Über Pflanzen, Gefühle, Leid und Bewusstsein Ein Thema, das offenbar viele Nichtveganer*innen sehr bewegt: Die Gefühle der Pflanzen. Zu Recht?

Es ist ein wohlbekanntes Phänomen, dass, sobald man sich für die Interessen der Tiere stark macht, allenthalben Pflanzenschützer*innen aus dem Boden sprießen, die felsenfest der Meinung sind, sie hätten „irgendwo gelesen oder gehört“, dass Pflanzen aber auch Lebewesen sind und Schmerzen nicht nur fühlen, sondern sich sogar davor ängstigen, kurz: dass auch Pflanzen voll empfindungsfähige und bewusste Lebewesen sind, ganz genau so wie Tiere. 

Es wäre zu leicht, sich darüber lustig zu machen, auch wenn es absurd erscheint, dass den Fragesteller*innen das Leben eines Kohlkopfs wohl genauso wertvoll und schützenswert erscheint, wie das eines Hündchens oder womöglich gar der besorgten Pflanzenfreunde selbst. Immerhin gehören ja auch Menschen zum Tierreich und wenn Pflanzen ganz genau dieselbe Gefühlswelt haben wie Tiere, dann sind die Interessen eines bunten Salats moralisch genauso zu berücksichtigen, wie die der Pflanzenfürsprecher. Oder vielleicht doch nicht?

Ich frage mich, ob die Menschen, die diesen Einwand vorbringen, es tatsächlich ernst meinen, oder ob es letztlich nur in ein allzu offensichtliches tu quoque1 münden soll, oder ob sie sich gar als letztes Mittel der Distanzierung über die Qualen der Tiere lustig machen.

In dubio pro reo. Vermuten wir also das Beste, gehen davon aus, dass es eine ehrlich gemeinte Frage ist und versuchen, Antworten zu finden.

Was sind Schmerzen und sind sie zu etwas gut?

Voraussetzungen für Schmerzempfinden

Schmerzen sind zunächst einfach nur Reize. Um Schmerzen haben zu können, bedarf es bestimmter spezifischer Nervenzellen, der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren).  Es handelt sich hierbei um spezielle Fühler, die registrieren können, ob und auf welche Weise (thermisch, mechanisch, chemisch) Körpergewebe beschädigt wird. Zwar können unmittelbare Reaktionen auf Schmerzreize wie reflexhaftes Zurückzucken schon im Rückenmark ausgelöst werden, doch erst im Gehirn werden die Schmerzreize dann entsprechend subjektiv-emotional interpretiert und je nach Intensität als quälend oder leidvoll empfunden.

Damit ein Organismus Schmerzen empfinden kann, braucht er also Schmerzrezeptoren, ein Nervensystem, das die Reize weiterleitet und ein Gehirn, das diese Reize subjektiv interpretiert. 

Alarmsignal

Schmerzen sind Alarmsignale2, die auf Gefahren, insbesondere die Beschädigung von Körpergewebe hinweisen. Sie sind die sehr eindringliche Aufforderung, den Körper oder das betreffende Körperteil schnellstens aus der Gefahrenzone zu bewegen. Ihre Aufgabe ist es, die körperliche Integrität und das Überleben des Individuums zu gewährleisten.

Schmerzen sind also nur dann sinnvoll3, wenn das Individuum dazu in der Lage ist, sich dem Schmerzauslöser zu entziehen, wenn es davonlaufen kann, wenn es sich also um einen mobilen Organismus handelt.

Wann sind Alarmsignale sinnvoll – und wann nicht?

Pflanzen sind immobil, sie können sich nicht aus der Gefahrenzone bewegen. Ein Schmerzempfinden wäre dementsprechend völlig nutzlos für sie. Ein quälendes Schmerzempfinden, dem man nicht entkommen kann, wäre dem Überleben wohl sogar eher abträglich, da der dabei entstehende Stress Energie kostet und somit die Überlebenschancen beeinträchtigt. Evolution merzt im Allgemeinen ungünstige Mutationen wieder aus (Selektion durch geringere oder gar keine Vermehrung) und begünstigt solche, die für das Überleben des Individuums und somit der Art geeignet sind (erfolgreichere Vermehrung).

