Wie sage ich es meinem(r) Omni? Impulse für eine wertschätzende, effektive Überzeugungsarbeit

Wie überzeugen wir unsere Mitmenschen von der Sinnhaftigkeit oder gar Notwendigkeit einer veganen Lebensweise? Eine lohnende, kontrovers diskutierte Frage, die leider nicht eindeutig beantwortet werden kann. Am ehesten passt wohl die Antwort: „Es kommt darauf an“. Nämlich auf den Kontext der Situation, die Persönlichkeit des Gegenübers und ihren ‚veganen Reifegrad‘. Auch wenn es kein Patentrezept für ‚vegane Überzeugungsarbeit‘ gibt, so gibt es doch immerhin einige hilfreiche Prinzipien. Ihre Berücksichtigung kann uns in vielen Situationen helfen, zufriedenstellendere Gesprächsergebnisse zu erzielen.

Erst verstehen, dann verstanden werden

Menschen brauchen das Gefühl, dass ihre Sichtweisen gehört, verstanden und ernst genommen werden. Deshalb sollten Veganer*innen sich die Argumente ihrer Mitmenschen immer anhören. Auch dann, wenn sie diese bereits in hundert anderen Gesprächen gehört und geduldig widerlegt haben. Verstehen bedeutet ja noch lange nicht zustimmen. Indem wir uns aber ehrlich bemühen, die Sichtweise der anderen Person zunächst zu erfassen, zeigen wir Wertschätzung. Sie ist die Basis für einen offenen Dialog.

Klar in der Sache, freundlich zu den Menschen

Wir sollten uns bemühen, während des Gesprächs dauerhaft in einer wertschätzenden Haltung auf Augenhöhe zu bleiben. Dadurch steigt die Chance, dass unser Gegenüber die Bereitschaft entwickelt, sich für Veränderungsimpulse zu öffnen. Umgekehrt gilt: Wer sich persönlich angegriffen fühlt, geht in Widerstand. Er/sie verteidigt sich dann reflexhaft, bläst zum Gegenangriff oder zieht sich beleidigt zurück. Selbst dann, wenn diese Person insgeheim sehr genau weiß, dass der Vorwurf inhaltlich berechtigt ist.

Abb.: Konstruktiver Dialog

Wir werden unsere Mitmenschen generell eher erreichen, wenn wir sie aufklären, inspirieren, ermutigen, als wenn wir sie beschimpfen, beschuldigen oder mit Vorwürfen überziehen. Uns sollte jederzeit klar sein, was der Unterschied zwischen einer wohlwollenden Anregung und einer arroganten Belehrung ist. Auch Rat-Schläge sind Schläge, wenn wir sie ungebeten und von oben herab erteilen. Gleichzeitig sollten wir aber auch jederzeit klar in unserer Haltung sein. Die Ausbeutung der Tiere durch den Menschen verursacht entsetzliches Leid. Sie stellt deshalb ein völlig inakzeptables moralisches Unrecht dar.

Gemeinsamkeiten finden und verstärken (Hauptnennerprinzip)

Wer vegan lebt, lehnt Tierquälerei und -ausbeutung entscheiden ab. Wer nicht vegan lebt, gibt diese aktiv in Auftrag und bezahlt andere für die blutigen Taten, auch wenn dieser Zusammenhang vielen zu Beginn des Gesprächs nicht wirklich bewusst ist. Eine denkbar ungünstige Ausgangslage für ein zugewandtes, inspirierendes Gespräch. Je größer die Diskrepanz ist, zwischen dem, was andere tun oder denken und dem, was wir selbst für moralisch geboten erachten, umso hilfreicher ist es, eine gemeinsame Ausgangsposition zu suchen, über die Einigkeit besteht. Wenn es um das Thema Veganismus geht, ist eine solche Position, der auch die meisten Nichtveganer*innen durchaus zustimmen, beispielsweise: „Tiere empfinden Schmerz und Leid. Deshalb sollten wir ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen.“ Wenn dieser ‚Hauptnenner‘ benannt und von beiden Seiten als richtig bestätigt wurde, kann man sich im Gespräch immer wieder darauf beziehen. Einerseits, um die Logik der eigenen Argumentation zu untermauern. Andererseits, um die Inkonsistenz der Argumentation der anderen Seite zu hinterfragen.

Fragen lenken Denken

Anstatt ausführlich über die eigene Position des Veganismus zu referieren und diese mühselig gegen zig ‚Ja-aber-Reflexe‘ zu verteidigen, kann es klug sein, im Gespräch die ‚Beweislast‘ umzukehren. Wir können unser Gegenüber ’nötigen‘, die eigene Position des Nichtveganismus schlüssig zu begründen. Am einfachsten gelingt das, indem wir gezielt Fragen stellen.1 Wir bekommen dann zwangsläufig eine Reihe von Aussagen zu hören, die im Widerspruch zum ‚Hauptnenner‘ stehen, auf den man sich ja zuvor geeinigt hatte. Wir können dann jedesmal freundlich nachfragen und um Präzisierung bitten. Zum Beispiel: „Du stimmst zu, dass wir Tieren nicht vorsätzlich Leid zufügen dürfen. Gleichzeitig isst du Fleisch und Käse. Beides Produkte, die aber genau das erfordern. Wie passt das zusammen?“ Wenn wir diese Fragen neugierig stellen, ist die Chance, dass unser Gegenüber die eigene Widersprüchlichkeit erkennt, meist wesentlich größer, als wenn wir den Widerspruch als konfrontative Tatsachenfeststellung formulieren.

