Kritik lässt uns wachsen Warum Kritik gut ist

Kritik lässt uns wachsen

Wir wissen alle, wie schwierig es ist, mit brenzligen Situationen umzugehen, und wie wir teilweise auch immer wieder daran scheitern, auf diese adäquat hinzuweisen.

Deshalb soll dieser Beitrag ein paar Denkanstöße geben, wie wir mit Kritik umgehen können.

Zwei Schaafe blöken sich an.

Kritik lässt uns wachsen. Also: Nich meckern!

Sachliche Kritik hat nichts mit “bashen” zu tun

Gerade in den sozialen Medien begegnet uns oft ein Schema: Kommentatorinnen* sind total verwirrt und entsetzt, dass ihr Idol “durch den Hafermilch-Kakao gezogen” oder “niedergemacht” wird. Daher ist die erste, reflexartige Aktion manchmal ein: “Hör auf zu bashen!” oder “Aber Du bist total toll oder wie?!”

Dabei wird nicht selten übersehen, dass es sich ja vielleicht um berechtigte Kritik handeln könnte. Steckt hinter dem vermeintlichen “Bash” tatsächlich mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit? Wurde unter Umständen sogar ein Schönheitsmakel am Idol gefunden?

Sicher: Das entsetzt erstmal ziemlich.

 

“Unser Idol ist nur ein Mensch mit Fehlern?! Kann ja gar nicht sein!!11elf” – Selbstkundgabe der Betroffenen

 

Dabei ist Kritik aber nie etwas Schlechtes. Sie ist sogar sehr nötig: Wir brauchen Kritik, damit wir weiter wachsen können. Probleme umschiffen, Lösungen finden oder auch neue Wege gehen klappt nicht, wenn wir den alten Mustern hinterhereifern.

Und das hat mit “bashen” rein gar nichts zu tun: Wenn wir objektiv aufzeigen, welche Probleme sich aus den Handlungen eines vermeintlichen “Idols” ableiten (bspw. der allseits bekannte Ausverkauf des Veganismus als “health issue”), dann ist das konstruktive Kritik.

Im Gegensatz zum “Bashing” geht diese Kritik nicht auf eine persönliche oder rein subjektive Ebene: “Du bist ein Muskelotto” oder “Dein Matcha schmeckt nicht”. Sondern sie gibt ein möglichst wertfreies Bild wieder, an dem wir etwas verbessern können.

Natürlich ist das nicht so leicht – weder die Kritik zu akzeptieren noch daraus eine Handlung abzuleiten.

Wir sollten Kritik wertschätzen

Kritik kann weh tun – das können wir wohl alle zugeben.

Der erste vegane Einkauf ist anstrengend. Dann ärgert es umso mehr, wenn wir von unseren Freundinnen darauf hingewiesen werden, dass wir leider auch ein Produkt von Nestlé oder einer Fleischfabrikantin gekauft haben.

Da kann schnell die volle Demotivation reinhauen und wir zittern, dass wir aaaallleeess falsch gemacht haben.

Dabei haben wir für diesen Moment vollkommen vergessen, wie viele tolle Schritte wir bisher machen mussten, um überhaupt so weit zu kommen.

Also: Erstmal auf die Schulter klopfen. Danach überlegen wir uns, was an der Kritik dran sein könnte: Ist es vielleicht wirklich schlecht, die leckeren veganen Nuggets von “Vegetaria” zu kaufen, weil das den Ausbau der Tierausbeutung eines Fleischunternehmens fördert? “Hauptsache vegan” zählt eben nicht, wenn wir weiter darüber nachdenken.

Solange wir diese Kritik ernst nehmen, kann sie uns weiter bringen und ganz neue Blickwinkel eröffnen.

Nur mit kritischem Hinterfragen von allem können wir die Welt verändern (“status quo”)

Leider ist es gang und gäbe die oben genannten Punkte gekonnt zu ignorieren, wenn es um systematische Probleme geht. Letztlich wollen wir alle ein wenig Sicherheit haben und die fühlen wir manchmal in Gefahr, wenn andere unser “System” kritisieren (bspw. “Wertesystem” bei unserer Kindererziehung oder “Nachhaltigkeitssystem” bei unserer Mobilität usw.).

Wer nicht kritisiert, akzeptiert alles, wie es ist

Wir sind uns wohl alle darüber einig, dass so einiges auf dieser Welt schiefläuft: Menschen verhungern, wo andernorts gutes Essen in Unmengen weggeworfen wird. Der Rechtsruck in der Gesellschaft wird an militärisch abgeriegelten Grenzen spürbar. Gewässer werden überschwemmt mit Plastikmüll – ganz abgesehen von den Auswirkungen der Massentierhaltung, die das Grundwasser ganzer Landstriche verpestet.

Genau diese Zustände nicht zu hinterfragen und nicht zu kritisieren bedeutet, sie einfach zu akzeptieren.

Wer die implizite Moralkeule hier im Text bisher noch nicht gehört hat, hört sie jetzt volle Wucht einschlagen:

 

“Sich fügen heißt lügen.” Erich Mühsam (und Slime)

 

Deshalb ist es nicht nur unser aller Recht, sich kritisch gegenüber dem “status quo” (Ist-Zustand) zu zeigen, sondern auch unser aller Pflicht, genau das zu tun.

Die milliardenfache Tierausbeutung wird sich nicht in Luft auflösen, wenn wir einfach stur weiter so machen wie bisher. Nur weil wir das, was ist nicht akzeptieren wollten, wurden wir zu Veganerinnen und Tierrechtlerinnen. Das war sozusagen der erste Schritt in gelebte Kritik.

Doch es ist und bleibt ein Kampf für die Befreiung aller Lebewesen, der zumindest Kritik am status quo von uns allen erfordert, um zumindest Änderungen anstoßen zu können. – Denn sonst passiert nichts.

Man kann auch das Eine ablehnen, und etwas ganz anderes unterstützen

Und natürlich ist es gut, wenn wir unsere Kräfte möglichst bündeln und gezielt einsetzen. Dazu müssen wir nicht bei allen Punkten übereinstimmen.

Und auch, wenn manche Veganerinnen einen automatisierten Brechreiz durch ihren Holocaust-Vergleich hervorrufen, sollten wir sie für genau das kritisieren. Es zu ignorieren und zum Tagesgeschäft überzugehen, festigt nur den Glauben, dass solche ekelhaften und verletzenden Vergleiche wirklich Menschen zum Veganismus bringen würden. (hint: Nein, tun sie nicht!)

Aber bei der Kritik an einer Äußerung einer Veganerin bleibt es dann ganz sicher nicht. Denn wir kämpfen alle an verschiedenen Fronten – jetzt kommt’s – auf einmal!
Es gibt Menschen, die in diversesten Vereinen und Organisationen aktiv sind und fast schon im Schlaf herbeten können, warum der o.g. Vergleich scheiße ist.

Nicht, dass das immer so sein sollte. Es ist vielmehr nur ein Beispiel von vielen, das zeigen soll, wie notwendig beides ist: Die Kritik an uns allen und die Kritik am System außerhalb unseres Bereichs.

“Du lästerst einfach über unsere Arbeit, statt selbst etwas zu tun”

FingerzeigenEs ist schwer vorzustellen, aber nicht immer ist die eigene Arbeit der Zenit der Menschheit. Gerade im Rahmen der Freiwilligenarbeit – also in Vereinen, Aktionsgruppen oder auch bei solidarischer Hilfe – können wir nur gegenseitig voneinander lernen.

Das heißt allerdings auch, dass wir zu unserer eigenen Unperfektheit stehen können. Und hier wird es kniffelig: Wo wir doch so viel Herzblut und Energie in ein Projekt, die Kampagne XY gesteckt haben, wie kann sich da jemand erdreisten, uns dafür zu kritisieren?!

Da haben wir uns stundenlang den Mund fusselig geredet, um die Menschen zu etwas mehr Empathie zu bewegen, und eine X-Beliebige meint (ver-)urteilen zu können.

Wir sind eben soziale Wesen, die nach Anerkennung streben und lieber Jubel hören, als etwas, dass uns den Wind aus den Segeln nimmt.

Am schlimmsten ist es für die Kritisierten, wenn ihr Gegenüber dem Anschein nach gar nicht so tolle Arbeit gemacht hat wie wir. Doch vielleicht hat sie bereits Erfahrungen mit dieser Art von Aktivismus und daraus gelernt: nämlich dazu Abstand zu halten.

In jedem Fall sollten wir uns zu Herzen nehmen, dass die beste Kritik von Außenstehenden kommt: Objektive Kritik ist nur mit eingehender Reflexion der sichtbaren Umstände möglich. Nur, weil jemand nicht Teil einer fancy Gruppe ist, sollten wir uns nicht einbilden, dass diese Person keine fundierte Kritik üben kann.

Der Blickwinkel

Kritik muss nicht aus der Perspektive eines direkt betroffenen Individuums kommen: Wir sind keine Tiere in der Massentierhaltung und haben dennoch das Recht und vor allem die Pflicht, die Tierindustrie zu kritisieren.

Berechtigung für Kritik ist keine subjektive Einschätzung (“mir gefällt deine Mütze nicht”), sondern eine Anführung kritikwürdiger Inhalte oder Zustände. Das ist eine generelle Voraussetzung: Nicht mein Gusto ist entscheidend, sondern der Zusammenhang von Inhalt, Form, Darstellung, Struktur usw. – alles, was uns erkenntlich ist.

Selbst, wenn wir Kritik gegenüber einer Person äußern, heißt das nicht gleich, dass diese Person selbst das Problem ist. Es lässt vielmehr den Raum für Veränderungen offen. Nicht: “Du bist nicht O.K.”, sondern: “Du bist O.K., aber Deine Äußerung ist kritikwürdig”.

