Tierethik – Der Comic zur Debatte Buchrezension

Tierethik – Der Comic zur Debatte

Tierethik – Der Comic zur Debatte
von Julia Kockel und Oliver Hahn1.

Philosophie als Comic, ein Konzept, das wirklich aufgeht. Julia Kockel und Oliver Hahn vermitteln die Ansichten und Wertemaßstäbe, die wir Menschen unseren tierlichen Mitgeschöpfen im Laufe unserer Geschichte entgegengebracht haben, auf ungemein unterhaltsame und interessante Art und Weise.
Von Pythagoras über René Descartes bis hin zu Michael Schmidt-Salomon schauen wir Philosoph*innen über die Schulter und können verstehen, wie ihre Sicht auf die nicht menschlichen Tiere entstand und sich auf die Ethik der jeweiligen Zeit auswirkt(e). Durch die geniale Umsetzung als Comic bleibt der Inhalt immer verständlich und wird so gerafft, dass es keine Längen gibt.

Die Bilder erlauben es sowohl Einsteiger*innen, als auch langjährigen Tierrechtler*innen, immer wieder zu schmunzeln. Mal drängen Maus oder Esel in den Vordergrund, um für ihre Sache einzutreten, mal werden Internetphänomene aufs Korn genommen.

Lust auf mehr machen nicht nur die Verknüpfungen mit anderen sozialen Bewegungen, wie z. B. dem Feminismus, sondern auch der großzügige Anhang mit Quellen und Anlaufpunkten zur weiteren Beschäftigung mit Tierethik und ihrer Etablierung, sowie Fortentwicklung in unserer Gesellschaft.

Kritische Gedanken zu problematischen Punkten bei der Etablierung von Tierrechten als Ergebnis der Tierrethik, finden ebenfalls ihren Eingang ins Werk. So z. B.wenn in andere Teile der Welt geschaut wird, in denen ein Überleben von Menschen derzeit von ihrer Benutzung anderer Tiere abhängt. Oder auch, wenn auf sexistische Personen und Kampagnen hingewiesen wird, die eine Verbesserung der Situation der Tiere mit einem Verlust bereits erkämpfter Menschenrechte erkaufen würden. 

Klare Empfehlung. Sowohl für das eigene Vergnügen, als auch zum Verschenken.

Henry S. Salt2

  1. https://www.facebook.com/tierethikcomic []
  2. Animals’ Rights: Considered in Relation to Social Progress []
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Wünsche zu einem weiteren Jahresende Übersetzung von "Wishes as another year ends" von "There's an Elephant in the Room blog".

Es war nicht immer so, aber je länger ich mich für die Rechte der unschuldigen Opfer unserer Spezies einsetze, desto schwieriger empfinde ich die festliche Jahreszeit. So wie ich es immer tue, habe ich versucht zu ergründen, woran das liegen könnte, denn immerhin ist heute, da sich das Jahr dem Ende zuneigt, die Welt nicht weniger vegan als zu jeder anderen Jahreszeit. Wie alle anderen bin ich ständig umgeben von einer Kultur, die ekelerregendste Brutalität vollständig normalisiert hat; einer Brutalität, die für unkritische Kunden derart umgedeutet wurde, dass die Mehrheit nicht nur ahnungslos ist, sondern sich auch in tiefer Verleugnung über ihre Teilhabe an dem Blutbad befindet und sich selbst standhaft als ‚tierlieb‘ wahrnimmt. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der dieses endlose Blutbad so tief verwurzelt ist, dass ihre Mitglieder auf die Wahrheit mit Empörung und Aggression reagieren, so überzeugt sind sie davon, dass es einfach nicht stattfindet.
 
In einer Gesellschaft, die Vergnügungssucht geradezu bestärkt, werden die erfundenen Geschichten über Tiernutzung pausenlos von den Werbeleuten in den Vordergrund gedrückt. Diesen käuflichen Frontmännern der riesigen Industrien, deren Gewerbe Tod, Schmerz und Gewalt ist und die quälerische Ausbeutung der Fortpflanzungsorgane für Eier und Milch. Diese Märchen erzählen den Konsumenten genau das, was sie hören möchten. Lediglich dünn mit einem ‚erwachsenen‘ Lack und Glanz übertüncht, werden die unsinnigen Mythen unserer Kindheit stets wiederholt und neu ausgerichtet, so dass wir weiterhin glauben können, die Mitglieder anderer Spezies nutzen zu ‚müssen‘; dass es uns ‚zusteht‘, sie zu benutzen aufgrund unserer unzureichend bewiesenen ‚Überlegenheit‘; dass es den Opfern nichts ausmacht und sie sogar ‚mitwirken‘ bei ihrer Tortur.
 
Kindergeschichten
 
Es ist kein Wunder, dass es der Mehrheit schwer fällt zu erklären, wo die Wurzeln dieser Vorstellungen liegen. Sie bleiben ins Dunkel der Worte unserer frühen Kindheit gebettet, verloren in den Nebeln der Vergangenheit, feingeschliffen während unserer Entwicklung zu Erwachsenen, indem unsere Familie und Gleichaltrigen immer wieder bestätigten, dass das ’normal‘ ist. Endlich, ohne überhaupt gewahr zu sein, wie sehr wir beschädigt wurden, wurden wir zu voll ausgebildeten Konsumenten von Brutalität, werden gewalttätige Geldgeber für blutiges Gemetzel, selbstzufriedene Unterstützer von Quälerei und Gewalt, die ihr empfindliches Zartgefühl durch den dichten Schleier des Wunschdenkens schützen, der das Ergebnis der unterschiedlichsten scheinbaren Rechtfertigungen ist, die uns jemals beeinflussten. Jedenfalls, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir vegan werden.
 
Was ist anders an der festlichen Jahreszeit?
 
Warum also ist die festliche Jahreszeit so besonders hart – nicht nur für mich – sondern auch für viele meiner Freund*innen? Es ist die Jahreszeit, in der viele über ‚Frieden auf Erden‘ reden, über stille, heilige Nächte, über Liebe und Freude und Wohlgefallen, über Geben und Teilen und die Bande von Familie und Freundschaft.
 
Es ist die Jahreszeit, in der es noch vernünftiger als sonst sein sollte, derselben Überzeugung zu sein wie der, an die ich mich so verzweifelt klammere, nämlich dass die Menschen im Herzen gut sind, dass sie sich Frieden wünschen, dass sie wehrlosen Unschuldigen niemals würden schaden wollen, oder ihnen Schmerzen, Qual und Gewalt zufügen möchten.
 
Das Todesgeläut der Weihnachtsglocken
 
Aber dann sehe ich in den Läden die Toten-Gänge voller Leichen. Ich sehe Milch, Käse, Sahne, für die Kinder auf ewig von ihren Müttern getrennt wurden, die Eier, die so viele zerbrechliche Leben in fortwährenden Wehen zerstörten, Hygieneartikel, für die Augen verätzt und Haut wund gescheuert wurde. Ich sehe exklusive, glänzende Handtaschen und Schuhe, die die blosse Existenz der Häuter verleugnen, die ebendiese Haut, ihr Rohmaterial, in Übelkeit erregender Weise vom zitternden Fleisch ihrer gequälten Eigentümer rissen. Ich sehe den Horror, der hinter dieser Jahreszeit des Selbstbetruges lauert.
 
Dann erkenne ich, dass mein Unbehagen in dieser Jahreszeit von dem Gefühl der verpassten Gelegenheit herrührt. Es ist Trauer. Es ist die schier herzzerreissende Erkenntnis, dass dies alles nur eine Scharade ist; zu wissen, dass es in den Schlachthöfen nur ein Tag wie jeder andere ist, mit all seinem Geschrei, Geschepper und dem fieberhaft krallenden Schrecken. Dort ist kein Frieden. Keine Stille. Weder Liebe noch Freude. Nur die Erfüllungsgehilfen einer unbarmherzigen Spezies von ‚Tierfreunden‘, die ihre schreckensstarren Opfer in Stücke hacken, um Frieden zu feiern.
 
Wie wünscht man da ein gutes neues Jahr?
 
Früher sagte ich auch Sachen wie ‚Fröhliche Weihnachten‘, oder ‚glückliches neues Jahr‘. Ich kann das nicht mehr. Wie kann ich ‚Fröhlichkeit‘ oder ‚Glückseligkeit‘ empfinden in dem Bewusstsein, dass so viele unschuldige Kinder anderer Spezies für diese prunkvolle, hohle Scharade mit dem Leben bezahlen?
 
Ich wünsche Freunden und Familie Frieden. Jenen, die vegan leben, kann ich versichern, dass ich verstehe, was sie in ihren schlaflosen Nächten heimsucht – mir geht es genauso. Aber wir können nicht aufgeben, wie weh es auch tun mag, denn auch wenn es uns nicht gelingen wird, die über 70 Milliarden(*) Landtiere und die ungezählten Billionen empfindungsfähiger Wassertiere, die im kommenden Jahr grauenvolle Tode ohne jeglichen Grund sterben müssen, zu retten, so können wir doch am Ende vielleicht ihre Kinder davor bewahren, dieselbe brutale Ungerechtigkeit wie ihre Eltern erleiden zu müssen.
 
Jenen, die nicht vegan leben, wünsche ich ebenfalls Frieden. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug versuchen, die richtigen Worte zu finden, um euch verständlich zu machen, dass echter Friede vegan ist, damit ihr diesen Pfad des gewalttätigen Unrechts verlassen und endlich dessen Realität wahrnehmen könnt.
 
Sei vegan.

* Die grauenvolle Zahl für das Jahr 2016 ist: 74 Milliarden. Hier die genaue Aufschlüsselung der weltweiten Schlachtzahlen 2016 (von  FAOstat.FAO.org): 

Esel – 2,569,520
Vögel, die nicht anderweitig spezifiziert sind – 55,324,000
Büffel – 26,190,707
Kamele – 2,445,235
Rinder – 302,018,862
Hühner – 65,847,411,000
Enten – 3,056,103,000
Wild – 655,978
Ziegen – 459,861,000
Enten und Perlhühner – 658,903,000
Pferde – 4,784,491
Maultiere – 477,506
Andere, nicht spezifizierte – 93,292
Andere Kamelartige  – 944,671
Andere Nagetiere – 70,440,000
Schweine – 1,478,167,073
Kaninchen – 980,785,000
Schafe – 551,420,651
Truthähne – 673,278,000
Gesamt – 74,171,872,986
 

Dies ist eine Übersetzung des am 29. Dezember 2017 erschienen Beitrags Wishes as another year ends des Blogs There’s an Elephant in the Room blog, der meines Erachtens zu den besten veganen Tierrechtsblogs zählt. Der/die Betreiber*in findet/n die perfekte Balance zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Appell an das Herz und Nahrung für das Hirn. Das alles ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger, aber immer durchdrungen von Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Englisch sprechenden Leser*innen sei er darum ans Herz gelegt. Ich werde versuchen, noch mehr Beiträge davon für deutschsprachige Leser*innen zu übersetzen.

[Susanne]


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Buchbesprechung: Die Schweineverschwörung Max & Fine, Band 3: Ein Kinderbuch von Marco Mehring, illustriert von Kerstin Falkenstein

Wir kennen die kleine Heldin Fine bereits aus zwei Büchern. Im ersten Band war sie noch ein kleines Mädchen und rettete das Kalb Max und seine Mutter Luise mutig vor dem Schlachter. In ihrem zweiten Abenteuer (‚Henri haut ab‘) zwang sie gemeinsam mit ihren tierlichen und menschlichen Freunden den skrupellosen Eierkönig Hohlmann in die Knie.

Nun erschien Max & Fine, Band 31. Die mittlerweile zehnjährige Fine erlebt nun ihr größtes Abenteuer – Die Schweineverschwörung.

Die Sommerferien sind gerade vorbei und schon am ersten Schultag überschlagen sich die Ereignisse. Fine entdeckt in einem verunglückten Schweinetransporter ein rätselhaftes fremdes Mädchen, das plötzlich spurlos verschwindet (und bald schon wieder auftaucht und ihre Freundin wird). Kurze Zeit später wird Fine die heimliche Zeugin einer mysteriösen Begegnung. Irgendetwas ist hier faul. Natürlich ein Fall für Fine. Mit ihren Freund*innen macht sie sich an die Aufklärung. Es entwickelt sich eine rasante Geschichte über das Unrecht der Tierausbeutung, über Korruption, Gleichgültigkeit und Gier, aber auch über Solidarität, Mitgefühl und Verantwortung, und am Ende, ganz am Ende, triumphiert die Gerechtigkeit.

Marco Mehring gelingt es auch im dritten Band, ein potenziell schwieriges und gesellschaftlich tabuisiertes Thema in eine spannende Geschichte zu packen und kind- bzw. jugendgerecht zu erzählen.

Wenn wir möchten, dass aus unseren Kinder verantwortungsbewusste Menschen werden, dann sollten wir ihnen bessere Vorbilder sein und endlich aufhören, sie systematisch zu belügen. Es ist vielleicht gut gemeint, wenn wir ihnen lieber nicht erzählen, was in den Tierfabriken und Schlachthöfen vor sich geht, aber ehrlich ist es nicht. Vor allem ist es feige. Anstatt den Kindern die Wahrheit über die Vorgeschichte tierlicher ‚Lebensmittel‘ zu verschweigen oder ihnen Heile-Welt-Geschichten darüber zu erzählen, sollten wir endlich erkennen, dass wir über dieses Thema deshalb nicht reden, weil es falsch ist, was wir den Tieren antun. Unsere Kinder haben ein Recht auf die Wahrheit, und wir können von ihnen eine Menge lernen, wenn es darum geht, die richtigen Entscheidungen aus ihr abzuleiten.

