Warum ist dir das so wichtig? Warum vegan? Was treibt dich an?

Das wurde ich kürzlich gefragt. „Warum setzt du dich so vehement und nachdrücklich für diese Angelegenheit ein?“

Ich antwortete: Gerechtigkeit.

„Gerechtigkeit. Sie leiden unfassbar und haben keine Möglichkeit, sich für sich selbst einzusetzen. Sie haben keine Rechte. Sie brauchen Fürsprecher. Weil dieser Wahnsinn sonst nie aufhören wird. “

Doch das ist eigentlich nur die rationale, eher kühle Begründung, die ich mir in den vergangenen 5 Jahren Tierrechtsliteratur angelesen habe. Das, was sich logisch aus ethischen Überlegungen zum Thema Grundrechte schlussfolgern lässt. Das, was sich aus dieser Logik heraus fordern lässt.

Ich hätte antworten sollen: Weil ich will, dass das aufhört! Weil es weh tut! So entsetzlich weh!

Weil ich eines Tages ganz plötzlich die volle Bedeutung des Satzes „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.“ begriffen habe.

A very sick piglet is picked up, assessed and immediately given water.

A very sick piglet is picked up, assessed and immediately given water. Foto von Jo-Anne McArthur, We Animals:
http://weanimals.org/gallery.php?id=80#ph2

Weil ich Mit-Leid habe mit ihnen. Weil ich nächtelang geheult habe bei der Vorstellung, wie es ihnen ergeht, am Boden zerstört war, entsetzt und – ja, ich denke, der Begriff ist legitim – schwer traumatisiert. Ich hatte wochenlang Alpträume und es gab sogar Phasen, da wollte ich nicht mehr weiterleben in einer Welt, in der so etwas den Unschuldigsten angetan wird, und unter Menschen, die derartige Grausamkeiten „Broterwerb“ nennen und anderen, die geflissentlich die Augen davor verschließen, aus Bequemlichkeit und Feigheit. Nur die Verantwortung, die ich vor Jahren für ein anderes Wesen übernommen habe, hat mich damals davon abgehalten, dieser Scheiß-Welt einfach den Rücken zu kehren.

Ich will, dass ihr Leid aufhört, damit auch meines endet. Egoistisch? Vielleicht. – Vielleicht gibt es ja auch nützliche Formen des Egoismus.

Am 3. Mai 2011 erwähnte ein Bekannter eher nebenbei das traurige Thema der Schlachtfehler, weil er es kürzlich irgendwo in der Zeitung gelesen hatte. Ich war völlig vor den Kopf gestoßen. Das konnte doch nicht sein. Es ist doch alles reglementiert, reguliert und wird sorgfältig überwacht. So glaubte ich. Und ich wähle das Wort „glauben“ mit Bedacht.

Den ganzen Tag über ging mir das im Kopf herum und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: „Ja, aber selbstverständlich, Menschen machen Fehler. Immer wieder. Selbst bei größter Sorgfalt. Aber dort muss es schnell gehen, es wird teils im Akkord gearbeitet, die Fließbänder laufen und dürfen nicht stillstehen. Selbstverständlich werden dort Fehler gemacht.“ Ich war so entsetzt bei dem Gedanken an die Konsequenzen dieser Fehler, dass ich wie betäubt durch den Tag ging.

Abends setzte ich mich dann an den Computer und begann meine Recherche und fand heraus, dass alle meine Befürchtungen wahr sind und von der Realität sogar noch weit übertroffen werden. Ich muss hier nicht ins Detail gehen. Alle, die es wirklich wollen, können mit ein paar Mausklicks leicht selbst in Erfahrung bringen, wie unfassbar die Tiere von uns gefoltert werden. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. In allen Bereichen. Egal, ob für Nahrung, Kleidung, Unterhaltung, Sport, Forschung, Freizeit – wo auch immer du genauer hinsiehst: nacktes Entsetzen, grausamste Folter, abgrundtiefe Verzweiflung.

