Über Urteile und Chancen Ist jede Beurteilung auch gleich eine Verurteilung, oder eröffnen klare Worte nicht auch Entwicklungschancen?

„Ich bin kein schlechter Mensch. Du hast kein Recht, mich so zu verurteilen!“ 
 
Wer hat diese Klage noch nicht gesehen oder gehört, wenn Veganer*innen mit Nichtveganer*innen diskutieren? Ist sie berechtigt? 
 
Zeit, sich ein paar Gedanken über Urteile zu machen. 
 

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„Urteilen“, oder besser: „bewerten“, kann sinnvoll  und notwendig sein.

Wenn wir unser Verhalten und das anderer sowie die es begleitenden Gedanken genau betrachten, dann fällt auf, dass wir alle andauernd alles mögliche beurteilen. Es ist etwas, das einfach so passiert,  unwillkürlich, automatisch.
 
Wir müssen Situationen und Verhalten anderer abwägen und beurteilen, weil es für das Überleben notwendig sein kann.
 
– ‚Will mir die dunkle Gestalt da vorne etwa Böses? Nichts wie weg!‘ –
 
Von anderen zu verlangen, dieses Beurteilen von Verhalten und Situation zu unterlassen, ist unerfüllbar.
 
Wenn ein Verhalten aktuell oder absehbar Schaden zufügt, wenn dieser Schaden in eklatantem Missverhältnis zum Nutzen steht, wenn Wehrlose dadurch auf nicht wiedergutzumachende Weise verletzt werden, dann sollten wir nicht nur urteilend einschreiten – wir müssen es sogar. 
 
Auf welcher Basis wir Verhalten beurteilen. 
 
Ob ein Verhalten als gut oder schlecht bewertet wird, hängt davon ab, ob es Schaden zufügt, oder gut tut. Fügt das Verhalten Schaden zu, bewerten wir es als unerwünscht, tut es gut, bewerten wir es als erwünscht. Dabei gibt es verschiedene Grade. Je schwerwiegender der verursachte Schaden, desto unerwünschter. 
 
Wenn jemand nachts laut hupend durch ein Wohnviertel oder an einem Krankenhaus vorbei fährt, beurteilen wir sein Verhalten als rücksichtslos. Wenn sich jemand in einer langen Warteschlange einfach vordrängelt, beurteilen wir das als egoistisch. Wenn jemand im Kino laut raschelt und ständig mit dem Nachbarn quatscht, beurteilen wir das Verhalten als störend und respektlos. Jemandem im Bierzelt einen Maßkrug auf den Kopf zu hauen, weil ihm eine andere Fußballmannschaft besser gefällt, beurteilen wir als überzogen und nennen es Körperverletzung aus nichtigen Gründen.
 
Beurteilen funktioniert auch in der anderen Richtung: Wenn jemand im Bus Älteren oder Gehandicapten den Platz anbietet, beurteilen wir diese Handlung als freundlich, rücksichtsvoll und vorbildlich. Wenn jemand einem gestürzten Radfahrer zu Hilfe eilt, beurteilen wir das als fürsorglich und hilfreich.
 
Wenn die rücksichtslosen Autofahrer, Warteschlangendrängler und Kinoraschler ihr Verhalten korrigieren, sobald sie auf die unangenehmen Effekte, die es auf andere hat, hingewiesen werden, dann beurteilen wir sie als einsichtige, kluge, freundliche und trotz allem rücksichtsvolle Menschen. Fangen sie jedoch statt dessen an, auf ihr vermeintliches Recht zu pochen, sich lustig zu machen und ihr ungutes Verhalten trotzig zu intensivieren, dann wird aus einer Beurteilung zu Recht schnell eine Verurteilung.
 
Der Maßkrug-Schläger „verdient“ eine Strafe. Ist er einsichtig und gelobt Besserung, kann sich das zu seinen Gunsten auswirken. Es kommt eben auch darauf an, wie erwachsen und verantwortungsbewusst man mit den eigenen Fehlern umgeht.
 
Tatsachen sind keine Urteile.
 
Das Verhalten von Menschen, die tierliche Produkte konsumieren, fügt in vielerlei Hinsicht Schaden zu. Das ist weder eine Meinung noch ein Urteil, sondern eine Tatsache. Auch wenn die Tatsache mit wertenden Worten vorgetragen wird, bleibt sie eine Tatsache.
 
