Von Gutmensch zu Gutmensch Wie sage ich's ... (Folge 2)

Wer mit Nichtveganer*innen über die ethische Notwendigkeit einer veganen Lebensweise diskutiert, erntet selbst bei höflichem Umgang und besonnener Argumentation irgendwann im Laufe des Gesprächs oftmals die säuerliche Entgegnung: „Für dich bin ich also ein schlechter Mensch, nur weil ich mich nicht vegan ernähre.“1 Wir haben dann immer mehrere Möglichkeiten, auf diese Konflikteinladung zu reagieren: konfrontieren, beschwichtigen, versachlichen oder kreativ verstören.

Konfrontation

Ich könnte beispielsweise antworten: „Immerhin werden für dein egoistisches Vergnügen Tag für Tag fühlende Lebewesen brutal abgestochen.“

Diese konfrontative Aussage ist zwar sachlich richtig, sorgt aber dafür, dass sich mein Gegenüber augenblicklich gekränkt aus dem Gespräch verabschiedet. Vielleicht folgt auch ein Gegenangriff, der in kernigem Duktus differenziert darlegt, was mit mir so alles nicht stimmt.

Wenn Menschen sich persönlich angegriffen fühlen, schwindet ihre Bereitschaft Neues zu lernen erheblich. Das gilt auch dann, wenn die Kritik völlig berechtigt ist. Sogar, wenn die Kritisierten das insgeheim vielleicht längst wissen.2 Sie reagieren reflexartig mit Widerstand und sind dann nicht mehr bereit, das eigene Verhalten zu überprüfen oder gar zu verändern. Genau diese Verhaltensänderung ist aber unser eigentliches Gesprächsziel.

Beschwichtigung

Eine beschwichtigende Reaktion wäre: „Nein, nein, ich wollte dich auf keinen Fall persönlich angreifen. Tut mir leid, wenn das so bei dir angekommen ist. Es ist natürlich ganz allein deine Entscheidung, wie du lebst und wie du dich ernährst.“ Diese Reaktionsmöglichkeit wird von vielen Veganer*innen bevorzugt, weil sie einen verlockenden Vorteil hat. Sie verhindert eine Eskalation der Situation und damit eine Beschädigung meiner guten Beziehung zu meinem Gegenüber.

Bei genauer Betrachtung bezahlen wir aber für diese Art Beziehungspflege einen sehr hohen Preis. Wir verraten unsere eigenen Wertvorstellungen und die elementaren Interessen der wehrlosen Opfer der Tierausbeutung. De facto erteilen wir jemand die Absolution, etwas weiterhin zu tun, das wir ‚eigentlich‘ aus guten Gründen als Unrecht verurteilen. Wir anerkennen indirekt, dass jemand sein persönliches Vergnügen höher bewertet als das Leben und Leiden anderer. Aus einer moralischen Perspektive ist es aber keineswegs Privatsache, ob man anderen vorsätzlich Leid zufügt (bzw. andere dafür bezahlt, dass sie es in unserem Auftrag tun). Deshalb ist es unsere Pflicht, in geeigneter Weise auf das Unrecht hinzuweisen, das sich hinter dem Verhalten unserer Mitmenschen verbirgt.

Versachlichung

Eine dritte Möglichkeit, mit dem Angriff umzugehen, besteht darin, das Thema auf die Sachebene zu ziehen. Ich könnte antworten: „Es steht mir nicht zu, zu beurteilen, ob du ein guter oder ein schlechter Mensch bist. Ich bin allerdings schon der Meinung, dass dein Verhalten in Bezug auf den Umgang mit Tieren zumindest teilweise nicht in Ordnung ist.“ Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass auch sie einer weiteren Eskalation entgegenwirkt, ohne jedoch den eigenen Standpunkt aufzuweichen oder aufzugeben. Ich weise den Angriff freundlich zurück. Gleichzeitig konkretisiere ich meinen Kritikpunkt und stelle klar, dass das eben meine persönliche Sicht der Dinge ist.3

Allerdings hat die Versachlichung bzw. Ent-Emotionalisierung des Themas nicht nur Vorteile. So sehr Emotionen Gespräche belasten und die Beziehungen zu unseren Mitmenschen beschädigen können, so wichtig sind sie aber auch für persönliche Veränderungen. Emotionen helfen uns, für das Unrecht der eigenen Handlungen sensibel zu werden. Sie befähigen uns, Empathie für die Opfer unserer Aktionen zu entwickeln.