Geschichten wie ‚Die Schweineverschwörung‘ helfen unseren Kindern, sich schon früh im Leben auf konstruktive Weise mit gesellschaftlichen Missständen auseinanderzusetzen und Partei für die Schwachen und Unterdrückten zu ergreifen. Sie lehren soziale Verantwortung und ermutigen dazu, auch dann die Stimme gegen Unrecht zu erheben, wenn die Mehrheit schweigt.

Eine klare Kauf- und Schenkempfehlung.

Max & Fine, Band 3: ‚Die Schweineverschwörung‘ Ein Buch von Marco Mehring

  1. https://www.maxundfine.de/buch-3-max-fine-die-schweineverschwoerung/ []
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Über Urteile und Chancen Ist jede Beurteilung auch gleich eine Verurteilung, oder eröffnen klare Worte nicht auch Entwicklungschancen?

„Ich bin kein schlechter Mensch. Du hast kein Recht, mich so zu verurteilen!“ 
 
Wer hat diese Klage noch nicht gesehen oder gehört, wenn Veganer*innen mit Nichtveganer*innen diskutieren? Ist sie berechtigt? 
 
Zeit, sich ein paar Gedanken über Urteile zu machen. 
 

Foto: pixabay

„Urteilen“, oder besser: „bewerten“, kann sinnvoll  und notwendig sein.

Wenn wir unser Verhalten und das anderer sowie die es begleitenden Gedanken genau betrachten, dann fällt auf, dass wir alle andauernd alles mögliche beurteilen. Es ist etwas, das einfach so passiert,  unwillkürlich, automatisch.
 
Wir müssen Situationen und Verhalten anderer abwägen und beurteilen, weil es für das Überleben notwendig sein kann.
 
– ‚Will mir die dunkle Gestalt da vorne etwa Böses? Nichts wie weg!‘ –
 
Von anderen zu verlangen, dieses Beurteilen von Verhalten und Situation zu unterlassen, ist unerfüllbar.
 
Wenn ein Verhalten aktuell oder absehbar Schaden zufügt, wenn dieser Schaden in eklatantem Missverhältnis zum Nutzen steht, wenn Wehrlose dadurch auf nicht wiedergutzumachende Weise verletzt werden, dann sollten wir nicht nur urteilend einschreiten – wir müssen es sogar. 
 
Auf welcher Basis wir Verhalten beurteilen. 
 
Ob ein Verhalten als gut oder schlecht bewertet wird, hängt davon ab, ob es Schaden zufügt, oder gut tut. Fügt das Verhalten Schaden zu, bewerten wir es als unerwünscht, tut es gut, bewerten wir es als erwünscht. Dabei gibt es verschiedene Grade. Je schwerwiegender der verursachte Schaden, desto unerwünschter. 
 
Wenn jemand nachts laut hupend durch ein Wohnviertel oder an einem Krankenhaus vorbei fährt, beurteilen wir sein Verhalten als rücksichtslos. Wenn sich jemand in einer langen Warteschlange einfach vordrängelt, beurteilen wir das als egoistisch. Wenn jemand im Kino laut raschelt und ständig mit dem Nachbarn quatscht, beurteilen wir das Verhalten als störend und respektlos. Jemandem im Bierzelt einen Maßkrug auf den Kopf zu hauen, weil ihm eine andere Fußballmannschaft besser gefällt, beurteilen wir als überzogen und nennen es Körperverletzung aus nichtigen Gründen.
 
Beurteilen funktioniert auch in der anderen Richtung: Wenn jemand im Bus Älteren oder Gehandicapten den Platz anbietet, beurteilen wir diese Handlung als freundlich, rücksichtsvoll und vorbildlich. Wenn jemand einem gestürzten Radfahrer zu Hilfe eilt, beurteilen wir das als fürsorglich und hilfreich.
 
Wenn die rücksichtslosen Autofahrer, Warteschlangendrängler und Kinoraschler ihr Verhalten korrigieren, sobald sie auf die unangenehmen Effekte, die es auf andere hat, hingewiesen werden, dann beurteilen wir sie als einsichtige, kluge, freundliche und trotz allem rücksichtsvolle Menschen. Fangen sie jedoch statt dessen an, auf ihr vermeintliches Recht zu pochen, sich lustig zu machen und ihr ungutes Verhalten trotzig zu intensivieren, dann wird aus einer Beurteilung zu Recht schnell eine Verurteilung.
 
Der Maßkrug-Schläger „verdient“ eine Strafe. Ist er einsichtig und gelobt Besserung, kann sich das zu seinen Gunsten auswirken. Es kommt eben auch darauf an, wie erwachsen und verantwortungsbewusst man mit den eigenen Fehlern umgeht.
 
Tatsachen sind keine Urteile.
 
Das Verhalten von Menschen, die tierliche Produkte konsumieren, fügt in vielerlei Hinsicht Schaden zu. Das ist weder eine Meinung noch ein Urteil, sondern eine Tatsache. Auch wenn die Tatsache mit wertenden Worten vorgetragen wird, bleibt sie eine Tatsache.
 
Tiere sind die unmittelbar Leidtragenden der nichtveganen Lebensweise. Sie werden auf schreckliche Weise gewaltsam erzeugt, gemästet, ausgebeutet und getötet, aus dem Hinterhalt erschossen, mit Ködern in Fallen gelockt, für abscheuliche und widerwärtige Experimente gequält, zu Unterhaltungsclowns gemacht oder müssen ihr ganzes Leben in einem für ihre Verhältnisse winzigen Gefängnis verbringen. Die Liste dessen, was Tieren angetan wird, ist erschreckend lang. Für Veganer*innen ist das der Hauptgrund, vegan zu leben und wird es immer sein.
 
Aber da entsteht noch mehr Schaden und der trifft auch uns Menschen ganz direkt und bedroht unsere Zukunft und die der anderen Lebewesen. Bei der Erzeugung tierlicher Produkte entstehen massive Veredelungsverluste1, die die Umwelt belasten. Viel zu viel unberührte Natur wird für Futtermittelanbau und Weiden zweckentfremdet. Regenwälder und ihre Biodiversität2 werden hauptsächlich deswegen vernichtet. Das Grundwasser3 wird mit Nitrat4 und Antibiotika56 verseucht. In den Ställen werden multiresistente Bakterien78 und Zoonosen910 regelrecht herangezüchtet. Die Auswirkungen auf Klima und Umwelt11  sind dramatisch und gründlich belegt. Die Vorsichtsmaßnahmen12, die von der Verbraucherzentrale Hamburg für den Umgang mit Fleischprodukten empfohlen werden, sprechen eine deutliche Sprache.
 
Es ist somit völlig in Ordnung und sogar dringend notwendig, ein derart zerstörerisches und rücksichtsloses Verhalten zu beurteilen und es laut und deutlich zu brandmarken.
 
Warum? Damit die Menschen, die sich womöglich noch nie über diese Wirkungen ihres Verhaltens Gedanken gemacht haben, eine Chance bekommen, ihr Verhalten zu korrigieren.
  
Wann man sich angesprochen fühlt – oder nicht.
 
Grundsätzlich hat man die Wahl zwischen sich angesprochen fühlen und verurteilt fühlen. Wie eine Tatsachenbotschaft bei uns ankommt, hängt nicht nur von ihrem Inhalt ab, oder der Art, wie sie überbracht wird, sondern auch zu einem guten Teil davon, in welcher Stimmung wir sind und ob wir gelernt haben, mit unangenehmen Wahrheiten konstruktiv umzugehen.
 
Bin ich bereit, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen, dann erlebe ich Informationen und Diskussionen primär als Erkenntnisgewinn, als bereichernd, und zwar selbst dann, oder vielleicht sogar gerade dann, wenn mir dadurch klar wird, dass ich dringend etwas ändern sollte und dies auch kann. Tatsächlich empfinden viele Neuveganer*innen es als befreiend und beglückend, selbst ganz direkt etwas tun zu können, Einfluss nehmen zu können, nicht auf Politik und Gesellschaft warten zu müssen. Die Umstellung wird nicht als Zwang empfunden, sondern als Befreiung. „Hier ist ein Problem, ich war daran beteiligt, aber nun nicht mehr.“ Das ist einfach und schön.
 
Bin ich hingegen nicht bereit, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen, dann fühle ich mich gegen die Wand gedrängt, beschuldigt, verurteilt, und flüchte mich in eine diffuse Abwehrhaltung, die einfach nur versucht, den „schwarzen Peter“ irgendwo anders hin zu schieben.
 
Das zweite Verhalten ist oft eine geradezu reflexhafte Reaktion. Wir erleben ganz vieles  erst einmal als Beschuldigung. Das ist einfach so wie es ist und wird erst dann zum Problem, wenn man nicht in der Lage ist, nach der ersten Empörung einen Schritt zurück zu treten und die Information in Ruhe und möglichst sachlich zu … bewerten.
 
Nicht selten durchlaufen die Empfänger*innen einer unbequemen Botschaft beide Phasen. Erst die reflexhafte Empörung, – „Was fällt dir eigentlich ein?!“ -, etwas später, wenn man sich beruhigt und darüber nachgedacht hat, dann das „Eigentlich hast du ja Recht“.
 
Es gibt noch eine dritte Reaktion und zwar die, sich einfach gar nicht angesprochen zu fühlen. Wenn jemand sagt: „Ich finde, die Abseitsregel gehört abgeschafft!“, dann kann sich unter echten und vermeintlichen Fußball-Expert*innen eine durchaus hitzige Diskussion entspinnen, während Menschen, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren, höchstens mit den Schultern zucken und sich anderen Dingen zuwenden.
 
Wenn also jemand eine Diskussion beginnt oder darauf einsteigt, kann davon ausgegangen werden, dass das Thema in irgendeiner Weise für diese Person wichtig ist. Wer sich von der Darstellung der Fakten angegriffen und verurteilt fühlt, kämpft in dem Moment möglicherweise gar nicht gegen den Überbringer der Nachricht, sondern hadert mit dem eigenen Gewissen13.
 
Was Nichtveganer*innen im Allgemeinen komplett übersehen, ist, dass fast alle Veganer*innen beide Seiten 14 kennen. Fast alle wuchsen in nichtveganen Familien auf, kennen und mochten nichtveganes Essen, haben oft über Jahre oder Jahrzehnte nichtvegan gelebt. Bei manchen hat es von einem Moment zum anderen „Klick“ gemacht, andere wurden in einem langen Prozess vegan.
 
Sie alle haben gemeinsam, dass sie sich irgendwann den Tatsachen gestellt haben, so unangenehm diese auch sind, und sich bewusst dafür entschieden haben, die Erwachsenenschuhe anzuziehen, Verantwortung zu übernehmen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Dies ist von allen Möglichkeiten die beste und nachhaltigste, um mit der quälenden kognitiven Dissonanz15 fertig zu werden.
 
Bewertungen und Beurteilungen sind also nicht von vornherein schlimme Dinge, die um jeden Preis oder um der Höflichkeit willen vermieden werden müssen. Verurteilungen können nicht nur angebracht, sondern sogar dringend nötig sein.  Die Situation ist der maßgebliche Faktor.
 
Die Situation der Tiere ist dramatisch und unfassbar fürchterlich. In ihrem Falle hilft kein Schönreden und keine Leisetreterei. Sie leiden, sie werden getötet, sie werden züchterisch bis zur Lebensunfähigkeit deformiert, denn es reicht ja, wenn sie bis zum geplanten Tötungstag durchhalten, oder eben so lange, wie sie maximale oder mindestens profitable Produktion (Eier, Milch, Honig, Wolle usw.) „abliefern“ können.
 
Da sie keinerlei Möglichkeit haben, für sich selbst einzutreten, ist es unsere Pflicht, ihnen zur Seite zu stehen und uns für sie einzusetzen. Sie sind die einzigen Opfer in der Geschichte der Menschheit, die darauf angewiesen sind, dass ihre Unterdrücker von selbst die Bereitschaft entwickeln, sich zu ändern.
 
Bei genauer Betrachtung ist es doch eigentliche eine tolle Sache, auf ein Problem hingewiesen zu werden und die Lösung gleich mitgeliefert zu bekommen. Oder nicht?
 
Es war noch nie so einfach, genußvoll und schön, vegan zu leben. Mach’s einfach. Du weißt, dass es das Richtige ist. 
 

