Kinder und Tiere – Eine Liebe, die nicht auf dem Teller enden sollte Hilfe, vegane Kids

Ich denke, wir sind uns einig…

Haben Sie Kinder?
Lieben Sie Ihre Kinder?
Möchten Sie das Beste für Ihre Kinder?
Schauen Sie darauf, dass Ihre Kinder gesund und fröhlich aufwachsen können?
Legen Sie Wert darauf, ehrlich zu Ihren Kindern zu sein?
Vermitteln Sie ihren Kindern das, was Ihrer Auffassung nach wichtig ist? Werte, die Ihnen sinnvoll erscheinen?
Ist Ihnen die Zukunft Ihrer Kinder wichtig?

Wenn Sie bis hierhin verwundert mit „Ja, selbstverständlich!“ geantwortet haben, dann sind wir uns schonmal einig. Meine Kinder sind für mich das Wundervollste, das ich auf dieser Welt erleben und begleiten darf. Ich liebe sie unendlich und wünsche mir, dass sie gesund aufwachsen und später einmal eine lebenswerte Zukunft haben. Ich hoffe, sie können mit den Werten, die ich ihnen vermittle, selbstbewusst, mitfühlend und wahrheitsliebend die Welt zu einem besseren Ort machen und fröhlich und friedlich darin leben.

Falls Sie keine Kinder haben: Wenn Sie bis zu dieser Stelle nachvollziehen können, dass Eltern diese Punkte (im Normalfall) wichtig sind, dann belegen auch wir eine gemeinsame Basis.

Wir übernehmen Verantwortung

Als Eltern sind wir dafür verantwortlich, wie unsere Kinder aufwachsen. Wir sind Vorbilder, ob wir das wollen oder nicht. Wir sind für ihren Schutz verantwortlich und wir sind diejenigen, die auf ihre Fragen Antworten geben. Eltern begleiten ihre Kinder in die Welt. Sie sind Zuhörer und Erklärer, Tröster und Spaßmacher, Beschützer und Motivationsgeber, Spielpartner und Begleiter auf dem Weg ins Leben. Wir versorgen sie mit allem Notwendigen wie Nahrung, Kleidung, Wohnung, Betreuung – viel wichtiger aber noch mit Werten wie Liebe, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.

Wir stimmen immer noch überein, nicht wahr? Ich zumindest bin noch niemandem begegnet, der sein Kind zu einem selbstsüchtigen, mit Ellenbogen kämpfenden Egoisten erziehen möchte. Zumindest nicht vorsätzlich.
All das ist grundsätzlicher Konsens. All das leuchtet Menschen im Allgemeinen ein. Auch wenn die Umsetzung nicht immer ganz so einfach ist, wie alles klingt. Und leider unterscheidet sich die gute Absicht oft auf vielfältige Art und Weise: Manche sind geradlinig und ehrlich, andere bewirken unbewusst teilweise durch kognitive, emotionale oder zeitliche Überforderung das genaue Gegenteil. Und doch ist allen eines in der Regel gemeinsam: Die Liebe!

 

 

Ethische Grundprinzipien

Liebe verspürte ich schon, bevor ich Kinder hatte. Zu Menschen, zu Tieren, zur Natur. Und wer mit dem Herzen sieht, dem fallen Ungerechtigkeiten bitter auf. Ob dies hungernde Kinder sind, gequälte Tiere oder verschmutzte Natur – um all das falsch zu finden, benötigen wir kein übermäßiges Helfersyndrom. Die Erkenntnis, dass etwas ungerecht ist, sollte in einem Gesellschaftssystem, das auf miteinander Leben und sozialen Gefügen basiert, generell den Wunsch in uns auslösen, für Fairness zu sorgen. Konsequent zu Ende gedacht, ist Veganismus das moralische Mindestmaß: Niemandem absichtlich und vorsätzlich Schaden zuzufügen, ist im Grunde ein gesellschaftlich anerkanntes ethisches Grundprinzip.

Sobald dieses Prinzip einen Namen bekommt, gilt es merkwürdigerweise für viele Menschen nicht mehr auf dieselbe Weise. Eine Reihe Abwehrmechanismen setzen ein, um eigenes, nicht adäquates Verhalten zu rechtfertigen. Nachvollziehbar, denn sich einzugestehen, dass man noch nicht nach der grundlegenden ethischen Frage, der man „eigentlich“ zustimmt, lebt, wäre ein Eingeständnis, bisher etwas versäumt zu haben. Für die eigene Person bereits ein schwieriges Unterfangen, bei der Frage nach den Kindern setzt uns der Beschützerinstinkt jedoch noch eins obendrauf. Schließlich sind wir ja verantwortlich und wollen nur das Beste. Also wird gerne auf Angriff als die beste Verteidigung geschaltet. Und dieser Angriff setzt meist unbewusst schon damit ein, wenn jemand erklärt: „Meine Kinder sind vegan.“

Hilfe.
Dürfen die das?
Können die das? Wollen die das?
Sollten sie das? Haben sie das selbst entscheiden dürfen?
Ihr zwingt ihnen eure Lebensweise auf.
Kindesmisshandlung. Verbieten.

Sie wollen weiterlesen? Super!

Wem es möglich ist, objektiv darauf zu schauen, wieso Menschen ihre Kinder vegan aufwachsen lassen, sei eingeladen, sich hier noch weiter damit zu befassen.
Natürlich setzt das voraus, dass wir uns immer und immer wieder die Definition in Erinnerung rufen, die unsere Wertvorstellungen – nicht nur im Veganismus – prägt:
Wenn wir fröhlich und gesund leben können, ohne anderen (Menschen, Tieren und der Natur) zu schaden oder sie auszunutzen, dann sollten wir das so gut wie möglich tun. Wenn wir die Wahl zwischen Leben lassen und Töten haben, sollten wir uns für die friedliche Variante entscheiden. Wenn wir die Ressourcen der Natur schützen und Lebensräume für Tiere und Menschen – unsere Kinder – bewahren können, dann sollten wir verantwortungsvoll handeln.
Ich möchte meinen Kindern diese Werte vermitteln. Sie auch?

 

Soziale Regeln nur für Einzelne?

Solange die Kinder noch sehr klein sind, tragen die Eltern dafür Sorge, dass das Kind behütet aufwächst und zugleich anderen nicht schadet. Es darf Geschwister oder andere Kinder nicht zwicken, kratzen oder anderweitig weh tun. Diese Grenzen setzen wir als Erwachsene. Wir möchten auch nicht, dass der kleine Mensch unseren Hund an den Ohren zieht, die Katze am Schwanz reißt oder dem Meerschweinchen in die Augen piekt. Wir wissen, dass jedes Lebewesen Schmerz, Angst und Leid spüren kann, genauso wie unser eigenes Kind, und achten darauf, es zu vermeiden.

Wieso sollten wir nur ein paar Lebewesen in diesen Gedankengang einbeziehen, andere jedoch von vornherein ausgrenzen? Das Schwein darf nicht nur ein kurzes überzüchtetes gequältes Dasein fristen, sondern generell ohne Notwendigkeit getötet werden? Warum machen wir in dem Punkt „Schaden und Leid vermeiden“ Unterschiede? Wenn alle dasselbe fühlen, darf kein Unterschied in der Behandlung bestehen. Definitiv fügen wir dem Schwein Schaden und Leid zu. Wir lassen es töten. Wir geben es in Auftrag. Und wir bezahlen sogar noch dafür. Gleichzeitig schützen wir unseren Hund wie ein Familienmitglied.

 

Empathie

Meine Kinder machen keine Unterschiede zwischen Hautfarbe oder Spezieszugehörigkeit. Alle möchten einfach nur glücklich leben. Wer in Not ist, dem sollte geholfen werden. Es gibt immer welche, die mag man vielleicht nicht so leiden oder ekelt sich – das ist jedoch kein Grund dafür, denjenigen Schmerzen oder Leid zuzufügen. Niemand kann schließlich etwas dafür, an einem anderen Ort oder als andere Spezies geboren zu sein. Niemand hat sich aktiv ausgesucht, eine große Nase oder Flügel zu haben. Wenn wir selbst an jener Stelle wären, was würden wir uns für uns selbst wünschen? Ist es nicht das, was wir so oft versuchen, Kindern wie auch Erwachsenen zu verdeutlichen? Fairness?

Wer von klein auf Mitgefühl lernt, dem wird es später eine Selbstverständlichkeit sein. Selbstverständlich, dass die Katze jemand mit Charakter und Gefühlen ist. Genauso selbstverständlich, wie ein Huhn sich um seine Küken sorgt und sie beschützt und ebensowenig wie der Hund getötet werden möchte. Es ist nur fair, für alle dieselben Regeln gelten zu lassen.

Gewohnheiten hinterfragt

Wenn ich also Klein Moritz und Klein Mia verbiete, den Hamster mit Filzstiften zu bemalen, wieso sollte ich ihnen nicht auch verbieten, ohne Notwendigkeit Küken zu vergasen oder Kälber wegzunehmen und ohne Mutter zu mästen und zu töten? Steht das überhaupt in einem Verhältnis? Und wobei wäre da objektiv gesehen die notwendigere Pflicht, einzugreifen? Nur, weil die Kinder nicht wissen, was mit den Tieren passiert, wenn sie verschiedene Produkte essen, ist das keine Ausrede, dass wir, die wir sehr wohl über die Informationen verfügen, nicht Einhalt gebieten. Wie gegensätzlich ist es da, dem Kind beizubringen, den Marienkäfer nicht zu zerquetschen, gleichzeitig soll es aber in Ordnung sein, dem Schweinchen einen Elektroschock zu verpassen und es auszubluten?

Niemand würde dem eigenen Kind erlauben, ein Vogelküken in den Mixer zu werfen und den Knopf zu drücken. Wieso soll derselbe Vorgang okay sein, nur weil wir ihn nicht in der eigenen Küche vollziehen, wenn wir Pfannkuchen mit Eiern zubereiten, die sich ganz simpel auch ohne diese herstellen lassen? Es ist weder notwendig noch schwierig, ein gewaltfreies Vorgehen zu wählen. Und dabei lassen wir den Kindern nicht einmal die Wahl. Wir setzen ihnen ohne zu fragen eine Variante als „normal“ vor, die an Gewalt ihresgleichen suchen muss. Wieso sollten wir?

Freie Entscheidung?

Ersetzen wir spontan ein Chicken Nugget durch ein Stück Welpenbrust, Pferdelasagne oder Katzenschenkel, stünden die meisten Eltern sofort mit einem Verbot auf der Matte. Obwohl auch diese Tiere zur Speisekarte in anderen Ländern gehören. Ziemlich willkürlich vermitteln wir, dass Mitgefühl nur bei ausgesuchten Lebewesen angebracht ist.

Wir geben also der Einfachheit halber Gewohnheiten an unsere Kinder weiter – ohne zu hinterfragen, ob diese sinnvoll sind oder wie diese Gewohnheiten entstanden sind. Wenn Eltern ihre Kinder wirklich „frei entscheiden“ lassen würden, dann stünde auf dem Speiseplan keine Einschränkung an „essbaren“ (im Sinne von nicht giftigen) Tier- und Pflanzenarten. Freie Entscheidung, Würmer zu essen, den Wellensittich oder Haifischflossensuppe? Freie Entscheidung, sich Stopfleber, Froschschenkel oder Kaviar schmecken zu lassen ? Oder haben sie wirklich die freie Entscheidung, bei jeder Mahlzeit stattdessen tierleidfreie Gerichte wie Bratkartoffeln, Nudeln mit Tomatensoße oder Gemüsereis zu naschen? Es gibt ja jeglichen Gaumenschmaus auch ohne dazu benutzte Tiere.

Mit Verboten erreichen wir das Gegenteil?

Eine recht oft angebrachte Ausrede, um sich Konfrontationen zu ersparen, kommt mit der Alltagsfloskel: „Verbote bewirken das Gegenteil“ daher. Gehen wir konsequent mit dieser Ansicht einher, wären jegliche Grenzen und Gesetze obsolet. Natürlich kann auch eine verkehrsberuhigte Straße mit Kindergarten jemanden zum Rasen auffordern. Wer hier mit 80 km/h durchfährt, will vielleicht nicht verstehen oder ist einfach zu ignorant, den guten Grund einzusehen.“ Trotz alledem gilt auch für diese Menschen das Verbot, dort durchzurasen.

