Denkt denn nicht mal jemand an die Kinder?

 

„Wenn Veganer*innen ihre Ideologie für sich selbst leben, ist das in Ordnung. Aber wehe, sie zwingen ihre Essstörung auch noch ihren Kindern auf!“ Wenn die Argumentation dem Veganismus im Allgemeinen gegenüber schon ziemlich schlecht ist, dann versagt sie in Bezug auf vegane Kindererziehung vollends. Eine sachliche Auseinandersetzung scheint nicht mehr möglich zu sein. Die Münder schäumen über. Von Kindesmisshandlung ist die Rede, davon, das Jugendamt einzuschalten. Wie kann man Kindern schließlich das Recht vorenthalten, tierliche Produkte zu essen? Sie können sich ja später immer noch dagegen entscheiden.

Es ist der Trick einer gesellschaftlich anerkannten Ideologie, dass sie sich nicht als solche durchschaut. Ideologisch, das sind immer nur die anderen, nie man selbst. Insofern Ideologie bedeutet, bestimmte Werte zu vermitteln, ist dagegen jede Erziehung ideologisch. Man vermittelt Kindern die eigenen Werte und diese Werte prägen die Kinder. In diesem Sinne ist eine Erziehung mit der Auffassung, man dürfe Tiere und deren Produkte essen, (auch bekannt als Speziesismus) nicht weniger ideologisch als eine vegane.

Der Vorwurf, Kinder sollten später selbst über ihre Ernährung entscheiden, vernachlässigt die frühkindliche Prägung und die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Speziesismus. In Bezug auf den Konsum von Fleisch bedeutet das, dass von einer „freien“ Entscheidung gar nicht mehr die Rede sein kann, wenn ein Kind 12, 14 oder 18 Jahre Fleisch, Milch und Eier gegessen hat. Das Kind hat den Geschmack schon im Mutterleib aufgenommen und entwickelt die entsprechenden Geschmacksnerven und die entsprechende Prägung auf tierliche Nahrung. Das ist auch ein Grund, warum es absurd ist, Kuhmilch und Sojamilch oder Schweineschnitzel und Tofu in späteren Jahren geschmacklich gegenüberzustellen, als wäre man nicht von klein durch den Geschmack von Kuhmilch und Schweinefleisch geprägt worden.

Aber auch die sozialen Voraussetzungen sind gebunden an tierliche Nahrung. Welches Kind ist in seiner Entscheidung frei, wenn die meisten anderen Kinder Fleisch essen? Welches Kind verspürt nicht den Gruppenzwang, wenn im Kindergarten, in der Schule oder im Sportverein alle um es herum tierliche Produkte konsumieren? Wo ist die geforderte Neutralität, wenn auf Kindergeburtstagen ein Besuch bei McDonald‘s oder Burger King dazu gehört?

Wenn das Entscheidungsrecht der Kinder so hochgehalten wird – warum klärt man Kinder nicht entsprechend auf? Welche Eltern berichten den Kindern denn von den Zuständen in den Schlachtanlagen oder nehmen sie gar in einen solchen Betrieb mit? Kann das Ausbleiben dessen eventuell daran liegen, dass es auf Kinder verstörend wirken könnte? Hier zeigt sich wieder einmal, dass zwischen dem Recht, zu essen was man möchte, und der notwendigen Schlachtung eines Tieres eine Kluft liegt, die meistens versucht wird zu umgehen, indem man die Zustände der Massentierhaltung einfach leugnet oder zu fadenscheinigen Begründungen greift („Es ist halt natürlich“). Die Entscheidung eines Kindes ist nicht „frei“, wenn ihm wesentliche Fakten vorenthalten oder diese Fakten beschönigt werden.

„Also ich war bei einer Schlachtung dabei, und es war wirklich nicht so toll, aber nachhaltig geschadet hat es mir nicht“, hört man manchmal Erwachsene sagen, die noch in kleinbäuerlichen Betrieben groß geworden sind oder im Rahmen einer solchen an einer Schlachtung teilgenommen haben. Mal davon abgesehen, dass diese Art der Haltung und Schlachtung im Gesamtkontext der Fleischerzeugung kaum Relevanz besitzt, da 98% alles konsumierten Fleisches aus der Massentierhaltung stammt, offenbart sie doch ein merkwürdiges Verständnis von Erziehung. Muss etwas denn nachhaltig schaden, um als schlecht angesehen zu werden? Und besteht eine der Leistungen des menschlichen Unterbewusstseins nicht gerade darin, schlimme Dinge im Nachhinein positiver darzustellen oder zu verdrängen? Schadet es einem Kind nachhaltig, mal einen Klaps auf den Hintern zu erhalten? Oder eine Zigarette zu rauchen? Nein. Falsch ist es trotzdem.

