Keine Einzelfälle: Flora Eins Unter dem Titel "Keine Einzelfälle" wollen wir eine Reihe beginnen mit wahren Geschichten aus der Tierausbeutungsindustrie, um diesen Lebewesen, diesen Individuen, denen Unrecht getan wurde, Unrecht getan wird, wenigstens ein kleines Denkmal zu setzen.

Dies ist die Geschichte von Flora Eins.

Flora Eins wurde am 23. Juni 2016 geboren.
Bereits fünf Tage später, am 28. Juni, befand sie sich in der Wartebox des örtlichen Schlachthofs.

Mutterseelenallein.

Immerhin mit Stroh unter dem Babybauch. Keine Selbstverständlichkeit.

Flora Eins (1)

„Was ist schlimmer als sich mit Metzgern nicht zu verstehen? Richtig. Wenn sie einen zu gut finden, fangen sie an, einem ihre Problemfälle zu zeigen und zu fragen, ob man die haben will. Erst 5 Tage alt, noch nicht mal Ohrmarken, eigentlich noch gar nicht alt genug für einen gewerblichen Transport, sitzt sie schon beim Metzger, um getötet zu werden. Für den Verzehr ist sie noch nicht einmal geeignet.“ ~zuständiger Amts-Vet, Foto von N.T.

Ja, auch Metzger sind Menschen und haben Skrupel und mancher Tötungsauftrag überfordert sie.

Schnell fanden sich Menschen, die tatkräftig oder finanziell beitragen wollten, das kleine Mädchen frei zu kaufen, um sie zu anderen Waisen auf einen Lebenshof zu bringen. Metzger, Händler, Tierschützer waren sich rasch einig. Nun ging es nur noch darum, die nötigen Papiere heran zu schaffen, die gesundheitlichen Untersuchungen zu bestehen und Freigaben zu erhalten. Ohne Ohrmarken kein Weg in die Sicherheit.

Während dieses nötigen Prozedere, das einige Tage beanspruchen würde, befand sich die Kleine, die bald schon inoffiziell den Namen Flora erhielt, bei einem Händler in der Nähe. Endlich war alles geschafft und am 5. Juli, zwei Wochen nach ihrer Geburt, sollte sie von dort fort geholt werden.

Aber Flora war nicht mehr da. Sie war verschwunden:

„Fassungslos habe ich vorher die Nachricht entgegen nehmen müssen, dass Flora verschwunden ist. Sie war gestern noch im Stall des Händlers, aus dem wir sie wegen der fehlenden Papiere noch nicht mitnehmen konnten. Und heute nicht mehr. Der Händler selber war heute nicht da, einer seiner Fahrer hat Rinder zum Weiterverkauf mitgenommen. Scheinbar hat er versehentlich auch unsere Flora eingepackt, wir gehen aber davon aus, dass sie lebt. Und, dass wir sie wieder bekommen.“

Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, es wurde herum telefoniert, nachgeforscht, gebittet und gebettelt, gedroht und geflucht. Vergeblich. Irgendwann ging der Händler nicht mehr ans Telefon.

Wir haben sie nicht wieder bekommen. Flora bleibt verschwunden.

Angeblich ist sie bei anderen Tierschützern auf einem unbekannten Lebenshof. Tierschützer, die anonym bleiben wollen, die keinen Kontakt wollen. Sehr merkwürdig.

Ich kann das nicht glauben. Ich halte das für ein Märchen, das einfach nur die lästigen Tierschützer*innen ruhig stellen und abwimmeln soll. Gebt Ruhe. Der Kleinen geht’s gut. Hört auf, euch Sorgen zu machen. Alles in Ordnung.

Nichts ist in Ordnung.

Vielleicht wurde sie bereits geschlachtet. Zerhackt und eingedost „für später“, so wie es mit Paul geschehen sollte, als er zwei Monate alt war. Versehentlich getötet. Weil ein Fahrer sie versehentlich mit aufgeladen hat.

Sie sehen ja auch alle gleich aus. Es sind ja so viele. Eins wie das andere.

Kein Happy End.

Ein kleines Kind ging verloren. Für uns war und ist sie Flora. Für alle anderen nur eine x-beliebige, austauschbare Nummer. Nummern, die von Nummern unter Schmerzen zur Welt gebracht werden. Individuen, die wir nicht als solche wahrnehmen dürfen, weil wir uns sonst selbst hassen müssten, für das, was wir ihnen antun.

Das gesammelte Geld wird nun verwendet, um eine andere kleine Flora – Flora Zwei – aus dem Schlachthof zu holen und in Sicherheit zu bringen.

Ich freue mich für Flora Zwei während ich um Flora Eins trauere. Und um all die Tausende von kleinen Floras und Pauls, die der Milchwirtschaft zum Opfer fallen.

Vielleicht ist sie ja doch in Sicherheit. Auf einem Lebenshof, wie es der sonst sehr zuverlässige Händler gesagt hat. Vielleicht sehe ich ja doch zu schwarz. Ich hoffe es. Ich hoffe zutiefst, dass sie eine Zukunft hat, eine bessere Zukunft als ihre Mutter und nicht körperlich und seelisch zermahlen wird im Räderwerk aus Schwangerschaft, Geburt, Kindsverlust und Ausgemolkenwerden eines Milchbetriebs.

Diese Fotos sind alles, was uns von ihr bleibt. Und diese kleine, leere Stelle im Herzen, die mich an sie erinnern wird.

Liebe, kleine Flora,

ich wollte ein Patenschaft für Dich übernehmen. Nun bekommt sie Flora Zwei, aber ich werde Dich nicht vergessen. Es hat Dich gegeben. Dein Leben hatte einen Wert. Für Dich, für uns. Du warst nie „Abfall“, nie „unnütz“, nie „nur ein Tier“. Wenn sie eine Chance dazu gehabt hätte, dann hätte Deine Mutter Dich geliebt und umsorgt und beschützt, so wie es alle guten Mütter mit ihren Kindern tun. Aber diese Chance hatte sie nie, weil Käse uns Menschen so gut schmeckt.
Es ist unrecht, was die Menschheit da anrichtet. Es ist Unrecht.

Über Susanne

Froh, vegan zu sein, als ob atheistisch nicht schon gereicht hätte.
Fühlende Wesen sind kein Eigentum. Ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Freiheit, ihr Recht.

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