Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung

 

Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung. Da essen sie ihre Tofuwürste, während andere Menschen froh wären, überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Selbstgefällig denken sie die Welt zu retten, weil sie keine Eier und keine Milch mehr essen, obwohl Oma damals nach dem Krieg hungern musste. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und es ist nichts anderes als Dekadenz, sich derart über das Essen zu definieren.

Wisst ihr, was noch eine Wohlstandserscheinung ist? Hartz IV. In anderen Ländern gibt es nicht mal ein Grundsicherungssystem. Und die Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung zu haben. Oder die Diskussionen über Mietpreise. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt eine Unterkunft zu haben. Und Niedriglöhne. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Arbeit zu haben.

Wer bestimmte Phänomene zu „Wohlstandserscheinungen“ erklärt, der stellt nicht nur fest. Vielmehr geht es um eine wertende Aussage. „Das ist nur in einer Wohlstandsgesellschaft möglich. Das hat keine Berechtigung.“ Weil es immer noch schlimmer geht, darf man das weniger Schlimme gar nicht diskutieren.

Veganismus ist ein Wohlstandsphänomen. Sich Nahrung aussuchen zu dürfen, ist ein Privileg. Und ich stimme dem zu. Mir keine Sorgen machen zu müssen um meine Nahrung, auswählen zu können zwischen tausenden Nahrungsmitteln – das ist ein Privileg. Aber wisst ihr, was noch ein Privileg ist? Jeden Tag Fleisch essen zu dürfen. Jeden Tag wählen zu können zwischen Wurst und Fleisch vom Schwein, vom Rind, vom Huhn, vom Fisch, vom Lamm. Jeden Tag Käse, Eier und Milch konsumieren zu können, ebenso wie Lederprodukte, Wolle und Pelz. Und die Dekadenz steigert sich, wenn man wählen kann zwischen Brust, Nacken, Bauch, Rücken, Bein und Schulter. Während die Schlachtabfälle für Westafrika gerade gut genug sind.

Der Wohlstand der Nationen erhebt sich nicht auf pflanzlicher Nahrung. Er erhebt sich auf den Leichenbergen von Milliarden Tieren, deren Körperteile in jeglicher Form verarbeitet wurden und werden. Zivilisationen und Kulturen wachsen in dem Grade, Tiere in jeglicher Gestalt zu verwerten. Aber ist das ein ethisches Argument? Die Pyramiden wären niemals ohne Sklavenarbeit erbaut worden. Die kapitalistische Produktion hätte ihren Wohlstand niemals ohne Frauen- und Kinderarbeit erreicht. Der transatlantische Sklavenhandel hat immense Reichtümer geschaffen. Ist das denn ein Argument für Unterjochung und Gewalt, für Sklaverei, Patriarchat und Kinderarbeit?

Manche können sich die Geschichte ohne die Unterjochung von Schwarzen, Versklavten und Frauen vorstellen. Aber sie können sich nicht vorstellen, keine Tiere mehr zu nutzen. Wer zugibt, dass Schwarze, Frauen und Versklavte unterjocht wurden und das Teil unserer Geschichte ist, und proklamiert, dass das heute nicht mehr sein muss, der muss auch zugeben, dass die Geschichte ohne die Nutzung von Tieren nicht zu schreiben ist, aber in Bezug auf die Zukunft so geschrieben werden kann.

Wer sich eine Welt ohne Versklavte und die Unterdrückung von Schwarzen und Frauen vorstellen kann, nicht aber ohne die Nutzung von Tieren, der offenbart nicht nur grundlegende geschichtliche Unkenntnis, sondern auch einen Mangel an Vorstellungsvermögen. Da wird auf tierlichen Dünger verwiesen, ohne den die Landwirtschaft nicht funktionieren könne, ohne zu erkennen, dass das einfach das Ergebnis von hunderten von Jahren Tiernutzung ist, die sich in unseren Institutionen, in unseren Praktiken und auch in unserem Denken festgesetzt hat. Man kann sich derzeit auch keine Welt ohne Kapitalismus vorstellen – aber ist das denn ein Argument? Man konnte sich auch mal eine Welt ohne Sklaverei nicht vorstellen – denn die ökonomischen Vorteile lagen für einige klar auf der Hand. Eine Welt ohne Sklaverei aber ist möglich, ebenso wie eine Welt ohne die Nutzung von Tieren. Es bedarf dazu nur ein wenig guten Willens, um den Blickwinkel, dass Tiere per se minderwertig und Produktionsmittel und Waren sind, zu ändern. Der Verweis auf entfernte Regionen, die heute noch auf die Nutzung von Tieren angewiesen sind, ist nichts anderes als ein Hohn und eine fadenscheinige Verlagerung der Argumentation. Was hat die Tierhaltung in Indien oder Argentinien damit zu tun, wie Tiere bei uns behandelt werden? Hier werden andere Menschen nur wieder instrumentalisiert, um hemmungslosen Fleischkonsum zu rechtfertigen.

Es ist an Zynismus nicht zu überbieten. Wer den Veganismus eine Wohlstandserscheinung schimpft, ist meistens auch von jenem Schlage, zu konstatieren, dass der Mensch stets dem Tier zu bevorzugen sei. Und zwar vor dem Hintergrund, sich weder um Menschen noch um Tiere zu scheren, sondern Menschen nur deswegen hoch zu bewerten, um Tiere damit abwerten zu können.

Wer also in unseren Breitengraden tierliche Produkte konsumiert, zwischen Leder und Pelz wählen kann, die Vorteile des Gesundheitssystems in Anspruch nimmt, eine Renten- und Arbeitslosenversicherung hat, in den Urlaub gehen und für seine Rechte eintreten kann – derjenige hat das Recht verwirkt, den Veganismus als Wohlstandserscheinung zu diskreditieren.