Wer keine Ahnung hat … Herabsetzung und Diffamierung statt Argumente - der Veganer täglich Brot.

Wer keine Ahnung hat, der titelt „Ernährung wird zum Religionsersatz“.
 
Mal ehrlich: Einer großen, überregionalen, angesehenen Tageszeitung sollte so eine Überschrift inzwischen doch eigentlich wenigstens ein bisschen peinlich sein. 
 
Das Interview, das auf der Homepage noch unter dem unaufgeregten Titel „Tiere gehören für mich zur Landwirtschaft dazu“1 erschienen ist, wird auf Facebook in leider inzwischen für diese „sozialen“ Medien schon gewohnt unsachlich-marktschreierischer Manier2 vorgestellt, indem man von „absurden“ Vorstellungen der Verbraucher spricht und Menschen unterstellt, ihre Ernährung sei Religionsersatz für sie.
 
Natürlich stellen Interviews immer die persönliche Meinung des/der Interviewten dar. Damit kann man übereinstimmen, oder auch nicht. Aber dass eine Wissenschaftlerin immer noch mit dem naturalistischen Fehlschluss aufwartet, finde ich fast schon lächerlich. Da wird von Frau Weiler vollmundig ins Feld geführt, „dass der Mensch von Natur aus ein Allesesser, ein sogenannter Omnivore ist“ und das bleibt dann unhinterfragt so stehen. 
 
Und? Nur, weil etwas „natürlich“ ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch ethisch vertretbar ist. Es gibt eine Vielzahl natürlicher Verhaltensweisen, die wir sozial geächtet haben, weil wir sie für unethisch halten. Etwas derart Simples muss man heutzutage Wissenschaftler*innen erklären? Menschen, die studiert haben? Menschen, die in der Lage sein sollten, logisch zu denken und zu argumentieren? 
 
Ja, mag sein, dass wir Allesesser sind. Allerdings sollte es uns vielleicht zu denken geben, dass tierliche Produkte inzwischen mit verschiedenen Krankheiten, wie z.B. Gefäßerkrankungen3 und einigen Krebsarten4 in Zusammenhang gebracht werden. Womöglich vertragen wir die omnivore Diät (die ihrerseits selbstverständlich kein Religionsersatz ist) halt doch nicht ganz so gut, wie andere Allesesser es können. 
 
Ja, mag sein, dass wir alles essen können, aber wir müssen es nicht. In Notzeiten wird  alles Mögliche gegessen und wenn es Brennwert hat und einen nicht direkt umbringt, hilft das zu überleben. Etwas zu können ist nicht Grund genug und schon gar nicht Berechtigung, etwas auch zu tun. Ganz besonders nicht, wenn dadurch andere empfindungsfähige, bewusste Wesen zu Schaden kommen. Es kann doch nicht angehen, dass derart einfache, logische Gedankengänge heutzutage immer noch wieder und wieder und wieder erläutert werden  müssen.
 
Auf den naturalistischen Fehlschluss folgt dann unweigerlich auch gleich der Traditionsappell: „Traditionell werden männliche Schweine in Europa seit mehr als 1000 Jahren kastriert.“ Und? Traditionen können falsch sein. Und zwar immer dann, wenn dadurch Dritte zu Schaden kommen. Auch hier gäbe es genügend Beispiele zu nennen. 
 
Die Religionskeule als Totschlagargument darf in diesem bunten Strauß der allerorts und bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenhaft wiederholten Scheinargumente natürlich nicht fehlen. „Zunehmend definieren sich bei uns Menschen über ihren Ernährungsstil, dabei wird Ernährung fast zum Religionsersatz.“ Derlei Behauptungen sind nichts weiter als billige rhetorische Winkelzüge, um andere zu diffamieren und als irrationale, verschrobene Wirrköpfe hinzustellen. Ein ernstzunehmendes, valides Argument ist es nicht. Und wiederum ist es bedauerlich und ärgerlich, dass eine angesehene Zeitung so etwas unhinterfragt und kritiklos stehen lässt.
 
Nein, Veganer*innen definieren sich nicht über ihren Speiseplan. Sie überdenken und definieren zuerst ihre Grundwerte und daraus folgend ihre Ethik. Das Konsum- und weitere Verhalten, also unter anderem Ernährung und Kleidung, werden dann an die Ethik angepasst.
  
