Ihr seid so intolerant! Warum Veganer*innen manchmal nerven ...

Omnivor*innen beschreiben vegan lebende Menschen im Alltag häufig als überaus intolerant und lästig, weil diese es wagen, sie für ihre Essgewohnheiten zu kritisieren. Allesesser*innen vertreten meist die Auffassung, dass ihre Ernährung ihre Privatsache ist. Niemand hat das Recht, ihnen ihr wohlverdientes Stück Fleisch mies zu machen. Schon gar nicht, weil sie selbst ja in dieser Frage absolut tolerant sind und anderen ganz selbstverständlich zugestehen, zu konsumieren, was immer sie möchten.

Die Forderung nach mehr Toleranz seitens der Veganer*innen erscheint auf den ersten Blick völlig nachvollziehbar und berechtigt. Erst bei etwas genauerer Betrachtung des Sachverhalts merken wir, dass die Sache vielleicht doch nicht ganz so einfach und eindeutig ist, wie sie scheint.

Ich lass mir von euch mein Fleisch nicht mies machen!

Es ist leider nicht ihr Fleisch, worüber die Omnivor*innen reden, sondern das Fleisch wehrloser, sinnlos getöteter Lebewesen. Es ist das Fleisch von Tierkindern, die nicht freiwillig für uns gestorben sind. Sie wollten leben, genau wie wir Menschen. Mit demselben Recht. Fleischesser*innen geben sich zwar lebenslang allergrößte Mühe, die einzigartigen Persönlichkeiten, deren Leben sie zum eigenen Vergnügen auslöschen (lassen), als eine x-beliebige Ware ohne moralischen Wert zu betrachten, die man kaufen, besitzen, essen oder auch einfach wegwerfen kann. Beispielsweise verdinglichen sie die Kälber, Rinder und Schweine, deren Tötung sie beauftragen, indem sie diese lieber Wiener Schnitzel, Steak oder Kotelett nennen. Auf diese Weise dissoziieren sie sich von der Tatsache, dass es jemand und nicht etwas ist, was sie da gedankenlos konsumieren. Doch die Fakten verschwinden nicht dadurch aus der Welt, dass man sie leugnet. Bei jeder Begegnung mit Veganer*innen holt sie dieser Selbstbetrug zwangsläufig ein. Selbst dann, wenn diese das Thema überhaupt nicht kommentieren. 

Ist Tierquälerei tolerierbar?

Toleranz würde bedeuten dulden oder gewähren lassen.1 Das ist einfach verdammt viel verlangt angesichts des größten Gemetzels in der Geschichte der Menschheit.

Weltweit töten Menschen jährlich ca. 70 Milliarden Landtiere allein zum Verzehr. Das sind sechs Millionen Tiere pro Stunde.2 In Deutschland wurden im Jahr 2016 8,25 Mio Tonnen Fleisch ‚produziert‘. Hierzu wurden 753 Mio Tiere getötet (u.a. 601 Mio Hühner, 59,3 Mio Schweine, 3,6 Mio Rinder).3 Hierzulande werden also täglich zwei Millionen Tiere getötet.

Wer gegenüber diesem Gemetzel ‚Toleranz‘ zeigt, stellt sich automatisch auf die Seite des Unrechts und macht sich selbst schuldig.

Wer das Böse ohne Widerspruch hinnimmt, arbeitet in Wirklichkeit mit ihm zusammen.
– Martin Luther King –

Toleranz gegenüber anderen Ansichten und den daraus resultierenden Handlungsweisen ist immer dann nicht möglich, wenn dieses Verhalten anderen fühlenden Lebewesen wissentlich oder gar vorsätzlich vermeidbares Leid zufügt. Eigentlich nicht schwer zu verstehen und auch weitgehend gesellschaftlicher Konsens, wenn es um Gewalt gegen Menschen geht.4 Das gilt auch dann, wenn ich selbst gar nicht die Person bin, die andere quält und tötet. Natürlich bin ich auch dann verantwortlich, wenn mein Verhalten (Tiere essen) erfordert, dass andere das unerfreuliche, blutige Geschäft (Tierkinder schlachten) in meinem Auftrag erledigen.

Die ‚Toleranz‘ der Fleischesser*innen

Bevor Fleischesser*innen sich selbst voreilig als tolerant beschreiben, sollten sie vielleicht auch erst einmal den Unterschied zwischen Toleranz und Gleichgültigkeit recherchieren. Die Tatsache, dass ihnen das Leben und Leiden anderer oftmals völlig egal ist, hat nichts Edles, sondern ist vielmehr das tragische Resultat erlernter Gleichgültigkeit. Um Tierkadaver überhaupt essen zu können, müssen Menschen lernen, ihre Fähigkeit zur bedingungslosen Empathie konsequent zu unterdrücken. Sie müssen lernen, in bestimmten Situationen nichts zu fühlen. Wieder und wieder. Bereits als kleine Kinder lernen wir von unseren Eltern, dass es bestimmte Geschöpfe gibt, die unseres Mitgefühls nicht würdig sind. Wir erlernen die Kunst des selektiven Mitgefühls. Ein psychologischer Taschenspielertrick, der es uns erlaubt, manche Lebewesen von ganzem Herzen zu lieben und manche zu töten (oder töten zu lassen), ohne die Tragweite unseres Tun auch nur ansatzweise zu bemerken. Die Selbsttäuschung ist so perfekt, dass wir unsere Gleichgültigkeit tatsächlich mit Toleranz verwechseln und äußerst gereizt reagieren, wenn uns jemand auf diesen Sachverhalt hinweist.5

Die vergessene ‚dritte Partei‘

Neben den Fleischesser*innen und den Veganer*innen gibt es eben, wie gesehen, noch eine dritte Partei, nämlich die Opfer dieses unwürdigen Geschehens. Im Unterschied zu anderen diskriminierten Gruppen, sind die Tiere nicht in der Lage, ihr Recht auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit selbst einzufordern und durchzusetzen. Veganer*innen fühlen sich deshalb erst recht verpflichtet, den unterdrückten, gequälten Geschöpfen ihre Stimme zu geben und entschlossen für das Ende der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen zu streiten, wenn nötig auch mal laut, unfreundlich und unbequem. Die Art ‚Toleranz‘, die sich Omnivor*innen so sehr von vegan lebenden Menschen wünschen, würde diese dritte Partei aus ihrer Perspektive zurecht Zynismus und Verrat nennen. Es müsste auch vor diesem Hintergrund eigentlich klar sein, dass die gewünschte ‚Toleranz‘ keine akzeptable Option für Veganer*innen sein kann.

Wenn die gesellschaftliche Mehrheit nach Toleranz ruft …

Toleranz ist meist eine selbstbewusste Geste der gesellschaftlichen Mehrheit gegenüber Minderheiten. Sie entspringt einer Position der Stärke. Toleranz ist Ausdruck von Gelassenheit und der inneren Gewissheit, selbst in Übereinstimmung mit den kollektiv dominanten, akzeptierten Werten zu handeln. Wenn die tierproduktkonsumierende Mehrheit bei einem Bevölkerungsanteil von gerade mal einem Prozent Veganer*innen derart beunruhigt ist, dass sie glaubt, Toleranz gegenüber ihrer eigenen gesellschaftlichen ‚Norm‘ einfordern zu müssen, dann wirkt das alles andere als souverän.

Diese Nervosität könnte ein zarter Hinweis sein, dass viele Menschen insgeheim längst ahnen, dass es ‚eigentlich‘ nicht in Ordnung ist, was sie tun. Es könnte sein, dass sie beginnen zu verstehen, dass sie selbst es sind, die gegen die eigenen Werte Gerechtigkeit, Verantwortung und Mitgefühl verstoßen. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie klar erkennen, dass es gar nicht die potenziellen äußeren Feinde sind, die ihre Empörung verursachen, sondern das eigene Gewissen.

  1. „Toleranz ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz []
  2. Quelle: Cowspiracy – The Facts. http://www.cowspiracy.com/facts/ []
  3. Quelle: Statistisches Bundesamt, zitiert nach einem Bericht der Albert-Schweitzer-Stiftung https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schlachtzahlen-2016 []
  4. Anderen vorsätzlich Leid zuzufügen ist nur in wenigen Ausnahmefällen moralisch vertretbar, zum Beispiel bei Notwehrhandlungen oder aus Fürsorge, um noch größeres Leid zu vermeiden. Es kann zum Beispiel richtig sein, ein verletztes Tier einzufangen, in ein Käfig zu sperren und zum Tierarzt zu transportieren, damit es operiert und sein Leben gerettet werden kann. []
  5. Einen überaus erhellenden Blick auf das Toleranzverständnis der Fleischesser liefert auch der ‚Artgenosse‘ in diesem sehenswerten Video []
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Die Wahrheit hinter der Wahrheit Rein in die Matrix, raus, Illusion, Wahrheit.