Wichtig für den Wert der Kritik ist allein deren Inhalt, nicht die gesellschaftliche Stellung der Kritikerin. Diese Stellung setzt die Kritik höchstens in ein Verhältnis (bspw. wenn die Mitarbeiterin die Chefin kritisiert).

 

Deshalb dürfen wir auch rechte Strukturen in der veganen Szene kritisieren, obwohl wir die Personen nicht persönlich kennen. Das macht nämlich den Inhalt der Kritik nicht irrelevant. Im Gegenteil: Sie wird durch eine Distanz noch viel tragfähiger (natürlich, sofern sie eben an den Sachverhalten orientiert ist – was bei jeder Kritik eben der Fall sein soll).

Wenn wir eine Situation aus der Distanz beobachten fallen uns womöglich viele Einzelheiten auf, die von Wert sind: Zahlen, Fakten, Observierungen und wichtige Details. Wenn wir allerdings emotional verknüpft sind mit der Erfahrung, können wir (unbewusst) Präferenzen setzen, die unsere Wahrnehmung der gesamten Situation verzerren können.

Lamm

Danke, dass Ihr so weit gelesen habt – als Dankeschön: Ein Suesses Foto ;)

Kritik abzuwehren ist leicht – sie ernst zu nehmen nicht

Kritik bedeutet Arbeit. Wir können einfach alles akzeptieren, wie es ist – das ist wesentlich einfacher. Aber das wird uns niemals in eine vegane oder generell gerechtere Zukunft bringen.

“Aber andere machen das auch soundso!”

Wenn wir vegan leben, haben wir schon einen großen Schritt dahin gemacht, Dinge nicht zu akzeptieren, nur weil es schon “immer so war” oder “andere es auch so machen”.

Nur weil etwas gesellschaftsfähig ist, heißt das noch lange nicht, dass es moralisch vertretbar ist. Diese Abwehrhaltungen kennen wir von noch nicht veganen Menschen und zeugen nur davon, dass wir uns nicht mit der Materie auseinandersetzen müssen.

“Wo ist Deine Lösung?!”

Das muss jetzt furchtbar hart klingen, aber: Kritik muss keine Lösung beinhalten. Manchmal reicht es schon, auf die morschen Balken hinzuweisen, damit die Bewohnerinnen das Haus noch rechtzeitig vor dem Einsturz verlassen können.

Natürlich macht ein Lösungsansatz was her – und vor allem macht er es anderen einfacher die Kritik zu akzeptieren und daraus zu lernen. Aber manchmal werden wir uns der Lösungen erst bewusst, wenn wir die Probleme benannt haben. (Jetzt, wo wir von den morschen Balken wissen, reparieren wir sie einfach – oder bauen gleich ein neues Haus!)

 

Vielleicht wurde mit diesem kleinen Ausflug in die (Ab)Gründe der Kritik für Euch etwas deutlich: Kritik ist gut. Manchmal tut sie weh, aber sie bringt uns voran.

 

* Wenn nur die weibliche Form genutzt wurde, soll das alle Geschlechter einschließen.

Liebe von uns genervte Mitmenschen

Ihr werft uns vegan lebenden Menschen vor, nicht selbstkritisch zu sein, uns als moralisch überlegen zu fühlen, intolerant, verbissen, ideologisch, extremistisch, radikal und militant zu sein. Ihr werft uns vor, dass wir euch das Fleisch verbieten wollen, dass wir eine Ökodiktatur errichten wollen, dass wir Tierarten aussterben lassen wollen.

Und ihr habt (weitgehend) recht. Nicht in der Wahl eurer Worte, wohl aber im Inhalt.

Wir wollen tatsächlich eine Welt, in der Menschen vegan leben. Eure «Ökodiktatur» ist der Zustand einer Gesellschaft, in der empfindungsfähige Lebewesen um ihrer selbst willen geschützt und respektiert werden, in der Kühe, Schweine, Lämmer, Rinder, Forellen, Katzen, Hunde, Elefanten, Ratten, Rehe, Wildschweine und Hühner nicht eingesperrt, gejagt, gehäutet oder dressiert werden, um sie und ihre Produkte zu essen, ihre Häute zu tragen, sie anzugaffen, an ihnen zu experimentieren oder Spaß an ihrem Tod zu haben. Wir gestehen dieses ungeheuerliche Ziel ein. Auch wenn wir niemals ein Verbot von Fleisch fordern würden, weil wir daran glauben, dass die Menschen von sich aus einsichtig genug sind, um die Verbrechen, die wir an Tieren begehen, zu sehen und entsprechend zu handeln.

Wir wollen eine Welt, in der Tiere nicht als Produktionsmittel, Waren, Entertainment, Bespaßung, Forschungsobjekte und Nahrungsmittel betrachtet werden. Um das zu erreichen, sind wir intolerant und nicht bereit, die Nutzung und Tötung von Tieren zu respektieren, gerade weil die Mehrheit unreflektiert diese fürchterlichen Praktiken unterstützt und legitimiert. Toleranz und Akzeptanz sind nicht angebracht, wenn unschuldige und hilflose empfindungsfähige Lebewesen auf furchtbare Art und Weise behandelt werden. Und glaubt nicht, wir würden euren Selbstbetrug vom „Metzger nebenan“, der „artgerechten Haltung“ und “Biofleisch” auch noch unterstützen. Ihr glaubt das doch selbst nicht mal, wenn ihr ehrlich seid.

Ein Tier einzusperren, und sei es auf einhundert Quadratmeter, und dann zu töten, nur, weil es schmeckt, wir es anschauen oder an ihm experimentieren wollen, ist falsch. Da gibt es keinen Spielraum. Nennt das intolerant, nennt das ideologisch nennt das militant, nennt dass radikal oder extremistisch, wenn wir euch darauf hinweisen. Wir akzeptieren das. Bitte erwartet nicht, dass wir Ja und Amen sagen, wenn an Unschuldigen Verbrechen begangen werden.

Unsere Art und Weise ist nicht immer angenehm. Wir wissen das. Und wenn wir den Verzehr von Fleisch mit dem Holocaust gleichsetzen, von Vergewaltigungen von Milchkühen sprechen oder skandieren, dass Fleisch Mord sei, dann gehen wir zu weit. Das tut uns leid. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber Erklärungen. Es liegt vielleicht daran, dass uns ein enormer Hass entgegenschlägt. Dass wir als „Veganazis“, „vegane Faschisten“ oder „Ökoterroristen“ bezeichnet werden. Tatsächlich gehen wir manchmal zu weit. Weil wir tagtäglich mit ansehen müssen, wie Millionen Tiere eingesperrt, gehalten, geschlagen gequält, gejagt und begafft werden. Wir sehen das Leiden in ihren Augen, wir sehen die Qual in jeder Faser ihres Körpers. Wir schaffen es leider nicht, das auszublenden.

Wir schaffen es nicht, uns mit „artgerechter Haltung“ und der Aussage, auch nur „ganz wenig Fleisch zu essen“ selbst zu beruhigen. Wir schaffen es nicht, aus natürlichen Gegebenheiten (“Der Mensch ist omnivor”) ethische Werte abzuleiten (“Der Mensch muss Fleisch essen”). Wir schaffen es nicht, einfach das zu machen, «was man eben schon immer so gemacht hat». Wir sehen das Leiden der Tiere. Keine Schnitzel, Bratwürste, Lederjacken, Pelzkragen, Eier oder Kunststücke. Wir sehen empfindungsfähige Lebewesen, die nicht eingesperrt und getötet werden wollen. Wir sehen Individuen, die Gefühle haben und Schmerzen empfinden können, die Freude, Genuss, aber auch Trauer spüren, die sozial sind und den Kontakt zu anderen Tieren brauchen.

Wie wir auch. Wir sind Herdentiere. Die Macht der Masse ist stark. Dass wissen wir vegan lebenden Menschen. Die meisten von uns lebten selbst jahre- oder gar jahrzehntelang omnivor und kennen den Selbstbetrug. Wir kennen die Anziehungskraft der Mehrheit, das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, weil es doch alle machen. Auch wir mochten Familienfeste mit Fleischbergen und Omas Braten. Das tun wir immer noch. Nur ist unser Braten eben vegan und unsere Berge bestehen aus Tofu oder Seitan.

Wir wissen, dass ihr glaubt, tierlieb zu sein. Die Sache ist nur die, dass wir euch das nicht abnehmen, wenn ihr dabei in ein Schnitzel beißt. Wir glauben euch eure Empörung über Tierquälerei – wobei für euch Tierqual offenbar nur an Hunden und Katzen, nicht aber an Schweinen, Rindern und Hühnern möglich ist – nicht, wenn ihr Milch trinkt. Wir glauben euch nicht mal eure Haustierliebe, wenn eure Hunde an Leinen, eure Wellensittiche in Käfigen und eure Meerschweinchen alleine gehalten werden. Für uns besteht ein Zusammenhang zwischen dem Einsperren von Schweinen und dem Abrichten eines Hundes auf der Grundlage der Dominanztheorie. Es geht um die Minderwertigkeit der Tiere, um ihre Unterdrückung, um das Unterordnen ihrer Bedürfnisse. Und ja, wenn die Befreiung der Tiere die Beendigung der Tierhaltung (nicht: die gleichberechtigte Lebensweise zwischen Menschen und anderen Tieren) bedeutet, so gestehen wir dieses Verbrechen ein.

Ihr werft uns vor, nicht selbstkritisch zu sein. Aber wir sind vegan geworden, weil wir selbstkritisch waren und immer noch sind. Vielleicht war es auch Faulheit. Faulheit, weil wir die ganzen unzähligen Widersprüche nicht mehr ausgehalten haben. Weil wir nicht Hunde streicheln und Schweine essen konnten. Weil wir nicht Löwen als ethische Vorbilder nehmen konnten. Weil wir nicht unser Herz für Pflanzen erst dann entdeckten, als es darum ging, Tiere zu degradieren. Weil wir nicht leugnen konnten, dass 80% allen Sojas in die Tiermast geht und dieses Soja kein Nebenprodukt ist.

