Wünsche zu einem weiteren Jahresende Übersetzung von "Wishes as another year ends" von "There's an Elephant in the Room blog".

Es war nicht immer so, aber je länger ich mich für die Rechte der unschuldigen Opfer unserer Spezies einsetze, desto schwieriger empfinde ich die festliche Jahreszeit. So wie ich es immer tue, habe ich versucht zu ergründen, woran das liegen könnte, denn immerhin ist heute, da sich das Jahr dem Ende zuneigt, die Welt nicht weniger vegan als zu jeder anderen Jahreszeit. Wie alle anderen bin ich ständig umgeben von einer Kultur, die ekelerregendste Brutalität vollständig normalisiert hat; einer Brutalität, die für unkritische Kunden derart umgedeutet wurde, dass die Mehrheit nicht nur ahnungslos ist, sondern sich auch in tiefer Verleugnung über ihre Teilhabe an dem Blutbad befindet und sich selbst standhaft als ‚tierlieb‘ wahrnimmt. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der dieses endlose Blutbad so tief verwurzelt ist, dass ihre Mitglieder auf die Wahrheit mit Empörung und Aggression reagieren, so überzeugt sind sie davon, dass es einfach nicht stattfindet.
 
In einer Gesellschaft, die Vergnügungssucht geradezu bestärkt, werden die erfundenen Geschichten über Tiernutzung pausenlos von den Werbeleuten in den Vordergrund gedrückt. Diesen käuflichen Frontmännern der riesigen Industrien, deren Gewerbe Tod, Schmerz und Gewalt ist und die quälerische Ausbeutung der Fortpflanzungsorgane für Eier und Milch. Diese Märchen erzählen den Konsumenten genau das, was sie hören möchten. Lediglich dünn mit einem ‚erwachsenen‘ Lack und Glanz übertüncht, werden die unsinnigen Mythen unserer Kindheit stets wiederholt und neu ausgerichtet, so dass wir weiterhin glauben können, die Mitglieder anderer Spezies nutzen zu ‚müssen‘; dass es uns ‚zusteht‘, sie zu benutzen aufgrund unserer unzureichend bewiesenen ‚Überlegenheit‘; dass es den Opfern nichts ausmacht und sie sogar ‚mitwirken‘ bei ihrer Tortur.
 
Kindergeschichten
 
Es ist kein Wunder, dass es der Mehrheit schwer fällt zu erklären, wo die Wurzeln dieser Vorstellungen liegen. Sie bleiben ins Dunkel der Worte unserer frühen Kindheit gebettet, verloren in den Nebeln der Vergangenheit, feingeschliffen während unserer Entwicklung zu Erwachsenen, indem unsere Familie und Gleichaltrigen immer wieder bestätigten, dass das ’normal‘ ist. Endlich, ohne überhaupt gewahr zu sein, wie sehr wir beschädigt wurden, wurden wir zu voll ausgebildeten Konsumenten von Brutalität, werden gewalttätige Geldgeber für blutiges Gemetzel, selbstzufriedene Unterstützer von Quälerei und Gewalt, die ihr empfindliches Zartgefühl durch den dichten Schleier des Wunschdenkens schützen, der das Ergebnis der unterschiedlichsten scheinbaren Rechtfertigungen ist, die uns jemals beeinflussten. Jedenfalls, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir vegan werden.
 
Was ist anders an der festlichen Jahreszeit?
 
Warum also ist die festliche Jahreszeit so besonders hart – nicht nur für mich – sondern auch für viele meiner Freund*innen? Es ist die Jahreszeit, in der viele über ‚Frieden auf Erden‘ reden, über stille, heilige Nächte, über Liebe und Freude und Wohlgefallen, über Geben und Teilen und die Bande von Familie und Freundschaft.
 
Es ist die Jahreszeit, in der es noch vernünftiger als sonst sein sollte, derselben Überzeugung zu sein wie der, an die ich mich so verzweifelt klammere, nämlich dass die Menschen im Herzen gut sind, dass sie sich Frieden wünschen, dass sie wehrlosen Unschuldigen niemals würden schaden wollen, oder ihnen Schmerzen, Qual und Gewalt zufügen möchten.
 