Wir sollten unseren Kindern immer unsere Gründe für Verhaltensregeln aufzeigen. Verbote, die ohne Anlass rein durch ein Machtgefüge entstehen, dürfen gerne als nicht zulässig betrachtet werden. Grenzen, die dem Schutz anderer dienen und mit dieser Notwendigkeit erklärt werden, haben jedoch eine sichere Daseinsberechtigung in einem sozialen System.

 

 

Ob Kinder Grenzen annehmen, hängt natürlich immer auch von der Beziehung zu den Eltern, dem Erziehungsstil und dem Charakter oder Entwicklungsstand des Kindes ab. Dies darf jedoch nicht die Voraussetzung dafür sein, dass eine Grenze Gültigkeit hat. Auch geistig benachteiligte Menschen dürfen anderen keinen Schaden zufügen – wenn diese den Anlass dazu nicht verstehen, sind wir in der Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass sie niemandem weh tun.

Eines ist sicher: Wir unterschätzen kleine Kinder sehr gerne. Selbst Zweijährige verstehen, was ihnen altersgemäß erklärt wird. Und das ist sehr viel mehr, als die meisten wahrhaben möchten. Und so würden wir auch den Zweijährigen eindeutig vermitteln: „Die Katze darfst du nicht hauen!“ anstatt zu verkünden: „Verbote verursachen das Gegenteil.“

Der Level

Haben unsere Kinder denn wirklich alle Informationen, die eine freie Entscheidung voraussetzen könnte? Stellen wir uns einmal vor, wir sind in einem Lokal und unser Liebling zeigt auf das Stopflebergericht. Selbst zu Zeiten, in denen ich noch „alles“ aß – niemals wäre ich am selben Tisch mit einer Person sitzen geblieben, die dieses Gericht bestellt. Und nur deshalb, weil ich den Level der komplett unnötigen Gewalt als nicht vertretbar eingestuft habe. Es gibt ja genug anderes.

Aber welche unnötige Gewalt und welches unnötige Töten ist denn nun mit unseren Werten vereinbar? Ist ein niedriger Gewaltlevel denn keine Gewalt? Und auf welchem Level sollte sich unnötiges Töten eigentlich befinden? Ist das Wegnehmen des Kalbs, das die Kuh gerade geboren hat, keine unnötige Gewalt? Wird das Huhn mit notwendigerer Gewalt getötet als das Hermelin für einen Pelzbesatz? Es gibt inzwischen unvorstellbar viel Zugang zu leckeren pflanzlichen Gerichten, jedes Rezept ist im Internet verfügbar. Kein Tier wird mehr getötet, weil wir sonst verhungern würden.

 

Schutzauftrag

Niemand lässt seine Kinder also durchweg frei entscheiden. Vor allem nicht kleine Kinder. Niemand sollte die Wahl haben, frei entscheiden zu dürfen, jemandem zu schaden. Wir lassen kleine Kinder nicht frei entscheiden, Eigentum von anderen zu entwenden, mit Steinen zu werfen, zwölf Stunden am Tag in den Fernseher zu schauen oder nicht ins Bett gehen. Auch lassen wir sie nicht bei Minusgraden in der Badehose einen Schneemann bauen oder an der Hauptstraße alleine herumhüpfen. Wir passen auf sie – und die anderen – auf.

Kinder entscheiden auch nicht selbst, ob sie Cola trinken, Zigaretten rauchen oder ob sie mit einem Jahr überhaupt schon oder unbegrenzt Süßigkeiten essen dürfen. Sie entscheiden nicht einmal, ob es zu Hause viel oder wenig Obst und Gemüse gibt. Und eine riesige Vielzahl an Nahrungsmitteln werden sie nicht testen, weil es diese schlicht in ihrer Familie nicht gibt. Wenn niemand Pilze, Kohlrabi oder Oliven mag, wird in diesem Haushalt eben auch nichts davon zu finden sein. Gehen Sie einmal durch den Supermarkt und schauen Sie bewusst Regale durch nach Lebensmitteln, die Sie noch nie gekauft haben. Erstaunlich.

Eltern entscheiden also in erster Linie immer, was gegessen wird. Egal, ob diese vegan leben oder nicht. Und Eltern setzen Regeln, was nicht gegessen wird. Egal, ob diese vegan leben oder nicht. Die freie Entscheidung ist ein Märchen. Nichts als eine Ausrede, die bei genauerer Betrachtung nicht standhält.

Schnurzegal wer und was gegessen wird, bis…

Merkwürdigerweise mutieren unvegane Menschen auch zu regelrechten Ernährungsexperten, wenn wir unsere Kinder mit viel Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten und allem, was das Herz begehrt – in pflanzlicher Form – großziehen. Feiern andere den Kindergeburtstag im Fast-Food-Lokal oder verweigern deren Kids generell jegliches Obst und Gemüse (was in meinem Bekanntenkreis kein Einzelfall ist), scheint das nicht wirklich zu kümmern oder größere Besorgnis hervorzurufen. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation verarbeitetes Fleisch als krebserregend eingestuft hat, lassen wir unsere Kinder essen, als ginge uns das nichts an. Würde jemand auf die Idee kommen, zu sagen: „Lasst die Kinder rauchen, bis sie alt genug sind, selbst zu entscheiden?“ Wohl kaum. Aber getötete Tiere kauen, bis dies zur alltäglichen Gewohnheit wird, darf nicht angetastet werden.

Selbst wenn es supergesund wäre, Tiere zu essen, müssen wir nicht darauf bestehen, da es zigfach genauso gesunde pflanzliche Nahrung gibt. Wir leben glücklicherweise in einer Zeit, in der wir wirklich die Wahl haben. Keine Nahrungsmittelknappheit, keine Kriegszeiten, Kühlschränke und Gefriertruhen – ein Überfluss an Lebensmittelauswahl.

Nur nebenbei erwähnt

Wir waren uns doch eigentlich schon einig: Jeder möchte das Beste für sein Kind. Niemand möchte ihm schaden. Warum gehen dann viele Menschen davon aus, dass Veganer so gemein sind, ihren Kindern schaden zu wollen? Genau die Menschen, die sich selbst hintanstellen, weil sie der Überzeugung sind, dass ihr Wohlergehen nicht über dem anderer Lebewesen steht.

Damit unsere Kinder gesund aufwachsen, schauen wir in der Regel sogar bewusster auf die Ernährung und beschäftigen uns mehr damit als der Durchschnitt anderer Eltern. Um sicherzugehen, dass es an nichts mangelt, werden ebenso öfter die Blutwerte kontrolliert, selbst wenn die Kinder quietschfidel und kerngesund sind. Bei anderen Kindern, denen man an der Frühstücksbox ansieht, dass sie nicht wirklich gesund aufwachsen, ruft kurioserweise niemand gleich nach der Polizei…

Dass man sich und die Kinder ungesund und mangelhaft ernähren kann, ist unbestritten. Dies gilt für Allesesser, Vegetarier und Veganer allerdings gleich. Hier wie dort gibt es Eltern, die nicht aufpassen oder sich nicht informieren. Leider.

In diesem Beitrag soll es jedoch nicht darum gehen, wie gesund oder gesünder eine Mahlzeit ist. Dafür gibt es inzwischen wissenschaftliche Bücher und Studien laufen. Denn hier geht es um:

Mehr als nur Ernährung

Vegan leben und vegan erziehen beschränkt sich eben nicht nur auf Ernährung und Gesundheit. Wir erinnern uns, es geht um ethische Grundhaltungen und Fairness. Wieso sollten wir unsere Werte nicht mit denen teilen, die wir am meisten lieben? Wieso sollten wir eben jenen dabei zusehen, wie sie unwissend für etwas verantwortlich sind, das unserem Herzen komplett entgegensteht? Wäre das nicht sogar gemein? Meine Kinder tragen mir heute noch ein Stück weit nach, dass sie nicht von Beginn an vegan aufgewachsen sind. Als ich Kinder bekam, war ich leider noch nicht vegan.

Als uns dann mit einem Vielfachen mehr an Informationen bewusst wurde, was wir mit unserem Konsum anrichten, mochte ich natürlich auch meine Kinder mit einbeziehen. Genauso, wie ich ihnen freundschaftliches Miteinander und Hilfsbereitschaft vermittelt habe, fand ich es ihnen und den Lebewesen gegenüber, die getötet werden, nur fair, sie aus der Ungerechtigkeit herauszuhalten und ihnen ehrlich aufzuzeigen, wofür wir verantwortlich sind.

 

Spätere Umstellung

Mit zehn Jahren verstand die Ältere, die bereits drei Jahre aus eigenem Antrieb vegetarisch lebte, sofort. Mit sieben Jahren verstand die Jüngere nun zuerst gar nicht, wieso sie plötzlich nicht mehr Omas Hefezopf, der doch so lecker schmeckte, essen sollte. Es war für sie nicht einfach, dass nun neue Regeln gelten würden. Aber sollte ich warten, bis sie besser „versteht“? Und weiterhin zusehen, wie sie Leid konsumiert? Wie unschuldige Lebewesen für ihren Genuss und ihr noch fehlendes Verständnis getötet werden? Das war ziemlich einfach mit meinem Herzen zu beantworten. Täglich zusehen oder die Augen verschließen und einfach geschehen lassen, war keine Option.

Also erklärte ich nicht nur, ich zeigte. Eine kurze Sequenz, was es für männliche Küken bedeutet, in der Eierindustrie geboren zu werden, reichte schon. Was für sie vielleicht bisher wie eine unreale Geschichte anmutete, bekam nun ein Gesicht. Viele Gesichter. Sie konnte es gar nicht fassen, dass so etwas passiert, und niemand etwas dagegen unternahm. Die Konsequenz und das Ausmaß waren ihr zuvor einfach nicht bewusst gewesen. Seit diesem Moment hat sie von selbst nie mehr wieder etwas Tierisches essen wollen.

Mit zwölf fragt sie heute lieber zweimal nach, wenn sie außerhalb bei Freunden isst, welche Zutaten im Essen sind. Selbst bei pflanzlichen Alternativen, die nach Tier schmecken, mag sie nicht zugreifen. „Da muss ich immer an die armen Hühner denken.“ Habe ich ihr dadurch etwas vermiest? Die Gewalt, die ihr nicht bewusst war? Weil ich ehrlich war oder weil sie die Realität hat sehen dürfen? Weil ich an ihr Mitgefühl appelliert habe oder weil ich nicht wollte, dass sie Mitschuld an unnötiger Gewalt trägt? Ich habe nur gezeigt, was anderen Kindern verschwiegen wird. Anderen, die vielleicht nicht einmal wissen, dass ihr Essen einmal gelebt hat.

Jeder Kuchen lässt sich genauso lecker pflanzlich backen.

 

Wann wird Grausamkeit akzeptabel?

Einige Menschen sind der Ansicht, man könne Kindern nicht zumuten, zu zeigen, wie ein Schnitzel entsteht. Sie finden es grausam und verstörend. Aber ist es nicht absolut unlogisch, dass wir etwas, das wir Kindern nicht zeigen wollen, weil wir es selbst als grausam und traurig empfinden, trotzdem zulassen und dann einfach verschweigen? Wenn wir kein schlechtes Gewissen hätten, könnten wir doch von klein auf die Kinder zur Schlachtung mitnehmen. Aber sogar die Bauern, die ich kenne, die selbst schlachten dürfen, warten ein gewisses Alter bei ihren Kindern ab, bis diese dabei sein dürfen.

Wenn wir denken, Kinder würden das nicht verkraften, warum ist es dann trotzdem in Ordnung, ihnen genau das zu geben und dafür zu zahlen, dass es passiert? Warum können wir nicht einfach ehrlich sein? Wir zeigen es nicht, weil wir es selbst verdrängen wollen. Wir haben Angst, dass unsere Kinder Fragen stellen. Angst, dass unsere Kinder uns als „böse“ Menschen ansehen könnten. Angst, sie könnten keine Tiere mehr essen wollen. Am liebsten hätten wir, dass all das gar nicht passiert.