Sicherlich, wir haben Verständnis dafür. Es ist immer schwierig, sich gegen eine Mehrheit zu stellen. Es ist schwer, jahrzehntelange Praktiken in Frage zu stellen und mit Traditionen zu brechen. Aber was habt ihr zu verlieren? Wird uns nicht täglich gesagt, wie individuell und einzigartig wir sind und sein sollen? Am Ende gibt es nur Gewinnende: Ihr werdet die quälenden Widersprüche los. Und die Tiere werden nicht leiden müssen.

Welche Wirkung haben Werbebotschaften auf uns? Überall und nahezu unvermeidbar sind wir Werbung ausgesetzt.

Werbung überschreitet häufig nicht nur soziale & regionale Grenzen, sondern auch jegliches Taktgefühl.

Voltaire sagte einst: „Wer dich dazu bringt, Absurditäten zu glauben, bringt dich auch dazu Ungeheuerlichkeiten zu tun.“

Willkommen in der Welt der Manipulation, der Propaganda, des Lobbyismus und des maximalen Profits, koste es was es wolle!

Auf welcher Informationsbasis und durch welchen Werbeträger positive Kaufentscheidungen getroffen werden ist der Tierleidindustrie relativ egal, solange das ethische Bewusstsein des potentiellen Käufers nicht reagiert und in die Quere kommt.

Die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, die 2009 aufgelöst wurde, hat in Sachen Werbung für Fleisch, Eier und Milch ganze Arbeit geleistet. Bereits ab den 50er Jahren wurden auf allen öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Kanälen, auf Messen und Veranstaltungen besagte Produkte mit Slogans wie „Milch macht müde Männer munter“, „Die Milch macht’s“, „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“, „Fleisch. Tu Dir was Gutes“, „Ich liebe schöne Schenkel“, „Eier – die Powersnacks für Champions“ u.v.m. angepriesen und als gesunde, unverzichtbare Lebensmittel beworben. Des Weiteren wurde speziell für Lehrer, Ernährungsberater, Vertreter und Journalisten werbewirksames Informationsmaterial zur Verfügung gestellt, das bei den potenziellen Kunden den Eindruck erwecken sollte, es handelt sich um lebensnotwendige, gesunde Nahrungsmittel – gewonnen von fürsorglich behandelten, artgerecht gehaltenen und glücklichen Tieren.

Noch heute aktuell: Schulmilchprogramme vom Kindergarten bis zum Abitur und als Höhepunkt der jährliche Welt-Schulmilchtag, jeden letzten Mittwoch im September. Sexistische, geschmacklose, Opfer verhöhnende und irreführende, unehrliche Werbung für Fleisch. Wer fernsieht, Radio hört, oder Magazine liest, kann sich diesen Werbebotschaften kaum entziehen. Sie begegnen uns außerdem unvermeidbar auf Plakaten an Litfaßsäulen, in Vitrinen, Schaufenstern und in Prospekten, die man uns in den Briefkasten schmeißt.

Selbst, oder gerade, Kindergarten- und Schulkindern wird so schon von klein auf suggeriert, dass es vollkommen normal ist Tiere zu (be)nutzen, zu essen, auszubeuten und zu töten. Kinder irritiert das oft sehr, weil sie Tiere eigentlich mögen und ihnen nicht weh tun möchten. Nicht selten empfinden sie sogar Unbehagen dabei Tiere zu essen. Ihnen wird dann meistens vorgegaukelt, dass das schon immer so war, notwendig ist um gesund zu sein/bleiben und dass den Tieren das eigentlich gar nichts ausmacht. So als hätte man sie bei der kontrollierten Fortpflanzung gegen Gefühle, Schmerz und Angst immunisiert. In den allerwenigsten Fällen, entgegen allgemeiner Behauptungen, sagt man ihnen die Wahrheit.

Welche Wirkung haben Werbebotschaften auf uns?

Wenn wir nun denken, der Konsum von Fleisch, Eier und Milch sei ganz natürlich und selbstverständlich, dass wir schließlich selbst entscheiden was wir konsumieren oder nicht, dann unterschätzen wir die Kraft und die psychologische Wirkung, sowie den nachhaltigen Einfluss der Werbung auf uns. Es mag sein, dass wir in dem Moment wo wir mit Werbung in Kontakt kommen, nicht sofort reflektieren, was diese mit uns macht, aber sie hinterlässt Spuren und beeinflusst uns direkt und auch indirekt. Für die meisten Menschen gewinnt ein Produkt noch mehr an Glaubwürdigkeit, wenn die Mehrzahl der Bevölkerung ebenfalls die beworbene, alltägliche Ware kauft.

Eigenständige und unabhängige Entscheidungen treffen zu können ist uns nahezu unmöglich, solange wir nicht anfangen „das scheinbar Normalste auf der Welt“ zu hinterfragen, zu beleuchten und ggf. in Frage zu stellen. Oft entpuppt sich dann die gelebte Gebräuchlichkeit als der reinste Irrsinn und die Beweggründe dafür als unhaltbare Klischees & Plattitüde.

Aussagen wie: „Ich entscheide immer noch alleine was ich esse“ beruhen allzu oft nur auf einer Illusion. Die Realität sieht fast immer anders aus. Wir erkennen das generell erst, wenn wir die Bereitschaft und den Mut aufgebracht haben, gewohnten Verhaltensmustern kritisch zu begegnen. Es sind meistens nicht „die Veganer“ die anderen ihre Sicht- und Lebensweise suggerieren, es ist die jahrelange Gewohnheit, die Berieselung der allgegenwärtigen Dauerwerbung und auch die Angst vor Veränderung.

Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens bewusst für eine vegane Lebensweise entschieden haben, durchliefen einen Prozess, der Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit einen breiteren Blickwinkel verschafft hat.

Wenn wir es uns erlauben, unser Konsumverhalten aus einer gewissen Distanz zu betrachten um neue Sichtweisen zu entdecken, unsere Betrachtungsweise etwas justieren, erscheint die Perspektive auf ein größtmöglich gewaltfreies Leben vielleicht gar nicht mehr so utopisch.

Billigfleisch vom Discounter war gestern, mehr Farbe ist heute Brauchen wir wirklich noch mehr "Tierschutz"-Plaketten?

Comic: Vegan Sidekick

Die meisten Menschen in Deutschland essen Tierfleisch und andere „Tierprodukte“. In den letzten Jahren haben sich jedoch Diskussionskultur und Wahrnehmung, vor allem beim Fleisch, gewandelt. Es geht nicht mehr um „Fleisch essen, ja oder nein“, sondern vor allem um einen vermeintlich akzeptablen Konsum. Das haben auch die Supermärkte und Discounter gelernt, deren Produkten gern das böse Massentierhaltungs-Image anhaftete.

Um aus der Schmuddelecke herauszukommen, wurden so allerhand Systeme erdacht, um mit minimaler Tierschutzkosmetik, maximale Aufmerksamkeit von Seiten der Konsument*innen zu erreichen. Zwischen lauter Fairmast1 und Tierwohl2 ließ sich fast vergessen, dass spätestens bei der Schlachtung die grundlegenden Interessen fühlender Lebewesen auf schlimmste und endgültige Weise verletzt werden. Während Fairmast und Tierwohl-Label bereits Kritik wegen lächerlich geringer Forderungen für die Tiere, minimal höherer Fleischpreise, bzw. intransparenter Vermarktung einstecken mussten, haben die Märkte nun weitere Ideen, um Fleischprodukten ein akzeptables Image zu gewähren, ohne den Preis sonderlich anzuheben.

Netto hat ein System eingeführt, dass aufzeigen soll, wie die Tiere zu Lebzeiten gehalten wurden3. Erstaunlicherweise die Nummer eins erhält dabei die Kategorie „Konventionelle Stallhaltung“. Diese solle den gesetzlichen Standards entsprechen. Dass diese nur ein minimales Zugeständnis der Wirtschaft an den Tierschutz sind, ist schlimm genug. Jedoch kommen noch fehlende Kontrollen hinzu. Viele Unternehmen werden nur im Abstand von Jahren bis Jahrzehnten kontrolliert4

Kategorie zwei soll winzige Zugeständnisse an die Bedürfnisse der Tiere machen, indem z. B. Beschäftigungsmaterial vorhanden sein soll. Kategorie soll den Tieren doch tatsächlich Zugang zu einem Außenbereich geben und Kategorie vier den Bio-Kriterien entsprechen5. Der unfreiwillige und leidvolle Tod wird durch die bunten Verpackungen natürlich nicht verhindert.

Eine weitere Idee, zur Tierschutz-Deko kommt von ALDI-Süd. Dort wurde nicht nur das Design eines Bilderbuches aufgenommen, sondern direkt auch zwei Tierschutzorganisationen als Fürsprecher gefunden6. Revolutionäre Verbesserungen für zu Nutztieren degradierte Tiere finden sich jedoch nicht7.

Eine Recherche zu den Labeln, Versprechen und vermeintlich tiergerechteren Haltungs-, Transport-, und Schlachtbedingungen zeigen wieder nur eines auf, nämlich die Tatsache, dass es den Tieren nicht besser ergeht, dass bunte Bilder und eingefärbte Fleischverpackungen nur dem Gewissenswohl dienen.
Wer in den Diskussionen dem Einwand vom geringen Fleischkonsum, bei striktem Wissen um Herkunft und Beachtung von Tierwohl begegnet, kann nicht anders, als diese Blase platzen zu lassen.

Fair den Tieren gegenüber ist es nur, sie nicht den Leiden und dem frühen Tod im Verwertungsprozess auszusetzen. Fair ist es ebenfalls, Tierschutzorganisationen nicht dazu zu verwenden, blutigen Produkten einen tierfreundlichen Anstrich zu geben.

