Warum vegan? Worum es beim Veganismus geht, was für eine vegane Lebensweise spricht und warum vegetarisch nicht reicht.

Was bedeutet vegan?

Der Begriff ‘vegan’ wurde im Jahr 1944 von den Brit*innen Donald Watson und Dorothy Morgan ‘erfunden’, indem sie die ersten drei und die letzten beiden Buchstaben des Wortes vegetarian zu einem neuen Wort kombinierten. Sie gründeten die Vegan Society, deren Ziele erstmals im November 1944 in einem Manifest veröffentlicht wurden. Dort heißt es: „Veganismus ist eine Lebensweise, die bestrebt ist, soweit möglich und durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was dem Nutzen der Tiere, Menschen und der Umwelt dienen soll.”1

Veganismus bezeichnete von Anfang an eine ethisch motivierte Haltung und keineswegs nur ein bestimmtes Ernährungsverhalten. Es ist ausdrücklich von einer Lebensweise die Rede, die bestrebt ist, der Ausbeutung und grausamen Unterdrückung der Tiere durch den Menschen entgegenzutreten. Es geht in erster Linie darum, unseren Sinn für Gerechtigkeit auf leidensfähige nichtmenschliche Tiere auszuweiten, also Tierquälerei ebenso abzulehnen wie Rassismus, Sexismus oder andere Formen menschlicher Diskriminierung.

Wer vegan lebt, übernimmt soziale Verantwortung und achtet darauf, durch sein Handeln möglichst wenig Leid zu verursachen. Hinzu kommt das Bemühen, mit den Ressourcen dieses Planeten schonend umzugehen. Auch das Mitgefühl, das wir angesichts des furchtbaren Leids der Tiere empfinden, spielt eine wichtige Rolle beim veganen Leben. Es ist aber nicht das Hauptmotiv. Dass sich eine ausgewogene, tierproduktfreie Ernährung auch äußerst positiv auf unsere geistige und körperliche Gesundheit auswirkt, ist ebenfalls nicht das zentrale Anliegen, sondern ein erfreulicher Zusatznutzen des Veganismus.

Gute Gründe für eine vegane Lebensweise

Allein in Deutschland werden jährlich mehr als 750 Millionen sogenannte Nutztiere für den menschlichen Verzehr gezüchtet und getötet. Darunter sind 627 Millionen Hühner, 59 Millionen Schweine und 3,6 Millionen Rinder.2 Das bedeutet mehr als zwei Millionen Opfer täglich! 98 % dieser Tiere entstammen der Massentierhaltung, einer hochindustrialisierten, auf Effizienz getrimmten Nutzungsform, deren Ziel es ist, maximal profitabel Lebewesen in Lebensmittel zu verwandeln. In immer größeren Produktionseinheiten werden Tiere als Waren ohne jeden moralischen Wert unter unwürdigen Bedingungen auf engstem Raum eingesperrt, teilweise grausam verstümmelt, gemästet und getötet. Sie sind noch kleine Kinder oder gar Babys, wenn wir ihre Leben auslöschen. Hühner werden 38 Tage alt, Kälber maximal wenige Wochen, Schweine gerade mal ein halbes Jahr.

Was wir den Tieren hinter den verschlossenen Türen der Tierfabriken und Schlachthöfe an Leid zufügen, übersteigt unsere Vorstellungskraft und ist einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig. Es ist beispielsweise legal und gängige Praxis, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren, ihnen die Zähne abzuschleifen und die Schwänze zu kupieren. Es ist erlaubt, Hühnern auf äußerst schmerzhafte Weise die Schnäbel zu kürzen und Kälber zu enthornen. Viele Kühe fristen ihr ganzes Leben in Anbindehaltung, was eine fast vollständige Bewegungslosigkeit bedeutet. Zuchtschweine verbringen mindestens fünf Monate im Jahr in sogenannten Kastenständen, Metallgitterkonstruktionen, die nur unwesentlich größer sind als die Tiere selbst. Dort können sie sich weder umdrehen noch vorwärts oder rückwärts bewegen. In der Hühnerhaltung wird den Tieren gerade mal ein Platz von 0,04 m2 zugestanden. Das ist weniger als die Fläche eines DIN A4-Blatts.

Wir nehmen ihnen ihr Leben schon lange bevor wir sie töten. Foto: Jo-Anne McArthur

Foto: Jo-Anne McArthur

Jeder Mensch weiß aus eigener Beobachtung, dass Tiere in ähnlicher Weise Freude und Leid empfinden können wie wir Menschen. Kaum jemand wird ernsthaft in Frage stellen, dass auch sie gerne in Freiheit ihr Dasein genießen möchten und ein elementares Interesse haben, am Leben zu bleiben. Eine Gesellschaft, die sich selbst mit Attributen wie aufgeklärt, human und verantwortungsbewusst beschreibt, müsste schon sehr gute Gründe anführen, um in Übereinstimmung mit dem eigenen Anspruch zu rechtfertigen, dass sie Millionen dieser empfindsamen, sozialen, intelligenten Lebewesen ausbeutet und tötet. Genau diese legitimen Gründe existieren aber nicht.

