Warum Veganer nerven und Argumente (alleine) nicht ausreichen

 

Es kommt oft vor, dass Veganer*innen in Diskussionen über den Veganismus verwickelt werden. Besonders dann, wenn sie eigentlich einen angenehmen Abend verbringen oder in Ruhe ihr Gemüseschnitzel essen möchten. Aber da vegan lebende Menschen am Austausch von Fakten und Argumenten interessiert sind, lassen sie sich auf eine Diskussion ein. Ruhig und sachlich legen sie ihre Sichtweise dar und antworten auf Argumente. Sie erklären dann, dass es nicht um Ernährung alleine geht, dass das Soja, für das Regenwald vernichtet wird, nicht für Veganer*innen angebaut wird, sondern für die Tiermast. Aber auch, dass aus der Tatsache, dass der Mensch Fleisch essen kann, nicht folgt, dass er Fleisch essen muss oder dass, wenn Pflanzen tatsächlich Schmerzen empfinden können, man erst recht vegan leben müsste, da ein Vielfaches an Pflanzen für tierliche Nahrung verbraucht wird.

Die Diskussionen können sich stundenlang hinziehen. Und am Ende stimmen die meisten dann zu, dass es schon richtig ist, was Veganer*innen machen. Aber ziehen diese Menschen die entsprechenden Konsequenzen? Oder wirken die Argumente später noch nach? Davon ist nicht auszugehen. Aus einem einfachen Grund: Argumente alleine entscheiden nicht darüber, ob jemand sein Verhalten ändert oder nicht, ob jemand vegan wird oder nicht.

Es ist nicht so, dass Menschen speziesistisch auf die Welt kommen. Sie werden zu Speziesist*innen gemacht. Die gelebte Praxis geht dem Nachdenken über diese Praxis voraus. Es ist also nicht so, dass Menschen die Gründe abwägen, ob es okay ist, Fleisch zu essen, Leder zu tragen und in Zoos zu gehen. Sondern Menschen essen Fleisch, tragen Leder und gehen in Zoos und wägen dann erst ab – wenn überhaupt , ob dieses Verhalten in Ordnung ist.

Man lebt also in den gesellschaftlichen Institutionen der Familie, der Schule, der Arbeit, des Freundeskreises und hinterfragt zum Teil jahrzehntelang das eigene Verhalten nicht. Und man verbindet schöne Momente und Erinnerungen mit dem Speziesismus. Der Braten bei Oma, der Zoobesuch in der Schule, das Grillfest mit Freunden, der Restaurantbesuch mit der Familie usw.

Das bedeutet aber auch, dass man in der Entscheidung darüber, ob es in Ordnung ist, Tiere zu halten, zu nutzen und zu töten, immer schon stark beeinflusst ist. Menschen entwickeln Werte nicht in einem Vakuum. Menschen haben immer schon bestimmte Erfahrungen gemacht und sind in gesellschaftliche Verhältnisse eingebunden, die diese Werte beeinflussen.

Wir leben in Zeiten des Individualismus. Alle wollen „einzigartig“ sein. Aber diese Einzigartigkeit ist ein Mythos, da sie Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen erlaubt. Wer über die wohlbehütete „Mitte“ und bestimmte gesellschaftliche Normen hinausgeht, wird schnell geächtet. Im Grunde sind die Menschen nach wie vor Herdentiere, und das ist verständlich. Evolutionär betrachtet ergibt es Sinn, sich der Gruppe unterzuordnen und einer Mehrheit angehören zu wollen, denn diese Unterordnung und diese Zugehörigkeit bieten Schutz. Es ist nur folgend, Abweichungen und Infragestellungen zu bestrafen, wenn der Zusammenhalt der Gruppe gefährdet wird.

Natürlich sind die erworbenen Werte niemals eindeutig. Es ist nicht so, dass Menschen so erzogen würden, dass Tiere immer und überall minderwertig und ihre Bedürfnisse nebensächlich sind. Im Gegenteil. „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz!“ Die gelebten und anerzogenen Werte stehen also auch im Widerspruch zueinander. Das Essen tierlicher Produkte ist richtig und notwendig, aber gleichzeitig ist es falsch, Tiere unnötig zu quälen. Man will also tierliche Produkte essen, aber auch nicht teilhaben an unnötigem Tierleid.

Und dann gibt es bestimmte Strategien, damit umzugehen. Man kann zum Beispiel den Begriff des „unnötigen“ Leidenlassens so umdefinieren, dass Fleisch einfach als notwendig erachtet wird. Man kann sich aber auch einreden, dass man eh nur ganz wenig Fleisch isst, und wenn, dann vom Metzger des Vertrauens. Oder man leugnet einfach, dass es den Tieren in den Massenanlagen wirklich schlecht geht. Hilft das nicht, dann spricht man von (vermeintlicher) Natürlichkeit und Normalität.

Da trifft die vegane Person einen Nerv. Ihre bloße Anwesenheit wird als Angriff gewertet. Sie zeigt, dass es geht, dass man ohne tierliche Produkte leben kann. Und damit wanken das Selbstbild und die Identität. Traditionen und positive Erfahrungen werden in Frage gestellt. Was erwartet man also, wenn man die Menschen in ihren tiefsten Überzeugungen und ihrem Alltag „angreift“? Natürlich sagen sie nicht: „Danke, du hast mir die Augen geöffnet!“ Nein, sie werden sich verteidigen, weil ihr Selbstbild auf dem Spiel steht, weil bestimmte positive Erlebnisse kritisch betrachtet werden, weil ihre Gruppenzugehörigkeit in Frage steht. Und der Widerstand wird noch heftiger, wenn Menschen ökonomisch von der Tiernutzung abhängig sind. Da steht dann die gesamte Existenz auf dem Spiel. Und es ist bekannt, dass es schwer ist, jemandem etwas verständlich machen zu wollen, wenn seine ganze Existenz darauf gründet, es nicht zu verstehen.

Veganer stellen bestimmte Werte und Handlungen grundsätzlich in Frage. Und das führt natürlich zu Ablehnung. Die Ideologie des Speziesismus wirkt deshalb so stark, weil sie identitätsstiftend ist, weil sie es erlaubt, Widersprüche zu umgehen. Man kann weiterhin Omas Braten essen, auf Grillfesten Steak braten oder in der tiernutzenden Landwirtschaft arbeiten und sich trotzdem für eine tierliebe Person halten. Aber die Argumente zählen nicht, wenn sie erstens leicht zu widerlegen sind (es ist nicht notwendig, Fleisch zu essen, und aus der Tatsache, dass es normal und natürlich ist, Fleisch zu essen, folgt nicht, dass es gut ist und gemacht werden sollte) und wenn es zweitens eigentlich nur darum geht, bestimmte Verhaltensweisen aufrecht zu erhalten wollen. Und es hilft Veganer*innen zu verstehen, dass, wenn jemand nicht mit Argumenten zu einer Auffassung gekommen ist, er/sie auch nur schwer durch Argumente davon abzubringen ist.

Bevor man sich also über Veganer*innen lustig macht, sollte man versuchen, die eigenen Widersprüche zu minimieren.