Ich halte es für unlauter, Veganer*innen zu unterstellen, sie erhöben ihre Ernährungsweise zur Ersatzreligion. Motivation und daraus folgende Konsequenz werden dabei verdreht. Ob dies absichtlich oder aus echter Unkenntnis geschieht, sei dahin gestellt. Ich zumindest erlebe die philosophischen, ethischen Überlegungen des Veganismus als außerordentlich rational und möchte auf entsprechende Literatur verweisen. Hier einige Beispiele:
 
  • Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit
  • Gary L. Francione, Eat Like You Care
  • Sherry F. Colb, Mind If I Order the Cheeseburger?
  • Tom Regan, Empty Cages
  • Friederike Schmitz, Tierethik: Grundlagentexte
Dabei will ich gar nicht verhehlen, dass die Diskussionen über Veganismus und Tierrechte mitunter emotional sehr aufgeladen sind. Das ist aber nicht einer Religiosität geschuldet, sondern entsteht aus dem schrecklichen und belastenden Wissen, dass in jeder Sekunde, jeder Minute, in der über Nebensächlichkeiten diskutiert wird, wehrlose Lebewesen in Ställen, auf Transporten, in Schlachthäusern und Labors und nicht zuletzt durch Jagd und Fischerei, unfassbares Leid erfahren. Es geht Veganer*innen nicht um Geltungsbedürfnis, moralische Überlegenheit und was der Unterstellungen mehr sind. Es geht um Gerechtigkeit und Mitgefühl. Dieses Mitgefühl mit der leidenden Kreatur, die daraus resultierende Verzweiflung und das Gefühl der Dringlichkeit lassen uns eben manchmal ungeduldig, laut, oder sarkastisch werden.
 
Es gibt im Veganismus keinerlei starren, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden fest betonierten Verhaltens- oder Ernährungsregeln wie sie sich in manchen Religionen finden lassen. Im Veganismus gibt es keinen Glauben an unsichtbare und nicht nachweisbare göttliche Wesenheiten. Statt dessen wird über Philosophie, Grundwerte und Ethik gesprochen und nachgedacht. Religion ist Glaube, Veganismus beruht auf Ethik. Das Leid von Tieren ist offensichtlich und nachweisbar, das Vorhandensein von Gottheiten beruht auf reinem Glauben (*). 
 
Wer die Ethik des Veganismus verstanden und sich zu eigen gemacht hat, wird selbst am Meisten bemüht sein, Wege zu finden, diese Wertvorstellungen erfolgreich umzusetzen und sich ständig zu verbessern. Es gibt keine hauptberuflichen Priester*innen, Schriftgelehrten oder Prophet*innen, die irgendetwas vorschreiben, die „Sünden“ vergeben können oder zumindest behaupten, es zu können. Es wird kein Paradies versprochen, aber auch nicht mit der Hölle gedroht, abgesehen von der Hölle, die wir Menschen für die Tiere errichtet haben. Zwar gibt es unter Veganer*innen auch Menschen, die auf Fehler oder Inkonsistenzen hinweisen, aber das ist völlig in Ordnung. Konstruktive Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Zumindest bei jenen, die bereit sind, an sich zu arbeiten, was bei vielen Veganer*innen als grundlegende Haltung angenommen werden darf. Immerhin haben sie sich bereits kritisch auseinandergesetzt mit den Vorstellungen, Überlieferungen und Behauptungen, die ihnen von Kindesbeinen an eingetrichtert wurden. Sie haben die bestehende Tierausbeutungsideologie hinterfragt und als mangelhaft bewertet. 
 
Ethik kann tatsächlich ein Ersatz für Religion sein. Im Gegensatz zu Religionen, die oft auf alten Büchern basieren, die bestenfalls mit viel Mühe für die Neuzeit passend uminterpretiert werden, ist Ethik ein lebendiges, wachsendes, philosophisches Gedankengebäude, das geeignet ist, zu reflektiertem, verantwortungsvollem, moralischen Handeln zu ermuntern. Religionen sind in sich selbst oft widersprüchlich und inkonsistent und daher als moralischer Kompass denkbar ungeeignet. Ethik hingegen basiert auf logischen Überlegungen, auf schlüssigen Argumenten, auf dem Gedanken, dass gleiche Situationen gleiche moralische Berücksichtigung verdienen. Ethik beruft sich nicht auf verstaubte Vorschriften, sondern fordert auf, das eigene Verhalten immer wieder auf den Prüfstand von Verständnis, Rücksicht, Empathie, Nachdenken und Mitgefühl zu stellen. 
 