Zur Klarstellung: Evolution ist ein Prozess, der ohne jegliches Bewusstsein oder Ziel abläuft. Nicht, dass hier noch der Verdacht gehegt wird, ich unterstellte Evolution ein zielgerichtetes Handeln. Dem ist nicht so. Mutationen entstehen ständig und zufällig. Stellt sich eine Mutation als günstig für Überleben und/oder Fortpflanzung heraus, wird sie an die nächste Generation weitergegeben. Ist sie ungünstig, dann gibt es einfach keine nächste Generation mit dieser Mutation und so verschwindet sie wieder. 

Wie wahrscheinlich ist es, dass Pflanzen Schmerzen empfinden können?

Bisher konnte m.W. noch kein Wissenschaftler Schmerzrezeptoren oder etwas Vergleichbares bei Pflanzen nachweisen. Ein zentrales Nervensystem, ein Gehirn, ebensowenig. Wenn man dies in Betracht zieht und die oben erläuterte Tatsache, dass Pflanzen keine Möglichkeit haben, adäquat auf Schmerzen zu reagieren, lässt sich daraus schließen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Pflanzen Schmerzen empfinden und darunter leiden können, sehr gering bis unwahrscheinlich ist.

Es ist zwar denkbar und eventuell möglich, dass Pflanzen so etwas wie Schmerzen empfinden können, aber es ist eher unwahrscheinlich.

Kann man beweisen, dass Pflanzen keine Schmerzen haben?

Nein, das geht nicht. Es ist nicht möglich, ein Nichtvorhandensein von etwas zu beweisen. Man kann nur das Vorhandensein von etwas beweisen. Es ist wie mit den rosa Einhörnern. Nur, weil noch nie ein lebendiges rosa Einhorn gesichtet wurde, muss das nicht bedeuten, dass es sie nirgendwo gibt. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit ihrer Existenz aufgrund der vorhandenen Daten über die bisher bekannte Fauna als denkbar gering bis unwahrscheinlich einzuschätzen.

Deshalb sind diejenigen, die eine Behauptung aufstellen, in der Beweispflicht, und nicht diejenigen, die Skepsis äußern. Wer behauptet, dass Pflanzen ein Schmerzempfinden haben, das demjenigen von Menschen und Tieren absolut gleicht und daraus folgert, dass Pflanzen ein ähnlich starkes Interesse daran haben, Leid zu vermeiden, wie Tiere, der ist in der Beweispflicht und nicht derjenige, der sagt: Das glaube ich dir nicht.

Woher kommt die Mär von den fühlenden Pflanzen?

Fehlerhafte Experimente

Zum einen gab es in den 1960er Jahren einen Mitarbeiter des CIA, Cleve Backster4, der auf die Idee kam, seinen Drachenbaum an einen Lügendetektor anzuschließen. Er meinte, emotionale, sogar telepathische, Reaktionen bei der Pflanze wahrnehmen zu können und schrieb darüber sogar ein Buch: „The Secret Life of Plants“. In den 1970er Jahren haben andere Forscher vergeblich versucht, seine Experimente nachzustellen und festgestellt, dass seine Forschungsaufstellung nicht wissenschaftlichen Massstäben entsprach. Sobald entsprechende Kontrollen angewendet wurden, konnten die Pflanzenreaktionen nicht mehr nachgewiesen werden.

„Backster’s claims were refuted by Horowitz, Lewis, and Gasteiger (1975) and Kmetz (1977). Kmetz summarized the case against Backster in an article for the Skeptical Inquirer in 1978. Backster had not used proper controls in doing his study. When controls were used, no detection of plant reaction to thoughts or threats could be found.“ ~http://skepdic.com/plants.html

Wie so häufig blieb der spannende Mythos im Gedächtnis haften, ganz besonders bei Menschen, die ein Interesse an Esoterik und paranormalen Erscheinungen haben. Die lange nicht so spannenden wissenschaftlichen Erklärungen und Gegenbeweise hingegen nicht.

Reaktion auf bestimmte Stimuli

Zum anderen haben manche Pflanzen Berührungsrezeptoren, die in einigen Fällen bestimmte Reaktionen auslösen können (Mimosen und Venusfliegenfallen z.B.). Diese Reaktionen laufen aber, soweit wir es wissen, auf der vegetativen (sic!) Ebene ab.

