicken kann man per Ausnahmegenehmigung, da diese Praxis inzwischen eigentlich verboten ist, den Küken die Schnabelspitze mit einem heißen Eisen wegbrennen. Die Nerven, die dort enden, finden das sicher nicht so toll. Ohne Betäubung versteht sich. Manche Hühner haben anschließend Probleme mit der Nahrungsaufnahme.

In Niedersachsen steht Europas größter Geflügelschlachthof. 432 000 Hühnchen enden dort täglich. 450 Tiere in der Minute schafft diese Tötungsmaschinerie. Legehennen sterben wie ihre Mastkollegen. Mit einer Betäubung kopfüber in einem Elektrobad, falls sie in diesem Moment nicht ihren Kopf anheben. Dann sind sie nämlich nicht betäubt, wenn das Band weiterläuft, um ihnen den Hals aufzuschneiden. Alles für Eier, die Menschen essen wollen.

Foodwatch stellte fest: „Statistisch gesehen war zudem mindestens jedes vierte Hähnchen vorher ein kranker Hahn, wurden 4 von 10 Eiern von einer Henne mit Knochenbrüchen gelegt.“ Die Haltungsart machte dabei keinen wirklichen Unterschied.

 

© we animals Archive

 

Frohe Ostern

 

Die ganze Kennzeichnung könnte man sich in vielerlei Hinsicht schenken. Abgesehen von den gigantischen Tierzahlen und demselben Schlachthofende, gilt die Kennzeichnungspflicht, die über die Herkunft Auskunft geben soll, schon nicht mehr bei verarbeiten Produkten wie z.B. Nudeln. Also einem großen Teil unseres täglichen Konsums. Auch gefärbte Eier fallen unter „verarbeitet“. Ostereier können deshalb durchaus auch aus Käfighaltung anderer Länder importiert sein.

An Ostern werden zusätzlich 500 Millionen Eier mit einem Umsatz von 125 Millionen Euro in Deutschland vermarktet. Wenn wir kurz überlegen, dass wir circa 82 Millionen Einwohner haben…. Für Legehennen ist Ostern ein Fest des Todes. Da die Tiere anderthalb Jahre legen müssen, wird Ende November, Anfang Dezember bereits die neue „Mannschaft“ eingestallt, damit bis Ostern eine größere Belegung das zusätzliche Eiergeschäft bewältigen kann. Danach ist für die Alteingesessenen Schluss mit lustig. Sie sind jetzt wertlos – wie zuvor ihre Brüder.

Ein Tiertransportfahrer erzählte uns einmal, er sei für die „Hühnerbarone“ in Norddeutschland gefahren. Die Tiere seien oft so fertig, dass sie offene Kloaken aufwiesen. Nicht selten wurde der Stall einfach dicht gemacht und die Tiere entsorgt. Wenn er sie zum Schlachthof fuhr und es dementsprechende Temperaturen gab, seien die Tiere in den äußeren Kisten auch schon gefroren angekommen.

 

© ARIWA Legehennen Bodenhaltung

 

Der wertlose weibliche Part und das Geschäft mit der Armut

 

Für Eier sterben also nicht nur die männlichen Küken, sondern auch die weiblichen Vögel, deren Entsorgung oft noch teurer ist, als sie zu verschenken. Nicht umsonst gibt es Landwirte, die ihre Tiere an die Organisation „Rettet das Huhn“ verschenken. Selbst damit macht der Bauer unter Umständen noch Gewinn. Selbst kleine Biobauern müssen teils an Unternehmen verschenken, die dann Gewinn damit machen, die ausgedienten Tiere zu holen, um sie zerkleinert und wieder zusammengesetzt als Chicken Nuggets zu verkaufen. Ansonsten müsste man die Tiere selbst loswerden. Im Klartext: Umbringen lassen, ohne das Fleisch zu verwerten und dafür auch noch bezahlen.

An der Geflügelbörse von Barneveld ist zu beobachten, dass Suppenhühner mit Glück noch ein paar Cent bringen, im schlimmsten Fall jedoch sind ein paar Cent pro Kilo zu zahlen, um Abnehmer zu finden. Legehennen setzen eben kein Fleisch an und Suppenhühner sind hierzulande nicht mehr groß gefragt. Also exportiert man sie als Billigfleisch zum Beispiel nach Afrika. Bis sie am Bestimmungsort landen, kann es durchaus sein, dass sie ein paar mal auftauen. Mit Spottpreisen zerstören sie afrikanische Märkte und treiben einheimische Bauern in den Ruin. Wir exportieren nicht Nahrung – wir exportieren Hunger.

