Ideologische Verblendung

Das wird Veganern gern und häufig vorgeworfen und zwar ausgerechnet von Menschen, die ebenfalls einer Ideologie anhängen, sich diese aber, im Gegensatz zu Veganern, nicht bewusst ausgesucht haben, sondern sie einfach kritiklos von ihren Eltern und anderen Autoritäten übernommen haben.

Was bedeutet eigentlich das Wort Ideologie? Es wird ja meist in einem negativen Zusammenhang verwendet, aber hat es diese Bedeutung tatsächlich? Schauen wir doch einfach mal nach:

„Als wertfreier Begriff ist eine Ideologie die Gesamtheit der Ideen, Kategorien und Theorien, die von den bekennenden Mitgliedern einer sozialen Gruppe oder -Organisation als Leitbild zur Begründung und Rechtfertigung des gemeinsamen Handelns anerkannt wird.“1

Aha, eine Ideologie ist also ein Leitbild für das Handeln. So gesehen dürfte es wohl keine vollständig ideologiefreien Menschen geben, da diese sonst nur schwer Entscheidungen fällen könnten und somit kaum handlungsfähig wären. Ohne Ideologie bleibt eigentlich nur die Triebbefriedigung: essen, trinken, schlafen, vermehren. Aber das reicht uns nicht. Wir suchen eben darüber hinaus auch nach Sinn und Werten.

Ich denke, dass wir einfach eine moralisch empfindende Spezies sind. Gerade weil wir über Empathie verfügen, haben wir eine Vorstellung von Ethik. Wir sind eine Spezies, die eine Vorstellung von gut und böse, von richtig und falsch im ethischen Sinne hat. Und deshalb brauchen wir wohl auch Ideologien, weil sie uns helfen, durch diese komplexe Welt zu navigieren und zwar im besten Falle in Übereinstimmung mit unseren Werten und Ansichten.

Was aber, wenn die Ideologie, derer ich mich als Kompass bediene, meinen Werten zuwider läuft? Wenn sie von mir verlangt, mich bei offensichtlicher Grausamkeit abzuwenden, wenn sie es erforderlich macht, Gewaltopfer im Stich zu lassen und ihren Peinigern auszuliefern? Was, wenn meine Ideologie mich zu einem direkten oder indirekten Gewalttäter macht? Was, wenn meine Ideologie widersprüchlich ist, mir einerseits eintrichtert: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andren zu.“, mir aber gleichzeitig erlaubt, andere auszubeuten und zu töten, weil das eben „schon immer so war“?

Habe ich dann nicht die Pflicht, vor mir selbst als einem moralischen Wesen, diese Ideologie in Frage zu stellen? Habe ich nicht die Pflicht, zu überprüfen, ob meine Ideologie gut und richtig für mich ist? Sollte ich mich nicht fragen, ob eine Ideologie, die offensichtlich schlecht für andere ist, überhaupt gut für mich sein kann? Und habe ich letztlich nicht auch die Verantwortung für die Ideologie, die ich mir aussuche?

In diesem Sinne gebe ich gerne zu, dass ich „ideologisch verblendet“ bin. Doch die Ideologie des Veganismus ist eine freundliche Ideologie des Mitgefühls und der gegenseitigen Achtung, unabhängig von Spezies oder Rasse.

Und eben weil ich die Freiheit habe, es mir auszusuchen, entscheide ich mich doch lieber dafür, mitgefühls-verblendet zu sein, statt grausamkeits-verblendet oder abgestumpftheits-verblendet. Ich entscheide mich für die Achtung der existentiellen Rechte aller empfindungsfähigen Lebewesen, statt für deren Missachtung.

Ein Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier, muss nicht nach meinen Maßstäben intelligent oder hübsch sein, um ein Recht auf sein Leben zu haben. Es muss mir nicht gleichen, es muss mich nicht mögen. Es schuldet mir nichts, es ist mir zu nichts verpflichtet, ich habe keine Rechte an ihm und zwar auch dann nicht, wenn ich dem Lebewesen etwas (vermeintlich) Gutes tue.

Meiner Meinung nach haben alle Lebewesen dieser Erde2 ein Recht auf ihr eigenes Leben und darauf, dieses unbehelligt von mir in freier Selbstentscheidung führen zu dürfen. Ich muss sie nicht lieben. Ich muss sie einfach nur in Ruhe ihr Leben leben lassen. Das ist meine Ideologie.

 

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Ideologie []
  2. dieser Galaxie, dieses Universums, aller Universen, etc. pp. []