Die Wahrheit hinter der Wahrheit

Sie sieht das abgepackte Fleischstück an. Sie denkt darüber nach, wie sie es zubereiten und wie es schmecken wird. Vielleicht wird sie Komplimente von Gästen für ihre Kochkunst bekommen. Sie freut sich darauf.

Das selbe Fleischstück. Es wird aus einem Kadaver herausgeschnitten. Der Kadaver war kurz davor noch lebendig und hatte Angst und wollte leben. Davor hatte er Qualen durch zugefügtes körperliches Leid und Trennungsschmerz, vielleicht von der Mutter, vielleicht von Herdengenossen.

Vorwärts in der Zeit, rückwärts in der Zeit.

Arbeiter pfeifen bei der Arbeit oder singen Lieder, um sich die Zeit zu verkürzen. Sie scherzen. Dabei schlagen sie genervt ein Rind, das nicht in den Tötungsstand hinein will. Andere schneiden blutüberströmt Körperteile von noch zuckenden sterbenden Tieren ab.

Normalität. Abnormalität.
Gewohnheit rettet uns. Gewohnheit macht uns zu Monstern.

Tiere werden angeliefert. Der Chef des Betriebes sieht kritisch und zufrieden beim Abladen zu. Er hat gute Ware gekauft. Ich sehe auch zu und habe einen Kloß im Hals. Die ist noch so jung, der ist unglaublich schön mit seinem violettbraunen Fell und der gleichmäßigen Zeichnung. Der nächste wirkt ganz zutraulich und dann noch ein älteres weibliches Tier, das womöglich trächtig sein könnte.

Zwei Menschen. Köpfe, Augen, Gehirne, Realitäten.

Ich stehe in Blut, Kot und Fett. Tiere schreien, ohrenbetäubender Maschinenlärm, unerträglicher Gestank. Ich gehe zehn Schritte weiter vor in den Betrieb. Leise surren die Kutter, dazu ein dezentes Pressluftgeräusch in gleichmäßigem Takt. Es duftet nach Leberkäse und Wienerle, frisch gebacken und gebrüht. Noch zehn Meter weiter und es kommt Kaffeeduft aus dem Brotzeitraum dazu. Kisten mit frisch verpackten Lebensmitteln werden in Kühlräume geschoben.

Es ist der Wahnsinn: zehn Schritte vor, zehn Schritte zurück, zehn vor.

Mein Gehirn kann das nicht wirklich begreifen, egal wie oft ich gehe. Rein in die Matrix, raus, Illusion, Wahrheit. Auch die Metzger nehmen das wahr, nur nicht so intensiv und bewusst wie ich. Ich kann spüren, wie sie Erleichterung empfinden, wenn sie nach vorne gehen. Wie Anspannung und Aggression zunehmen, wenn sie zurück gehen.

Was für ein Irrsinn.

Ich stehe direkt im Zentrum der Abläufe, ich weiß mehr darüber als jeder andere, den ich sonst kenne. Ich esse seit dreißig Jahren kein Fleisch mehr, nehme den Geruch nicht als appetitanregend wahr, selbst wenn ich hungrig bin. Und mein Gehirn kann diese zwei Welten nicht übereinander projizieren. Ich kann in der Wurst kein Lebewesen und kein Leid erkennen. Wie kann ich es dann von anderen erwarten?

Wie wunderbar, dass trotzdem so viele anfangen zu begreifen!

Nicole mit Freundin Berta

Ich habe das Zentrum dieses Wahnsinns inzwischen verlassen. Ich schwimme nicht mehr im Meer mit den Haien. Stattdessen stehe ich am Ufer und sammle auf, was angespült wird. Aber wenn ich meine eigenen Zeilen lese, ist sofort alles wieder da. Bilder, Geräusche, Gerüche, die elektrische Spannung auf meiner Haut, in meinem Kopf, in meiner Brust. Und ich weiß, diese Beschreibung wird für alle Zeiten jede(r) verstehen können. Deshalb ist sie es wert, immer wieder geteilt zu werden.

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Berta, es tut mir leid, aber du schmeckst fantastisch! Gedanken zur Sendung 'Dunja Hayali' vom 26.07.2017

‚Grillen ja, töten, nein. Wie weit geht unsere Lust auf Fleisch?‘ So lautete der Titel eines Beitrags der Sendung ‚Dunja Hayali‘ vom 26.07.2017.1

Als Einstieg erleben wir in einem kurzen Film, wie der Moderator und ‚Fleischfan‘ Jochen Schropp sich einer ganz besonderen Herausforderung stellt. Er besucht das Schwein, das er später essen wird, persönlich auf einem Bio-Bauernhof. Er gibt ihm einen Namen (Berta), ist bei der Schlachtung dabei, hilft mit beim ‚Verwursten‘ und isst es anschließend voller Begeisterung: „Berta, es tut mir leid, aber du schmeckst fantastisch!“

Schaut man sich den Filmclip vom Besuch beim Bio-Bauern aufmerksam an, so erkennt man schnell, dass Herr Schropp genau dem feige aus dem Weg geht, was eigentlich seine erklärte Intention war, nämlich das Tier kennenzulernen. Er baut keinerlei Beziehung zu ihm auf, betrachtet es nur kurz aus der Distanz, redet stattdessen lieber mit dem Bauern und ist nicht mal fähig das ‚auserwählte‘ Tier mit einer Spraydose selbst zu markieren, als er vom Bauern dazu aufgefordert wird. Er delegiert diese Aufgabe lieber zurück, denn er habe schon einen gewissen Respekt (im Sinne von Angst oder Unbehagen, nicht im Sinne von Achtung) vor den großen Tieren. Das Tier kennenzulernen hätte erfordert, ihm neugierig zu begegnen, Nähe herzustellen, Zeit mit ihm zu verbringen und sich achtsam auf die faszinierende Persönlichkeit dieses Geschöpfs einzulassen. Dann hätte Herr Schropp eine realistische Idee davon bekommen, wie klug, sozial und voller Lebensfreude sein potenzielles Opfer ist. Hätte er wirklich in sein Herz gelassen, wie glücklich dieses Tier ist und hätte er realisiert, dass ‚Berta‘ zum Zeitpunkt ihrer Schlachtung noch ein kleines Kind sein wird, wäre vielleicht seine Empathie erwacht, und die Geschichte hätte vermutlich einen etwas anderen Verlauf genommen. Unweigerlich hätte sich Herr Schropp die Frage stellen müssen: „Woher nehme ich das Recht, dieses Kind für mein persönliches Vergnügen abstechen zu lassen?“ Da er Berta aber emotional konsequent auf Distanz hält, kommt ihm diese Frage erst gar nicht in den Sinn.

Weil Herr Schropp ‚Berta‘ eben nicht kennen gelernt sondern lediglich kurz gesehen hat, bevor er ihr Leben auslöschen ließ, fällt es ihm leicht, in der Live-Diskussionsrunde mit Dunja Hayali und Sarah Wiener den ‚reflektierten Verbraucher‘ zu geben, der nach dieser wichtigen Erfahrung nun schon mehr darüber nachdenkt, wo sein Fleisch eigentlich herkommt. Ja, er denkt jetzt mehr, weil er zuvor äußerst erfolgreich vermieden hat zu fühlen. Wer nur im Kopf unterwegs ist, kann Sätze aussprechen wie „Ich war erleichtert, dass das Tier glücklich war“, ohne den Zynismus der Aussage auch nur ansatzweise zu bemerken.

So nimmt die Diskussion einen vorhersehbaren Verlauf. Wir werden ermahnt, besonnener mit unserem Konsum umzugehen, erinnert, dass das Fleisch auf unserem Teller ein Lebewesen war und angehalten, unbedingt darauf zu achten, dass das Tier ein glückliches Leben hatte. Wie glücklich ein Tier mindestens sein muss, damit wir ihm guten Gewissens die Kehle aufschneiden können, erfahren wir allerdings nicht.
Es ging also einmal mehr um die Frage ‚Wie sollten wir Tiere halten und nutzen?‘ Die wesentlich bedeutsamere Frage ‚Dürfen wir Tiere für unsere trivialen Vorlieben ausbeuten und töten?‘ wurde nicht mal gestellt.