  1. https://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung – GEO: Wir müssen weg vom Fleisch []
  2. http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/soja.htm []
  3. https://www.br.de/nachrichten/ursache-hohe-nitratwerte-100.html []
  4. https://www.umweltbundesamt.de/indikator-nitrat-im-grundwasser []
  5. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/antibiotika-im-grundwasser-im-landkreis-cloppenburg-wurde-sulfamidin-nachgewiesen-13260916.html, []
  6. http://www.wiwo.de/technologie/green/living/viehzucht-umweltbundesamt-weist-antibiotika-im-grundwasser-nach/13548750.html []
  7. https://www.br.de/nachrichten/antibiotikaresistente-keime-in-supermarktfleisch-100.html, []
  8. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-11/multiresistente-keime-mrsa-antibiotika-massentierhaltung-keimkarte/komplettansicht []
  9. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-zoonosen-seuchen/komplettansicht, []
  10. https://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_Lebensmittel/04_Zoonosen_Monitoring/Zoonosen_Monitoring_Bericht_2016.pdf?__blob=publicationFile&v=4 []
  11. http://www.ariwa.org/index.php?option=com_content&view=article&id=63&Itemid=79 – Hervorragender Artikel von Animal Rights Watch mit zahlreichen Quellen []
  12. http://www.vzhh.de/ernaehrung/158716/keime-im-putenfleisch-was-tun.aspx []
  13. http://veganswer.de/wenn-das-gewissen-urlaub-macht/ []
  14. http://veganswer.de/du-hast-frueher-selbst-fleisch-gegessen/ []
  15. http://veganswer.de/kognitive-dissonanz/ []
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Über Pflanzen, Gefühle, Leid und Bewusstsein Ein Thema, das offenbar viele Nichtveganer*innen sehr bewegt: Die Gefühle der Pflanzen. Zu Recht?

Es ist ein wohlbekanntes Phänomen, dass, sobald man sich für die Interessen der Tiere stark macht, allenthalben Pflanzenschützer*innen aus dem Boden sprießen, die felsenfest der Meinung sind, sie hätten „irgendwo gelesen oder gehört“, dass Pflanzen aber auch Lebewesen sind und Schmerzen nicht nur fühlen, sondern sich sogar davor ängstigen, kurz: dass auch Pflanzen voll empfindungsfähige und bewusste Lebewesen sind, ganz genau so wie Tiere. 

Es wäre zu leicht, sich darüber lustig zu machen, auch wenn es absurd erscheint, dass den Fragesteller*innen das Leben eines Kohlkopfs wohl genauso wertvoll und schützenswert erscheint, wie das eines Hündchens oder womöglich gar der besorgten Pflanzenfreunde selbst. Immerhin gehören ja auch Menschen zum Tierreich und wenn Pflanzen ganz genau dieselbe Gefühlswelt haben wie Tiere, dann sind die Interessen eines bunten Salats moralisch genauso zu berücksichtigen, wie die der Pflanzenfürsprecher. Oder vielleicht doch nicht?

Ich frage mich, ob die Menschen, die diesen Einwand vorbringen, es tatsächlich ernst meinen, oder ob es letztlich nur in ein allzu offensichtliches tu quoque1 münden soll, oder ob sie sich gar als letztes Mittel der Distanzierung über die Qualen der Tiere lustig machen.

In dubio pro reo. Vermuten wir also das Beste, gehen davon aus, dass es eine ehrlich gemeinte Frage ist und versuchen, Antworten zu finden.

Was sind Schmerzen und sind sie zu etwas gut?

Voraussetzungen für Schmerzempfinden

Schmerzen sind zunächst einfach nur Reize. Um Schmerzen haben zu können, bedarf es bestimmter spezifischer Nervenzellen, der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren).  Es handelt sich hierbei um spezielle Fühler, die registrieren können, ob und auf welche Weise (thermisch, mechanisch, chemisch) Körpergewebe beschädigt wird. Zwar können unmittelbare Reaktionen auf Schmerzreize wie reflexhaftes Zurückzucken schon im Rückenmark ausgelöst werden, doch erst im Gehirn werden die Schmerzreize dann entsprechend subjektiv-emotional interpretiert und je nach Intensität als quälend oder leidvoll empfunden.

Damit ein Organismus Schmerzen empfinden kann, braucht er also Schmerzrezeptoren, ein Nervensystem, das die Reize weiterleitet und ein Gehirn, das diese Reize subjektiv interpretiert. 

Alarmsignal

Schmerzen sind Alarmsignale2, die auf Gefahren, insbesondere die Beschädigung von Körpergewebe hinweisen. Sie sind die sehr eindringliche Aufforderung, den Körper oder das betreffende Körperteil schnellstens aus der Gefahrenzone zu bewegen. Ihre Aufgabe ist es, die körperliche Integrität und das Überleben des Individuums zu gewährleisten.

Schmerzen sind also nur dann sinnvoll3, wenn das Individuum dazu in der Lage ist, sich dem Schmerzauslöser zu entziehen, wenn es davonlaufen kann, wenn es sich also um einen mobilen Organismus handelt.

Wann sind Alarmsignale sinnvoll – und wann nicht?

Pflanzen sind immobil, sie können sich nicht aus der Gefahrenzone bewegen. Ein Schmerzempfinden wäre dementsprechend völlig nutzlos für sie. Ein quälendes Schmerzempfinden, dem man nicht entkommen kann, wäre dem Überleben wohl sogar eher abträglich, da der dabei entstehende Stress Energie kostet und somit die Überlebenschancen beeinträchtigt. Evolution merzt im Allgemeinen ungünstige Mutationen wieder aus (Selektion durch geringere oder gar keine Vermehrung) und begünstigt solche, die für das Überleben des Individuums und somit der Art geeignet sind (erfolgreichere Vermehrung).

Zur Klarstellung: Evolution ist ein Prozess, der ohne jegliches Bewusstsein oder Ziel abläuft. Nicht, dass hier noch der Verdacht gehegt wird, ich unterstellte Evolution ein zielgerichtetes Handeln. Dem ist nicht so. Mutationen entstehen ständig und zufällig. Stellt sich eine Mutation als günstig für Überleben und/oder Fortpflanzung heraus, wird sie an die nächste Generation weitergegeben. Ist sie ungünstig, dann gibt es einfach keine nächste Generation mit dieser Mutation und so verschwindet sie wieder. 

Wie wahrscheinlich ist es, dass Pflanzen Schmerzen empfinden können?

Bisher konnte m.W. noch kein Wissenschaftler Schmerzrezeptoren oder etwas Vergleichbares bei Pflanzen nachweisen. Ein zentrales Nervensystem, ein Gehirn, ebensowenig. Wenn man dies in Betracht zieht und die oben erläuterte Tatsache, dass Pflanzen keine Möglichkeit haben, adäquat auf Schmerzen zu reagieren, lässt sich daraus schließen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Pflanzen Schmerzen empfinden und darunter leiden können, sehr gering bis unwahrscheinlich ist.

Es ist zwar denkbar und eventuell möglich, dass Pflanzen so etwas wie Schmerzen empfinden können, aber es ist eher unwahrscheinlich.

Kann man beweisen, dass Pflanzen keine Schmerzen haben?

Nein, das geht nicht. Es ist nicht möglich, ein Nichtvorhandensein von etwas zu beweisen. Man kann nur das Vorhandensein von etwas beweisen. Es ist wie mit den rosa Einhörnern. Nur, weil noch nie ein lebendiges rosa Einhorn gesichtet wurde, muss das nicht bedeuten, dass es sie nirgendwo gibt. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit ihrer Existenz aufgrund der vorhandenen Daten über die bisher bekannte Fauna als denkbar gering bis unwahrscheinlich einzuschätzen.

Deshalb sind diejenigen, die eine Behauptung aufstellen, in der Beweispflicht, und nicht diejenigen, die Skepsis äußern. Wer behauptet, dass Pflanzen ein Schmerzempfinden haben, das demjenigen von Menschen und Tieren absolut gleicht und daraus folgert, dass Pflanzen ein ähnlich starkes Interesse daran haben, Leid zu vermeiden, wie Tiere, der ist in der Beweispflicht und nicht derjenige, der sagt: Das glaube ich dir nicht.

Woher kommt die Mär von den fühlenden Pflanzen?

Fehlerhafte Experimente

Zum einen gab es in den 1960er Jahren einen Mitarbeiter des CIA, Cleve Backster4, der auf die Idee kam, seinen Drachenbaum an einen Lügendetektor anzuschließen. Er meinte, emotionale, sogar telepathische, Reaktionen bei der Pflanze wahrnehmen zu können und schrieb darüber sogar ein Buch: „The Secret Life of Plants“. In den 1970er Jahren haben andere Forscher vergeblich versucht, seine Experimente nachzustellen und festgestellt, dass seine Forschungsaufstellung nicht wissenschaftlichen Massstäben entsprach. Sobald entsprechende Kontrollen angewendet wurden, konnten die Pflanzenreaktionen nicht mehr nachgewiesen werden.

„Backster’s claims were refuted by Horowitz, Lewis, and Gasteiger (1975) and Kmetz (1977). Kmetz summarized the case against Backster in an article for the Skeptical Inquirer in 1978. Backster had not used proper controls in doing his study. When controls were used, no detection of plant reaction to thoughts or threats could be found.“ ~http://skepdic.com/plants.html

Wie so häufig blieb der spannende Mythos im Gedächtnis haften, ganz besonders bei Menschen, die ein Interesse an Esoterik und paranormalen Erscheinungen haben. Die lange nicht so spannenden wissenschaftlichen Erklärungen und Gegenbeweise hingegen nicht.

Reaktion auf bestimmte Stimuli

Zum anderen haben manche Pflanzen Berührungsrezeptoren, die in einigen Fällen bestimmte Reaktionen auslösen können (Mimosen und Venusfliegenfallen z.B.). Diese Reaktionen laufen aber, soweit wir es wissen, auf der vegetativen (sic!) Ebene ab.

Man kann sich das ein bisschen wie das Aufziehen einer mechanischen Uhr vorstellen, wo die Spannung der aufgezogenen Spirale die Unruh der Uhr über einen bestimmten Zeitraum hinweg in gleichmäßige Bewegung bringt. Papier, das nass wird, „reagiert“, indem es sich wellt. Smartphones reagieren auf Berührung. Trotzdem würde man weder Gefühle noch Bewusstsein dahinter vermuten. Es handelt sich um chemische, elektrische oder mechanische Reaktionen. Ein Bewusstsein ist dafür nicht nötig. Leid und Genuß entstehen erst im Bewusstsein.

Ein weiterer guter Vergleich ist unser Immunsystem. Werden bestimmte Zellrezeptoren berührt, springt es an und beginnt Antikörper zu produzieren, die Körpertemperatur zu erhöhen, Schleim zu erzeugen und auszuwerfen, das ganze Programm. Das läuft ebenfalls außerhalb unserer bewussten Kontrolle, also unbewusst ab, auch dann, wenn wir schlafen und sogar, wenn wir im Koma liegen.

Ähnlich können auch Pflanzen teils recht komplex auf Reize reagieren, eine bewusste Verarbeitung in einem Gehirn findet jedoch nicht statt.

Sprachliche Grenzen oder Ungenauigkeiten

Sprachlich wird oft nicht klar unterschieden zwischen fühlen, spüren und empfinden5.

Fühlen und empfinden haben eine emotionale, subjektive, wertende Komponente (gut/schlecht, angenehm/unangenehm), während spüren sich eher wertfrei auf den Tastsinn bezieht (rauh/glatt, weich/hart). Doch die Grenzen sind nicht klar gezogen. Sie verschwimmen, die Worte sind insbesondere im Alltagsgebrauch nahezu austauschbar.

Übersetzungsprobleme, Sprachunterschiede

Erschwerend kommt hinzu, dass es beim Übersetzen von Forschungsergebnissen manchmal schwierig ist, exakte und korrekte Entsprechungen zu finden. Wenn ein*e Forscher*in das Wort „feel6 verwendet, dann findet man im Wörterbuch sowohl fühlen, als auch spüren und empfinden.

Es ist also leicht, die Forscher und ihre Ergebnisse versehentlich oder absichtlich falsch zu interpretieren. 

Sensationslust

Da das alles aber eher nüchtern und langweilig daher kommt, gibt es keine aufregenden Schlagzeilen her. Ernstzunehmende Forschung und vor allem deren Ergebnisse kommen oft staubtrocken daher. Forscher*innen möchte aber gerne auch von Nichtforscher*innen verstanden werden und verwenden daher manchmal Vergleiche, Allegorien und Metaphern, um ihre Arbeit anschaulich darzustellen. So kann es leicht zu Missverständnissen kommen.

Redakteur*innen wiederum haben ihre eigenen Anliegen. Sie wollen Auflagen und Einschaltquoten. Griffige Schlagzeilen sollen Aufmerksamkeit und Interesse erzeugen und darum wird gerne getitelt: „Veganer, jetzt habt Ihr ein Problem: Pflanzen können fühlen!“ Das macht was her, das löst Diskussionen aus, sowie jede Menge Schadenfreude und Häme, die allerdings, wie ich weiter unten ausführen werde, fehl am Platze sind.

Das sagt ein Wissenschaftler

Einer der Wissenschaftler, Prof. Daniel Chamovitz7, der an solchen Pflanzenexperimenten beteiligt ist, hat es in einem Interview8 recht anschaulich beschrieben:

——————–englisch——————–

Q: Isn’t sensing damage, even without a neural system, essentially pain?
A:The idea that damage has to be pain is mistaken. We feel pain because we have specific types of receptors called nociceptors which are programmed to respond to pain, not to touch. People can have genetic malfunctions where they feel pressure but never feel pain because they don’t have pain receptors.

Q: So, if I follow you, plants really do feel, not metaphorically, but really. They just can’t feel pain. Right?
A: Plants don’t have pain receptors. Plants have pressure receptors that allow them to know when they’re being touched or moved—mechanoreceptors. It’s a specific nerve cell.

Q: And to be clear, am I right that a plant knows it’s being damaged?
A: You can definitely kill a plant, but it doesn’t care.

