Wer keine Ahnung hat … Herabsetzung und Diffamierung statt Argumente - der Veganer täglich Brot.

Wer keine Ahnung hat, der titelt „Ernährung wird zum Religionsersatz“.
 
Mal ehrlich: Einer großen, überregionalen, angesehenen Tageszeitung sollte so eine Überschrift inzwischen doch eigentlich wenigstens ein bisschen peinlich sein. 
 
Das Interview, das auf der Homepage noch unter dem unaufgeregten Titel „Tiere gehören für mich zur Landwirtschaft dazu“1 erschienen ist, wird auf Facebook in leider inzwischen für diese „sozialen“ Medien schon gewohnt unsachlich-marktschreierischer Manier2 vorgestellt, indem man von „absurden“ Vorstellungen der Verbraucher spricht und Menschen unterstellt, ihre Ernährung sei Religionsersatz für sie.
 
Natürlich stellen Interviews immer die persönliche Meinung des/der Interviewten dar. Damit kann man übereinstimmen, oder auch nicht. Aber dass eine Wissenschaftlerin immer noch mit dem naturalistischen Fehlschluss aufwartet, finde ich fast schon lächerlich. Da wird von Frau Weiler vollmundig ins Feld geführt, „dass der Mensch von Natur aus ein Allesesser, ein sogenannter Omnivore ist“ und das bleibt dann unhinterfragt so stehen. 
 
Und? Nur, weil etwas „natürlich“ ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch ethisch vertretbar ist. Es gibt eine Vielzahl natürlicher Verhaltensweisen, die wir sozial geächtet haben, weil wir sie für unethisch halten. Etwas derart Simples muss man heutzutage Wissenschaftler*innen erklären? Menschen, die studiert haben? Menschen, die in der Lage sein sollten, logisch zu denken und zu argumentieren? 
 
Ja, mag sein, dass wir Allesesser sind. Allerdings sollte es uns vielleicht zu denken geben, dass tierliche Produkte inzwischen mit verschiedenen Krankheiten, wie z.B. Gefäßerkrankungen3 und einigen Krebsarten4 in Zusammenhang gebracht werden. Womöglich vertragen wir die omnivore Diät (die ihrerseits selbstverständlich kein Religionsersatz ist) halt doch nicht ganz so gut, wie andere Allesesser es können. 
 
Ja, mag sein, dass wir alles essen können, aber wir müssen es nicht. In Notzeiten wird  alles Mögliche gegessen und wenn es Brennwert hat und einen nicht direkt umbringt, hilft das zu überleben. Etwas zu können ist nicht Grund genug und schon gar nicht Berechtigung, etwas auch zu tun. Ganz besonders nicht, wenn dadurch andere empfindungsfähige, bewusste Wesen zu Schaden kommen. Es kann doch nicht angehen, dass derart einfache, logische Gedankengänge heutzutage immer noch wieder und wieder und wieder erläutert werden  müssen.
 
Auf den naturalistischen Fehlschluss folgt dann unweigerlich auch gleich der Traditionsappell: „Traditionell werden männliche Schweine in Europa seit mehr als 1000 Jahren kastriert.“ Und? Traditionen können falsch sein. Und zwar immer dann, wenn dadurch Dritte zu Schaden kommen. Auch hier gäbe es genügend Beispiele zu nennen. 
 
Die Religionskeule als Totschlagargument darf in diesem bunten Strauß der allerorts und bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenhaft wiederholten Scheinargumente natürlich nicht fehlen. „Zunehmend definieren sich bei uns Menschen über ihren Ernährungsstil, dabei wird Ernährung fast zum Religionsersatz.“ Derlei Behauptungen sind nichts weiter als billige rhetorische Winkelzüge, um andere zu diffamieren und als irrationale, verschrobene Wirrköpfe hinzustellen. Ein ernstzunehmendes, valides Argument ist es nicht. Und wiederum ist es bedauerlich und ärgerlich, dass eine angesehene Zeitung so etwas unhinterfragt und kritiklos stehen lässt.
 
Nein, Veganer*innen definieren sich nicht über ihren Speiseplan. Sie überdenken und definieren zuerst ihre Grundwerte und daraus folgend ihre Ethik. Das Konsum- und weitere Verhalten, also unter anderem Ernährung und Kleidung, werden dann an die Ethik angepasst.
  
Ich halte es für unlauter, Veganer*innen zu unterstellen, sie erhöben ihre Ernährungsweise zur Ersatzreligion. Motivation und daraus folgende Konsequenz werden dabei verdreht. Ob dies absichtlich oder aus echter Unkenntnis geschieht, sei dahin gestellt. Ich zumindest erlebe die philosophischen, ethischen Überlegungen des Veganismus als außerordentlich rational und möchte auf entsprechende Literatur verweisen. Hier einige Beispiele:
 
  • Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit
  • Gary L. Francione, Eat Like You Care
  • Sherry F. Colb, Mind If I Order the Cheeseburger?
  • Tom Regan, Empty Cages
  • Friederike Schmitz, Tierethik: Grundlagentexte
Dabei will ich gar nicht verhehlen, dass die Diskussionen über Veganismus und Tierrechte mitunter emotional sehr aufgeladen sind. Das ist aber nicht einer Religiosität geschuldet, sondern entsteht aus dem schrecklichen und belastenden Wissen, dass in jeder Sekunde, jeder Minute, in der über Nebensächlichkeiten diskutiert wird, wehrlose Lebewesen in Ställen, auf Transporten, in Schlachthäusern und Labors und nicht zuletzt durch Jagd und Fischerei, unfassbares Leid erfahren. Es geht Veganer*innen nicht um Geltungsbedürfnis, moralische Überlegenheit und was der Unterstellungen mehr sind. Es geht um Gerechtigkeit und Mitgefühl. Dieses Mitgefühl mit der leidenden Kreatur, die daraus resultierende Verzweiflung und das Gefühl der Dringlichkeit lassen uns eben manchmal ungeduldig, laut, oder sarkastisch werden.
 
Es gibt im Veganismus keinerlei starren, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden fest betonierten Verhaltens- oder Ernährungsregeln wie sie sich in manchen Religionen finden lassen. Im Veganismus gibt es keinen Glauben an unsichtbare und nicht nachweisbare göttliche Wesenheiten. Statt dessen wird über Philosophie, Grundwerte und Ethik gesprochen und nachgedacht. Religion ist Glaube, Veganismus beruht auf Ethik. Das Leid von Tieren ist offensichtlich und nachweisbar, das Vorhandensein von Gottheiten beruht auf reinem Glauben (*). 
 
Wer die Ethik des Veganismus verstanden und sich zu eigen gemacht hat, wird selbst am Meisten bemüht sein, Wege zu finden, diese Wertvorstellungen erfolgreich umzusetzen und sich ständig zu verbessern. Es gibt keine hauptberuflichen Priester*innen, Schriftgelehrten oder Prophet*innen, die irgendetwas vorschreiben, die „Sünden“ vergeben können oder zumindest behaupten, es zu können. Es wird kein Paradies versprochen, aber auch nicht mit der Hölle gedroht, abgesehen von der Hölle, die wir Menschen für die Tiere errichtet haben. Zwar gibt es unter Veganer*innen auch Menschen, die auf Fehler oder Inkonsistenzen hinweisen, aber das ist völlig in Ordnung. Konstruktive Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Zumindest bei jenen, die bereit sind, an sich zu arbeiten, was bei vielen Veganer*innen als grundlegende Haltung angenommen werden darf. Immerhin haben sie sich bereits kritisch auseinandergesetzt mit den Vorstellungen, Überlieferungen und Behauptungen, die ihnen von Kindesbeinen an eingetrichtert wurden. Sie haben die bestehende Tierausbeutungsideologie hinterfragt und als mangelhaft bewertet. 
 
Ethik kann tatsächlich ein Ersatz für Religion sein. Im Gegensatz zu Religionen, die oft auf alten Büchern basieren, die bestenfalls mit viel Mühe für die Neuzeit passend uminterpretiert werden, ist Ethik ein lebendiges, wachsendes, philosophisches Gedankengebäude, das geeignet ist, zu reflektiertem, verantwortungsvollem, moralischen Handeln zu ermuntern. Religionen sind in sich selbst oft widersprüchlich und inkonsistent und daher als moralischer Kompass denkbar ungeeignet. Ethik hingegen basiert auf logischen Überlegungen, auf schlüssigen Argumenten, auf dem Gedanken, dass gleiche Situationen gleiche moralische Berücksichtigung verdienen. Ethik beruft sich nicht auf verstaubte Vorschriften, sondern fordert auf, das eigene Verhalten immer wieder auf den Prüfstand von Verständnis, Rücksicht, Empathie, Nachdenken und Mitgefühl zu stellen. 
 
Dass es nicht für jedes Dilemma eine befriedigende Lösung gibt, ist uns schmerzhaft bewusst. Aber diejenigen Dilemmata, die lösbar sind, sollte man lösen. Eine relativ geringfügige Umstellung der Lebensführung ist nicht zuviel verlangt, wenn es für die aktuell Leidtragenden um Leben und Tod geht. Noch jede*r Veganer*in hat gesagt, dass es leichter ist, viel leichter, als zunächst befürchtet.
 
Wenn man sich ansieht, zu welchen Auswüchsen Religionen in der Geschichte der Menschheit geführt haben und immer noch führen, sollte uns allen sehr daran gelegen sein, die Religionen tatsächlich endlich durch eine ordentliche säkulare Ethik zu ersetzen.
 