Der krasse Gegensatz

Kinder haben sehr früh Mitgefühl für Tiere. Ihre Lebenswelt dreht sich in Bilderbüchern, Geschichten und Filmen um tierische Hauptdarsteller. Wir zeigen Bauernhofbilderbücher, die derart unreal sind, dass sie Märchen gleichkommen. Wir freuen uns, wenn die Kinder fröhlich „Muh“ rufen, wenn sie eine Kuh sehen und ihr liebstes Kuscheltier ein Schaf oder ein Ferkel ist. Und wir fiebern mit, wenn wir Bambi, Schweinchen Babe oder Findet Nemo anschauen. Um ihnen anschließend Fischstäbchen in Dino-Optik zu servieren. Betrügerischer und hinterhältiger könnten wir dabei nicht sein. Wir lehren sie, Tiere zu lieben. Und verfüttern deren tote Körper zu lachenden Gesichtern verarbeitet zwischen Brötchenhälften. Wir gehen davon aus, dass Kinder irgendwann „schon wissen“, dass sie Tiere essen. Schließlich heißt es ja Schweineschnitzel und das Kindermenü „Nemo“. Aber ist in Kinder-Pingui auch ein Pinguin? In Gummibärchen Bären?

Wir lassen die Tatsachen ja nicht einmal an uns Erwachsene zu nah heran. Wie viele Erwachsene haben selbst noch ein tragisches Erlebnis aus der Kindheit – der liebste Stallhase war plötzlich nicht mehr da. „Gestorben“ oder „Weggelaufen“ und später erfuhr man, dass der Arme beim Mittagessen im eigenen Magen landete. Muss das wirklich sein? Und wenn das traurig ist, wieso sollte das Schicksal von Milliarden anderen Lebewesen, nur weil sie nicht die „eigenen“ geliebten waren, unbedeutender sein?

 

Warten auf Verständnis?

Wenn Kinder noch kleiner sind, möchten viele „warten“, bis das Kind versteht. Aber würden wir wirklich schädliche Handlungen gegenüber Dritten oder sich selbst solange akzeptieren, bis es genug Verständnis aufbringt? Also gar nicht Zähne putzen, das Haustier triezen und das Nachbarskind beißen, bis es versteht? Nein – wir würden Regeln aufstellen. Grenzen zum Schutz. Auch von Dritten. Und ein bisschen Hauen, ein bisschen was Kaputtmachen oder ein bisschen Treten ist eben genauso wenig okay wie ein bisschen Quälen oder ein bisschen Töten. Das funktioniert nicht.

Nachdem das so klar und eindeutig war, hat sich auch die Umgebung bei uns darauf eingestellt. Es wurde von Familie und Freunden nichts Unveganes mehr geschenkt, nichts Unveganes mehr angeboten. Familienfeste werden immer häufiger überwiegend oder komplett vegan. Bei uns gibt es sowieso ausschließlich Veganes. Es gibt eben keine Ausnahme für Gewalt. Es gibt kein „ausnahmsweise mal Schreddern ist okay“. Keine Ausrede, der Genuss eines Kuchens aus tierischen Zutaten stehe über dem Tod des Kälbchens.

 

Status quo

Leider ist die Gesellschaft bereits besetzt von der Annahme, Veganismus sei extrem. Die Norm, die uns die Gewohnheit, die Verfügbarkeit, die Industrie und die Werbung vorgaukeln, beeinflusst uns, diese Norm erst gar nicht zu hinterfragen. Eine Riesenlobby hat Interesse daran, dass friedliches Leben nicht zur Normalität wird. Fragen wir uns nämlich, welche Haltung die neutralere ist, dann müssten wir eingestehen:

Wenn wir vegan aufwachsen und uns später dafür entscheiden, weiter vegan zu leben – dann passt alles. Fangen wir dann an, Tiere zu essen, haben wir zumindest bis dahin niemandem geschadet.
Wenn wir damit aufwachsen, Tiere auszunutzen und zu essen und uns später dafür entscheiden, vegan zu werden – dann müssen wir damit leben, Schaden angerichtet zu haben. Es tut weh, zu erkennen, dass man entgegen den eigenen Werten gelebt hat. Und man wird die Eltern fragen, wieso sie das ohne mit der Wimper zu zucken zugelassen haben. Noch trauriger: Wenn die Eltern bereits vegan leben und um die Informationen und Hintergründe verfügen und trotzdem ihr Kind zum Tiere essen erziehen, in der irrigen Annahme, es müsse Gewalt ausprobieren und Leid selbst entscheiden dürfen. Oft nur deshalb, um Konfrontationen mit der Gesellschaft zu vermeiden.

Stolpersteine

Natürlich ist es nicht immer einfach. Im Kindergarten darauf zu bestehen, dass das Kind keine Tierprodukte essen soll, wird – je nachdem, welche Menschen dort tätig sind – eventuell auch schonmal zum Spießrutenlauf. Das liegt dann aber leider am Unverständnis und mangelnden Informationen der Personen dort. Wir würden in der Regel ja auch darauf bestehen, dass unsere Kinder dort keine Pferdelasagne und kein Hundesteak serviert bekommen. Bei muslimischen Kindern wird darauf genauso Rücksicht genommen wie bei Allergien oder Intoleranzen. Wieso also ist es für Kitamitarbeiter oft so schwierig, zu akzeptieren, dass Menschen kein unnötiges Leid konsumieren möchten? Sollten sie nicht Interesse daran haben, die Gefühle der Kinder nicht zu verletzen, und dankbar sein, dass Empathie bereits im Elternhaus ein wichtiger Bestandteil ist?

In Portugal ist es inzwischen sogar gesetzlich geregelt, dass in öffentlichen Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Krankenhäusern oder Altenheimen ein veganes Gericht angeboten werden muss. Das Minimum an Respekt gegenüber veganen Menschen.

Und natürlich kann es sein, dass Teenager strikt weiterhin Tierprodukte konsumieren wollen. Deshalb werden wir ihnen sicher nicht unsere Liebe verweigern – natürlich lieben wir sie! Je älter die Kinder sind, desto konditionierter sind sie in ihren bisherigen Gewohnheiten. Desto mehr beeinflussen die Freunde das Verhalten. Ist es als Student vielleicht sogar „cool“, auf Tierprodukte zu verzichten, kann es anders auch als Schwäche ausgelegt werden, und wer möchte schon plötzlich als Freak gelten?

Niemand, der sein Kind liebt, möchte es in eine Außenseiterrolle hineinstoßen. Kein Thema. Aber seien wir doch einmal ehrlich: Sind Freunde, die einen verstoßen oder auslachen, weil man etwas anderes isst bzw. nicht töten möchte, wirkliche Freunde? Und sind diese dann mehr wert als Milliarden Lebewesen, die dafür bezahlen? Würde ich für einen dieser tollen Freunde auch meine Katze erstechen? Wieso sollte ich dann ein Kalb dafür töten?

Den Fokus nicht verlieren

Ja, es ist für einen Erwachsenen schon schwierig, mit den ewig gleichen dummen Sprüchen zu kämpfen. Unsere Kinder haben es da nicht unbedingt einfacher. Aber sie haben einen entscheidenden Vorteil: Wir stehen hinter ihnen. Wir können ihnen Halt geben. Sie können uns fragen, was an Vorurteilen und Sprüchen dran ist. Sie haben die Chance, all das früh zu lernen und damit umzugehen, damit sie selbstsichere Erwachsene werden.

Je selbständiger und älter die Kinder werden, desto weniger Einfluss haben wir. Konnten wir in Kindergarten und Grundschule noch weite Teile mitbestimmen, die uns wichtig sind – Bettgehzeiten, Freizeitaktivitäten, Umgang mit Geld, Fernsehkonsum, Alkohol etc., werden zunehmend automatisch die Grenzen weiter und die Flügel größer.

Regeln, die im Haus gelten, können wir jedoch nach wie vor setzen. Zum Beispiel keine Tierprodukte im Kühlschrank bzw. in unserem Haus. Und wir müssen weder für unsere Kinder noch für andere Tierisches kaufen oder sogar zubereiten. Wieso sollten wir den Genuss unserer Kinder über das Töten von Lebewesen stellen? Warum sollten wir ihnen Leid finanzieren? Weshalb sollte es jetzt plötzlich die eigene Entscheidung sein, unnötiges Leid und Tod sogar in unser Haus zu bringen?

Wir können sie lieben und ihnen sogar gerade eben deshalb Einhalt gebieten. Genauso wenig, wie wir akzeptieren würden, dass sie in ihren Zimmern Tiere quälen oder Freunde bedrohen, genauso wenig müssen wir akzeptieren, dass auftragsmäßig im Schlachthof Mensch und Tier ausgebeutet und ihres Lebens beraubt werden. Und das dürfen wir immer wieder liebevoll und dennoch bestimmt erklären. Wir möchten mit diesen Regeln schließlich nicht „böse“ gegenüber unseren Kindern handeln. Im Gegenteil. Wir sollten uns nie einreden lassen, dass Nichttöten falsch ist. Soweit wir darauf bestehen können, dass Schwächere nicht ausgenutzt werden, egal ob Mensch oder Tier, sollten wir nichts unversucht lassen, auch dafür zu sorgen. Das ist einfach nur fair.

Nein, das wird nicht bei allen reibungslos funktionieren. Und wenn ein Elternteil nicht dieselben Werte lebt, wird es mit Sicherheit noch schwieriger werden. Aber jeder einzelne Mensch – egal welchen Alters – zählt. Wer möchte einem Schwein in die Augen sehen und sagen: Sorry – mein Kind braucht eben noch Zeit? Wir zwingen dem Schwein den Tod auf. Wenn Gewalt herrscht, dürfen wir nicht auf Frieden bestehen? Sollten wir nicht drauf bestehen? Für uns alle?

Recht auf Zukunft

Unsere Kinder sollten uns es wert sein, für eine friedliche Zukunft einzustehen, in der nicht jedes Jahr 74 Milliarden Landlebewesen aus purer Esslust heraus überzüchtet, gemästet und getötet werden.
Unsere Kinder sollten es uns wert sein, dass wir für ihre Zukunft kämpfen. Alleine die Klimabelastung der Nutztierhaltung, die enorme Wasserverschwendung und Verschmutzung, Antibiotikaresistenzen, Regenwaldabholzung, Menschenrechtsverletzungen und der riesige Landverbrauch könnten jeder für sich als triftiger Grund herhalten, seine Familie pflanzlich zu ernähren. Wir wollen ihnen ihre Zukunft schließlich nicht heute verfüttern, auf dass es kein Morgen mehr für sie gibt.
Niemand sollte die Wahl haben, Ressourcen nachhaltig und fahrlässig für alle zu zerstören.

Und niemand sollte die Wahl haben dürfen, zu töten.
Weder Erwachsene noch Kinder.

 


Ergänzend zum Lesen:

Portugal, veganes Essen in allen öffentlichen Einrichtungen

Ernährungsgesellschaft (US-amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics, A.N.D.)

Buchempfehlung Vegane Ernährung in der Schwangerschaft, vorgestellt auf der DGE-Fachtagung zur veganen Kinderernährung

Buchempfehlung Vegan-Klischee ade

Ernährungsgesellschaften USA, Portugal, Kanada, Australien

Anspruch auf veganes Essen in Kitas

 

Armin Rohm: Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier (Film) Über die Psychologie der Veränderung

 

Wovon handelt der Film?

Die meisten Menschen mögen Tiere. Sie vertreten die Auffassung, dass wir Verantwortung für das Wohl der Tiere tragen und ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen dürfen. Gleichzeitig pflegen sie oftmals Konsumgewohnheiten, die genau das erfordern, was sie eigentlich ablehnen, nämlich Tiere ihrer Freiheit zu berauben, sie auszubeuten und zu töten.

Wie bringen es Menschen fertig, immer wieder entgegen ihrer eigenen Werte zu handeln?

Der Vortrag von Armin Rohm beschreibt, wie wir unsere Wahrnehmung der Tierausbeutung durch den Menschen geschickt so verzerren, dass wir die Widersprüchlichkeit unseres Tuns meist gar nicht bemerken. Er beleuchtet, wie unsere Art und Weise zu denken und Entscheidungen zu treffen das Erkennen des Widerspruchs eher erschwert als begünstigt.

Armin Rohm bietet uns eine aufschlussreiche Vorgehensweise an, mit deren Hilfe wir einen ungetrübten Blick auf die Praxis der Tierausbeutung in unserer Gesellschaft und unsere eigene Rolle in diesem Prozess herstellen können. Dadurch werden reflektierte, verantwortliche Entscheidungen in Bezug auf unsere Verhaltensweisen möglich.

An wen wendet sich der Film?