Ein Lebewesen, das leben will. Kein Lebensmittel. (c) Land der Tiere

Irgendwie eine verschenkte Chance, denn Dunja Hayali steht für kritischen Journalismus. Sie steht für Antirassismus, Antisexismus und generell für ein engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Eine Frau, die auch mal gegen den Strom schwimmt und sich mutig und klar positioniert. „Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie eben ein Rassist“, sagte sie beispielsweise in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung der goldenen Kamera. Ein kompromissloses, wichtiges Statement. Wie anders hört sie sich an, wenn die Opfer ‚nur‘ nicht-menschliche Tiere sind: „Muss jeder für sich entscheiden“.

Immerhin erwähnt sie, sie selbst esse kein Fleisch und trinke keine Milch mehr. Vielleicht zeugt das ja bereits von einer kritischen persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Tierausbeutung. Vielleicht resümiert sie eines Tages eine ähnliche Diskussionsrunde mit der klaren Ansage: „Wenn Sie Tiere konsumieren, dann sind Sie direkt verantwortlich für unnötiges Leid.“ Wir freuen uns darauf.

  1. https://www.zdf.de/politik/dunja-hayali/dunja-hayali-sendung-vom26-juli-2017-100.html []
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Die Revolution liegt in den Händen unserer Kinder Ein Plädoyer für die Wahrheit

Die Selbstverständlichkeit der heilen Welt

Als Kitaleitung in einer Elterninitiative, mit 25jähriger Berufserfahrung, bin ich umgeben von Eltern und Kolleginnen, die geprägt sind von Werbeslogans wie „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ oder „Die Milch macht´s“. Sie besuchen wie selbstverständlich Zoos, kaufen tierische Lebensmittel und tragen Leder und Wolle. Sie sind Teil des Systems der ‚Tiernutzung‘ und haben dessen Werte verinnerlicht.

Ihnen sind grundsätzlich Werte wie Akzeptanz, Toleranz und gegenseitiger Respekt sehr wichtig, nur hören diese aufgrund der eigenen Prägung bereits beim Kauf von Kinder– und Jugendliteratur auf. Die Kinder bekommen schon ab dem ersten Lebensjahr Bauernhofbücher, in denen fröhliche Kühe und lachende Schweinchen einträchtig mit ihren Kindern im Einklang mit der Natur auf dem Bauernhof leben. Diese Bücher zähle ich zur Kategorie Märchenbücher. Ich lehne sie ab, da sie ein verzerrtes Bild der Realität darstellen und den Kindern von klein auf ein falsches Bild vermitteln.

Welche Wertevorstellungen entwickeln die Kinder, wenn sie in einer Umwelt aufwachsen, in der es natürlich ist, Tiere in Nutz– und Haustiere zu unterscheiden, Tiere in Zoos einzusperren oder sie für die Nahrungsaufnahme ausbeuten und töten zu lassen?

Was wir stattdessen vermitteln sollten

Was kann jeder von uns tun, um den Kindern in seiner persönlichen Umgebung nahe zu bringen, dass Empathie und Mitgefühl nicht bei den geliebten Haustieren endet, sondern sich auf alle fühlenden Lebewesen beziehen sollte?

Die Antworten sind denkbar einfach: Die eigene Vorbildfunktion wahrnehmen, in Dialog treten, aufklären und emanzipatorische Kinder– und Jugendliteratur nutzen, die dem Kind den Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und den Konsequenzen für die Lebensbedingungen der Tiere und die Umwelt vermittelt.

Deshalb liegt es auch an pädagogisch tätigen Menschen wie mir, gemeinsam mit den Kindern einen realistischen Blick hinter den Vorhang der Bauernhof-Idylle zu wagen, so dass sie die Möglichkeit haben, sich ihre eigene Meinung zu unserem Umgang mit den Tieren zu bilden, denn bislang kennen sie ja nur die ‚Heile-Welt-Version‘ dieses Systems.

Warum die Wahrheit so wichtig ist

Die in der Kindheit vermittelten Werte prägen den Menschen sein Leben lang. Die Erziehung und das Lebensumfeld erzeugen schon von klein auf eine bestimmte Grundeinstellung, die weitgehend festlegt, was man im Leben schätzt und als wichtig empfindet.

Werte helfen besonders Kindern, sich in der Welt zurechtzufinden und sich vermeintlich richtig zu entscheiden. Sie sind die Grundlage für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft.

Kinder wachsen in einer bestimmten Gruppe bzw. Gesellschaftsschicht auf und begegnen deren Werte und Normen überall im Alltag. Dadurch verfestigen sich bestimmte Überzeugungen, die die Kinder dann als generell richtig empfinden. Sie dienen ihnen als Orientierung für das eigene Verhalten.

Was gute Literatur beitragen kann

Problematisch war und ist allerdings die gängige Kinder– und Jugendliteraturlandschaft, die bis heute die Bauernhof-Idylle kaum oder gar nicht in Frage stellt. Wie soll ich als Kita-Leiterin Kindern die Zusammenhänge näher bringen, wenn fast nur systemkonforme Bücher auf dem Markt zu finden sind?

Die Antwort auf diese Frage war für mich denkbar einfach: Als Illustratorin habe ich mit meinem Mann, dem Autor und Schauspieler Marco Mehring, die Buchreihe „Max & Fine“ entwickelt und in unserer Kita etabliert.1 Die Bücher thematisieren in kindgerechter Weise die tatsächlichen Bedingungen der (Massen-)tierhaltung und das Leid der sogenannten Nutztiere.2

Der Einsatz dieser etwas ‚anderen‘ Literatur hatte Diskussionen, weitere Fragen und Veränderungen im Verhalten einiger Kinder und deren Eltern zu Folge und war anfangs auch für mich nicht immer einfach.

Fine, die mutige Tierretterin.

Es ist unglaublich wichtig, den Kindern durch das eigene Vorbild, aber auch durch Geschichten diese Werte zu vermitteln. Jedes Elternteil, Tanten, Onkel, Omas und Opas, die sich mit diesen Werten identifizieren, kann mit dem Kauf der Bücher für die Kinder in seiner Verwandtschaft / Bekanntschaft dafür sorgen, dass die Kinder das System der Tierausbeutung erkennen, hinterfragen, ihre eigenen Schlüsse ziehen und im besten Fall ihr Verhältnis den Tieren gegenüber verändern.

Durch das Vorlesen und besprechen spannender, realistischer Geschichten fördern wir

  • Die Empathie, indem die Kinder sich in die Situation der Figuren hinein fühlen
  • Die Erweiterung des kindlichen Horizonts
  • Das Stillen von Neugierde und Wissensdurst
  • Die Erweiterung ihres Wissen
  • Die Entwicklung eines achtsamen Werte – und Normensystems (Toleranz, Mitgefühl, Empathie gegenüber allen Lebewesen)
  • Die Anregung und Weiterentwicklung der Phantasie
  • Die Freude der Kinder, den Dingen auf den Grund zu gehen

Jeder Erwachsene kann aktiv dazu beitragen, dass die Kinder sensibilisiert werden, in dem er solche Bücher mit den Kindern liest.

Jede Tierrechts – und Tierschutzorganisation kann einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie sich bewusst macht, wie maßgeblich die Werteentwicklung im Kindesalter das spätere Verhalten der Menschen beeinflusst. Statt hauptsächlich vegane Kochbücher zu bewerben, dürfen sie sich gerne noch stärker für die Bewerbung und Verbreitung veganer Kinder– und Jugendliteratur engagieren.

Warum erst bei den bereits geprägten Erwachsenen anfangen, statt sich den Kindern zu widmen? Warum Zeit, Ressourcen und Gelder fast ausschließlich in die Sensibilisierung der Erwachsenen investieren?

Die Lösung liegt so nahe: Die Kinder sind der wichtigste Schlüssel zur Veränderung gesellschaftlicher Wertvorstellungen und Verhältnisse. Wenn wir sie bedingungsloses Mitgefühl und Respekt lehren, werden sie gleichzeitig lernen, Unrecht nicht einfach hinzunehmen, sondern zu widersprechen und sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Der Lernprozess funktioniert auch in die andere Richtung, denn Eltern sind heute offener für die Anliegen ihrer Kinder und bereit, sich für sie und ihre Zukunft zu verändern.

Deshalb gehört für mich emanzipatorische, kindgerechte Tierrechtskinder– und Jugendliteratur in jedes Bücherregal.