Eine Frage stellt sich mir immer wieder, wenn uns unterstellt wird, Veganismus sei wie eine Religion für uns: Warum stören sich eigentlich die Kirchen nicht an diesem Vorwurf? Es werden ja nicht nur die jeweiligen Diskussionsgegner herabgesetzt, sondern auch Glaube und Religion per se. Religion wird durch solche Sätze als etwas grundsätzlich Minderwertiges und Unvernünftiges dargestellt. Das sollte doch kirchlichen Würdenträgern noch sauerer aufstoßen als uns.
 
Doch zurück zum Interview: Etwas später wird einfach behauptet „das Tier bleibt unversehrt“. Nein, bleibt es nicht. Sie werden letztlich alle getötet. Immer.
 

Noch weiter im Text wird die Würde des getöteten Lebewesens über den erzielbaren Profit definiert: „[…] 2016 […] erzielte ein Landwirt für seine Tiere 1,24 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Wie steht das im Verhältnis zu einem würdigen Umgang mit dem Lebewesen Tier?“ fragt Frau Weiler.

Ich halte Preisangaben je Kilo „Schlachtgewicht“ nicht für vereinbar mit dem Konzept der Würde von lebenden, fühlenden, bewussten Wesen. Die Höhe des erzielbaren Preises ist dabei unerheblich. 

 „Wer Tiere aufzieht, um sie zu töten, hat es schwer, positiv wahrgenommen zu werden.“ Ja, stimmt. Aus gutem Grund und völlig zu Recht, wie ich meine. 

 Es ist nun einmal ethisch nicht vertretbar, fühlende, bewusste Wesen um des Profits Willen zu züchten und zu töten, zumal nicht die geringste Notwendigkeit dafür besteht. Da wir laut eigener Aussage dieser Wissenschaftlerin Allesesser sind, können wir auch einfach etwas anderes essen. Genau da beginnt die Ethik: Dürfen wir fühlende, bewusste Wesen essen, obwohl es nicht nötig ist?  

Darauf kann die Antwort nur lauten: selbstverständlich nicht

Alle, die sich wünschen, dass die Tiere gut behandelt werden, dass sie ein schönes Leben und einen „leichten“ Tod haben, erkennen damit an, dass Tiere Gefühle haben, dass sie unterscheiden können zwischen angenehm/unangenehm, Wohlgefühl/Schmerz und dass sie ein Interesse daran haben, nicht zu leiden und am Leben zu bleiben. Es bedeutet, dass uns, den Verbraucher*innen, sehr wohl klar ist, dass es sich um bewusste, fühlende Wesen handelt. Es ist deshalb unsere Pflicht und unsere Verantwortung, sie moralisch zu berücksichtigen und das bedeutet, ihre Ausbeutung und Tötung zu unterlassen. 

Ein bewusstes, fühlendes Wesen nur zu züchten, um es alsbald zu töten, ist die maximale Missachtung dieses Wesens und seines Lebens und zwar auch dann, wenn man sich vorgeblich gut darum kümmert.

Nicht wie wir sie benutzen, ist das Problem, sondern dass wir es tun. 

Vertraue auf dein Herz, dein Gewissen, deinen Sinn für Gerechtigkeit. Sei fair. Sei vegan.

 


(*) Dank an Alexandra für diese Anregung.

  1. http://www.sueddeutsche.de/wissen/tierhaltung-tiere-gehoeren-fuer-mich-zur-landwirtschaft-dazu-1.3787041 []
  2. https://www.facebook.com/ihre.sz/posts/1627956970629009 []
  3. https://www.pcrm.org/health/medNews/dairy-and-other-animal-fat-increases-ris-for-heart-disease []
  4. http://www.pcrm.org/health/cancer-resources/diet-cancer/facts/meat-consumption-and-cancer-risk []
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Du hast früher selbst Fleisch gegessen!

Du hast früher selbst Fleisch gegessen und Milch getrunken.
Kehre du gefälligst vor deiner eigenen Haustüre!“ 

Diese Reaktion erhalten Veganer*innen regelmäßig, wenn sie versuchen, Fleischesser*innen oder Vegetarier*innen für das Grauen und Unrecht hinter ihren ‚Lebensmitteln‘ zu sensibilisieren oder sie auf die bedenklichen ökologischen Folgen ihres Tuns hinzuweisen.1 Wer früher selbst Tierqualprodukte konsumiert hat, scheint keinerlei Recht zu haben, jetzt andere für genau dieses Verhalten zu kritisieren.

Dürfen wir eigene Fehler bei anderen kritisieren?

Sollten Veganer*innen angesichts der eigenen Schuld als ehemalige Täter*innen, die milliardenfache Tötung sogenannter ‚Nutziere‘ mit all ihren dramatischen Konsequenzen einfach hinnehmen und zu dem Thema für immer schweigen? Nein, sollten sie nicht, denn sie haben inzwischen eine wichtige Lektion gelernt und ein verhängnisvolles Verhalten abgelegt. Sie haben ja vor der besagten eigenen Haustüre gekehrt – und zwar sehr gründlich. Warum sollten sie ihr erworbenes Wissen, ihre veränderte Sichtweise und ihre Erfahrungen jetzt nicht mit anderen Menschen teilen?

Man stelle sich einmal ernsthaft für einen Moment vor, was es in letzter Konsequenz bedeuten würde, wenn wir bei anderen ab sofort nur noch die Verhaltensweisen kritisieren dürften, die wir selbst niemals gezeigt haben.

Eltern könnten dann einen Großteil ihrer Erziehungsbemühungen augenblicklich einstellen, denn als Kind haben sie sicher auch eine Menge angestellt, ausprobiert und falsch gemacht. Vermutlich haben auch sie die eigenen Eltern gelegentlich belogen, die Schule geschwänzt, heimlich geraucht, Versprechen gegenüber Freund*innen nicht eingehalten, Streiche gespielt, Schwächere schikaniert, mutwillig Sachen beschädigt und manches mehr.

Im Sport könnten künftig nur noch diejenigen als Trainer*in arbeiten, die den Sport selbst nie ausgeübt haben, denn nur so ist eine tadellose Vergangenheit möglich. Wer zum Beispiel früher selbst Fußball gespielt hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon hochkarätige Torchancen fahrlässig vergeben, vermeidbare Elfmeter verursacht, den Schiedsrichter beleidigt, leichtfertig den Ball verloren, sich eigensinnig verrannt statt abzuspielen oder für unbeherrschte Aktionen die rote Karte gesehen und dadurch das eigene Team geschwächt.

Wir dürften niemanden mehr auf Gefahren hinweisen, denen wir selbst zum Opfer fielen und nicht mehr vor Fehlern warnen, die uns selbst schon unterlaufen sind.

Die Frage ist nicht, ob wir kritisieren, sondern wie wir es tun

Es ist also völlig klar: Wenn ich in meinem Leben ein Verhalten oder eine Meinung als falsch erkenne und mich daraufhin tatsächlich ändere, darf ich andere natürlich ermuntern, es mir gleich zu tun. Ob ich es auch tun sollte oder vielleicht sogar tun muss, ist eine ganz andere Frage, die nicht ganz so leicht zu beantworten ist, denn es gibt dafür kein Patentrezept. Ich selbst mache meine Entscheidung, ob ich ein Thema überhaupt anspreche, und falls ja, wie ich es anspreche, in erster Linie davon abhängig, welche konkreten Auswirkungen das Verhalten meines Gegenübers hat.

Schweigen kann immer dann eine gute Option sein, wenn meine Gegenüber mit seinem Verhalten niemand (außer vielleicht geringfügig sich selbst) schadet, mir selbst das Thema nicht besonders wichtig ist, oder ich in einer bestimmten Situation einfach nicht unhöflich sein möchte. Menschen sind verschieden, und das bereichert grundsätzlich unser Miteinander. Anstatt jede Kleinigkeit zu kritisieren, sollte ich mich manches Mal besser in Gelassenheit üben.

Geht es um ein Verhalten, von dem ich denke, dass der Person vielleicht nicht klar ist, wie dieses bei anderen Menschen ankommt, dann beschreibe ich das störende Verhalten und seine Wirkung speziell auf mich. Ich formuliere meine Rückmeldung in einer Weise, die deutlich macht, dass es um meine Wahrnehmung, meine Interpretation und um mein Unbehagen geht. Mein Feedback sagt also mehr über mich als über die andere Person aus.

Schweigen ist manchmal keine Option

Bei manchen Themen habe ich nicht nur das Recht, sondern die moralische Pflicht, andere mit der Problematik ihres Handelns zu konfrontieren. Wenn mein früheres Verhalten, das ich jetzt bei anderen beobachte, gewalttätig, zerstörerisch oder für andere gefährlich war, dann bin ich es nicht nur den potenziellen weiteren Opfern, sondern auch dem eigenen Gewissen schuldig, klar und deutlich Stellung zu beziehen. Dann sollte ich das Unrecht selbst dann ansprechen, wenn es mein Gegenüber am liebsten gar nicht hören will. Schweigen wäre in solch einer Situation kein Zeichen von Toleranz, sondern vielmehr Ausdruck von Feigheit oder Gleichgültigkeit. Wer Unrecht kommentarlos geschehen lässt, positioniert sich automatisch auf der Seite der Täter*innen und wird dadurch zu einem Teil des Problems.

