Weil es so lecker schmeckt … Realsatire

Unterhalten sich Veganer*innen mit Fleischesser*innen zum Thema ‚Tierkonsum‘, so verläuft die Kommunikation ziemlich vorhersehbar nach einem fast immer gleichen Muster – zumindest dann, wenn die Ausgangssituation dadurch gekennzeichnet ist, dass beide vorgeben, Tiere zu lieben und Tierquälerei entschieden abzulehnen. Die ‚tierlieben‘ Fleischesser*innen befinden sich in einem offenkundigen Widerspruch zwischen ihrer erklärten Haltung und ihrem gelebten Verhalten. Sie sehen sich deshalb in Erklärungsnot und wollen die Veganer*innen überzeugen, dass es zumindest in ‚ihrem ganz speziellen Fall‘ durchaus in Ordnung ist, Tiere zu essen, während die Veganer*innen die Hoffnung haben, den Fleischesser*innen die Widersprüchlichkeit ihres Handelns aufzuzeigen.

Phase 1: Fleischessen ist völlig normal, natürlich und notwendig.

In der ersten Phase des Gesprächs präsentieren die Fleischesser*innen sämtliche Pro-Fleisch-Argumente, die sie selbst schon früh im Leben verinnerlicht haben. Es sind Botschaften, die sie so oft von den Eltern, in der Schule, von den Medien und der Werbung gehört haben, dass sie diese ohne weitere Prüfung als unumstößliche Wahrheiten in ihr Gedächtnis zementiert haben. Das menschliche Gehirn neigt extrem dazu, Vertrautheit mit Wahrheit zu verwechseln. Das bedeutet, die permanente Wiederholung von Lügen, Falschinformationen und Halbwahrheiten hat in der Praxis exzellente Chancen, diese in den Status von vermeintlichen Tatsachen zu erheben. Wenn man uns hartnäckig genug indoktriniert, glauben wir leider so ziemlich alles („Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“, „Die Milch macht’s“, …).

Fleischesser*innen argumentieren in Phase 1, dass der Mensch schon immer Fleisch gegessen hat, und es schon deshalb heute nicht plötzlich falsch sein kann. Außerdem isst praktisch jeder Fleisch. Auch ein Beleg, dass es wohl in Ordnung sein muss. Sie äußern, dass wir Fleisch zwingend zur Ernährung der Weltbevölkerung und auch unbedingt für unsere Gesundheit brauchen (Eiweiß, Eisen, …). Sie stellen klar, dass die Tiere ja schließlich speziell für den menschlichen Konsum gezüchtet werden, es also ihre Bestimmung ist, uns als Nahrung zu dienen. Manchmal kommt auch noch Gottes Wille ins Spiel, eventuell auch evolutionstheoretische Mutmaßungen zur Notwendigkeit des Fleischkonsums (inclusive Reißzahn-Laudatio), oder auch gerne der berühmte Löwe, der schließlich auch ohne jede moralische Bedenken Fleisch frisst. Veganer*innen widerlegen dann geduldig all diese Argumente. Sie sind ihnen äußerst vertraut, denn sie haben die meisten selbst einen Großteil ihres Lebens für wahr gehalten. Umso besser wissen sie heute, wie irrelevant sie sind.

Am Ende der Gesprächsphase 1 ist meistens klar: Fleischkonsum ist absolut unnötig, ethisch verwerflich, ökologisch wahnwitzig und gesundheitlich fragwürdig.

Phase 2: Ich bin der Gute unter den Fleischesser*innen.