  1. Homepage: https://www.maxundfine.de/, Facebook: https://www.facebook.com/maxundfine/ []
  2. Die kleine Heldin Fine entdeckt im ersten Band das Grauen der Milchindustrie und rettet ein Kalb vor dem Schlachter. Im zweiten Band kommt sie den Machenschaften der Eierindustrie auf die Spur. Band drei wird sich mit der Schweinehaltung beschäftigen. []
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Gedanken zu „veganen“ Tierzüchtern Ist es vegan, Tiere zu züchten, um mit ihren toten Körpern oder den abgepressten Produkten ihrer lebenden Körper, Geld zu verdienen?

Im Deutschlandfunk (ausgerechnet in der Sparte „Kultur“) wird in den höchsten Tönen ein angeblich veganer Schweinezüchter ob seiner hohen ethischen Ansprüche gelobt. Wenige Wochen zuvor berichteten NDR, ARD und ZDF über eine angeblich vegane Rinderzüchterin.

(c) Vegan SidekickSchätze, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten veganen Treibnetzfischer, Hummerköche, Nerzmantel- und Stopfleber-Produzenten zu Wort melden.

Hier mein Kommentar zu dem Schweinebauern-Artikel, den ich ganz gewiss nicht verlinken werde, weil ich nicht auch noch Werbung für einen meines Erachtens ziemlich peinlichen journalistischen Fehlschlag sowie den darin genannten Hof machen werde.

„Das Wort ‚Veganismus‘ bezeichnet eine Philosophie und Lebensweise, die versucht, so weit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was Menschen, Tieren und der Umwelt zum Vorteil gereichen soll.“

~Donald Watson, Gründer der Vegan Society und Erfinder des Wortes ‚vegan‘.

Man hätte das recherchieren können. Hätte man, wenn man nicht so sehr damit beschäftigt gewesen wäre, sich die Werbung für den Hof des Herrn A. in die Feder diktieren zu lassen.

„Ich bin nicht dafür da, dass ich meine Schweine schlachte und umbringe“ – Ja, Nee, is klar. Dafür gibt’s ja andere. Kommt mir bekannt vor. Da gab’s doch einen berühmt-berüchtigten römischen Präfekten mit P, der hat auch seine Hände in Unschuld gewaschen.

„Diese besondere Ethik herrschte nicht immer “ – Ja, diese Ethik finde ich auch ziemlich besonders. Wenn ich (angeblich) nett zu einem fühlenden Wesen bin, dann darf ich es nachher töten (lassen). Den Gedanken kann man ruhig mal weiter spinnen: Wenn ein Mann einer Frau ein schönes Abendessen spendiert, dann darf er nachher auch… In beiden Fällen definiert der Nutznießer was „gut“ ist, die Opfer haben halt letztlich Pech, dürfen sich aber darüber freuen, dass die Nutznießer sich immerhin für vegan halten.

Dieser Mann ist kein Veganer, sondern einfach nur jemand, der aus gesundheitlichen Gründen auf eine pflanzliche Ernährung umgestiegen ist. Zitat: „Durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel wurde er sein langjähriges Muskelrheuma los.“

Hm. Genau da muss ich mal eben kurz stutzen. Ich denke, rein pflanzliche Ernährung ist total ungesund, weil da die wichtigen Fleisch-Vitamine fehlen. Wieso kann man davon gesund werden? Überall wird uns erzählt, dass man von dieser üblen Mangelernährung zwangsläufig sterbenskrank wird. Und jetzt dann doch nicht? Ja, was denn nun? Ist der Herr A. damit nicht selbst der beste Beweis dafür, dass wir nicht nur kein Fleisch brauchen, sondern es vielleicht sogar meiden sollten?

Da er das am eigenen Leib erlebt hat, wieso denkt er dann, es sei seine gesellschaftliche Aufgabe, weiterhin Fleisch zu produzieren? Müsste er sich da nicht eigentlich Vorwürfe machen, weil er ein womöglich gesundheitsschädliches Produkt erzeugt?

Fragen über Fragen. Aber egal. Herr A. hat eine schöne Werbung für seinen Hof bekommen, die Verbraucher dürfen sich im guten Gewissen suhlen und beruhigt weiter die kostbaren Leben fühlender Wesen konsumieren, der Sender hat irgendwas veröffentlicht. Win-Win-Win. Alle sind zufrieden. Bis auf die Schweine. Die werden immer noch getötet, sobald sie „reif“ sind, was meistens im Alter von 6-8 Monaten der Fall ist. Sie könnten, wie Hunde, 15 Jahre alt werden. Könnten, wenn man sie einfach in Ruhe ließe.

„Wie konnten wir nur jemals denken, es sei unser Lebenszweck, andere Lebewesen ihres Lebenszwecks zu berauben?“
~Dr. Will Tuttle, World Peace Diet

 

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Du möchtest vegan leben, kannst aber nicht auf Käse verzichten … … dann lass ihn bitte trotzdem weg!

One foot in the door?

Viele große Tierrechtsorganisationen sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, ihre Überzeugungsarbeit für die Notwendigkeit einer veganen Lebensweise nur noch sehr defensiv zu betreiben. Sie stützen sich dabei auf eigene Erfahrungen, psychologische Studien, Befragungen und Marktforschungen, die offenbar suggerieren, dass man Menschen am ehesten auf ein veganes Leben neugierig machen kann, wenn man sie Schritt für Schritt darauf hinführt und sie nur sehr schonend – wenn überhaupt – mit den moralischen Aspekten des Tierkonsums konfrontiert. Weil persönliche Veränderung immer schwierig ist und selten über Nacht geschieht, sollte man seinen Mitmenschen zugestehen, Veganismus als individuelle Reise, ganz in ihrem eigenen Tempo, zu entdecken. Unter dem Motto ‚Wir erzählen nicht unsere Wahrheit, sondern was effektiv ist’, wird die dem Veganismus zugrundeliegende antispeziesistische Ethik weitgehend ausgeklammert. Stattdessen werden die Menschen ermuntert, ihren Konsum tierlicher Produkte zu reduzieren (Reducetarianismus) oder auf bestimmte Opfer einzuschränken (Vegetarismus). Teilweise wird auch propagiert, ein guter Schritt könne sein, Tierkonsum auf diejenigen Situationen zu begrenzen, in denen veganes Essen nicht leicht verfügbar ist, oder es die Höflichkeit vermeintlich gebietet, Tiere zu konsumieren, z.B. bei öffentlichen Einladungen, Familienfeiern, Arbeitsessen, bei Besuchen oder auf Reisen (Flexitarismus).

Der Mensch im Fokus

Hinter all den Empfehlungen steht die Idee, dass es wichtiger ist, hier und jetzt eine für jeden Menschen leicht realisierbare Reduktion des Tierleids zu bewirken als eine perfekte Utopie des Veganismus zu propagieren, die den Menschen weltfremd, extrem und nur unter größten persönlichen Entbehrungen erreichbar erscheint. Im Wettbewerb um potenzielle Spender*innen, Mitglieder und mediale Aufmerksamkeit überbieten sich die Organisationen darin, Veganismus mit positiv aufgeladenen Begriffen wie Lifestyle, Fitness, gesunder Ernährung und ökologischer Verantwortung zu bewerben und dabei die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Menschen, statt der Rechte der Tiere, in den Vordergrund der Argumentation zu stellen. Selbst das vermeintlich negativ besetzte Wort ‚vegan‘ wird vermieden und gerne durch ‚pflanzlich‘ ersetzt. Eine vegane Lebensweise wird maximal als Kann-Option präsentiert. Jack Norris, der Präsident der Tierrechtsorganisation Vegan Outreach ruft den Menschen beispielsweise zu: „Du sagst, du würdest gerne vegan leben, kannst aber auf Käse nicht verzichten? Dann lebe eben vegan außer Käse.“1

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Gelbe Karte für ‚Ethik-Veganer*innen‘

Der Erfolg scheint diesen Organisationen recht zu geben. Die Strategie ist offenbar so wirkungsvoll, dass die Organisationen sogar ihre veganen Unterstützer*innen regelrecht zur Ordnung rufen, wenn diese ‚unangemessen klar‘ artikulieren, dass Reducetarianismus, Flexitarismus und Vegetarismus aus ihrer Sicht (und erst recht aus Sicht der Tiere) keine ethisch akzeptablen Konzepte sind, sondern menschliche Lifestyleentscheidungen oder halbherzige Lippenbekenntnisse auf Kosten wehrloser Opfer. Mercy for animals (MfA) rügt seine veganen Fans, sie sollten nicht so gemein mit Vegetarier*innen umgehen, nach all den bedeutsamen Schritten, die diese bereits zur Reduzierung ihrer Unterstützung der Tierausbeutung unternommen hätten.2 Mahi Klosterhalfen, Geschäftsführer der Albert-Schweitzer-Stiftung, weist Veganer*innen darauf hin, dass sie den Flexitarier*innen eigentlich sogar Dank schulden, weil nämlich sie es seien, die durch ihre Marktmacht vegane Angebote in Lokalen und Supermärkten voranbringen und das vegane Leben dadurch spürbar erleichtern.3 Veganer*innen werden darauf hingewiesen, dass sie selbst ja früher ebenfalls tierliche Produkte konsumiert hätten und deshalb akzeptieren sollten, dass sich die anderen jetzt eben auch nur langsam verändern. Pragmatismus statt Dogmatismus. Die Statements werden von den nichtveganen Fans freudig aufgenommen und überschwänglich kommentiert.

