Armin Rohm: Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier (Film) Über die Psychologie der Veränderung

 

Wovon handelt der Film?

Die meisten Menschen mögen Tiere. Sie vertreten die Auffassung, dass wir Verantwortung für das Wohl der Tiere tragen und ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen dürfen. Gleichzeitig pflegen sie oftmals Konsumgewohnheiten, die genau das erfordern, was sie eigentlich ablehnen, nämlich Tiere ihrer Freiheit zu berauben, sie auszubeuten und zu töten.

Wie bringen es Menschen fertig, immer wieder entgegen ihrer eigenen Werte zu handeln?

Der Vortrag von Armin Rohm beschreibt, wie wir unsere Wahrnehmung der Tierausbeutung durch den Menschen geschickt so verzerren, dass wir die Widersprüchlichkeit unseres Tuns meist gar nicht bemerken. Er beleuchtet, wie unsere Art und Weise zu denken und Entscheidungen zu treffen das Erkennen des Widerspruchs eher erschwert als begünstigt.

Armin Rohm bietet uns eine aufschlussreiche Vorgehensweise an, mit deren Hilfe wir einen ungetrübten Blick auf die Praxis der Tierausbeutung in unserer Gesellschaft und unsere eigene Rolle in diesem Prozess herstellen können. Dadurch werden reflektierte, verantwortliche Entscheidungen in Bezug auf unsere Verhaltensweisen möglich.

An wen wendet sich der Film?

‚Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier‘ wendet sich insbesondere an …

  • Menschen, die offen dafür sind, mehr über die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu erfahren, diese zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern.
  • Personen, die sich für das Mensch-Tier-Verhältnis in unserer Gesellschaft interessieren und den eigenen Standpunkt dazu klären möchten.
  • Menschen, die um die Zustände industrieller Tierhaltung wissen, diese ablehnen, aber selbst noch immer tierliche Produkte konsumieren (z.B. Vegetarier*innen).
  • Veganer*innen, die besser verstehen wollen, was so viele vermeintlich tierfreundliche Menschen daran hindert, sich für ein veganes Leben zu entscheiden.
  • Tierrechtsaktivist*innen, die nach hilfreichen Impulsen für ihre Überzeugungsarbeit suchen.

Armin Rohm: Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier (Trailer) Über die Psychologie der Veränderung

 

Der Mensch isst aus Gewohnheit Tier.
(Ein Vortrag über die Psychologie der Veränderung)

Die meisten Menschen mögen Tiere. Sie vertreten die Auffassung, dass wir Verantwortung für das Wohl der Tiere tragen und ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen dürfen. Gleichzeitig pflegen sie oftmals Konsumgewohnheiten, die genau das erfordern, was sie eigentlich ablehnen, nämlich Tiere ihrer Freiheit zu berauben, sie auszubeuten und zu töten.

Wie bringen es Menschen fertig, immer wieder entgegen ihrer eigenen Werte zu handeln?

Der Vortrag von Armin Rohm beschreibt, wie wir unsere Wahrnehmung der Tierausbeutung durch den Menschen geschickt so verzerren, dass wir die Widersprüchlichkeit unseres Tuns meist gar nicht bemerken. Er beleuchtet, wie unsere Art und Weise zu denken und Entscheidungen zu treffen das Erkennen des Widerspruchs eher erschwert als begünstigt.

Armin Rohm bietet uns eine aufschlussreiche Vorgehensweise an, mit deren Hilfe wir einen ungetrübten Blick auf die Praxis der Tierausbeutung in unserer Gesellschaft und unsere eigene Rolle in diesem Prozess herstellen können. Dadurch werden reflektierte, verantwortliche Entscheidungen in Bezug auf unsere Verhaltensweisen möglich.

Hier geht es zum Film in voller Länge:
http://www.veganswer.de/veganswer#1

Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn!…oder lieber doch nicht? Vom Leid der Legehennen und dem Mythos, dass für Eier kein Tier sterben muss...

Ich legte jeden Tag ein Ei?

 

Gehört ihr auch zu den Menschen, die an den alten Vers glauben „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn, ich hätt‘ nicht viel zu tun: Ich legte jeden Tag ein Ei und sonntags auch mal zwei…“? Ich war jedenfalls so jemand. Hätte ich mal kurz nachgedacht, ob das Sinn macht, wäre ich vielleicht von selbst darauf gekommen. Leider hatte ich lange keinen Anlass dazu.

Hühner sind Vögel. Vögel legen nicht täglich ein Ei. Auch nicht jeden zweiten. Nicht einmal jeden zehnten. Vögel bauen sich Nester, um dort ihren Nachwuchs auszubrüten. Davor und danach legen sie keine Eier. Wozu auch? Unsere Hühner sind ursprünglich Bankivahühner.1 Vögel, die 12-20 Eier im Jahr legen. In der Natur. Bis der Mensch kam. In Notzeiten mochten Eier von verschiedenen Tieren das Überleben von Menschen gesichert haben. Heute gilt es als Notstand, wenn der Supermarkt die Lieblingsbiermarke nicht führt.

Bis 1940 hat der Mensch es immerhin geschafft, dass diese zu „Haushühnern“ umfunktionierten Tiere 70-80 Eier im Jahr legten. In weiteren Züchtungen sogar schonmal 120 bis 150 Eier. Immer noch jenseits von „jeden Tag“. Und im Grunde noch gar nicht so lange her…. Heute leben wir im Jahr 2019, und Menschen machen so ziemlich alles möglich. Auch dass Vögel inzwischen bis zu 320 Eier im Jahr legen. 300 mehr als in der Natur. Mit quasi demselben Körper. Hühner heute: Weder normal, noch natürlich.
Was der Mensch nicht geschafft hat: Andere Sachen zu essen, anstatt fühlende Kreaturen zu züchten, die nach einem guten Jahr körperlich am Ende sind.