Man kann sich das ein bisschen wie das Aufziehen einer mechanischen Uhr vorstellen, wo die Spannung der aufgezogenen Spirale die Unruh der Uhr über einen bestimmten Zeitraum hinweg in gleichmäßige Bewegung bringt. Papier, das nass wird, „reagiert“, indem es sich wellt. Smartphones reagieren auf Berührung. Trotzdem würde man weder Gefühle noch Bewusstsein dahinter vermuten. Es handelt sich um chemische, elektrische oder mechanische Reaktionen. Ein Bewusstsein ist dafür nicht nötig. Leid und Genuß entstehen erst im Bewusstsein.

Ein weiterer guter Vergleich ist unser Immunsystem. Werden bestimmte Zellrezeptoren berührt, springt es an und beginnt Antikörper zu produzieren, die Körpertemperatur zu erhöhen, Schleim zu erzeugen und auszuwerfen, das ganze Programm. Das läuft ebenfalls außerhalb unserer bewussten Kontrolle, also unbewusst ab, auch dann, wenn wir schlafen und sogar, wenn wir im Koma liegen.

Ähnlich können auch Pflanzen teils recht komplex auf Reize reagieren, eine bewusste Verarbeitung in einem Gehirn findet jedoch nicht statt.

Sprachliche Grenzen oder Ungenauigkeiten

Sprachlich wird oft nicht klar unterschieden zwischen fühlen, spüren und empfinden5.

Fühlen und empfinden haben eine emotionale, subjektive, wertende Komponente (gut/schlecht, angenehm/unangenehm), während spüren sich eher wertfrei auf den Tastsinn bezieht (rauh/glatt, weich/hart). Doch die Grenzen sind nicht klar gezogen. Sie verschwimmen, die Worte sind insbesondere im Alltagsgebrauch nahezu austauschbar.

Übersetzungsprobleme, Sprachunterschiede

Erschwerend kommt hinzu, dass es beim Übersetzen von Forschungsergebnissen manchmal schwierig ist, exakte und korrekte Entsprechungen zu finden. Wenn ein*e Forscher*in das Wort „feel6 verwendet, dann findet man im Wörterbuch sowohl fühlen, als auch spüren und empfinden.

Es ist also leicht, die Forscher und ihre Ergebnisse versehentlich oder absichtlich falsch zu interpretieren. 

Sensationslust

Da das alles aber eher nüchtern und langweilig daher kommt, gibt es keine aufregenden Schlagzeilen her. Ernstzunehmende Forschung und vor allem deren Ergebnisse kommen oft staubtrocken daher. Forscher*innen möchte aber gerne auch von Nichtforscher*innen verstanden werden und verwenden daher manchmal Vergleiche, Allegorien und Metaphern, um ihre Arbeit anschaulich darzustellen. So kann es leicht zu Missverständnissen kommen.

Redakteur*innen wiederum haben ihre eigenen Anliegen. Sie wollen Auflagen und Einschaltquoten. Griffige Schlagzeilen sollen Aufmerksamkeit und Interesse erzeugen und darum wird gerne getitelt: „Veganer, jetzt habt Ihr ein Problem: Pflanzen können fühlen!“ Das macht was her, das löst Diskussionen aus, sowie jede Menge Schadenfreude und Häme, die allerdings, wie ich weiter unten ausführen werde, fehl am Platze sind.

Das sagt ein Wissenschaftler

Einer der Wissenschaftler, Prof. Daniel Chamovitz7, der an solchen Pflanzenexperimenten beteiligt ist, hat es in einem Interview8 recht anschaulich beschrieben:

——————–englisch——————–

Q: Isn’t sensing damage, even without a neural system, essentially pain?
A:The idea that damage has to be pain is mistaken. We feel pain because we have specific types of receptors called nociceptors which are programmed to respond to pain, not to touch. People can have genetic malfunctions where they feel pressure but never feel pain because they don’t have pain receptors.

Q: So, if I follow you, plants really do feel, not metaphorically, but really. They just can’t feel pain. Right?
A: Plants don’t have pain receptors. Plants have pressure receptors that allow them to know when they’re being touched or moved—mechanoreceptors. It’s a specific nerve cell.

Q: And to be clear, am I right that a plant knows it’s being damaged?
A: You can definitely kill a plant, but it doesn’t care.

——————-deutsch——————-

Q: Ist denn die Wahrnehmung von Beschädigung, selbst ohne ein neurales System, im Grunde Schmerz?
A: Der Gedanke, dass Beschädigung gleich Schmerz ist, ist fehlerhaft. Wir fühlen Schmerzen, weil wir einen spezifischen Rezeptortypus haben, Nozizeptoren, die darauf programmiert sind, auf Schmerz zu reagieren, nicht auf Berührung. Es gibt Menschen mit genetischen Fehlfunktionen, die zwar Berührung fühlen können, jedoch keine Schmerzen, weil ihnen die Schmerzrezeptoren fehlen.