Du bist keine Tierrechtsorganisation!

Sollten wir das von den großen Organisationen gepriesene Erfolgsmodell für die Überzeugungsarbeit in unserem eigenen sozialen Umfeld einfach übernehmen? Sollten wir in Gesprächen innerhalb der eigenen Familie, mit Freund*innen und Bekannten oder mit neugierigen Fremden ebenfalls lieber zurückhaltend agieren, immer nur kleine Schritte in die richtige Richtung anregen, möglichst nicht über Moral reden und das Unwort ‚vegan‘ vielleicht am besten gar nicht erwähnen?

Nein, das sollten wir nicht, zumindest dann nicht, wenn unserer Lebensweise eine ethische Motivation zugrunde liegt.4

Wenn es dir darum geht, deine Mitmenschen auf Augenhöhe von der Notwendigkeit einer veganen Lebensweise zu überzeugen, kannst du dich in deiner Argumentation genau auf dieses eine Ziel konzentrieren. Tierrechtsorganisationen hingegen verfolgen in ihren Strategien meist mehrere Ziele gleichzeitig (Spendeneingang maximieren, möglichst viele Unterschriften unter Petitionen bekommen, mediale Aufmerksamkeit erzeugen, attraktiv für potenzielle neue Mitglieder und Aktivist*innen auftreten, Menschen das Thema Veganismus nahebringen, …). Es ist klar, dass eine Organisation eher Spendengelder bekommt, wenn sie die Gemeinsamkeiten mit potenziellen Förderer*innen betont („Toll, du lehnst Massentierhaltung ab. Wir auch. Schließe dich uns an und lass uns gemeinsam gegen die Fleischindustrie kämpfen.“), als wenn sie sie mit ihrer Verantwortung als Mittäter*innen eines entsetzlichen Unrechts konfrontiert („Wenn du Tierprodukte konsumierst, dann bist du direkt verantwortlich für immenses Leid, auch wenn dir dieser Zusammenhang vielleicht noch nicht hinreichend bewusst ist. Dein Verhalten ist Teil des Problems.“)

Die Problematik des Fuß-in-die-Tür-Ansatzes

Um die Vorteile und Gefahren des One-Foot-in-the-Door-Ansatzes bzw. der ‚reducetarian solution‘ zu erkennen, betrachten wir einfach exemplarisch die bereits erwähnte, viel zitierte Aussage „Du möchtest vegan leben, kannst aber auf Käse nicht verzichten? Dann lebe eben vegan außer Käse.“

Wenn wir eine solche Empfehlung aussprechen, haben wir die Gewissheit, die harmonische Beziehung zu unseren nichtveganen Mitmenschen auf keinen Fall zu gefährden, denn wir werden im Gespräch garantiert als verständnisvoll und wohltuend undogmatisch wahrgenommen. Diese Aussicht ist überaus verlockend. Allerdings bezahlen wir dafür, geliebt zu werden, auch einen hohen Preis (bzw. genau genommen bezahlen den Preis andere und zwar mit ihrem Leben), denn wir werfen gleichzeitig unsere antispeziesistische Tierethik kurzerhand über Bord.

Wenn wir uns des ‚fluffigen‘ Käsespruchs bedienen, bestätigen bzw. verstärken wir damit beim Gegenüber genau jene limitierenden Glaubenssätze, verzerrten Wahrnehmungen und karnistischen Vorurteile, die in der Vergangenheit eine Hinwendung zum Veganismus verlässlich verhindert haben, nämlich …
• Es ist in Ordnung Tierprodukte zu konsumieren
• Es gibt auch ‚harmlose‘ Tierprodukte
• Veganismus ist eine Form menschlicher Ernährung
• Ein veganes Leben ist schwierig, erfordert Anstrengung und braucht Zeit
• Vegan zu leben ist lediglich eine Option

Absolution für Tierkonsum?

Wer anderen rät, weiterhin bestimmte Tierprodukte zu konsumieren, erteilt – ob gewollt oder nicht – automatisch die Absolution für die Beibehaltung einer moralisch fragwürdigen Gewohnheit, sowie für den gesamten gewalttätigen Prozess der Tierausbeutung, der erforderlich ist, damit diese Gewohnheit überhaupt gepflegt werden kann.

Abgesehen davon, dass wir uns fragen dürfen, woher wir eigentlich das Recht nehmen, anderen zu ‚erlauben‘, Gewalt gegen wehrlose Dritte zu verüben bzw. zu beauftragen, ist eine solche Erlaubnis auch Ausdruck einer speziesistischen Denkweise. Sie bestätigt die arrogante Vorstellung, Tiere seien letztlich weniger wert als Menschen. Niemand würde auf die Idee kommen, die Erteilung einer solchen Absolution zu erwägen, wenn es um menschliche Opfer von Gewalt ginge. Es würde uns z.B. nicht einfallen, gewalttätigen Eltern zu empfehlen, gerne weiterhin eines ihrer Kinder zu verprügeln und dafür bitte die anderen in Ruhe zu lassen.

Es gibt keine ‚guten‘ Tierprodukte

Angenommen wir würden Nichtveganer*innen folgenden Rat erteilen: „Du sagst, du möchtest vegan leben, kannst aber auf Fleisch nicht verzichten? Dann lebe eben vegan außer Fleisch.“ Wir würden große Irritation und Kopfschütteln ernten und zwar sowohl bei den Adressat*innen unserer Botschaft als auch im veganen Freundeskreis. Kaum jemand würde das als guten Schritt in die richtige Richtung deuten. Wieso finden wir den Spruch aber pfiffig, wenn statt von Fleisch von Käse die Rede ist? Ist Käse etwa weniger problematisch oder gar ein ‚gutes‘ Produkt?

Wer Tierprodukte konsumiert, verursacht Tierleid. Immer. Es ist keine gute Idee, unsere Mitmenschen in ihrer Fantasie zu bestärken, ausgerechnet Käse sei ein vergleichsweise harmloses ‚Lebensmittel‘. Viele Veganer*innen wurden nicht zuletzt deshalb vegan, weil sie irgendwann mit dem mörderischen Grauen der Milchindustrie in Berührung kamen. Während Tiere, die für die Fleischproduktion sterben, ‚nur‘ eingesperrt, gemästet und getötet werden, werden Milchkühe zusätzlich wieder und wieder zwangsgeschwängert, unmittelbar nach der Geburt ihrer Babys beraubt und dann als Hochleistungsmaschinen brutal ausgebeutet. Wenn ihre Leistung nachlässt landen auch sie ausgelaugt im Schlachthaus. Sie sind also selbst ein bedeutender Teil der Fleischindustrie. Genau wie ihre Kälber, die wir ebenfalls töten und zu Wurst verarbeiten, um uns ihre Milch anzueignen.5

Bildquelle: tierretter.de

Käse bedeutet großes Leid für Kühe und Kälber. Bildquelle: tierretter.de

Veganismus ist keine Ernährungsform und Tiere sind keine Lebensmittel

Veganismus ist eine ethisch motivierte Lebensweise, die jede Ausbeutung der Tiere durch den Menschen ablehnt. Es geht um das Lebens- und Freiheitsrecht der Tiere, nicht um die Gesundheit oder kulinarischen Vorlieben des Menschen. Dass eine vegane Lebensweise auch bedeutet, keine Tiere zu essen, ist ebenso selbstverständlich wie die Weigerung, sie für Mode, Unterhaltung oder andere Zwecke zu gebrauchen. Tiere sind nicht für uns in dieser Welt, sondern mit uns. Sie sind keine Lebensmittel! Genau darauf reduzieren wir sie aber, wenn wir z.B. den Konsum von Käse empfehlen.6

Vegan zu leben ist einfach

Vegan zu leben ist überaus einfach, denn es geht nicht darum, komplexe, neue Fertigkeiten zu erlernen, sondern schlicht darum, ab sofort etwas zu unterlassen, wozu wir moralisch noch nie berechtigt waren. Es stimmt zwar, dass Tierkonsum eine mächtige, langjährige Gewohnheit (sogar mit gewissem Suchtcharakter) ist, aber gerade deshalb sollten wir diese Gewohnheit mit einem klaren Schnitt beenden, anstatt zu hoffen, dass wir sie mit einer Schritt-für-Schritt-Entwöhnung sukzessive überwinden können. Hier hilft erneut die ethische Motivation. Wer sich für ein veganes Leben entscheidet, weil er/sie Tierquälerei verabscheut, begegnet den Versuchungen des Alltags aus dem Blickwinkel der Opfer (‚Verursache ich Leid, wenn ich das konsumiere? Ja, also lasse ich es!‘) und nicht durch die Brille der eigenen Vorlieben (‚Macht mich das an? Ja, also sofort her damit.‘)

Veganismus ist nicht das Ende, sondern ein Anfang

Die Entscheidung für eine vegane Lebensweise ist nicht das faszinierende Endziel einer individuellen langjährigen Entdeckungsreise, sondern der Anfang eines achtsamen Lebens. Sie entspringt der Überwindung der eigenen kognitiven Dissonanz und der Entscheidung unser Verhalten in Übereinstimmung mit den eigenen Werten zu bringen. Sie markiert einen Beginn.