© Max und Fine

 

Zum Liebhaben

 

Wer Hühner kennt, weiß, dass es soziale und intelligente Lebewesen sind. Kleine Charaktere, die gerne kuscheln, die mit ihren Küken kommunizieren, während sie noch im Ei sind, was Müttern – und auch Vätern – sicher bekannt vorkommt. Sogar „schnurren“ können diese Vögel. Intelligenz ist sicher kein Indiz dafür, wie wir Lebewesen behandeln sollen – bei menschlichen Babys gibt uns die noch nicht entwickelte Intelligenz ja auch nicht das Recht, diese auszunutzen. Im Gegenteil: Sie bedürfen unserer Fürsorge.

Und doch unterschätzen wir diese Vögel gerne. Kaum jemand weiß, dass Hühner zählen, Farben und Formen unterscheiden können oder logische Schlüsse ziehen, die Kinder mit circa sieben Jahren erst schaffen. In manchen Bereichen entsprechen ihre Fähigkeiten denen von Primaten. Hühner können sogar auf Geschehnisse in der Zukunft schließen, sie verfügen über Selbstkontrolle, trauern, schließen Freundschaften und zeigen Mitgefühl. Manche Menschen könnten sich vielleicht sogar ein Beispiel daran nehmen. Aber Menschen haben nicht den Anspruch, die Einzigartigkeit von einzelnen Vögeln wahrzunehmen, die sie benutzen wollen. Sie erfinden Ausdrücke wie „dummes Huhn“. Wahrscheinlich wäre auch die Eule „dumm“, würde der Mensch sie nutzen wollen, wie bei allen Tieren, die ein „Nutz“-Zertifikat verliehen bekommen haben.

 

 

Der „vernünftige“ Grund

 

Zurück zu den Eiern. Legehennen sind Hybridzüchtungen. Nur die weiblichen Tiere werden benötigt. Anders als die Hybridzüchtungen für Masthähnchen, bei denen beide Geschlechter „brauchbar“ sind. Aber Hähne legen nunmal keine Eier. Gleichzeitig setzen sie in der Züchtung auf Legeleistung kein Fleisch an, weshalb sie als unrentabel gelten. Lebewesen ohne Nutzen sind für Menschen überflüssig. Deshalb werden sie bis heute standardmäßig weltweit am selben Tag, an dem sie aus dem Ei schlüpfen, aussortiert und postwendend vergast oder im Homogenisator geschreddert. Ohne Narkose versteht sich. Alleine in Deutschland waren es im Jahr 2018 42 Millionen. Wir glauben ja gerne, das Gesetz werde Tiere schon schützen. Oder was gesetzlich erlaubt ist, muss auch okay sein, es wird dann schon nicht so tragisch sein. Na ja – vieles auf der Welt ist einmal gesetzlich erlaubt gewesen….

In unserem Tierschutzgesetz steht, niemand dürfe einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Und da ist der Haken. Als vernünftiger Grund in der „Nutztierindustrie“ in Deutschland gilt: Ich verdiene damit kein Geld. Also darf ich fühlende Lebewesen entsorgen. Würden wir die männlichen Küken mit den Spätzle oder der Eierpackung über das Supermarktband hinweg mit nach Hause bekommen, um sie dort selbst in den Mixer zu werfen – wer würde den Knopf drücken?

Auch Vergasen ist übrigens keine spaßige Angelegenheit. Wer einmal Schweine in einer CO2-Gondel in Panik schreien gehört hat, weiß, dass „leidfrei“ Welten entfernt ist. Betrachten wir es ganz nüchtern, wäre es wahrscheinlich schneller vorbei, würde man den Tieren den Kopf abhacken. Hört sich brutal an? Ist es. Noch brutaler ist, was wir tun: Ignorieren, was passiert. Nur weil Vergasen unblutig abläuft, ist es deshalb nicht weniger gemein und unnötig. Und wer erfindet eigentlich diese mörderischen Maschinen? Wer denkt sich sowas aus?

 

Was der Mensch „erschafft“

 

Zwischen 1935-1995 legten die Hybriden für die Mast 65 % ihres Gewichts zu, gleichzeitig verkürzte sich ihre Lebensdauer um 60 %. Ihr Sättigungsgefühl hat man ihnen kurzerhand weggezüchtet – im Gegenzug wurde den Legehybriden so gut es ging der Bruttrieb weggezüchtet. Das Huhn soll schließlich ununterbrochen weiterlegen. Um die vielen hundert zusätzlichen Eierschalen zu produzieren, entzieht der Körper den Knochen Kalzium. Ständig. Was dies für den Gesundheitszustand dieser Lebewesen bedeutet, kann sich jeder selbst denken.
Ein Experiment mit derselben Menge an Futter über einen gleichen Zeitraum hinweg, hat aus Küken der verschiedenen durch den Menschen gezüchteten Linien das Legehuhn ein halbes Kilo leicht, das Biomasthuhn zu einem 1650 Gramm-Tier und das Hybridmasthuhn ganze drei Kilo schwer gemacht…

Zwei Zuchtbetriebe erzeugen 90% der Legehennen. Man nennt das Monopol-Stellung. Erich Wesjohann mit der Lohmann Tierzucht GmbH und sein Bruder Paul Wesjohann, der Gründer der PHW-Gruppe, zu der Wiesenhof gehört, werden jedem ein Begriff sein. Die Familie Wesjohann gehört zu den 500 reichsten Deutschen. Und sie produzieren nicht nur für Deutschland, sondern auch für Spanien, Usbekistan, Kanada, … weltweit.2

 

ARIWA Legehennen Bodenhaltung

© ARIWA Legehennen Bodenhaltung

 

