Mitgefühl als Katalysator Empathie mit anderen gilt als etwas Schlechtes - dabei kann sie uns helfen, die Welt schrittweise zu verbessern.

Es ist wohl keine Übertreibung, wenn wir festhalten: Die Welt ist am Arsch. Na gut, manche Sachen funktionieren recht gut, und immerhin besitzen ganze 42 Menschen so viel wie 3,7 Milliarden der ärmsten Menschen [1].

Wenn wir das nun mal nicht ironisch nehmen oder einfach auf die rund 74 Milliarden Tiere schauen [2], die jährlich für den Konsum tierlicher Produkte getötet werden, dann kann uns schon ganz anders zumute werden. Jeden auch nur ansatzweise klar denkenden Mensch überkommt bei Bildern aus den Mastanlagen ein ungutes Gefühl. Eine Art Kloß, der sich in der Kehle festsetzt und den Atem nimmt. Dieses Gefühl fesselt und lähmt uns, oder es drängt uns dazu, der Situation in irgendeiner Weise zu entfliehen [3].

Dieses Gefühl nennen wir Mitgefühl.

Vernachlässigte Emotionen

„Moralität ist nicht notwendig und nicht primär ideologisch. Angesichts einer unmoralischen Gesellschaft wird sie eine politische Waffe, eine wirksame Kraft, welche die Leute veranlasst, ihre Wehrpässe zu verbrennen, die nationalen Führer lächerlich zu machen, auf den Straßen zu demonstrieren und Transparente mit der Aufschrift ‚Du sollst nicht töten‘ in den Kirchen zu entrollen.“ – Herbert Marcuse: „Versuch der Befreiung“ (1969)

Mitgefühl trägt jede*r von uns in sich

Mitgefühl trägt jede*r von uns in sich

Doch gerade dieses sehr menschliche und tiefgründige Gefühl wird nur zu oft unterdrückt: In einer Gesellschaft, in der noch heute eingerostete Ansichten à la „das sind doch nur Tiere“ als Antwort auf Tierquälerei gelten, ist Empathie zu etwas Hinderlichem geworden.

Jeder gefühlte Ballast muss abgeworfen werden, wenn er uns von einem selbstgesteckten Ziel fernhält oder den Weg dorthin erschwert. „Alles ist möglich“ – zumindest, wenn wir möglichst wenig (am besten: keine) Rücksicht auf andere Lebewesen oder die Natur nehmen.

Konträr dazu stehen Mitgefühl und unsere Vorstellung von Moral für etwas durch und durch Gutes: Ohne diese kleinen Gimmicks unseres Hirns wäre unsere Spezies wohl noch schlimmer dran und hätte sich ziemlich wahrscheinlich schon letzte Woche zum zweiten Mal selbst ausgelöscht.

Damit stellt sich die Frage, ob Mitgefühl nicht auch einen weiteren Nutzen haben kann: Mitleid mit unseren tierlichen Freunden als Werkzeug des tiefen Verstehens.

Einfühlendes Verstehen

„Nun kann ich euch in Frieden betrachten, ich esse euch nicht mehr.“ – Franz Kafka beim Anblick von Fischen in einem Aquarium.

Dieses „Aufblitzen von Verstehen“ macht uns aufnahmefähig für das Leiden von anderen Lebewesen. Plötzlich vergessen wir all diesen egozentrischen Müll, der uns von der Kinderstube über die Schule bis hin zum Beruf eingetrichtert wurde.

Wir erkennen das Leben in dem der Andere*n und vor allem, welche Relevanz nur das für unser Gegenüber hat.

Unter dieser Voraussetzung gibt es weder ein „aber das ist doch ein Nutztier“ oder ein „das haben wir schon immer so gemacht“. In diesem klaren Moment des Mitfühlens gibt es solche Abwägungen nicht. Es zählt nur das Hineinfinden in das Gegenüber – oder wie es in der Psychotherapie heißt: „einfühlendes Verstehen“ [4].

Zugegeben: Diese Momente sind äußerst selten und werden gar noch spärlicher in einer Welt, in der wir fluchen, wenn unsere Nachricht bei WhatsApp nicht in zwei Augenblicken gesendet wurde. Doch es ist unbestritten, dass wir als Menschen alle fähig zum Mitgefühl sind – wir haben nur verdammt gut gelernt, Empathie aus unserem Leben zu verbannen.

Übersetzen in die Handlung

Leider ist es natürlich nicht simpel, von der abstrakten Gefühls- und Gedankenwelt in die Handlung überzugehen. Klar hätten wir es um einiges einfacher, wenn wir nicht immer wieder zurück in unsere Muster geworfen würden – aber naja: Wir sind nicht so einfach „umprogrammierbar“.