F: Also, wenn ich recht verstehe, dann fühlen Pflanzen tatsächlich, nicht nur metaphorisch, sondern ganz real. Sie können nur keine Schmerzen fühlen. Richtig?
A: Pflanzen haben keine Schmerzrezeptoren. Pflanzen haben Druckrezeptoren, die ihnen erlauben, wahrzunehmen, wenn sie berührt oder bewegt werden – mechanische Rezeptoren. Es sind spezifische Nervenzellen.

F: Um ganz klar zu sein, verstehe ich richtig, dass Pflanzen es wissen, wenn sie beschädigt werden?
A: Man kann eine Pflanze töten, aber es kümmert sie nicht.

———————————————

In diesem Video9 wird Prof. Chamovitz noch deutlicher und beantwortet die Frage, ob Pflanzen Schmerzen empfinden können, mit einem „resounding NO“, einem „hallenden NEIN“ und begründet dies mit dem fehlenden Cortex, den somit fehlenden Voraussetzungen für subjektives Empfinden und beruhigt alle Vegetarier und Veganer, dass sie auch weiterhin ohne schlechtes Gewissen ihren Brokkoli verputzen dürfen.

Aber was, wenn Pflanzen doch leiden und wir es nur nicht beweisen können?

Gute Frage. Vielleicht hilft es, sich eine Waage vorzustellen:

Was wiegt schwerer?

In der einen Waagschale befinden sich die Tiere, bei denen wir mit nahezu hundertprozentiger Gewissheit davon ausgehen können, dass sie Schmerzen sowohl körperlich als auch seelisch erleben können und es augenscheinlich auch tun. Sie haben alle körperlichen Voraussetzungen: Schmerzrezeptoren, Nervensystem und Gehirn. Sie demonstrieren durch ihr Verhalten klar und deutlich, dass sie die entsprechenden Sinneswahrnehmungen subjektiv-emotional bewerten (Flucht, Geschrei, Gezappel, Verteidigung) und somit nicht nur Schmerzen fühlen, sondern sie auch als Leid empfinden können. Wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie folgende existenzielle (das Leben sichernde) Interessen haben: körperliche Unversehrtheit, die Möglichkeit, sich Schmerzen zu entziehen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ihren Nachwuchs zu behüten, am Leben zu bleiben.

Auf der anderen Waagschale befinden sich die Pflanzen, bei denen bisher nicht die körperlichen Voraussetzungen nachgewiesen werden konnten, die keinerlei Fluchtverhalten zeigen und von denen nur einige wenige lediglich sehr rudimentäres, vegetativ-passives Verteidigungsverhalten aufweisen (Mimosen z.B.). Es handelt sich zwar zweifellos um lebende Organismen, die bestimmte Reize spüren können, diese aber aller Wahrscheinlichkeit10 nach nicht subjektiv-wertend empfinden.

Was wiegt schwerer? Sehr hohe Wahrscheinlichkeit oder sehr geringe Wahrscheinlichkeit? Deutlich sichtbares Leid oder deutlich sichtbare Gleichgültigkeit? 

Spiegelneuronen

Spiegelneuronen11 wurden in den 1990er Jahren entdeckt und sind eine ziemlich spannende Sache, wenn auch noch lange nicht vollständig erforscht und verstanden. Wenn wir oder andere Tiere andere Lebewesen oder selbst Roboter bei einem bestimmten Verhalten beobachten, dann verhält sich unser Gehirn so, als ob wir selbst es wären. Wir können ihre Wirkung ganz leicht bei uns selbst beobachten, wenn z.B. Held oder Heldin im Spielfilm unter Wasser geraten und wir unwillkürlich die Luft anhalten. Sie funktionieren offenbar auch speziesübergreifend und man nimmt an, dass sie uns helfen können, Mitgefühl, Empathie12 zu empfinden, indem wir buchstäblich mit fühlen.