Allerdings sollte ich meine Rückmeldung in einer respektvollen Weise geben. Sie sollte angemessenen im Ton, in der richtigen Dosierung und in einem geeigneten Rahmen erfolgen. Sie wird am ehesten Wirkung entfalten, wenn sie als Impuls, Anregung oder Bitte daher kommt, statt als Belehrung, Vorwurf, Forderung oder gar Beleidigung. Nicht die Person, sondern ihr spezifisches Verhalten bzw. die Konsequenzen dieses Verhaltens sollten Gegenstand meiner Kritik sein. Es kann auch hilfreich sein, die Kritik vor allem auf mich selbst und mein eigenes früheres Verhalten zu beziehen. Ich kann also meinem Gegenüber zuvorkommen und selbst darauf hinweisen, dass ich früher auch Tierprodukte konsumiert habe und dann erläutern, welche Gedanken und Gefühle mich veranlasst haben, für immer damit aufzuhören.

Der blinde Fleck der Nichtveganer*innen

Beim Thema ‚Tiere essen‘ besteht eine Besonderheit darin, dass dieses Verhalten von den dafür kritisierten Menschen selbst überhaupt nicht als gewalttätig oder gar verwerflich, sondern als völlig ‚normal‘ wahrgenommen wird. Sie sehen weder den Zusammenhang zwischen dem leckeren Stück Fleisch und dem entsetzlichen Leid, das seiner ‚Produktion‘ voraus ging, noch die katastrophalen ökologischen Folgen des Konsums tierlicher Produkte (bzw. wollen diese Verbindungen nicht sehen).2

Wenn sie dann zur Kenntnis nehmen müssen, dass es sich bei ‚ihrem‘ Steak in Wahrheit um den wenige Tage alte Leichnam eines brutal getöteten Tierkindes handelt, und sie durch ihre Kaufentscheidungen de facto dieses Gemetzel höchstpersönlich beauftragen, reagieren sie meist ziemlich verstört. Aussagen wie „Die Tiere sind doch dazu da, dass wir sie essen“, „Das Tier ist doch eh tot, es hilft ihm ja nichts mehr, wenn ich es nicht esse“, „Wenn wir die Tiere nicht essen, werden sie eben nach China exportiert“, sind dann oft spontane, trotzige Statements von Menschen, mit denen man noch vor einigen Minuten zu anderen Themen ein durchaus intelligentes Gespräch führen konnte. Ihr Autopilot produziert jetzt permanent Pseudoargumente, um die Verbindung zur Wahrheit nicht herstellen zu müssen und ein plötzliches Erwachen aus einer langjährigen partiellen moralischen Anästhesie zu verhindern.

Die meisten Menschen, auch die Mehrheit der Fleischesser*innen, verfügen nämlich durchaus über ein solides Unrechtsempfinden und stimmen z.B. der Aussage zu, dass der Mensch Verantwortung für das Wohl der Tiere trägt und ihnen kein unnötiges Leid zufügen darf. Sie würden auch zustimmen, dass wir die Verpflichtung haben, mit Ressourcen sorgsam umzugehen und unseren Kindern einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen. Wer so denkt und gleichzeitig tierliche Produkte konsumiert, kann sein Verhalten mit halbwegs gutem Gewissen nur aufrechterhalten, wenn er sich von der eigenen Schuld und Verantwortung systematisch dissoziiert, erst mit haarsträubenden Argumenten und dann mit wütenden Gegenangriffen. Attacken wie „Du hast früher selbst Fleisch gegessen“, „Kehre vor deiner eigenen Türe“, „Du hast es gerade nötig“, „Du bist auch nicht als Veganer*in auf die Welt gekommen“, verlagern den Fokus der Diskussion. Sie ersparen den Angreifer*innen schmerzhafte Erkenntnisse in Bezug auf den Widerspruch zwischen dem eigenen moralischen Anspruch und der gelebten Wirklichkeit. Je aggressiver der äußere Angriff, umso heftiger tobt oftmals der innere Wertekonflikt.

Fazit

Natürlich sollten Veganer*innen, wenn sie wütende Reaktionen erfahren, nicht automatisch selbstgefällig davon ausgehen, dass der/die andere eben ein schlechtes Gewissen hat. Sie sollten sich immer fragen, inwieweit ihr eigenes Verhalten angemessen war. Manchmal schallt es aus dem Wald tatsächlich nur deshalb so laut zurück, weil ebenso laut hinein gerufen wurde. Da gibt es sicher noch sehr viel zu lernen. Niemand sollte sich allerdings kleinlaut zurückziehen und für immer schweigen, nur weil er/sie selbst in der Vergangenheit auch teilweise falsch gehandelt hat.

Viele zivilisatorische Fortschritte, wie beispielsweise die gesellschaftliche Ächtung der Diskriminierung von Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlecht oder ihrer sexueller Neigung, hätten vermutlich niemals stattgefunden, hätte es nicht immer schon Menschen gegeben, die das Unrecht der eigenen Handlungen oder Überzeugungen erkannten. Menschen, die das Rückgrat hatten, entschlossen auf die Seite des Rechts und der Moral zu wechseln und sich fortan für die Belange ihrer ehemaligen Opfer zu engagieren.

(Bildquelle: Pixabay)

‚Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ – George Orwell –

  1. Dieser Artikel bezieht sich vor allem auf den Konsum tierlicher Nahrungsmittel, weil unsere Ernährung im Alltag besonders häufig Anlass für kontroverse Gespräche zwischen Veganer*innen und Nicht-Veganer*innen bietet. Die hier skizzierten Beobachtungen und Gedanken gelten aber gleichermaßen auch für andere tierliche Produkte, z.B. Kleidung, Kosmetik, Putzmittel, usw. … []
  2. Welche psychologischen Tricks Menschen anwenden, um ohne schlechtes Gewissen dauerhaft entgegen der eigenen Wertvorstellungen handeln zu können, beschreiben wir in unserem Artikel ‚Die Kunst der Selbstüberlistung‘: http://veganswer.de/die-kunst-der-selbstueberlistung/ []
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Die Spitze der Nahrungskette Der Mensch als vermeintlicher Top-Prädator an der Spitze der Nahrungskette. Unwissen, Halbwissen oder Tatsache?

Die Spitze der Nahrungskette

Wir haben es hier mit einem der Dauerbrenner der Verteidiger*innen von tierlichen Nahrungsprodukten zu tun:

Ich stehe an der Spitze der Nahrungskette! 

oder auch gerne:

Ich habe mich nicht an die Spitze der Nahrungskette gekämpft,
um jetzt Gras zu fressen.

Wer mehr Beispiele sehen möchte, kann nahezu jeden x-beliebigen Diskussions-Thread von Veganer*innen vs Nichtveganer*innen öffnen und wird fast immer fündig werden.

Der Grundtenor ist folgender:

Der Mensch ist ganz oben, ist an der Spitze, oder der „Anführer“ der Nahrungskette, ist der Top-Prädator und somit berechtigt, andere Lebewesen nach Gutdünken zu benutzen und zu töten.

Doch stimmt das?

Vorab in Kürze:

Die Nahrungskette, oder vielmehr die Nahrungsketten, sind weder Vorschriften, an die man sich zu halten hat, noch Ermächtigungen, sich gewalttätig zu verhalten, sondern Gedankenkonstrukte, um den Fluss von Energie und Nährstoffen zu veranschaulichen.

Der eigene Platz in einer solchen Nahrungskette wird weder erkämpft noch erworben, sondern ergibt sich aus der für den jeweiligen Organismus geeigneten Nahrung. Die Nahrungskette als Begründung für die Wahl der eigenen Nahrung heranzuziehen, wäre also ein Zirkelschluss.

Menschen brauchen im Gegensatz zu echten, obligatorischen Karnivoren unbedingt pflanzliche Nahrung, um gesund zu bleiben. Ballaststoffe z.B., die in einer rein tierlichen Nahrung gar nicht vorkommen, sind enorm wichtig für unsere Darmgesundheit. Auch viele der Vitamine, die wir benötigen, kommen oft nur in Pflanzen vor (Vitamin C, z.B). Die Struktur unseres Verdauungssystems und unser Körperbau1 legen nahe, dass wir uns überwiegend, sehr wahrscheinlich sogar ausschließlich, pflanzlich ernähren2 sollten, obwohl wir auch tierliche Produkte in geringen Mengen vertragen. Wir verhalten uns wie Omnivore (behavioral), sind jedoch nicht verpflichtend (obligatorisch) omnivor. Als Mischköstler liegen wir bestenfalls in der Mitte der Nahrungskette.

Schauen wir uns nun etwas detaillierter an, womit wir es hier zu tun haben.

Was ist überhaupt diese „Nahrungskette“?

Bei Wikipedia gibt es einen sehr detaillierten und lesenswerten Artikel zum Thema3:

Zitat: Eine Nahrungskette ist ein Modell für die linearen energetischen und stofflichen Beziehungen zwischen verschiedenen Arten von Lebewesen, wobei jede Art Nahrungsgrundlage einer anderen Art ist, ausgenommen die Art am Ende der Nahrungskette.

Spektrum bietet eine weitere, sehr anschauliche Erklärung:4:

Dort steht: Darstellung von Nahrungsbeziehungen in Form einer linearen Aufreihung der beteiligten Produzenten, Konsumenten und Destruenten. Das erste Glied in der Kette bilden i.d.R. die grünen Pflanzen als Produzenten. Als Primärkonsumenten folgen Pflanzenfresser, als Sekundärkonsumenten Fleischfresser. Das letzte Glied der Kette bilden abbauende Tiere und Mikroorganismen (Destruenten). Bei jedem Schritt der N. geht Energie verloren (Energiefluss, Energiepyramide). Zu beachten ist, dass derartige lineare N. in der Natur selten vorkommen. Meist findet man ein ganzes Netzwerk von Nahrungsbeziehungen, das als Nahrungsnetz bezeichnet wird.

