Kritik lässt uns wachsen Warum Kritik gut ist

Kritik lässt uns wachsen

Wir wissen alle, wie schwierig es ist, mit brenzligen Situationen umzugehen, und wie wir teilweise auch immer wieder daran scheitern, auf diese adäquat hinzuweisen.

Deshalb soll dieser Beitrag ein paar Denkanstöße geben, wie wir mit Kritik umgehen können.

Zwei Schaafe blöken sich an.

Kritik lässt uns wachsen. Also: Nich‘ meckern!

Sachliche Kritik hat nichts mit “bashen” zu tun

Gerade in den sozialen Medien begegnet uns oft ein Schema: Kommentatorinnen* sind total verwirrt und entsetzt, dass ihr Idol “durch den Hafermilch-Kakao gezogen” oder “niedergemacht” wird. Daher ist die erste, reflexartige Aktion manchmal ein: “Hör auf zu bashen!” oder “Aber Du bist total toll oder wie?!”

Dabei wird nicht selten übersehen, dass es sich ja vielleicht um berechtigte Kritik handeln könnte. Steckt hinter dem vermeintlichen “Bash” tatsächlich mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit? Wurde unter Umständen sogar ein Makel am Idol gefunden?

Sicher: Das entsetzt erstmal ziemlich.

 

“Unser Idol ist nur ein Mensch mit Fehlern?! Kann ja gar nicht sein!!11elf” – Selbstkundgabe der Betroffenen

 

Dabei ist Kritik aber nie etwas Schlechtes. Sie ist sogar sehr nötig: Wir brauchen Kritik, damit wir weiter wachsen können. Probleme umschiffen, Lösungen finden oder auch neue Wege gehen klappt nicht, wenn wir den alten Mustern hinterhereifern.

Und das hat mit “bashen” rein gar nichts zu tun: Wenn wir objektiv aufzeigen, welche Probleme sich aus den Handlungen eines vermeintlichen “Idols” ableiten (bspw. der allseits bekannte Ausverkauf des Veganismus als “health issue”), dann ist das konstruktive Kritik.

Im Gegensatz zum “Bashing” geht diese Kritik nicht auf eine persönliche oder rein subjektive Ebene: “Du bist ein Muskelotto” oder “Dein Matcha schmeckt nicht”. Sondern sie gibt ein möglichst wertfreies Bild wieder, an dem wir etwas verbessern können.

Natürlich ist das nicht so leicht – weder die Kritik zu akzeptieren noch daraus eine Handlung abzuleiten.

Wir sollten Kritik wertschätzen

Kritik kann weh tun – das können wir wohl alle zugeben.

Der erste vegane Einkauf ist anstrengend. Dann ärgert es umso mehr, wenn wir von unseren Freundinnen darauf hingewiesen werden, dass wir leider auch ein Produkt von Nestlé oder einer Fleischfabrikantin gekauft haben.

Da kann schnell die volle Demotivation reinhauen und wir zittern, dass wir aaaallleeess falsch gemacht haben.

Dabei haben wir für diesen Moment vollkommen vergessen, wie viele tolle Schritte wir bisher machen mussten, um überhaupt so weit zu kommen.

Also: Erstmal auf die Schulter klopfen. Danach überlegen wir uns, was an der Kritik dran sein könnte: Ist es vielleicht wirklich schlecht, die leckeren veganen Nuggets von “Vegetaria” zu kaufen, weil das den Ausbau der Tierausbeutung eines Fleischunternehmens fördert? “Hauptsache vegan” zählt nicht, wenn wir weiter darüber nachdenken.

Solange wir diese Kritik ernst nehmen, kann sie uns weiter bringen und ganz neue Blickwinkel eröffnen.

Nur mit kritischem Hinterfragen von allem können wir die Welt verändern (“status quo”)

Leider ist es gang und gäbe die oben genannten Punkte gekonnt zu ignorieren, wenn es um systematische Probleme geht. Letztlich wollen wir alle ein wenig Sicherheit haben und die wähnen wir manchmal in Gefahr, wenn andere unser “System” kritisieren (bspw. “Wertesystem” bei unserer Kindererziehung oder “Nachhaltigkeitssystem” bei unserer Mobilität usw.).