‚Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier‘ wendet sich insbesondere an …

  • Menschen, die offen dafür sind, mehr über die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu erfahren, diese zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern.
  • Personen, die sich für das Mensch-Tier-Verhältnis in unserer Gesellschaft interessieren und den eigenen Standpunkt dazu klären möchten.
  • Menschen, die um die Zustände industrieller Tierhaltung wissen, diese ablehnen, aber selbst noch immer tierliche Produkte konsumieren (z.B. Vegetarier*innen).
  • Veganer*innen, die besser verstehen wollen, was so viele vermeintlich tierfreundliche Menschen daran hindert, sich für ein veganes Leben zu entscheiden.
  • Tierrechtsaktivist*innen, die nach hilfreichen Impulsen für ihre Überzeugungsarbeit suchen.

Armin Rohm: Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier (Trailer) Über die Psychologie der Veränderung

 

Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier.
(Ein Vortrag über die Psychologie der Veränderung)

Die meisten Menschen mögen Tiere. Sie vertreten die Auffassung, dass wir Verantwortung für das Wohl der Tiere tragen und ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen dürfen. Gleichzeitig pflegen sie oftmals Konsumgewohnheiten, die genau das erfordern, was sie eigentlich ablehnen, nämlich Tiere ihrer Freiheit zu berauben, sie auszubeuten und zu töten.

Wie bringen es Menschen fertig, immer wieder entgegen ihrer eigenen Werte zu handeln?

Der Vortrag von Armin Rohm beschreibt, wie wir unsere Wahrnehmung der Tierausbeutung durch den Menschen geschickt so verzerren, dass wir die Widersprüchlichkeit unseres Tuns meist gar nicht bemerken. Er beleuchtet, wie unsere Art und Weise zu denken und Entscheidungen zu treffen das Erkennen des Widerspruchs eher erschwert als begünstigt.

Armin Rohm bietet uns eine aufschlussreiche Vorgehensweise an, mit deren Hilfe wir einen ungetrübten Blick auf die Praxis der Tierausbeutung in unserer Gesellschaft und unsere eigene Rolle in diesem Prozess herstellen können. Dadurch werden reflektierte, verantwortliche Entscheidungen in Bezug auf unsere Verhaltensweisen möglich.

Hier geht es zum Film in voller Länge:
http://www.veganswer.de/veganswer#1

Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn!…oder lieber doch nicht? Vom Leid der Legehennen und dem Mythos, dass für Eier kein Tier sterben muss...

Ich legte jeden Tag ein Ei?

 

Gehört ihr auch zu den Menschen, die an den alten Vers glauben „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn, ich hätt‘ nicht viel zu tun: Ich legte jeden Tag ein Ei und sonntags auch mal zwei…“? Ich war jedenfalls so jemand. Hätte ich mal kurz nachgedacht, ob das Sinn macht, wäre ich vielleicht von selbst darauf gekommen. Leider hatte ich lange keinen Anlass dazu.

Hühner sind Vögel. Vögel legen nicht täglich ein Ei. Auch nicht jeden zweiten. Nicht einmal jeden zehnten. Vögel bauen sich Nester, um dort ihren Nachwuchs auszubrüten. Davor und danach legen sie keine Eier. Wozu auch? Unsere Hühner sind ursprünglich Bankivahühner.1 Vögel, die 12-20 Eier im Jahr legen. In der Natur. Bis der Mensch kam. In Notzeiten mochten Eier von verschiedenen Tieren das Überleben von Menschen gesichert haben. Heute gilt es als Notstand, wenn der Supermarkt die Lieblingsbiermarke nicht führt.

Bis 1940 hat der Mensch es immerhin geschafft, dass diese zu „Haushühnern“ umfunktionierten Tiere 70-80 Eier im Jahr legten. In weiteren Züchtungen sogar schonmal 120 bis 150 Eier. Immer noch jenseits von „jeden Tag“. Und im Grunde noch gar nicht so lange her…. Heute leben wir im Jahr 2019, und Menschen machen so ziemlich alles möglich. Auch dass Vögel inzwischen bis zu 320 Eier im Jahr legen. 300 mehr als in der Natur. Mit quasi demselben Körper. Hühner heute: Weder normal, noch natürlich.
Was der Mensch nicht geschafft hat: Andere Sachen zu essen, anstatt fühlende Kreaturen zu züchten, die nach einem guten Jahr körperlich am Ende sind.

© Max und Fine

 

Zum Liebhaben

 

Wer Hühner kennt, weiß, dass es soziale und intelligente Lebewesen sind. Kleine Charaktere, die gerne kuscheln, die mit ihren Küken kommunizieren, während sie noch im Ei sind, was Müttern – und auch Vätern – sicher bekannt vorkommt. Sogar „schnurren“ können diese Vögel. Intelligenz ist sicher kein Indiz dafür, wie wir Lebewesen behandeln sollen – bei menschlichen Babys gibt uns die noch nicht entwickelte Intelligenz ja auch nicht das Recht, diese auszunutzen. Im Gegenteil: Sie bedürfen unserer Fürsorge.

Und doch unterschätzen wir diese Vögel gerne. Kaum jemand weiß, dass Hühner zählen, Farben und Formen unterscheiden können oder logische Schlüsse ziehen, die Kinder mit circa sieben Jahren erst schaffen. In manchen Bereichen entsprechen ihre Fähigkeiten denen von Primaten. Hühner können sogar auf Geschehnisse in der Zukunft schließen, sie verfügen über Selbstkontrolle, trauern, schließen Freundschaften und zeigen Mitgefühl. Manche Menschen könnten sich vielleicht sogar ein Beispiel daran nehmen. Aber Menschen haben nicht den Anspruch, die Einzigartigkeit von einzelnen Vögeln wahrzunehmen, die sie benutzen wollen. Sie erfinden Ausdrücke wie „dummes Huhn“. Wahrscheinlich wäre auch die Eule „dumm“, würde der Mensch sie nutzen wollen, wie bei allen Tieren, die ein „Nutz“-Zertifikat verliehen bekommen haben.

 

 

Der „vernünftige“ Grund

 

Zurück zu den Eiern. Legehennen sind Hybridzüchtungen. Nur die weiblichen Tiere werden benötigt. Anders als die Hybridzüchtungen für Masthähnchen, bei denen beide Geschlechter „brauchbar“ sind. Aber Hähne legen nunmal keine Eier. Gleichzeitig setzen sie in der Züchtung auf Legeleistung kein Fleisch an, weshalb sie als unrentabel gelten. Lebewesen ohne Nutzen sind für Menschen überflüssig. Deshalb werden sie bis heute standardmäßig weltweit am selben Tag, an dem sie aus dem Ei schlüpfen, aussortiert und postwendend vergast oder im Homogenisator geschreddert. Ohne Narkose versteht sich. Alleine in Deutschland waren es im Jahr 2018 42 Millionen. Wir glauben ja gerne, das Gesetz werde Tiere schon schützen. Oder was gesetzlich erlaubt ist, muss auch okay sein, es wird dann schon nicht so tragisch sein. Na ja – vieles auf der Welt ist einmal gesetzlich erlaubt gewesen….

In unserem Tierschutzgesetz steht, niemand dürfe einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Und da ist der Haken. Als vernünftiger Grund in der „Nutztierindustrie“ in Deutschland gilt: Ich verdiene damit kein Geld. Also darf ich fühlende Lebewesen entsorgen. Würden wir die männlichen Küken mit den Spätzle oder der Eierpackung über das Supermarktband hinweg mit nach Hause bekommen, um sie dort selbst in den Mixer zu werfen – wer würde den Knopf drücken?

Auch Vergasen ist übrigens keine spaßige Angelegenheit. Wer einmal Schweine in einer CO2-Gondel in Panik schreien gehört hat, weiß, dass „leidfrei“ Welten entfernt ist. Betrachten wir es ganz nüchtern, wäre es wahrscheinlich schneller vorbei, würde man den Tieren den Kopf abhacken. Hört sich brutal an? Ist es. Noch brutaler ist, was wir tun: Ignorieren, was passiert. Nur weil Vergasen unblutig abläuft, ist es deshalb nicht weniger gemein und unnötig. Und wer erfindet eigentlich diese mörderischen Maschinen? Wer denkt sich sowas aus?

 

Was der Mensch „erschafft“

 

Zwischen 1935-1995 legten die Hybriden für die Mast 65 % ihres Gewichts zu, gleichzeitig verkürzte sich ihre Lebensdauer um 60 %. Ihr Sättigungsgefühl hat man ihnen kurzerhand weggezüchtet – im Gegenzug wurde den Legehybriden so gut es ging der Bruttrieb weggezüchtet. Das Huhn soll schließlich ununterbrochen weiterlegen. Um die vielen hundert zusätzlichen Eierschalen zu produzieren, entzieht der Körper den Knochen Kalzium. Ständig. Was dies für den Gesundheitszustand dieser Lebewesen bedeutet, kann sich jeder selbst denken.
Ein Experiment mit derselben Menge an Futter über einen gleichen Zeitraum hinweg, hat aus Küken der verschiedenen durch den Menschen gezüchteten Linien das Legehuhn ein halbes Kilo leicht, das Biomasthuhn zu einem 1650 Gramm-Tier und das Hybridmasthuhn ganze drei Kilo schwer gemacht…

Zwei Zuchtbetriebe erzeugen 90% der Legehennen. Man nennt das Monopol-Stellung. Erich Wesjohann mit der Lohmann Tierzucht GmbH und sein Bruder Paul Wesjohann, der Gründer der PHW-Gruppe, zu der Wiesenhof gehört, werden jedem ein Begriff sein. Die Familie Wesjohann gehört zu den 500 reichsten Deutschen. Und sie produzieren nicht nur für Deutschland, sondern auch für Spanien, Usbekistan, Kanada, … weltweit.2

 

ARIWA Legehennen Bodenhaltung

© ARIWA Legehennen Bodenhaltung

 

Dimensionen der Label-Liebelei

 

Allein in Deutschland leben 41,3 Millionen Legehennen in 1355 Betrieben. Nur weibliche Tiere. Jedes zweite Ei stammt aus Norddeutschland. Hennen legten in Betrieben mit mindestens 3000 Tieren 12,3 Milliarden Eier – allein in Deutschland. Zusätzlich wurden noch 6,6 Milliarden importiert. Weltweit legen Hühner im Jahr 1,2 Billionen Eier. Unvorstellbare Dimensionen. Merkwürdig, dass wir im Alltag diese Tiere selten bis nie zu Gesicht bekommen. Obwohl quasi fast jeder erzählt, er bekomme seine Eier vom netten Nachbarn mit einer Handvoll Hühner im Garten. Der Durchschnitt mit 33 300 Hennen pro Betrieb bräuchte durchaus riesige Vorgärten. Der Schnitt in Biobetrieben liegt „nur“ bei beschaulichen 13 500 Tieren. Aber auch hier sind Ställe mit bis zu 200 000 Hennen keine Seltenheit. Idyllisch.

Und doch reden wir uns ein, Eier mit Freiland- oder Bio-Label kämen von Glückshühnern. Dabei haben auch Biohennen mit 3000 Tieren pro Stalleinheit und 6 Lebewesen auf einem Quadratmeter nicht annähernd die Voraussetzung, ein Leben zu führen, das diesem Wort überhaupt nahekäme. Höchstens 60 Artgenossen wären für die Vögel überschaubar, um eine annähernd machbare Rangordnung herzustellen. Doch auch jede 2. Biolegehenne stammt aus Großbetrieben mit 30 000 Tieren. Und obwohl für Biolegehennen ein Freilauf für sage und schreibe ein Drittel ihrer kurzen Lebenszeit vorgeschrieben wäre, wird ihnen gar zu oft selbst das noch zusätzlich erschwert. Manchmal durch fehlende Deckung, die sie bräuchten, um sich hinauszuwagen oder durch verbotene Vorrichtungen, die sie schlicht daran hindern. Mit einem Marktanteil bei Bio unter 10 %.

Weitere supermarkteigene Labels suggerieren Konsumenten eine Verbesserung, die in der Realität höchstens zwischen katastrophal und minderschlecht unterscheidet.

 

© we animals Archive

 

Die Freiland- und Bodenhaltung sind dementsprechend noch übler. Als Böden gelten auch Gitterböden, durch die sich die Hennen übereinanderstapeln lassen. Als Nestfläche stehen je 120 Tieren ein Quadratmeter zu. Und obwohl die Käfighaltung in Deutschland inzwischen verboten ist, gelten Käfige mit bis zu 60 Tieren nicht als Käfige, sondern als sogenannte Kleingruppenhaltung, die 12 Tiere pro Quadratmeter zulässt.