Dimensionen der Label-Liebelei

 

Allein in Deutschland leben 41,3 Millionen Legehennen in 1355 Betrieben. Nur weibliche Tiere. Jedes zweite Ei stammt aus Norddeutschland. Hennen legten in Betrieben mit mindestens 3000 Tieren 12,3 Milliarden Eier – allein in Deutschland. Zusätzlich wurden noch 6,6 Milliarden importiert. Weltweit legen Hühner im Jahr 1,2 Billionen Eier. Unvorstellbare Dimensionen. Merkwürdig, dass wir im Alltag diese Tiere selten bis nie zu Gesicht bekommen. Obwohl quasi fast jeder erzählt, er bekomme seine Eier vom netten Nachbarn mit einer Handvoll Hühner im Garten. Der Durchschnitt mit 33 300 Hennen pro Betrieb bräuchte durchaus riesige Vorgärten. Der Schnitt in Biobetrieben liegt „nur“ bei beschaulichen 13 500 Tieren. Aber auch hier sind Ställe mit bis zu 200 000 Hennen keine Seltenheit. Idyllisch.

Und doch reden wir uns ein, Eier mit Freiland- oder Bio-Label kämen von Glückshühnern. Dabei haben auch Biohennen mit 3000 Tieren pro Stalleinheit und 6 Lebewesen auf einem Quadratmeter nicht annähernd die Voraussetzung, ein Leben zu führen, das diesem Wort überhaupt nahekäme. Höchstens 60 Artgenossen wären für die Vögel überschaubar, um eine annähernd machbare Rangordnung herzustellen. Doch auch jede 2. Biolegehenne stammt aus Großbetrieben mit 30 000 Tieren. Und obwohl für Biolegehennen ein Freilauf für sage und schreibe ein Drittel ihrer kurzen Lebenszeit vorgeschrieben wäre, wird ihnen gar zu oft selbst das noch zusätzlich erschwert. Manchmal durch fehlende Deckung, die sie bräuchten, um sich hinauszuwagen oder durch verbotene Vorrichtungen, die sie schlicht daran hindern. Mit einem Marktanteil bei Bio unter 10 %.

Weitere supermarkteigene Labels suggerieren Konsumenten eine Verbesserung, die in der Realität höchstens zwischen katastrophal und minderschlecht unterscheidet.

 

© we animals Archive

 

Die Freiland- und Bodenhaltung sind dementsprechend noch übler. Als Böden gelten auch Gitterböden, durch die sich die Hennen übereinanderstapeln lassen. Als Nestfläche stehen je 120 Tieren ein Quadratmeter zu. Und obwohl die Käfighaltung in Deutschland inzwischen verboten ist, gelten Käfige mit bis zu 60 Tieren nicht als Käfige, sondern als sogenannte Kleingruppenhaltung, die 12 Tiere pro Quadratmeter zulässt.

Das BMLE schreibt zur Biohaltung: „Eine künstliche Beleuchtung der Ställe fördert die Legeleistung und ist bei Biohennen in Kombination zum natürlichen Licht auf täglich insgesamt maximal 16 Stunden zu begrenzen.“ Schlaf wird überbewertet. Wer sich einmal den Lärmpegel in diesen Ställen und das Gedränge vorstellen möge, sollte sich ein Leben in einem überfüllten Schulbus vorstellen – jedoch ohne die Möglichkeit, vor Lebensende auszusteigen.
Falls eine Krankheit ausbricht, ist es unmöglich, ein einzelnes Tier zu finden und zu behandeln. Alle werden über das Trinkwasser mit Breitbandantibiotika versorgt. Übrigens auch Biolegehennen. Es gelten nur längere Wartezeiten.

 

Und du denkst wirklich, du kaufst nur Glückseier?

 

Wir glauben immer sehr gerne, dass wir ja gar nicht viele Eier verzehren. Vielleicht mögt ihr sogar gar keine Frühstückeier. Und doch konsumiert ihr mehr davon, als euch bewusst ist. Mir zumindest war die Größenordnung lange nicht klar. Ich dachte, wenn ich gar keine Eier kaufe, dann hält sich der Schaden in Grenzen. Und wenn doch mal ein Kuchen anstand, holte ich eben Freiland- oder Bioeier. Fürs gute Gewissen. Weit gefehlt.

235 Eier isst jeder Mensch in Deutschland pro Jahr im Durchschnitt. Das sind bei einer vierköpfigen Familie 940 Eier im Jahr. Und in diesem Durchschnitt ist jedes Baby, jeder Veganer und jeder Allergiker ebenfalls eingerechnet. Es sind also in Wahrheit noch ein paar mehr. Ihr aber sicher nicht? Dann überlegt mal kurz mit. Selbst wenn ich jede Woche eine Zehnerpackung Eier von meinem freundlichen Nachbarn und seinen geretteten Legehennen für meine vierköpfige Familie bekäme, wäre das nur rund die Hälfte dieses Durchschnittverbrauchs. Und da 98-99 % der konsumierten Eier nicht aus Nachbargärten und Hühnermobilen auf Wiesen stammen, geht die Rechnung vorne und hinten nicht auf.

Tatsächlich liegt das Problem nämlich an anderer Stelle. Wir gehen morgens zum Bäcker oder essen mittags in der Kantine, gehen ins Restaurant, wir sind bei Freunden zum Essen eingeladen, im Cafe, auf Festen und Veranstaltungen, am Imbiss und nicht zuletzt im Urlaub. Und überall finden wir Gerichte, in denen Eier verarbeitet sind. Ob in Kuchen, Spätzle, Panade – selbst in manchen Eissorten ist Ei enthalten. Dreht mal eure Supermarkteinkäufe um und lest Zutatenlisten. Eier. Selbst wenn ihr euer eigenes Huhn im Garten versorgen und liebhaben würdet: Ihr habt sicher weder den Bäcker, noch eure Freunde oder den Kellner und auch nicht im Urlaub gefragt: „Können Sie mir bitte den Namen der Henne nennen, die für dieses Gericht fast täglich in einem Megastall ein Ei legen musste?“ Never. Macht euch nichts vor. Ihr konsumiert am laufenden Band krasses Tierleid.