Mitgefühl

Die meisten Menschen sind in der Lage, spontan und ohne jede bewusste Anstrengung Mitgefühl zu empfinden. Wenn wir beobachten, wie jemand beim Gemüseschneiden mit dem Messer abrutscht und den eigenen Finger erwischt, zucken wir unwillkürlich zusammen und oft rufen wir sogar „Autsch!“. Wir müssen nicht einmal direkt Zeug*in des Vorfalls sein. Wenn wir jemanden mit Verband sehen, fragen, was passiert ist und uns vom Unfall erzählt wird, krümmen wir uns manchmal gequält und verziehen schmerzvoll das Gesicht. Das funktioniert nicht nur bei Schmerz, sondern auch bei Wohlgefühl oder freudiger Erwartung. 

Wir sind in der Lage, verschiedene Gefühle bei anderen zu erkennen und zwar speziesübergreifend, also nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. 

Nutzen des Mitgefühls

Mitgefühl kann in vielerlei Hinsicht nützlich sein. Babies z.B. können uns nicht sprachlich mitteilen, ob es ihnen gut oder schlecht geht. Für ihre Eltern oder andere Fürsorger*innen ist es also hilfreich, durch Mitfühlen ihres Verhaltens Rückschlüsse über ihre Befindlichkeiten gewinnen zu können.

Es kann dabei helfen, den sozialen Frieden in Gruppen zu wahren, indem einander geholfen wird, getröstet, oder Nahrung geteilt wird, was beim Überleben in der Wildnis sicherlich vorteilhaft ist.

Nicht zuletzt kann es nützlich sein, aus dem Verhalten anderer auf eventuell vorhandene Gefahren zu schließen. Springt die Gazelle aus Lebenslust herum oder flüchtet sie vor einem Geparden? Haben diese Löwen Hunger oder sind sie satt? Das zu wissen, kann in der Wildnis den Unterschied ausmachen zwischen langem Leben und frühem Tod. So erklärt sich dann auch das Vorhandensein der speziesübergreifenden Empathie. Je richtiger unsere Annahmen bezüglich des Verhaltens und der Absichten anderer Tiere, desto mehr Erfolg bei Überleben und Fortpflanzung und dadurch die Weitergabe dieses „Wissens“ an die folgenden Generationen.

Sicherlich sollten wir uns nicht dazu hinreißen lassen, unser Mitgefühl für einen quasi sicheren Beweis für das Vorhandensein von Gefühlen bei anderen zu halten, oder umgekehrt aus fehlendem Mitgefühl unsererseits auf mangelndes Gefühlserleben bei anderen zu schließen. 

Dennoch schließe ich mich hinsichtlich der Tiere uneingeschränkt der Tierärztin Nicole Tschierse an, die in ihrem Essay „Gesichter der Angst13 schrieb:

„Es sieht aus wie Angst, es wirkt sich aus wie Angst: ich nenne es Angst…

Wenn Sie den Eindruck haben, eine von Ihnen verschiedene Lebensform hat Schmerzen und leidet, dann gehen Sie besser auch davon aus, dass es so ist.“ 

Ich sage es klar und deutlich: Es fällt mir nicht schwer, bei Tieren Mitgefühl zu empfinden, aber es ist mir völlig unmöglich, dasselbe für Pflanzen zu empfinden und ich behaupte, dass es sich bei den Pflanzenschützer*innen ebenso verhält. Ich habe noch nie beobachten können, wie ein Mensch beim „Unkraut“ jäten Schwierigkeiten hat, sein Mitgefühl für die leidenden Pflanzen zu überwinden und jammervoll das Gesicht verzieht. Aber ich habe viele Nichtveganer*innen dabei erlebt, wie sie vorsichtig Insekten in einem Glas fingen, um sie behutsam nach draußen in die Freiheit zu verbringen, oder Schnecken von der Straße ins Gras am Wegesrand setzten.

Ganz subjektiv bin ich der Meinung, dass wir uns in den allermeisten Fällen auf die Botschaften unseres Mitgefühls verlassen können und auch sollten.

Interessensabwägung

Wenn Pflanzen tatsächlich ein bewusstes, existenzielles Interesse haben, nicht gegessen zu werden, ich aber ein ebenso existenzielles Interesse habe, nicht verhungern zu müssen, dann haben beide Organismen das Recht, ihre jeweiligen Interessen zu verfolgen. So lapidar es auch klingt: Pflanzen haben da leider aufgrund ihrer Immobilität schlechte Karten. Sie können weder davonlaufen noch sich wehren. 