Dass es nicht für jedes Dilemma eine befriedigende Lösung gibt, ist uns schmerzhaft bewusst. Aber diejenigen Dilemmata, die lösbar sind, sollte man lösen. Eine relativ geringfügige Umstellung der Lebensführung ist nicht zuviel verlangt, wenn es für die aktuell Leidtragenden um Leben und Tod geht. Noch jede*r Veganer*in hat gesagt, dass es leichter ist, viel leichter, als zunächst befürchtet.
 
Wenn man sich ansieht, zu welchen Auswüchsen Religionen in der Geschichte der Menschheit geführt haben und immer noch führen, sollte uns allen sehr daran gelegen sein, die Religionen tatsächlich endlich durch eine ordentliche säkulare Ethik zu ersetzen.
 
Eine Frage stellt sich mir immer wieder, wenn uns unterstellt wird, Veganismus sei wie eine Religion für uns: Warum stören sich eigentlich die Kirchen nicht an diesem Vorwurf? Es werden ja nicht nur die jeweiligen Diskussionsgegner herabgesetzt, sondern auch Glaube und Religion per se. Religion wird durch solche Sätze als etwas grundsätzlich Minderwertiges und Unvernünftiges dargestellt. Das sollte doch kirchlichen Würdenträgern noch sauerer aufstoßen als uns.
 
Doch zurück zum Interview: Etwas später wird einfach behauptet „das Tier bleibt unversehrt“. Nein, bleibt es nicht. Sie werden letztlich alle getötet. Immer.
 

Noch weiter im Text wird die Würde des getöteten Lebewesens über den erzielbaren Profit definiert: „[…] 2016 […] erzielte ein Landwirt für seine Tiere 1,24 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Wie steht das im Verhältnis zu einem würdigen Umgang mit dem Lebewesen Tier?“ fragt Frau Weiler.

Ich halte Preisangaben je Kilo „Schlachtgewicht“ nicht für vereinbar mit dem Konzept der Würde von lebenden, fühlenden, bewussten Wesen. Die Höhe des erzielbaren Preises ist dabei unerheblich. 

 „Wer Tiere aufzieht, um sie zu töten, hat es schwer, positiv wahrgenommen zu werden.“ Ja, stimmt. Aus gutem Grund und völlig zu Recht, wie ich meine. 

 Es ist nun einmal ethisch nicht vertretbar, fühlende, bewusste Wesen um des Profits Willen zu züchten und zu töten, zumal nicht die geringste Notwendigkeit dafür besteht. Da wir laut eigener Aussage dieser Wissenschaftlerin Allesesser sind, können wir auch einfach etwas anderes essen. Genau da beginnt die Ethik: Dürfen wir fühlende, bewusste Wesen essen, obwohl es nicht nötig ist?  

Darauf kann die Antwort nur lauten: selbstverständlich nicht

Alle, die sich wünschen, dass die Tiere gut behandelt werden, dass sie ein schönes Leben und einen „leichten“ Tod haben, erkennen damit an, dass Tiere Gefühle haben, dass sie unterscheiden können zwischen angenehm/unangenehm, Wohlgefühl/Schmerz und dass sie ein Interesse daran haben, nicht zu leiden und am Leben zu bleiben. Es bedeutet, dass uns, den Verbraucher*innen, sehr wohl klar ist, dass es sich um bewusste, fühlende Wesen handelt. Es ist deshalb unsere Pflicht und unsere Verantwortung, sie moralisch zu berücksichtigen und das bedeutet, ihre Ausbeutung und Tötung zu unterlassen. 

Ein bewusstes, fühlendes Wesen nur zu züchten, um es alsbald zu töten, ist die maximale Missachtung dieses Wesens und seines Lebens und zwar auch dann, wenn man sich vorgeblich gut darum kümmert.

Nicht wie wir sie benutzen, ist das Problem, sondern dass wir es tun. 

Vertraue auf dein Herz, dein Gewissen, deinen Sinn für Gerechtigkeit. Sei fair. Sei vegan.

 


(*) Dank an Alexandra für diese Anregung.

  1. http://www.sueddeutsche.de/wissen/tierhaltung-tiere-gehoeren-fuer-mich-zur-landwirtschaft-dazu-1.3787041 []
  2. https://www.facebook.com/ihre.sz/posts/1627956970629009 []
  3. https://www.pcrm.org/health/medNews/dairy-and-other-animal-fat-increases-ris-for-heart-disease []
  4. http://www.pcrm.org/health/cancer-resources/diet-cancer/facts/meat-consumption-and-cancer-risk []

Über Susanne

Froh, vegan zu sein, als ob atheistisch nicht schon gereicht hätte. Fühlende Wesen sind kein Eigentum. Ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Freiheit, ihr Recht.
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