Nachdem sich Fleischesser*innen in der ersten Phase die Fakten und Zusammenhänge zu den Themen Tierleid, Klimakatastrophe, Welthunger, Zivilisationskrankheiten usw. anhören und ein Ausmaß des Desasters zur Kenntnis nehmen mussten, welches nur Zyniker schönzureden wissen, eröffnen sie Phase 2 mit der Botschaft: „Ja, das ist wirklich übel. Da stimme ich mit dir völlig überein. Aber ich gehe mit dem Thema sehr bewusst um.“ Sie distanzieren sich jetzt von all den ignoranten Zeitgenoss*innen, die ohne Sinn und Verstand unablässig Fleisch in sich reinstopfen, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, wie dieses Essen überhaupt auf ihre Teller gelangt. Sie stellen klar, dass sie ohnehin nur ganz selten Fleisch essen. Immer schon. Falls überhaupt, achten sie sehr genau darauf, wo ‚ihr‘ Fleisch herkommt. Sie kaufen es beim Vertrauensmetzger um die Ecke, den sie persönlich kennen. Der wiederum legt allergrößten Wert darauf, dass es die Tiere bei den Fleischerzeuger*innen seines Vertrauens richtig gut haben. Immer wieder fallen jetzt die Worte Bio, Freiland, regional und artgerecht. Erinnern die Veganer*innen an das Fazit aus Phase 1, dass es unabhängig von den Haltungsbedingungen generell weder notwendig, noch ethisch vertretbar ist, Tiere einzusperren, abzustechen und zu essen, dann beeilen sich die Fleischesser*innen die ‚humane Tötung‘ ihrer Opfer zu preisen, die von eben jenem Vertrauensmetzger höchstpersönlich sanft in den Tod gelächelt werden. Ernten sie für dieses Statement fassungslose Blicke, folgt vielleicht noch ein kurzer spiritueller Ausflug. Sie gestehen zwar ein, dass der Tod für das Tier definitiv ein äußerst unerfreuliches ‚Lebensereignis‘ darstellt. Da sie aber dem Tier gegenüber, ganz nach indianischem Vorbild, eine große Dankbarkeit empfinden und ihr Essen voller Demut jedes Mal als etwas ganz Besonderes zelebrieren, ist ihr Handeln Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit dem Universum und jederzeit in harmonischer Übereinstimmung mit den Gesetzen der Natur.

Sie erfahren jetzt aber direkt, dass man das Wort ‚human‘ nicht beliebig neben mörderische Gewalttaten platzieren kann, auch dann nicht, wenn man seinem Opfer dankt. ‚Humanes Töten‘ gibt es nicht.

Phase 3: Veganismus ist (auch) keine Lösung.

Nachdem Fleischesser*innen einräumen mussten, dass es grundsätzlich nicht in Ordnung ist, wehrlosen Tierkindern kopfüberhängend die Kehle aufzuschlitzen, verlagern sie gerne den Fokus des Gesprächs, indem sie darauf hinweisen, dass Veganismus (leider) auch nicht besser und vor allem gar nicht praktikabel sei. Die ‚Argumente‘ werden jetzt immer skurriler, weil sie nicht so stark verinnerlicht sind, wie die bisher genannten. Es handelt sich weniger um früh erworbene Überzeugungen, sondern eher um Stammtischparolen, irgendwo mal gehört und instinktiv archiviert, falls mal ein vegan lebender Mensch des Weges kommt und eine umfassende Belehrung braucht. Sie stellen klar, dass sie als verantwortungsbewusste Bürger*innen natürlich generell offen für eine Veränderung ihrer Ernährung wären, nicht jedoch für eine derartige Mangelernährung, die es erfordert, von früh bis spät Nahrungsergänzungsmittel in sich hineinzustopfen. Nachdem sie sich daraufhin sagen lassen müssen, dass die Tiere heutzutage B12 und andere Vitamine ebenfalls in hohem Maße durch Futterzusätze aufnehmen, wechseln sie kurzerhand das Thema und argumentieren jetzt, Pflanzen hätten schließlich auch Gefühle. Insofern sei das Verhalten der Veganer*innen ebenso grausam und es sei buchstäblich ‚Wurst‘, ob man Tiere oder Pflanzen massakriert. Sie verweisen auf die Inuit und Massai, die nunmal zwingend auf Fleisch angewiesen sind, stellen klar, dass ein Ausstieg aus der Massentierhaltung Millionen Arbeitsplätze kosten würde und äußern Zweifel, dass zur pflanzlichen Ernährung der Weltbevölkerung überhaupt hinreichend Anbauflächen zur Verfügung stehen. Sie werfen nun auch die Frage auf, was denn mit all den Nutztieren geschehen soll, wenn quasi über Nacht plötzlich alle Menschen vegan werden. Außerdem könne sich ein Großteil der Menschheit die sündhaft teure vegane Ernährung, selbst, wenn er wollte, gar nicht leisten. Falls sich der Veganer*innen bis hierhin noch hinreichend Contenance bewahrt haben, verdeutlichen sie die Absurdität auch dieser Argumente und Szenarien. Haben Fleischesser*innen einen besonders kämpferischen Tag, bäumen sie sich nochmals auf und erklären trotzig: „Aber du weißt schon, dass Hitler Vegetarier war!“ Vielleicht stellen sie auch noch listig die ‚Einsame-Insel-Frage‘. Aber weder Hitler noch die einsame Insel können sie retten.