Das BMLE schreibt zur Biohaltung: „Eine künstliche Beleuchtung der Ställe fördert die Legeleistung und ist bei Biohennen in Kombination zum natürlichen Licht auf täglich insgesamt maximal 16 Stunden zu begrenzen.“ Schlaf wird überbewertet. Wer sich einmal den Lärmpegel in diesen Ställen und das Gedränge vorstellen möge, sollte sich ein Leben in einem überfüllten Schulbus vorstellen – jedoch ohne die Möglichkeit, vor Lebensende auszusteigen.
Falls eine Krankheit ausbricht, ist es unmöglich, ein einzelnes Tier zu finden und zu behandeln. Alle werden über das Trinkwasser mit Breitbandantibiotika versorgt. Übrigens auch Biolegehennen. Es gelten nur längere Wartezeiten.

 

Und du denkst wirklich, du kaufst nur Glückseier?

 

Wir glauben immer sehr gerne, dass wir ja gar nicht viele Eier verzehren. Vielleicht mögt ihr sogar gar keine Frühstückeier. Und doch konsumiert ihr mehr davon, als euch bewusst ist. Mir zumindest war die Größenordnung lange nicht klar. Ich dachte, wenn ich gar keine Eier kaufe, dann hält sich der Schaden in Grenzen. Und wenn doch mal ein Kuchen anstand, holte ich eben Freiland- oder Bioeier. Fürs gute Gewissen. Weit gefehlt.

235 Eier isst jeder Mensch in Deutschland pro Jahr im Durchschnitt. Das sind bei einer vierköpfigen Familie 940 Eier im Jahr. Und in diesem Durchschnitt ist jedes Baby, jeder Veganer und jeder Allergiker ebenfalls eingerechnet. Es sind also in Wahrheit noch ein paar mehr. Ihr aber sicher nicht? Dann überlegt mal kurz mit. Selbst wenn ich jede Woche eine Zehnerpackung Eier von meinem freundlichen Nachbarn und seinen geretteten Legehennen für meine vierköpfige Familie bekäme, wäre das nur rund die Hälfte dieses Durchschnittverbrauchs. Und da 98-99 % der konsumierten Eier nicht aus Nachbargärten und Hühnermobilen auf Wiesen stammen, geht die Rechnung vorne und hinten nicht auf.

Tatsächlich liegt das Problem nämlich an anderer Stelle. Wir gehen morgens zum Bäcker oder essen mittags in der Kantine, gehen ins Restaurant, wir sind bei Freunden zum Essen eingeladen, im Cafe, auf Festen und Veranstaltungen, am Imbiss und nicht zuletzt im Urlaub. Und überall finden wir Gerichte, in denen Eier verarbeitet sind. Ob in Kuchen, Spätzle, Panade – selbst in manchen Eissorten ist Ei enthalten. Dreht mal eure Supermarkteinkäufe um und lest Zutatenlisten. Eier. Selbst wenn ihr euer eigenes Huhn im Garten versorgen und liebhaben würdet: Ihr habt sicher weder den Bäcker, noch eure Freunde oder den Kellner und auch nicht im Urlaub gefragt: „Können Sie mir bitte den Namen der Henne nennen, die für dieses Gericht fast täglich in einem Megastall ein Ei legen musste?“ Never. Macht euch nichts vor. Ihr konsumiert am laufenden Band krasses Tierleid.

 

© ARIWA Bio- Kadavertonne

 

Hinter der Zutatenliste

 

Ein Huhn könnte 6-10 Jahre alt werden, einige sogar älter. Wenn man es ließe. Legehennen werden höchstens 15-18 Monate. Biolegehennen eingeschlossen. Falls sie überhaupt so alt werden, denn die sogenannte Verlustrate liegt bei bis zu 18%. Also knapp ein Fünftel, das durch Krankheiten, Deformationen, Knochenbrüche, Kannibalismus oder Federpicken vorher stirbt. Gegen das Federpicken kann man per Ausnahmegenehmigung, da diese Praxis inzwischen eigentlich verboten ist, den Küken die Schnabelspitze mit einem heißen Eisen wegbrennen. Die Nerven, die dort enden, finden das sicher nicht so toll. Ohne Betäubung versteht sich. Manche Hühner haben anschließend Probleme mit der Nahrungsaufnahme.

In Niedersachsen steht Europas größter Geflügelschlachthof. 432 000 Hühnchen enden dort täglich. 450 Tiere in der Minute schafft diese Tötungsmaschinerie. Legehennen sterben wie ihre Mastkollegen. Mit einer Betäubung kopfüber in einem Elektrobad, falls sie in diesem Moment nicht ihren Kopf anheben. Dann sind sie nämlich nicht betäubt, wenn das Band weiterläuft, um ihnen den Hals aufzuschneiden. Alles für Eier, die Menschen essen wollen.

Foodwatch stellte fest: „Statistisch gesehen war zudem mindestens jedes vierte Hähnchen vorher ein kranker Hahn, wurden 4 von 10 Eiern von einer Henne mit Knochenbrüchen gelegt.“ Die Haltungsart machte dabei keinen wirklichen Unterschied.

 

© we animals Archive

 

Frohe Ostern

 

Die ganze Kennzeichnung könnte man sich in vielerlei Hinsicht schenken. Abgesehen von den gigantischen Tierzahlen und demselben Schlachthofende, gilt die Kennzeichnungspflicht, die über die Herkunft Auskunft geben soll, schon nicht mehr bei verarbeiten Produkten wie z.B. Nudeln. Also einem großen Teil unseres täglichen Konsums. Auch gefärbte Eier fallen unter „verarbeitet“. Ostereier können deshalb durchaus auch aus Käfighaltung anderer Länder importiert sein.

An Ostern werden zusätzlich 500 Millionen Eier mit einem Umsatz von 125 Millionen Euro in Deutschland vermarktet. Wenn wir kurz überlegen, dass wir circa 82 Millionen Einwohner haben…. Für Legehennen ist Ostern ein Fest des Todes. Da die Tiere anderthalb Jahre legen müssen, wird Ende November, Anfang Dezember bereits die neue „Mannschaft“ eingestallt, damit bis Ostern eine größere Belegung das zusätzliche Eiergeschäft bewältigen kann. Danach ist für die Alteingesessenen Schluss mit lustig. Sie sind jetzt wertlos – wie zuvor ihre Brüder.

Ein Tiertransportfahrer erzählte uns einmal, er sei für die „Hühnerbarone“ in Norddeutschland gefahren. Die Tiere seien oft so fertig, dass sie offene Kloaken aufwiesen. Nicht selten wurde der Stall einfach dicht gemacht und die Tiere entsorgt. Wenn er sie zum Schlachthof fuhr und es dementsprechende Temperaturen gab, seien die Tiere in den äußeren Kisten auch schon gefroren angekommen.

 

© ARIWA Legehennen Bodenhaltung

 

Der wertlose weibliche Part und das Geschäft mit der Armut

 

Für Eier sterben also nicht nur die männlichen Küken, sondern auch die weiblichen Vögel, deren Entsorgung oft noch teurer ist, als sie zu verschenken. Nicht umsonst gibt es Landwirte, die ihre Tiere an die Organisation „Rettet das Huhn“ verschenken. Selbst damit macht der Bauer unter Umständen noch Gewinn. Selbst kleine Biobauern müssen teils an Unternehmen verschenken, die dann Gewinn damit machen, die ausgedienten Tiere zu holen, um sie zerkleinert und wieder zusammengesetzt als Chicken Nuggets zu verkaufen. Ansonsten müsste man die Tiere selbst loswerden. Im Klartext: Umbringen lassen, ohne das Fleisch zu verwerten und dafür auch noch bezahlen.

An der Geflügelbörse von Barneveld ist zu beobachten, dass Suppenhühner mit Glück noch ein paar Cent bringen, im schlimmsten Fall jedoch sind ein paar Cent pro Kilo zu zahlen, um Abnehmer zu finden. Legehennen setzen eben kein Fleisch an und Suppenhühner sind hierzulande nicht mehr groß gefragt. Also exportiert man sie als Billigfleisch zum Beispiel nach Afrika. Bis sie am Bestimmungsort landen, kann es durchaus sein, dass sie ein paar mal auftauen. Mit Spottpreisen zerstören sie afrikanische Märkte und treiben einheimische Bauern in den Ruin. Wir exportieren nicht Nahrung – wir exportieren Hunger.

Auch in Deutschland würde ohne staatliche Subventionen kein Tierhalter leben können. Kostete ein Ei 1943 umgerechnet noch 48 Cent, so zahlt man 2018 im Discounter gerade mal 14 Cent. Abzüglich aller Kosten für Stall, Futter usw. bleibt den Bauern heute oft weniger als ein Cent Gewinn pro Ei.

In der Schweiz landen eine halbe Million ausgedienter Legehennen auch in Biogasanlagen.

 

Wer ernährt wen?

 

Ist das wirklich ein Beruf, den man empfehlen kann? Oder könnte dieser Bauer nicht viel besser leben, würde er das Futter direkt als menschliche Nahrung anbauen und verkaufen? Die Landwirtschaftskammer Niedersachen empfiehlt als Tipp 1, Futtermischung für Legehennen: Mais 40%, Weizen 15%, Gerste 5%, Sojaschrot 12%, Sonnenblumenschrot 12%, Bierhefe 3%, Sojaöl 2-3%, Steinkalk 8-9%, Vormischung 2%. Wenn das mal in keiner direkten Nahrungsmittelkonkurrenz zum Menschen steht, was dann? Auch Hühner brauchen Nahrung für Lebensenergie und setzen ihre Futterkalorien nicht 1:1 in tierische Kalorien um. Einen Teil des Futters scheiden sie wie alle Lebewesen einfach wieder aus. Bei Eiern liegt der Verlust an eingesetzten pflanzlichen Kalorien bei 3:1. Schade um die Verschwendung. Niemand zwingt uns, diese Tiere extra alle züchten.

 

 

 

Andere Haltung und alles gut?

 

Gerne wird ja auch argumentiert, dass wir die Tiere halt einfach wieder rauslassen müssten. Zum Picken und Scharren und Nahrung selbst suchen. Nettes Gedankenspiel. Würden wir alle Legehennen in Deutschland nach Bio-Standard halten, entspräche das einer immensen Fläche. Nur für Legehennen. Nur in Deutschland. Noch keine Masthühner, Puten, Schweine usw. eingerechnet. Und der Futtermittelanbau wäre dabei noch nicht einmal berücksichtigt. In Bioland oder demeter Betrieben muss mindestens 50 % des Gesamtfutterbedarfs aller Tiere auf dem Betrieb selbst erzeugt werden oder aus einer regionalen Kooperation mit einem Ökobetrieb stammen – wir würden sehr schnell an die Endlichkeit unserer Anbauflächen stoßen.

Und wenn wir schon ständig über das Klima reden: Pro Kilogramm Eier verzeichnet man 1,93 Kilogramm CO² Äquivalente. Für ein Ei werden 200 Liter virtuelles Wasser berechnet und der Landbedarf für Legehennen ist ebenfalls höher, als für pflanzliche Nahrungsmittel. Je länger und weniger schlecht die Tiere leben, desto höher ist der ökologische Fußabdruck.

 

„Nebenwirkungen“

 

Weder umweltfreundliche Aspekte, noch gesundheitliche Vorteile begleiten das Ausnutzen, Züchten und Töten von Hühnern. 77% aller Hühnchen sind keimbelastet. Das Robert-Koch-Institut rät, bei der Zubereitung Einmalhandschuhe zu tragen. Über Gülle und Abluft der Ställe gelangen die Bakterien auch auf umliegende Felder und somit auch auf Gemüse. Eier selbst werden nicht gewaschen, da die Gefahr dadurch steigt, dass Keime ins Ei gelangen. Auch die goldgelbe Farbe des Dotters ist kein Indiz für die Gesundheit der Tiere. Sie entsteht durch Farbstoffe, die dem Futter beigemengt werden.

Wir könnten den Tieren und uns so viel ersparen. Die Vogelgrippe 2016/2017 war so riesig wie nie. Insgesamt wurden weit über eine Million Tiere in Deutschland vorsorglich getötet. Ob es um Salmonellen oder E-Coli geht, um Dioxin– oder Fipronil-Skandale – es wäre schlichtweg nicht nötig. Und wieso wollen wir unbedingt weiter Antibiotikaresistenzen fördern, die unser aller Leben und Gesundheit inzwischen regelrecht bedrohen?