 

  1. Fairmasthttps://www.fairmast.de/ []
  2. Initiative Tierwohl: https://initiative-tierwohl.de/ []
  3. Haltungszeugnis des Discounters Netto:
    https://www.netto-online.de/Haltungszeugnis.chtm []
  4. N-TV Mediathek: Amtstierarzt schaut mancherorts nur alle 48 Jahre vorbei:
    https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Amtstierarzt-schaut-mancherorts-nur-alle-48-Jahre-vorbei-article20599831.html []
  5. Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, Bio-Siegel:
    https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Oekolandbau/_Texte/Bio-Siegel.html []
  6. Aldis Bilderbuch für Erwachsene:
    https://unternehmen.aldi-sued.de/fileadmin/fm-dam/company_photos/US_Verantwortung/Lieferkette/ALDI_SUED_Fuer_mehr_Tierwohl.jpg []
  7. Aldis Einkaufspolitik:
    https://unternehmen.aldi-sued.de/fileadmin/fm-dam/company_photos/US_Verantwortung/Downloads/ALDI_SUED_Tierwohl-Einkaufspolitik.pdf []

Dominion – Das Grauen der Tierausbeutung Filmbesprechung

Der australische Dokumentarfilm ‘Dominion’ ist derzeit innerhalb der Tierrechtsszene in aller Munde1. Wir haben ihn uns angeschaut.

Triggerwarnung: Der Film zeigt eine Vielzahl grausamer Bilder realer Gewalt gegen Tiere. Wir verwenden hier bewusst keine Bilder aus dem Film, werden aber unter der Überschrift ‚Was genau zeigt dieser Film?‘ in Worten beschreiben, welche Zustände Dominion dokumentiert. Auch diese Beschreibungen können verstörend wirken und psychischen Stress erzeugen.

Worum geht es in dem Film?

Dominion zeigt die Praxis der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen. Die meisten Aufnahmen stammen aus der australischen Tierrechtsmediathek Aussie Farms Respository, einige auch aus Asien (vor allem aus China) und den USA.2 Sie könnten aber ebenso aus einem europäischen Land stammen. Die dargestellten gewalttätigen Prozesse sind weltweit überall dort, wo industrielle Tiernutzung in großem Stil stattfindet, in ähnlicher Weise Realität.

Der Film dokumentiert hauptsächlich die Zustände in der sogenannten ‘konventionellen Nutztierhaltung’ zum Zweck der Fleisch- und Milchproduktion. Außerdem wirft er einige Blicke auf andere Bereiche, in denen Tiere für menschliche Zwecke ausgebeutet werden, z.B. Jagd, Unterhaltung, ‘Sport’, Bekleidungsindustrie und wissenschaftliche Forschung.

Dominion zeigt die Realität der Tierausbeutung schonungslos brutal. Das Filmmaterial ist fast durchgängig von hoher Bildqualität. Die Szenen wurden von Tierrechtsaktivist*innen über Jahre mit versteckten Kameras und Drohnen in den Mastanlagen, Schlachthöfen und an anderen Tatorten eingefangen.

Als Zuschauer*in erleben wir die Leidenswege der Tiere hautnah, getrennt nach Tierart bzw. ihrer vermeintlicher ‘Bestimmung’ (z.B. Legehuhn und Masthuhn), minutiös aufgezeichnet vom Moment ihrer Geburt in Gefangenschaft bis zum Zeitpunkt des unfreiwilligen Todes. Die Bilder werden von mehreren Sprecher*innen kommentiert. Emotionslos, nüchtern, auf die wesentlichen Fakten reduziert.

Was genau zeigt der Film?

Wer den Film anschaut, weiß und fühlt bereits nach wenigen Augenblicken, dass er/sie gerade Augenzeug*in eines entsetzlichen Gewaltverbrechens wird. Die Bilder sind von kaum erträglicher Brutalität. Wir werden heftig konfrontiert mit den Abgründen menschlicher Profitgier und damit, was es für fühlende Lebewesen konkret bedeutet, unter kapitalistischen Produktionsbedingungen zu Waren und Erzeugnissen degradiert zu werden.

Der Film führt uns kaum vorstellbares Grauen vor Augen: Bilder von Tieren, die dicht zusammengedrängt knietief in ihren eigenen Exkrementen stehen, sind noch die harmlosesten. Wir sehen entsetzlich leidende, sterbende Tiere, die elend krepieren, weil ihre Verletzungen nicht versorgt werden. Auch tote Tiere, einfach liegengelassen und vergessen. Wir erleben unerträgliche Szenen von Tierquälerei, begangen vom überforderten und oftmals sadistischen Personal in den Tierfabriken. Unsere Blicke begleiten die Opfer bis zum Schluss, wenn ihr Leben im Schlachthof ausgelöscht wird. Wir hören die Schreie der gepeinigten Tiere, sehen ihre panischen Blicke, erleben ihren verzweifelten Todeskampf. Wir werden zigfach Zeug*in misslungener Betäubung, sehen Tiere, die bei vollem Bewusstsein zerlegt werden oder mit aufgeschlitzter Kehle aus der Betäubung erwachen, während sie gleichzeitig langsam verbluten.

Wer Dominion schaut, wird die Bilder und Schreie vielleicht ein Leben lang nicht vergessen.

Wer sollte den Film anschauen?

Der Film ist eine Empfehlung für alle Menschen, die die Überzeugung vertreten, ein Recht auf den Konsum tierlicher Produkte zu haben oder Tiere sonstwie zum eigenen Vorteil nutzen zu dürfen. Wer Tierleid in Auftrag gibt, sollte auch wissen, was er/sie da eigentlich beauftragt und sich der eigenen Verantwortung vollständig bewusst sein. Dominion regt dazu an, sorgsam zu prüfen, wie das, was dort zu sehen ist, eigentlich zu den eigenen Werten passt. Der Film kann sicher für manche Menschen der entscheidende Anstoß für eine bedeutsame Veränderung im eigenen Leben sein.

Auch Vegetarier*innen sollten sich den Film ansehen, insbesondere, wenn sie bislang der Meinung sind, Vegetarismus sei ein ethisches Verhalten, das kein Leid verursacht.

Wer bereits vegan lebt, weil er/sie die Fakten des Films längst kennt, sollte den Film vielleicht besser nicht anschauen. Zumindest dann nicht, wenn ähnliche Bilder einst der schmerzhafte Anstoß waren, das eigene Leben konsequent neu auszurichten. Die Gefahr einer Re-Traumatisierung durch die schockierenden Bilder ist erheblich. Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich diesem Risiko zwei Stunden lang auszusetzen.3

Wie kann der Film sinnvoll eingesetzt werden?

Die größte Wirkung wird der Film vermutlich dann entfalten, wenn er im Rahmen eines geplanten Anlasses (z.B. einer Tierrechts- oder Veganismuswoche oder als Sondervorstellung in einem Kino) öffentlich gezeigt wird und unter den Anwesenden möglichst viele Nochnichtveganer*innen sind. Es sollte unbedingt die Möglichkeit bestehen, noch über das Gesehene zu sprechen und die Bilder zu verarbeiten.

Natürlich lässt sich Ähnliches auch privat ganz leicht organisieren, wenn z.B. einige Veganer*innen ihre unveganen Bekannten einladen. Nützliche Hinweise hierzu gibt es direkt auf der Seite von ‚Dominion Movement‘.4 Die Macher von ‚Vegan ist ungesund‘ haben beispielsweise eine sehr gute Aktion durchgeführt und in einem YouTube-Video dokumentiert.5

Wer eine Veranstaltung inszeniert, sollte sich bewusst sein, dass es zu heftigen emotionalen Reaktionen kommen kann und sollte einige Erfahrung im Umgang damit haben.6
(Ich selbst habe den Film im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung erlebt, bei der sehr professionell auf die psychischen Risiken hingewiesen wurde und sogar therapeutische Soforthilfe möglich gewesen wäre.)7

Eine Vorführung ausschließlich für Veganer*innen ist vor allem dann sinnvoll, wenn der Fokus auf der Frage liegt, wie der Film für Überzeugungsarbeit strategisch genutzt werden kann. Dass Dominion auf der international animal rights conference gezeigt wird, ist beispielsweise sinnvoll und effektiv, weil er automatisch wichtige Diskussionen auslösen wird.8 Inhaltlich bietet Dominion für informierte Tierrechtler*innen allerdings keine Neuigkeiten.

Welche Schwächen hat der Film?

Der Film dauert zwei Stunden. Für viele ein Hindernis. Da wäre es hilfreich, wenn es eine komprimierte ‘Europa-Version’ gäbe.9

Obwohl der Film zu Beginn klarstellt, dass die gezeigten Geschehnisse tagtäglich überall auf der Welt stattfinden, werden wohl viele Zuschauer*innen intuitiv die Chance nutzen, die Relevanz der Bilder abzuwerten, weil das alles ja am anderen Ende der Welt stattfindet und außerdem auf die ‚allerschlimmsten‘ Auswüchse der Massentierhaltung fokussiert, die man selbst natürlich entschieden ablehnt. Wenn wir jemanden speziell für das Grauen der Massentierhaltung zum Zweck der Lebensmittelproduktion sensibilisieren wollen, dann sollten wir überlegen, ob wir statt Dominion nicht besser den Film Land of Hope and Glory des britischen Tierrechtlers Earthling Ed empfehlen.10 Der Film ist mit 48 Minuten Dauer wesentlich kompakter und genießt als europäischer Film vermutlich eine etwas höhere Akzeptanz bei nichtveganen Zuschauer*innen.