Es gibt keinerlei Notwendigkeit, Tiere zu essen, anzuziehen oder sonstwie zu nutzen. Wir konsumieren Tiere vor allem deshalb, weil uns dies schon früh im Leben als ‚normales‘ Verhalten beigebracht wurde. Wir finden sie lecker, weil wir auf diesen Geschmack konditioniert sind. Gewohnheit und Geschmack sind aus einer ethischen Perspektive jedoch eindeutig keine legitimen Gründe für das Gemetzel. Es steht uns nicht zu, das eigene Vergnügen höher zu bewerten als das Leben und Leiden anderer fühlender Geschöpfe. Deshalb ist die Entscheidung für eine vegane Lebensweise naheliegend. Sie ist ein Gebot der Menschlichkeit.

Auch aus ökologischen Gründen sollten wir dem Konsum tierlicher Produkte abschwören. Eine Kampagne der Organisation Global Footprint Network ermittelt jährlich den Earth Overshoot Day. Dieser Tag gibt den Zeitpunkt im Jahr an, an dem die Welt genau diejenige Menge an Ressourcen verbraucht hat, die sie im gesamten Jahr maximal zu regenerieren in der Lage ist. 2016 fand der Earth Overshoot Day am 8. August statt.3 So früh wie nie. Konkret bedeutet das, dass die Menschheit 64% mehr Ressourcen verbraucht als die Natur erneuern kann. Wir verbrauchen also im großen Stil die Zukunft unserer Kinder.

Kaum eine andere Branche betreibt Raubbau und Verschwendung so exzessiv und verantwortungslos wie die Massentierhaltung. Sie ist beispielsweise der mit Abstand größte Verursacher von Treibhausgasen und trägt 40% mehr zum Klimawandel bei als alle Transportmittel (Flugzeuge, Schiffe, Kraftfahrzeuge, …) auf dem gesamten Planeten. Allein in Südamerika wurden seit 1980 mehr als 40% des Regenwalds hauptsächlich für die Rinderzucht oder zum Anbau von Soja als Futtermittel abgeholzt.4 Die abgeholzte Fläche entspricht der doppelten Größe Deutschlands. Dieser Trend setzt sich unvermindert fort.

Auch die empfindlichen Ökosysteme der Ozeane sind durch Fischfang vielerorts massiv geschädigt. Die Bestände sind laut WWF bereits heute stark überfischt und werden bis zum Jahr 2048 kollabiert sein, wenn die gegenwärtigen Trends anhalten.5

Für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch werden 15.400 Liter Wasser verbraucht. Es bedarf durchschnittlich 16 pflanzlicher Kalorien, um eine tierliche Kalorie zu erzeugen. Der Wahnsinn hinter diesem ‚Veredelungsverlust‘ wird deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass in dieser verschwenderischen Welt allein im Jahr 2015 sechs Millionen Kleinkinder an Hunger starben6, während die reichen Nationen 80% der weltweiten Soja- und 50% der Getreideernte an ‚Nutztiere‘ verfüttern.7

Es ist auch für unsere Gesundheit keineswegs erforderlich, tierliche Produkte zu konsumieren. Die Academy of Nutrition and Dietetics (AND), der weltweit größte Verband unabhängige(r) Ernährungsberater*innen stellt in seinem kürzlich aktualisierten Positionspapier fest, dass eine gut durchdachte vegane Ernährung für Menschen jeden Alters geeignet ist und zahlreiche gesundheitliche Vorteile bietet.8

Die Behauptung, der Mensch brauche tierliches Protein für ein gesundes Leben, hält sich zwar hartnäckig, ist aber längst widerlegt. Im Gegenteil: Gerade der exzessive Konsum tierlicher Proteine ist für viele Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gicht, Osteoporose und Diabetes (Typ 2) in hohem Maße mitverantwortlich. Die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörende internationale Agentur für Krebsforschung veröffentlichte 2015 das Ergebnis einer Metastudie. 22 Expert*innen aus zehn Ländern hatten mehr als 800 Einzelstudien untersucht und kamen zu dem Ergebnis: Verarbeitetes Fleisch ist sicher krebserregend, rotes Fleisch ist wahrscheinlich krebserregend. Bereits der Konsum von 50 Gramm verarbeiteten Fleisch täglich erhöht das Risiko an Krebs zu erkranken um 18%.9

Fazit: Es gibt keine andere einzelne Verhaltensänderung, mit der Sie soviel positive Wirkungen erzielen können: für die Tiere, für die Natur und für sich selbst. Eine vegane Lebensweise ist keineswegs extrem. Sie ist das völlig logische, selbstverständliche Resultat der Selbstverpflichtung, anderen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zuzufügen.

Warum nicht vegetarisch?