 

Schöner töten nach ein paar Wochen?

 

Und doch pochen so viele Menschen auf ihr Recht an tierischen Produkten wie Eiern. Obwohl es nicht „ihre“ Eier sind. Sie reden von Zweinutzungshühnern oder Bruderhahn-Initiativen, um sich das Gewissen zu erleichtern. Ist das nicht bereits ein Zeichen, dass wir genau wissen, dass es nicht in Ordnung ist, wie wir Tiere behandeln und töten, ohne dass wir in Notwehrsituationen sind oder verhungern würden? Wir reden uns ein, dass es weniger schlecht ist, wenn das männliche Küken nicht sofort vergast wird, sondern erst zu Tausenden ein paar Wochen gemästet, dann eingesammelt und transportiert wird, um dann kopfüber im Elektrobad zu hängen und anschließend auszubluten? Sind diese wenigen Wochen wirklich unsere Ausrede, um Töten zu legitimieren? Ich nenne es Greenwashing.

Seit 2002 wird vom Ende des Kükentötens geredet. Ein Gesetz wird immer wieder verschoben. Und trotzdem habe ich niemand jemals sagen hören: „Dann esse ich solange keine Eier mehr, bis das abgeschafft ist.“ Auch ein paar Wochen später sind diese Tiere genau genommen noch Tierkinder in hochgezüchteten Körpern. Auch nach ein paar Wochen sterben sie nicht freiwillig. Sie haben höchstens schon eine differenziertere Wahrnehmung, was ihnen an Leid, Angst und Schmerzen widerfährt.

Und ist es wirklich weniger schlimm, Erwachsene zu töten? Oder ist es weniger schlimm, die Abermillionen befruchteten „männlichen“ Eier mit einem Früherkennungssystem auszusortieren, um sie zu zerhäkseln, bevor das Küken schlüpft? Nur, weil wir dann noch nichts flauschiges Gelbes gesehen haben? Nur, weil es die Schale noch nicht durchbrochen hat? Das passiert übrigens sowieso täglich bereits in Brutfabriken, die Legehennen „produzieren“ (auch in Masthühnerbrütereien). Alle Küken, die nicht nach genau 21 Tagen in den Brutschränken geschlüpft sind, haben Pech und werden mit den restlichen Eierschalen zu einem Brei aus Fleisch. Warten geht nicht. Die Anlage muss schließlich neu besetzt werden und Zeit ist Geld.

 

Die Rechnung geht nicht auf

 

In sämtlichen Fertigprodukten sind weiterhin Eier von Hennen und deren Brüdern, die beide unrentabel sind, auch wenn ihr eure Eier aus Initiativen kauft, die euch eine heile Welt vorgaukeln. Selbst, wenn ihr euch eigene Hennen (oder wirklich auch Hähne?) in den Garten holt. Es bleibt das Restaurant, der Bäcker, der Urlaub und mehr. Auch wenn ihr mehr bezahlen wollt – das Zweinutzungshuhn hat einen Marktanteil von gerade einmal 0,1%. Es stirbt denselben Tod nach kurzer Zeit.

Wer sich dazu einredet, dass für jeden Bruderhahn ein Masthähnchen weniger geköpft wird, hat nicht zu Ende gerechnet. Die Hähne brauchen viermal länger, um genug Fleisch anzusetzen. Das heißt, für dieselbe Menge an Fleisch braucht der Bauer viermal soviel von allem: Futter, Zeit, Wasser, Arbeit, es gibt viermal soviel Klimabelastung und Gülle.

Gleichzeitig würde die Henne aus der Zweinutzungszucht sehr viel weniger Eier legen UND der Hahn mehr Futter und Zeit benötigen- es bräuchte also noch eine zusätzliche Henne und schon ist die angebliche Einsparung an Tieren nichts als ein Märchen. Und wollen wir wirklich Leben aufrechnen? Zeigt uns das nicht wieder, dass unser Herz bereits weiß, dass da „eigentlich“ etwas ganz falsch läuft?

 

Es ist so einfach!

 

Wieso also sollten wir uns 2019 noch selbst belügen und Vogeleier konsumieren, die wir nicht brauchen? Noch zwei Generationen vor uns gab es im Winter keine Eier. Weil Vögel keinen Grund haben, im Winter Nachwuchs zu bekommen. Deshalb waren Vanillekipferl, Apfelbrot und vieles an Weihnachtsgebäck ursprünglich quasi vegan. Wir haben so viele Möglichkeiten, Leckeres zu backen und zu kochen. Wir leben im 21. Jahrhundert und können mit Suchmaschinen im Netz innerhalb von Sekunden pflanzliche Rezepte zu unseren Lieblingsspeisen finden. Fragt euch, ob es sinnvoll ist, weiter etwas zu konsumieren, nur weil es die Mehrheit aus Gewohnheit tut.

Leider habe ich viel zu spät angefangen, mir diese Frage zu stellen und es tut mir unendlich leid. Aber es ist nie zu spät, Unrecht zu beenden. Oder Teil des Lösung zu werden. Es ist sogar ganz einfach. Man kann jederzeit damit beginnen, Eier und andere tierische Produkte zu streichen.

Jetzt zum Beispiel.

Ab dieser Sekunde.

 

 

© Land der Tiere

 

 

  1. Abstammung: https://www.planet-wissen.de/natur/haustiere/huehner/index.html []
  2. sehenswerthttps://www.youtube.com/watch?v=2S6vPaGzSr8 []

„Do you think, you’re better…?“ Über die Auswirkungen unseres Handelns

Wenn anderweitige Argumente fehlen, werden VeganerInnen oft kurzerhand auf emotionaler Ebene beschuldigt: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres!“. Dieser Angriff auf die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen trifft diesen natürlich gerne direkt ins Herz. Vor allem, weil er sämtliche sachlichen Argumentationsgrundlagen komplett außen vor lässt. Hinzu kommt, dass sich darauf nicht einfach ohne weitere Erklärung antworten lässt, denn es trifft nur ein eindeutiges „Jein“ zu:

„Nein, ich halte mich nicht für einen besseren Menschen und ja, ich halte ein paar meiner Handlungen für besser oder aber auch schlechter, als die anderer Menschen.“

Die Frage, ob man sich als besseren Menschen sieht, stellt diesen Menschen zunächst undifferenziert in eine Ecke zu „schlechten Eigenschaften“, die keiner gerne hat. Sie zielt darauf ab, jemanden auf Gefühlsebene zu treffen, anstatt die Handlungen objektiv nach deren Auswirkungen zu beurteilen. Die Herausforderung, sich daraufhin entweder selbst abzuwerten oder über den/die andere/n zu erheben, erfordert in der Antwort eine Klarstellung, was uns Menschen zu dem macht, was wir sind und wie wir gesehen werden.

 

 

Nicht „wer“, sondern „was“ ist besser? Mitgefühl haben oder ohne Notwendigkeit töten?

 

Veganismus – sich nicht über andere stellen

 

VeganerInnen sind so unterschiedlich wie NichtveganerInnen. Man könnte auch sagen, es gibt unterschiedliche Frauen genauso wie unterschiedliche Männer, unterschiedliche Europäer ebenso wie verschiedenste Amerikaner…eine Liste ohne Ende. Und überall, wo Menschen gruppiert werden, sind sicher welche dabei, die sich gerne überlegen fühlen (möchten) – intellektuell, moralisch oder aus finanziellen Gründen. Das Überlegenheitsgefühl passt nur schlicht und ergreifend nicht auf Menschen, die sich genau aus jenem ethischen Grund dazu entschieden haben, vegan zu leben: Weil sie sich gerade nicht für etwas Besseres oder Wertvolleres halten.

Bei dieser Art des Vorwurfs wird nun ausgerechnet eine moralische Handlung kritisiert, die selbst aus Sicht von NichtveganerInnen scheinbar durchaus als besser angesehen werden könnte. Dazu gleich mehr. Ganz übersehen wird nämlich, mit oder ohne Absicht, dass es beim Veganismus gar nicht darum geht, besser oder schlechter zu sein. Es geht dabei noch nicht einmal um die eigene Person und noch weniger um das eigene Wohlbefinden, ganz zu schweigen von der eigenen hierarchischen Erhebung über andere. Im Gegenteil- es geht um die Bedürfnisse und Rechte aller Mitlebewesen.

Es ist also irrelevant, höher, schneller, weiter, intelligenter, schöner, gesünder oder fitter zu sein. Entscheidend ist einzig, fair zu handeln. Da wir uns selbst unnötiges Leid und gewaltsamen Tod ersparen wollen, möchten VeganerInnen fairerweise, dass ihr Handeln ebensowenig unnötig Schmerzen und Tod anderer verursacht, die einfach glücklich leben könnten.

 

Die Ablenkung in andere Themenbereiche

 

VeganerInnen nehmen dabei sogar sehr oft in Kauf, wegen ihrer Lebensweise ausgelacht, teilweise sogar beschimpft oder als dumm dargestellt zu werden. Wären sie darauf aus, sich erhaben fühlen zu wollen, diese Reaktionen kämen dem eigenen Wohlbefinden nicht gerade zugute. Als Ablenkungsmaßnahme fungieren die emotionalen Übergriffe perfekt: Der/die Ausgelachte ärgert sich und kann nicht mit sachlichen Informationen argumentieren, weil das ehrliche Interesse des Gegenübers fehlt.

Wenn über das Thema Tiere essen diskutiert wird, lenken nichtvegane Menschen in den allermeisten Fällen kurzerhand auch auf andere Bereiche ab:

„Nur weil du…. – Ich achte dafür auf…“.

Dieses Ablenken vom Thema führt dazu, nicht mehr über den eigentlichen Punkt diskutieren zu müssen, um den es ursprünglich ging. Die Reflexion der eigenen Verantwortung am Töten von Lebewesen wird damit ganz einfach umgangen.

Dabei wird ein/e VeganerIn nie bestreiten, dass es sicher besser ist,

– Plastik zu vermeiden, als alles in Kunststoff eingeschweißt zu kaufen…

– Second Hand zu tragen, als in Bangladesh produzieren und Menschen ausbeuten zu lassen…

– mit dem Fahrrad zu fahren, als das Auto zu nehmen…

– Entwicklungshilfe und ärztliche Versorgung zu leisten, als Waffen zu verkaufen…

– Mitleid zu haben und leben zu lassen, als ohne Notwendigkeit zu töten…

Weder vegane noch nichtvegane Menschen würden sagen: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres, weil du mit dem Fahrrad fährst!“ Meist wird sogar gelobt oder für unterstützenswert gehalten, wenn jemand beispielsweise darauf achtet, möglichst plastikfrei zu leben. Niemand wird dem-/derjenigen entgegnen, er/sie halte sich wohl deshalb für etwas Besseres. Und was wäre auch die Antwort auf diese Frage?

Genausowenig würde jemand einzelne Bereiche gegeneinander ausspielen. Wer würde schon argumentieren: „Ja, meine Kinder bekommen hin und wieder mal eine Ohrfeige, aber dafür helfe ich ehrenamtlich im Seniorenheim!“ oder „Ja, ich gehe schon recht verschwenderisch mit Lebensmitteln um, aber dafür trenne ich meinen Müll vorbildlich!“ Oder, um es mal zu überspitzen: „Ja, in meiner Fabrik lasse ich Kriegswaffen produzieren, aber ich nehme regelmäßig an Friedensmärschen teil, unterstütze den Erhalt des Hambacher Forsts und außerdem drücke ich ja nicht selbst den Abzug!“

 

Kein/e VeganerIn findet Plastikmüll klasse. Jede/r würde zustimmen, dass Vermeidung das bessere Verhalten wäre. Wieso können Menschen beim Thema Töten dann nicht zustimmen, dass Vermeidung die bessere Alternative ist…?

Die Auswirkungen unseres Handelns

 

Jeder nicht-vegane Mensch wird mit allen weiter oben aufgeführten Beispielen so einverstanden sein. Die einzige Ausnahme gilt dem Punkt, ohne Notwendigkeit zu töten. Da steht plötzlich zur Debatte, dass es keine alternative/bessere Wahl gibt.

