Kognitive Dissonanz

Unsere Werte und Überzeugungen steuern unser Verhalten. Wenn wir wiederholt in einer Weise handeln, die im Widerspruch zu unseren Werten steht, spüren wir, sobald wir den Widerspruch bemerken, ein moralisches Unbehagen. Dann haben wir grundsätzlich drei Optionen, diese ‚kognitive Dissonanz‘1 und das damit einhergehende mulmige Gefühl aufzulösen:

1.) Wir können unser Verhalten so verändern, dass es wieder mit den Werten übereinstimmt.

2.) Wir können unsere Werte/Überzeugungen korrigieren.

3.) Wir erklären unser Verhalten in einer Weise, dass es auf wundersame Weise doch irgendwie zu unseren Werten zu passen scheint.

Der dritte Punkt ist für das Thema ‚Tiere essen‘ besonders bedeutsam. Wenn Menschen über ihr Verhältnis zu Tieren reden, sagt nur eine kleine Minderheit: „Es ist völlig in Ordnung Tiere zu quälen, zu töten und anschließend zu essen. Dafür werden sie ja gezüchtet. Sie verdienen es nicht anders.“ Die allermeisten Menschen mögen Tiere und wünschen sich, dass es ihnen gut geht, beziehungsweise, dass sie zumindest nicht ‚unnötig‘ leiden. Dennoch essen sie Tiere. Ganz selbstverständlich, in der Regel ohne jeden Skrupel. Das Verhalten passt also definitiv nicht zu den Werten. Jemandem ein gutes Leben zu wünschen und gleichzeitig seine Hinrichtung zu beauftragen ist ein Widerspruch, wie er offensichtlicher kaum sein könnte.2 Jetzt wäre es nahe liegend, ab sofort einfach auf den Verzehr tierlicher Produkte zu verzichten. Diese einfache und völlig logische Entscheidung trifft aber interessanterweise kaum jemand. Die zweite Möglichkeit: Ich könnte auch meine Werte neu definieren und sagen: „Tiere sind offenbar doch nichts weiter als Lebensmittel ohne jeden moralischen Wert. Wir können mit ihnen machen, was immer wir wollen.“ Dieser Sinneswandel wäre vielleicht im Einzelfall schonungslos ehrlich, ist aber ebenfalls nicht wahrscheinlich. Wir ändern unsere Werte nicht eben mal schnell, nur weil uns jemand auf einen vermeintlichen Widerspruch hinweist.

Schweine

Um diese wunderbaren Geschöpfe ohne Schuldgefühle essen zu können, bedarf es einiger kognitiver und emotionaler Verrenkungen. (Bildquelle: We Animals, Jo-Anne Mc Arthur)

Wahrscheinlich ist vielmehr, dass ich mein Verhalten irgendwie beschönige oder aber meine Werte ‚eigenwillig‘ interpretiere. Wenn in meiner Umgebung fast alle Menschen Fleisch essen und sich schließlich auch keinerlei Gedanken darüber machen, und ich Fleisch auch noch verdammt lecker finde, dann reicht ein kleiner Taschenspielertrick, um ohne schlechtes Gewissen weiterhin Fleisch konsumieren zu können. Ich plappere einfach ein paar schlichte, häufig gehörte Parolen nach: „Der Mensch isst schon immer Fleisch“, „Der Mensch braucht nun mal Fleisch für ein gesundes Leben“, oder das Königsargument „Der Löwe frisst ja auch Zebras“. Interessant (und aus Sicht der Opfer unerträglich zynisch), dass dieses armselige Niveau des Selbstbetrugs völlig ausreicht, um sich im gleichen Moment wieder mit sich und der Welt im Reinen zu fühlen. Selbst haarsträubende ‚Argumente‘ wie „Der Mensch hat nun mal ein Raubtiergebiss“, „Pflanzen haben auch Gefühle“ oder „Es ist Gottes Wille“ helfen, die kognitive Dissonanz zu beseitigen. Falls doch einmal jemand ein klein wenig ins Grübeln kommt ob der Qualität der eigenen Argumente, dann hilft auf jeden Fall die herzerwärmende Geschichte von der artgerechten Haltung, den glücklichen Tieren, dem humanen Töten oder der Lobgesang auf den sympathischen Metzger des Vertrauens von nebenan.