 

© ARIWA Bio- Kadavertonne

 

Hinter der Zutatenliste

 

Ein Huhn könnte 6-10 Jahre alt werden, einige sogar älter. Wenn man es ließe. Legehennen werden höchstens 15-18 Monate. Biolegehennen eingeschlossen. Falls sie überhaupt so alt werden, denn die sogenannte Verlustrate liegt bei bis zu 18%. Also knapp ein Fünftel, das durch Krankheiten, Deformationen, Knochenbrüche, Kannibalismus oder Federpicken vorher stirbt. Gegen das Federpicken kann man per Ausnahmegenehmigung, da diese Praxis inzwischen eigentlich verboten ist, den Küken die Schnabelspitze mit einem heißen Eisen wegbrennen. Die Nerven, die dort enden, finden das sicher nicht so toll. Ohne Betäubung versteht sich. Manche Hühner haben anschließend Probleme mit der Nahrungsaufnahme.

In Niedersachsen steht Europas größter Geflügelschlachthof. 432 000 Hühnchen enden dort täglich. 450 Tiere in der Minute schafft diese Tötungsmaschinerie. Legehennen sterben wie ihre Mastkollegen. Mit einer Betäubung kopfüber in einem Elektrobad, falls sie in diesem Moment nicht ihren Kopf anheben. Dann sind sie nämlich nicht betäubt, wenn das Band weiterläuft, um ihnen den Hals aufzuschneiden. Alles für Eier, die Menschen essen wollen.

Foodwatch stellte fest: „Statistisch gesehen war zudem mindestens jedes vierte Hähnchen vorher ein kranker Hahn, wurden 4 von 10 Eiern von einer Henne mit Knochenbrüchen gelegt.“ Die Haltungsart machte dabei keinen wirklichen Unterschied.

 

© we animals Archive

 

Frohe Ostern

 

Die ganze Kennzeichnung könnte man sich in vielerlei Hinsicht schenken. Abgesehen von den gigantischen Tierzahlen und demselben Schlachthofende, gilt die Kennzeichnungspflicht, die über die Herkunft Auskunft geben soll, schon nicht mehr bei verarbeiten Produkten wie z.B. Nudeln. Also einem großen Teil unseres täglichen Konsums. Auch gefärbte Eier fallen unter „verarbeitet“. Ostereier können deshalb durchaus auch aus Käfighaltung anderer Länder importiert sein.

An Ostern werden zusätzlich 500 Millionen Eier mit einem Umsatz von 125 Millionen Euro in Deutschland vermarktet. Wenn wir kurz überlegen, dass wir circa 82 Millionen Einwohner haben…. Für Legehennen ist Ostern ein Fest des Todes. Da die Tiere anderthalb Jahre legen müssen, wird Ende November, Anfang Dezember bereits die neue „Mannschaft“ eingestallt, damit bis Ostern eine größere Belegung das zusätzliche Eiergeschäft bewältigen kann. Danach ist für die Alteingesessenen Schluss mit lustig. Sie sind jetzt wertlos – wie zuvor ihre Brüder.

Ein Tiertransportfahrer erzählte uns einmal, er sei für die „Hühnerbarone“ in Norddeutschland gefahren. Die Tiere seien oft so fertig, dass sie offene Kloaken aufwiesen. Nicht selten wurde der Stall einfach dicht gemacht und die Tiere entsorgt. Wenn er sie zum Schlachthof fuhr und es dementsprechende Temperaturen gab, seien die Tiere in den äußeren Kisten auch schon gefroren angekommen.

 

© ARIWA Legehennen Bodenhaltung

 

Der wertlose weibliche Part und das Geschäft mit der Armut

 

Für Eier sterben also nicht nur die männlichen Küken, sondern auch die weiblichen Vögel, deren Entsorgung oft noch teurer ist, als sie zu verschenken. Nicht umsonst gibt es Landwirte, die ihre Tiere an die Organisation „Rettet das Huhn“ verschenken. Selbst damit macht der Bauer unter Umständen noch Gewinn. Selbst kleine Biobauern müssen teils an Unternehmen verschenken, die dann Gewinn damit machen, die ausgedienten Tiere zu holen, um sie zerkleinert und wieder zusammengesetzt als Chicken Nuggets zu verkaufen. Ansonsten müsste man die Tiere selbst loswerden. Im Klartext: Umbringen lassen, ohne das Fleisch zu verwerten und dafür auch noch bezahlen.

An der Geflügelbörse von Barneveld ist zu beobachten, dass Suppenhühner mit Glück noch ein paar Cent bringen, im schlimmsten Fall jedoch sind ein paar Cent pro Kilo zu zahlen, um Abnehmer zu finden. Legehennen setzen eben kein Fleisch an und Suppenhühner sind hierzulande nicht mehr groß gefragt. Also exportiert man sie als Billigfleisch zum Beispiel nach Afrika. Bis sie am Bestimmungsort landen, kann es durchaus sein, dass sie ein paar mal auftauen. Mit Spottpreisen zerstören sie afrikanische Märkte und treiben einheimische Bauern in den Ruin. Wir exportieren nicht Nahrung – wir exportieren Hunger.

