Können Fleischesser liebevolle Tierfreunde sein? Versuch einer Antwort

Wenn Veganer und Nichtveganer sich über ihr Verhältnis zu Tieren unterhalten, stellen sie immer wieder verblüfft fest, dass beide für sich in Anspruch nehmen, Tiere zu mögen oder gar zu lieben. Beide sind der Meinung, dass Tiere sensible Geschöpfe sind, denen wir kein vorsätzliches Leid zufügen dürfen. Beide betonen, dass der Mensch eine besondere Verantwortung für das Wohlergehen der Tiere trägt.

Können Menschen liebevolle Tierfreunde sein und gleichzeitig tierliche Produkte konsumieren?

Ein Fleischesser (oder auch ein Vegetarier) kann sich durchaus die meiste Zeit überaus tierlieb verhalten, zum Beispiel gegenüber den eigenen Haustieren, die er streichelt, füttert, behütet, pflegt, bis ins hohe Alter versorgt, liebevoll in den Tod begleitet, eigenhändig begräbt und aus tiefstem Herzen betrauert. Möglicherweise engagiert er sich auch aktiv für die Ächtung einzelner Gewalttaten gegenüber Tieren (z.B. Stierkampf), unterzeichnet Petitionen, spendet Geld an Tierschutzorganisationen oder engagiert sich in seiner Freizeit ehrenamtlich in einem Tierheim. Vielleicht erkennt er auch in der industriellen Massentierhaltung ein unnötiges, kaum verantwortbares, vom Menschen verursachtes unverhältnismäßiges Leid der Tiere, das ‚man‘ so auf keinen Fall hinnehmen darf. All das ist möglich und geschieht tausendfach Tag für Tag.

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Noch feucht von der Geburt, wurde dieses Kalb seiner Mutter entrissen. Sie werden sich nie wiedersehen. Bildquelle: Jo-Anne McArthur / We Animals

Immer dann, wenn dieser Mensch aber ein tierliches Produkt verspeist, nimmt er das unermessliche Leid eines wehrlos ausgelieferten Opfers bewusst, bzw. oftmals einfach nur gedankenlos, in Kauf, indem er seine eigenen, kurzfristigen kulinarischen Interessen höher bewertet als das elementare Recht auf Leben eines leidensfähigen Mitgeschöpfs.1 Insofern kann ein Nichtveganer zwar ein oftmals situativ tierfreundliches Verhalten für sich reklamieren, nicht jedoch die Identität eines Tierfreundes. Ein Tierfreund zu sein, verträgt Widersprüche dieser Größenordnung nicht.2 Die Ebene der Identität ist unser innerster Wesenskern, der unserem Leben tieferen Sinn verleiht und substanzielle Antworten auf die Fragen

  • Wer bin ich und wofür stehe ich?
  • Wer sind die anderen und was brauchen sie von mir?
  • Wie begegne ich allem Leben in dieser Welt?

bereit hält. Eine Art innerer Kompass, der uns jederzeit die Richtung für unseren individuellen Beitrag zum Wohle (oder Schaden) der Allgemeinheit weist. Wer auf dieser Ebene eine bedingungslose Liebe zu den Tieren empfindet, der versteht sich als Freund aller fühlenden Geschöpfe, unterscheidet nicht zwischen ‚Darf man essen‘ und ‚Darf man nicht essen‘ und findet es abscheulich, fühlende Wesen als ‚Nutztiere‘, ‚Schlachtvieh‘, ‚Milchkühe‘ oder ‚Speisefische‘ zu etikettieren. Er fragt nicht, ob der Mensch hierzulande eben ‚immer schon‘ Fleisch isst und lässt „Schmeckt lecker!“ niemals als Argument für mörderische Gewalt durchgehen. Er findet den Gedanken, ein Tier zu besitzen, einzusperren, es seelisch und körperlich zu misshandeln, hinzurichten – bzw. diese Taten zu beauftragen – um es sich anschließend einzuverleiben, völlig absurd und moralisch nicht zu rechtfertigen.3

 

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Schweine sind äußerst intelligente, soziale, liebevolle und liebenswerte Tiere. Bildquelle: Jo-Anne McArthur / We Animals