Es gibt also gar nicht die Nahrungskette, sondern viele verschiedene Nahrungsketten und auch diese eigentlich nicht so klar und eindeutig, sondern eher ein Gewebe von Ketten, ein Netz gegenseitiger Abhängigkeiten und Beeinflussungen.
GeoDZ stellt das in einem großartigen Bild dar5:

Nahrungsnetz, http://www.geodz.com/deu/d/NahrungsketteWie man hier sehr schön sehen kann, ist die gedankliche Vorstellung einer „Kette“ lediglich ein sehr vereinfachtes Denkmodell, da wir es tatsächlich mit einem Netz zu tun haben, einem Gewebe des Lebens.

Ebenfalls dürfte spätestens hier klar sein, dass man sich seinen Platz in der Kette nicht erkämpft, sondern dass dieser durch den eigenen Verdauungstrakt und die dafür geeignete Nahrung festgelegt wird.

Die Spitze der Nahrungskette

Eine „Spitze“ in dem Sinn gibt es also gar nicht. Es gibt einen gemeinsamen Anfang und ein gemeinsames Ende, die zusammen den Kreis schließen. Der Anfang liegt bei den Pflanzen, die Photosynthese betreiben können, also Organismen, die aus anorganischen Substanzen und Sonnenlicht organische Substanzen herstellen können. Der Endpunkt sind die Bakterien und Pilze, die alles wieder zersetzen und zerlegen, damit es erneut von Pflanzen für den Aufbau verwendet werden kann. Hier schließt sich der Kreislauf.

Man kann also nicht ein „Anführer der Nahrungskette“ sein, oder die „Spitze von allen und überhaupt“. Man kann höchstens auf unterschiedlich hohen Stufen im Nahrungsnetz stehen (Trophiestufen). Die Konsumenten auf der höchsten Stufe sind dann die obligatorischen Fleischfresser, also räuberisch lebende Tiere, die sich ausschließlich von Fleisch ernähren und auch gar keine pflanzliche Nahrung vertragen, bzw. diese nur in sehr geringen, teilweise vorverdauten Mengen, z.B. aus dem Darm der Beutetiere zu sich nehmen.

Produzenten, Konsumenten, Destruenten

Am Beginn von Nahrungsketten stehen Vertreter der Produzenten (Pflanzen), dann folgen Konsumenten (Pflanzenfresser, Allesfresser und Fleischfresser). Als Ende einer Kette wird meist ein Spitzenprädator dargestellt.

Der Spitzenprädator wird schließlich selbst zur Beute der Destruenten, der alles zersetzenden Bakterien und Pilze, die somit das eigentliche Ende der Kette bilden und zur Grundlage für deren Anfang werden. Es ist ein Kreislauf, ein Stoffkreislauf.

Mehr als eine Trophiestufe

Die Trophiestufe der Primärkonsumenten, also der reinen Pflanzenfresser, lässt sich relativ leicht bestimmen. Schwieriger wird es bei den übrigen Konsumenten, da ein und dieselbe Art sich auf verschiedenen Stufen befinden kann, je nachdem welche Kette man betrachtet.

Während die Position der Herbivoren noch relativ eindeutig zu definieren ist, ist die Rolle der Prädatoren schwieriger zu fassen, weil sie sich in der Regel von verschiedenen Organismen ernähren, die durchaus unterschiedliche Position in der Nahrungskette haben können. Zum Beispiel können Habichte Tauben erbeuten (Tauben sind Samenfresser, also Phytophagen). Die Nahrungskette umfasst dann drei Glieder, mit dem Habicht in dritter Position. Zu ihrem Beutespektrum gehören aber auch Meisen; diese sind Insektenfresser, also ihrerseits Prädatoren. Hier wäre der Habicht in vierter Position (Pflanze > Insekt > Meise > Habicht), oder sogar in fünfter, wenn das von der Meise erbeutete Insekt ebenfalls bereits ein Prädator war. Eine Art kann also mehr als eine Trophiestufe besitzen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nahrungskette

Warum niedrige Trophiestufen besser als hohe sein können

Hier möchte ich noch einmal den ausgezeichneten Beitrag bei Wikipedia heranziehen, der das Folgende detailliert aber dennoch gut verständlich beschreibt. Von Trophiestufe zu Trophiestufe entsteht ein Verlust von Energie und gleichzeitig eine Anreicherung von Schadstoffen.

Energieverlust

Da die Konsumenten mit der aufgenommenen Energie ihren Stoffwechsel aufrechterhalten (siehe Respiration, „Veratmung“), geht dem System bei jedem Umsatzschritt entlang der Nahrungskette ein Teil der nutzbaren Energie in Form von Wärme oder energiearmen Abfallprodukten verloren.

Durch die mit jedem Konsumtionsvorgang unvermeidlichen Verluste an Energie steht für jede trophische Ebene weniger Energie als für die darunter liegende zur Verfügung, meist wird als Faustformel ein übrig bleibender Anteil von 10 % angenommen (d. h. ein Verlust von 90 %)…
(https://de.wikipedia.org/wiki/Nahrungskette)

In der Tierwirtschaft wird das als „Veredelungsverlust6 bezeichnet, auch bekannt als Feed:Meat Ratio, also das Verhältnis von der Menge an Futter, die gegeben werden muss und dem daraus erzielten Fleischertrag, bzw. dem Ertrag an tierlichen Produkten. 

Veredelungsverluste … treten bei der Erzeugung tierischer Lebensmittel auf, wenn Nahrungsmittel, die direkt der menschlichen Ernährung dienen könnten (z.B. Getreide, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Fisch) an Tiere verfüttert werden. Ein Großteil des Energiegehaltes von pflanzlichen Nahrungsmitteln geht bei der Umwandlung zu tierischen Produkten verloren. Das Tier benötigt den größten Teil der Nahrungsenergie für den eigenen Stoffwechsel sowie für den Aufbau nicht-fleischliefernder Gewebe.

Von der gleichen Ackerfläche können folglich sehr viel mehr Menschen ernährt werden, wenn die darauf angebaute Nahrung direkt der menschlichen Ernährung dient.

Hier noch eine andere Erklärung7:

Bei der Umwandlung von pflanzlichem Futter-Protein in tierisches Protein entstehen erhebliche Veredelungsverluste. Durchschnittlich gehen 65 – 90 % der Nahrungsenergie und des Proteins pflanzlicher Futtermittel bei der Umwandlung zu tierischen Produkten verloren, d. h. nur etwa 10 – 35% der eingesetzten Futtermittel bleiben in Form tierischer Erzeugnisse „erhalten“. Das Tier benötigt den größten Teil der Nahrungsenergie und der Nährstoffe für den eigenen Stoffwechsel sowie für den Aufbau nicht-fleischliefernder Gewebe.

Was das für Auswirkungen hat, konnte man bereits 2013 in einem Bericht des Spiegel8 nachlesen:

Würde die gesamte Getreideernte zu Nahrungsmitteln verarbeitet und gar nichts mehr zu Futtermitteln für Rinder, Schweine oder Geflügel, dann könnten vier Milliarden Menschen mehr ernährt werden.

Oder, um Dr. Kurt Schmidinger in der GEO 9zu zitieren:

Man braucht im Schnitt mindestens sieben pflanzliche Kalorien, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Fünf Kalorien gehen nur für den Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir verfüttern 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte an Nutztiere – und produzieren daraus primär Exkremente. Unter dem Gesichtspunkt der Welternährungssituation ist das natürlich Wahnsinn.

Nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Welternährungssituation ist das verrückt, wie ich ergänzen möchte, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der immensen Umweltschäden, die dabei angerichtet werden und nicht zuletzt unter dem Aspekt des unfassbaren und völlig unnötigen Leids, das wir den anderen Tieren zufügen.

Schadstoffanreicherung

Die Konzentration von schädlichen Stoffen steigt von Trophiestufe zu Trophiestufe an1011. Das gilt für Umweltgifte, Pestizide, Schwermetalle usw. weil sich diese Stoffe im jeweils aufnehmenden Organismus anreichern. Je höher die eigene Trophiestufe, desto ungesünder die Nahrung, könnte man vereinfachend formulieren.

Tatsächlich können sich vor allem fettlösliche und nicht oder nur langsam abbaubare Stoffe (z. B. persistente Chlorkohlenwasserstoffe, Schwermetallionen) in aufeinander folgenden Nahrungskettengliedern unter bestimmten Bedingungen anreichern. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Biomagnifikation.

Innerhalb einer Nahrungskette nimmt die Konzentration der Schadstoffe((http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/bioakkumulation/1505)) in den aufeinanderfolgenden Trophiestufen (Trophie) zu. Eine Anreicherung im Organismus ist vor allem bei den chlorierten Kohlenwasserstoffen (DDT, Lindan) sowie bei Schwermetallen wie Blei, Cadmium und Quecksilber zu beobachten.

Ganz stark vereinfacht kann man also sagen, dass man umso weniger Energie verschwendet und umso weniger Schadstoffe mit der Nahrung aufnimmt, je niedriger das eigene trophische Niveau ist.

Nahrungskreislauf

Dominanz, vermeintliche Gewinner und Unterwerfung

Wieso möchten wir immer oben sein? Sieger auf dem Treppchen des vermeintlich allgemeinen und allgegenwärtigen Wettkampfs ums Überleben? Was ist so erstrebenswert daran, die Spitze der Nahrungskette, die Krone der Schöpfung zu sein? Ist unser Selbstwertgefühl so wackelig, dass wir uns selbst ständig gegenseitig bestätigen müssen, welch außergewöhnliche, großartige Wesen wir doch sind?