Auch in Deutschland würde ohne staatliche Subventionen kein Tierhalter leben können. Kostete ein Ei 1943 umgerechnet noch 48 Cent, so zahlt man 2018 im Discounter gerade mal 14 Cent. Abzüglich aller Kosten für Stall, Futter usw. bleibt den Bauern heute oft weniger als ein Cent Gewinn pro Ei.

In der Schweiz landen eine halbe Million ausgedienter Legehennen auch in Biogasanlagen.

 

Wer ernährt wen?

 

Ist das wirklich ein Beruf, den man empfehlen kann? Oder könnte dieser Bauer nicht viel besser leben, würde er das Futter direkt als menschliche Nahrung anbauen und verkaufen? Die Landwirtschaftskammer Niedersachen empfiehlt als Tipp 1, Futtermischung für Legehennen: Mais 40%, Weizen 15%, Gerste 5%, Sojaschrot 12%, Sonnenblumenschrot 12%, Bierhefe 3%, Sojaöl 2-3%, Steinkalk 8-9%, Vormischung 2%. Wenn das mal in keiner direkten Nahrungsmittelkonkurrenz zum Menschen steht, was dann? Auch Hühner brauchen Nahrung für Lebensenergie und setzen ihre Futterkalorien nicht 1:1 in tierische Kalorien um. Einen Teil des Futters scheiden sie wie alle Lebewesen einfach wieder aus. Bei Eiern liegt der Verlust an eingesetzten pflanzlichen Kalorien bei 3:1. Schade um die Verschwendung. Niemand zwingt uns, diese Tiere extra alle züchten.

 

 

 

Andere Haltung und alles gut?

 

Gerne wird ja auch argumentiert, dass wir die Tiere halt einfach wieder rauslassen müssten. Zum Picken und Scharren und Nahrung selbst suchen. Nettes Gedankenspiel. Würden wir alle Legehennen in Deutschland nach Bio-Standard halten, entspräche das einer immensen Fläche. Nur für Legehennen. Nur in Deutschland. Noch keine Masthühner, Puten, Schweine usw. eingerechnet. Und der Futtermittelanbau wäre dabei noch nicht einmal berücksichtigt. In Bioland oder demeter Betrieben muss mindestens 50 % des Gesamtfutterbedarfs aller Tiere auf dem Betrieb selbst erzeugt werden oder aus einer regionalen Kooperation mit einem Ökobetrieb stammen – wir würden sehr schnell an die Endlichkeit unserer Anbauflächen stoßen.

Und wenn wir schon ständig über das Klima reden: Pro Kilogramm Eier verzeichnet man 1,93 Kilogramm CO² Äquivalente. Für ein Ei werden 200 Liter virtuelles Wasser berechnet und der Landbedarf für Legehennen ist ebenfalls höher, als für pflanzliche Nahrungsmittel. Je länger und weniger schlecht die Tiere leben, desto höher ist der ökologische Fußabdruck.

 

„Nebenwirkungen“

 

Weder umweltfreundliche Aspekte, noch gesundheitliche Vorteile begleiten das Ausnutzen, Züchten und Töten von Hühnern. 77% aller Hühnchen sind keimbelastet. Das Robert-Koch-Institut rät, bei der Zubereitung Einmalhandschuhe zu tragen. Über Gülle und Abluft der Ställe gelangen die Bakterien auch auf umliegende Felder und somit auch auf Gemüse. Eier selbst werden nicht gewaschen, da die Gefahr dadurch steigt, dass Keime ins Ei gelangen. Auch die goldgelbe Farbe des Dotters ist kein Indiz für die Gesundheit der Tiere. Sie entsteht durch Farbstoffe, die dem Futter beigemengt werden.

Wir könnten den Tieren und uns so viel ersparen. Die Vogelgrippe 2016/2017 war so riesig wie nie. Insgesamt wurden weit über eine Million Tiere in Deutschland vorsorglich getötet. Ob es um Salmonellen oder E-Coli geht, um Dioxin– oder Fipronil-Skandale – es wäre schlichtweg nicht nötig. Und wieso wollen wir unbedingt weiter Antibiotikaresistenzen fördern, die unser aller Leben und Gesundheit inzwischen regelrecht bedrohen?

 

Schöner töten nach ein paar Wochen?

 

Und doch pochen so viele Menschen auf ihr Recht an tierischen Produkten wie Eiern. Obwohl es nicht „ihre“ Eier sind. Sie reden von Zweinutzungshühnern oder Bruderhahn-Initiativen, um sich das Gewissen zu erleichtern. Ist das nicht bereits ein Zeichen, dass wir genau wissen, dass es nicht in Ordnung ist, wie wir Tiere behandeln und töten, ohne dass wir in Notwehrsituationen sind oder verhungern würden? Wir reden uns ein, dass es weniger schlecht ist, wenn das männliche Küken nicht sofort vergast wird, sondern erst zu Tausenden ein paar Wochen gemästet, dann eingesammelt und transportiert wird, um dann kopfüber im Elektrobad zu hängen und anschließend auszubluten? Sind diese wenigen Wochen wirklich unsere Ausrede, um Töten zu legitimieren? Ich nenne es Greenwashing.

Seit 2002 wird vom Ende des Kükentötens geredet. Ein Gesetz wird immer wieder verschoben. Und trotzdem habe ich niemand jemals sagen hören: „Dann esse ich solange keine Eier mehr, bis das abgeschafft ist.“ Auch ein paar Wochen später sind diese Tiere genau genommen noch Tierkinder in hochgezüchteten Körpern. Auch nach ein paar Wochen sterben sie nicht freiwillig. Sie haben höchstens schon eine differenziertere Wahrnehmung, was ihnen an Leid, Angst und Schmerzen widerfährt.