Kinder an einer Schlachtung teilhaben zu lassen bedeutet nichts anderes, als Kinder mit Gewalt zu erziehen. Und eine friedvolle und menschliche Gesellschaft kann nicht durch Gewalt erreicht werden. Es findet eine geradezu groteske Verkehrung von geforderter Menschlichkeit statt, wenn man die frühkindlichen Gewalterfahrungen an Tieren als normal und damit gut zu legitimieren versucht, aber jene, die jegliche Gewalt gegenüber empfindungsfähigen Tieren ablehnen, ins gesellschaftliche Abseits drängen und ihnen die Legitimität absprechen möchte.

Zu behaupten, Kinder könnten später selber entscheiden, ist so sinnvoll, wie Kinder religiös zu erziehen und dann zu sagen, sie könnten sich später ja für oder gegen Gott (welchen auch immer) entscheiden. Nach zum Teil jahrzehntelanger Prägung ist es freilich absurd, von einer freien Entscheidung zu sprechen. Wenn Arthur Schopenhauer schreibt: „Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein“, so gilt das nicht weniger für eine speziesistische Erziehung.

Doch wie weit reicht die Ideologie des Speziesismus? Der Autor des Artikels erinnert sich noch gut genug daran, in der Schule Milchgeld bezahlt und tierliche Speisen wegen fehlender Alternativen und allgemeiner Konformität gegessen zu haben. Ebenso erinnert er sich daran, an schulischen oder vereinssportlichen Grillfesten (bei denen selbstverständlich Körperteile von Tieren gegessen wurden) teilgenommen zu haben. Aber auch in der Schule war die Sezierung eines Fischs ein ganz normaler Bestandteil des Biologieunterrichts, ebenso wie das Einreiben eines Blattes Papier mit tierlicher Wurst, um Eigenschaften von Fetten herauszufinden. Was ist das, wenn nicht Ideologie? Dass (die meisten) Tiere minderwertig sind, ist eine unhinterfragte Voraussetzung in der Institution Schule.

Schauen wir uns ein paar Beispiele an, wie Kinder und Jugendliche mit der speziesistischen Ideologie erzogen werden. Besonders in der Mathematik ist die Einbindung von Tieren zur Flächen- und Volumenbestimmung, aber auch für die Prozentrechnung sehr beliebt.

 

Ein Löwe in seinem natürlichen Habitat.
Auf einem Betonboden artgerecht gehaltene Ferkel. Niedlich, oder?

Englischabschlussprüfung, 10. Klasse Realschule.
Für die Übersetzung siehe Artikelende [1].

Die Musterlösung zu der Prüfung.
Für die Übersetzung siehe Artikelende [2].
Besonders Punkt d) ist interessant. Hier haben wir Ideologie par Excellence: Der Verzehr von Fleisch ist „natürlich“, also automatisch gut. Löwen fressen Antilopen auch. Interessant ist die Nutzung des Wortes „Nonsense“. In den Antworten davor steht nur „yes“ oder „I don’t think so“. „Nonsene“ dagegen ist eine gesteigerte emotionale Bewertung. Weil man weiß, wie schlecht die Antwort begründet ist, muss man auf emotionale Aussagen zurückgreifen, um sich selbst zu bestärken.
Nicht nur für die Jagd, sondern auch für die Mathematik scheint zu gelten: Gewaltfreie Lösungsansätze erscheinen in diesem Szenario buchstäblich undenkbar.
Wie viel vom Rind darf’s denn sein? Vielleicht noch eine Bärchenwurst für die Kleine?

 

Die Schule ist nur ein Beispiel für Institutionen, die die Minderwertigkeit von Tieren vermitteln. Es beginnt im Mutterleib, wenn das Kind durch die Ernährung der Mutter geprägt wird. Es geht weiter mit einer Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter, wenn die Mutter nicht mehr die Nahrungslieferantin ist, sondern auf Milch bzw. eine allgemein omnivore Ernährung umgestiegen wird, gerne auch mit entsprechender Beeinflussung der Kind durch Verniedlichungen wie Bärchen-Wurst, die von der netten Frau am Tresen  gereicht wird. Es geht weiter damit, dass Kinder in der Grippe und im Kindergarten ebenfalls omnivor ernährt werden. Der Besuch von Zoos und Zirkussen, Grillfeste, Schulessen, das Halten von Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen und Hunden, Fernsehwerbung – von morgens bis abends sind Kinder der speziesistischen Ideologie ausgesetzt. Und aus speziesistischen Kindern werden speziesistische Erwachsene.

Doch davon abgesehen, dass es bei Diskussionen über Veganismus nicht nur um die Ernährung geht, sondern darum, Kindern grundlegend Respekt gegenüber Tieren zu vermitteln, was sich auf die Kleidung, die Jagd, Tierversuche, Zoos, Zirkusse und die Heimtierhaltung auswirkt – ist eine vegane Ernährung überhaupt gesund? Schlagen nicht Ärzte Alarm und kommen nicht ständig neue Berichte, wie schädlich eine vegane Ernährung ist? [3]

Ärztinnen selbst sind im Rahmen speziesistischer Institutionen groß geworden. Sie betrachten die Frage nach tierlichen Produkten daher von vornherein aus derjenigen Perspektive, dass es in Ordnung und notwendig ist, tierliche Produkte zu konsumieren. Die Ausbildung an den Universitäten räumt der Ernährung keinen großen Platz ein, und selbst diese Vermittlung ernährungsphysiologischer Kenntnisse findet innerhalb des Rahmens statt, dass tierliche Produkte Bestandteil einer „ausgewogenen Ernährung“ seien.