Am Morgen des 4. Mai 2011 stand für mich fest, dass ich freiwillig nicht einen Cent mehr in die Tierausbeutungsindustrie stecken würde. Dass ich Tierprodukte fortan meiden würde, wo immer es mir möglich ist. Am Leichtesten geht es bei der Ernährung, bei der Kleidung, bei der Hygiene. Gleichzeitig erzielt man dort auch die größte Wirkung.

Wir, unsere vermeintliche Zivilisation, schwimmen wie Fettaugen auf einer Suppe des Wahnsinns, des abgrundtiefen Entsetzens, unfassbarer Schmerzen, eines alltäglichen Elends, das jeder Beschreibung spottet. Die Opfer könnten wehrloser nicht sein. Sie haben keine Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen. Sie schreien zwar und über Körpersprache und Augenkontakt teilen sie uns überdeutlich mit, wie sehr sie leiden. Sie betteln auf ihre Weise um Gnade, aber es ist so leicht, das zu ignorieren, denn wir sehen es nicht. Ihr Leid wird wohlweislich vor uns versteckt. Es hat schon seinen Grund, warum die Transporte möglichst nachts stattfinden, warum alles möglichst hinter verschlossenen Türen passiert. Denn die meisten Menschen sind gut im Herzen und mitfühlend.

Müssten wir bei jedem Kauf eines Schnitzels ein Schlachthofvideo ansehen, müssten wir bei jedem Kauf einer Tüte Milch oder eines Stück Käses die abgrundtiefe Verzweiflung von Kuhmutter und -kind ansehen, wenn sie getrennt werden, müssten wir bei jedem Kauf eines Merino-Wollpullovers ansehen, was beim Mulesing passiert, dann wäre es längst vorbei mit den Grausamkeiten, weil niemand mehr diese Produkte des Grauens kaufen würde.

Aber es ist nicht notwendig, sich zu traumatisieren mit solchen Videos und Bildern. Man kann auch über Ethik und Moral bei dieser Erkenntnis ankommen. Es gibt viele gute Bücher zu dem Thema. Mein derzeitiges Lieblingsbuch ist „Empty Cages“ von Tom Regan. Ich schätze es deswegen so sehr, weil er auch so viel Verständnis für uns hat. Dafür, dass wir uns haben in die Irre leiten lassen. Seine Texte sind von tiefem Mitgefühl durchdrungen, auch für uns. Er verurteilt uns nicht, er erklärt einfach nur, warum Tiere dieselben Grundrechte haben sollten wie wir. Das tut er gut. Schade, dass es nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Dann gäbe es da noch Gary Franciones „Essen als Engagement: Über die Moral des Tierkonsums“ und Hilal Sezgins wunderbares „Artgerecht ist nur die Freiheit„.

Bitte lest diese Bücher. Bitte informiert Euch. Und helft mit, dieses Grauen zu beenden. Wenn Ihr nur wüsstet, dass es kein Verzicht ist, dass das Leben in Wirklichkeit besser wird, so viel besser! Warum glaubt Ihr die Märchen und Lügen und Beschönigungen der Tierausbeuter, aber nicht denen, die Euch aus eigener Erfahrung versichern können, dass vegan zu leben eine ungeheure Bereicherung ist und eine Erleichterung des Gewissens, die kaum zu übertreffen ist.

Ich habe nichts verloren. Ich habe gewonnen dadurch. Vor allem mich selbst. Meine Integrität. Meine Selbstachtung. Und ein Ziel: Ich will, dass das aufhört!

Dafür werde ich mich bis ans Ende meines Lebens im Rahmen meiner Möglichkeiten und Begabungen einsetzen.

#DieZukunftistvegan

Über Susanne

Froh, vegan zu sein, als ob atheistisch nicht schon gereicht hätte.
Fühlende Wesen sind kein Eigentum. Ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Freiheit, ihr Recht.

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