Und ist es wirklich weniger schlimm, Erwachsene zu töten? Oder ist es weniger schlimm, die Abermillionen befruchteten „männlichen“ Eier mit einem Früherkennungssystem auszusortieren, um sie zu zerhäkseln, bevor das Küken schlüpft? Nur, weil wir dann noch nichts flauschiges Gelbes gesehen haben? Nur, weil es die Schale noch nicht durchbrochen hat? Das passiert übrigens sowieso täglich bereits in Brutfabriken, die Legehennen „produzieren“ (auch in Masthühnerbrütereien). Alle Küken, die nicht nach genau 21 Tagen in den Brutschränken geschlüpft sind, haben Pech und werden mit den restlichen Eierschalen zu einem Brei aus Fleisch. Warten geht nicht. Die Anlage muss schließlich neu besetzt werden und Zeit ist Geld.

 

Die Rechnung geht nicht auf

 

In sämtlichen Fertigprodukten sind weiterhin Eier von Hennen und deren Brüdern, die beide unrentabel sind, auch wenn ihr eure Eier aus Initiativen kauft, die euch eine heile Welt vorgaukeln. Selbst, wenn ihr euch eigene Hennen (oder wirklich auch Hähne?) in den Garten holt. Es bleibt das Restaurant, der Bäcker, der Urlaub und mehr. Auch wenn ihr mehr bezahlen wollt – das Zweinutzungshuhn hat einen Marktanteil von gerade einmal 0,1%. Es stirbt denselben Tod nach kurzer Zeit.

Wer sich dazu einredet, dass für jeden Bruderhahn ein Masthähnchen weniger geköpft wird, hat nicht zu Ende gerechnet. Die Hähne brauchen viermal länger, um genug Fleisch anzusetzen. Das heißt, für dieselbe Menge an Fleisch braucht der Bauer viermal soviel von allem: Futter, Zeit, Wasser, Arbeit, es gibt viermal soviel Klimabelastung und Gülle.

Gleichzeitig würde die Henne aus der Zweinutzungszucht sehr viel weniger Eier legen UND der Hahn mehr Futter und Zeit benötigen- es bräuchte also noch eine zusätzliche Henne und schon ist die angebliche Einsparung an Tieren nichts als ein Märchen. Und wollen wir wirklich Leben aufrechnen? Zeigt uns das nicht wieder, dass unser Herz bereits weiß, dass da „eigentlich“ etwas ganz falsch läuft?

 

Es ist so einfach!

 

Wieso also sollten wir uns 2019 noch selbst belügen und Vogeleier konsumieren, die wir nicht brauchen? Noch zwei Generationen vor uns gab es im Winter keine Eier. Weil Vögel keinen Grund haben, im Winter Nachwuchs zu bekommen. Deshalb waren Vanillekipferl, Apfelbrot und vieles an Weihnachtsgebäck ursprünglich quasi vegan. Wir haben so viele Möglichkeiten, Leckeres zu backen und zu kochen. Wir leben im 21. Jahrhundert und können mit Suchmaschinen im Netz innerhalb von Sekunden pflanzliche Rezepte zu unseren Lieblingsspeisen finden. Fragt euch, ob es sinnvoll ist, weiter etwas zu konsumieren, nur weil es die Mehrheit aus Gewohnheit tut.

Leider habe ich viel zu spät angefangen, mir diese Frage zu stellen und es tut mir unendlich leid. Aber es ist nie zu spät, Unrecht zu beenden. Oder Teil des Lösung zu werden. Es ist sogar ganz einfach. Man kann jederzeit damit beginnen, Eier und andere tierische Produkte zu streichen.

Jetzt zum Beispiel.

Ab dieser Sekunde.

 

 

© Land der Tiere

 

 

  1. Abstammung: https://www.planet-wissen.de/natur/haustiere/huehner/index.html []
  2. sehenswerthttps://www.youtube.com/watch?v=2S6vPaGzSr8 []

„Do you think, you’re better…?“ Über die Auswirkungen unseres Handelns

Wenn anderweitige Argumente fehlen, werden VeganerInnen oft kurzerhand auf emotionaler Ebene beschuldigt: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres!“. Dieser Angriff auf die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen trifft diesen natürlich gerne direkt ins Herz. Vor allem, weil er sämtliche sachlichen Argumentationsgrundlagen komplett außen vor lässt. Hinzu kommt, dass sich darauf nicht einfach ohne weitere Erklärung antworten lässt, denn es trifft nur ein eindeutiges „Jein“ zu:

„Nein, ich halte mich nicht für einen besseren Menschen und ja, ich halte ein paar meiner Handlungen für besser oder aber auch schlechter, als die anderer Menschen.“

Die Frage, ob man sich als besseren Menschen sieht, stellt diesen Menschen zunächst undifferenziert in eine Ecke zu „schlechten Eigenschaften“, die keiner gerne hat. Sie zielt darauf ab, jemanden auf Gefühlsebene zu treffen, anstatt die Handlungen objektiv nach deren Auswirkungen zu beurteilen. Die Herausforderung, sich daraufhin entweder selbst abzuwerten oder über den/die andere/n zu erheben, erfordert in der Antwort eine Klarstellung, was uns Menschen zu dem macht, was wir sind und wie wir gesehen werden.

 

 

Nicht „wer“, sondern „was“ ist besser? Mitgefühl haben oder ohne Notwendigkeit töten?

 

Veganismus – sich nicht über andere stellen

 

VeganerInnen sind so unterschiedlich wie NichtveganerInnen. Man könnte auch sagen, es gibt unterschiedliche Frauen genauso wie unterschiedliche Männer, unterschiedliche Europäer ebenso wie verschiedenste Amerikaner…eine Liste ohne Ende. Und überall, wo Menschen gruppiert werden, sind sicher welche dabei, die sich gerne überlegen fühlen (möchten) – intellektuell, moralisch oder aus finanziellen Gründen. Das Überlegenheitsgefühl passt nur schlicht und ergreifend nicht auf Menschen, die sich genau aus jenem ethischen Grund dazu entschieden haben, vegan zu leben: Weil sie sich gerade nicht für etwas Besseres oder Wertvolleres halten.