Kreative Verstörung

Statt anzugreifen, mich klein zu machen oder das Gespräch auf die rein rationale Ebene zu verlagern, kann ich auch entgegnen: „Nein, ganz im Gegenteil. Ich halte dich für einen guten Menschen. Sonst würde ich mit dir gar nicht über dieses Thema reden. Ich bin überzeugt, du möchtest niemandem schaden. Du willst schon gar nicht, dass andere für deine Vorlieben leiden und mit ihrem Leben bezahlen müssen.“schlechter_mensch_01

Diese Antwort kann sehr wirkungsvoll sein – zumindest in Gesprächen mit Nichtveganer*innen, die betonen, Tiere zu lieben. Die meisten Menschen lehnen Tierquälerei entschieden ab. Sie äußern dies auch offensiv in Gesprächen über die ‚Nutzung‘ der Tiere. Anstatt also eine Person mit der Botschaft zu brüskieren: „Für mich bist du nicht in Ordnung, weil du gegen meine Werte handelst“, ist es sinnvoller, ihr zu signalisieren, dass ich sie für einen Menschen halte, der nach Integrität strebt und grundsätzlich gute Absichten verfolgt, aber aus irgendwelchen Gründen noch(!) gegen seine eigenen Werte handelt.

Für den weiteren Verlauf des Gesprächs habe ich nun eine gute inhaltliche und emotionale Basis geschaffen. Jetzt kann ich meinem Gegenüber freundlich erläutern, wie ich selbst den Widerspruch zwischen der Ablehnung von Tierquälerei und meinem Konsum tierlicher Produkte überwunden habe. Ich kann von meiner eigenen Inkonsistenz erzählen. Von dem allmählichen Prozess, in dem ich Schritt für Schritt die unheilvollen Zusammenhänge immer besser vestand. Ich kann von der eigenen Scham und Trauer berichten, der ich im Angesicht des von mir verursachten Leids begegnete. Ich kann beschreiben, welche emotionale Befreiung und welches Glück in meinem Leben mit der Entscheidung für Achtsamkeit und Frieden einherging. Ich kann gestehen, wie schwierig auch mir ein veganes Leben anfangs erschien, und wie verblüffend einfach und lustvoll diese Wandlung sich dann tatsächlich vollzog.

Manchmal endet das Gespräch auch nach der kreativen Verstörung des ‚guten Menschen‘. Auch das darf durchaus so sein, denn die Begegnung endet auf diese Weise versöhnlich. Mein(e) Gesprächspartner*in hat in der Folge die Chance zu erkennen, dass sein/ihr im Gespräch sukzessive aufgebauter Unmut gar nichts mit dem ‚veganen Moralapostel‘ zu tun hatte, sondern mit der eigenen Inkonsistenz. Es wird deutlich, dass es nicht Klärungsbedarf mit dem/der Veganer*in gibt, sondern mit dem eigenen Gewissen.

 

  1. In diesem Artikel geht es vorrangig um persönliche Gespräche unter vier Augen mit Menschen aus unserem eigenen sozialen Umfeld. Die psychologischen Überlegungen sind auf Gespräche mit Gruppen von Nichtveganer*innen oder auf Internet-Diskussionen nicht immer 1:1 übertragbar. []
  2. Konfrontierende Aussagen sind im Vier-Augen-Gespräch nur selten hilfreich. In anderen Kontexten können sie durchaus zielführend sein, z.B. in Talkrunden, um Lügner, Leugner, und Verharmloser der Tierausbeutung zu entlarven. Auch in Online-Diskussionen kann es sinnvoll sein, deutliche Worte (aber keine Beleidigungen!) zu finden, z.B. um aggressiven Antiveganer*innen die Stirn zu bieten. Das Ziel ist dann aber weniger, die Aggressor*innen zu überzeugen, sondern die stillen Mitleser*innen ins Nachdenken über die eigene Position zu bringen. []
  3. Die Strategie ‚Versachlichung‘ ist sehr gut geeignet, wenn mein Gegenüber in seinem Angriff noch einen Schritt weitergeht. Wenn mein Gegenüber mir nicht unterstellt, ich würde es für einen schlechten Menschen halten, sondern mich direkt anklagt: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres.“ Einen ausführlichen Artikel zu diesem Vorwurf gibt es hier: http://veganswer.de/ihr-haltet-euch-fuer-was-besseres/ []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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