Wirklich störend ist der latent misanthrope Tenor des Films. Menschen werden ausschließlich von ihrer schlechtesten Seite gezeigt: grausam, erbarmungslos, zynisch. Am Ende fragt der Film, was all das Gesehene über den Mensch als Spezies verrät. Es folgen Bilder: Sklaverei, Hitlerdeutschland, Unterdrückung der Frauen. Danach die Frage: “Sind wir dazu verdammt, die Geschichte ständig zu wiederholen?”. Die Sequenz dauert zwar nur wenige Sekunden. Sie vermittelt aber ein durchaus verzerrtes, vermutlich gewollt unvollständiges, äußerst negatives Bild der Menschheit. Natürlich ist die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte der Unterdrückung und verbrecherischer Gewalt. Sie ist aber auch eine Geschichte des Widerstands, der Befreiung, der Solidarität mit den Gedemütigten, der Durchsetzung elementarer Rechte. Dieses Bild blendet der Film komplett aus.

Mein Fazit

Dominion ist ein Film, der wachrüttelt, bewegt und schmerzhaft berührt. All das kann sehr hilfreich sein und Erkenntnisprozesse anstoßen oder beflügeln.

Bevor man den Film empfiehlt, sollte man sich aber fragen, was genau man damit erreichen will. Geht es darum, das Gegenüber auf ganz bestimmte Missstände hinzuweisen, gibt es oftmals besser geeignete kurze Filme zu genau diesem Aspekt aus dem eigenen Land. Geht es um das Mensch-Tier-Verhältnis im Allgemeinen kann Dominion sicher die Heile-Welt-Vorstellungen mancher Mitmenschen massiv erschüttern und damit vielleicht tatsächlich der Unterschied sein, der den Unterschied macht.

  1. Die Verbreitung des Films wird über die Seite ‚Dominion Movement‘ gesteuert. Hier kann er auch kostenpflichtig angeschaut oder gekauft werden. https://www.dominionmovement.com/ []
  2. https://www.aussiefarms.org.au/ []
  3. Wer bereits vegan lebt und Dominion getrieben von der Motivation anschaut, unbedingt wissen zu wollen, worum es in dem Film geht, um in Diskussionen ‚mitreden‘ zu können oder den Film gegebenenfalls anderen gezielt zu empfehlen, dem/der empfehlen wir, einfach eine Beschreibung des Films wie z.B. diesen Artikel zu lesen. Das genügt völlig. []
  4. https://www.dominionmovement.com/host-screening []
  5. https://www.facebook.com/VeganIstUngesund/videos/495621644233063/ []
  6. Auf der Seite ‚Dominion Movement‘ gibt es einen sehr guten Text der klinischen Psychologin Apoorva Madan zur Selbsfürsorge bei belastenden Erfahrungen. https://www.dominionmovement.com/self-care []
  7. https://www.facebook.com/events/1964144750303511/ []
  8. https://ar-conference.org/ []
  9. Man könnte z.B. Hühner, Truthähne und Enten zusammenfassen und einige Themen weglassen, die für europäische Betrachter*innen weniger relevant sind (z.B. Kamelhaltung, Windhundrennen, …). []
  10. https://www.youtube.com/watch?v=dvtVkNofcq8&vl=de []

Wie sage ich es meinem(r) Omni? Impulse für eine wertschätzende, effektive Überzeugungsarbeit

Wie überzeugen wir unsere Mitmenschen von der Sinnhaftigkeit oder gar Notwendigkeit einer veganen Lebensweise? Eine lohnende, kontrovers diskutierte Frage, die leider nicht eindeutig beantwortet werden kann. Am ehesten passt wohl die Antwort: „Es kommt darauf an“. Nämlich auf den Kontext der Situation, die Persönlichkeit des Gegenübers und ihren ‚veganen Reifegrad‘. Auch wenn es kein Patentrezept für ‚vegane Überzeugungsarbeit‘ gibt, so gibt es doch immerhin einige hilfreiche Prinzipien. Ihre Berücksichtigung kann uns in vielen Situationen helfen, zufriedenstellendere Gesprächsergebnisse zu erzielen.

Erst verstehen, dann verstanden werden

Menschen brauchen das Gefühl, dass ihre Sichtweisen gehört, verstanden und ernst genommen werden. Deshalb sollten Veganer*innen sich die Argumente ihrer Mitmenschen immer anhören. Auch dann, wenn sie diese bereits in hundert anderen Gesprächen gehört und geduldig widerlegt haben. Verstehen bedeutet ja noch lange nicht zustimmen. Indem wir uns aber ehrlich bemühen, die Sichtweise der anderen Person zunächst zu erfassen, zeigen wir Wertschätzung. Sie ist die Basis für einen offenen Dialog.

Klar in der Sache, freundlich zu den Menschen

Wir sollten uns bemühen, während des Gesprächs dauerhaft in einer wertschätzenden Haltung auf Augenhöhe zu bleiben. Dadurch steigt die Chance, dass unser Gegenüber die Bereitschaft entwickelt, sich für Veränderungsimpulse zu öffnen. Umgekehrt gilt: Wer sich persönlich angegriffen fühlt, geht in Widerstand. Er/sie verteidigt sich dann reflexhaft, bläst zum Gegenangriff oder zieht sich beleidigt zurück. Selbst dann, wenn diese Person insgeheim sehr genau weiß, dass der Vorwurf inhaltlich berechtigt ist.

Abb.: Konstruktiver Dialog

Wir werden unsere Mitmenschen generell eher erreichen, wenn wir sie aufklären, inspirieren, ermutigen, als wenn wir sie beschimpfen, beschuldigen oder mit Vorwürfen überziehen. Uns sollte jederzeit klar sein, was der Unterschied zwischen einer wohlwollenden Anregung und einer arroganten Belehrung ist. Auch Rat-Schläge sind Schläge, wenn wir sie ungebeten und von oben herab erteilen. Gleichzeitig sollten wir aber auch jederzeit klar in unserer Haltung sein. Die Ausbeutung der Tiere durch den Menschen verursacht entsetzliches Leid. Sie stellt deshalb ein völlig inakzeptables moralisches Unrecht dar.

Gemeinsamkeiten finden und verstärken (Hauptnennerprinzip)

Wer vegan lebt, lehnt Tierquälerei und -ausbeutung entscheiden ab. Wer nicht vegan lebt, gibt diese aktiv in Auftrag und bezahlt andere für die blutigen Taten, auch wenn dieser Zusammenhang vielen zu Beginn des Gesprächs nicht wirklich bewusst ist. Eine denkbar ungünstige Ausgangslage für ein zugewandtes, inspirierendes Gespräch. Je größer die Diskrepanz ist, zwischen dem, was andere tun oder denken und dem, was wir selbst für moralisch geboten erachten, umso hilfreicher ist es, eine gemeinsame Ausgangsposition zu suchen, über die Einigkeit besteht. Wenn es um das Thema Veganismus geht, ist eine solche Position, der auch die meisten Nichtveganer*innen durchaus zustimmen, beispielsweise: „Tiere empfinden Schmerz und Leid. Deshalb sollten wir ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen.“ Wenn dieser ‚Hauptnenner‘ benannt und von beiden Seiten als richtig bestätigt wurde, kann man sich im Gespräch immer wieder darauf beziehen. Einerseits, um die Logik der eigenen Argumentation zu untermauern. Andererseits, um die Inkonsistenz der Argumentation der anderen Seite zu hinterfragen.

Fragen lenken Denken

Anstatt ausführlich über die eigene Position des Veganismus zu referieren und diese mühselig gegen zig ‚Ja-aber-Reflexe‘ zu verteidigen, kann es klug sein, im Gespräch die ‚Beweislast‘ umzukehren. Wir können unser Gegenüber ’nötigen‘, die eigene Position des Nichtveganismus schlüssig zu begründen. Am einfachsten gelingt das, indem wir gezielt Fragen stellen.1 Wir bekommen dann zwangsläufig eine Reihe von Aussagen zu hören, die im Widerspruch zum ‚Hauptnenner‘ stehen, auf den man sich ja zuvor geeinigt hatte. Wir können dann jedesmal freundlich nachfragen und um Präzisierung bitten. Zum Beispiel: „Du stimmst zu, dass wir Tieren nicht vorsätzlich Leid zufügen dürfen. Gleichzeitig isst du Fleisch und Käse. Beides Produkte, die aber genau das erfordern. Wie passt das zusammen?“ Wenn wir diese Fragen neugierig stellen, ist die Chance, dass unser Gegenüber die eigene Widersprüchlichkeit erkennt, meist wesentlich größer, als wenn wir den Widerspruch als konfrontative Tatsachenfeststellung formulieren.

Leading from behind

Die durch die ‚Umkehr der Beweislast‘ erfolgte Verlagerung von Aktion und Reaktion können wir im weiteren Verlauf des Gesprächs beibehalten. Das heißt, wir überlassen unserem Gegenüber scheinbar die Führung und reagieren auf die Aussagen jeweils mit weiteren Vertiefungs- oder Verständnisfragen. ‚Leading from behind‘ nennen Kommunikationspsycholog*innen dieses effektive Prinzip. Wir schauen unserem Gegenüber dabei gewissermaßen von hinten über die Schulter. Wir nehmen die Welt also aus seiner Sicht wahr. Gleichzeitig sorgen wir aber durch unsere gezielten Fragen dafür, dass wir uns genau über die Aspekte unterhalten, die geeignet sind, die limitierenden Wahrnehmungen und Meinungen zu erschüttern.

Ich-Botschaften

Einen starken Trumpf, den fast alle Veganer*innen in Gesprächen zum Thema Tierrechte und Veganismus nutzen können, ist die eigene unvegane Vergangenheit. Wir kennen sowohl die vegane als auch die unvegane Welt aus eigener Erfahrung. Wir haben eine Menge persönlicher Geschichten zu erzählen.

Anstatt die andere Person für ihr Verhalten zu kritisieren, das wir selbst jahrelang gezeigt haben, können wir auch retrospektiv uns selbst kritisieren. Statt der Du-Botschaft ‚Dein Verhalten X ist nicht in Ordnung‘ lautet die Ich-Botschaft dann: ‚Früher habe ich X auch so gesehen/gemacht. Doch dann habe ich erfahren/recherchiert/verstanden …‘.