Bei dieser Art des Vorwurfs wird nun ausgerechnet eine moralische Handlung kritisiert, die selbst aus Sicht von NichtveganerInnen scheinbar durchaus als besser angesehen werden könnte. Dazu gleich mehr. Ganz übersehen wird nämlich, mit oder ohne Absicht, dass es beim Veganismus gar nicht darum geht, besser oder schlechter zu sein. Es geht dabei noch nicht einmal um die eigene Person und noch weniger um das eigene Wohlbefinden, ganz zu schweigen von der eigenen hierarchischen Erhebung über andere. Im Gegenteil- es geht um die Bedürfnisse und Rechte aller Mitlebewesen.

Es ist also irrelevant, höher, schneller, weiter, intelligenter, schöner, gesünder oder fitter zu sein. Entscheidend ist einzig, fair zu handeln. Da wir uns selbst unnötiges Leid und gewaltsamen Tod ersparen wollen, möchten VeganerInnen fairerweise, dass ihr Handeln ebensowenig unnötig Schmerzen und Tod anderer verursacht, die einfach glücklich leben könnten.

 

Die Ablenkung in andere Themenbereiche

 

VeganerInnen nehmen dabei sogar sehr oft in Kauf, wegen ihrer Lebensweise ausgelacht, teilweise sogar beschimpft oder als dumm dargestellt zu werden. Wären sie darauf aus, sich erhaben fühlen zu wollen, diese Reaktionen kämen dem eigenen Wohlbefinden nicht gerade zugute. Als Ablenkungsmaßnahme fungieren die emotionalen Übergriffe perfekt: Der/die Ausgelachte ärgert sich und kann nicht mit sachlichen Informationen argumentieren, weil das ehrliche Interesse des Gegenübers fehlt.

Wenn über das Thema Tiere essen diskutiert wird, lenken nichtvegane Menschen in den allermeisten Fällen kurzerhand auch auf andere Bereiche ab:

„Nur weil du…. – Ich achte dafür auf…“.

Dieses Ablenken vom Thema führt dazu, nicht mehr über den eigentlichen Punkt diskutieren zu müssen, um den es ursprünglich ging. Die Reflexion der eigenen Verantwortung am Töten von Lebewesen wird damit ganz einfach umgangen.

Dabei wird ein/e VeganerIn nie bestreiten, dass es sicher besser ist,

– Plastik zu vermeiden, als alles in Kunststoff eingeschweißt zu kaufen…

– Second Hand zu tragen, als in Bangladesh produzieren und Menschen ausbeuten zu lassen…

– mit dem Fahrrad zu fahren, als das Auto zu nehmen…

– Entwicklungshilfe und ärztliche Versorgung zu leisten, als Waffen zu verkaufen…

– Mitleid zu haben und leben zu lassen, als ohne Notwendigkeit zu töten…

Weder vegane noch nichtvegane Menschen würden sagen: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres, weil du mit dem Fahrrad fährst!“ Meist wird sogar gelobt oder für unterstützenswert gehalten, wenn jemand beispielsweise darauf achtet, möglichst plastikfrei zu leben. Niemand wird dem-/derjenigen entgegnen, er/sie halte sich wohl deshalb für etwas Besseres. Und was wäre auch die Antwort auf diese Frage?

Genausowenig würde jemand einzelne Bereiche gegeneinander ausspielen. Wer würde schon argumentieren: „Ja, meine Kinder bekommen hin und wieder mal eine Ohrfeige, aber dafür helfe ich ehrenamtlich im Seniorenheim!“ oder „Ja, ich gehe schon recht verschwenderisch mit Lebensmitteln um, aber dafür trenne ich meinen Müll vorbildlich!“ Oder, um es mal zu überspitzen: „Ja, in meiner Fabrik lasse ich Kriegswaffen produzieren, aber ich nehme regelmäßig an Friedensmärschen teil, unterstütze den Erhalt des Hambacher Forsts und außerdem drücke ich ja nicht selbst den Abzug!“

 

Kein/e VeganerIn findet Plastikmüll klasse. Jede/r würde zustimmen, dass Vermeidung das bessere Verhalten wäre. Wieso können Menschen beim Thema Töten dann nicht zustimmen, dass Vermeidung die bessere Alternative ist…?

Die Auswirkungen unseres Handelns

 

Jeder nicht-vegane Mensch wird mit allen weiter oben aufgeführten Beispielen so einverstanden sein. Die einzige Ausnahme gilt dem Punkt, ohne Notwendigkeit zu töten. Da steht plötzlich zur Debatte, dass es keine alternative/bessere Wahl gibt.

Es folgt nicht selten ein Fehlschluss, den viele Nichtveganer begehen: Wer moralische Entscheidungen trifft, ist automatisch in allen Lebensbereichen unfehlbar. Eine unrealistische Utopie. Kein Mensch ist perfekt. Seine Handlungen können in verschiedenen Lebensbereichen ganz unterschiedlich aussehen. Durchaus können jedoch die Auswirkungen dieser Handlungen besser oder schlechter sein. Ob diese Klima, Umwelt oder Leben und Tod betreffen. Selbst pünktlich zu sein, wird in unserer Gesellschaft als besser oder erstrebenswerter erachtet, als regelmäßig zu spät kommen. Nun hat eine Verspätung bis auf die Wartenden keinen Effekt, der das Leben und die Unversehrtheit eines anderen aufs Spiel setzt, außer man ist vielleicht Notarzt. Und niemand wird bestreiten, dass es durchaus schlechter ist, seinen Müll im Wald zu entsorgen oder jemanden unnötig zu beklauen, als bei Verabredungen zu spät zu erscheinen. Wieso also machen nicht-vegane Menschen ausgerechnet bei einer Handlung, die das Leben von Abermilliarden Lebewesen ganz direkt unnötig und absichtlich gewaltsam beendet, am Liebsten einen Vergleich mit Plastik? Oder mit Mücken auf Windschutzscheiben, die sie noch nicht einmal als positive Vermeidungshandlung in die eigene Waagschale werfen könnten?