Leading from behind

Die durch die ‚Umkehr der Beweislast‘ erfolgte Verlagerung von Aktion und Reaktion können wir im weiteren Verlauf des Gesprächs beibehalten. Das heißt, wir überlassen unserem Gegenüber scheinbar die Führung und reagieren auf die Aussagen jeweils mit weiteren Vertiefungs- oder Verständnisfragen. ‚Leading from behind‘ nennen Kommunikationspsycholog*innen dieses effektive Prinzip. Wir schauen unserem Gegenüber dabei gewissermaßen von hinten über die Schulter. Wir nehmen die Welt also aus seiner Sicht wahr. Gleichzeitig sorgen wir aber durch unsere gezielten Fragen dafür, dass wir uns genau über die Aspekte unterhalten, die geeignet sind, die limitierenden Wahrnehmungen und Meinungen zu erschüttern.

Ich-Botschaften

Einen starken Trumpf, den fast alle Veganer*innen in Gesprächen zum Thema Tierrechte und Veganismus nutzen können, ist die eigene unvegane Vergangenheit. Wir kennen sowohl die vegane als auch die unvegane Welt aus eigener Erfahrung. Wir haben eine Menge persönlicher Geschichten zu erzählen.

Anstatt die andere Person für ihr Verhalten zu kritisieren, das wir selbst jahrelang gezeigt haben, können wir auch retrospektiv uns selbst kritisieren. Statt der Du-Botschaft ‚Dein Verhalten X ist nicht in Ordnung‘ lautet die Ich-Botschaft dann: ‚Früher habe ich X auch so gesehen/gemacht. Doch dann habe ich erfahren/recherchiert/verstanden …‘.

Ein Beispiel: Jemand rechtfertigt den Konsum tierlicher Produkte mit ‚artgerechter Haltung‘, ‚humaner Schlachtung‘, Bio-Siegeln oder dem Glück der Tiere. Anstatt ihn/sie als Heuchler*in anzuklagen, könnte ich sagen: „Ja, ich war auch lange Zeit der Meinung, es könne in Ordnung sein, Tiere zu essen, wenn sie bis zu ihrem Tod ein glückliches Leben hatten. Als ich mich dann näher mit dem Thema beschäftigt habe, war ich regelrecht entsetzt.“ Jetzt kann ich erzählen, wie lächerlich gering die Unterschiede zwischen konventioneller und Bio-Haltung bzw. -schlachtung sind. Ich kann einfließen lassen, wie jung die Opfer unabhängig von der Haltungsform zum Zeitpunkt ihres Todes sind (Es sind Kinder). Ich kann auch ausführen, wie absurd es mir heute erscheint, ausgerechnet das Leben glücklicher Lebewesen für meine trivialen Vorlieben auslöschen zu lassen.

Solche Ich-Botschaften entfalten allerdings nur dann ihre Wirkung, wenn sie absolut authentisch und ehrlich sind.

Verstärken, was bereits vegan funktioniert

Wie eingangs erwähnt, sollten wir uns zwar um eine maximale Wertschätzung unseres Gegenübers bemühen, dabei unsere Überzeugung, dass Tierausbeutung Unrecht ist, aber niemals ‚weichspülen‘ oder über Bord werfen.2 Das geht ganz einfach. Wir können alles, was die andere Person bereits im Sinne einer veganen Lebensweise tut, ausdrücklich anerkennen und verstärken. Umgekehrt sollten wir die erhoffte Absolution konsequent verweigern, wenn jemand stolz berichtet, immer weniger vom Falschen zu tun. Wenn jemand beispielsweise erzählt, mittlerweile nur noch an fünf Tagen Tierprodukte zu essen, sollte das Feedback nicht lauten: „Ich finde toll, dass du nur noch fünfmal die Woche Tiere isst“. Besser wäre die Rückmeldung: „Toll, dass du an zwei Tagen vegan lebst. Wie kann ich dich unterstützen, dass schon bald drei und noch mehr Tage daraus werden?“

Fazit

Der Erfolg unserer Kommunikation wird  bestimmt durch die Wahrnehmung des Empfängers bzw. der Empfängerin. Ob uns das gefällt oder nicht. Deshalb sollten wir unseren Gesprächspartner*innen jederzeit freundlich und neugierig gegenübertreten. Statt unsere ‚Wahrheit‘ zu dozieren, sollten wir dem jeweiligen Gegenüber durch gezielte Fragen oder durch Beispiele aus unserer eigenen Entwicklung helfen, die Notwendigkeit der eigenen Veränderung in sich selbst zu entdecken. Die meisten Menschen lehnen Tierquälerei ab. Sie denken also bereits vegan. Ziel der Überzeugungsarbeit sollte sein, dass unsere Mitmenschen genau das realisieren und den Wunsch entwickeln, die eigenen Werte endlich auch konsistent zu leben.

 

 

 

  1. Zum Thema Fragetechnik haben wir vor einiger Zeit bereits einen ausführlichen Artikel veröffentlicht: http://veganswer.de/fragen-lenken-denken/ []
  2. Der Frage, warum es wichtig ist, in der Ablehnung jeglicher Tierausbeutung klar zu bleiben, haben wir bereits einen längeren Artikel gewidmet. Am Beispiel der populären Forderung, man möge gerne weiterhin Käse essen, aber bitte aufhören Fleisch zu konsumieren, zeigen wir, dass eine solche ‚Absolution‘ beim Gegenüber zwar sehr gut ankommt, seine Entwicklung in Richtung Veganismus aber eher erschwert als begünstigt. http://veganswer.de/du-moechtest-vegan-leben-kannst-aber-nicht-auf-kaese-verzichten/ []