Wir haben nur die Wahl zwischen Pflanzen essen oder verhungern. Selbsterhalt kann als zwingende Notwendigkeit gelten. 

In diesem Moment habe ich als moralisches Subjekt, also als Wesen, das in der Lage ist, moralische Entscheidungen zu treffen, nur die Wahl zwischen einer (vermeintlich) schlechten und einer ganz schlechten Option. Entweder ich überwinde meine moralischen Bedenken und esse die Pflanze, oder ich verhungere.

Da ich nicht davon überzeugt bin, dass Pflanzen tatsächlich voll leidensfähige und bewusste Wesen sind, habe ich keine moralischen Bedenken, Pflanzen zu verzehren. Anders ist das bei Tieren. Ich bin überzeugt, dass sie leidensfähige, bewusste Wesen sind, für die ihr Leben genauso wichtig ist, wie meines für mich. Da ich sie weder benutzen noch töten muss, weil es mehr als genügend Alternativen gibt, wiegt ihr existenzielles Interesse am Leben zu bleiben, schwerer als meine nicht-existenziellen Wünsche. Es besteht keine zwingende Notwendigkeit, tierliche Produkte zu konsumieren. Geschmack, Gewohnheit, Tradition, Mode rechtfertigen es nicht, einem fühlenden Wesen Schaden zuzufügen.

Maximierung des Pflanzenleids durch Veredelungsverluste

Was für Pflanzenliebhaber*innen gar nicht in Frage kommen sollte, ist das Verfüttern großer Pflanzenmengen an sogenannte „Nutztiere“, um diese zu mästen oder Körpersekrete zu erzeugen (Milch, Eier). Für jedes Kilogramm verwertbares, tierliches Material muss ein Vielfaches an pflanzlichem Material aufgewendet werden.

„Jede Form der Fleischproduktion ist extrem ineffizient, was die Kalorienausbeute betrifft. Man braucht im Schnitt mindestens sieben pflanzliche Kalorien, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Fünf Kalorien gehen nur für den Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir verfüttern 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte an Nutztiere – und produzieren daraus primär Exkremente.“ ~Dr. Kurt Schmidinger in der GEO14

Je nach Tierart und Produkt kann das bis zum 16-fachen betragen, also im Extremfall bis zu 16 kg Pflanzen für ein Kilogramm Tier. Man nennt das Veredelungsverlust, oder englisch Feed:Meat Ratio, bzw. FCR (Feed Conversion Rate), also das Verhältnis von Futter zu gewonnenem Fleisch. Tiere benötigen den größten Teil der Nahrung, um den eigenen Stoffwechsel aufrecht zu erhalten, die Körpertemperatur zu regeln, das Herz am Schlagen zu halten, und so weiter.

Um 1 Kilo Rindfleisch zu erzeugen, müssen etwa 10 Kilo Getreide an ein Rind verfüttert werden. Tiere benötigen die Nahrungsenergie der Futterpflanzen vor allem für ihren normalen Stoffwechsel. Weil dadurch etwa zwei Drittel der Futterenergie verloren gehen, ist ein Vielfaches an Futterpflanzen für die Fleischerzeugung notwendig. ~Verbraucherzentrale Saarland ((https://www.saarland.de/104859.htm))

Diese sehr anschauliche Übersicht stammt von der Seite A-Well-Fed-World15:

Feed Ratios, awfw.org

Wenn Pflanzenfreund*innen es wirklich ernst meinen, dann müsste es ihnen ein Anliegen sein, so wenig Pflanzenleid wie irgend möglich zu verursachen. Damit wird das Verfüttern von Pflanzen an sogenannte „Nutztiere“ untragbar und der eigene Pflanzenkonsum müsste auf das absolut unumgänglich notwendige Minimum beschränkt werden.

Letzter Ausweg Frutarismus

Wer tatsächlich fest davon überzeugt ist oder glaubt, dass Pflanzen in vollem Umfang leidensfähige Lebewesen sind, die entsprechend moralische Berücksichtigung verdienen, muss sich überlegen, ob es mit dem Gewissen vereinbar ist, Pflanzen absichtlich Schmerzen zuzufügen. Das ist nun aber nicht etwa ein Freibrief für  den Konsum auf jeden Fall leidensfähiger Tiere, sondern viel eher ein Grund, frutarisch16  zu leben, denn die Früchte vieler Pflanzen werden extra für den Verzehr erzeugt. Es ist eine gut funktionierende Möglichkeit, die Samen weit zu verbreiten und den Kot der Esser*innen auch gleich noch als Dünger zu nutzen. Frutarisch zu leben wäre somit die logische Konsequenz aus der Annahme, dass Pflanzen fühlen.

