Moralinsauer, arrogant, nervig und selbstgerecht Dabei könnten Veganer viel mehr Erfolg haben, wenn sie statt dessen allzeit gut gelaunte, fröhliche, sinnliche, verführerische, inspirierende Menschen wären, die jederzeit vegane Leckereien gratis aus dem Ärmel schütteln können.

0
94
views

Wohlmeinender Ratschlag eines normalen Menschen an die überheblichen Veganisten-Missionare:

Wenn du wirklich davon überzeugt bist, dass dein Lebensstil die Welt retten kann, dann inspiriere und verführe DIE ANDEREN.

INSPIRIERE, in dem du deinen Mitmenschen zeigst, wie ein fast immer gut gelaunter, open minded, down to earth, visionärer, geselliger Veganer aussieht. Nichts verführt mehr als ein wahrhaft glücklicher Mensch.

VERFÜHRE deine Freunde durch ein oberleckeres, sinnliches, veganes Essen, anstatt sie mit moralinsaurer Arroganz zu nerven und zu verprellen. Letztlich müssen wir uns alle die Frage stellen: Geht es uns darum, uns insgeheim besser zu fühlen und Recht zu behalten oder wollen wir wirklich etwas verändern?

Und echte Veränderung geschieht immer noch am effektivsten durch INSPIRATION, ERMUTIGUNG und EINLADUNG.
~ Veit Lindau

Ich denke, ich verstehe, worauf hier abgezielt wird und stimme zu, dass ein inspirierender Dialog nicht nur viel bewegen, sondern auch sehr beglückend sein kann. Doch es überrascht mich, dass ausgerechnet ein Mensch, der spirituell anleiten möchte, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, andere von inneren Hemmnissen zu befreien, auf gerade diese recht altmodisch wirkende, patriarchalisch herablassende Weise argumentiert.

Mich ärgert die Verwendung des Wortes „moralinsauer“. Mir scheint, Moral und Ethik werden immer nur dann so bezeichnet, wenn deren Anwendung ungelegen kommt. Nie würden wir dieses Wort verwenden, wenn es um moralisch-ethisches Verhalten gegenüber anderen Menschen ginge. Kein Mensch käme auf die Idee, Amnesty International oder den Kinderschutzbund als moralinsaure Organisationen überheblicher, nerviger Bessermenschen bezeichnen. Warum also Veganer, die sich um Aufklärung bemühen, so nennen?

Veganern zu unterstellen, ihnen ginge es hauptsächlich darum, sich „besser“ als andere zu fühlen, finde ich meinerseits ziemlich arrogant. Wer sich durch die Aufklärungsarbeit von Veganern in seinem Selbstwertgefühl angegriffen fühlt, der sollte ganz dringend in sich hinein lauschen und überlegen, ob dieser vermeintliche Angriff nicht vielleicht von der Stimme des eigenen Gewissens herrührt.

Würden wir auch versuchen, Menschen, die sich an wehrlosen Menschen vergreifen, so sanft zu überzeugen und zu einem gewaltfreieren Leben „inspirieren“ wollen? Würden wir in einem solchen Fall auch lieber Samthandschuh statt klare, durchaus auch wertende Aussagen zu wählen? Oder wäre nicht vielleicht doch das berechtigte Interesse der Wehrlosen auf ihre körperliche und seelische Unversehrtheit als wesentlich wichtiger und dringlicher zu bewerten, als die persönlichen Empfindlichkeiten der Täter?

Ich bin fest davon überzeugt, dass erwachsene Menschen, die über die entsprechende seelische Reife verfügen, sich selbst kritisch zu hinterfragen, grundsätzlich dazu in der Lage sind, bei ausreichender Informationslage erwachsene, reife Entscheidungen zu fällen, und zwar auch dann, wenn diese zunächst unbequem erscheinen. Ich bin fest davon überzeugt, dass erwachsene, reife Menschen nicht zu ethischem Verhalten „verführt“ werden müssen, sondern dass sie in der Lage sind, sich bewusst dafür zu entscheiden.

Solange dies gewaltfrei geschieht, hat jeder und jede das Recht, sich nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten für die Angelegenheiten einzusetzen, die ihm oder ihr wichtig sind. Die Menschen sind nicht einheitlich gestrickt. Was bei dem einen ankommt, stößt einen anderen womöglich ab und umgekehrt. Deshalb gibt es keinen allgemeingültigen Königsweg der Überzeugungsarbeit.

Wo ist das Hirn?
Kennste schon den?
Warum sollten Frauen eher hübsch als klug sein?
Na, weil Männer besser sehen als denken können.

Der Ton dieses Ratschlags erinnert mich fatal an die „guten“ Ratschläge für Frauen aus den 1950ern, in denen ihnen ans Herz gelegt wurde, die Männer nicht durch zuviel Intelligenz und Selbstbewusstsein zu verprellen. Statt klar ihre Meinungen und Wünsche zu äußern, sei es viel zielführender, die Männer zu umgarnen, ihnen um den Bart zu gehen, sie zu manipulieren, bis diese die Eingebungen der Frauen für ihre eigenen Ideen hielten („…wie geschickt die Frau ihren Gefährten, von diesem unbemerkt, zu lenken weiß“1). Das ist das Gegenteil von Wertschätzung und Fürsorge. Das Gegenteil von Verantwortung und Partnerschaft. Daraus spricht Verachtung für beide, denn die grundlegende Ansicht ist die, dass die eine es nicht wert ist, dass man ihr zuhört, und der andere zu selbstgefällig, um zuzuhören. Der kleine „Witz“ illustriert das ganz gut, denke ich.

Bisher war ich der Meinung, die Männer seien inzwischen weiter in ihrer psychosozialen Entwicklung. Glücklicherweise kenne ich eine Reihe im doppelten Wortsinn männlicher Exemplare unserer Spezies, die diese Annahme bestätigen.

Für die Tiere, besonders für die sogenannten Nutztiere, geht es um alles oder nichts. Sie haben keine Zeit. Täglich, stündlich, minütlich, sekündlich werden sie zu Tausenden auf brutale Weise getötet, maximal ausgebeutet, verstümmelt, ihrer Kinder beraubt, ihrer sozialen Beziehungen, ihrer Zukunft, ihrer Würde. Dies alles, ohne dass es im Geringsten nötig wäre. Heutzutage und hierzulande brauchen wir längst keine Tierprodukte mehr. Darum ist jede Form der Tiernutzung als unnötige Tierquälerei abzulehnen. Angesichts dieses milliardenfachen, sinnlosen, alltäglichen, geschäftsmäßig institutionalisierten Grauens auf „Verführung“ und „Inspiration“ zu setzen, zeigt leider nur allzu deutlich, wie gering das Leid dieser Lebewesen geschätzt wird, wie ungeachtet, ja, missachtet sie sind.

Ich jedenfalls werde in meiner Aufklärungsarbeit lieber weiterhin auf die Intelligenz, die Herzensbildung, das Gerechtigkeitsempfinden und den moralischen Kompass meines Gegenübers setzen, als auf Manipulation und Verführung. Ich werde lieber weiterhin meinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen, statt erwachsenen Menschen zu unterstellen, sie seien nicht klug genug, einer logischen Argumentation zu folgen, und nicht moralisch genug, um sich bewusst für das entscheiden zu können, was ihren eigenen, wahren Werten entspricht.

 

  1. http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/frauen/fraudonath.pdf, letzte Seite []