Ein Beispiel: Jemand rechtfertigt den Konsum tierlicher Produkte mit ‚artgerechter Haltung‘, ‚humaner Schlachtung‘, Bio-Siegeln oder dem Glück der Tiere. Anstatt ihn/sie als Heuchler*in anzuklagen, könnte ich sagen: „Ja, ich war auch lange Zeit der Meinung, es könne in Ordnung sein, Tiere zu essen, wenn sie bis zu ihrem Tod ein glückliches Leben hatten. Als ich mich dann näher mit dem Thema beschäftigt habe, war ich regelrecht entsetzt.“ Jetzt kann ich erzählen, wie lächerlich gering die Unterschiede zwischen konventioneller und Bio-Haltung bzw. -schlachtung sind. Ich kann einfließen lassen, wie jung die Opfer unabhängig von der Haltungsform zum Zeitpunkt ihres Todes sind (Es sind Kinder). Ich kann auch ausführen, wie absurd es mir heute erscheint, ausgerechnet das Leben glücklicher Lebewesen für meine trivialen Vorlieben auslöschen zu lassen.

Solche Ich-Botschaften entfalten allerdings nur dann ihre Wirkung, wenn sie absolut authentisch und ehrlich sind.

Verstärken, was bereits vegan funktioniert

Wie eingangs erwähnt, sollten wir uns zwar um eine maximale Wertschätzung unseres Gegenübers bemühen, dabei unsere Überzeugung, dass Tierausbeutung Unrecht ist, aber niemals ‚weichspülen‘ oder über Bord werfen.2 Das geht ganz einfach. Wir können alles, was die andere Person bereits im Sinne einer veganen Lebensweise tut, ausdrücklich anerkennen und verstärken. Umgekehrt sollten wir die erhoffte Absolution konsequent verweigern, wenn jemand stolz berichtet, immer weniger vom Falschen zu tun. Wenn jemand beispielsweise erzählt, mittlerweile nur noch an fünf Tagen Tierprodukte zu essen, sollte das Feedback nicht lauten: „Ich finde toll, dass du nur noch fünfmal die Woche Tiere isst“. Besser wäre die Rückmeldung: „Toll, dass du an zwei Tagen vegan lebst. Wie kann ich dich unterstützen, dass schon bald drei und noch mehr Tage daraus werden?“

Fazit

Der Erfolg unserer Kommunikation wird  bestimmt durch die Wahrnehmung des Empfängers bzw. der Empfängerin. Ob uns das gefällt oder nicht. Deshalb sollten wir unseren Gesprächspartner*innen jederzeit freundlich und neugierig gegenübertreten. Statt unsere ‚Wahrheit‘ zu dozieren, sollten wir dem jeweiligen Gegenüber durch gezielte Fragen oder durch Beispiele aus unserer eigenen Entwicklung helfen, die Notwendigkeit der eigenen Veränderung in sich selbst zu entdecken. Die meisten Menschen lehnen Tierquälerei ab. Sie denken also bereits vegan. Ziel der Überzeugungsarbeit sollte sein, dass unsere Mitmenschen genau das realisieren und den Wunsch entwickeln, die eigenen Werte endlich auch konsistent zu leben.

 

 

 

  1. Zum Thema Fragetechnik haben wir vor einiger Zeit bereits einen ausführlichen Artikel veröffentlicht: http://veganswer.de/fragen-lenken-denken/ []
  2. Der Frage, warum es wichtig ist, in der Ablehnung jeglicher Tierausbeutung klar zu bleiben, haben wir bereits einen längeren Artikel gewidmet. Am Beispiel der populären Forderung, man möge gerne weiterhin Käse essen, aber bitte aufhören Fleisch zu konsumieren, zeigen wir, dass eine solche ‚Absolution‘ beim Gegenüber zwar sehr gut ankommt, seine Entwicklung in Richtung Veganismus aber eher erschwert als begünstigt. http://veganswer.de/du-moechtest-vegan-leben-kannst-aber-nicht-auf-kaese-verzichten/ []

How to create a vegan world – oder: Der neue Geist des Veganismus [Buchrezension: Tobias Leenaert - How to create a vegan world: A pragmatic approach]

Der Veganismus hat in den letzten 10 Jahren eine unglaubliche Entwicklung hingelegt. Galt man früher als langhaariger, barfüßiger und Bäume umarmender Hippie, wenn man vegan lebte, so gilt man heute zwar immer noch als ein wenig wunderlich, wenn man vegan ist, aber man wird ernst genommen oder gar bekämpft und nicht mehr nur belächelt. Diskussionen über Veganismus oder Tierrechte füllen täglich die Zeitungen und die Kommentarspalten. Von dem Anstieg und der Verfügbarkeit veganer Produkte ganz zu schweigen.

Es ist klar, dass die Taktiken und Strategien, die vor 10, 20 oder 50 Jahren angewandt wurden, auf den Prüfstand müssen. Diesem Anspruch im Sinne einer Fundamentalkritik hat sich Tobias Leenaert in seinem Buch „How to create a vegan world: A pragmatic approach“ [Wie man eine vegane Welt schafft: Ein pragmatischer Ansatz] verpflichtet. Ausgehend von der Frage, wie wir effektiv sein können, ohne unser Ziel – das Beenden von menschengemachten Tierleid – aufzugeben, entwickelt Leenaert verschiedene Strategien und Kritiken an herkömmlichen Methoden und Kampagnen. Das Ziel, so wird Leenaert nicht müde am Anfang jedes Kapitels zu betonen, ist es, alle Menschen nach „Veganville“ zu bringen. Veganville, das ist eine Metapher für eine vegane Welt. Ganz oben auf dem Berg leben die Veganer*innen in einem Dorf. Sie sind wenige. Die meisten (Omnivor*innen) leben unten im Tal, manche dazwischen (Vegetarier*innen/Flexitarier*innen). Das Ziel ist es, die Menschen unterhalb davon zu überzeugen, auch in Veganville zu leben.

Auf dem Berg zu wohnen impliziert, auf andere herabzuschauen. Und das ist die (stillschweigende) Kritik, die das Buch durchzieht: Zu lange hätten Veganer*innen auf andere herabgeblickt, zu oft würden sie moralisieren und die „reine“ Lehre predigen. Da diese Taktik aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei, da immer noch der überwiegende Teil der Menschen nicht vegan lebe und der Markt an Alternativprodukten und veganen Angeboten hauptsächlich von „Reducern“ (also Menschen, die hin und wieder tierliche Produkte konsumieren) getragen werde, aber auch, da die Bewegung nicht mit anderen Bewegungen wie der Abschaffung der Sklaverei oder dem Feminismus gleichzusetzen sei (der Konsum tierlicher Produkte sei geschichtlich tiefer im Bewusstsein verankert und die Opfer könnten nicht für sich selber sprechen) sei ein „pragmatic approach“, eine pragmatische Herangehensweise, nötig.

In seiner Definition stützt sich Leenaert auf das Cambridge Essential English Dictionary: „Pragmatism is the quality of dealing with a problem in a manner that suits the conditions that really exist, rather than following fixed theories, ideas, or rules.“ [“Pragmatismus ist die Eigenschaft mit einem Problem in derjenigen Weise umzugehen, die den Bedingungen entspricht, die wirklich existieren, und nicht mit festen Theorien, Ideen oder Regeln.”] Er ergänzt: „Being pragmatic, then, is about reality rather than rules.” [“Pragmatisch zu sein bedeutet, sich mehr an der Realität zu orientieren als an Regeln.”] Dabei stellt er dem Pragmatismus Dogmatismus und Idealismus gegenüber, wobei er weder für einen puren Dogmatismus noch einen reinen Pragmatismus votiert, sondern für einen Weg der Mitte, der über den Pragmatismus führt.

Das Ziel ist damit gesetzt. Und in 5 weiteren Kapiteln führt Leenaert seinen pragmatic approach aus. Er arbeitet mit Statistiken, bringt eigene Argumente, geht aber auch vorwegnehmend auf Gegenargumente ein. Die Sprache ist einfach gehalten. Ein englisches Wörterbuch ist fast kaum nötig. Leenaert ergänzt seine Argumente oft durch Metaphern und Beispiele. An manchen Stellen soll es der gesunde Menschenverstand richten, ohne weitere Belege anzuführen. Die Abbildungen sind (fast schon erschreckend) einfach gehalten. Die Auswahl der Statistiken ist begrenzt, was weniger an Leenaert selbst liegt, sondern an der Tatsache, dass die vegane Bewegung relativ jung ist und entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen rar sind. Der Stil ist nicht aggressiv, sondern eher vorsichtig tappend, ohne dabei jedoch inhaltliche Ansprüche aufzugeben. Diese Ansprüche sind es auch, warum der Stil so entgegenkommend ist und Leenaert am Anfang den „benefit of the doubt“  haben möchte.

Tobias Leenaert, so könnte man polemisch sagen, ist der Richard David Precht der veganen Bewegung. Das klingt herabwürdigender, als es gemeint ist. Wie Precht auch, so schreibt Leenaert nicht für Gelehrte oder Menschen, die allzu tief in ein bestimmtes Thema eindringen möchten. Wie Precht auch, so verlangt Leenaert (zumindest) explizit nichts von den Menschen. Sie sollen selbst entscheiden (auch wenn er natürlich den pragmatischen Weg besser findet, was in der Natur der Sache liegt, wenn er solch ein Buch schreibt). Wie Precht auch, so steht Leenaert auf der Seite des Konsequentialismus und nicht auf der Seite einer deontologischen Ethik. Sind beim Konsequentialismus die Folgen einer Handlung entscheidend, so bei der deontologischen Ethik die Absichten.