Frutarier fügen Pflanzen also keinen Schaden zu, sondern nützen ihnen sogar. Die perfekte Lösung für Pflanzenfreund*innen.

Und was ist jetzt mit den Tieren?

Physische Voraussetzungen

Tiere verfügen über Schmerzrezeptoren, Nervensysteme und Gehirne, und erfüllen somit  alle Voraussetzungen, Schmerzen nicht nur körperlich spüren zu können, sondern auch emotional darunter zu leiden.

Verhalten

Sie zeigen durch ihr Verhalten ein deutliches, existenzielles Interesse, keine Schmerzen zu leiden (Flucht, Wegducken, Gegenwehr) und am Leben zu bleiben. Ihre Stressreaktionen entsprechen unseren: geweitete Augen, schwitzen, zittern, vermehrter Speichelfluss, erhöhter Blutdruck und Puls, Adrenalinausschüttung, Geschrei, Gewimmer.

Wir verstehen diese Gefühlsäußerungen deshalb intuitiv und zumeist intuitiv richtig, weil wir selbst ebenfalls Tiere sind und wir und unsere Körper sehr ähnlich reagieren. Das hat nichts mit Vermenschlichung zu tun. Viel eher haben wir die Unsitte, uns selbst zu enttierlichen, wir handeln und denken anthropozentrisch, halten uns für den Nabel der Welt, doch angesichts des Zustands, in den wir das für alle Lebewesen überlebenswichtige Ökosystem gebracht haben, besteht dazu wahrlich kein Grund.

Wie Tom Regan in „Empty Cages“ so treffend schreibt: „Wir verstehen sie und ihr Verhalten weil wir uns und unser Verhalten verstehen“.

„Part of the reason we can speak meaningfully about what dogs and other animals want is because their behavior resembles ours in relevant respects. If I am in a cage and want out, I will try to get out (for example, I will try to widen the space between the bars or push against them). If your neighbor’s dogs want out of their cage, they will try to get out too (for example, by digging with their paws). We understand them and their behavior because we understand ourselves and our behavior.“ ~Regan, Tom. Empty Cages: Facing the Challenge of Animal Rights (S.55). Rowman & Littlefield Publishers. Kindle-Version.

 

In den fundamentalen, existenziellen Belangen haben wir, die menschliche Tierspezies und die anderen Tierspezies dieselben Interessen: Frei sein, unverletzt bleiben, am Leben bleiben, die eigenen Kinder erfolgreich ins Erwachsenenleben bringen.

Ethische Überlegungen

Gleiche Interessen sind moralisch gleich zu berücksichtigen.

Das ist die Grundlage des Veganismus. Die Anerkenntnis, dass Tiere ganz wie wir Schmerzen und Glücksgefühle empfinden können und dass ihre existenziellen Interessen sich nicht grundlegend von unseren unterscheiden. Das macht Tiere moralisch relevant und dementsprechend fühlen sich Veganer*innen verpflichtet, diese existenziellen Interessen moralisch zu berücksichtigen. Da wir keine Tierprodukte benötigen, um ein gutes, gesundes und erfülltes Leben führen zu können, sind unsere Interessen an Tierprodukten lediglich als trivial zu bewerten, also von weitaus geringerem moralischen Gewicht als diejenigen der Tiere.

Es sind ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Milch, ihre Eier, ihr Honig, ihre Wolle, ihre Federn, ihre Haut. Nichts davon gehört uns oder steht uns zu. Wir müssen aufhören uns zu nehmen, was uns nicht gehört. Wir dürfen leidensfähige, selbst-bewusste Wesen nicht als Eigentum betrachten und zu Ressourcen machen.

Dass Tiere über Bewusstsein verfügen, bestätigen mittlerweile auch eine ganze Reihe namhafte Wissenschaftler*innen in der Cambridge Declaration of Consciousness.17

Was ist mit Insekten, Schalen- und Krustentieren, anderen Weichtieren und Wirbellosen?

Aber Insekten und Muscheln z.B. haben doch keine so ausgeprägten Nervensysteme wie die Wirbeltiere, nicht wahr? Bei denen wissen wir nicht, ob und wie viel sie fühlen. Wahrscheinlich tatsächlich deutlich weniger, oder anders, oder… die darf man doch sicher essen, nicht wahr?