Tiere sind die unmittelbar Leidtragenden der nichtveganen Lebensweise. Sie werden auf schreckliche Weise gewaltsam erzeugt, gemästet, ausgebeutet und getötet, aus dem Hinterhalt erschossen, mit Ködern in Fallen gelockt, für abscheuliche und widerwärtige Experimente gequält, zu Unterhaltungsclowns gemacht oder müssen ihr ganzes Leben in einem für ihre Verhältnisse winzigen Gefängnis verbringen. Die Liste dessen, was Tieren angetan wird, ist erschreckend lang. Für Veganer*innen ist das der Hauptgrund, vegan zu leben und wird es immer sein.
 
Aber da entsteht noch mehr Schaden und der trifft auch uns Menschen ganz direkt und bedroht unsere Zukunft und die der anderen Lebewesen. Bei der Erzeugung tierlicher Produkte entstehen massive Veredelungsverluste1, die die Umwelt belasten. Viel zu viel unberührte Natur wird für Futtermittelanbau und Weiden zweckentfremdet. Regenwälder und ihre Biodiversität2 werden hauptsächlich deswegen vernichtet. Das Grundwasser3 wird mit Nitrat4 und Antibiotika56 verseucht. In den Ställen werden multiresistente Bakterien78 und Zoonosen910 regelrecht herangezüchtet. Die Auswirkungen auf Klima und Umwelt11  sind dramatisch und gründlich belegt. Die Vorsichtsmaßnahmen12, die von der Verbraucherzentrale Hamburg für den Umgang mit Fleischprodukten empfohlen werden, sprechen eine deutliche Sprache.
 
Es ist somit völlig in Ordnung und sogar dringend notwendig, ein derart zerstörerisches und rücksichtsloses Verhalten zu beurteilen und es laut und deutlich zu brandmarken.
 
Warum? Damit die Menschen, die sich womöglich noch nie über diese Wirkungen ihres Verhaltens Gedanken gemacht haben, eine Chance bekommen, ihr Verhalten zu korrigieren.
  
Wann man sich angesprochen fühlt – oder nicht.
 
Grundsätzlich hat man die Wahl zwischen sich angesprochen fühlen und verurteilt fühlen. Wie eine Tatsachenbotschaft bei uns ankommt, hängt nicht nur von ihrem Inhalt ab, oder der Art, wie sie überbracht wird, sondern auch zu einem guten Teil davon, in welcher Stimmung wir sind und ob wir gelernt haben, mit unangenehmen Wahrheiten konstruktiv umzugehen.
 
Bin ich bereit, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen, dann erlebe ich Informationen und Diskussionen primär als Erkenntnisgewinn, als bereichernd, und zwar selbst dann, oder vielleicht sogar gerade dann, wenn mir dadurch klar wird, dass ich dringend etwas ändern sollte und dies auch kann. Tatsächlich empfinden viele Neuveganer*innen es als befreiend und beglückend, selbst ganz direkt etwas tun zu können, Einfluss nehmen zu können, nicht auf Politik und Gesellschaft warten zu müssen. Die Umstellung wird nicht als Zwang empfunden, sondern als Befreiung. „Hier ist ein Problem, ich war daran beteiligt, aber nun nicht mehr.“ Das ist einfach und schön.
 
Bin ich hingegen nicht bereit, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen, dann fühle ich mich gegen die Wand gedrängt, beschuldigt, verurteilt, und flüchte mich in eine diffuse Abwehrhaltung, die einfach nur versucht, den „schwarzen Peter“ irgendwo anders hin zu schieben.
 
Das zweite Verhalten ist oft eine geradezu reflexhafte Reaktion. Wir erleben ganz vieles  erst einmal als Beschuldigung. Das ist einfach so wie es ist und wird erst dann zum Problem, wenn man nicht in der Lage ist, nach der ersten Empörung einen Schritt zurück zu treten und die Information in Ruhe und möglichst sachlich zu … bewerten.
 
Nicht selten durchlaufen die Empfänger*innen einer unbequemen Botschaft beide Phasen. Erst die reflexhafte Empörung, – „Was fällt dir eigentlich ein?!“ -, etwas später, wenn man sich beruhigt und darüber nachgedacht hat, dann das „Eigentlich hast du ja Recht“.
 
Es gibt noch eine dritte Reaktion und zwar die, sich einfach gar nicht angesprochen zu fühlen. Wenn jemand sagt: „Ich finde, die Abseitsregel gehört abgeschafft!“, dann kann sich unter echten und vermeintlichen Fußball-Expert*innen eine durchaus hitzige Diskussion entspinnen, während Menschen, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren, höchstens mit den Schultern zucken und sich anderen Dingen zuwenden.
 