——————-deutsch——————-

Q: Ist denn die Wahrnehmung von Beschädigung, selbst ohne ein neurales System, im Grunde Schmerz?
A: Der Gedanke, dass Beschädigung gleich Schmerz ist, ist fehlerhaft. Wir fühlen Schmerzen, weil wir einen spezifischen Rezeptortypus haben, Nozizeptoren, die darauf programmiert sind, auf Schmerz zu reagieren, nicht auf Berührung. Es gibt Menschen mit genetischen Fehlfunktionen, die zwar Berührung fühlen können, jedoch keine Schmerzen, weil ihnen die Schmerzrezeptoren fehlen.

F: Also, wenn ich recht verstehe, dann fühlen Pflanzen tatsächlich, nicht nur metaphorisch, sondern ganz real. Sie können nur keine Schmerzen fühlen. Richtig?
A: Pflanzen haben keine Schmerzrezeptoren. Pflanzen haben Druckrezeptoren, die ihnen erlauben, wahrzunehmen, wenn sie berührt oder bewegt werden – mechanische Rezeptoren. Es sind spezifische Nervenzellen.

F: Um ganz klar zu sein, verstehe ich richtig, dass Pflanzen es wissen, wenn sie beschädigt werden?
A: Man kann eine Pflanze töten, aber es kümmert sie nicht.

———————————————

In diesem Video9 wird Prof. Chamovitz noch deutlicher und beantwortet die Frage, ob Pflanzen Schmerzen empfinden können, mit einem „resounding NO“, einem „hallenden NEIN“ und begründet dies mit dem fehlenden Cortex, den somit fehlenden Voraussetzungen für subjektives Empfinden und beruhigt alle Vegetarier und Veganer, dass sie auch weiterhin ohne schlechtes Gewissen ihren Brokkoli verputzen dürfen.

Aber was, wenn Pflanzen doch leiden und wir es nur nicht beweisen können?

Gute Frage. Vielleicht hilft es, sich eine Waage vorzustellen:

Was wiegt schwerer?

In der einen Waagschale befinden sich die Tiere, bei denen wir mit nahezu hundertprozentiger Gewissheit davon ausgehen können, dass sie Schmerzen sowohl körperlich als auch seelisch erleben können und es augenscheinlich auch tun. Sie haben alle körperlichen Voraussetzungen: Schmerzrezeptoren, Nervensystem und Gehirn. Sie demonstrieren durch ihr Verhalten klar und deutlich, dass sie die entsprechenden Sinneswahrnehmungen subjektiv-emotional bewerten (Flucht, Geschrei, Gezappel, Verteidigung) und somit nicht nur Schmerzen fühlen, sondern sie auch als Leid empfinden können. Wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie folgende existenzielle (das Leben sichernde) Interessen haben: körperliche Unversehrtheit, die Möglichkeit, sich Schmerzen zu entziehen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ihren Nachwuchs zu behüten, am Leben zu bleiben.

Auf der anderen Waagschale befinden sich die Pflanzen, bei denen bisher nicht die körperlichen Voraussetzungen nachgewiesen werden konnten, die keinerlei Fluchtverhalten zeigen und von denen nur einige wenige lediglich sehr rudimentäres, vegetativ-passives Verteidigungsverhalten aufweisen (Mimosen z.B.). Es handelt sich zwar zweifellos um lebende Organismen, die bestimmte Reize spüren können, diese aber aller Wahrscheinlichkeit10 nach nicht subjektiv-wertend empfinden.

Was wiegt schwerer? Sehr hohe Wahrscheinlichkeit oder sehr geringe Wahrscheinlichkeit? Deutlich sichtbares Leid oder deutlich sichtbare Gleichgültigkeit? 

Spiegelneuronen

Spiegelneuronen11 wurden in den 1990er Jahren entdeckt und sind eine ziemlich spannende Sache, wenn auch noch lange nicht vollständig erforscht und verstanden. Wenn wir oder andere Tiere andere Lebewesen oder selbst Roboter bei einem bestimmten Verhalten beobachten, dann verhält sich unser Gehirn so, als ob wir selbst es wären. Wir können ihre Wirkung ganz leicht bei uns selbst beobachten, wenn z.B. Held oder Heldin im Spielfilm unter Wasser geraten und wir unwillkürlich die Luft anhalten. Sie funktionieren offenbar auch speziesübergreifend und man nimmt an, dass sie uns helfen können, Mitgefühl, Empathie12 zu empfinden, indem wir buchstäblich mit fühlen.

Mitgefühl

Die meisten Menschen sind in der Lage, spontan und ohne jede bewusste Anstrengung Mitgefühl zu empfinden. Wenn wir beobachten, wie jemand beim Gemüseschneiden mit dem Messer abrutscht und den eigenen Finger erwischt, zucken wir unwillkürlich zusammen und oft rufen wir sogar „Autsch!“. Wir müssen nicht einmal direkt Zeug*in des Vorfalls sein. Wenn wir jemanden mit Verband sehen, fragen, was passiert ist und uns vom Unfall erzählt wird, krümmen wir uns manchmal gequält und verziehen schmerzvoll das Gesicht. Das funktioniert nicht nur bei Schmerz, sondern auch bei Wohlgefühl oder freudiger Erwartung. 

Wir sind in der Lage, verschiedene Gefühle bei anderen zu erkennen und zwar speziesübergreifend, also nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. 

Nutzen des Mitgefühls

Mitgefühl kann in vielerlei Hinsicht nützlich sein. Babies z.B. können uns nicht sprachlich mitteilen, ob es ihnen gut oder schlecht geht. Für ihre Eltern oder andere Fürsorger*innen ist es also hilfreich, durch Mitfühlen ihres Verhaltens Rückschlüsse über ihre Befindlichkeiten gewinnen zu können.

Es kann dabei helfen, den sozialen Frieden in Gruppen zu wahren, indem einander geholfen wird, getröstet, oder Nahrung geteilt wird, was beim Überleben in der Wildnis sicherlich vorteilhaft ist.

Nicht zuletzt kann es nützlich sein, aus dem Verhalten anderer auf eventuell vorhandene Gefahren zu schließen. Springt die Gazelle aus Lebenslust herum oder flüchtet sie vor einem Geparden? Haben diese Löwen Hunger oder sind sie satt? Das zu wissen, kann in der Wildnis den Unterschied ausmachen zwischen langem Leben und frühem Tod. So erklärt sich dann auch das Vorhandensein der speziesübergreifenden Empathie. Je richtiger unsere Annahmen bezüglich des Verhaltens und der Absichten anderer Tiere, desto mehr Erfolg bei Überleben und Fortpflanzung und dadurch die Weitergabe dieses „Wissens“ an die folgenden Generationen.

Sicherlich sollten wir uns nicht dazu hinreißen lassen, unser Mitgefühl für einen quasi sicheren Beweis für das Vorhandensein von Gefühlen bei anderen zu halten, oder umgekehrt aus fehlendem Mitgefühl unsererseits auf mangelndes Gefühlserleben bei anderen zu schließen. 

Dennoch schließe ich mich hinsichtlich der Tiere uneingeschränkt der Tierärztin Nicole Tschierse an, die in ihrem Essay „Gesichter der Angst13 schrieb:

„Es sieht aus wie Angst, es wirkt sich aus wie Angst: ich nenne es Angst…

Wenn Sie den Eindruck haben, eine von Ihnen verschiedene Lebensform hat Schmerzen und leidet, dann gehen Sie besser auch davon aus, dass es so ist.“ 

Ich sage es klar und deutlich: Es fällt mir nicht schwer, bei Tieren Mitgefühl zu empfinden, aber es ist mir völlig unmöglich, dasselbe für Pflanzen zu empfinden und ich behaupte, dass es sich bei den Pflanzenschützer*innen ebenso verhält. Ich habe noch nie beobachten können, wie ein Mensch beim „Unkraut“ jäten Schwierigkeiten hat, sein Mitgefühl für die leidenden Pflanzen zu überwinden und jammervoll das Gesicht verzieht. Aber ich habe viele Nichtveganer*innen dabei erlebt, wie sie vorsichtig Insekten in einem Glas fingen, um sie behutsam nach draußen in die Freiheit zu verbringen, oder Schnecken von der Straße ins Gras am Wegesrand setzten.

Ganz subjektiv bin ich der Meinung, dass wir uns in den allermeisten Fällen auf die Botschaften unseres Mitgefühls verlassen können und auch sollten.

Interessensabwägung

Wenn Pflanzen tatsächlich ein bewusstes, existenzielles Interesse haben, nicht gegessen zu werden, ich aber ein ebenso existenzielles Interesse habe, nicht verhungern zu müssen, dann haben beide Organismen das Recht, ihre jeweiligen Interessen zu verfolgen. So lapidar es auch klingt: Pflanzen haben da leider aufgrund ihrer Immobilität schlechte Karten. Sie können weder davonlaufen noch sich wehren. 

Wir haben nur die Wahl zwischen Pflanzen essen oder verhungern. Selbsterhalt kann als zwingende Notwendigkeit gelten. 

In diesem Moment habe ich als moralisches Subjekt, also als Wesen, das in der Lage ist, moralische Entscheidungen zu treffen, nur die Wahl zwischen einer (vermeintlich) schlechten und einer ganz schlechten Option. Entweder ich überwinde meine moralischen Bedenken und esse die Pflanze, oder ich verhungere.

Da ich nicht davon überzeugt bin, dass Pflanzen tatsächlich voll leidensfähige und bewusste Wesen sind, habe ich keine moralischen Bedenken, Pflanzen zu verzehren. Anders ist das bei Tieren. Ich bin überzeugt, dass sie leidensfähige, bewusste Wesen sind, für die ihr Leben genauso wichtig ist, wie meines für mich. Da ich sie weder benutzen noch töten muss, weil es mehr als genügend Alternativen gibt, wiegt ihr existenzielles Interesse am Leben zu bleiben, schwerer als meine nicht-existenziellen Wünsche. Es besteht keine zwingende Notwendigkeit, tierliche Produkte zu konsumieren. Geschmack, Gewohnheit, Tradition, Mode rechtfertigen es nicht, einem fühlenden Wesen Schaden zuzufügen.

Maximierung des Pflanzenleids durch Veredelungsverluste

Was für Pflanzenliebhaber*innen gar nicht in Frage kommen sollte, ist das Verfüttern großer Pflanzenmengen an sogenannte „Nutztiere“, um diese zu mästen oder Körpersekrete zu erzeugen (Milch, Eier). Für jedes Kilogramm verwertbares, tierliches Material muss ein Vielfaches an pflanzlichem Material aufgewendet werden.

„Jede Form der Fleischproduktion ist extrem ineffizient, was die Kalorienausbeute betrifft. Man braucht im Schnitt mindestens sieben pflanzliche Kalorien, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Fünf Kalorien gehen nur für den Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir verfüttern 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte an Nutztiere – und produzieren daraus primär Exkremente.“ ~Dr. Kurt Schmidinger in der GEO14

Je nach Tierart und Produkt kann das bis zum 16-fachen betragen, also im Extremfall bis zu 16 kg Pflanzen für ein Kilogramm Tier. Man nennt das Veredelungsverlust, oder englisch Feed:Meat Ratio, bzw. FCR (Feed Conversion Rate), also das Verhältnis von Futter zu gewonnenem Fleisch. Tiere benötigen den größten Teil der Nahrung, um den eigenen Stoffwechsel aufrecht zu erhalten, die Körpertemperatur zu regeln, das Herz am Schlagen zu halten, und so weiter.

Um 1 Kilo Rindfleisch zu erzeugen, müssen etwa 10 Kilo Getreide an ein Rind verfüttert werden. Tiere benötigen die Nahrungsenergie der Futterpflanzen vor allem für ihren normalen Stoffwechsel. Weil dadurch etwa zwei Drittel der Futterenergie verloren gehen, ist ein Vielfaches an Futterpflanzen für die Fleischerzeugung notwendig. ~Verbraucherzentrale Saarland ((https://www.saarland.de/104859.htm))

Diese sehr anschauliche Übersicht stammt von der Seite A-Well-Fed-World15:

Feed Ratios, awfw.org

Wenn Pflanzenfreund*innen es wirklich ernst meinen, dann müsste es ihnen ein Anliegen sein, so wenig Pflanzenleid wie irgend möglich zu verursachen. Damit wird das Verfüttern von Pflanzen an sogenannte „Nutztiere“ untragbar und der eigene Pflanzenkonsum müsste auf das absolut unumgänglich notwendige Minimum beschränkt werden.

Letzter Ausweg Frutarismus

Wer tatsächlich fest davon überzeugt ist oder glaubt, dass Pflanzen in vollem Umfang leidensfähige Lebewesen sind, die entsprechend moralische Berücksichtigung verdienen, muss sich überlegen, ob es mit dem Gewissen vereinbar ist, Pflanzen absichtlich Schmerzen zuzufügen. Das ist nun aber nicht etwa ein Freibrief für  den Konsum auf jeden Fall leidensfähiger Tiere, sondern viel eher ein Grund, frutarisch16  zu leben, denn die Früchte vieler Pflanzen werden extra für den Verzehr erzeugt. Es ist eine gut funktionierende Möglichkeit, die Samen weit zu verbreiten und den Kot der Esser*innen auch gleich noch als Dünger zu nutzen. Frutarisch zu leben wäre somit die logische Konsequenz aus der Annahme, dass Pflanzen fühlen.

Frutarier fügen Pflanzen also keinen Schaden zu, sondern nützen ihnen sogar. Die perfekte Lösung für Pflanzenfreund*innen.