Tragischerweise sind die ‚Argumente‘ der Fleischesser einer echten verstandesmäßigen Prüfung nur bedingt zugänglich. Es handelt sich nicht um reflektierte Überlegungen, sondern um gespeicherte Erinnerungen unseres Autopiloten. Standardtexte, in der Kindheit von den Eltern gelernt, von der Umgebung wieder und wieder verstärkt, tausendfach gehört und tausendfach nachgeplappert – so lange und so oft, bis sie zur zementierten ‚Wahrheit‘ wurden, die nicht mehr überprüft werden muss.

Menschen (natürlich nicht nur Fleischesser) neigen in extremer Weise dazu, einmal getroffene Entscheidungen dauerhaft aufrechtzuerhalten und zu verteidigen. Je länger ich bereits eine Ansicht als wahr erachte und je mehr ich diese Ansicht durch mein unmittelbares soziales Umfeld und die ‚öffentliche Meinung‘ als wahr bestätigt bekomme, umso hartnäckiger schütze ich diese Wahrheit durch eine raffiniert selektive Wahrnehmung.3 Das heißt, ich werte alle Informationen und Impulse auf, die meine Sicht der Dinge bestätigen oder interpretiere sie kreativ in diese Richtung. Gleichzeitig, leugne, verzerre, entwerte oder unterdrücke ich reflexartig diejenigen Informationen, die meine Meinung in Frage stellen oder gar offensichtlich widerlegen.4 Erst wenn die Dissonanz erzeugenden Informationen, Eindrücke und Beweise so erdrückend sind, dass sie eine gewisse Toleranzschwelle überschreiten und mir tatsächlich rational bewusst werden, bin ich bereit, meine Meinung zu ändern und mein Verhalten sowie die Wahrnehmung der Welt wieder in Einklang mit meinen Werten zu bringen. Möglicherweise bin ich dann äußerst erstaunt, vielleicht sogar entsetzt und tief beschämt, wie ich es geschafft habe, mich all die Jahre derart sorglos so offensichtlich entgegen meiner eigenen Werte verhalten zu haben.

Wäre das alles für die Opfer nicht so unfassbar tragisch, wir könnten uns königlich amüsieren über die ‚Krone der Schöpfung‘ und ihre Fähigkeit zum äußerst flexiblen Umgang mit Moral und Verantwortung.

 

Eines Tages wirst du dich zurück erinnern an die Zeit, in der du noch Fleisch gegessen hast. Dann wirst du ungläubig den Kopf schütteln und dich fragen: „Was habe ich mir damals nur gedacht?“

– Andrew Kirschner, Tierrechtsaktivist –

 

  1. Der Begriff Kognitive Dissonanz wurde ursprünglich von Leon Festinger in den 50-er Jahren eingeführt. Festinger veröffentlichte seine Theorie erstmals 1957 in seinem Buch A Theory of Cognitive Dissonance. https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz []
  2. Wie es möglich ist, dass ein derartiger Widerspruch auf gesellschaftlicher Ebene kollektiv als unbedenklicher Normalzustand wahrgenommen und aufrecht erhalten wird, beschreibt die Psychologin Melanie Joy in ihrem erhellenden Buch: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Sie nennt das gesellschaftliche Glaubenssystem, das solche Zustände hervorbringt, ‚Karnismus‘. https://de.wikipedia.org/wiki/Melanie_Joy#Karnismus []
  3. Vereinfacht gesagt bedeutet selektive Wahrnehmung: Wir nehmen bevorzugt das wahr, was wir wahrnehmen wollen. https://de.wikipedia.org/wiki/Selektive_Wahrnehmung []
  4. Dieses Phänomen ist in der Gehirnforschung und Psychologie auch als confirmation bias bekannt, oder zu deutsch Bestätigungsfehler. https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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