Wenn also jemand eine Diskussion beginnt oder darauf einsteigt, kann davon ausgegangen werden, dass das Thema in irgendeiner Weise für diese Person wichtig ist. Wer sich von der Darstellung der Fakten angegriffen und verurteilt fühlt, kämpft in dem Moment möglicherweise gar nicht gegen den Überbringer der Nachricht, sondern hadert mit dem eigenen Gewissen13.
 
Was Nichtveganer*innen im Allgemeinen komplett übersehen, ist, dass fast alle Veganer*innen beide Seiten 14 kennen. Fast alle wuchsen in nichtveganen Familien auf, kennen und mochten nichtveganes Essen, haben oft über Jahre oder Jahrzehnte nichtvegan gelebt. Bei manchen hat es von einem Moment zum anderen „Klick“ gemacht, andere wurden in einem langen Prozess vegan.
 
Sie alle haben gemeinsam, dass sie sich irgendwann den Tatsachen gestellt haben, so unangenehm diese auch sind, und sich bewusst dafür entschieden haben, die Erwachsenenschuhe anzuziehen, Verantwortung zu übernehmen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Dies ist von allen Möglichkeiten die beste und nachhaltigste, um mit der quälenden kognitiven Dissonanz15 fertig zu werden.
 
Bewertungen und Beurteilungen sind also nicht von vornherein schlimme Dinge, die um jeden Preis oder um der Höflichkeit willen vermieden werden müssen. Verurteilungen können nicht nur angebracht, sondern sogar dringend nötig sein.  Die Situation ist der maßgebliche Faktor.
 
Die Situation der Tiere ist dramatisch und unfassbar fürchterlich. In ihrem Falle hilft kein Schönreden und keine Leisetreterei. Sie leiden, sie werden getötet, sie werden züchterisch bis zur Lebensunfähigkeit deformiert, denn es reicht ja, wenn sie bis zum geplanten Tötungstag durchhalten, oder eben so lange, wie sie maximale oder mindestens profitable Produktion (Eier, Milch, Honig, Wolle usw.) „abliefern“ können.
 
Da sie keinerlei Möglichkeit haben, für sich selbst einzutreten, ist es unsere Pflicht, ihnen zur Seite zu stehen und uns für sie einzusetzen. Sie sind die einzigen Opfer in der Geschichte der Menschheit, die darauf angewiesen sind, dass ihre Unterdrücker von selbst die Bereitschaft entwickeln, sich zu ändern.
 
Bei genauer Betrachtung ist es doch eigentliche eine tolle Sache, auf ein Problem hingewiesen zu werden und die Lösung gleich mitgeliefert zu bekommen. Oder nicht?
 
Es war noch nie so einfach, genußvoll und schön, vegan zu leben. Mach’s einfach. Du weißt, dass es das Richtige ist. 
 

  1. https://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung – GEO: Wir müssen weg vom Fleisch []
  2. http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/soja.htm []
  3. https://www.br.de/nachrichten/ursache-hohe-nitratwerte-100.html []
  4. https://www.umweltbundesamt.de/indikator-nitrat-im-grundwasser []
  5. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/antibiotika-im-grundwasser-im-landkreis-cloppenburg-wurde-sulfamidin-nachgewiesen-13260916.html, []
  6. http://www.wiwo.de/technologie/green/living/viehzucht-umweltbundesamt-weist-antibiotika-im-grundwasser-nach/13548750.html []
  7. https://www.br.de/nachrichten/antibiotikaresistente-keime-in-supermarktfleisch-100.html, []
  8. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-11/multiresistente-keime-mrsa-antibiotika-massentierhaltung-keimkarte/komplettansicht []
  9. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-zoonosen-seuchen/komplettansicht, []
  10. https://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_Lebensmittel/04_Zoonosen_Monitoring/Zoonosen_Monitoring_Bericht_2016.pdf?__blob=publicationFile&v=4 []
  11. http://www.ariwa.org/index.php?option=com_content&view=article&id=63&Itemid=79 – Hervorragender Artikel von Animal Rights Watch mit zahlreichen Quellen []
  12. http://www.vzhh.de/ernaehrung/158716/keime-im-putenfleisch-was-tun.aspx []
  13. http://veganswer.de/wenn-das-gewissen-urlaub-macht/ []
  14. http://veganswer.de/du-hast-frueher-selbst-fleisch-gegessen/ []
  15. http://veganswer.de/kognitive-dissonanz/ []