Veganismus ist keine Option

Veganismus ist aus einer antispeziesistischen Sicht auch keine Kann-Option, für die man sich vielleicht eines Tages entscheiden wird oder auch nicht, sondern das absolut Mindeste, was wir den Tieren schulden. Wer sich für ein veganes Leben entscheidet, hat mit dieser Entscheidung noch gar nichts aktiv für das Wohl der Tiere getan, sondern lediglich die Selbstverpflichtung abgegeben, ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zuzufügen. Eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich so wenig einer Erwähnung bedarf wie die Erklärung, dass man seine Kinder nicht misshandelt, wenn man sie liebt.

Vegan zu leben ist nichts Besonderes oder gar Heroisches. Es bedeutet einfach die Selbstverpflichtung zur Vermeidung unnötiger Gewalt.

Unwort ‚vegan‘?

Veganismus ist kein Selbstzweck, sondern die logische Konsequenz einer antispeziesistischen Ethik und deshalb nichts, was man einfach zur Disposition stellen könnte.

Unsere Mitmenschen sind durchaus in der Lage zu verstehen, dass es falsch ist, anderen zum eigenen Vorteil die Kehle aufzuschlitzen. Wir brauchen keine Psychotricks, um sie sukzessive auf diese Erkenntnis vorzubereiten. Wenn wir andere aufrichtig in einer nicht anklagenden Weise über das Unrecht der Tierausbeutung aufklären, dann werden sie darüber nachdenken, ihr Verhalten zu ändern. Vielleicht tun sie das dann tatsächlich in kleinen Schritten. Dann tun sie es aber, weil es nun mal ihre Entscheidung ist und nicht etwa, weil wir ihnen dieses halbherzige Vorgehen ausdrücklich empfohlen haben. Wir sollten jederzeit ausstrahlen: Wir brauchen keine Tierprodukte. Veganes leben ist einfach, bereichernd und macht Spaß. Wir können uns in jedem Moment unseres Lebens dafür entscheiden. Zum Beispiel jetzt.

Ja, es stimmt, das Wort ‚vegan‘ ist bei manchen Mitmenschen negativ besetzt. Das hat einerseits damit zu tun, dass es einflussreiche Industrien und Medien gibt, die viel Aufwand betreiben, um Veganer*innen als weltfremd, radikal, extrem zu überzeichnen. Andererseits gibt es diese weltfremden, radikalen, extremen ‚Exemplare‘ leider vereinzelt tatsächlich, und manche Menschen hatten schon verstörende Erfahrungen mit ihnen. Das sollte aber kein Grund sein, das Wort ‚vegan‘ ab sofort zu meiden, sondern wir sollten ganz im Gegenteil alles dafür tun, um das Wort positiv aufzuladen. Vegan bedeutet gerecht, friedfertig, achtsam, sozial verantwortlich.

Wir werden niemals in einer veganen Welt leben, wenn nicht einmal die Veganer*innen bereit sind, selbstbewusst und begeistert über Veganismus zu reden.

  1. https://www.facebook.com/veganoutreach/photos/pb.165205491507.-2207520000.1463917784./10153778556136508/?type=3&theater []
  2. http://www.mercyforanimals.org/this-is-why-vegans-should-stop-being-mean []
  3. https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/ganz-wenig-fleischesser []
  4. Definition der Vegan Society aus dem Jahre 1944: „Veganismus ist eine Lebensweise, die bestrebt ist, soweit möglich und durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was dem Nutzen der Tiere, Menschen und der Umwelt dienen soll.” https://www.vegansociety.com/about-us/history []
  5. Einen sehr guten Einblick in ‚das Prinzip Milchproduktion‘ bietet dieses Video der Tierrechtsorganisation ARIWA. Warnung: Das Video enthält verstörende Bilder menschlicher Gewalt gegen Tiere. https://www.youtube.com/watch?v=2LvYOZXyIYs []
  6. Zur Vertiefung empfehlen wir diesen Artikel von Mario Burbach. http://thevactory.de/reducetarian-solution/ []
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Mjam, lecker! Da bekomme ich Hunger! Videos vom Schlachten sollten uns doch eigentlich Appetit machen, oder nicht?

Am 12. Mai 2017 hat der Bayerische Rundfunk ein Video veröffentlicht, Tierschutz beim Schlachten: Schonendes Töten, besseres Fleisch | Unser Land | BR, in dem gezeigt wird, wie Schweine „schonend“ geschlachtet werden. Es ist ein bemerkenswerter Zeitpunkt, da kurz zuvor andere Videoaufnahmen aus einem Bio-Schlachthof ebenfalls in Bayern Aufsehen erregten, weil sie zeigten, wie Tiere grob und grausam behandelt werden, wenn sie nicht in die Tötungsbox gehen wollen. Es gibt zudem weitere Videoaufnahmen, die belegen, dass nicht wenige Tiere leider nicht ausreichend bewusstlos1 sind, wenn die Weiterverarbeitung beginnt.

Im Einführungstext zum Video steht folgender Satz:

Wir zeigen, wie es bei einem Metzger vorbildlich läuft, auch wenn das keine angenehmen Bilder sind.

(Hervorhebung von mir.)

Das sind zwar keine schönen Bilder, aber … wenn es schon sein muss, dann sollten wir es wenigstens „richtig“ machen. Nicht wahr?

Wieso warnt man vorsorglich, dass es keine angenehmen Bilder sind? Hier wird doch nur gezeigt, wie unser Essen gemacht wird und noch dazu auf vorbildliche Weise? Da müssten wir doch mit Begeisterung und auf Hochtouren arbeitenden Speicheldrüsen zusehen können und sogar wollen, oder etwa nicht?

Wenn es uns unangenehm ist, zuzusehen, wie Tiere getötet werden; wenn wir uns vor Blut ekeln und das Geräusch, wenn einem Tier die Haut abgezogen wird, grässlich finden; wenn wir selbst dann nicht zusehen mögen, wenn alles „mit rechten Dingen“ zugeht, sollten wir uns dann nicht vielleicht fragen, warum das so ist? Warum müssen wir gewarnt werden, dass jetzt gleich vorgeführt wird, wie Tiere getötet werden? Warum müssen wir vor diesem Anblick geschützt werden? Es müsste uns doch statt dessen das Wasser im Mund zusammen laufen.

Viele Metzger berichten, dass es ihnen zumindest anfangs nicht leicht gefallen ist, Tiere zu töten. (Benjamin Koch auf die Frage, ob Töten Spaß mache: „Spaß macht das nicht, aber es macht mich auch nicht mehr traurig.“2 Also hat ihn das Töten zu Beginn traurig gemacht. Und was ist dann passiert? Ist es ihm gelungen, sich ausreichend abzuhärten? Hat er seine Abneigung gegen das Töten überwunden?

Wieso halten wir seelische Abhärtung und die Überwindung unseres natürlichen Mitgefühls für erstrebenswerte, gar „männliche“, Eigenschaften?

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Natur, dass Evolution, ein Lebewesen hervorbringt, das sich vor der Gewinnung seines vermeintlich wichtigsten Lebensmittels ekelt? Das sich beim Anblick der Herstellung seiner Nahrung unangenehm berührt fühlt, das sich windet und wegsehen möchte, das sich ekelt und mit seinem Essen Mitleid empfindet? Sind all diese unangenehmen Gefühle, die wir erleben, wenn wir ein solches Video ansehen, denn günstig für das Überleben der Art? Können dieser Widerwillen, dieser Ekel vor der Herstellung des eigenen Essens, denn ein Vorteil beim Überleben sein?