Es folgt nicht selten ein Fehlschluss, den viele Nichtveganer begehen: Wer moralische Entscheidungen trifft, ist automatisch in allen Lebensbereichen unfehlbar. Eine unrealistische Utopie. Kein Mensch ist perfekt. Seine Handlungen können in verschiedenen Lebensbereichen ganz unterschiedlich aussehen. Durchaus können jedoch die Auswirkungen dieser Handlungen besser oder schlechter sein. Ob diese Klima, Umwelt oder Leben und Tod betreffen. Selbst pünktlich zu sein, wird in unserer Gesellschaft als besser oder erstrebenswerter erachtet, als regelmäßig zu spät kommen. Nun hat eine Verspätung bis auf die Wartenden keinen Effekt, der das Leben und die Unversehrtheit eines anderen aufs Spiel setzt, außer man ist vielleicht Notarzt. Und niemand wird bestreiten, dass es durchaus schlechter ist, seinen Müll im Wald zu entsorgen oder jemanden unnötig zu beklauen, als bei Verabredungen zu spät zu erscheinen. Wieso also machen nicht-vegane Menschen ausgerechnet bei einer Handlung, die das Leben von Abermilliarden Lebewesen ganz direkt unnötig und absichtlich gewaltsam beendet, am Liebsten einen Vergleich mit Plastik? Oder mit Mücken auf Windschutzscheiben, die sie noch nicht einmal als positive Vermeidungshandlung in die eigene Waagschale werfen könnten?

Unsere Handlungen haben Auswirkungen, die wir normalerweise ganz gut kennen. Manche davon sind offensichtlich, andere sind vielleicht nicht im selben Augenblick wahrnehmbar und lassen sich dadurch besser verdrängen. Je nachdem, ob die Auswirkungen Dritte positiv oder negativ betreffen, entsteht ein automatisches Wohl- oder Schuldgefühl, sobald dies jemand thematisiert. Ablenkung und Angriff sind oft rein nahe liegende Reaktionen, die übrig bleiben, um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, besser handeln zu können, wenn man denn wollte.

 

Niemand muss perfekt sein, um zu erkennen, dass Lebewesen Gefühle haben.

Wir wissen was wir tun. Aber wollen wir?

 

In der Regel möchte niemand jemand anderem wissentlich schaden. Wenn wir Tiere essen, ist uns allerdings bewusst, dass das Tier dafür getötet wird. Wir schaden also wissentlich. Wir nehmen den Tod in Kauf, obwohl es unnötig ist. Es bringt uns in Verlegenheit, wenn Offensichtliches angesprochen wird, das wir ungern wahrhaben möchten. Wir wissen jedoch genau, dass es besser wäre, kein unnötiges Leid zu verursachen. Wir haben ein Verhalten gefunden, das das Gegenüber wortwörtlich besser macht und wieso sich das Gegenüber deshalb für etwas Besseres halten könnte. Die Frage bringt also VeganerInnen in eine Zwickmühle in Sachen Ergebnisse, die Menschen aus der Antwort ableiten (möchten). Antworten sie mit: „Nein, tu ich nicht“, dann stellt das augenscheinlich NichtveganerInnen eine Freikarte aus, ihre Handlungsweise hier gar nicht ändern zu müssen, obwohl sie mit der Frage absichtlich nicht nur den Bereich Tiere töten meinen. Antworten VeganerInnen mit „Ja, ich finde Veganismus besser als Tiere zu essen“, dann gelten sie als abgehoben und eingebildet, wieder, weil die Frage gar nicht auf das spezifische Verhalten abzielte, sondern auf die gesamte Person.

Menschen wissen im Grunde ihres Herzens genau, dass die Summe ihrer Handlungen sie zu dem Menschen macht, der sie sind.

Und dass bestimmte Handlungen negativere und tödlichere Auswirkungen haben, als andere.

Wenn du also einen Grund findest, der plausibel genug ist, warum sich Menschen moralisch besser fühlen könnten, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen anwenden, dann ist das wahrscheinlich ein guter Grund, in Zukunft selbst danach zu handeln

Haben wir eigentlich einen Knall? Silvesterfeuerwerk - Der einen Freud, der anderen Leid

Silvester. Während sich die einen bereits darauf freuen mit einem krachenden Feuerwerk fulminant ins neue Jahr zu starten, ist den anderen genau dieses Ereignis ein Gräuel, das ihnen jede Vorfreude auf den Jahreswechsel verdirbt. Was für die einen ein guter alter Brauch ist, für den man gerne mal bedenkenlos 137 Millionen Euro in einer einzigen Nacht ‚verbrennen‘ darf, empfinden die anderen als einen unsinnigen, gewalttätigen Akt der Verschwendung und Ignoranz.1

Sind die Kritiker*innen des Feuerwerks einfach nur spaßbefreite Langweiler*innen, oder haben sie vielleicht gute Gründe, sich nicht an dem Spektakel zu beteiligen? Sie haben. Wer beabsichtigt, sich auch dieses Jahr wieder an der Knallerei zu beteiligen, sollte sich zuvor mit diesen Argumenten auseinandersetzen.

Feuerwerke verursachen Tierleid

Wir sind nicht allein auf dieser Welt, sondern tragen Verantwortung für das Wohlergehen der anderen Lebewesen, mit denen wir uns diesen Planeten teilen.

Bei vielen Tierarten lösen Lärm, Lichtreize und intensive Gerüche massiven Stress aus. Tiere haben oftmals ein wesentlich empfindlicheres Gehör und einen feineren Geruchssinn als wir Menschen. Beides ist für viele überlebensnotwendig. Ihre geschärften Sinne warnen sie frühzeitig vor potenziellen Gefahren und ermöglichen eine rasche Flucht.

Feuerwerke werden von den meisten Tieren als extreme Bedrohung wahrgenommen. Wenn das Krachen und Blitzen in der Silvesternacht plötzlich losgeht, reagieren sie oft panisch. Viele bekommen Todesangst. Egal ob Wildtiere, Haustiere oder sogenannte Nutztiere: Für sie ist diese Nacht ein absoluter Ausnahmezustand. Hunde zittern oft noch Stunden nach dem Feuerwerk vor Aufregung am ganzen Körper. Haustiere, die nicht eingesperrt sind, rennen in Panik weg und kehren erst nach Tagen oder vielleicht auch nie wieder heim. Auch Wildtiere werden aufgescheucht und rennen in alle Richtungen davon. Manche werden auf der Flucht von Autos erfasst und getötet, wieder andere finden nicht mehr zu ihren Familien zurück. Igel werden im Winterschlaf gestört oder gar aufgeweckt und verbrauchen sinnlos lebenswichtige Energiereserven. Millionen Vögel schrecken in ihren Schlafplätzen auf und steigen scharenweise orientierungslos in große Höhen auf. Viele überleben den Schock und die Anstrengung nicht.2

Im Jahr 2011 kam es in der Silvesternacht im US Bundesstaat Arkansas zu einem gruseligen Ereignis. Auf einer Strecke von zwei Kilometern fielen während des Feuerwerks mehr als 3.000 Amseln tot vom Himmel. Das Ereignis war so gespenstisch, dass manche Einwohner*innen später berichteten, sie hätten geglaubt, dies sei der Beginn der Apokalypse.3

Wer böllert, unterstützt fast immer Ausbeutung und Kinderarbeit

Die pyrotechnische Industrie in Deutschland beschäftigt gerade mal 3.000 Menschen.4 Die Hauptproduzenten der Feuerwerkskörper sind China und Indien, die mit ihren Produkten 97% des Weltmarktes decken.5

Die Produkte werden dort unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt. Nach Angaben der Kampagne aktiv gegen Kinderarbeit arbeiten allein in Indien ungefähr 70.000 Kinder in der Feuerwerksindustrie. Laut Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi fangen die Kinder schon mit fünf Jahren zu arbeiten an. Zehn bis Zwölfjährige arbeiten bis zu 13 Stunden am Tag – sechs Tage die Woche. Sie verdienen nur einen Bruchteil dessen, was die erwachsenen Arbeiter*innen bekommen, aber auch sie sind bei ihrer Arbeit extremen Gefahren ausgesetzt. Verätzungen durch giftige Chemikalien und schwere Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung.6

Feuerwerke belasten die Luft und produzieren tonnenweise Müll

Laut Umweltbundesamt werden allein in der Neujahrsnacht in Deutschland rund 4.500 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Diese Menge entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge.7 Angesichts der ohnehin dramatischen Feinstaubbelastung insbesondere in vielen Innenstädten überrascht es, dass in der Diskussion über mögliche Gegenmaßnahmen nur wenige Akteure ein Verbot von Silvesterfeuerwerken fordern. Es wäre eine naheliegende, leicht umsetzbare, sofort wirksame Maßnahme.

Wenn alles vorbei ist … (Foto: Pixabay)

Silvesterfeuerwerke produzieren tausende Tonnen Müll, der in den nächsten Tagen wieder eingesammelt und entsorgt werden muss. Obwohl das Abfallrecht eigentlich vorsieht, dass jede(r) Einzelne seinen/ihren Müll selbst wegräumen soll, geschieht dies tatsächlich fast überall in Deutschland durch die städtischen Straßenreinigungen, also auf Kosten der Steuerzahler*innen.

Allein in München entsorgten zu Jahresbeginn 150 Mitarbeiter*innen der städtischen Straßenreinigung mit Kehrmaschinen, LkW-Kippern, Mehrzweckfahrzeugen und Kleintraktoren 60 Tonnen Silvestermüll. Zehn Tonnen mehr als im Vorjahr.8

Während in den Städten das gewohnte Straßenbild schnell wieder hergestellt ist, kümmert sich nahezu niemand um die Feuerwerksreste, die auf die Wälder, Felder, Wiesen und Gewässer herabfallen. Millionen von Plastikteilen, die Jahrzehnte brauchen, um zu verrotten.

Gesundheitsgefährdung und Körperverletzung

Es gibt gute Gründe, warum es Privatpersonen ohne Sondergenehmigung an 364 Tagen im Jahr verboten ist, ein Feuerwerk abzufackeln. Allein dass dies eine Verordnung zum Sprengstoffgesetz regelt, lässt ahnen, dass das Silvestervergnügen wohl ein durchaus gefährlicher Spaß ist.9 Wir bringen große Mengen Sprengstoff zur Detonation und gefährden dadurch uns selbst und andere. Jedes Jahr verletzen sich hunderte Menschen in der  Silvesternacht beim Hantieren mit Feuerwerkskörpern schwer. Manche Unfälle enden tödlich. Allein das Unfallkrankenhaus Berlin zählte in der Nacht zum Jahreswechsel 2018 21 Verletzte. Mindestens fünf Patienten erlitten schwere Amputationsverletzungen. Das Team der Handchirurgie arbeitete durchgehend in drei Operationssälen.10

Außerdem werden auch viele unbeteiligte Menschen verletzt. Sie erleiden häufig Verbrennungen oder sogenannte Knalltraumata, wenn sie in der Nähe sind, wenn (oftmals alkoholisierte) Mitmenschen grob fahrlässig mit Böllern hantieren oder diese gar mutwillig in die Menge werfen.  Bei den männlichen Verletzten der Silvesternacht sind 40% der Unfälle fremdverschuldet, bei Frauen ist der Anteil der Fremdverschuldung mit 80% sogar doppelt so hoch.11

Knallkörper erzeugen eine Lautstärke von bis zu 180 Dezibel. Die Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs liegt bei ca. 120 Dezibel. Lärm, der diesen Pegel übersteigt, schädigt die Ohrzellen im Innenohr. Sterben die Hörzellen ab, sind sie unwiderbringlich verloren. Bereits ein einziger Knall von mehr als 150 Dezibel kann ein Knalltrauma auslösen und zu Schwerhörigkeit und dauerhaften Ohrgeräuschen führen.12 Aus einer Mitteilung des Ärzteblatts geht hervor: In Deutschland erleiden jährlich 8.000 Menschen an Silvester Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Rund ein Drittel behält bleibende Schäden.13

Erst nachdenken, dann nicht böllern

Die Argumente gegen Böller und Raketen sind begründet und leicht nachvollziehbar. Fragt man die Befürworter*innen nach ihren Argumenten pro Feuerwerk, so bekommt man in der Regel keine substanzielle Gegenrede, sondern eher schwache Argumente wie ‚Das Feuerwerk zu Silvester ist einfach eine schöne Tradition‘, ‚Ich mache das auch nur wegen der Kinder‘ oder ‚Wollt ihr jetzt alles verbieten, was Spaß macht‘ zu hören.