Precht rechtfertigt seinen Nicht-Veganismus damit, dass er mehr Menschen ansprechen könne, wenn er hin und wieder Fleisch äße. Seine philosophischen Bücher sind ebenfalls darauf ausgelegt, möglichst viele Menschen zu erreichen, um ihnen philosophische Themen näherzubringen, wofür er in der wissenschaftlichen Philosophie (ob nun zu Recht oder zu Unrecht) belächelt wird. Leenaert hält es ebenfalls für besser, Menschen überhaupt zu erreichen, als sie zu verprellen. Das Ziel von Leenaert ist keine Fundamentalkritik an dem kapitalistischen System, in dem Tiere (und Menschen) zur Ware degradiert werden. Er argumentiert innerhalb des Systems und von den Konsequenzen her. Sein Ansatz ist also individualistisch: Gefordert sind einzelne und isolierte Handlungen – keine kollektiven Bewegungen-, die dann nach und nach zu Veränderungen in Wirtschaft und Politik führen. Diese Herangehensweise ist zumindest – einseitig. Es wird vollkommen ignoriert, wie sehr Politik und Wirtschaft (und auch die Medien) Einfluss auf das Konsumverhalten nehmen.

Ich stehe auf der Seite der deontologischen Ethik, aber ich kann den konsequentialistischen Ansatz verstehen. Wenn es um die Begründung geht, so halte ich weder die eine noch die andere Herangehensweise für besser oder schlechter begründet. Am Ende entscheiden sowieso die tatsächlichen Handlungen, und wenn jemand meint, es sei falsch, einen Menschen zu töten, um 5 zu retten (oder ein Tier, um 5 zu retten), so ist das ein Streit, der theoretisch ungelöst ist, aber praktisch tausendfach entschieden wird. Mit ihren Handlungen entscheiden die Menschen, auch die Aktivist*innen, auf welcher Seite sie stehen.

Leenaert selbst bringt drei Beispiele, um den Konsequentialismus stark zu machen.

  1. Jemand behauptet, er/sie würde das Dreifache an Fleisch essen, was er/sie sonst isst, wenn du dich vegan ernährt. Tust du es nicht, bleibt er/sie bei der ursprünglichen Menge.
  2. Würdest du für 100’000 Euro ein Steak essen? Stell dir vor, was du mit diesem Geld alles für die Tiere tun könntest!
  3. Im Zuge von Undercover-Recherchen müssen Veganer*innen in Ställe einbrechen, hilflos zusehen, wie Tiere getötet werden Tiere oder Fleisch essen, um nicht aufzufallen. Sind sie deswegen schlechte Veganer*innen?

Das ist natürlich manipulativ und suggestiv. Die deontologische Ethik geht einher mit der Autonomie des Individuums und der Verantwortlichkeit der Handlungen. Im ersten Fall ist also niemand anderes als die Fleisch essende Person verantwortlich für die Konsequenzen. Alles andere ist paternalistisch und anmaßend. Im zweiten Falle würde wohl niemand nein sagen. Aber unrealistische Szenarien beweisen nichts. Man könnte hier auch einfach „Steak essen“ mit „töte ein Tier, damit tausende gerettet werden“ und die Sache sähe schon ganz anders aus. Ganz abgesehen vn der Frage, wo denn die preisliche Grenze zu ziehen ist: Ein Schnitzel für 10’000 Euro? Ein Liter Milch für 1000 Euro? Ein Ei für 100 Euro? Der dritte Fall ist schon schwieriger. Da lautet die Opposition aber auch nicht Konsequentalismus oder deontologische Ethik, sondern die Frage ist, was das für ein System ist, in dem wir leben (ich komme darauf zurück). Ganz davon abgesehen, dass bei Stallrecherchen durchaus Tiere gerettet werden und man im Schlachthaus nicht die Möglichkeit hätte, das Töten der Tiere zu unterbinden – selbst wenn man das wollen würde.

Auch der Konsequentialismus lässt sich in seiner Logik zuspitzen und so ad absurdum führen. Was spricht noch dagegen, mit rechten und antiemanzipatorischen Bewegungen zusammenzuarbeiten? Immerhin werden so eventuell mehr Tiere gerettet! Sklavenhaltung ist im reinen Konsequentialismus ebenfalls nicht schlecht, wenn dadurch das Wohl von mehr Menschen gefördert wird. Weder eine rein deontologisch noch eine rein konsequentialistiche Ethik also werden den intuitiven Empfindungen noch den gesellschaftlichen Verhältnissen gerecht. Und doch drängt uns Leenaert dazu, konsequentialistisch zu sein. Es verwundert nicht, dass er auch für einen „95%-Veganismus“ plädiert, um Menschen nicht aus dem „Vegankreis“ auszuschließen. Ironischerweise zitiert er die ursprüngliche Definition des Veganismus, die auch heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren hat:
“Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – soweit wie praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden.”

Veganismus heißt also nicht, aus einem Selbstzweck tierliche Produkte zu vermeiden, sondern das Leiden von Tieren zu minimieren, soweit das möglich ist. Da kommen deontologische und konsequentialistische Elemente zusammen. Und wichtiger noch: Das Ideal von „100%“ ist eingebunden in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Veganismus ist also der Versuch, möglichst wenig Tiere töten und leiden zu lassen. Ein gewisser Spielraum ist in dieser Definition damit schon vorhanden. Was denn nun notwendig ist und wo Einschränkungen beginnen, die nicht mehr zu rechtfertigen sind, ist eine andere Frage, die kontextabhängig ist. Man kann sich darauf einigen, dass Fleisch, Milch- und Eiprodukte vollkommen vermeidbar sind, ebenso wie Leder, Wolle, Pelze, Zirkusse und Zoos. Ob geklärte Weine, Produkte mit 2%-Honiganteil, Medikamente o.Ä. darunter fallen, ist eine Frage, die nicht so einfach so beantworten ist. Niemand wird zum Nicht-Veganer, wenn sie alte Lederschuhe trägt oder ein Getränk mit der E-Nummer 120 trinkt. Von der Gleichsetzung “Konsum = alleinige Verantwortung” ganz zu schweigen.

Darum ist der Vergleich zur Religion auch passend. Christ oder Muslimin zu sein, bedeutet nicht, unfehlbar zu sein. Ebenso wie links zu sein nicht bedeutet, in den Handlungen „pur“ zu sein. Es bedeutet die Verpflichtung auf bestimmte Werte oder Glaubensinhalte. Der Veganismus ist da nicht anders. Und man sollte von den Einzelnen keine Reinheit verlangen, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse an sich durch und durch falsch und destruktiv sind.

Interessanterweise wird bei Leenaert nicht ganz klar, wo er die Grenzen zieht. Er spricht sich zwar klar für einen konsequentialistischen Ansatz aus, also dafür, möglichst viel Leid zu verhindern, aber er hat doch Prinzipien, an denen er festhalten möchte. So spricht er von Yvonne, die eine hypothetische Lasagne mit Ei zubereitet. Essen oder nicht essen, das ist Leenaerts Frage. Er würde die Lasagne essen, da er so mehr für die Tiere tun würde (da Yvonne dem Veganismus wohl abgeneigt wäre, wenn sie sich soviel Mühe gegeben hätte und wegen ein klein wenig Ei Leenaert die Lasagne nicht essen würde). Das Szenario ist nicht absurd. In der ein oder anderen Form kennen das die meisten Veganer*innen. Interessant ist nun die Konsequenz des Beispiels: Warum Halt machen bei Eiern? Was ist mit Milch oder Hackfleisch? Leenaert hat da keine Antwort, sondern spricht nur davon, dass das „absurd limits“ [absurde Grenzen] wären und er schon aus „physical disgust“ [körperlichem Ekel] keinen Käse essen würde.

Die ethische Gegenüberstellung zwischen Konsequentialismus und deontologischer Ethik ist nicht neu. Jede soziale Bewegung, je größer sie wird, kennt den Streit zwischen Pragmatist*innen und Idealist*innen. Auch in der Politik besteht die Diskrepanz zwischen Fundamentalopposition (Theorie) und pragmatischem Regierungshandeln (Praxis). Die Grünen starteten als Partei, die fundamentale gesellschaftliche und politische Werte in Frage stellte. Der Widerstand war entsprechend groß. 1998 waren sie dann an der Regierung beteiligt und haben heute keine Probleme mehr damit, mit der Union zu koalieren. SPD, Grüne, CDU/CSU, FDP und auf Landesebene auch die Linke: Sie alle sind bereit, einen Teil ihrer Überzeugungen aufzugeben, um regieren und damit überhaupt etwas verändern zu können. Und je weiter verbreiteter der Veganismus wird, desto mehr wird eine pragmatische Herangehensweise zunehmen. Lieber wenig(er) als nichts, so die Idee des neuen Geistes des Veganismus. (Es muss an dieser Stelle offen bleiben, ob ein Festhalten an Grundidealen „nichts“ erreicht.)

Auf seiner Facebooksseite tritt Leenaert deutlich entschiedener auf als in seinem Buch und macht keinen Hehl daraus, dass er den Begriff des Veganismus verschieben möchte.

Ebenfalls wird deutlich, dass er seinen Ansatz für besser hält und für die herkömmlichen Methoden und Inhalte nur Verachtung übrig hat.

 

Nach fast 10 Jahren Verdruss hat sich für mich das Moralisieren als nicht zielführend herausgestellt. Und es reicht ja schon, überhaupt auf die Zustände der Massentierhaltung hinzuweisen, um als „moralisierend“ zu gelten. Den meisten Menschen ist das Tierleid egal oder zumindest nicht so wichtig, als dass sie dafür ihr Verhalten ändern würden. Und die Gründe dafür sind bekannt. Leenaert geht auf die Konformität und den Karnismus ein. Aber das greift zu kurz, da es nur die psychologische und individuelle, nicht aber die strukturelle Ebene beleuchtet.