Wie viele Löwen mag es wohl geben, die Hemmungen haben, einem Zebra an die Gurgel zu gehen, und die erst mühsam lernen müssen, diese Hemmungen zu überwinden? Wie viele Hyänen gibt es wohl, die sich vor vermodernden Kadavern ekeln? So etwas kommt einfach nicht vor in der Natur. Jedes Lebewesen liebt und genießt das Essen, das es am besten verträgt, das die beste Nahrungsquelle für es ist. Wir ekeln uns nicht davor, Früchte zu pflücken, Nüsse zu knacken oder Gemüse zu schneiden. Wenn wir in einen Apfel beißen, tut er uns nicht leid.

Wenn das Blut wäre, wäre es dann immer noch niedlich?

Wenn das Blut wäre, wäre es dann immer noch niedlich?

Gemeinschaftliches Pilze- oder Beerensammeln empfinden wir als angenehm, unterhaltsam, Gemeinschaft stiftend und zutiefst befriedigend. Wenn kleine Kinder mitten im Erdbeerfeld sitzen, glücklich und selbstvergessen eine süße Frucht nach der anderen in sich hineinstopfend, finden wir das entzückend. Würde dasselbe Kind mit blutverschmiertem Gesicht am aufgerissenen Bauch eines Gnus hocken und rohe Fleischfetzen verschlingen, würde uns das Grauen schütteln. Das ist der Stoff aus dem Gruselfilme gemacht werden.

Niemals würden wir ein Kind mit in einen Schlachthof nehmen und ihm stolz präsentieren, wie sein Essen gemacht wird. Die meisten Kinder wären schwer traumatisiert und viele Erwachsene auch. Der Prozess der Abstumpfung dauert lang. Meist gelingt er gar nicht. Wir werden lediglich Meister in der Kunst des Wegsehens, des Nicht-Genau-Hinsehens, des Ignorierens. – „Hör auf, mir davon zu erzählen, sonst schmeckt mir mein Essen nicht mehr!“ – Deshalb müssen wir vorsorglich gewarnt werden bei solchen Videos, damit wir nicht unvorbereitet mit der Realität konfrontiert werden, damit wir Gelegenheit haben, noch schnell abzuschalten, das Zimmer zu verlassen, wegzusehen oder uns innerlich zu stählen, damit wir dem Anblick standhalten können.

Löwenkinder haben damit keinerlei Probleme. Wenn die Eltern eine halbe Gazelle heran schleifen, dann ekeln sie sich nicht, dann sind sie keineswegs traumatisiert, sondern stürzen sich darauf, ohne die kleinsten Gewissensbisse. Löwenkinder finden das toll. Das ist ihr Essen. Würden wir Menschenkindern ein halbes, rohes Kaninchen auf den Teller klatschen, wäre das Geschrei groß. Wenn das Kind hingegen mit Gusto seine Zähne in den dampfenden Kadaver schlagen würde, schauderte uns vor diesem Kind.

Warum ist das so? Warum kostet es uns Überwindung, zuzusehen, wenn Tiere getötet werden? Warum ist es schwierig, das Töten zu lernen? Warum verstecken wir es vor uns, indem wir die Schlachthöfe in abgelegene Gewerbegebiete verbannen? Warum sind diese Berufe stigmatisiert? – „Also, ich könnte das nie!“ – Warum machen wir keine Unterhaltungsausflüge in die Schlachthöfe, um uns „unser“ Fleisch selbst von den toten Körpern zu schneiden? Warum finden wir es eklig, wenn ein Kadaver ausgenommen wird und die Gedärme herausquellen? Warum haben wir überhaupt Mitleid mit diesen Lebewesen?

Warum finden wir es so unerträglich, wenn wir an dieses ganz ursprüngliche, uns mühelos zufliegende Mitgefühl erinnert werden? Warum sind wir verärgert, wenn an unser Mitleid appelliert wird? Sind nicht gerade dieses Mitgefühl und unser Empfinden für Gerechtigkeit, Ethik und Moral ganz besonders große Errungenschaften, auf die wir zu Recht stolz sein dürfen?

Das sind keine rhetorischen Fragen. Ich bitte die LeserInnen ganz dringend in sich zu gehen und sich diese Fragen selbst zu stellen.

Wer sich noch etwas eingehender mit diesem Thema befassen möchte und des Englischen mächtig ist, sollte sich unbedingt Dr. Milton Mills‘ Vortrag über „Meat Eating and the Biology of Disgust“ ansehen.

Ich bin längst davon überzeugt, dass unser Mitgefühl keineswegs Ausdruck von Verweichlichung und Entfremdung von der Natur ist. Ganz im Gegenteil. Wir haben Mitgefühl mit den anderen Tieren, weil wir wissen, dass sie sich in den wesentlichen Dingen nicht von uns unterscheiden. Wir haben Lungen, Herzen, Haut, Knochen, Lebern, Nieren, Muskeln, Nerven. Ihre Organe funktionieren nicht wesentlich anders als unsere. Sie erfüllen dieselben Aufgaben auf dieselbe Weise. Die Unterschiede sind höchstens graduell, nicht essentiell. Warum sollten ausgerechnet ihre Gehirne so wesentlich anders funktionieren?

Wir verstehen ihre Körper, weil wir unsere Körper verstehen. Wir verstehen den Ausdruck von Angst in ihren Augen, weil er sich nicht von dem Ausdruck der Angst in unseren Augen unterscheidet. Wir verstehen ihre Körpersprache, weil wir unsere Körpersprache verstehen. Wir verstehen ihren Schmerz, weil wir unseren verstehen. Wir sind aus derselben Evolution hervorgegangen, wir sind keine Fremden, wir sind verwandt miteinander. Wir sind verwandte Seelen.

Sieh in ihre Augen und erkenne dich selbst darin. Wenn es um Leben und Tod geht, gibt es keinen Unterschied zwischen ihnen und uns.

Wir müssen unsere Geschwister nicht töten.

Wir dürfen unsere Geschwister nicht töten.

 

  1. Hier ein Video zur unzureichenden Bewusstlosigkeit: Bruellen der Rinder -lebendig zerlegt beim Schlachter um die Ecke und ein erläuternder Text eines Amtstierarztes, damit man die Aufnahmen besser verstehen und einordnen kann:

    „Da sieht man ja alles wunderbar, wogegen ich bei der Arbeit ankämpfe. Alle Treibmethoden. Mit Gabeln und sogar winzige Kälber mit dem verbotenen Schwanzgriff treiben, bei dem man die Schwänze bricht. Als ob so ein Winzling nicht anders vorwärts geschoben werden könnte. Bei 7:12 einen Bullen, bei dem der Betäubungsschuß völlig daneben ging. Er blinzelt noch und ist bei vollem Bewusstsein. Der bei 9:30 hat einen leichten Hau abgekriegt, das sieht man am zitternden Aufgapfel. Aber auch da ist bei Weitem keine ausreichende Betäubung vorhanden. Wenn sie noch selber blinzeln oder zumindest auf Berührung des Augapfels blinzeln, ist die Betäubung auf jeden Fall misslungen. Man sieht auch sehr schön, dass die nicht ausreichend betäubten Tiere nicht zappeln. Bei 12:12 sieht man einen Bullen, bei dem die Betäubung funktioniert hat. Die Zunge hängt heraus, er zeigt eine letzte Agonieschnappatmung und dann entlädt sich die Restenergie in den Zellen, die zu Flucht oder Kampf bereit gestellt war in zappelnden Bewegungen. Sieht am schlimmsten aus, was irreführend ist. Bei 13:08 sieht man eine offenbar gelungene Betäubung. Der Bulle scheint gut getroffen, er verdreht die Augen, ein Zeichen dafür, dass das Gehirn einen Schlag ab bekommen hat. Der Metzger testet sogar den „Zwinker-Reflex“. Aber bei 13:40 zeigt ein anderer Bulle ein ähnliches Gesicht und kommt dann doch wieder zu sich, zwinkert und ist voll dabei, als es der Arbeiter nicht mehr nachprüft. Die Schädelplatte der Bullen ist sehr dick. Leicht verkantet oder verrutscht, wird der Bolzenschuß sofort unwirksam. Zwischen gar nicht und gut betäubt gibt es jede mögliche denkbare Variante. Den Ton hatte ich nicht an.“
    ~N.T. []

  2. 10 Fragen an einen Metzger []
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Der kuriose Fall des Ovo-Lacto-Pesco-Pollo-Carno-Veganers, der Gelatine nicht mag, dafür aber Honig Wenn Konsequenz als Übertreibung deklariert wird. Gedanken zu Flexiganern und anderen Kuriositäten.