Das Todesgeläut der Weihnachtsglocken
 
Aber dann sehe ich in den Läden die Toten-Gänge voller Leichen. Ich sehe Milch, Käse, Sahne, für die Kinder auf ewig von ihren Müttern getrennt wurden, die Eier, die so viele zerbrechliche Leben in fortwährenden Wehen zerstörten, Hygieneartikel, für die Augen verätzt und Haut wund gescheuert wurde. Ich sehe exklusive, glänzende Handtaschen und Schuhe, die die blosse Existenz der Häuter verleugnen, die ebendiese Haut, ihr Rohmaterial, in Übelkeit erregender Weise vom zitternden Fleisch ihrer gequälten Eigentümer rissen. Ich sehe den Horror, der hinter dieser Jahreszeit des Selbstbetruges lauert.
 
Dann erkenne ich, dass mein Unbehagen in dieser Jahreszeit von dem Gefühl der verpassten Gelegenheit herrührt. Es ist Trauer. Es ist die schier herzzerreissende Erkenntnis, dass dies alles nur eine Scharade ist; zu wissen, dass es in den Schlachthöfen nur ein Tag wie jeder andere ist, mit all seinem Geschrei, Geschepper und dem fieberhaft krallenden Schrecken. Dort ist kein Frieden. Keine Stille. Weder Liebe noch Freude. Nur die Erfüllungsgehilfen einer unbarmherzigen Spezies von ‚Tierfreunden‘, die ihre schreckensstarren Opfer in Stücke hacken, um Frieden zu feiern.
 
Wie wünscht man da ein gutes neues Jahr?
 
Früher sagte ich auch Sachen wie ‚Fröhliche Weihnachten‘, oder ‚glückliches neues Jahr‘. Ich kann das nicht mehr. Wie kann ich ‚Fröhlichkeit‘ oder ‚Glückseligkeit‘ empfinden in dem Bewusstsein, dass so viele unschuldige Kinder anderer Spezies für diese prunkvolle, hohle Scharade mit dem Leben bezahlen?
 
Ich wünsche Freunden und Familie Frieden. Jenen, die vegan leben, kann ich versichern, dass ich verstehe, was sie in ihren schlaflosen Nächten heimsucht – mir geht es genauso. Aber wir können nicht aufgeben, wie weh es auch tun mag, denn auch wenn es uns nicht gelingen wird, die über 70 Milliarden(*) Landtiere und die ungezählten Billionen empfindungsfähiger Wassertiere, die im kommenden Jahr grauenvolle Tode ohne jeglichen Grund sterben müssen, zu retten, so können wir doch am Ende vielleicht ihre Kinder davor bewahren, dieselbe brutale Ungerechtigkeit wie ihre Eltern erleiden zu müssen.
 
Jenen, die nicht vegan leben, wünsche ich ebenfalls Frieden. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug versuchen, die richtigen Worte zu finden, um euch verständlich zu machen, dass echter Friede vegan ist, damit ihr diesen Pfad des gewalttätigen Unrechts verlassen und endlich dessen Realität wahrnehmen könnt.
 
Sei vegan.

* Die grauenvolle Zahl für das Jahr 2016 ist: 74 Milliarden. Hier die genaue Aufschlüsselung der weltweiten Schlachtzahlen 2016 (von  FAOstat.FAO.org): 

Esel – 2,569,520
Vögel, die nicht anderweitig spezifiziert sind – 55,324,000
Büffel – 26,190,707
Kamele – 2,445,235
Rinder – 302,018,862
Hühner – 65,847,411,000
Enten – 3,056,103,000
Wild – 655,978
Ziegen – 459,861,000
Enten und Perlhühner – 658,903,000
Pferde – 4,784,491
Maultiere – 477,506
Andere, nicht spezifizierte – 93,292
Andere Kamelartige  – 944,671
Andere Nagetiere – 70,440,000
Schweine – 1,478,167,073
Kaninchen – 980,785,000
Schafe – 551,420,651
Truthähne – 673,278,000
Gesamt – 74,171,872,986
 

Dies ist eine Übersetzung des am 29. Dezember 2017 erschienen Beitrags Wishes as another year ends des Blogs There’s an Elephant in the Room blog, der meines Erachtens zu den besten veganen Tierrechtsblogs zählt. Der/die Betreiber*in findet/n die perfekte Balance zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Appell an das Herz und Nahrung für das Hirn. Das alles ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger, aber immer durchdrungen von Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Englisch sprechenden Leser*innen sei er darum ans Herz gelegt. Ich werde versuchen, noch mehr Beiträge davon für deutschsprachige Leser*innen zu übersetzen.

[Susanne]