Benefit of Doubt, die Gunst des Zweifels

Es stimmt, dass die Nervensysteme und Gehirne von Insekten und Weichtieren anders strukturiert sind und es daher schwer oder doch zumindest schwerer fällt, Ähnlichkeiten zu entdecken, die als moralisch berücksichtigenswert zu gelten haben.

Bei den Cephalopoden, den Kopffüssern, bestehen keine nennenswerten Zweifel mehr, dass sie außerordentlich intelligent18 sind und offenbar sogar über Persönlichkeit verfügen19. Zumindest sie sollten wir auf jeden Fall moralisch berücksichtigen.

Fische ebenso20, denn erstens sind die meisten Fische ebenfalls Wirbeltiere und zweitens kann  ihre Leidensfähigkeit21 durchaus als nachgewiesen angesehen werden.

Die Tatsache, dass teils so verschiedene Systeme dann doch so ähnliche kognitive und sensorische Fähigkeiten hervorbringen, sollte uns zu denken geben. Im Zweifel, wie z.B. bei Insekten, Schnecken, Muscheln, Krabben, Krebsen, Hummern, Seesternen usw., sollten wir deshalb sicherheitshalber einfach immer davon ausgehen, dass Tiere nicht nur möglicherweise sondern sehr wahrscheinlich Schmerzen spüren und Leid empfinden können. Schmerz hilft beim Überleben und ist deswegen sehr wahrscheinlich im Laufe der Evolution auch bei ihnen entstanden.

Wenn wir andere nicht verletzen und töten müssen, warum sollten wir es dann tun?

The word „veganism“ denotes a philosophy and way of living which seeks to exclude — as far as is possible and practical — all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose; and by extension, promotes the development and use of animal-free alternatives for the benefit of humans, animals and the environment. In dietary terms it denotes the practice of dispensing with all products derived wholly or partly from animals.
 
Das Wort ‚Veganismus‘ bezeichnet eine Philosophie und Lebensweise, die versucht, so weit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was Menschen, Tieren und der Umwelt zum Vorteil gereichen soll.
~Donald Watson22, Gründer der Vegan Society und Erfinder des Wortes „vegan“
 

Du weißt, dass es das Richtige ist. Sei fair. Sei vegan. Fang heute noch an.

—– Quellen —–

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Tu_quoque []
  2. https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/schmerz/die-komplexeste-alarmanlage-der-welt []
  3. https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/schmerz/vom-sinn-des-schmerzes []
  4. http://skepdic.com/plants.html []
  5. https://www.duden.de/suchen/dudenonline/empfinden%3B%20f%C3%BChlen%3B%20sp%C3%BCren []
  6. https://www.dict.cc/?s=feel []
  7. https://en.wikipedia.org/wiki/Daniel_Chamovitz []
  8. https://www.vice.com/en_au/article/xd74nd/we-asked-a-botanist-how-sure-science-is-that-plants-cant-feel-pain-302 []
  9. https://www.youtube.com/watch?v=CP1ysZ9ZO8Q []
  10. https://www.forschung-und-wissen.de/magazin/tiere-pflanzen/koennen-pflanzen-schmerzen-empfinden-13371960 []
  11. https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/spieglein-spieglein-im-gehirn []
  12. https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/was-koennen-spiegelneurone-leisten []
  13. http://www.tiere-leben.de/imags/Gesichter_der_Angst.pdf []
  14. https://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung []
  15. http://awfw.org/feed-ratios/ []
  16. https://de.wikipedia.org/wiki/Frutarier []
  17. http://fcmconference.org/img/CambridgeDeclarationOnConsciousness.pdf []
  18. http://www.sueddeutsche.de/wissen/oktopusse-die-aliens-sind-unter-uns-1.3443913 []
  19. https://www.geo.de/natur/tierwelt/3003-rtkl-verhalten-kluge-kraken []
  20. http://fishfeel.org/ []
  21. https://www.swr.de/swr2/wissen/fische-empfinden-schmerzen/-/id=661224/did=19481312/nid=661224/1sd49il/index.html []
  22. https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Watson []

Über Susanne

Froh, vegan zu sein, als ob atheistisch nicht schon gereicht hätte. Fühlende Wesen sind kein Eigentum. Ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Freiheit, ihr Recht.
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