Sprachwirtschaft Von geteilten Rindern und Zweinutzungshühnern

Abwrackprämie für Rinder, Zweinutzungshühner, Cowsharing, Crowdbutchering– was passiert da gerade mit unserer Sprache und dem entsprechend mit unserer Empathie? Sprache lenkt, Sprache ist ein wichtiger Indikator für Zeitgeschehen und Duktus einer Gesellschaft.

Wir leben zwischen all den Infomationen, welche täglich auf uns einrieseln, bemerken, dass wir als Individuen durch unsere Masse Macht ausüben können und sind uns unserer Veränderungskraft durchaus bewusst- sonst würde es Kunstbegriffe wie „Flexitarier“ oder „artgerechte Haltung“ bei Tieren nicht geben.

Aber anstatt die einzig logische und effizienteste Karte der Ablehnung solcher Produkte zu ziehen, spielen wir lieber mit sprachlichen Tricks, erfinden Konzepte, die nicht direkt an unserer Bequemlichkeit etwas ändern, sondern nur die Ursache des Gewissenskonflikts oberflächlich beruhigen, beschäftigen uns mit dem Proteingehalt von hierzulande noch nicht großflächig verwerteten Tieren wie Insekten, teilen uns zur vollsten Verwertbarkeit von der Schnauze bis zum Schwanz eine Kuh und lassen sie erst dann schlachten, wenn alle Teile „in der Crowd“ verkauft wurden. Die totale „Reste“verwertung ist das dann. Ausschlachten, so nennt man das bei Autos. Die neuerdings auch bei Rindern veranschlagte, durch menschliche Fehlspekulation erzeugte Abwrackpräme kommt ebenso aus dem Fahrzeugbereich.

Was ist denn da nur los mit uns? Wir sprechen hier über Individuen, über Lebewesen mit unterschiedlichsten Charakteren, von sanften, wilden, trägen, agilen, eigenbrötlerischen oder sehr harmoniesüchtigen Kühen und Schweinen und Hühnern und Kaninchen und Schafen und Ziegen und Gänsen und Puten und und und.

Foto: Laura Zalenga Photography

Foto: Laura Zalenga Photography

In einem Cowsharing-Artikel der Neuen Osnabrücker Zeitung wird gleich zu Anfang darauf hingewiesen, dass „Vegetarier und Veganer […] an dieser Stelle aus dem Text aussteigen“ dürfen. (Vielen Dank für den Hinweis! Es ist den Schreibern also bewusst, wie zynisch es wird.) Und die anderen, die, die „aber ein gutes Stück Fleisch“ lieben? Die schauen sich ein Bild von zwei jungen Rindern an, neben dem folgende Beschreibung steht: „Diese beiden Rinder haben im vergangenen Jahr am Cowsharing-Projekt teilgenommen. Jetzt füllen sie Mägen und Truhen ihrer Teilhaber.

Geht es noch abgestumpfter, noch zynischer? Beschreibt das nicht genau die Verrohung der Menschen durch die Wirtschaft? Diese (bereits unschuldig zum Tode verurteilten und geschlachteten) Rinder haben da nicht teilgenommen, sie SIND das Projekt, mit ihrem Leben, mit Haut und Knochen und Haaren. Reduziert auf das Wort „Fleisch“ für dessen „Liebhaber“. Und die Auftraggeber für diese „Schlachtung mit persönlicherem Bezug“ sind keine normalen Kunden, sondern Teilhaber.

Die Teilhaber lassen auch beim Cowsharing und Crowdbutchering die Tiere fremdhändisch töten. Das was die gepriesene „Nähe zum Produkt“ ausmacht ist, dass sie das Tier lebend gesehen haben-nicht etwa das eigenhändige Lebennehmen. Ab dem Punkt wären ja auch die meisten raus, so funktioniert das Konzept nicht.

-„So, Udo, beim nächsten Crowdbutchering bist Du dann dran mit Schlachten, ja? Elfriede war letzte Woche schon.“

-„Ach lass mal, irgendwie hab ich gar nich mehr soviel Appetit, Sarah.

Wir erfinden durch die absichtlich aufrechterhaltene Legende des „bewussten/nachhaltigen Tierproduktekonsums“, lieber Worte, welche unser Gewissen bereinigen sollen, obwohl sie, bei näherer Betrachtung, rein wirtschaftlich orientiert sind und eher von unserer emotionalen Verkrüppelung zeugen.

Diese Verkrüppelung schreitet immer mehr voran und wird durch die hohle Phrase des „bewussten Konsums“ fleissig genährt. Wie isst man denn „bewusst“ Tierkinder? Malt man sich beim Kauen deren zerstörte Zukunft aus, bei jedem Schnitt ins Ferkelfleisch ein kleines „Entschuldigung“, auf jeder Gabelspitze eine Bitte um Vergebung? Keines der Intensivtierhaltungserzeugnisse kommt von ausgewachsenen Lebewesen, ein riesiger Friedhof der Kuscheltiere ziert unsere Speisekarte.

Sagen wir das unseren Kindern dann? „Schau mal Hannah, Zweinutzungshühner, die dürfen noch ein paar Wochen alt werden, bevor wir sie essen. Und da: Spanferkelchen-nächstes Wochenende bei Hartmanns wird es eins davon geben! Mir läuft jetzt schon das Wasser im Munde zusammen.“

Wir gehen dann auch noch extra und bewusst zum „Spanferkelessen“, welches mancherorts ein Grund zum „fröhlichen Beisammensein“ ist. Ohne uns darüber bewusst zu sein, wofür das Wort eigentlich steht. „Als Spanferkel werden küchensprachlich junge Hausschweine, also Ferkel, bezeichnet, die noch gesäugt werden. Sie werden im Alter von etwa sechs Wochen bei einem Gewicht von etwa zwölf bis zwanzig Kilogramm geschlachtet.“sagt Wikipedia. Meist werden Tiere herangezogen, die nicht zur schnellen und betäubungslosen Kastration, wie es bei den Schweinen in Deutschland üblich ist, geeignet sind.“ Wirtschaftlich unrentable, aussortierte Tierkinder, nicht anders als die geschredderten Küken und die männlichen Kälber.

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Bild: pixabay

Wir müssen vorsichtig sein und uns unserer Sprache bewusster werden, keine weiteren „Nutzungskonzepte“ für Lebewesen erfinden, keine fadenscheinigen (und sogar wirtschaftlich unrentablen und auf das Gros der Bevölkerung nicht umsetzbaren) Sharing-Communities bilden, sondern dagegen protestieren.

Viele Kommentare unter einem Beitrag über die „Rinderteilung“ sprachen allerding eine andere Sprache: sie fanden sich „auf einem guten Weg“ wieder und nannten es „artgerechten Umgang“.

Wir winden uns sprachlich wie Aale, während wir Tausende mit einer Klappe schlagen und stürzen uns wie die Geier auf den Kuhhandel, den uns der wirtschaftliche Floh ins Ohr setzte.

Zur Vertiefung des Themas ‚Sprache erzeugt Wirklichkeit‘ empfehlen wir unseren Artikel: Das interessiert wieder kein Schwein.

Über Kirstin

Wenn man für Gleichberechtigung und gegen Ungerechtigkeiten seine Stimme erhebt, dann ist man nicht naiv, sondern man hat erkannt, dass die unsäglichen Sachen, welche täglich passieren, aus dem einfachen Irrglauben entstehen, dass der eine mehr wert wäre als der andere.

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