Spaß zu haben ist natürlich ein legitimer Wunsch. Allerdings endet unser Recht auf Spaß genau da, wo es anderen vorsätzlich Schaden zufügt. Sich auf Kosten anderer zu amüsieren, die vielleicht mit ihrer körperlichen Unversehrtheit oder ihrem Leben dafür bezahlen, ist nicht lustig, sondern egoistisch und ignorant.

Kinder sind mühelos in der Lage, zu verstehen, warum man sich ab sofort nicht mehr an der Knallerei beteiligt. Würde man ihnen z.B. erklären, dass die Feuerwerkskörper von Kindern ihres Alters am anderen Ende der Welt unter furchtbaren Bedingungen gefertigt werden, oder dass tausende von Tieren in der Silvesternacht durch unsere Gleichgültigkeit leiden und sterben müssen, wären die meisten wohl sofort bereit, auf diese merkwürdige Tradition zu verzichten und stattdessen auf andere Weise Spaß zu haben.

Wie wäre es also, im Kreis der Familie das Thema einmal in Ruhe zu besprechen, um gemeinsam eine verantwortliche Entscheidung zu treffen? Man stelle sich vor, die Menschen in diesem Land würden sich kollektiv entschließen, 137 Millionen Euro für etwas wirklich Sinnvolles statt für Feuerwerkskörper auszugeben.

 

  1. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  2. Der Falke. Journal für Vogelbeobachter. 01/2013. https://blog.canoncam.de/media/blogs/cam/SONJA/Falke_Studie_Voegel_Silvester.pdf []
  3. Die Welt. Silvesterböller verursachen mysteriöses Vogelsterben. https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article11962392/Silvesterboeller-verursachten-mysterioeses-Vogelsterben.html []
  4. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  5. Die Stadt Liuyang in China ist mit 1700 Fabriken der größte Fabrikant. In Liuyang arbeitet ein Drittel der Bevölkerung in der Feuerwerksproduktion. Die Stadt Sivakasi in Südindien wird auch die ‚Feuerwerkhauptstadt‘ genannt. Mehr als 90% der aus Indien stammenden Feuerwerkskörper werden hier in über 800 Werken produziert. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  6. Kampagne ‚aktiv gegen Kinderarbeit‘. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  7. Umweltbundesamt. Dicke Luft zum Jahreswechsel. https://www.umweltbundesamt.de/themen/dicke-luft-jahreswechsel?fbclid=IwAR3MMtUcPfvBSR6fRixQJoheIyLs5EPAfbudtb95QZqzHff6SICez6x9oNQ []
  8. münchen.tv. https://www.muenchen.tv/strassenreinigung-60-tonnen-silvestermuell-mussten-entsorgt-werden-254400/ []
  9. Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz, § 23.  https://www.gesetze-im-internet.de/sprengv_1/__23.html []
  10. Spiegel online. http://www.spiegel.de/panorama/silvester-unfaelle-durch-boeller-und-silvester-fondue-a-1185749.html []
  11. Stille Nacht. http://web201.c10.webspace-verkauf.de/bi-stillenacht/index.php?pid=7&art=1963 []
  12. RP Online: Damit nach Silvester nicht das Knalltrauma bleibt. https://rp-online.de/leben/gesundheit/medizin/damit-nach-silvester-nicht-das-knalltrauma-bleibt_aid-13041051 []
  13. Ärzteblatt. Zahl der Woche. https://www.aerzteblatt.de/archiv/treffer?mode=s&wo=1008&typ=16&aid=133942&s=Silvester []

Liebe von uns genervte Mitmenschen (Teil II)

 

Liebe von uns genervte Mitmenschen,

wir geben zu, dass auch wir vegan lebenden Menschen nicht perfekt und nicht vor Widersprüchen gefeit sind. So ist uns klar, dass eine vegane Lebensweise auch für die Tötung von Tieren verantwortlich ist. Auch wissen wir, dass die Frage, was «unvermeidbar» ist, nicht so einfach entschieden werden kann. Wir trinken vielleicht auch mal einen Saft, bei dem wir nicht genau wissen, wie er geklärt wurde. Denn auch wir sind fehlbar und können die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, nicht ignorieren. Aber wir ziehen aus der Fehlbarkeit nicht den Schluss, dass alles erlaubt ist und nichts einen Unterschied macht. Auch nehmen wir lieber 98% als 0% und pfeifen nicht auf alles, nur weil 100% nicht möglich sind. Einem Ideal kann man folgen, auch wenn man es nicht zu 100% umsetzen kann. Erst recht in einer Welt, die in nahezu allen ihren Bereichen auf der Nutzung und Tötung von Tieren basiert.

Da ihr bereit seid, die Fehler der veganen Lebensweise aufzudecken, würde mich interessieren, wie ihr zu folgenden Widersprüchen steht:

  1.      Veganismus ist euch zu teuer, aber gleichzeitig behauptet ihr, nur Biofleisch zu essen.
     
  2.      Ihr entdeckt euer Herz für Pflanzen. Wisst ihr, dass die Tiere, die ihr esst, mit Pflanzen gefüttert werden, und so indirekt für eine omnivore Lebensweise viel mehr Pflanzen getötet werden?
     
  3.      Ihr seid sensibel für Pflanzen, aber seid nicht in der Lage, das Leiden eines Schweines oder einer Kuh zu sehen, ja stellt bisweilen sogar deren Empfindungsfähigkeit in Abrede.
     
  4.      Ihr seid nicht an der Ernährung anderer interessiert, bis ihr erfahrt, dass jemand vegan lebt. Dann werdet ihr auf einmal zu Ernährungs- und Gesundheitsexpert*innen. Wenn eine omnivor lebende Person krank ist, dann ist sie einfach nur krank. Wenn eine vegan lebende Person krank ist, dann ist sie krank, weil sie vegan lebt.
     
  5.      Ihr behauptet, der Mensch habe schon immer Fleisch gegessen. Was hat das mit Milch, Leder, Pelzen, Zoos, Zirkussen und Tierversuchen zu tun?
     
  6.      Ihr seid dafür, dass Erziehung Privatsache ist, und interveniert nicht, wenn jemand mit einem Kind zu McDonald’s geht oder den Einkaufswagen mit Chips und Cola füllt. Gleichzeitig schäumt ihr vor Wut, wenn ihr hört, dass jemand sein Kind vegan ernährt oder vegane Kitas eröffnen.
     
  7.     Ihr nennt uns «Veganazis» und «Ökoterroristen», aber werft uns vor, «extremistisch» und «radikal» zu sein.
     
  8.     Ihr erachtet einen Löwen als ethisches Vorbild, wenn es um Fleischkonsum geht, aber nicht, wenn es darum geht, Konkurrenz auszuschalten oder Infantizide zu rechtfertigen.
     
  9.      Veganer*innen verändern mit ihrer Lebensweise sowieso nichts, sind aber gleichzeitig für die Zerstörung von Arbeitsplätzen und den Regenwald verantwortlich.
     
  10.  Ihr könnt es euch leisten, jeden Tag Fleisch, Milch, Eier und Fisch auf hundert verschiedene Arten zu konsumieren, aber verspottet den Veganismus als «Wohlstandserscheinung».
     
  11.   Ihr prangert den Veganismus an, dass er nicht zu 100% erreichbar ist, aber sagt auch, man solle es nicht übertreiben und die «goldene Mitte» wählen.
     
  12.  Ihr werft uns vor, radikal und extrem, aber gleichzeitig nicht konsequent genug zu sein.
     
  13.  Ihr werft uns vor, bei der Beendigung der Tierhaltung würden die Tierrassen aussterben, aber gleichzeitig würden uns die ganzen freigelassenen Tiere überrennen.
     
  14.  Ihr könnt euch vorstellen, dass von heute auf morgen alle Tiere freigelassen werden, aber eine Welt, in der Tiere nicht mehr genutzt werden und gleichberechtigt mit uns leben, übersteigt euer Fassungsvermögen.
  15. Weiterlesen

Gedanken einer Aktivistin

Da steh ich also mit meinem Schild um den Hals, und vor mir teilt sich die Menge wie einst vor Moses das Tote Meer.
Es ist kalt.
Bitterkalt.
In meine Gedanken drängen sich Bilder von Tieren in kleinen Gitter-Käfigen. Ohne Schutz vor Wind und Nässe, nur das Fell an ihrem Körper, das ihnen bald gewaltsam genommen wird.

Ich sehe innerlich Bilder von Nerzen, die sich im Todeskampf minutenlang gegen die Wände der Kisten werfen, in die gerade CO oder CO2 geleitet wird, um ihr Leben zu beenden. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass ihr kostbares Fell keinen Schaden nimmt.
Würde man ihnen die Luftröhre und die Halsschlagader durchtrennen, wie man es bei anderen Tieren wie Kühen, Schweinen, Hühnern, Kaninchen, Puten, Schafen, Ziegen und vielen anderen praktiziert, die für die sogenannte „Fleischgewinnung“ getötet werden, würde man das kostbare „Produkt“ Pelz verletzen.

Pelz – fremde Haut, die von Menschen mit leeren Gesichtern durch die Innenstadt getragen wird.
Aber Nerz ist nichts für den Durchschnittsignoranten. Der/die junge Ausbeutungskonsument*in steht auf Kojotenpelz.
Je größer, desto besser.

Menschen jeden Geschlechts kommen mir entgegen, überheblich grinsend beim Blick auf das Plakat um meinen Hals.
Die Hosen, zu kurz, lassen den Blick auf entblößte Knöchel oberhalb der Sneakersöckchen zu. Aber je weiter man den Blick nach oben wandern lässt, desto deutlicher zeigt sich die Ode an den Winter.
Am Kapuzenaufschlag hängt das tote Tier.
Sein Fell bewegt sich im Wind. Lebendig gehäutet für eine sinnlose Mode.

„Ernte“ heißt dazu der euphemistische Fachjargon. Als würde man Äpfel von Bäumen pflücken und nicht ein Lebewesen gewaltsam und unter unvorstellbaren Schmerzen von seiner schützenden Haut trennen.
Der Nutzen dieser Kapuzenbehaarung ist gleich Null, sie gilt aber als Statussymbol unter den Jungen und Attraktiven.
Die nicht ganz so coolen Exemplare der Gattung Egosapiens tragen zusätzlich oder auch ausschließlich Bommelmützen mit Echtpelzbommel.
Jene Mützen, die ich mir bereits als Kind vom Kopf riss, sobald meine Eltern außer Sichtweite waren, weil sie einfach unfassbar peinlich waren.
Geändert hat sich daran nichts, nur, dass die Bommeln damals aus Polyester bestanden und nicht – wie heute – aus der Haut lebendig gehäuteter Kojoten und Hunde, denen ein Eisenhaken durch den Unterkiefer getrieben wird, um ihre Haut samt Haar besser an einem Stück abziehen zu können.
Im Internet findet sich dazu reichlich und schwer zu verkraftendes Videomaterial.

Ab und an bleibt jemand stehen, hört mir zu, nimmt einen Flyer und sagt mir leise, als solle es niemand außer mir hören, wie wertvoll meine Arbeit ist.
Das ist wie eine warme Brise an diesem kalten Tag, in einer noch kälteren Welt.

Viele grinsen.
Ich frage: „Sie wissen, dass ihr Pelz von einem Tier stammt, das lebendig und bei vollem Bewusstsein gehäutet wurde?“
Manche lachen und sagen: „Klar, aber das ist mir egal.“
Andere sind geschockt und ich frage mich, was sie dachten, wie der Pelz an ihren Kragen gekommen ist.

Ich schaue in viele Gesichter.
In lächelnde, die mir Zuspruch schenken, leise, heimlich, verschämt.
In lachende, verhöhnende.
In kalte, ausdruckslose.
Aber auch in peinlich berührte, denen klar wird, dass das Fell an ihrem Kragen dem Tier auf meinem Plakat gehört haben könnte.

Nach Stunden in der Kälte gehe ich nach Hause.
Etwas traurig, aber auch froh, den/die eine*n oder andere*n vielleicht doch erreicht zu haben.
Wenn es nur eine*r von hundert ist, hat sich die emotionale Achterbahnfahrt aus Wut, Abscheu, Traurigkeit und Hoffnung gelohnt.

Und eines ist jetzt schon klar: ich werde wieder dort stehen. Until every cage ist empty.