Auch in Deutschland würde ohne staatliche Subventionen kein Tierhalter leben können. Kostete ein Ei 1943 umgerechnet noch 48 Cent, so zahlt man 2018 im Discounter gerade mal 14 Cent. Abzüglich aller Kosten für Stall, Futter usw. bleibt den Bauern heute oft weniger als ein Cent Gewinn pro Ei.

In der Schweiz landen eine halbe Million ausgedienter Legehennen auch in Biogasanlagen.

 

Wer ernährt wen?

 

Ist das wirklich ein Beruf, den man empfehlen kann? Oder könnte dieser Bauer nicht viel besser leben, würde er das Futter direkt als menschliche Nahrung anbauen und verkaufen? Die Landwirtschaftskammer Niedersachen empfiehlt als Tipp 1, Futtermischung für Legehennen: Mais 40%, Weizen 15%, Gerste 5%, Sojaschrot 12%, Sonnenblumenschrot 12%, Bierhefe 3%, Sojaöl 2-3%, Steinkalk 8-9%, Vormischung 2%. Wenn das mal in keiner direkten Nahrungsmittelkonkurrenz zum Menschen steht, was dann? Auch Hühner brauchen Nahrung für Lebensenergie und setzen ihre Futterkalorien nicht 1:1 in tierische Kalorien um. Einen Teil des Futters scheiden sie wie alle Lebewesen einfach wieder aus. Bei Eiern liegt der Verlust an eingesetzten pflanzlichen Kalorien bei 3:1. Schade um die Verschwendung. Niemand zwingt uns, diese Tiere extra alle züchten.

 

 

 

Andere Haltung und alles gut?

 

Gerne wird ja auch argumentiert, dass wir die Tiere halt einfach wieder rauslassen müssten. Zum Picken und Scharren und Nahrung selbst suchen. Nettes Gedankenspiel. Würden wir alle Legehennen in Deutschland nach Bio-Standard halten, entspräche das einer immensen Fläche. Nur für Legehennen. Nur in Deutschland. Noch keine Masthühner, Puten, Schweine usw. eingerechnet. Und der Futtermittelanbau wäre dabei noch nicht einmal berücksichtigt. In Bioland oder demeter Betrieben muss mindestens 50 % des Gesamtfutterbedarfs aller Tiere auf dem Betrieb selbst erzeugt werden oder aus einer regionalen Kooperation mit einem Ökobetrieb stammen – wir würden sehr schnell an die Endlichkeit unserer Anbauflächen stoßen.

Und wenn wir schon ständig über das Klima reden: Pro Kilogramm Eier verzeichnet man 1,93 Kilogramm CO² Äquivalente. Für ein Ei werden 200 Liter virtuelles Wasser berechnet und der Landbedarf für Legehennen ist ebenfalls höher, als für pflanzliche Nahrungsmittel. Je länger und weniger schlecht die Tiere leben, desto höher ist der ökologische Fußabdruck.

 

„Nebenwirkungen“

 

Weder umweltfreundliche Aspekte, noch gesundheitliche Vorteile begleiten das Ausnutzen, Züchten und Töten von Hühnern. 77% aller Hühnchen sind keimbelastet. Das Robert-Koch-Institut rät, bei der Zubereitung Einmalhandschuhe zu tragen. Über Gülle und Abluft der Ställe gelangen die Bakterien auch auf umliegende Felder und somit auch auf Gemüse. Eier selbst werden nicht gewaschen, da die Gefahr dadurch steigt, dass Keime ins Ei gelangen. Auch die goldgelbe Farbe des Dotters ist kein Indiz für die Gesundheit der Tiere. Sie entsteht durch Farbstoffe, die dem Futter beigemengt werden.

Wir könnten den Tieren und uns so viel ersparen. Die Vogelgrippe 2016/2017 war so riesig wie nie. Insgesamt wurden weit über eine Million Tiere in Deutschland vorsorglich getötet. Ob es um Salmonellen oder E-Coli geht, um Dioxin– oder Fipronil-Skandale – es wäre schlichtweg nicht nötig. Und wieso wollen wir unbedingt weiter Antibiotikaresistenzen fördern, die unser aller Leben und Gesundheit inzwischen regelrecht bedrohen?

 

Schöner töten nach ein paar Wochen?

 

Und doch pochen so viele Menschen auf ihr Recht an tierischen Produkten wie Eiern. Obwohl es nicht „ihre“ Eier sind. Sie reden von Zweinutzungshühnern oder Bruderhahn-Initiativen, um sich das Gewissen zu erleichtern. Ist das nicht bereits ein Zeichen, dass wir genau wissen, dass es nicht in Ordnung ist, wie wir Tiere behandeln und töten, ohne dass wir in Notwehrsituationen sind oder verhungern würden? Wir reden uns ein, dass es weniger schlecht ist, wenn das männliche Küken nicht sofort vergast wird, sondern erst zu Tausenden ein paar Wochen gemästet, dann eingesammelt und transportiert wird, um dann kopfüber im Elektrobad zu hängen und anschließend auszubluten? Sind diese wenigen Wochen wirklich unsere Ausrede, um Töten zu legitimieren? Ich nenne es Greenwashing.