Aber auch wenn man davon ausginge, dass immer mehr vegan ernährte Kinder beim Arzt vorstellig würden, ließe sich das leicht erklären. Es leben immer mehr Menschen vegan. Es ist nur logisch, dass diese Menschen auch mal krank werden, Kinder sowieso, und dann zur Ärztin gehen. Man müsste vielmehr beweisen, dass Veganer*innen überproportional krank werden und dass dies an ihrer Ernährung liegt (und dass diese dazu noch ausgewogen gewesen ist). Aber wir sollten natürlich nicht vergessen: Wenn eine omnivore Person krank wird, dann wird sie einfach krank. Wenn dagegen eine vegane Person krank wird, dann wird sie krank, weil sie vegan lebt.

Was ist mit den etlichen Berichten veganer Mangelernährung? Diese etlichen Berichte gibt es nicht. Vielmehr tauchen jedes Jahr ein, zwei Artikel nachlässiger Ernährung von Kindern auf, die mit Veganismus so gut wie nichts zu tun haben. Meistens vernachlässigten die Eltern die Kinder grob, so dass von einer ausgewogenen veganen Ernährung nicht die Rede sein kann. Erst recht, wenn andere Überzeugungen der Eltern, wie die Ablehnung der konventionellen Medizin, hinzu kamen. Ein Kind mit Wasser und Brot zu ernähren ist vegan, aber nicht ausgewogen. Da die größere Menge die kleinere Menge enthält, ist es aber auch omnivor, Kinder mit Wasser und Brot zu ernähren. Dennoch werden die Fälle auf eine vegane Ernährung reduziert. Dagegen blieben die Proteste aus, als bekannt wurde, dass ein Kind ohne Obst und Gemüse fast blind geworden wäre. Nach omnivorer Logik müsste die Schlussfolgerung lauten: Eine omnivore Ernährung schadet Kindern!

Dass man sich an diesen extremen Fällen hochzieht, beweist nur, dass es nicht möglich ist, eine flächendeckende Mangelernährung vegan lebender Kinder nachzuweisen. Davon abgesehen ist es durch und durch anmaßend, Eltern vegan lebender Kinder zu unterstellen, sie würden sich nicht um das Wohl ihrer Kinder sorgen. Denn nichts anderes behaupten jene, die vegan lebenden Eltern am liebsten die Kinder wegnehmen würden. Dabei ist das Gegenteil der Fall – vegane Eltern wissen meistens besser über die ernährungsphysiologischen Bedürfnisse ihrer Kinder Bescheid als omnivor lebende Eltern. Wenn Kinder mit Cola, Gummibärchen und Big Mac oder täglicher Bärchenwurst, Kuhmilch und gesüßten Frühstücksflocken erzogen werden und in der Schule dann genussvoll in die Wurst- oder Nutellasemmel beißen, bleibt die Empörung jedoch aus. Denn das ist ja normal. Und was normal ist, muss richtig sein.

 



1 a) Wilde Tiere in einem Zoo zu beobachten kann ziemlich bedrückend sein. b) Tiere in einem Zirkuss haben es schwer dabei, dich zu unterhalten. c) Experimente an Tieren sollten Verboten werden. d) Nur Vegetarier lieben Tiere wirklich. zurück


2 a) Ja, das stimmt. Besonders in Bezug auf Tiere, die viel Platz benötigen. Wenn du einen Tiger in einem kleinen Käfig umherlaufen siehst, kann das sehr bedrückend sein. b) Ich denke nicht. Viele Tiere liebe es, Kunststücke zu vollführen, besonders, wenn sie danach eine Belohnung erhalten. Oftmals werden ihnen Dinge beigebracht, die sie auch in ihrem normalen Leben tun würden. c) Ich stimme der Aussage zu. Die Industrie nutzt oft Tiere, um die Wirkung bestimmter Substanzen herauszufinden. Aber wenn du die Tiere in ihren kleinen Käfigen leiden siehst, kann dich das sehr wütend machen. d) Das ist Unsinn. Du kannst dich um Tiere kümmern und gleichzeitig Fleisch essen. Wenn du dir die Tierwelt anschaust, ist Fleischessen nur natürlich. zurück


3 Die Academy of Nutrition and Dietetics schreibt dazu: “It is the position of the Academy of Nutrition and Dietetics that appropriately planned vegetarian, including vegan, diets are healthful, nutritionally adequate, and may provide health benefits for the prevention and treatment of certain diseases. These diets are appropriate for all stages of the life cycle, including pregnancy, lactation, infancy, childhood, adolescence, older adulthood, and for athletes.” https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27886704 zurück