Vielleicht haben Sie bereits für sich erkannt, dass es falsch ist, Tiere für Konsumzwecke zu töten. Vielleicht fragen Sie sich aber gleichzeitig, ob es denn nicht ausreicht, vegetarisch zu leben. Dies erscheint auf den ersten Blick logisch, weil Vegetarier*innen ja keine toten Tiere essen, sondern lediglich die Produkte lebender Tiere konsumieren.

Bei genauerer Betrachtung werden Sie aber schnell erkennen, dass z.B. die Milchwirtschaft keineswegs besser oder gar ‚humaner‘ agiert als die Fleischindustrie. Sie ist vielmehr ein sehr bedeutender Teil derselben. Auch Milchkühe enden im Schlachthof und werden zu Rindfleisch verarbeitet, sobald ihre ‚Performance‘ nachlässt.

Die Milchindustrie ist sogar besonders grausam, indem sie die Kühe zu Hochleistungsmaschinen degradiert. Wie andere Säugetiere, produziert eine Kuh nur dann Milch, wenn sie zuvor ein Kind geboren hat. Deshalb werden sie einmal jährlich zwangsbesamt. Gemolken werden sie auch während der Schwangerschaft, außer in den letzten zwei Monaten vor der Geburt. Eine Kuh gibt also 44 Wochen im Jahr Milch.

Schon kurz nach der Geburt werden Mutter und Kalb gewaltsam für immer voneinander getrennt. Ein höchst traumatisches Ereignis für beide. Für die Kühe vollzieht sich ein permanenter Kreislauf von Zwangsschwängerung, Schwangerschaft, Geburt, Wegnahme des Kindes, erneute Schwängerung usw. Eine physische und psychische Belastung, die die Kuh maximal fünf Jahre durchhält, bis sie ausgelaugt im Schlachthof landet.

Foto: Jo-Anne McArthur

Foto: Jo-Anne McArthur

Nicht weniger tragisch ist das Schicksal der Kälber. Es ist ihre Milch, die wir trinken. Deshalb werden sie einfach in den ersten Wochen getötet und zu Fleisch verarbeitet. Allein diese entsetzliche Tatsache, dass der Mensch Babys ihren Müttern entreißt und tötet, um sich die Muttermilch einzuverleiben, müsste uns überzeugen, dass Vegetarismus kein hinreichend moralisches Verhalten ist.

Auch die Eierindustrie vernichtet Leben. Jährlich werden allein in Deutschland 48 Millionen männliche Küken kurz nach ihrer Geburt lebendig geschreddert oder vergast. Sie sind wirtschaftlich wertlos, weil sie keine Eier legen können und als Masthühner nicht taugen.

Wenn Sie der Meinung sind, dass wir Verantwortung für das Wohl der Tiere tragen, wenn Sie Gewalt und Tierquälerei ablehnen, dann ist die Entscheidung für ein veganes Leben eine völlig logische Schlussfolgerung. Sie erfordert lediglich von Ihnen, endlich der/die zu werden, für den/die Sie sich heute schon halten.

  1. https://www.vegansociety.com/about-us/history []
  2.  Heinrich Böll Stiftung, BUND – Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, LeMonde diplomatique: Fleischatlas. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. 2014. https://www.boell.de/sites/default/files/fleischatlas2014_vi.pdf []
  3. http://sustainability.thomsonreuters.com/2016/08/08/earth-overshoot-day-no-winners-in-the-race-for-natural-resources/ []
  4. Worldwatch Institute: Meat – now it’s not personal. http://www.worldwatch.org/system/files/EP174A.pdf []
  5. https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Living-Blue-Planet-Report-2015.pdf []
  6. http://de.wfp.org/hunger/hunger-statistik []
  7. http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/soja.htm []
  8. http://www.eatrightpro.org/~/media/eatrightpro%20files/practice/position%20and%20practice%20papers/position%20papers/vegetarian-diet.ashx „Es ist die Position der Academy of Nutrition and Dietetics, dass gut geplante vegetarische Ernährungsformen – inklusive der veganen – gesund und ernährungsphysiologisch angemessen sind sowie gesundheitliche Vorteile bei der Prävention und Behandlung bestimmter Krankheiten haben können. Diese Ernährungsformen sind für alle Lebensabschnitte geeignet, inklusive Schwangerschaft, Stillzeit, Säuglingsalter, Kindheit, Jugend und Alter sowie für Athletinnen und Athleten. Pflanzenbasierte Ernährungsweisen sind nachhaltiger als Ernährungsformen mit einem hohen Anteil an Tierprodukten, da sie weniger natürliche Ressourcen verbrauchen und mit deutlich weniger Umweltschäden verbunden sind.“ []
  9. Internationale Agentur für Krebsforschung. https://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2015/pdfs/pr240_E.pdf []

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum 'eigentlich' intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.
Dieser Beitrag wurde unter Veganes Leben, Warum vegan?, Ethik, Überzeugungsarbeit abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.