Wir halten uns für die Herrscher der gesamten Welt und denken, das gäbe uns das Recht, alles nach Gutdünken auszubeuten, zu benutzen und zu unserem Vorteil zu verwenden.

Zeigt sich nicht wahre Größe dann, wenn man bereit ist, sich selbst zu beherrschen, statt andere? Liegt wahre Größe darin, Wehrlose auszubeuten, oder nicht vielmehr darin, diese vor Willkür in Schutz zu nehmen? 

Wir nehmen immer nur und geben kaum etwas Brauchbares zurück. Wohin das führt, erleben wir gerade sehr schmerzlich: Klimaerwärmung mit immer heftiger werdenden Stürmen, drastischer Rückgang der Artenvielfalt, Insektensterben, Vogelsterben, Amphibiensterben, Rückgang der pflanzlichen Biodiversität, Dead Zones in den Ozeanen, Korallenbleiche, Regenwaldvernichtung, Versteppung und Verwüstung ganzer Regionen. Zerstörung, wohin das Auge blickt.

Statt alles zu beherrschen, auszubeuten, zu dominieren und dabei unendlich viel Schaden anzurichten, wäre es da nicht sinnvoller, sich endlich zu bemühen, ein nützlicher Teil des Ganzen zu sein? Jede Hummel, jede Ameise, jedes Eichhörnchen trägt mehr zum Erhalt der Biosphäre teil als wir. Wir zerstören, was all die anderen um uns herum aufbauen.
Ist unser Verhalten wirklich ein Zeichen von Intelligenz und Größe? Mir scheint, das Gegenteil ist der Fall.

So abgeschmackt es auch klingt: Wir schaufeln gerade unser eigenes Grab. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Dieser Planet braucht uns nicht für sein Ökosystem, aber wir brauchen den Planeten und eine intakte Biosphäre. Wir müssen diesen Satz endlich einsinken lassen und danach handeln. Es geht buchstäblich um Leben und Tod.

Angesichts der Information zu Energieverlust und Schadstoffanreicherung wäre es im Sinne der Erhaltung der eigenen Art doch eher geboten, möglichst Primärkonsument, also reiner Pflanzenfresser, statt Sekundär- oder gar Tertiärkonsument zu sein. Insbesondere da wir, im Gegensatz zu obligatorischen Fleischfressern, dazu auch leicht in der Lage sind.

Für diejenigen, die so dringend das Bedürfnis verspüren, die Spitze, die Krone, der Anführer zu sein, mag es tröstlich sein, dass das doch auch sehr speziell und besonders klingt. „Primär“ statt „Sekundär“ oder gar „Tertiär“ kommt unserem Konkurrenz- und Wettbewerbswahn zumindest in der Wortwahl wenigstens ein bisschen entgegen.

Die Nahrungskette als Rechtfertigung für Tierausbeutung

Kann das Heranziehen dieser Stoffkreisläufe als Rechtfertigung für Tierausbeutung herhalten? Meines Erachtens: Nein. Sie ist bestenfalls eine Erklärung, mehr nicht.

Die höchsten Stufen der trophischen Treppe, bevor sich der Kreislauf wieder schließt, werden tatsächlich von den obligatorischen Räubern besetzt, also von Tieren, die sich ausschließlich von anderen Tieren ernähren und sich auch nur so ernähren können. Diese haben, moralisch gesehen, tatsächlich ein „Recht“ dazu, denn ihr Verdauungstrakt, ihr Metabolismus lässt ihnen keine andere Wahl.

Wir menschlichen Tiere sind hingegen Allesfresser, jedoch noch nicht einmal obligatorische Allesfresser. Das heißt, wir können zwar auch tierliche Produkte zu uns nehmen, wir müssen es jedoch nicht tun.

Als Allesfresser befinden wir uns automatisch immer unterhalb der obligatorischen Räuber, die uns gerne verspeisen würden und es auch ab und zu tun. Tatsächlich befinden sich Menschen etwa auf der gleichen trophischen Stufe wie Schweine und Sardellen12.

Wo das Nahrungskettenargument sowieso nicht greift, sind all die Bereiche, in denen Tiere für Zwecke ausgebeutet werden, die nichts mit Nahrung zu tun haben, wie z.B. bei Kleidung (Leder, Seide, Wolle, Pelz, Daunen), Unterhaltung (Zoo, Zirkus, Pony-Karussell), Sport (Reiten, Hunderennen), Hygiene, Reinigung, Forschung ((Ärzte gegen Tierversuche: Warum Tierversuche nicht notwendig sind)). Tiere und deren Recht auf ihr eigenes Leben zu respektieren, umfasst mehr als nur Ernährung. Veganismus lehnt daher alle Formen der Tierausbeutung konsequent ab.

Die wahre Spitze der Nahrungskette

Das wahre Ende, die eigentliche „Spitze“ der Nahrungskette sind jedoch die Destruenten, also die Maden, Würmer, Schnecken, Bakterien und Pilze, die letztlich sowohl die Produzenten als auch alle Konsumenten und damit auch die Top-Prädatoren wieder zerlegen, abbauen und an den Anfang der Nahrungsketten zurückführen.

Und die Moral von der Geschicht?

Als moralische Wesen sollten wir Moral und Ethik zur Grundlage unserer Entscheidungen machen und nicht bei jeder Gelegenheit die Natur als vermeintlichen Freibrief für unethisches Verhalten missbrauchen. Als Rechtfertigung für die Ausbeutung von Milliarden empfindsamer Lebewesen taugt die Nahrungskette jedenfalls nicht. Eine absolute Notwendigkeit für Tierproduktekonsum lässt sich daraus beim besten Willen nicht ableiten.

Im Zweifel sollten wir uns immer auf unser Wertesystems besinnen. Einer, wenn nicht überhaupt der Eckpfeiler dieses Wertesystems ist die goldene Regel, die lautet: 
Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“

Wir wissen längst, dass die Tiere, die wir benutzen, ausbeuten und verzehren, fühlen und denken können, sowie eigene, existenzielle Interessen haben, die tagtäglich frustriert werden. Es handelt sich um Lebewesen, um Subjekte ihres eigenen Lebens, nicht um Objekte zu unserem Gebrauch. Das macht sie moralisch relevant. Sie sind ethisch zu berücksichtigen.

Tief in unseren Herzen wissen wir, dass es falsch ist, wie wir mit ihnen umgehen und deshalb reagieren wir auch so gereizt, wenn uns jemand daran erinnert. Das ist ein Symptom für die kognitive Dissonanz13, unter der wir praktisch ständig leiden. Es wäre so leicht, sowohl die Tiere aus ihren Gefängnissen, als auch uns aus unserem gedanklichen Gefängnis zu befreien:

Lebe vegan! Es ist möglich. Und es ist so einfach wie nie zuvor.


Verwendete Quellen:

  1. Dr. Milton Mills, Are Humans Designed to Eat Meat? https://www.youtube.com/watch?v=sXj76A9hI-o []
  2. tabellarische Darstellung: http://michaelbluejay.com/veg/natural.html []
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Nahrungskette []
  4. http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/nahrungskette/7996 []
  5. http://www.geodz.com/deu/d/Nahrungskette []
  6. http://www.ernaehrung.de/lexikon/ernaehrung/v/Veredelungsverluste.php []
  7. http://www.nachhaltigeernaehrung.de/Grundsaetze.40.0.html []
  8. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/heutiges-ackerland-koennte-vier-milliarden-menschen-mehr-ernaehren-a-914457.html []
  9. http://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung []
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Biomagnifikation []
  11. http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/bioakkumulation/1505 []
  12. https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article122585887/Mensch-ist-in-Nahrungskette-eher-Durchschnitt.html []
  13. http://veganswer.de/kognitive-dissonanz/ []
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Ihr seid so intolerant! Warum Veganer*innen manchmal nerven ...

Omnivor*innen beschreiben vegan lebende Menschen im Alltag häufig als überaus intolerant und lästig, weil diese es wagen, sie für ihre Essgewohnheiten zu kritisieren. Allesesser*innen vertreten meist die Auffassung, dass ihre Ernährung ihre Privatsache ist. Niemand hat das Recht, ihnen ihr wohlverdientes Stück Fleisch mies zu machen. Schon gar nicht, weil sie selbst ja in dieser Frage absolut tolerant sind und anderen ganz selbstverständlich zugestehen, zu konsumieren, was immer sie möchten.

Die Forderung nach mehr Toleranz seitens der Veganer*innen erscheint auf den ersten Blick völlig nachvollziehbar und berechtigt. Erst bei etwas genauerer Betrachtung des Sachverhalts merken wir, dass die Sache vielleicht doch nicht ganz so einfach und eindeutig ist, wie sie scheint.

Ich lass mir von euch mein Fleisch nicht mies machen!