Ob uns das gefällt oder nicht, andere Herangehensweisen sind geboten, und wenn diese über Gesundheit, Umwelt oder Klima führen, mag das nicht unsere Motivation sein, ist aber aus strategischer Sicht anzuerkennen. Zwar bin ich der Auffassung, dass eben die mangelnde Motivation dazu führt, dass viele Veganer*innen und Vegetarier*innen wieder rückfällig werden (Leenaert geht auch auf das Argument ein, ohne es allerdings entkräften zu können), aber auch hier handelt es sich um eine These, die bewiesen werden müsste. Ebenso wie ich nicht belegen kann, dass es schlecht ist, Menschen dafür zu loben, wenn sie nur an drei Tagen pro Woche Fleisch essen, weil sie dann keine Motivation mehr haben, weiter zu gehen. Wenn man etwas weniger Schlechtes als gut empfindet, hat man ein definitorisches Problem. Die Menschen fühlen sich besser und gut, wenn sie etwas tun, das im Vergleich eigentlich nur weniger schlecht ist. Da es Massentierhaltung gibt, halten sich einige für gut, wenn sie Biofleisch kaufen. Aber Biofleisch ist nicht gut, sondern nur weniger schlecht als Fleisch aus Massentierhaltung (aus der 98% alles Fleisch stammt).

Zugegeben, die Strategien sind nicht welterschütternd. Im Grunde geht es darum, kein Arschloch zu sein, Menschen zuzuhören und sie abzuholen, wo sie stehen und wohin zu gehen sie bereit sind. Viel wichtiger sind die Implikationen und die Richtungsverschiebung in Bezug auf den Veganismus, aber auch der Bezug zur Gesellschaft insgesamt, die in dem Buch enthalten sind. Vielen Veganer*innen wird nicht gefallen, was Leenaert schreibt. Sie werden es als Aufgabe des Veganismus betrachten, wenn dieser nicht (hauptsächlich) ethisch fundiert ist und wenn man kleine Schritte lobt. Aber das würde bedeuten, die normative (wertende) mit der deskriptiven (beschreibenden) Ebene zu verwechseln. Man kann kaum Leenaert dafür verantwortlich machen, dass ethische Argumente eine eingeschränkte Wirkung besitzen, dass Menschen Konventionen und Traditionen über das Wohl von Tieren stellen, dass Klima- und Gesundheitsargumente gleichgewichtig neben ethischen stehen oder dass Menschen davon eingeschüchtert sind, wo alles tierliche Produkte enthalten sind.

Die Ablehnung sollte sich also weniger auf Leenaert und den neuen Geist des Veganismus richten, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Leenaert widmet zwar ein Kapitel den institutionellen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, aber eine Kapitalismuskritik fehlt komplett (was auch sein oberflächlicher Gebrauch des Wortes „Ideologie“ beweist). Wenn Leenaert appelliert, den Schulterschluss mit anderen Bewegungen zu suchen, so wäre eine kapitalismuskritische Bewegung naheliegend. Es ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechen (neo-)liberale Ideologie, in deren Zuge Menschen und Tiere zu Waren degradiert werden. Ohne Kritik des Kapitalismus keine Kritik des Tierverhältnisses. Und wer vom Kapitalismus nicht reden möchte, der sollte vom Veganismus schweigen.

Auch Leenaert steht in dieser individualistischen und neoliberalen Tradition. Wenn Leenaerts Buch eine Jobausschreibung wäre, würde sie so lauten: „Bist du jung, dynamisch kreativ, teamfähig und hast Lust, täglich neue Menschen kennenzulernen? Dann bewirb dich jetzt auf unsere Stelle!“ Alles muss vermessen werden. Alles muss statistisch untermauert sein. Leenaert leugnet zwar, dass es darum ginge, Menschen zu manipulieren, aber man wird diesen Eindruck nicht los, wenn er, sich auf Dale Carnegie stützend, „Techniken“ und „Methoden“ darlegt, wie man Menschen erreichen kann. Er zitiert auch William James, einen der Begründer des Pragmatismus, der schreibt: „What is the truth’s cash value?“. Wahrheit wird eine Frage des Geldwerts. Besser wäre eine Veränderung der konkreten Praxis hin zu einer empathischeren Welt. Karl Marx wollte auch eine Praxis der Philosophie. Aber diese sollte gesellschaftsverändernd sein. Die Praxis der Pragmatist*innen und Leenaerts dagegen ist konformistisch und duckmäuserisch. Lasst uns also nicht pragmatisch und effektiv sein, sondern fundamentalkritisch. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung

 

Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung. Da essen sie ihre Tofuwürste, während andere Menschen froh wären, überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Selbstgefällig denken sie die Welt zu retten, weil sie keine Eier und keine Milch mehr essen, obwohl Oma damals nach dem Krieg hungern musste. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und es ist nichts anderes als Dekadenz, sich derart über das Essen zu definieren.

Wisst ihr, was noch eine Wohlstandserscheinung ist? Hartz IV. In anderen Ländern gibt es nicht mal ein Grundsicherungssystem. Und die Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung zu haben. Oder die Diskussionen über Mietpreise. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt eine Unterkunft zu haben. Und Niedriglöhne. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Arbeit zu haben.

Wer bestimmte Phänomene zu „Wohlstandserscheinungen“ erklärt, der stellt nicht nur fest. Vielmehr geht es um eine wertende Aussage. „Das ist nur in einer Wohlstandsgesellschaft möglich. Das hat keine Berechtigung.“ Weil es immer noch schlimmer geht, darf man das weniger Schlimme gar nicht diskutieren.

Veganismus ist ein Wohlstandsphänomen. Sich Nahrung aussuchen zu dürfen, ist ein Privileg. Und ich stimme dem zu. Mir keine Sorgen machen zu müssen um meine Nahrung, auswählen zu können zwischen tausenden Nahrungsmitteln – das ist ein Privileg. Aber wisst ihr, was noch ein Privileg ist? Jeden Tag Fleisch essen zu dürfen. Jeden Tag wählen zu können zwischen Wurst und Fleisch vom Schwein, vom Rind, vom Huhn, vom Fisch, vom Lamm. Jeden Tag Käse, Eier und Milch konsumieren zu können, ebenso wie Lederprodukte, Wolle und Pelz. Und die Dekadenz steigert sich, wenn man wählen kann zwischen Brust, Nacken, Bauch, Rücken, Bein und Schulter. Während die Schlachtabfälle für Westafrika gerade gut genug sind.

Der Wohlstand der Nationen erhebt sich nicht auf pflanzlicher Nahrung. Er erhebt sich auf den Leichenbergen von Milliarden Tieren, deren Körperteile in jeglicher Form verarbeitet wurden und werden. Zivilisationen und Kulturen wachsen in dem Grade, Tiere in jeglicher Gestalt zu verwerten. Aber ist das ein ethisches Argument? Die Pyramiden wären niemals ohne Sklavenarbeit erbaut worden. Die kapitalistische Produktion hätte ihren Wohlstand niemals ohne Frauen- und Kinderarbeit erreicht. Der transatlantische Sklavenhandel hat immense Reichtümer geschaffen. Ist das denn ein Argument für Unterjochung und Gewalt, für Sklaverei, Patriarchat und Kinderarbeit?

Manche können sich die Geschichte ohne die Unterjochung von Schwarzen, Versklavten und Frauen vorstellen. Aber sie können sich nicht vorstellen, keine Tiere mehr zu nutzen. Wer zugibt, dass Schwarze, Frauen und Versklavte unterjocht wurden und das Teil unserer Geschichte ist, und proklamiert, dass das heute nicht mehr sein muss, der muss auch zugeben, dass die Geschichte ohne die Nutzung von Tieren nicht zu schreiben ist, aber in Bezug auf die Zukunft so geschrieben werden kann.

Wer sich eine Welt ohne Versklavte und die Unterdrückung von Schwarzen und Frauen vorstellen kann, nicht aber ohne die Nutzung von Tieren, der offenbart nicht nur grundlegende geschichtliche Unkenntnis, sondern auch einen Mangel an Vorstellungsvermögen. Da wird auf tierlichen Dünger verwiesen, ohne den die Landwirtschaft nicht funktionieren könne, ohne zu erkennen, dass das einfach das Ergebnis von hunderten von Jahren Tiernutzung ist, die sich in unseren Institutionen, in unseren Praktiken und auch in unserem Denken festgesetzt hat. Man kann sich derzeit auch keine Welt ohne Kapitalismus vorstellen – aber ist das denn ein Argument? Man konnte sich auch mal eine Welt ohne Sklaverei nicht vorstellen – denn die ökonomischen Vorteile lagen für einige klar auf der Hand. Eine Welt ohne Sklaverei aber ist möglich, ebenso wie eine Welt ohne die Nutzung von Tieren. Es bedarf dazu nur ein wenig guten Willens, um den Blickwinkel, dass Tiere per se minderwertig und Produktionsmittel und Waren sind, zu ändern. Der Verweis auf entfernte Regionen, die heute noch auf die Nutzung von Tieren angewiesen sind, ist nichts anderes als ein Hohn und eine fadenscheinige Verlagerung der Argumentation. Was hat die Tierhaltung in Indien oder Argentinien damit zu tun, wie Tiere bei uns behandelt werden? Hier werden andere Menschen nur wieder instrumentalisiert, um hemmungslosen Fleischkonsum zu rechtfertigen.

Es ist an Zynismus nicht zu überbieten. Wer den Veganismus eine Wohlstandserscheinung schimpft, ist meistens auch von jenem Schlage, zu konstatieren, dass der Mensch stets dem Tier zu bevorzugen sei. Und zwar vor dem Hintergrund, sich weder um Menschen noch um Tiere zu scheren, sondern Menschen nur deswegen hoch zu bewerten, um Tiere damit abwerten zu können.

Wer also in unseren Breitengraden tierliche Produkte konsumiert, zwischen Leder und Pelz wählen kann, die Vorteile des Gesundheitssystems in Anspruch nimmt, eine Renten- und Arbeitslosenversicherung hat, in den Urlaub gehen und für seine Rechte eintreten kann – derjenige hat das Recht verwirkt, den Veganismus als Wohlstandserscheinung zu diskreditieren.