Ihr seid so intolerant! Warum Veganer*innen manchmal nerven ...

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Omnivor*innen beschreiben vegan lebende Menschen im Alltag häufig als überaus intolerant und lästig, weil diese es wagen, sie für ihre Essgewohnheiten zu kritisieren. Allesesser*innen vertreten meist die Auffassung, dass ihre Ernährung ihre Privatsache ist. Niemand hat das Recht, ihnen ihr wohlverdientes Stück Fleisch mies zu machen. Schon gar nicht, weil sie selbst ja in dieser Frage absolut tolerant sind und anderen ganz selbstverständlich zugestehen, zu konsumieren, was immer sie möchten.

Die Forderung nach mehr Toleranz seitens der Veganer*innen erscheint auf den ersten Blick völlig nachvollziehbar und berechtigt. Erst bei etwas genauerer Betrachtung des Sachverhalts merken wir, dass die Sache vielleicht doch nicht ganz so einfach und eindeutig ist, wie sie scheint.

Ich lass mir von euch mein Fleisch nicht mies machen!

Es ist leider nicht ihr Fleisch, worüber die Omnivor*innen reden, sondern das Fleisch wehrloser, sinnlos getöteter Lebewesen. Es ist das Fleisch von Tierkindern, die nicht freiwillig für uns gestorben sind. Sie wollten leben, genau wie wir Menschen. Mit demselben Recht. Fleischesser*innen geben sich zwar lebenslang allergrößte Mühe, die einzigartigen Persönlichkeiten, deren Leben sie zum eigenen Vergnügen auslöschen (lassen), als eine x-beliebige Ware ohne moralischen Wert zu betrachten, die man kaufen, besitzen, essen oder auch einfach wegwerfen kann. Beispielsweise verdinglichen sie die Kälber, Rinder und Schweine, deren Tötung sie beauftragen, indem sie diese lieber Wiener Schnitzel, Steak oder Kotelett nennen. Auf diese Weise dissoziieren sie sich von der Tatsache, dass es jemand und nicht etwas ist, was sie da gedankenlos konsumieren. Doch die Fakten verschwinden nicht dadurch aus der Welt, dass man sie leugnet. Bei jeder Begegnung mit Veganer*innen holt sie dieser Selbstbetrug zwangsläufig ein. Selbst dann, wenn diese das Thema überhaupt nicht kommentieren. 

Ist Tierquälerei tolerierbar?

Toleranz würde bedeuten dulden oder gewähren lassen.1 Das ist einfach verdammt viel verlangt angesichts des größten Gemetzels in der Geschichte der Menschheit.

Weltweit töten Menschen jährlich ca. 70 Milliarden Landtiere allein zum Verzehr. Das sind sechs Millionen Tiere pro Stunde.2 In Deutschland wurden im Jahr 2016 8,25 Mio Tonnen Fleisch ‚produziert‘. Hierzu wurden 753 Mio Tiere getötet (u.a. 601 Mio Hühner, 59,3 Mio Schweine, 3,6 Mio Rinder).3 Hierzulande werden also täglich zwei Millionen Tiere getötet.

Wer gegenüber diesem Gemetzel ‚Toleranz‘ zeigt, stellt sich automatisch auf die Seite des Unrechts und macht sich selbst schuldig.

Wer das Böse ohne Widerspruch hinnimmt, arbeitet in Wirklichkeit mit ihm zusammen.
– Martin Luther King –

Toleranz gegenüber anderen Ansichten und den daraus resultierenden Handlungsweisen ist immer dann nicht möglich, wenn dieses Verhalten anderen fühlenden Lebewesen wissentlich oder gar vorsätzlich vermeidbares Leid zufügt. Eigentlich nicht schwer zu verstehen und auch weitgehend gesellschaftlicher Konsens, wenn es um Gewalt gegen Menschen geht.4 Das gilt auch dann, wenn ich selbst gar nicht die Person bin, die andere quält und tötet. Natürlich bin ich auch dann verantwortlich, wenn mein Verhalten (Tiere essen) erfordert, dass andere das unerfreuliche, blutige Geschäft (Tierkinder schlachten) in meinem Auftrag erledigen.