Der kuriose Fall des Ovo-Lacto-Pesco-Pollo-Carno-Veganers, der Gelatine nicht mag, dafür aber Honig

Was fördert das Internet nicht alles zu Tage. Vegan-Aussteiger, Tiereier essende Veganer, Menschen die angeblich nur Tierprodukte konsumieren, weil sie mal einen Veganer kannten, der sogar geflucht hat, Personen, die ganz schnell das vegetarische Gericht wählen, wenn gerade kein veganes Drei-Gänge-Menü erhältlich ist usw. Gesammelt ergäbe das sicher einen nicht kleinen Band, der zumindest die Nackenmuskeln beim Kopf schütteln trainiert.

Was hat es mit dem Vegan-Märkchen um den Hals auf sich?

Das beliebte Vegan-Märkchen. Alle wollen eins.

Das beliebte Vegan-Märkchen. Alle wollen eins. Nur warum?

Immer wieder fragen wir uns, wo fängt es an, wo hört es auf? Muss ich immer fragen, ob die Verpackung des Getränks vegan ist, muss ich ein Medikament ablehnen, weil es nicht vegan ist und kann man mir zumuten, mit einem Apfel und ein paar Nüssen auszukommen, wenn sonst gerade nichts Veganes zu bekommen ist? Sicherlich ist es schwierig eine glatte Linie zu ziehen und üblicherweise war die Devise „Jeden Tag etwas mehr wissen und jeden Tag etwas besser machen“ in Bezug auf den Einsatz für Tierrechte und die sich daraus entwickelnde vegane Lebensweise. Seit einigen Jahren jedoch scheint es (trotz aller Anfeindungen und Geringschätzung veganer Menschen in sozialen Netzwerken), als sei es wichtig, sich ein Vegan-Märkchen um den Hals hängen zu können. Selbst wenn Tierrechte im Leben keine Rolle spielen und der Wille möglichst vegan zu leben, nicht ausgeprägt ist. Warum muss eine Person, die recht willig ist, Tierprodukte zu konsumieren („In dem Restaurant gab es nichts Veganes und ich wollte ja nicht verhungern.“), sich denn als vegane Person bezeichnen? Was ist denn aus dem Begriff Ovo-Lacto-Vegetarisch geworden? Und warum versuchen Menschen, die kein Bedürfnis haben, sich auf einer oder mehreren Ebenen für Tierrechte einsetzen, den Veganismus aufzuweichen? Zu verwaschen zu einem Lifestyle, bei dem cholesterin- und laktosefrei gegessen wird, und der Einsatz für eine Veränderung des Verhältnisses von Menschen zu anderen Tieren, die derzeit noch als z. B. Nutztiere, Labortiere oder Zootiere bezeichnet werden, als zu extrem abgetan und empört von sich gewiesen wird.

Der schaurige Wandel zum toleranten Waschbrettbauch

Die Gruppe derer, die einen recht locker verstandenen Veganismus („Ach, hin und wieder mal eine Ausnahme.“ „Aber Mama hat sich so Mühe gegeben beim kochen.“ „Couscous mit Aubergine ist ja langweilig. Da nehme ich lieber die Käsetaschen.“) praktiziert, schafft es bisweilen, nicht nur konsequentere Menschen für ihr Handeln zu kritisieren, sondern durch ihr Sendungsbewusstsein und ihre Bequemlichkeit für nicht vegan lebende Menschen („Aber X würde mich nicht darauf ansprechen.“ „Y würde jetzt eine Ausnahme machen.“) ein seltsames Bild veganer Menschen zu zeichnen. Glauben wir diesem Bild, sind wir nicht eine heterogene Gruppe aus jung, alt, gross, klein, dick, dünn, hell, dunkel, stark, schwach, wortgewandt, still, künstlerisch talentiert usw., der allein der Einsatz für Tierrechte gemein ist, sondern ein dauerstrahlender Trupp sportlich durchtrainierter Bademoden-Models mit absoluter Fokussierung auf Gesundheit, Clean Eating (möglichst unverarbeitete Lebensmittel werden gekauft und konsumiert) und Selbstoptimierung. Nur ja nicht anecken, indem man eine Diskussion über Tierrechte und den Auswirkungen die ihre Verweigerung auf die Tiere hat, führt. Bloß nicht auffallen, indem etwas Ungewöhnlicheres bestellt wird und keinesfalls vom Bild des ewig jungen, gesunden Menschen abweichen.

Eine weitere Baustelle

Bisher glaubten wir, das Schwierigste in der veganen Szene sei, aktiv für Basis-Tierrechte einzustehen, sich gegen rechte Strukturen abzugrenzen („Is doch egal, dass der Menschenrechte mit Füssen tritt, so lange der meine Petition für die Bestrafung von Tierquälern teilt und mich nicht ins Koma prügelt.“), Schwurbel („Backpulver heilt Krebs“ „Zitrone heilt alles“ „Und Kurkuma schützt vor allem“) einzudämmen und Menschen zu möglichst viel Tierrechtsarbeit nach Fähigkeit zu motivieren, haben wir nun die Attacken der weichgespülten Lifestyle-Flexiganer (allen Ernstes versuchen Leute, die nicht vegan leben, sich ein vegan Etikett zu stricken, mit dem sie ihren Tierproduktkonsum rechtfertigen, weil sie ja nicht immer Tierprodukte verbrauchen…denn auch die Flexiganer*innen schlafen mal) zu ertragen.

Vegane Statuen in die Tonne

Da bleibt wohl nur die Rückbesinnung auf früher. Ihr wisst schon, die Zeit, als der Pizzaservice bei der Bestellung einer veganen Pizza noch geschaut hat, was im Teig ist und was nicht, mitleidig gefragt hat, ob man die Pizza wirklich ohne Käse wolle, nicht einmal mit Mozzarella, und nicht gefragt hat, ob er Wilmersburger Pizzaschmelz, Hefeschmelz, Daya oder Violife auf die Pizza geben soll. Vegane Stars sind oft einfach nur Menschen, die sich auf einen Teilbereich des Veganismus beziehen. Auf den womöglich einfachsten Bereich. Nämlich aufs Essen. Und dafür mehr Unterstützung erhalten als Menschen, die in Ställen recherchieren und ihre Aufnahmen für die Konsument*innen zugänglich machen (bisweilen müssen sich Rechercheur*innen doch allen Ernstes rechtfertigen, weil sie ohne schriftliche Einladung in goldenen Lettern auf handgeschöpftem Papier Ställe betreten).

Um nicht ungerecht zu sein, alle setzen sich für Tierrechte ein, wie es den Fähigkeiten entspricht. Die einen kommen über den mit Leckereien gefüllten Bauch im Koch- oder Backkurs zum Thema, andere recherchieren, organisieren Demos, halten Vorträge usw. So hat natürlich auch vegane Kochkunst ihre Berechtigung.

Aber bei den bekannteren Köch*innen wird das unbequeme Thema Tierrechte gern ausgeklammert und stattdessen die Gesundheit vorgeschoben. Da ist die Gruppe an Käufer*innen wesentlich grösser. Muss sich ja niemand eingestehen „Huch, Tierprodukte bedeuten immenses Leid und frühen Tod für Tiere. Mein Konsum derzeit ist falsch. Ich muss meine Verhaltensweisen ändern, wenn ich die Situation für Tiere verbessern will.“. Stattdessen kann einmal eine vegane Mahlzeit eingeschoben werden. Für „Nutztiere“ ist es erst einmal egal, ob wir sie essen oder ihre Körper exportiert werden.

Reiner Konsum ändert die Situation nicht. Erst der politische Einsatz, der die Ausbeutung von Tieren (und da nicht nur im Bereich Ernährung) erschwert oder weniger profitabel macht, bringt, gepaart mit dem Konsum, einen Wandel.

Können Gesundheit, Umweltschutz usw. zwar klasse Nebeneffekte bei der Etablierung von Basisrechten für Tiere sein, so werden sie dennoch selten der Motor für diesen Wandel sein. Ohne einen stabilen ethischen Unterbau verliert sich leicht die Notwendigkeit, sich für die Abschaffung der „Nutztierhaltung“, Zoos, Tierversuche, Tierzirkusse usw. einzusetzen.

Denn lecker kochen, Omas Essen futtern, Waschbrettbäuche zeigen und begeistert schwurbeln können auch Atkins-Fans.

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