Es ist leider nicht ihr Fleisch, worüber die Omnivor*innen reden, sondern das Fleisch wehrloser, sinnlos getöteter Lebewesen. Es ist das Fleisch von Tierkindern, die nicht freiwillig für uns gestorben sind. Sie wollten leben, genau wie wir Menschen. Mit demselben Recht. Fleischesser*innen geben sich zwar lebenslang allergrößte Mühe, die einzigartigen Persönlichkeiten, deren Leben sie zum eigenen Vergnügen auslöschen (lassen), als eine x-beliebige Ware ohne moralischen Wert zu betrachten, die man kaufen, besitzen, essen oder auch einfach wegwerfen kann. Beispielsweise verdinglichen sie die Kälber, Rinder und Schweine, deren Tötung sie beauftragen, indem sie diese lieber Wiener Schnitzel, Steak oder Kotelett nennen. Auf diese Weise dissoziieren sie sich von der Tatsache, dass es jemand und nicht etwas ist, was sie da gedankenlos konsumieren. Doch die Fakten verschwinden nicht dadurch aus der Welt, dass man sie leugnet. Bei jeder Begegnung mit Veganer*innen holt sie dieser Selbstbetrug zwangsläufig ein. Selbst dann, wenn diese das Thema überhaupt nicht kommentieren. 

Ist Tierquälerei tolerierbar?

Toleranz würde bedeuten dulden oder gewähren lassen.1 Das ist einfach verdammt viel verlangt angesichts des größten Gemetzels in der Geschichte der Menschheit.

Weltweit töten Menschen jährlich ca. 70 Milliarden Landtiere allein zum Verzehr. Das sind sechs Millionen Tiere pro Stunde.2 In Deutschland wurden im Jahr 2016 8,25 Mio Tonnen Fleisch ‚produziert‘. Hierzu wurden 753 Mio Tiere getötet (u.a. 601 Mio Hühner, 59,3 Mio Schweine, 3,6 Mio Rinder).3 Hierzulande werden also täglich zwei Millionen Tiere getötet.

Wer gegenüber diesem Gemetzel ‚Toleranz‘ zeigt, stellt sich automatisch auf die Seite des Unrechts und macht sich selbst schuldig.

Wer das Böse ohne Widerspruch hinnimmt, arbeitet in Wirklichkeit mit ihm zusammen.
– Martin Luther King –

Toleranz gegenüber anderen Ansichten und den daraus resultierenden Handlungsweisen ist immer dann nicht möglich, wenn dieses Verhalten anderen fühlenden Lebewesen wissentlich oder gar vorsätzlich vermeidbares Leid zufügt. Eigentlich nicht schwer zu verstehen und auch weitgehend gesellschaftlicher Konsens, wenn es um Gewalt gegen Menschen geht.4 Das gilt auch dann, wenn ich selbst gar nicht die Person bin, die andere quält und tötet. Natürlich bin ich auch dann verantwortlich, wenn mein Verhalten (Tiere essen) erfordert, dass andere das unerfreuliche, blutige Geschäft (Tierkinder schlachten) in meinem Auftrag erledigen.

Die ‚Toleranz‘ der Fleischesser*innen

Bevor Fleischesser*innen sich selbst voreilig als tolerant beschreiben, sollten sie vielleicht auch erst einmal den Unterschied zwischen Toleranz und Gleichgültigkeit recherchieren. Die Tatsache, dass ihnen das Leben und Leiden anderer oftmals völlig egal ist, hat nichts Edles, sondern ist vielmehr das tragische Resultat erlernter Gleichgültigkeit. Um Tierkadaver überhaupt essen zu können, müssen Menschen lernen, ihre Fähigkeit zur bedingungslosen Empathie konsequent zu unterdrücken. Sie müssen lernen, in bestimmten Situationen nichts zu fühlen. Wieder und wieder. Bereits als kleine Kinder lernen wir von unseren Eltern, dass es bestimmte Geschöpfe gibt, die unseres Mitgefühls nicht würdig sind. Wir erlernen die Kunst des selektiven Mitgefühls. Ein psychologischer Taschenspielertrick, der es uns erlaubt, manche Lebewesen von ganzem Herzen zu lieben und manche zu töten (oder töten zu lassen), ohne die Tragweite unseres Tun auch nur ansatzweise zu bemerken. Die Selbsttäuschung ist so perfekt, dass wir unsere Gleichgültigkeit tatsächlich mit Toleranz verwechseln und äußerst gereizt reagieren, wenn uns jemand auf diesen Sachverhalt hinweist.5

Die vergessene ‚dritte Partei‘

Neben den Fleischesser*innen und den Veganer*innen gibt es eben, wie gesehen, noch eine dritte Partei, nämlich die Opfer dieses unwürdigen Geschehens. Im Unterschied zu anderen diskriminierten Gruppen, sind die Tiere nicht in der Lage, ihr Recht auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit selbst einzufordern und durchzusetzen. Veganer*innen fühlen sich deshalb erst recht verpflichtet, den unterdrückten, gequälten Geschöpfen ihre Stimme zu geben und entschlossen für das Ende der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen zu streiten, wenn nötig auch mal laut, unfreundlich und unbequem. Die Art ‚Toleranz‘, die sich Omnivor*innen so sehr von vegan lebenden Menschen wünschen, würde diese dritte Partei aus ihrer Perspektive zurecht Zynismus und Verrat nennen. Es müsste auch vor diesem Hintergrund eigentlich klar sein, dass die gewünschte ‚Toleranz‘ keine akzeptable Option für Veganer*innen sein kann.

Wenn die gesellschaftliche Mehrheit nach Toleranz ruft …

Toleranz ist meist eine selbstbewusste Geste der gesellschaftlichen Mehrheit gegenüber Minderheiten. Sie entspringt einer Position der Stärke. Toleranz ist Ausdruck von Gelassenheit und der inneren Gewissheit, selbst in Übereinstimmung mit den kollektiv dominanten, akzeptierten Werten zu handeln. Wenn die tierproduktkonsumierende Mehrheit bei einem Bevölkerungsanteil von gerade mal einem Prozent Veganer*innen derart beunruhigt ist, dass sie glaubt, Toleranz gegenüber ihrer eigenen gesellschaftlichen ‚Norm‘ einfordern zu müssen, dann wirkt das alles andere als souverän.

Diese Nervosität könnte ein zarter Hinweis sein, dass viele Menschen insgeheim längst ahnen, dass es ‚eigentlich‘ nicht in Ordnung ist, was sie tun. Es könnte sein, dass sie beginnen zu verstehen, dass sie selbst es sind, die gegen die eigenen Werte Gerechtigkeit, Verantwortung und Mitgefühl verstoßen. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie klar erkennen, dass es gar nicht die potenziellen äußeren Feinde sind, die ihre Empörung verursachen, sondern das eigene Gewissen.

  1. „Toleranz ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz []
  2. Quelle: Cowspiracy – The Facts. http://www.cowspiracy.com/facts/ []
  3. Quelle: Statistisches Bundesamt, zitiert nach einem Bericht der Albert-Schweitzer-Stiftung https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schlachtzahlen-2016 []
  4. Anderen vorsätzlich Leid zuzufügen ist nur in wenigen Ausnahmefällen moralisch vertretbar, zum Beispiel bei Notwehrhandlungen oder aus Fürsorge, um noch größeres Leid zu vermeiden. Es kann zum Beispiel richtig sein, ein verletztes Tier einzufangen, in ein Käfig zu sperren und zum Tierarzt zu transportieren, damit es operiert und sein Leben gerettet werden kann. []
  5. Einen überaus erhellenden Blick auf das Toleranzverständnis der Fleischesser liefert auch der ‚Artgenosse‘ in diesem sehenswerten Video []
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Die Wahrheit hinter der Wahrheit Rein in die Matrix, raus, Illusion, Wahrheit.

Die Wahrheit hinter der Wahrheit

Sie sieht das abgepackte Fleischstück an. Sie denkt darüber nach, wie sie es zubereiten und wie es schmecken wird. Vielleicht wird sie Komplimente von Gästen für ihre Kochkunst bekommen. Sie freut sich darauf.

Das selbe Fleischstück. Es wird aus einem Kadaver herausgeschnitten. Der Kadaver war kurz davor noch lebendig und hatte Angst und wollte leben. Davor hatte er Qualen durch zugefügtes körperliches Leid und Trennungsschmerz, vielleicht von der Mutter, vielleicht von Herdengenossen.

Vorwärts in der Zeit, rückwärts in der Zeit.

Arbeiter pfeifen bei der Arbeit oder singen Lieder, um sich die Zeit zu verkürzen. Sie scherzen. Dabei schlagen sie genervt ein Rind, das nicht in den Tötungsstand hinein will. Andere schneiden blutüberströmt Körperteile von noch zuckenden sterbenden Tieren ab.

Normalität. Abnormalität.
Gewohnheit rettet uns. Gewohnheit macht uns zu Monstern.

Tiere werden angeliefert. Der Chef des Betriebes sieht kritisch und zufrieden beim Abladen zu. Er hat gute Ware gekauft. Ich sehe auch zu und habe einen Kloß im Hals. Die ist noch so jung, der ist unglaublich schön mit seinem violettbraunen Fell und der gleichmäßigen Zeichnung. Der nächste wirkt ganz zutraulich und dann noch ein älteres weibliches Tier, das womöglich trächtig sein könnte.

Zwei Menschen. Köpfe, Augen, Gehirne, Realitäten.

Ich stehe in Blut, Kot und Fett. Tiere schreien, ohrenbetäubender Maschinenlärm, unerträglicher Gestank. Ich gehe zehn Schritte weiter vor in den Betrieb. Leise surren die Kutter, dazu ein dezentes Pressluftgeräusch in gleichmäßigem Takt. Es duftet nach Leberkäse und Wienerle, frisch gebacken und gebrüht. Noch zehn Meter weiter und es kommt Kaffeeduft aus dem Brotzeitraum dazu. Kisten mit frisch verpackten Lebensmitteln werden in Kühlräume geschoben.

Es ist der Wahnsinn: zehn Schritte vor, zehn Schritte zurück, zehn vor.