Phase 4: Du bist auch nicht perfekt!

Wenn das Gespräch nicht irgendwann in Phase drei wegen offenkundiger Sinnlosigkeit abgebrochen wurde, verlagern die Fleischesser*innen nun nochmals den Fokus ihrer Aufmerksamkeit, indem sie ihr Gegenüber attackieren. Sie greifen die Veganer*innen jetzt persönlich an und stellen klar, dass auch sie keineswegs perfekt sind, dass sie auch Fliegen töten, wenn sie Auto fahren, und dass tausende Kleintiere bei der Ernte ihrer pflanzlichen Nahrung sterben müssen. Vor allem aber haben fast alle Veganer*innen früher mal selbst Fleisch gegessen, ihre eigene Seele mit Blut besudelt und deshalb absolut kein Recht, jetzt andere wegen Beauftragung von Tierquälerei zu kritisieren. Fleischesser*innen formulieren nun wahlweise oder kombiniert die Vorwürfe, Veganer*innen seien dogmatisch, radikal, überheblich, intolerant, militant, extrem, missionarisch oder nichts weiter als elender Heuchler*innen. Aus dem ‚Nachweis‘, dass Veganer*innen maximal 98% in ihrem Leben richtig machen, leiten Fleischesser*innen für sich das Recht ab, gar nichts richtig machen zu müssen und alles zu dürfen. Wenn Perfektion nicht möglich ist, ist Ignoranz allemal eine legitime Alternative. Veganer*innen unternehmen vielleicht noch einen allerletzten Anlauf und sagen: „Ja wir können nicht alles Leid vermeiden. Aber ist es nicht unsere Pflicht, zumindest das vermeidbare Leid zu vermeiden?“, worauf Fleischesser*innen kontern: „Du, und Leid vermeiden! Für dein verdammtes Soja wird der letzte Rest Regenwald auf diesem Planeten abgeholzt.“ Ein ‚Argument‘, das sich als übler Rohrkrepierer erweisen wird.

Phase 5 (Finale furioso): Weil es so lecker schmeckt!

Falls das Gespräch überhaupt noch eine Fortsetzung findet, sagen die Fleischesser*innen ganz am Ende das, was sie eigentlich schon die ganze Zeit hätten sagen können: „Es schmeckt einfach verdammt lecker. Wieso sollte ich das aufgeben?“

Am Ende des Gesprächs bleiben stets nur zwei ‚Argumente‘ übrig: Gewohnheit und Geschmack. Wir inszenieren den größten Massenmord in der Geschichte der Menschheit, zerstören dabei unseren Planeten und damit die Lebensgrundlage unserer Nachfahren, weil Fleisch essen bequem und lecker ist. Einfach so, aus Vergnügen. Für diese Leistung feiern wir uns als die Krone der Schöpfung und nennen uns zivilisiert.

 

(Dieser Artikel erschien zuerst im ‚Volksverpetzer‘.)

Über Armin

Ich versuche zu verstehen und zu beschreiben, warum ‚eigentlich‘ intelligente und einfühlsame Menschen soviel vermeidbares, entsetzliches Leid verursachen, und wie es gelingen kann, diese Tragödie zu beenden.

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