Wer nicht kritisiert, akzeptiert alles, wie es ist

Wir sind uns wohl alle darüber einig, dass so einiges auf dieser Welt schief läuft: Menschen verhungern, wo andernorts gutes Essen in Unmengen weggeworfen wird. Der Rechtsruck in der Gesellschaft wird an militärisch abgeriegelten Grenzen spürbar. Gewässer werden überschwemmt mit Plastikmüll – ganz abgesehen von den Auswirkungen der Massentierhaltung, die das Grundwasser ganzer Landstriche verpestet.

Genau diese Zustände nicht zu hinterfragen und nicht zu kritisieren bedeutet, sie einfach zu akzeptieren.

Wer die implizite Moralkeule hier im Text bisher noch nicht wahrgenommen hat, hört sie jetzt mit voller Wucht einschlagen:

 

“Sich fügen heißt lügen.” Erich Mühsam (und Slime)

 

Deshalb ist es nicht nur unser aller Recht, sich kritisch gegenüber dem “status quo” (Ist-Zustand) zu zeigen, sondern auch unser aller Pflicht, genau das zu tun.

Die milliardenfache Tierausbeutung wird sich nicht in Luft auflösen, wenn wir einfach stur so weiter machen wie bisher. Nur weil wir die Zustände wie sie sind nicht akzeptieren wollten, wurden wir zu Veganerinnen und Tierrechtlerinnen. Das war sozusagen die erste, gelebte Kritik.

Doch es ist und bleibt ein Kampf für die Befreiung aller Lebewesen, der zumindest Kritik am status quo von uns allen erfordert, um endlich wenigstens Änderungen anstoßen zu können. – Denn sonst passiert nichts.

Man kann auch das Eine ablehnen, und etwas ganz anderes unterstützen

Natürlich ist es gut, wenn wir unsere Kräfte möglichst bündeln und gezielt einsetzen. Dazu müssen wir nicht bei allen Punkten übereinstimmen.

Und auch, wenn manche Veganerinnen einen automatisierten Brechreiz durch ihren Holocaust-Vergleich hervorrufen, sollten wir sie für genau das kritisieren. Es zu ignorieren und zum Tagesgeschäft überzugehen, festigt nur den Glauben, dass solche ekelhaften und verletzenden Vergleiche wirklich Menschen zum Veganismus bringen würden. (hint: Nein, tun sie nicht!)

Aber bei der Kritik an einer Äußerung einer Veganerin bleibt es dann ganz sicher nicht. Denn wir kämpfen alle an verschiedenen Fronten – jetzt kommt’s – auf einmal!
Es gibt Menschen, die in diversesten Vereinen und Organisationen aktiv sind und fast schon im Schlaf herbeten können, warum der o.g. Vergleich scheiße ist.

Nicht, dass das immer so sein sollte. Es ist vielmehr nur ein Beispiel von vielen, das zeigen soll, wie notwendig beides ist: Die Kritik an uns allen und die Kritik am System außerhalb unseres Bereichs.

“Du lästerst einfach über unsere Arbeit, statt selbst etwas zu tun”

FingerzeigenAuch wenn es schwer vorstellbar ist, aber nicht immer ist die eigene Arbeit der Zenit der Menschheit. Gerade im Rahmen der Freiwilligenarbeit – also in Vereinen, Aktionsgruppen oder auch bei solidarischer Hilfe – können wir nur gegenseitig voneinander lernen.

Das heißt allerdings auch, dass wir zu unserer eigenen Unperfektheit stehen können. Und hier wird es kniffelig: Wo wir doch so viel Herzblut und Energie in ein Projekt, die Kampagne XY gesteckt haben, wie kann sich da jemand erdreisten, uns dafür zu kritisieren?!

Da haben wir uns stundenlang den Mund fusselig geredet, um die Menschen zu etwas mehr Empathie zu bewegen, und eine X-Beliebige meint (ver-)urteilen zu können.

Wir sind eben soziale Wesen, die nach Anerkennung streben und lieber Jubel hören, als etwas, das uns den Wind aus den Segeln nimmt.

Am schlimmsten ist es für die Kritisierten, wenn ihr Gegenüber dem Anschein nach gar nicht so tolle Arbeit gemacht hat wie wir. Doch vielleicht hat sie bereits Erfahrungen mit dieser Art von Aktivismus und daraus gelernt: nämlich dazu Abstand zu halten.