Und was ist jetzt mit den Tieren?

Physische Voraussetzungen

Tiere verfügen über Schmerzrezeptoren, Nervensysteme und Gehirne, und erfüllen somit  alle Voraussetzungen, Schmerzen nicht nur körperlich spüren zu können, sondern auch emotional darunter zu leiden.

Verhalten

Sie zeigen durch ihr Verhalten ein deutliches, existenzielles Interesse, keine Schmerzen zu leiden (Flucht, Wegducken, Gegenwehr) und am Leben zu bleiben. Ihre Stressreaktionen entsprechen unseren: geweitete Augen, schwitzen, zittern, vermehrter Speichelfluss, erhöhter Blutdruck und Puls, Adrenalinausschüttung, Geschrei, Gewimmer.

Wir verstehen diese Gefühlsäußerungen deshalb intuitiv und zumeist intuitiv richtig, weil wir selbst ebenfalls Tiere sind und wir und unsere Körper sehr ähnlich reagieren. Das hat nichts mit Vermenschlichung zu tun. Viel eher haben wir die Unsitte, uns selbst zu enttierlichen, wir handeln und denken anthropozentrisch, halten uns für den Nabel der Welt, doch angesichts des Zustands, in den wir das für alle Lebewesen überlebenswichtige Ökosystem gebracht haben, besteht dazu wahrlich kein Grund.

Wie Tom Regan in „Empty Cages“ so treffend schreibt: „Wir verstehen sie und ihr Verhalten weil wir uns und unser Verhalten verstehen“.

„Part of the reason we can speak meaningfully about what dogs and other animals want is because their behavior resembles ours in relevant respects. If I am in a cage and want out, I will try to get out (for example, I will try to widen the space between the bars or push against them). If your neighbor’s dogs want out of their cage, they will try to get out too (for example, by digging with their paws). We understand them and their behavior because we understand ourselves and our behavior.“ ~Regan, Tom. Empty Cages: Facing the Challenge of Animal Rights (S.55). Rowman & Littlefield Publishers. Kindle-Version.

 

In den fundamentalen, existenziellen Belangen haben wir, die menschliche Tierspezies und die anderen Tierspezies dieselben Interessen: Frei sein, unverletzt bleiben, am Leben bleiben, die eigenen Kinder erfolgreich ins Erwachsenenleben bringen.

Ethische Überlegungen

Gleiche Interessen sind moralisch gleich zu berücksichtigen.

Das ist die Grundlage des Veganismus. Die Anerkenntnis, dass Tiere ganz wie wir Schmerzen und Glücksgefühle empfinden können und dass ihre existenziellen Interessen sich nicht grundlegend von unseren unterscheiden. Das macht Tiere moralisch relevant und dementsprechend fühlen sich Veganer*innen verpflichtet, diese existenziellen Interessen moralisch zu berücksichtigen. Da wir keine Tierprodukte benötigen, um ein gutes, gesundes und erfülltes Leben führen zu können, sind unsere Interessen an Tierprodukten lediglich als trivial zu bewerten, also von weitaus geringerem moralischen Gewicht als diejenigen der Tiere.

Es sind ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Milch, ihre Eier, ihr Honig, ihre Wolle, ihre Federn, ihre Haut. Nichts davon gehört uns oder steht uns zu. Wir müssen aufhören uns zu nehmen, was uns nicht gehört. Wir dürfen leidensfähige, selbst-bewusste Wesen nicht als Eigentum betrachten und zu Ressourcen machen.

Dass Tiere über Bewusstsein verfügen, bestätigen mittlerweile auch eine ganze Reihe namhafte Wissenschaftler*innen in der Cambridge Declaration of Consciousness.17

Was ist mit Insekten, Schalen- und Krustentieren, anderen Weichtieren und Wirbellosen?

Aber Insekten und Muscheln z.B. haben doch keine so ausgeprägten Nervensysteme wie die Wirbeltiere, nicht wahr? Bei denen wissen wir nicht, ob und wie viel sie fühlen. Wahrscheinlich tatsächlich deutlich weniger, oder anders, oder… die darf man doch sicher essen, nicht wahr?

Benefit of Doubt, die Gunst des Zweifels

Es stimmt, dass die Nervensysteme und Gehirne von Insekten und Weichtieren anders strukturiert sind und es daher schwer oder doch zumindest schwerer fällt, Ähnlichkeiten zu entdecken, die als moralisch berücksichtigenswert zu gelten haben.

Bei den Cephalopoden, den Kopffüssern, bestehen keine nennenswerten Zweifel mehr, dass sie außerordentlich intelligent18 sind und offenbar sogar über Persönlichkeit verfügen19. Zumindest sie sollten wir auf jeden Fall moralisch berücksichtigen.

Fische ebenso20, denn erstens sind die meisten Fische ebenfalls Wirbeltiere und zweitens kann  ihre Leidensfähigkeit21 durchaus als nachgewiesen angesehen werden.

Die Tatsache, dass teils so verschiedene Systeme dann doch so ähnliche kognitive und sensorische Fähigkeiten hervorbringen, sollte uns zu denken geben. Im Zweifel, wie z.B. bei Insekten, Schnecken, Muscheln, Krabben, Krebsen, Hummern, Seesternen usw., sollten wir deshalb sicherheitshalber einfach immer davon ausgehen, dass Tiere nicht nur möglicherweise sondern sehr wahrscheinlich Schmerzen spüren und Leid empfinden können. Schmerz hilft beim Überleben und ist deswegen sehr wahrscheinlich im Laufe der Evolution auch bei ihnen entstanden.

Wenn wir andere nicht verletzen und töten müssen, warum sollten wir es dann tun?

The word „veganism“ denotes a philosophy and way of living which seeks to exclude — as far as is possible and practical — all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose; and by extension, promotes the development and use of animal-free alternatives for the benefit of humans, animals and the environment. In dietary terms it denotes the practice of dispensing with all products derived wholly or partly from animals.
 
Das Wort ‚Veganismus‘ bezeichnet eine Philosophie und Lebensweise, die versucht, so weit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was Menschen, Tieren und der Umwelt zum Vorteil gereichen soll.
~Donald Watson22, Gründer der Vegan Society und Erfinder des Wortes „vegan“
 

Du weißt, dass es das Richtige ist. Sei fair. Sei vegan. Fang heute noch an.

—– Quellen —–

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Tu_quoque []
  2. https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/schmerz/die-komplexeste-alarmanlage-der-welt []
  3. https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/schmerz/vom-sinn-des-schmerzes []
  4. http://skepdic.com/plants.html []
  5. https://www.duden.de/suchen/dudenonline/empfinden%3B%20f%C3%BChlen%3B%20sp%C3%BCren []
  6. https://www.dict.cc/?s=feel []
  7. https://en.wikipedia.org/wiki/Daniel_Chamovitz []
  8. https://www.vice.com/en_au/article/xd74nd/we-asked-a-botanist-how-sure-science-is-that-plants-cant-feel-pain-302 []
  9. https://www.youtube.com/watch?v=CP1ysZ9ZO8Q []
  10. https://www.forschung-und-wissen.de/magazin/tiere-pflanzen/koennen-pflanzen-schmerzen-empfinden-13371960 []
  11. https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/spieglein-spieglein-im-gehirn []
  12. https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/was-koennen-spiegelneurone-leisten []
  13. http://www.tiere-leben.de/imags/Gesichter_der_Angst.pdf []
  14. https://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung []
  15. http://awfw.org/feed-ratios/ []
  16. https://de.wikipedia.org/wiki/Frutarier []
  17. http://fcmconference.org/img/CambridgeDeclarationOnConsciousness.pdf []
  18. http://www.sueddeutsche.de/wissen/oktopusse-die-aliens-sind-unter-uns-1.3443913 []
  19. https://www.geo.de/natur/tierwelt/3003-rtkl-verhalten-kluge-kraken []
  20. http://fishfeel.org/ []
  21. https://www.swr.de/swr2/wissen/fische-empfinden-schmerzen/-/id=661224/did=19481312/nid=661224/1sd49il/index.html []
  22. https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Watson []
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Wer keine Ahnung hat … Herabsetzung und Diffamierung statt Argumente - der Veganer täglich Brot.

Wer keine Ahnung hat, der titelt „Ernährung wird zum Religionsersatz“.
 
Mal ehrlich: Einer großen, überregionalen, angesehenen Tageszeitung sollte so eine Überschrift inzwischen doch eigentlich wenigstens ein bisschen peinlich sein. 
 
Das Interview, das auf der Homepage noch unter dem unaufgeregten Titel „Tiere gehören für mich zur Landwirtschaft dazu“1 erschienen ist, wird auf Facebook in leider inzwischen für diese „sozialen“ Medien schon gewohnt unsachlich-marktschreierischer Manier2 vorgestellt, indem man von „absurden“ Vorstellungen der Verbraucher spricht und Menschen unterstellt, ihre Ernährung sei Religionsersatz für sie.
 
Natürlich stellen Interviews immer die persönliche Meinung des/der Interviewten dar. Damit kann man übereinstimmen, oder auch nicht. Aber dass eine Wissenschaftlerin immer noch mit dem naturalistischen Fehlschluss aufwartet, finde ich fast schon lächerlich. Da wird von Frau Weiler vollmundig ins Feld geführt, „dass der Mensch von Natur aus ein Allesesser, ein sogenannter Omnivore ist“ und das bleibt dann unhinterfragt so stehen. 
 
Und? Nur, weil etwas „natürlich“ ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch ethisch vertretbar ist. Es gibt eine Vielzahl natürlicher Verhaltensweisen, die wir sozial geächtet haben, weil wir sie für unethisch halten. Etwas derart Simples muss man heutzutage Wissenschaftler*innen erklären? Menschen, die studiert haben? Menschen, die in der Lage sein sollten, logisch zu denken und zu argumentieren? 
 
Ja, mag sein, dass wir Allesesser sind. Allerdings sollte es uns vielleicht zu denken geben, dass tierliche Produkte inzwischen mit verschiedenen Krankheiten, wie z.B. Gefäßerkrankungen3 und einigen Krebsarten4 in Zusammenhang gebracht werden. Womöglich vertragen wir die omnivore Diät (die ihrerseits selbstverständlich kein Religionsersatz ist) halt doch nicht ganz so gut, wie andere Allesesser es können. 
 
Ja, mag sein, dass wir alles essen können, aber wir müssen es nicht. In Notzeiten wird  alles Mögliche gegessen und wenn es Brennwert hat und einen nicht direkt umbringt, hilft das zu überleben. Etwas zu können ist nicht Grund genug und schon gar nicht Berechtigung, etwas auch zu tun. Ganz besonders nicht, wenn dadurch andere empfindungsfähige, bewusste Wesen zu Schaden kommen. Es kann doch nicht angehen, dass derart einfache, logische Gedankengänge heutzutage immer noch wieder und wieder und wieder erläutert werden  müssen.
 
Auf den naturalistischen Fehlschluss folgt dann unweigerlich auch gleich der Traditionsappell: „Traditionell werden männliche Schweine in Europa seit mehr als 1000 Jahren kastriert.“ Und? Traditionen können falsch sein. Und zwar immer dann, wenn dadurch Dritte zu Schaden kommen. Auch hier gäbe es genügend Beispiele zu nennen. 
 
Die Religionskeule als Totschlagargument darf in diesem bunten Strauß der allerorts und bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenhaft wiederholten Scheinargumente natürlich nicht fehlen. „Zunehmend definieren sich bei uns Menschen über ihren Ernährungsstil, dabei wird Ernährung fast zum Religionsersatz.“ Derlei Behauptungen sind nichts weiter als billige rhetorische Winkelzüge, um andere zu diffamieren und als irrationale, verschrobene Wirrköpfe hinzustellen. Ein ernstzunehmendes, valides Argument ist es nicht. Und wiederum ist es bedauerlich und ärgerlich, dass eine angesehene Zeitung so etwas unhinterfragt und kritiklos stehen lässt.
 
Nein, Veganer*innen definieren sich nicht über ihren Speiseplan. Sie überdenken und definieren zuerst ihre Grundwerte und daraus folgend ihre Ethik. Das Konsum- und weitere Verhalten, also unter anderem Ernährung und Kleidung, werden dann an die Ethik angepasst.
  
Ich halte es für unlauter, Veganer*innen zu unterstellen, sie erhöben ihre Ernährungsweise zur Ersatzreligion. Motivation und daraus folgende Konsequenz werden dabei verdreht. Ob dies absichtlich oder aus echter Unkenntnis geschieht, sei dahin gestellt. Ich zumindest erlebe die philosophischen, ethischen Überlegungen des Veganismus als außerordentlich rational und möchte auf entsprechende Literatur verweisen. Hier einige Beispiele:
 
  • Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit
  • Gary L. Francione, Eat Like You Care
  • Sherry F. Colb, Mind If I Order the Cheeseburger?
  • Tom Regan, Empty Cages
  • Friederike Schmitz, Tierethik: Grundlagentexte
Dabei will ich gar nicht verhehlen, dass die Diskussionen über Veganismus und Tierrechte mitunter emotional sehr aufgeladen sind. Das ist aber nicht einer Religiosität geschuldet, sondern entsteht aus dem schrecklichen und belastenden Wissen, dass in jeder Sekunde, jeder Minute, in der über Nebensächlichkeiten diskutiert wird, wehrlose Lebewesen in Ställen, auf Transporten, in Schlachthäusern und Labors und nicht zuletzt durch Jagd und Fischerei, unfassbares Leid erfahren. Es geht Veganer*innen nicht um Geltungsbedürfnis, moralische Überlegenheit und was der Unterstellungen mehr sind. Es geht um Gerechtigkeit und Mitgefühl. Dieses Mitgefühl mit der leidenden Kreatur, die daraus resultierende Verzweiflung und das Gefühl der Dringlichkeit lassen uns eben manchmal ungeduldig, laut, oder sarkastisch werden.
 
