Liebe von uns genervte Mitmenschen

Ihr werft uns vegan lebenden Menschen vor, nicht selbstkritisch zu sein, uns als moralisch überlegen zu fühlen, intolerant, verbissen, ideologisch, extremistisch, radikal und militant zu sein. Ihr werft uns vor, dass wir euch das Fleisch verbieten wollen, dass wir eine Ökodiktatur errichten wollen, dass wir Tierarten aussterben lassen wollen.

Und ihr habt (weitgehend) recht. Nicht in der Wahl eurer Worte, wohl aber im Inhalt.

Wir wollen tatsächlich eine Welt, in der Menschen vegan leben. Eure «Ökodiktatur» ist der Zustand einer Gesellschaft, in der empfindungsfähige Lebewesen um ihrer selbst willen geschützt und respektiert werden, in der Kühe, Schweine, Lämmer, Rinder, Forellen, Katzen, Hunde, Elefanten, Ratten, Rehe, Wildschweine und Hühner nicht eingesperrt, gejagt, gehäutet oder dressiert werden, um sie und ihre Produkte zu essen, ihre Häute zu tragen, sie anzugaffen, an ihnen zu experimentieren oder Spaß an ihrem Tod zu haben. Wir gestehen dieses ungeheuerliche Ziel ein. Auch wenn wir niemals ein Verbot von Fleisch fordern würden, weil wir daran glauben, dass die Menschen von sich aus einsichtig genug sind, um die Verbrechen, die wir an Tieren begehen, zu sehen und entsprechend zu handeln.

Wir wollen eine Welt, in der Tiere nicht als Produktionsmittel, Waren, Entertainment, Bespaßung, Forschungsobjekte und Nahrungsmittel betrachtet werden. Um das zu erreichen, sind wir intolerant und nicht bereit, die Nutzung und Tötung von Tieren zu respektieren, gerade weil die Mehrheit unreflektiert diese fürchterlichen Praktiken unterstützt und legitimiert. Toleranz und Akzeptanz sind nicht angebracht, wenn unschuldige und hilflose empfindungsfähige Lebewesen auf furchtbare Art und Weise behandelt werden. Und glaubt nicht, wir würden euren Selbstbetrug vom „Metzger nebenan“, der „artgerechten Haltung“ und “Biofleisch” auch noch unterstützen. Ihr glaubt das doch selbst nicht mal, wenn ihr ehrlich seid.

Ein Tier einzusperren, und sei es auf einhundert Quadratmeter, und dann zu töten, nur, weil es schmeckt, wir es anschauen oder an ihm experimentieren wollen, ist falsch. Da gibt es keinen Spielraum. Nennt das intolerant, nennt das ideologisch nennt das militant, nennt dass radikal oder extremistisch, wenn wir euch darauf hinweisen. Wir akzeptieren das. Bitte erwartet nicht, dass wir Ja und Amen sagen, wenn an Unschuldigen Verbrechen begangen werden.

Unsere Art und Weise ist nicht immer angenehm. Wir wissen das. Und wenn wir den Verzehr von Fleisch mit dem Holocaust gleichsetzen, von Vergewaltigungen von Milchkühen sprechen oder skandieren, dass Fleisch Mord sei, dann gehen wir zu weit. Das tut uns leid. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber Erklärungen. Es liegt vielleicht daran, dass uns ein enormer Hass entgegenschlägt. Dass wir als „Veganazis“, „vegane Faschisten“ oder „Ökoterroristen“ bezeichnet werden. Tatsächlich gehen wir manchmal zu weit. Weil wir tagtäglich mit ansehen müssen, wie Millionen Tiere eingesperrt, gehalten, geschlagen gequält, gejagt und begafft werden. Wir sehen das Leiden in ihren Augen, wir sehen die Qual in jeder Faser ihres Körpers. Wir schaffen es leider nicht, das auszublenden.

Wir schaffen es nicht, uns mit „artgerechter Haltung“ und der Aussage, auch nur „ganz wenig Fleisch zu essen“ selbst zu beruhigen. Wir schaffen es nicht, aus natürlichen Gegebenheiten (“Der Mensch ist omnivor”) ethische Werte abzuleiten (“Der Mensch muss Fleisch essen”). Wir schaffen es nicht, einfach das zu machen, «was man eben schon immer so gemacht hat». Wir sehen das Leiden der Tiere. Keine Schnitzel, Bratwürste, Lederjacken, Pelzkragen, Eier oder Kunststücke. Wir sehen empfindungsfähige Lebewesen, die nicht eingesperrt und getötet werden wollen. Wir sehen Individuen, die Gefühle haben und Schmerzen empfinden können, die Freude, Genuss, aber auch Trauer spüren, die sozial sind und den Kontakt zu anderen Tieren brauchen.

Wie wir auch. Wir sind Herdentiere. Die Macht der Masse ist stark. Dass wissen wir vegan lebenden Menschen. Die meisten von uns lebten selbst jahre- oder gar jahrzehntelang omnivor und kennen den Selbstbetrug. Wir kennen die Anziehungskraft der Mehrheit, das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, weil es doch alle machen. Auch wir mochten Familienfeste mit Fleischbergen und Omas Braten. Das tun wir immer noch. Nur ist unser Braten eben vegan und unsere Berge bestehen aus Tofu oder Seitan.

Wir wissen, dass ihr glaubt, tierlieb zu sein. Die Sache ist nur die, dass wir euch das nicht abnehmen, wenn ihr dabei in ein Schnitzel beißt. Wir glauben euch eure Empörung über Tierquälerei – wobei für euch Tierqual offenbar nur an Hunden und Katzen, nicht aber an Schweinen, Rindern und Hühnern möglich ist – nicht, wenn ihr Milch trinkt. Wir glauben euch nicht mal eure Haustierliebe, wenn eure Hunde an Leinen, eure Wellensittiche in Käfigen und eure Meerschweinchen alleine gehalten werden. Für uns besteht ein Zusammenhang zwischen dem Einsperren von Schweinen und dem Abrichten eines Hundes auf der Grundlage der Dominanztheorie. Es geht um die Minderwertigkeit der Tiere, um ihre Unterdrückung, um das Unterordnen ihrer Bedürfnisse. Und ja, wenn die Befreiung der Tiere die Beendigung der Tierhaltung (nicht: die gleichberechtigte Lebensweise zwischen Menschen und anderen Tieren) bedeutet, so gestehen wir dieses Verbrechen ein.

Ihr werft uns vor, nicht selbstkritisch zu sein. Aber wir sind vegan geworden, weil wir selbstkritisch waren und immer noch sind. Vielleicht war es auch Faulheit. Faulheit, weil wir die ganzen unzähligen Widersprüche nicht mehr ausgehalten haben. Weil wir nicht Hunde streicheln und Schweine essen konnten. Weil wir nicht Löwen als ethische Vorbilder nehmen konnten. Weil wir nicht unser Herz für Pflanzen erst dann entdeckten, als es darum ging, Tiere zu degradieren. Weil wir nicht leugnen konnten, dass 80% allen Sojas in die Tiermast geht und dieses Soja kein Nebenprodukt ist.

Sicherlich, wir haben Verständnis dafür. Es ist immer schwierig, sich gegen eine Mehrheit zu stellen. Es ist schwer, jahrzehntelange Praktiken in Frage zu stellen und mit Traditionen zu brechen. Aber was habt ihr zu verlieren? Wird uns nicht täglich gesagt, wie individuell und einzigartig wir sind und sein sollen? Am Ende gibt es nur Gewinnende: Ihr werdet die quälenden Widersprüche los. Und die Tiere werden nicht leiden müssen.