Mein Gehirn kann das nicht wirklich begreifen, egal wie oft ich gehe. Rein in die Matrix, raus, Illusion, Wahrheit. Auch die Metzger nehmen das wahr, nur nicht so intensiv und bewusst wie ich. Ich kann spüren, wie sie Erleichterung empfinden, wenn sie nach vorne gehen. Wie Anspannung und Aggression zunehmen, wenn sie zurück gehen.

Was für ein Irrsinn.

Ich stehe direkt im Zentrum der Abläufe, ich weiß mehr darüber als jeder andere, den ich sonst kenne. Ich esse seit dreißig Jahren kein Fleisch mehr, nehme den Geruch nicht als appetitanregend wahr, selbst wenn ich hungrig bin. Und mein Gehirn kann diese zwei Welten nicht übereinander projizieren. Ich kann in der Wurst kein Lebewesen und kein Leid erkennen. Wie kann ich es dann von anderen erwarten?

Wie wunderbar, dass trotzdem so viele anfangen zu begreifen!

Nicole mit Freundin Berta

Ich habe das Zentrum dieses Wahnsinns inzwischen verlassen. Ich schwimme nicht mehr im Meer mit den Haien. Stattdessen stehe ich am Ufer und sammle auf, was angespült wird. Aber wenn ich meine eigenen Zeilen lese, ist sofort alles wieder da. Bilder, Geräusche, Gerüche, die elektrische Spannung auf meiner Haut, in meinem Kopf, in meiner Brust. Und ich weiß, diese Beschreibung wird für alle Zeiten jede(r) verstehen können. Deshalb ist sie es wert, immer wieder geteilt zu werden.

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Berta, es tut mir leid, aber du schmeckst fantastisch! Gedanken zur Sendung 'Dunja Hayali' vom 26.07.2017

‚Grillen ja, töten, nein. Wie weit geht unsere Lust auf Fleisch?‘ So lautete der Titel eines Beitrags der Sendung ‚Dunja Hayali‘ vom 26.07.2017.1

Als Einstieg erleben wir in einem kurzen Film, wie der Moderator und ‚Fleischfan‘ Jochen Schropp sich einer ganz besonderen Herausforderung stellt. Er besucht das Schwein, das er später essen wird, persönlich auf einem Bio-Bauernhof. Er gibt ihm einen Namen (Berta), ist bei der Schlachtung dabei, hilft mit beim ‚Verwursten‘ und isst es anschließend voller Begeisterung: „Berta, es tut mir leid, aber du schmeckst fantastisch!“

Schaut man sich den Filmclip vom Besuch beim Bio-Bauern aufmerksam an, so erkennt man schnell, dass Herr Schropp genau dem feige aus dem Weg geht, was eigentlich seine erklärte Intention war, nämlich das Tier kennenzulernen. Er baut keinerlei Beziehung zu ihm auf, betrachtet es nur kurz aus der Distanz, redet stattdessen lieber mit dem Bauern und ist nicht mal fähig das ‚auserwählte‘ Tier mit einer Spraydose selbst zu markieren, als er vom Bauern dazu aufgefordert wird. Er delegiert diese Aufgabe lieber zurück, denn er habe schon einen gewissen Respekt (im Sinne von Angst oder Unbehagen, nicht im Sinne von Achtung) vor den großen Tieren. Das Tier kennenzulernen hätte erfordert, ihm neugierig zu begegnen, Nähe herzustellen, Zeit mit ihm zu verbringen und sich achtsam auf die faszinierende Persönlichkeit dieses Geschöpfs einzulassen. Dann hätte Herr Schropp eine realistische Idee davon bekommen, wie klug, sozial und voller Lebensfreude sein potenzielles Opfer ist. Hätte er wirklich in sein Herz gelassen, wie glücklich dieses Tier ist und hätte er realisiert, dass ‚Berta‘ zum Zeitpunkt ihrer Schlachtung noch ein kleines Kind sein wird, wäre vielleicht seine Empathie erwacht, und die Geschichte hätte vermutlich einen etwas anderen Verlauf genommen. Unweigerlich hätte sich Herr Schropp die Frage stellen müssen: „Woher nehme ich das Recht, dieses Kind für mein persönliches Vergnügen abstechen zu lassen?“ Da er Berta aber emotional konsequent auf Distanz hält, kommt ihm diese Frage erst gar nicht in den Sinn.

Weil Herr Schropp ‚Berta‘ eben nicht kennen gelernt sondern lediglich kurz gesehen hat, bevor er ihr Leben auslöschen ließ, fällt es ihm leicht, in der Live-Diskussionsrunde mit Dunja Hayali und Sarah Wiener den ‚reflektierten Verbraucher‘ zu geben, der nach dieser wichtigen Erfahrung nun schon mehr darüber nachdenkt, wo sein Fleisch eigentlich herkommt. Ja, er denkt jetzt mehr, weil er zuvor äußerst erfolgreich vermieden hat zu fühlen. Wer nur im Kopf unterwegs ist, kann Sätze aussprechen wie „Ich war erleichtert, dass das Tier glücklich war“, ohne den Zynismus der Aussage auch nur ansatzweise zu bemerken.

So nimmt die Diskussion einen vorhersehbaren Verlauf. Wir werden ermahnt, besonnener mit unserem Konsum umzugehen, erinnert, dass das Fleisch auf unserem Teller ein Lebewesen war und angehalten, unbedingt darauf zu achten, dass das Tier ein glückliches Leben hatte. Wie glücklich ein Tier mindestens sein muss, damit wir ihm guten Gewissens die Kehle aufschneiden können, erfahren wir allerdings nicht.
Es ging also einmal mehr um die Frage ‚Wie sollten wir Tiere halten und nutzen?‘ Die wesentlich bedeutsamere Frage ‚Dürfen wir Tiere für unsere trivialen Vorlieben ausbeuten und töten?‘ wurde nicht mal gestellt.

Ein Lebewesen, das leben will. Kein Lebensmittel. (c) Land der Tiere

Irgendwie eine verschenkte Chance, denn Dunja Hayali steht für kritischen Journalismus. Sie steht für Antirassismus, Antisexismus und generell für ein engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Eine Frau, die auch mal gegen den Strom schwimmt und sich mutig und klar positioniert. „Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie eben ein Rassist“, sagte sie beispielsweise in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung der goldenen Kamera. Ein kompromissloses, wichtiges Statement. Wie anders hört sie sich an, wenn die Opfer ‚nur‘ nicht-menschliche Tiere sind: „Muss jeder für sich entscheiden“.

Immerhin erwähnt sie, sie selbst esse kein Fleisch und trinke keine Milch mehr. Vielleicht zeugt das ja bereits von einer kritischen persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Tierausbeutung. Vielleicht resümiert sie eines Tages eine ähnliche Diskussionsrunde mit der klaren Ansage: „Wenn Sie Tiere konsumieren, dann sind Sie direkt verantwortlich für unnötiges Leid.“ Wir freuen uns darauf.

  1. https://www.zdf.de/politik/dunja-hayali/dunja-hayali-sendung-vom26-juli-2017-100.html []
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Die Revolution liegt in den Händen unserer Kinder Ein Plädoyer für die Wahrheit

Die Selbstverständlichkeit der heilen Welt

Als Kitaleitung in einer Elterninitiative, mit 25jähriger Berufserfahrung, bin ich umgeben von Eltern und Kolleginnen, die geprägt sind von Werbeslogans wie „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ oder „Die Milch macht´s“. Sie besuchen wie selbstverständlich Zoos, kaufen tierische Lebensmittel und tragen Leder und Wolle. Sie sind Teil des Systems der ‚Tiernutzung‘ und haben dessen Werte verinnerlicht.

Ihnen sind grundsätzlich Werte wie Akzeptanz, Toleranz und gegenseitiger Respekt sehr wichtig, nur hören diese aufgrund der eigenen Prägung bereits beim Kauf von Kinder– und Jugendliteratur auf. Die Kinder bekommen schon ab dem ersten Lebensjahr Bauernhofbücher, in denen fröhliche Kühe und lachende Schweinchen einträchtig mit ihren Kindern im Einklang mit der Natur auf dem Bauernhof leben. Diese Bücher zähle ich zur Kategorie Märchenbücher. Ich lehne sie ab, da sie ein verzerrtes Bild der Realität darstellen und den Kindern von klein auf ein falsches Bild vermitteln.

Welche Wertevorstellungen entwickeln die Kinder, wenn sie in einer Umwelt aufwachsen, in der es natürlich ist, Tiere in Nutz– und Haustiere zu unterscheiden, Tiere in Zoos einzusperren oder sie für die Nahrungsaufnahme ausbeuten und töten zu lassen?

Was wir stattdessen vermitteln sollten

Was kann jeder von uns tun, um den Kindern in seiner persönlichen Umgebung nahe zu bringen, dass Empathie und Mitgefühl nicht bei den geliebten Haustieren endet, sondern sich auf alle fühlenden Lebewesen beziehen sollte?

Die Antworten sind denkbar einfach: Die eigene Vorbildfunktion wahrnehmen, in Dialog treten, aufklären und emanzipatorische Kinder– und Jugendliteratur nutzen, die dem Kind den Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und den Konsequenzen für die Lebensbedingungen der Tiere und die Umwelt vermittelt.

Deshalb liegt es auch an pädagogisch tätigen Menschen wie mir, gemeinsam mit den Kindern einen realistischen Blick hinter den Vorhang der Bauernhof-Idylle zu wagen, so dass sie die Möglichkeit haben, sich ihre eigene Meinung zu unserem Umgang mit den Tieren zu bilden, denn bislang kennen sie ja nur die ‚Heile-Welt-Version‘ dieses Systems.