In jedem Fall sollten wir uns zu Herzen nehmen, dass die beste Kritik von Außenstehenden kommt: Objektive Kritik ist nur mit eingehender Reflexion der sichtbaren Umstände möglich. Nur, weil jemand nicht Teil einer fancy Gruppe ist, sollten wir uns nicht einbilden, dass diese Person keine fundierte Kritik üben kann.

Der Blickwinkel

Kritik muss nicht aus der Perspektive eines direkt betroffenen Individuums kommen: Wir sind keine Tiere in der Massentierhaltung und haben dennoch das Recht und vor allem die Pflicht, die Tierindustrie zu kritisieren.

Berechtigung für Kritik ist keine subjektive Einschätzung (“mir gefällt deine Mütze nicht”), sondern eine Anführung kritikwürdiger Inhalte oder Zustände. Das ist eine generelle Voraussetzung: Nicht mein Gusto ist entscheidend, sondern der Zusammenhang von Inhalt, Form, Darstellung, Struktur usw. – alles, was uns erkenntlich ist.

Selbst, wenn wir Kritik gegenüber einer Person äußern, heißt das nicht gleich, dass diese Person selbst das Problem ist. Es lässt vielmehr den Raum für Veränderungen offen. Nicht: “Du bist nicht O.K.”, sondern: “Du bist O.K., aber Deine Äußerung ist kritikwürdig”.

Wichtig für den Wert der Kritik ist allein deren Inhalt, nicht die gesellschaftliche Stellung der Kritikerin. Diese Stellung setzt die Kritik höchstens in ein Verhältnis (bspw. wenn die Mitarbeiterin die Chefin kritisiert).

 

Deshalb dürfen wir auch rechte Strukturen in der veganen Szene kritisieren, obwohl wir die Personen nicht persönlich kennen. Das macht nämlich den Inhalt der Kritik nicht irrelevant. Im Gegenteil: Sie wird durch eine Distanz noch viel tragfähiger (natürlich, sofern sie an den Sachverhalten orientiert ist – was bei jeder Kritik eben der Fall sein soll).

Wenn wir eine Situation aus der Distanz beobachten, fallen uns womöglich viele Einzelheiten auf, die von Wert sind: Zahlen, Fakten, Observierungen und wichtige Details. Wenn wir allerdings emotional verknüpft sind mit der Erfahrung, können wir (unbewusst) Präferenzen setzen, die unsere Wahrnehmung der gesamten Situation verzerren können.

Lamm

Danke, dass Ihr so weit gelesen habt – als Dankeschön: Ein Süßes Foto ;)

Kritik abzuwehren ist leicht – sie ernst zu nehmen nicht

Kritik bedeutet Arbeit. Wir können einfach alles akzeptieren, wie es ist – das ist wesentlich einfacher. Aber das wird uns niemals in eine vegane oder generell gerechtere Zukunft bringen.

“Aber andere machen das auch soundso!”

Wenn wir vegan leben, haben wir schon einen großen Schritt dahin gemacht, Dinge nicht zu akzeptieren, nur weil es schon “immer so war” oder “andere es auch so machen”.

Nur weil etwas gesellschaftsfähig ist, heißt das noch lange nicht, dass es moralisch vertretbar ist. Diese Abwehrhaltungen kennen wir von noch nicht veganen Menschen und zeugen nur davon, dass wir uns nicht mit der Materie auseinandersetzen müssen.

“Wo ist Deine Lösung?!”

Das muss jetzt furchtbar hart klingen, aber: Kritik muss keine Lösung beinhalten. Manchmal reicht es schon, auf die morschen Balken hinzuweisen, damit die Bewohnerinnen das Haus noch rechtzeitig vor dem Einsturz verlassen können.

Natürlich macht ein Lösungsansatz was her – und vor allem macht er es anderen einfacher, die Kritik zu akzeptieren und daraus zu lernen. Aber manchmal werden wir uns der Lösungen erst bewusst, wenn wir die Probleme benannt haben. (Jetzt, wo wir von den morschen Balken wissen, reparieren wir sie einfach – oder bauen gleich ein neues Haus!)

 

Vielleicht wurde mit diesem kleinen Ausflug in die (Ab)Gründe der Kritik für Euch etwas deutlich: Kritik ist gut. Manchmal tut sie weh, aber sie bringt uns voran.

 

* Wenn nur die weibliche Form genutzt wurde, soll das alle Geschlechter einschließen.