Es gibt im Veganismus keinerlei starren, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden fest betonierten Verhaltens- oder Ernährungsregeln wie sie sich in manchen Religionen finden lassen. Im Veganismus gibt es keinen Glauben an unsichtbare und nicht nachweisbare göttliche Wesenheiten. Statt dessen wird über Philosophie, Grundwerte und Ethik gesprochen und nachgedacht. Religion ist Glaube, Veganismus beruht auf Ethik. Das Leid von Tieren ist offensichtlich und nachweisbar, das Vorhandensein von Gottheiten beruht auf reinem Glauben (*). 
 
Wer die Ethik des Veganismus verstanden und sich zu eigen gemacht hat, wird selbst am Meisten bemüht sein, Wege zu finden, diese Wertvorstellungen erfolgreich umzusetzen und sich ständig zu verbessern. Es gibt keine hauptberuflichen Priester*innen, Schriftgelehrten oder Prophet*innen, die irgendetwas vorschreiben, die „Sünden“ vergeben können oder zumindest behaupten, es zu können. Es wird kein Paradies versprochen, aber auch nicht mit der Hölle gedroht, abgesehen von der Hölle, die wir Menschen für die Tiere errichtet haben. Zwar gibt es unter Veganer*innen auch Menschen, die auf Fehler oder Inkonsistenzen hinweisen, aber das ist völlig in Ordnung. Konstruktive Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Zumindest bei jenen, die bereit sind, an sich zu arbeiten, was bei vielen Veganer*innen als grundlegende Haltung angenommen werden darf. Immerhin haben sie sich bereits kritisch auseinandergesetzt mit den Vorstellungen, Überlieferungen und Behauptungen, die ihnen von Kindesbeinen an eingetrichtert wurden. Sie haben die bestehende Tierausbeutungsideologie hinterfragt und als mangelhaft bewertet. 
 
Ethik kann tatsächlich ein Ersatz für Religion sein. Im Gegensatz zu Religionen, die oft auf alten Büchern basieren, die bestenfalls mit viel Mühe für die Neuzeit passend uminterpretiert werden, ist Ethik ein lebendiges, wachsendes, philosophisches Gedankengebäude, das geeignet ist, zu reflektiertem, verantwortungsvollem, moralischen Handeln zu ermuntern. Religionen sind in sich selbst oft widersprüchlich und inkonsistent und daher als moralischer Kompass denkbar ungeeignet. Ethik hingegen basiert auf logischen Überlegungen, auf schlüssigen Argumenten, auf dem Gedanken, dass gleiche Situationen gleiche moralische Berücksichtigung verdienen. Ethik beruft sich nicht auf verstaubte Vorschriften, sondern fordert auf, das eigene Verhalten immer wieder auf den Prüfstand von Verständnis, Rücksicht, Empathie, Nachdenken und Mitgefühl zu stellen. 
 
Dass es nicht für jedes Dilemma eine befriedigende Lösung gibt, ist uns schmerzhaft bewusst. Aber diejenigen Dilemmata, die lösbar sind, sollte man lösen. Eine relativ geringfügige Umstellung der Lebensführung ist nicht zuviel verlangt, wenn es für die aktuell Leidtragenden um Leben und Tod geht. Noch jede*r Veganer*in hat gesagt, dass es leichter ist, viel leichter, als zunächst befürchtet.
 
Wenn man sich ansieht, zu welchen Auswüchsen Religionen in der Geschichte der Menschheit geführt haben und immer noch führen, sollte uns allen sehr daran gelegen sein, die Religionen tatsächlich endlich durch eine ordentliche säkulare Ethik zu ersetzen.
 
Eine Frage stellt sich mir immer wieder, wenn uns unterstellt wird, Veganismus sei wie eine Religion für uns: Warum stören sich eigentlich die Kirchen nicht an diesem Vorwurf? Es werden ja nicht nur die jeweiligen Diskussionsgegner herabgesetzt, sondern auch Glaube und Religion per se. Religion wird durch solche Sätze als etwas grundsätzlich Minderwertiges und Unvernünftiges dargestellt. Das sollte doch kirchlichen Würdenträgern noch sauerer aufstoßen als uns.
 
Doch zurück zum Interview: Etwas später wird einfach behauptet „das Tier bleibt unversehrt“. Nein, bleibt es nicht. Sie werden letztlich alle getötet. Immer.
 

Noch weiter im Text wird die Würde des getöteten Lebewesens über den erzielbaren Profit definiert: „[…] 2016 […] erzielte ein Landwirt für seine Tiere 1,24 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Wie steht das im Verhältnis zu einem würdigen Umgang mit dem Lebewesen Tier?“ fragt Frau Weiler.

Ich halte Preisangaben je Kilo „Schlachtgewicht“ nicht für vereinbar mit dem Konzept der Würde von lebenden, fühlenden, bewussten Wesen. Die Höhe des erzielbaren Preises ist dabei unerheblich. 

 „Wer Tiere aufzieht, um sie zu töten, hat es schwer, positiv wahrgenommen zu werden.“ Ja, stimmt. Aus gutem Grund und völlig zu Recht, wie ich meine. 

 Es ist nun einmal ethisch nicht vertretbar, fühlende, bewusste Wesen um des Profits Willen zu züchten und zu töten, zumal nicht die geringste Notwendigkeit dafür besteht. Da wir laut eigener Aussage dieser Wissenschaftlerin Allesesser sind, können wir auch einfach etwas anderes essen. Genau da beginnt die Ethik: Dürfen wir fühlende, bewusste Wesen essen, obwohl es nicht nötig ist?  

Darauf kann die Antwort nur lauten: selbstverständlich nicht

Alle, die sich wünschen, dass die Tiere gut behandelt werden, dass sie ein schönes Leben und einen „leichten“ Tod haben, erkennen damit an, dass Tiere Gefühle haben, dass sie unterscheiden können zwischen angenehm/unangenehm, Wohlgefühl/Schmerz und dass sie ein Interesse daran haben, nicht zu leiden und am Leben zu bleiben. Es bedeutet, dass uns, den Verbraucher*innen, sehr wohl klar ist, dass es sich um bewusste, fühlende Wesen handelt. Es ist deshalb unsere Pflicht und unsere Verantwortung, sie moralisch zu berücksichtigen und das bedeutet, ihre Ausbeutung und Tötung zu unterlassen. 

Ein bewusstes, fühlendes Wesen nur zu züchten, um es alsbald zu töten, ist die maximale Missachtung dieses Wesens und seines Lebens und zwar auch dann, wenn man sich vorgeblich gut darum kümmert.

Nicht wie wir sie benutzen, ist das Problem, sondern dass wir es tun. 

Vertraue auf dein Herz, dein Gewissen, deinen Sinn für Gerechtigkeit. Sei fair. Sei vegan.

 


(*) Dank an Alexandra für diese Anregung.

  1. http://www.sueddeutsche.de/wissen/tierhaltung-tiere-gehoeren-fuer-mich-zur-landwirtschaft-dazu-1.3787041 []
  2. https://www.facebook.com/ihre.sz/posts/1627956970629009 []
  3. https://www.pcrm.org/health/medNews/dairy-and-other-animal-fat-increases-ris-for-heart-disease []
  4. http://www.pcrm.org/health/cancer-resources/diet-cancer/facts/meat-consumption-and-cancer-risk []
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Du hast früher selbst Fleisch gegessen!

Du hast früher selbst Fleisch gegessen und Milch getrunken.
Kehre du gefälligst vor deiner eigenen Haustüre!“ 

Diese Reaktion erhalten Veganer*innen regelmäßig, wenn sie versuchen, Fleischesser*innen oder Vegetarier*innen für das Grauen und Unrecht hinter ihren ‚Lebensmitteln‘ zu sensibilisieren oder sie auf die bedenklichen ökologischen Folgen ihres Tuns hinzuweisen.1 Wer früher selbst Tierqualprodukte konsumiert hat, scheint keinerlei Recht zu haben, jetzt andere für genau dieses Verhalten zu kritisieren.

Dürfen wir eigene Fehler bei anderen kritisieren?

Sollten Veganer*innen angesichts der eigenen Schuld als ehemalige Täter*innen, die milliardenfache Tötung sogenannter ‚Nutziere‘ mit all ihren dramatischen Konsequenzen einfach hinnehmen und zu dem Thema für immer schweigen? Nein, sollten sie nicht, denn sie haben inzwischen eine wichtige Lektion gelernt und ein verhängnisvolles Verhalten abgelegt. Sie haben ja vor der besagten eigenen Haustüre gekehrt – und zwar sehr gründlich. Warum sollten sie ihr erworbenes Wissen, ihre veränderte Sichtweise und ihre Erfahrungen jetzt nicht mit anderen Menschen teilen?

Man stelle sich einmal ernsthaft für einen Moment vor, was es in letzter Konsequenz bedeuten würde, wenn wir bei anderen ab sofort nur noch die Verhaltensweisen kritisieren dürften, die wir selbst niemals gezeigt haben.

Eltern könnten dann einen Großteil ihrer Erziehungsbemühungen augenblicklich einstellen, denn als Kind haben sie sicher auch eine Menge angestellt, ausprobiert und falsch gemacht. Vermutlich haben auch sie die eigenen Eltern gelegentlich belogen, die Schule geschwänzt, heimlich geraucht, Versprechen gegenüber Freund*innen nicht eingehalten, Streiche gespielt, Schwächere schikaniert, mutwillig Sachen beschädigt und manches mehr.

Im Sport könnten künftig nur noch diejenigen als Trainer*in arbeiten, die den Sport selbst nie ausgeübt haben, denn nur so ist eine tadellose Vergangenheit möglich. Wer zum Beispiel früher selbst Fußball gespielt hat, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon hochkarätige Torchancen fahrlässig vergeben, vermeidbare Elfmeter verursacht, den Schiedsrichter beleidigt, leichtfertig den Ball verloren, sich eigensinnig verrannt statt abzuspielen oder für unbeherrschte Aktionen die rote Karte gesehen und dadurch das eigene Team geschwächt.

Wir dürften niemanden mehr auf Gefahren hinweisen, denen wir selbst zum Opfer fielen und nicht mehr vor Fehlern warnen, die uns selbst schon unterlaufen sind.

Die Frage ist nicht, ob wir kritisieren, sondern wie wir es tun

Es ist also völlig klar: Wenn ich in meinem Leben ein Verhalten oder eine Meinung als falsch erkenne und mich daraufhin tatsächlich ändere, darf ich andere natürlich ermuntern, es mir gleich zu tun. Ob ich es auch tun sollte oder vielleicht sogar tun muss, ist eine ganz andere Frage, die nicht ganz so leicht zu beantworten ist, denn es gibt dafür kein Patentrezept. Ich selbst mache meine Entscheidung, ob ich ein Thema überhaupt anspreche, und falls ja, wie ich es anspreche, in erster Linie davon abhängig, welche konkreten Auswirkungen das Verhalten meines Gegenübers hat.

Schweigen kann immer dann eine gute Option sein, wenn meine Gegenüber mit seinem Verhalten niemand (außer vielleicht geringfügig sich selbst) schadet, mir selbst das Thema nicht besonders wichtig ist, oder ich in einer bestimmten Situation einfach nicht unhöflich sein möchte. Menschen sind verschieden, und das bereichert grundsätzlich unser Miteinander. Anstatt jede Kleinigkeit zu kritisieren, sollte ich mich manches Mal besser in Gelassenheit üben.

Geht es um ein Verhalten, von dem ich denke, dass der Person vielleicht nicht klar ist, wie dieses bei anderen Menschen ankommt, dann beschreibe ich das störende Verhalten und seine Wirkung speziell auf mich. Ich formuliere meine Rückmeldung in einer Weise, die deutlich macht, dass es um meine Wahrnehmung, meine Interpretation und um mein Unbehagen geht. Mein Feedback sagt also mehr über mich als über die andere Person aus.

Schweigen ist manchmal keine Option

Bei manchen Themen habe ich nicht nur das Recht, sondern die moralische Pflicht, andere mit der Problematik ihres Handelns zu konfrontieren. Wenn mein früheres Verhalten, das ich jetzt bei anderen beobachte, gewalttätig, zerstörerisch oder für andere gefährlich war, dann bin ich es nicht nur den potenziellen weiteren Opfern, sondern auch dem eigenen Gewissen schuldig, klar und deutlich Stellung zu beziehen. Dann sollte ich das Unrecht selbst dann ansprechen, wenn es mein Gegenüber am liebsten gar nicht hören will. Schweigen wäre in solch einer Situation kein Zeichen von Toleranz, sondern vielmehr Ausdruck von Feigheit oder Gleichgültigkeit. Wer Unrecht kommentarlos geschehen lässt, positioniert sich automatisch auf der Seite der Täter*innen und wird dadurch zu einem Teil des Problems.