Seit 2002 wird vom Ende des Kükentötens geredet. Ein Gesetz wird immer wieder verschoben. Und trotzdem habe ich niemand jemals sagen hören: „Dann esse ich solange keine Eier mehr, bis das abgeschafft ist.“ Auch ein paar Wochen später sind diese Tiere genau genommen noch Tierkinder in hochgezüchteten Körpern. Auch nach ein paar Wochen sterben sie nicht freiwillig. Sie haben höchstens schon eine differenziertere Wahrnehmung, was ihnen an Leid, Angst und Schmerzen widerfährt.

Und ist es wirklich weniger schlimm, Erwachsene zu töten? Oder ist es weniger schlimm, die Abermillionen befruchteten „männlichen“ Eier mit einem Früherkennungssystem auszusortieren, um sie zu zerhäkseln, bevor das Küken schlüpft? Nur, weil wir dann noch nichts flauschiges Gelbes gesehen haben? Nur, weil es die Schale noch nicht durchbrochen hat? Das passiert übrigens sowieso täglich bereits in Brutfabriken, die Legehennen „produzieren“ (auch in Masthühnerbrütereien). Alle Küken, die nicht nach genau 21 Tagen in den Brutschränken geschlüpft sind, haben Pech und werden mit den restlichen Eierschalen zu einem Brei aus Fleisch. Warten geht nicht. Die Anlage muss schließlich neu besetzt werden und Zeit ist Geld.

 

Die Rechnung geht nicht auf

 

In sämtlichen Fertigprodukten sind weiterhin Eier von Hennen und deren Brüdern, die beide unrentabel sind, auch wenn ihr eure Eier aus Initiativen kauft, die euch eine heile Welt vorgaukeln. Selbst, wenn ihr euch eigene Hennen (oder wirklich auch Hähne?) in den Garten holt. Es bleibt das Restaurant, der Bäcker, der Urlaub und mehr. Auch wenn ihr mehr bezahlen wollt – das Zweinutzungshuhn hat einen Marktanteil von gerade einmal 0,1%. Es stirbt denselben Tod nach kurzer Zeit.

Wer sich dazu einredet, dass für jeden Bruderhahn ein Masthähnchen weniger geköpft wird, hat nicht zu Ende gerechnet. Die Hähne brauchen viermal länger, um genug Fleisch anzusetzen. Das heißt, für dieselbe Menge an Fleisch braucht der Bauer viermal soviel von allem: Futter, Zeit, Wasser, Arbeit, es gibt viermal soviel Klimabelastung und Gülle.

Gleichzeitig würde die Henne aus der Zweinutzungszucht sehr viel weniger Eier legen UND der Hahn mehr Futter und Zeit benötigen- es bräuchte also noch eine zusätzliche Henne und schon ist die angebliche Einsparung an Tieren nichts als ein Märchen. Und wollen wir wirklich Leben aufrechnen? Zeigt uns das nicht wieder, dass unser Herz bereits weiß, dass da „eigentlich“ etwas ganz falsch läuft?

 

Es ist so einfach!

 

Wieso also sollten wir uns 2019 noch selbst belügen und Vogeleier konsumieren, die wir nicht brauchen? Noch zwei Generationen vor uns gab es im Winter keine Eier. Weil Vögel keinen Grund haben, im Winter Nachwuchs zu bekommen. Deshalb waren Vanillekipferl, Apfelbrot und vieles an Weihnachtsgebäck ursprünglich quasi vegan. Wir haben so viele Möglichkeiten, Leckeres zu backen und zu kochen. Wir leben im 21. Jahrhundert und können mit Suchmaschinen im Netz innerhalb von Sekunden pflanzliche Rezepte zu unseren Lieblingsspeisen finden. Fragt euch, ob es sinnvoll ist, weiter etwas zu konsumieren, nur weil es die Mehrheit aus Gewohnheit tut.

Leider habe ich viel zu spät angefangen, mir diese Frage zu stellen und es tut mir unendlich leid. Aber es ist nie zu spät, Unrecht zu beenden. Oder Teil des Lösung zu werden. Es ist sogar ganz einfach. Man kann jederzeit damit beginnen, Eier und andere tierische Produkte zu streichen.

Jetzt zum Beispiel.

Ab dieser Sekunde.

 

 

© Land der Tiere

 

 

  1. Abstammung: https://www.planet-wissen.de/natur/haustiere/huehner/index.html []
  2. sehenswerthttps://www.youtube.com/watch?v=2S6vPaGzSr8 []