Die ‚Toleranz‘ der Fleischesser*innen

Bevor Fleischesser*innen sich selbst voreilig als tolerant beschreiben, sollten sie vielleicht auch erst einmal den Unterschied zwischen Toleranz und Gleichgültigkeit recherchieren. Die Tatsache, dass ihnen das Leben und Leiden anderer oftmals völlig egal ist, hat nichts Edles, sondern ist vielmehr das tragische Resultat erlernter Gleichgültigkeit. Um Tierkadaver überhaupt essen zu können, müssen Menschen lernen, ihre Fähigkeit zur bedingungslosen Empathie konsequent zu unterdrücken. Sie müssen lernen, in bestimmten Situationen nichts zu fühlen. Wieder und wieder. Bereits als kleine Kinder lernen wir von unseren Eltern, dass es bestimmte Geschöpfe gibt, die unseres Mitgefühls nicht würdig sind. Wir erlernen die Kunst des selektiven Mitgefühls. Ein psychologischer Taschenspielertrick, der es uns erlaubt, manche Lebewesen von ganzem Herzen zu lieben und manche zu töten (oder töten zu lassen), ohne die Tragweite unseres Tun auch nur ansatzweise zu bemerken. Die Selbsttäuschung ist so perfekt, dass wir unsere Gleichgültigkeit tatsächlich mit Toleranz verwechseln und äußerst gereizt reagieren, wenn uns jemand auf diesen Sachverhalt hinweist.5

Die vergessene ‚dritte Partei‘

Neben den Fleischesser*innen und den Veganer*innen gibt es eben, wie gesehen, noch eine dritte Partei, nämlich die Opfer dieses unwürdigen Geschehens. Im Unterschied zu anderen diskriminierten Gruppen, sind die Tiere nicht in der Lage, ihr Recht auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit selbst einzufordern und durchzusetzen. Veganer*innen fühlen sich deshalb erst recht verpflichtet, den unterdrückten, gequälten Geschöpfen ihre Stimme zu geben und entschlossen für das Ende der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen zu streiten, wenn nötig auch mal laut, unfreundlich und unbequem. Die Art ‚Toleranz‘, die sich Omnivor*innen so sehr von vegan lebenden Menschen wünschen, würde diese dritte Partei aus ihrer Perspektive zurecht Zynismus und Verrat nennen. Es müsste auch vor diesem Hintergrund eigentlich klar sein, dass die gewünschte ‚Toleranz‘ keine akzeptable Option für Veganer*innen sein kann.

Wenn die gesellschaftliche Mehrheit nach Toleranz ruft …

Toleranz ist meist eine selbstbewusste Geste der gesellschaftlichen Mehrheit gegenüber Minderheiten. Sie entspringt einer Position der Stärke. Toleranz ist Ausdruck von Gelassenheit und der inneren Gewissheit, selbst in Übereinstimmung mit den kollektiv dominanten, akzeptierten Werten zu handeln. Wenn die tierproduktkonsumierende Mehrheit bei einem Bevölkerungsanteil von gerade mal einem Prozent Veganer*innen derart beunruhigt ist, dass sie glaubt, Toleranz gegenüber ihrer eigenen gesellschaftlichen ‚Norm‘ einfordern zu müssen, dann wirkt das alles andere als souverän.

Diese Nervosität könnte ein zarter Hinweis sein, dass viele Menschen insgeheim längst ahnen, dass es ‚eigentlich‘ nicht in Ordnung ist, was sie tun. Es könnte sein, dass sie beginnen zu verstehen, dass sie selbst es sind, die gegen die eigenen Werte Gerechtigkeit, Verantwortung und Mitgefühl verstoßen. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie klar erkennen, dass es gar nicht die potenziellen äußeren Feinde sind, die ihre Empörung verursachen, sondern das eigene Gewissen.

  1. „Toleranz ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz []
  2. Quelle: Cowspiracy – The Facts. http://www.cowspiracy.com/facts/ []
  3. Quelle: Statistisches Bundesamt, zitiert nach einem Bericht der Albert-Schweitzer-Stiftung https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schlachtzahlen-2016 []
  4. Anderen vorsätzlich Leid zuzufügen ist nur in wenigen Ausnahmefällen moralisch vertretbar, zum Beispiel bei Notwehrhandlungen oder aus Fürsorge, um noch größeres Leid zu vermeiden. Es kann zum Beispiel richtig sein, ein verletztes Tier einzufangen, in ein Käfig zu sperren und zum Tierarzt zu transportieren, damit es operiert und sein Leben gerettet werden kann. []
  5. Einen überaus erhellenden Blick auf das Toleranzverständnis der Fleischesser liefert auch der ‚Artgenosse‘ in diesem sehenswerten Video []

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