Allerdings sollte ich meine Rückmeldung in einer respektvollen Weise geben. Sie sollte angemessenen im Ton, in der richtigen Dosierung und in einem geeigneten Rahmen erfolgen. Sie wird am ehesten Wirkung entfalten, wenn sie als Impuls, Anregung oder Bitte daher kommt, statt als Belehrung, Vorwurf, Forderung oder gar Beleidigung. Nicht die Person, sondern ihr spezifisches Verhalten bzw. die Konsequenzen dieses Verhaltens sollten Gegenstand meiner Kritik sein. Es kann auch hilfreich sein, die Kritik vor allem auf mich selbst und mein eigenes früheres Verhalten zu beziehen. Ich kann also meinem Gegenüber zuvorkommen und selbst darauf hinweisen, dass ich früher auch Tierprodukte konsumiert habe und dann erläutern, welche Gedanken und Gefühle mich veranlasst haben, für immer damit aufzuhören.

Der blinde Fleck der Nichtveganer*innen

Beim Thema ‚Tiere essen‘ besteht eine Besonderheit darin, dass dieses Verhalten von den dafür kritisierten Menschen selbst überhaupt nicht als gewalttätig oder gar verwerflich, sondern als völlig ‚normal‘ wahrgenommen wird. Sie sehen weder den Zusammenhang zwischen dem leckeren Stück Fleisch und dem entsetzlichen Leid, das seiner ‚Produktion‘ voraus ging, noch die katastrophalen ökologischen Folgen des Konsums tierlicher Produkte (bzw. wollen diese Verbindungen nicht sehen).2

Wenn sie dann zur Kenntnis nehmen müssen, dass es sich bei ‚ihrem‘ Steak in Wahrheit um den wenige Tage alte Leichnam eines brutal getöteten Tierkindes handelt, und sie durch ihre Kaufentscheidungen de facto dieses Gemetzel höchstpersönlich beauftragen, reagieren sie meist ziemlich verstört. Aussagen wie „Die Tiere sind doch dazu da, dass wir sie essen“, „Das Tier ist doch eh tot, es hilft ihm ja nichts mehr, wenn ich es nicht esse“, „Wenn wir die Tiere nicht essen, werden sie eben nach China exportiert“, sind dann oft spontane, trotzige Statements von Menschen, mit denen man noch vor einigen Minuten zu anderen Themen ein durchaus intelligentes Gespräch führen konnte. Ihr Autopilot produziert jetzt permanent Pseudoargumente, um die Verbindung zur Wahrheit nicht herstellen zu müssen und ein plötzliches Erwachen aus einer langjährigen partiellen moralischen Anästhesie zu verhindern.

Die meisten Menschen, auch die Mehrheit der Fleischesser*innen, verfügen nämlich durchaus über ein solides Unrechtsempfinden und stimmen z.B. der Aussage zu, dass der Mensch Verantwortung für das Wohl der Tiere trägt und ihnen kein unnötiges Leid zufügen darf. Sie würden auch zustimmen, dass wir die Verpflichtung haben, mit Ressourcen sorgsam umzugehen und unseren Kindern einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen. Wer so denkt und gleichzeitig tierliche Produkte konsumiert, kann sein Verhalten mit halbwegs gutem Gewissen nur aufrechterhalten, wenn er sich von der eigenen Schuld und Verantwortung systematisch dissoziiert, erst mit haarsträubenden Argumenten und dann mit wütenden Gegenangriffen. Attacken wie „Du hast früher selbst Fleisch gegessen“, „Kehre vor deiner eigenen Türe“, „Du hast es gerade nötig“, „Du bist auch nicht als Veganer*in auf die Welt gekommen“, verlagern den Fokus der Diskussion. Sie ersparen den Angreifer*innen schmerzhafte Erkenntnisse in Bezug auf den Widerspruch zwischen dem eigenen moralischen Anspruch und der gelebten Wirklichkeit. Je aggressiver der äußere Angriff, umso heftiger tobt oftmals der innere Wertekonflikt.

Fazit

Natürlich sollten Veganer*innen, wenn sie wütende Reaktionen erfahren, nicht automatisch selbstgefällig davon ausgehen, dass der/die andere eben ein schlechtes Gewissen hat. Sie sollten sich immer fragen, inwieweit ihr eigenes Verhalten angemessen war. Manchmal schallt es aus dem Wald tatsächlich nur deshalb so laut zurück, weil ebenso laut hinein gerufen wurde. Da gibt es sicher noch sehr viel zu lernen. Niemand sollte sich allerdings kleinlaut zurückziehen und für immer schweigen, nur weil er/sie selbst in der Vergangenheit auch teilweise falsch gehandelt hat.

Viele zivilisatorische Fortschritte, wie beispielsweise die gesellschaftliche Ächtung der Diskriminierung von Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlecht oder ihrer sexueller Neigung, hätten vermutlich niemals stattgefunden, hätte es nicht immer schon Menschen gegeben, die das Unrecht der eigenen Handlungen oder Überzeugungen erkannten. Menschen, die das Rückgrat hatten, entschlossen auf die Seite des Rechts und der Moral zu wechseln und sich fortan für die Belange ihrer ehemaligen Opfer zu engagieren.

(Bildquelle: Pixabay)

‚Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ – George Orwell –

  1. Dieser Artikel bezieht sich vor allem auf den Konsum tierlicher Nahrungsmittel, weil unsere Ernährung im Alltag besonders häufig Anlass für kontroverse Gespräche zwischen Veganer*innen und Nicht-Veganer*innen bietet. Die hier skizzierten Beobachtungen und Gedanken gelten aber gleichermaßen auch für andere tierliche Produkte, z.B. Kleidung, Kosmetik, Putzmittel, usw. … []
  2. Welche psychologischen Tricks Menschen anwenden, um ohne schlechtes Gewissen dauerhaft entgegen der eigenen Wertvorstellungen handeln zu können, beschreiben wir in unserem Artikel ‚Die Kunst der Selbstüberlistung‘: http://veganswer.de/die-kunst-der-selbstueberlistung/ []
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Die Spitze der Nahrungskette Der Mensch als vermeintlicher Top-Prädator an der Spitze der Nahrungskette. Unwissen, Halbwissen oder Tatsache?

Die Spitze der Nahrungskette

Wir haben es hier mit einem der Dauerbrenner der Verteidiger*innen von tierlichen Nahrungsprodukten zu tun:

Ich stehe an der Spitze der Nahrungskette! 

oder auch gerne:

Ich habe mich nicht an die Spitze der Nahrungskette gekämpft,
um jetzt Gras zu fressen.

Wer mehr Beispiele sehen möchte, kann nahezu jeden x-beliebigen Diskussions-Thread von Veganer*innen vs Nichtveganer*innen öffnen und wird fast immer fündig werden.

Der Grundtenor ist folgender:

Der Mensch ist ganz oben, ist an der Spitze, oder der „Anführer“ der Nahrungskette, ist der Top-Prädator und somit berechtigt, andere Lebewesen nach Gutdünken zu benutzen und zu töten.

Doch stimmt das?

Vorab in Kürze:

Die Nahrungskette, oder vielmehr die Nahrungsketten, sind weder Vorschriften, an die man sich zu halten hat, noch Ermächtigungen, sich gewalttätig zu verhalten, sondern Gedankenkonstrukte, um den Fluss von Energie und Nährstoffen zu veranschaulichen.

Der eigene Platz in einer solchen Nahrungskette wird weder erkämpft noch erworben, sondern ergibt sich aus der für den jeweiligen Organismus geeigneten Nahrung. Die Nahrungskette als Begründung für die Wahl der eigenen Nahrung heranzuziehen, wäre also ein Zirkelschluss.

Menschen brauchen im Gegensatz zu echten, obligatorischen Karnivoren unbedingt pflanzliche Nahrung, um gesund zu bleiben. Ballaststoffe z.B., die in einer rein tierlichen Nahrung gar nicht vorkommen, sind enorm wichtig für unsere Darmgesundheit. Auch viele der Vitamine, die wir benötigen, kommen oft nur in Pflanzen vor (Vitamin C, z.B). Die Struktur unseres Verdauungssystems und unser Körperbau1 legen nahe, dass wir uns überwiegend, sehr wahrscheinlich sogar ausschließlich, pflanzlich ernähren2 sollten, obwohl wir auch tierliche Produkte in geringen Mengen vertragen. Wir verhalten uns wie Omnivore (behavioral), sind jedoch nicht verpflichtend (obligatorisch) omnivor. Als Mischköstler liegen wir bestenfalls in der Mitte der Nahrungskette.

Schauen wir uns nun etwas detaillierter an, womit wir es hier zu tun haben.

Was ist überhaupt diese „Nahrungskette“?

Bei Wikipedia gibt es einen sehr detaillierten und lesenswerten Artikel zum Thema3:

Zitat: Eine Nahrungskette ist ein Modell für die linearen energetischen und stofflichen Beziehungen zwischen verschiedenen Arten von Lebewesen, wobei jede Art Nahrungsgrundlage einer anderen Art ist, ausgenommen die Art am Ende der Nahrungskette.

Spektrum bietet eine weitere, sehr anschauliche Erklärung:4:

Dort steht: Darstellung von Nahrungsbeziehungen in Form einer linearen Aufreihung der beteiligten Produzenten, Konsumenten und Destruenten. Das erste Glied in der Kette bilden i.d.R. die grünen Pflanzen als Produzenten. Als Primärkonsumenten folgen Pflanzenfresser, als Sekundärkonsumenten Fleischfresser. Das letzte Glied der Kette bilden abbauende Tiere und Mikroorganismen (Destruenten). Bei jedem Schritt der N. geht Energie verloren (Energiefluss, Energiepyramide). Zu beachten ist, dass derartige lineare N. in der Natur selten vorkommen. Meist findet man ein ganzes Netzwerk von Nahrungsbeziehungen, das als Nahrungsnetz bezeichnet wird.

Es gibt also gar nicht die Nahrungskette, sondern viele verschiedene Nahrungsketten und auch diese eigentlich nicht so klar und eindeutig, sondern eher ein Gewebe von Ketten, ein Netz gegenseitiger Abhängigkeiten und Beeinflussungen.
GeoDZ stellt das in einem großartigen Bild dar5:

Nahrungsnetz, http://www.geodz.com/deu/d/NahrungsketteWie man hier sehr schön sehen kann, ist die gedankliche Vorstellung einer „Kette“ lediglich ein sehr vereinfachtes Denkmodell, da wir es tatsächlich mit einem Netz zu tun haben, einem Gewebe des Lebens.

Ebenfalls dürfte spätestens hier klar sein, dass man sich seinen Platz in der Kette nicht erkämpft, sondern dass dieser durch den eigenen Verdauungstrakt und die dafür geeignete Nahrung festgelegt wird.

Die Spitze der Nahrungskette

Eine „Spitze“ in dem Sinn gibt es also gar nicht. Es gibt einen gemeinsamen Anfang und ein gemeinsames Ende, die zusammen den Kreis schließen. Der Anfang liegt bei den Pflanzen, die Photosynthese betreiben können, also Organismen, die aus anorganischen Substanzen und Sonnenlicht organische Substanzen herstellen können. Der Endpunkt sind die Bakterien und Pilze, die alles wieder zersetzen und zerlegen, damit es erneut von Pflanzen für den Aufbau verwendet werden kann. Hier schließt sich der Kreislauf.

Man kann also nicht ein „Anführer der Nahrungskette“ sein, oder die „Spitze von allen und überhaupt“. Man kann höchstens auf unterschiedlich hohen Stufen im Nahrungsnetz stehen (Trophiestufen). Die Konsumenten auf der höchsten Stufe sind dann die obligatorischen Fleischfresser, also räuberisch lebende Tiere, die sich ausschließlich von Fleisch ernähren und auch gar keine pflanzliche Nahrung vertragen, bzw. diese nur in sehr geringen, teilweise vorverdauten Mengen, z.B. aus dem Darm der Beutetiere zu sich nehmen.

Produzenten, Konsumenten, Destruenten

Am Beginn von Nahrungsketten stehen Vertreter der Produzenten (Pflanzen), dann folgen Konsumenten (Pflanzenfresser, Allesfresser und Fleischfresser). Als Ende einer Kette wird meist ein Spitzenprädator dargestellt.

Der Spitzenprädator wird schließlich selbst zur Beute der Destruenten, der alles zersetzenden Bakterien und Pilze, die somit das eigentliche Ende der Kette bilden und zur Grundlage für deren Anfang werden. Es ist ein Kreislauf, ein Stoffkreislauf.

Mehr als eine Trophiestufe

Die Trophiestufe der Primärkonsumenten, also der reinen Pflanzenfresser, lässt sich relativ leicht bestimmen. Schwieriger wird es bei den übrigen Konsumenten, da ein und dieselbe Art sich auf verschiedenen Stufen befinden kann, je nachdem welche Kette man betrachtet.

Während die Position der Herbivoren noch relativ eindeutig zu definieren ist, ist die Rolle der Prädatoren schwieriger zu fassen, weil sie sich in der Regel von verschiedenen Organismen ernähren, die durchaus unterschiedliche Position in der Nahrungskette haben können. Zum Beispiel können Habichte Tauben erbeuten (Tauben sind Samenfresser, also Phytophagen). Die Nahrungskette umfasst dann drei Glieder, mit dem Habicht in dritter Position. Zu ihrem Beutespektrum gehören aber auch Meisen; diese sind Insektenfresser, also ihrerseits Prädatoren. Hier wäre der Habicht in vierter Position (Pflanze > Insekt > Meise > Habicht), oder sogar in fünfter, wenn das von der Meise erbeutete Insekt ebenfalls bereits ein Prädator war. Eine Art kann also mehr als eine Trophiestufe besitzen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nahrungskette

Warum niedrige Trophiestufen besser als hohe sein können

Hier möchte ich noch einmal den ausgezeichneten Beitrag bei Wikipedia heranziehen, der das Folgende detailliert aber dennoch gut verständlich beschreibt. Von Trophiestufe zu Trophiestufe entsteht ein Verlust von Energie und gleichzeitig eine Anreicherung von Schadstoffen.