Deshalb werden oft auch im Bereich der Veganismus-Propaganda schreckliche Bilder aus der Tierindustrie vermieden und stattdessen auf „Reichweite“ mit unverfänglichen Memes oder Foodporn gesetzt. Denn Veganismus soll vor allem Spaß machen. „Mit der Moralkeule erreicht man niemanden“, wird stets unisono behauptet.

Dabei redet niemand, der Mitgefühl wecken möchte, von einer plumpen Moralkeule.

Mit ergreifenden Bildern und Geschichten können wir den ersten Schritt ins Gewissen der Menschen machen. Viele Menschen, die vegan oder zumindest fleischfrei leben, haben diesen Anstoß ernst genommen und daraus eine Handlung – vegan leben oder auf tote Tiere verzichten – abgeleitet.

Auf einer politischen Ebene mag das zu abstrakt sein, aber es ist nicht weniger effektiv. Schließlich ist es zwar „normal“, dass alle Handlungen in der Wirtschaft auf rationale Entscheidungen heruntergebrochen werden – aber „gut“ ist es dadurch noch lange nicht!

Mitgefühl in einer speziesistischen Welt

Wir Menschen haben den Speziesismus über Jahrhunderte geschaffen und gefestigt. Ohne ihn wäre die verzerrte Wirklichkeit – Lebewesen einsperren, unterjochen, quälen, töten und zu Produkten degradieren – nicht zu ertragen.* Ohne diese Ideologie wäre es nicht möglich, auch nur an etwas wie Reitsport oder eben Fleischessen zu denken – und schon gar nicht wäre ohne sie zu erklären, warum wir uns nicht auflehnen gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit.. Unsere Leben sind derart entfremdet von der Realität, dass es uns schwer fällt, zu akzeptieren, dass Tiere leiden und wir deren Bilder auf unseren Handydisplays sehen.

Denn Mitgefühl kann eben nicht einfach monetarisiert oder durch ein GIF ersetzt werden. Dieses Gefühl steht nicht irgendwo im Regal und wartet auf eine*n Käufer*in.

Aber Mitgefühl ist das Werkzeug, um die Leidensgeschichten anderer wahrzunehmen – und Handlungen folgen zu lassen. Für Letzteres gibt es Myriaden an veganen Kochbüchern und für das Erste leider genügend Beweise aus der Tierindustrie.

Durch Empathie solidarisieren wir uns mit allen unfreien Lebewesen. Veganismus ist der Anstoß zur Veränderung unserer Gesellschaft. [6]

Wenn wir ehrlich sind: Es geschieht so viel Mieses auf der Welt, nur weil unsere Spezies aus Gier, Egoismus (inklusive eines Individualisierungszwangs) und einer pervertierten Selbstüberhöhung handeln. Niemand unterdrückt aus Mitleid eine Volksgruppe oder beutet Menschen aus.

Daran kann doch eigentlich jeder Mensch sehen, welche Kraft Mitleid haben kann. Warum sollten wir nicht Gebrauch von dieser aktivierenden Gefühlsregung machen? Ein Versuch wäre es wert.


[1] https://www.theguardian.com/inequality/2018/jan/22/inequality-gap-widens-as-42-people-hold-same-wealth-as-37bn-poorest

[2] Zuzüglich einiger Milliarden Wassertiere.
FAO Statistik für 2016 zu allen Schlachtungen Quelle: http://www.fao.org/faostat/en/#data/QL (Regions > „World + (Total)“; Elements > „Producing Animals/Slaughtered“; Items aggregated > „Meat, Total > (List)“; Years > „2016“)

[3] Meist übrigens geäußert in a) weglaufen, b) leugnen, c) ignorieren oder d) einen blöden Spruch machen.

[4] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Empathie#Empathie_in_der_Psychoanalyse

[6] Der Autor möchte hiermit nicht für das reine Vertrauen aufs Bauchgefühl plädieren. Solch ein Plädoyer könnte leicht ein erster Schritt in die reaktionäre Esoterik sein. Es geht hier rein darum, Emotionen in ein positiveres Licht zu rücken.

* Wir beuten Tiere im kapitalistischen System aus, weil wir Profit aus ihnen schlagen können. Und der Speziesismus macht es uns einfacher, mit dieser rein profitorientierten Maschinerie Frieden zu schließen – nicht andersherum.

Über Mario

Designer aus Berlin mit dem Hang zur Misanthropie.
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