Warum die Wahrheit so wichtig ist

Die in der Kindheit vermittelten Werte prägen den Menschen sein Leben lang. Die Erziehung und das Lebensumfeld erzeugen schon von klein auf eine bestimmte Grundeinstellung, die weitgehend festlegt, was man im Leben schätzt und als wichtig empfindet.

Werte helfen besonders Kindern, sich in der Welt zurechtzufinden und sich vermeintlich richtig zu entscheiden. Sie sind die Grundlage für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft.

Kinder wachsen in einer bestimmten Gruppe bzw. Gesellschaftsschicht auf und begegnen deren Werte und Normen überall im Alltag. Dadurch verfestigen sich bestimmte Überzeugungen, die die Kinder dann als generell richtig empfinden. Sie dienen ihnen als Orientierung für das eigene Verhalten.

Was gute Literatur beitragen kann

Problematisch war und ist allerdings die gängige Kinder– und Jugendliteraturlandschaft, die bis heute die Bauernhof-Idylle kaum oder gar nicht in Frage stellt. Wie soll ich als Kita-Leiterin Kindern die Zusammenhänge näher bringen, wenn fast nur systemkonforme Bücher auf dem Markt zu finden sind?

Die Antwort auf diese Frage war für mich denkbar einfach: Als Illustratorin habe ich mit meinem Mann, dem Autor und Schauspieler Marco Mehring, die Buchreihe „Max & Fine“ entwickelt und in unserer Kita etabliert.1 Die Bücher thematisieren in kindgerechter Weise die tatsächlichen Bedingungen der (Massen-)tierhaltung und das Leid der sogenannten Nutztiere.2

Der Einsatz dieser etwas ‚anderen‘ Literatur hatte Diskussionen, weitere Fragen und Veränderungen im Verhalten einiger Kinder und deren Eltern zu Folge und war anfangs auch für mich nicht immer einfach.

Fine, die mutige Tierretterin.

Es ist unglaublich wichtig, den Kindern durch das eigene Vorbild, aber auch durch Geschichten diese Werte zu vermitteln. Jedes Elternteil, Tanten, Onkel, Omas und Opas, die sich mit diesen Werten identifizieren, kann mit dem Kauf der Bücher für die Kinder in seiner Verwandtschaft / Bekanntschaft dafür sorgen, dass die Kinder das System der Tierausbeutung erkennen, hinterfragen, ihre eigenen Schlüsse ziehen und im besten Fall ihr Verhältnis den Tieren gegenüber verändern.

Durch das Vorlesen und besprechen spannender, realistischer Geschichten fördern wir

  • Die Empathie, indem die Kinder sich in die Situation der Figuren hinein fühlen
  • Die Erweiterung des kindlichen Horizonts
  • Das Stillen von Neugierde und Wissensdurst
  • Die Erweiterung ihres Wissen
  • Die Entwicklung eines achtsamen Werte – und Normensystems (Toleranz, Mitgefühl, Empathie gegenüber allen Lebewesen)
  • Die Anregung und Weiterentwicklung der Phantasie
  • Die Freude der Kinder, den Dingen auf den Grund zu gehen

Jeder Erwachsene kann aktiv dazu beitragen, dass die Kinder sensibilisiert werden, in dem er solche Bücher mit den Kindern liest.

Jede Tierrechts – und Tierschutzorganisation kann einen wertvollen Beitrag leisten, indem sie sich bewusst macht, wie maßgeblich die Werteentwicklung im Kindesalter das spätere Verhalten der Menschen beeinflusst. Statt hauptsächlich vegane Kochbücher zu bewerben, dürfen sie sich gerne noch stärker für die Bewerbung und Verbreitung veganer Kinder– und Jugendliteratur engagieren.

Warum erst bei den bereits geprägten Erwachsenen anfangen, statt sich den Kindern zu widmen? Warum Zeit, Ressourcen und Gelder fast ausschließlich in die Sensibilisierung der Erwachsenen investieren?

Die Lösung liegt so nahe: Die Kinder sind der wichtigste Schlüssel zur Veränderung gesellschaftlicher Wertvorstellungen und Verhältnisse. Wenn wir sie bedingungsloses Mitgefühl und Respekt lehren, werden sie gleichzeitig lernen, Unrecht nicht einfach hinzunehmen, sondern zu widersprechen und sich für eine gerechtere Welt einzusetzen. Der Lernprozess funktioniert auch in die andere Richtung, denn Eltern sind heute offener für die Anliegen ihrer Kinder und bereit, sich für sie und ihre Zukunft zu verändern.

Deshalb gehört für mich emanzipatorische, kindgerechte Tierrechtskinder– und Jugendliteratur in jedes Bücherregal.

  1. Homepage: https://www.maxundfine.de/, Facebook: https://www.facebook.com/maxundfine/ []
  2. Die kleine Heldin Fine entdeckt im ersten Band das Grauen der Milchindustrie und rettet ein Kalb vor dem Schlachter. Im zweiten Band kommt sie den Machenschaften der Eierindustrie auf die Spur. Band drei wird sich mit der Schweinehaltung beschäftigen. []
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Gedanken zu „veganen“ Tierzüchtern Ist es vegan, Tiere zu züchten, um mit ihren toten Körpern oder den abgepressten Produkten ihrer lebenden Körper, Geld zu verdienen?

Im Deutschlandfunk (ausgerechnet in der Sparte „Kultur“) wird in den höchsten Tönen ein angeblich veganer Schweinezüchter ob seiner hohen ethischen Ansprüche gelobt. Wenige Wochen zuvor berichteten NDR, ARD und ZDF über eine angeblich vegane Rinderzüchterin.

(c) Vegan SidekickSchätze, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten veganen Treibnetzfischer, Hummerköche, Nerzmantel- und Stopfleber-Produzenten zu Wort melden.

Hier mein Kommentar zu dem Schweinebauern-Artikel, den ich ganz gewiss nicht verlinken werde, weil ich nicht auch noch Werbung für einen meines Erachtens ziemlich peinlichen journalistischen Fehlschlag sowie den darin genannten Hof machen werde.

„Das Wort ‚Veganismus‘ bezeichnet eine Philosophie und Lebensweise, die versucht, so weit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was Menschen, Tieren und der Umwelt zum Vorteil gereichen soll.“

~Donald Watson, Gründer der Vegan Society und Erfinder des Wortes ‚vegan‘.

Man hätte das recherchieren können. Hätte man, wenn man nicht so sehr damit beschäftigt gewesen wäre, sich die Werbung für den Hof des Herrn A. in die Feder diktieren zu lassen.

„Ich bin nicht dafür da, dass ich meine Schweine schlachte und umbringe“ – Ja, Nee, is klar. Dafür gibt’s ja andere. Kommt mir bekannt vor. Da gab’s doch einen berühmt-berüchtigten römischen Präfekten mit P, der hat auch seine Hände in Unschuld gewaschen.

„Diese besondere Ethik herrschte nicht immer “ – Ja, diese Ethik finde ich auch ziemlich besonders. Wenn ich (angeblich) nett zu einem fühlenden Wesen bin, dann darf ich es nachher töten (lassen). Den Gedanken kann man ruhig mal weiter spinnen: Wenn ein Mann einer Frau ein schönes Abendessen spendiert, dann darf er nachher auch… In beiden Fällen definiert der Nutznießer was „gut“ ist, die Opfer haben halt letztlich Pech, dürfen sich aber darüber freuen, dass die Nutznießer sich immerhin für vegan halten.

Dieser Mann ist kein Veganer, sondern einfach nur jemand, der aus gesundheitlichen Gründen auf eine pflanzliche Ernährung umgestiegen ist. Zitat: „Durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel wurde er sein langjähriges Muskelrheuma los.“

Hm. Genau da muss ich mal eben kurz stutzen. Ich denke, rein pflanzliche Ernährung ist total ungesund, weil da die wichtigen Fleisch-Vitamine fehlen. Wieso kann man davon gesund werden? Überall wird uns erzählt, dass man von dieser üblen Mangelernährung zwangsläufig sterbenskrank wird. Und jetzt dann doch nicht? Ja, was denn nun? Ist der Herr A. damit nicht selbst der beste Beweis dafür, dass wir nicht nur kein Fleisch brauchen, sondern es vielleicht sogar meiden sollten?

Da er das am eigenen Leib erlebt hat, wieso denkt er dann, es sei seine gesellschaftliche Aufgabe, weiterhin Fleisch zu produzieren? Müsste er sich da nicht eigentlich Vorwürfe machen, weil er ein womöglich gesundheitsschädliches Produkt erzeugt?

Fragen über Fragen. Aber egal. Herr A. hat eine schöne Werbung für seinen Hof bekommen, die Verbraucher dürfen sich im guten Gewissen suhlen und beruhigt weiter die kostbaren Leben fühlender Wesen konsumieren, der Sender hat irgendwas veröffentlicht. Win-Win-Win. Alle sind zufrieden. Bis auf die Schweine. Die werden immer noch getötet, sobald sie „reif“ sind, was meistens im Alter von 6-8 Monaten der Fall ist. Sie könnten, wie Hunde, 15 Jahre alt werden. Könnten, wenn man sie einfach in Ruhe ließe.

„Wie konnten wir nur jemals denken, es sei unser Lebenszweck, andere Lebewesen ihres Lebenszwecks zu berauben?“
~Dr. Will Tuttle, World Peace Diet

 

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