Energieverlust

Da die Konsumenten mit der aufgenommenen Energie ihren Stoffwechsel aufrechterhalten (siehe Respiration, „Veratmung“), geht dem System bei jedem Umsatzschritt entlang der Nahrungskette ein Teil der nutzbaren Energie in Form von Wärme oder energiearmen Abfallprodukten verloren.

Durch die mit jedem Konsumtionsvorgang unvermeidlichen Verluste an Energie steht für jede trophische Ebene weniger Energie als für die darunter liegende zur Verfügung, meist wird als Faustformel ein übrig bleibender Anteil von 10 % angenommen (d. h. ein Verlust von 90 %)…
(https://de.wikipedia.org/wiki/Nahrungskette)

In der Tierwirtschaft wird das als „Veredelungsverlust6 bezeichnet, auch bekannt als Feed:Meat Ratio, also das Verhältnis von der Menge an Futter, die gegeben werden muss und dem daraus erzielten Fleischertrag, bzw. dem Ertrag an tierlichen Produkten. 

Veredelungsverluste … treten bei der Erzeugung tierischer Lebensmittel auf, wenn Nahrungsmittel, die direkt der menschlichen Ernährung dienen könnten (z.B. Getreide, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Fisch) an Tiere verfüttert werden. Ein Großteil des Energiegehaltes von pflanzlichen Nahrungsmitteln geht bei der Umwandlung zu tierischen Produkten verloren. Das Tier benötigt den größten Teil der Nahrungsenergie für den eigenen Stoffwechsel sowie für den Aufbau nicht-fleischliefernder Gewebe.

Von der gleichen Ackerfläche können folglich sehr viel mehr Menschen ernährt werden, wenn die darauf angebaute Nahrung direkt der menschlichen Ernährung dient.

Hier noch eine andere Erklärung7:

Bei der Umwandlung von pflanzlichem Futter-Protein in tierisches Protein entstehen erhebliche Veredelungsverluste. Durchschnittlich gehen 65 – 90 % der Nahrungsenergie und des Proteins pflanzlicher Futtermittel bei der Umwandlung zu tierischen Produkten verloren, d. h. nur etwa 10 – 35% der eingesetzten Futtermittel bleiben in Form tierischer Erzeugnisse „erhalten“. Das Tier benötigt den größten Teil der Nahrungsenergie und der Nährstoffe für den eigenen Stoffwechsel sowie für den Aufbau nicht-fleischliefernder Gewebe.

Was das für Auswirkungen hat, konnte man bereits 2013 in einem Bericht des Spiegel8 nachlesen:

Würde die gesamte Getreideernte zu Nahrungsmitteln verarbeitet und gar nichts mehr zu Futtermitteln für Rinder, Schweine oder Geflügel, dann könnten vier Milliarden Menschen mehr ernährt werden.

Oder, um Dr. Kurt Schmidinger in der GEO 9zu zitieren:

Man braucht im Schnitt mindestens sieben pflanzliche Kalorien, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Fünf Kalorien gehen nur für den Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir verfüttern 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte an Nutztiere – und produzieren daraus primär Exkremente. Unter dem Gesichtspunkt der Welternährungssituation ist das natürlich Wahnsinn.

Nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Welternährungssituation ist das verrückt, wie ich ergänzen möchte, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der immensen Umweltschäden, die dabei angerichtet werden und nicht zuletzt unter dem Aspekt des unfassbaren und völlig unnötigen Leids, das wir den anderen Tieren zufügen.

Schadstoffanreicherung

Die Konzentration von schädlichen Stoffen steigt von Trophiestufe zu Trophiestufe an1011. Das gilt für Umweltgifte, Pestizide, Schwermetalle usw. weil sich diese Stoffe im jeweils aufnehmenden Organismus anreichern. Je höher die eigene Trophiestufe, desto ungesünder die Nahrung, könnte man vereinfachend formulieren.

Tatsächlich können sich vor allem fettlösliche und nicht oder nur langsam abbaubare Stoffe (z. B. persistente Chlorkohlenwasserstoffe, Schwermetallionen) in aufeinander folgenden Nahrungskettengliedern unter bestimmten Bedingungen anreichern. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Biomagnifikation.

Innerhalb einer Nahrungskette nimmt die Konzentration der Schadstoffe((http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/bioakkumulation/1505)) in den aufeinanderfolgenden Trophiestufen (Trophie) zu. Eine Anreicherung im Organismus ist vor allem bei den chlorierten Kohlenwasserstoffen (DDT, Lindan) sowie bei Schwermetallen wie Blei, Cadmium und Quecksilber zu beobachten.

Ganz stark vereinfacht kann man also sagen, dass man umso weniger Energie verschwendet und umso weniger Schadstoffe mit der Nahrung aufnimmt, je niedriger das eigene trophische Niveau ist.

Nahrungskreislauf

Dominanz, vermeintliche Gewinner und Unterwerfung

Wieso möchten wir immer oben sein? Sieger auf dem Treppchen des vermeintlich allgemeinen und allgegenwärtigen Wettkampfs ums Überleben? Was ist so erstrebenswert daran, die Spitze der Nahrungskette, die Krone der Schöpfung zu sein? Ist unser Selbstwertgefühl so wackelig, dass wir uns selbst ständig gegenseitig bestätigen müssen, welch außergewöhnliche, großartige Wesen wir doch sind?

Wir halten uns für die Herrscher der gesamten Welt und denken, das gäbe uns das Recht, alles nach Gutdünken auszubeuten, zu benutzen und zu unserem Vorteil zu verwenden.

Zeigt sich nicht wahre Größe dann, wenn man bereit ist, sich selbst zu beherrschen, statt andere? Liegt wahre Größe darin, Wehrlose auszubeuten, oder nicht vielmehr darin, diese vor Willkür in Schutz zu nehmen? 

Wir nehmen immer nur und geben kaum etwas Brauchbares zurück. Wohin das führt, erleben wir gerade sehr schmerzlich: Klimaerwärmung mit immer heftiger werdenden Stürmen, drastischer Rückgang der Artenvielfalt, Insektensterben, Vogelsterben, Amphibiensterben, Rückgang der pflanzlichen Biodiversität, Dead Zones in den Ozeanen, Korallenbleiche, Regenwaldvernichtung, Versteppung und Verwüstung ganzer Regionen. Zerstörung, wohin das Auge blickt.

Statt alles zu beherrschen, auszubeuten, zu dominieren und dabei unendlich viel Schaden anzurichten, wäre es da nicht sinnvoller, sich endlich zu bemühen, ein nützlicher Teil des Ganzen zu sein? Jede Hummel, jede Ameise, jedes Eichhörnchen trägt mehr zum Erhalt der Biosphäre teil als wir. Wir zerstören, was all die anderen um uns herum aufbauen.
Ist unser Verhalten wirklich ein Zeichen von Intelligenz und Größe? Mir scheint, das Gegenteil ist der Fall.

So abgeschmackt es auch klingt: Wir schaufeln gerade unser eigenes Grab. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Dieser Planet braucht uns nicht für sein Ökosystem, aber wir brauchen den Planeten und eine intakte Biosphäre. Wir müssen diesen Satz endlich einsinken lassen und danach handeln. Es geht buchstäblich um Leben und Tod.

Angesichts der Information zu Energieverlust und Schadstoffanreicherung wäre es im Sinne der Erhaltung der eigenen Art doch eher geboten, möglichst Primärkonsument, also reiner Pflanzenfresser, statt Sekundär- oder gar Tertiärkonsument zu sein. Insbesondere da wir, im Gegensatz zu obligatorischen Fleischfressern, dazu auch leicht in der Lage sind.

Für diejenigen, die so dringend das Bedürfnis verspüren, die Spitze, die Krone, der Anführer zu sein, mag es tröstlich sein, dass das doch auch sehr speziell und besonders klingt. „Primär“ statt „Sekundär“ oder gar „Tertiär“ kommt unserem Konkurrenz- und Wettbewerbswahn zumindest in der Wortwahl wenigstens ein bisschen entgegen.

Die Nahrungskette als Rechtfertigung für Tierausbeutung

Kann das Heranziehen dieser Stoffkreisläufe als Rechtfertigung für Tierausbeutung herhalten? Meines Erachtens: Nein. Sie ist bestenfalls eine Erklärung, mehr nicht.

Die höchsten Stufen der trophischen Treppe, bevor sich der Kreislauf wieder schließt, werden tatsächlich von den obligatorischen Räubern besetzt, also von Tieren, die sich ausschließlich von anderen Tieren ernähren und sich auch nur so ernähren können. Diese haben, moralisch gesehen, tatsächlich ein „Recht“ dazu, denn ihr Verdauungstrakt, ihr Metabolismus lässt ihnen keine andere Wahl.

Wir menschlichen Tiere sind hingegen Allesfresser, jedoch noch nicht einmal obligatorische Allesfresser. Das heißt, wir können zwar auch tierliche Produkte zu uns nehmen, wir müssen es jedoch nicht tun.

Als Allesfresser befinden wir uns automatisch immer unterhalb der obligatorischen Räuber, die uns gerne verspeisen würden und es auch ab und zu tun. Tatsächlich befinden sich Menschen etwa auf der gleichen trophischen Stufe wie Schweine und Sardellen12.

Wo das Nahrungskettenargument sowieso nicht greift, sind all die Bereiche, in denen Tiere für Zwecke ausgebeutet werden, die nichts mit Nahrung zu tun haben, wie z.B. bei Kleidung (Leder, Seide, Wolle, Pelz, Daunen), Unterhaltung (Zoo, Zirkus, Pony-Karussell), Sport (Reiten, Hunderennen), Hygiene, Reinigung, Forschung ((Ärzte gegen Tierversuche: Warum Tierversuche nicht notwendig sind)). Tiere und deren Recht auf ihr eigenes Leben zu respektieren, umfasst mehr als nur Ernährung. Veganismus lehnt daher alle Formen der Tierausbeutung konsequent ab.

Die wahre Spitze der Nahrungskette

Das wahre Ende, die eigentliche „Spitze“ der Nahrungskette sind jedoch die Destruenten, also die Maden, Würmer, Schnecken, Bakterien und Pilze, die letztlich sowohl die Produzenten als auch alle Konsumenten und damit auch die Top-Prädatoren wieder zerlegen, abbauen und an den Anfang der Nahrungsketten zurückführen.

Und die Moral von der Geschicht?

Als moralische Wesen sollten wir Moral und Ethik zur Grundlage unserer Entscheidungen machen und nicht bei jeder Gelegenheit die Natur als vermeintlichen Freibrief für unethisches Verhalten missbrauchen. Als Rechtfertigung für die Ausbeutung von Milliarden empfindsamer Lebewesen taugt die Nahrungskette jedenfalls nicht. Eine absolute Notwendigkeit für Tierproduktekonsum lässt sich daraus beim besten Willen nicht ableiten.

Im Zweifel sollten wir uns immer auf unser Wertesystems besinnen. Einer, wenn nicht überhaupt der Eckpfeiler dieses Wertesystems ist die goldene Regel, die lautet: 
Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“

Wir wissen längst, dass die Tiere, die wir benutzen, ausbeuten und verzehren, fühlen und denken können, sowie eigene, existenzielle Interessen haben, die tagtäglich frustriert werden. Es handelt sich um Lebewesen, um Subjekte ihres eigenen Lebens, nicht um Objekte zu unserem Gebrauch. Das macht sie moralisch relevant. Sie sind ethisch zu berücksichtigen.

Tief in unseren Herzen wissen wir, dass es falsch ist, wie wir mit ihnen umgehen und deshalb reagieren wir auch so gereizt, wenn uns jemand daran erinnert. Das ist ein Symptom für die kognitive Dissonanz13, unter der wir praktisch ständig leiden. Es wäre so leicht, sowohl die Tiere aus ihren Gefängnissen, als auch uns aus unserem gedanklichen Gefängnis zu befreien:

Lebe vegan! Es ist möglich. Und es ist so einfach wie nie zuvor.


Verwendete Quellen:

  1. Dr. Milton Mills, Are Humans Designed to Eat Meat? https://www.youtube.com/watch?v=sXj76A9hI-o []
  2. tabellarische Darstellung: http://michaelbluejay.com/veg/natural.html []
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Nahrungskette []
  4. http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/nahrungskette/7996 []
  5. http://www.geodz.com/deu/d/Nahrungskette []
  6. http://www.ernaehrung.de/lexikon/ernaehrung/v/Veredelungsverluste.php []
  7. http://www.nachhaltigeernaehrung.de/Grundsaetze.40.0.html []
  8. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/heutiges-ackerland-koennte-vier-milliarden-menschen-mehr-ernaehren-a-914457.html []
  9. http://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung []
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Biomagnifikation []
  11. http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/bioakkumulation/1505 []
  12. https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article122585887/Mensch-ist-in-Nahrungskette-eher-Durchschnitt.html []
  13. http://veganswer.de/kognitive-dissonanz/ []
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