Löwen-Moral oder: Wenn die das dürfen, warum dann ich nicht?

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Das hört man ziemlich oft: „Aber Tiere töten auch Tiere.“ 

Meist soll dadurch ausgedrückt werden, dass das Töten an sich nicht automatisch ein unmoralischer Akt ist, vorausgesetzt, es handelt sich um nicht-menschliche Tiere, die getötet werden.

Die Argumentation ist aus verschiedenen Gründen nicht schlüssig.

Differenzieren, bitte.

Erstens sind es nur einige Tiere, nicht alle,  die andere Tiere töten. Wer also nach Vorbildern im Tierreich sucht, fände jede Menge Pflanzen- und Früchtefresser, die zur Wahl stünden. Warum nicht Gorillas oder Orang Utans, die uns entwicklungsgeschichtlich viel näher stehen? Oder Pferde, Giraffen oder Elefanten als Vorbild wählen?

Selbst entscheiden

Es ist auch nicht so ganz nachvollziehbar, warum moralische Entscheidungen von den Handlungen anderer abhängig gemacht werden. Können wir nicht selbst entscheiden, was moralisch gerechtfertigt werden kann und was nicht? Können wir nicht selbst richtig von falsch unterscheiden, ohne dabei nach anderen zu schielen? „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andren zu.“

Es ist im Prinzip doch ganz einfach, gut von schlecht zu unterscheiden: Was mir oder anderen Schaden zufügt, ist schlecht. Jemandem absichtlich Schaden zuzufügen, kann zwar in Ausnahmefällen geduldet werden (Notwehr, Überleben), sollte aber dennoch unter allen Umständen vermieden werden, wo immer es möglich ist, also immer dann, wenn es eine bessere Wahl gibt.

Sozialer Sinn der Moral

Das bedeutet auch, dass das, was andere oder sogar wir selbst in verzweifelten, ausweglosen Situationen, oder wenn es ums nackte Überleben ginge, tun würden, nicht als Fundament für das alltägliche Handeln herangezogen werden kann. Würden wir das tun, wäre jegliche Gesetzgebung komplett überflüssig und wir lebten in einer Gesellschaft, in der ausschließlich die Macht des Stärkeren gilt. 

Darum haben wir Moral und Ethik entwickelt. Um Willkür und Gewalt unter Kontrolle zu bekommen und eine möglichst friedliche Gesellschaft mit größtmöglicher Sicherheit für alle zu gewährleisten. Grundrechte und Menschenrechte sind große Errungenschaften, auf die wir zu Recht stolz sein können. Wir sind Wesen, die einen Sinn für Gerechtigkeit haben, die Ethik verstehen und moralisch handeln (können). Wir verstehen den großen Wert, den das Leben und die körperliche Unversehrtheit haben. Wir verstehen den Wert von Freiheit. Weil wir verstehen, wie wichtig das für uns ist, sind wir in der Lage, zu begreifen, dass das für andere genauso wichtig ist. Wir entscheiden uns als moralische Wesen dafür, freiwillig die eigene Freiheit da aufhören zu lassen, wo sie Gefahr läuft, anderen zu schaden. Das ist etwas ganz Wunderbares, obwohl es manchmal auch etwas Willenskraft und bewusste Entscheidung von uns verlangt.

Moral, mal aktiv und mal passiv

Erwachsene Menschen, die keine mentalen Beeinträchtigungen haben, sind aktive Anwender*innen von Moral und Ethik, weil sie diese verstehen können. Alle anderen Lebewesen, die ein Interesse an Leben, Gesundheit und Freiheit haben, zeigen, oder bei denen es aller Wahrscheinlichkeit nach vermutet werden kann, sind passive Empfänger von moralischem Verhalten. Dazu zählen zum Beispiel kleine Kinder sowie Menschen, deren kognitive Fähigkeiten durch Krankheit, Alter oder Unfall beeinträchtigt sind, und eben auch Tiere. Sie alle verstehen zwar Ethik nicht mehr oder noch nicht oder einfach gar nicht, dennoch haben sie ein Anrecht darauf, dass diejenigen, die in der Lage sind, sich moralisch richtig zu verhalten, es ihnen gegenüber auch tun. 

Hast du die Wahl, verursach‘ keine Qual!

Im Gegensatz zu uns haben Löwen und andere Raubtiere nämlich keine Wahl und soweit wir wissen, auch keinen Sinn für Moral und Ethik. Ein Wesen, das weder gut noch böse kennt, sondern nur überleben oder verhungern, unterliegt nicht demselben moralischen Anspruch wie ein Wesen, das sehr wohl richtig von falsch unterscheiden und dementsprechend handeln kann, weil es Alternativen hat.

Wer sein moralisches Verhalten wann immer es gerade in den Kram passt von dem abhängig macht, was wilde Tiere in freier Wildbahn tun, um das nackte Überleben zu sichern, der wirft eine der besonders wichtigen und einzigartigen menschlichen Errungenschaften einfach über Bord. 

Wer sich eingehender mit der Thematik befassen möchte, dem/der sei Armins hervorragenden Artikel ans Herz gelegt: Der Löwe frisst auch Zebras