Liebe von uns genervte Mitmenschen (Teil II)

 

Liebe von uns genervte Mitmenschen,

wir geben zu, dass auch wir vegan lebenden Menschen nicht perfekt und nicht vor Widersprüchen gefeit sind. So ist uns klar, dass eine vegane Lebensweise auch für die Tötung von Tieren verantwortlich ist. Auch wissen wir, dass die Frage, was «unvermeidbar» ist, nicht so einfach entschieden werden kann. Wir trinken vielleicht auch mal einen Saft, bei dem wir nicht genau wissen, wie er geklärt wurde. Denn auch wir sind fehlbar und können die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, nicht ignorieren. Aber wir ziehen aus der Fehlbarkeit nicht den Schluss, dass alles erlaubt ist und nichts einen Unterschied macht. Auch nehmen wir lieber 98% als 0% und pfeifen nicht auf alles, nur weil 100% nicht möglich sind. Einem Ideal kann man folgen, auch wenn man es nicht zu 100% umsetzen kann. Erst recht in einer Welt, die in nahezu allen ihren Bereichen auf der Nutzung und Tötung von Tieren basiert.

Da ihr bereit seid, die Fehler der veganen Lebensweise aufzudecken, würde mich interessieren, wie ihr zu folgenden Widersprüchen steht:

  1.      Veganismus ist euch zu teuer, aber gleichzeitig behauptet ihr, nur Biofleisch zu essen.
     
  2.      Ihr entdeckt euer Herz für Pflanzen. Wisst ihr, dass die Tiere, die ihr esst, mit Pflanzen gefüttert werden, und so indirekt für eine omnivore Lebensweise viel mehr Pflanzen getötet werden?
     
  3.      Ihr seid sensibel für Pflanzen, aber seid nicht in der Lage, das Leiden eines Schweines oder einer Kuh zu sehen, ja stellt bisweilen sogar deren Empfindungsfähigkeit in Abrede.
     
  4.      Ihr seid nicht an der Ernährung anderer interessiert, bis ihr erfahrt, dass jemand vegan lebt. Dann werdet ihr auf einmal zu Ernährungs- und Gesundheitsexpert*innen. Wenn eine omnivor lebende Person krank ist, dann ist sie einfach nur krank. Wenn eine vegan lebende Person krank ist, dann ist sie krank, weil sie vegan lebt.
     
  5.      Ihr behauptet, der Mensch habe schon immer Fleisch gegessen. Was hat das mit Milch, Leder, Pelzen, Zoos, Zirkussen und Tierversuchen zu tun?
     
  6.      Ihr seid dafür, dass Erziehung Privatsache ist, und interveniert nicht, wenn jemand mit einem Kind zu McDonald’s geht oder den Einkaufswagen mit Chips und Cola füllt. Gleichzeitig schäumt ihr vor Wut, wenn ihr hört, dass jemand sein Kind vegan ernährt oder vegane Kitas eröffnen.
     
  7.     Ihr nennt uns «Veganazis» und «Ökoterroristen», aber werft uns vor, «extremistisch» und «radikal» zu sein.
     
  8.     Ihr erachtet einen Löwen als ethisches Vorbild, wenn es um Fleischkonsum geht, aber nicht, wenn es darum geht, Konkurrenz auszuschalten oder Infantizide zu rechtfertigen.
     
  9.      Veganer*innen verändern mit ihrer Lebensweise sowieso nichts, sind aber gleichzeitig für die Zerstörung von Arbeitsplätzen und den Regenwald verantwortlich.
     
  10.  Ihr könnt es euch leisten, jeden Tag Fleisch, Milch, Eier und Fisch auf hundert verschiedene Arten zu konsumieren, aber verspottet den Veganismus als «Wohlstandserscheinung».
     
  11.   Ihr prangert den Veganismus an, dass er nicht zu 100% erreichbar ist, aber sagt auch, man solle es nicht übertreiben und die «goldene Mitte» wählen.
     
  12.  Ihr werft uns vor, radikal und extrem, aber gleichzeitig nicht konsequent genug zu sein.
     
  13.  Ihr werft uns vor, bei der Beendigung der Tierhaltung würden die Tierrassen aussterben, aber gleichzeitig würden uns die ganzen freigelassenen Tiere überrennen.
     
  14.  Ihr könnt euch vorstellen, dass von heute auf morgen alle Tiere freigelassen werden, aber eine Welt, in der Tiere nicht mehr genutzt werden und gleichberechtigt mit uns leben, übersteigt euer Fassungsvermögen.

Zugegeben, Widersprüche zu ignorieren ist auf jeden Fall einfacher. Anstatt den Versuch zu unternehmen, die Widersprüche aufzulösen, hält man sie einfach aus, geht zum Gegenangriff über oder ignoriert sie schulterzuckend. Man kann sich dann einfach auf Tradition, Mehrheit und Geschmack berufen. So bleibt der Biss in den Hamburger von theoretischen Überlegungen und Widersprüchen unberührt. Ob man die Integrität dem Geschmack opfern sollte, bleibt eine andere Sache.

 

Hier geht es zu Teil I.