Vielleicht leben Sie noch nicht vegan. Dann empfinden Sie diesen Artikel möglicherweise als Angriff. Vielleicht sind Sie verärgert, weil Sie tatsächlich einiges für Tiere tun, und das völlig uneigennützig, aus tief empfundener Liebe. Vielleicht sind Sie Vegetarier und haben sich sogar aus Gewissensgründen ganz bewusst für diese Form der Ernährung entschieden, eben weil Sie weniger Tierleid verursachen wollen. Dann löst es in Ihnen vermutlich einigen Unmut aus, wenn Sie zur Kenntnis nehmen müssen, dass Sie in Sachen Tierquälerei zumindest teilweise auf der Seite der Täter stehen.4

Dennoch bitte ich Sie, einmal den Gedanken zuzulassen, dass eben trotz Ihrer ehrenwerten Absichten wieder und wieder Tiere für Ihr Vergnügen völlig sinnlos sterben müssen. Sie schließen manche Tiere in Ihre Liebe und Fürsorge ein, während Sie andere willkürlich davon ausschließen.5  Wenn Sie die Fleisch- oder Milchwirtschaft unterstützen, indem Sie ihre Produkte konsumieren, dann sind Sie direkt verantwortlich für schreckliche Gewalt gegen wehrlose Tiere, die oftmals noch Babys sind, wenn ihr Leben ausgelöscht wird. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrer Vorstellung von Tierliebe und ethisch motiviertem Handeln? Ist das gerecht? Dass der Konsum tierlicher Produkte eine lange Tradition hat, dass hierzulande immer noch die meisten Menschen solche Tierqualprodukte konsumieren, als wäre dies das Normalste auf der Welt, und dass Tiere essen ja schließlich auch nicht verboten ist – all das sind Antworten, die einiges über die Ignoranz unserer Gesellschaft aussagen, aber nichts über Ihre moralische Integrität. Wenn Sie darüber etwas erfahren wollen, sollten Sie Ihr Gewissen befragen und sehr genau hinhören oder sich die einfache Frage stellen: „Was würde die Liebe tun?“ Lassen Sie sich auf die Wahrheit ein, auch wenn sie schmerzt, und bringen Sie Ihr Verhalten mit Ihren Werten in Einklang. Bitte.

  1. Das gilt natürlich nicht nur für das Verspeisen von Tieren oder ihrer Ausscheidungen, sondern für jegliche Unterstützung der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen, zum Beispiel für Zwecke der Forschung, der Mode oder der Unterhaltung. []
  2. Wer Hunde streichelt und Schweine isst, ist eben kein Tierfreund, sondern höchstens ein Hundefreund. []
  3. Dieses Video von Animal Equality zeigt die Welt aus den Augen eines Schweins. https://www.youtube.com/watch?v=_pC0_mqmp6w []
  4. Ich war selbst mehr als zwanzig Jahre Vegetarier aus moralischer Überzeugung und felsenfest davon überzeugt, das Richtige zu tun. Das entsetzliche Leid der Tiere in der Milchindustrie oder das Schicksal männlicher Küken in der Eierindustrie habe ich irgendwie ‚erfolgreich verdrängt‘. Als ich dann zunehmend mit dem Widerspruch zwischen meinen Werten und meinem gelebten Verhalten konfrontiert wurde, reagierte ich zunächst wütend auf meine Kritiker. Ich empfand es anmaßend, dass mir andere Menschen meine Tierliebe absprachen und mich für Tierquälerei verantwortlich machten. Doch dann habe ich recherchiert, die Kritik überprüft und die grausige Wahrheit ohne jede Beschönigung an mich herangelassen. Mir wurde klar, dass meine scheinbare Wut auf andere in Wahrheit ein heftiger Ausdruck der eigenen Scham war. Als ich das verstanden habe, habe ich mein Leben für immer verändert. []
  5. Dieses Video mit deutschen Untertiteln zeigt die Trennung eines Kalbs von seiner Mutter. Nur weil wir Menschen glauben über das Säuglingsalter hinaus Milch trinken zu müssen, noch dazu die einer anderen Spezies, fügen wir Müttern und ihren Kindern maximalen Schmerz zu, indem wir sie unmittelbar nach der Geburt gewaltsam für immer trennen. https://www.youtube.com/watch?v=IzOjqeKdYn8 []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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