Unsere Handlungen haben Auswirkungen, die wir normalerweise ganz gut kennen. Manche davon sind offensichtlich, andere sind vielleicht nicht im selben Augenblick wahrnehmbar und lassen sich dadurch besser verdrängen. Je nachdem, ob die Auswirkungen Dritte positiv oder negativ betreffen, entsteht ein automatisches Wohl- oder Schuldgefühl, sobald dies jemand thematisiert. Ablenkung und Angriff sind oft rein nahe liegende Reaktionen, die übrig bleiben, um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, besser handeln zu können, wenn man denn wollte.

 

Niemand muss perfekt sein, um zu erkennen, dass Lebewesen Gefühle haben.

Wir wissen was wir tun. Aber wollen wir?

 

In der Regel möchte niemand jemand anderem wissentlich schaden. Wenn wir Tiere essen, ist uns allerdings bewusst, dass das Tier dafür getötet wird. Wir schaden also wissentlich. Wir nehmen den Tod in Kauf, obwohl es unnötig ist. Es bringt uns in Verlegenheit, wenn Offensichtliches angesprochen wird, das wir ungern wahrhaben möchten. Wir wissen jedoch genau, dass es besser wäre, kein unnötiges Leid zu verursachen. Wir haben ein Verhalten gefunden, das das Gegenüber wortwörtlich besser macht und wieso sich das Gegenüber deshalb für etwas Besseres halten könnte. Die Frage bringt also VeganerInnen in eine Zwickmühle in Sachen Ergebnisse, die Menschen aus der Antwort ableiten (möchten). Antworten sie mit: „Nein, tu ich nicht“, dann stellt das augenscheinlich NichtveganerInnen eine Freikarte aus, ihre Handlungsweise hier gar nicht ändern zu müssen, obwohl sie mit der Frage absichtlich nicht nur den Bereich Tiere töten meinen. Antworten VeganerInnen mit „Ja, ich finde Veganismus besser als Tiere zu essen“, dann gelten sie als abgehoben und eingebildet, wieder, weil die Frage gar nicht auf das spezifische Verhalten abzielte, sondern auf die gesamte Person.

Menschen wissen im Grunde ihres Herzens genau, dass die Summe ihrer Handlungen sie zu dem Menschen macht, der sie sind.

Und dass bestimmte Handlungen negativere und tödlichere Auswirkungen haben, als andere.

Wenn du also einen Grund findest, der plausibel genug ist, warum sich Menschen moralisch besser fühlen könnten, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen anwenden, dann ist das wahrscheinlich ein guter Grund, in Zukunft selbst danach zu handeln

Haben wir eigentlich einen Knall? Silvesterfeuerwerk - Der einen Freud, der anderen Leid

Silvester. Während sich die einen bereits darauf freuen mit einem krachenden Feuerwerk fulminant ins neue Jahr zu starten, ist den anderen genau dieses Ereignis ein Gräuel, das ihnen jede Vorfreude auf den Jahreswechsel verdirbt. Was für die einen ein guter alter Brauch ist, für den man gerne mal bedenkenlos 137 Millionen Euro in einer einzigen Nacht ‚verbrennen‘ darf, empfinden die anderen als einen unsinnigen, gewalttätigen Akt der Verschwendung und Ignoranz.1

Sind die Kritiker*innen des Feuerwerks einfach nur spaßbefreite Langweiler*innen, oder haben sie vielleicht gute Gründe, sich nicht an dem Spektakel zu beteiligen? Sie haben. Wer beabsichtigt, sich auch dieses Jahr wieder an der Knallerei zu beteiligen, sollte sich zuvor mit diesen Argumenten auseinandersetzen.

Feuerwerke verursachen Tierleid

Wir sind nicht allein auf dieser Welt, sondern tragen Verantwortung für das Wohlergehen der anderen Lebewesen, mit denen wir uns diesen Planeten teilen.

Bei vielen Tierarten lösen Lärm, Lichtreize und intensive Gerüche massiven Stress aus. Tiere haben oftmals ein wesentlich empfindlicheres Gehör und einen feineren Geruchssinn als wir Menschen. Beides ist für viele überlebensnotwendig. Ihre geschärften Sinne warnen sie frühzeitig vor potenziellen Gefahren und ermöglichen eine rasche Flucht.

Feuerwerke werden von den meisten Tieren als extreme Bedrohung wahrgenommen. Wenn das Krachen und Blitzen in der Silvesternacht plötzlich losgeht, reagieren sie oft panisch. Viele bekommen Todesangst. Egal ob Wildtiere, Haustiere oder sogenannte Nutztiere: Für sie ist diese Nacht ein absoluter Ausnahmezustand. Hunde zittern oft noch Stunden nach dem Feuerwerk vor Aufregung am ganzen Körper. Haustiere, die nicht eingesperrt sind, rennen in Panik weg und kehren erst nach Tagen oder vielleicht auch nie wieder heim. Auch Wildtiere werden aufgescheucht und rennen in alle Richtungen davon. Manche werden auf der Flucht von Autos erfasst und getötet, wieder andere finden nicht mehr zu ihren Familien zurück. Igel werden im Winterschlaf gestört oder gar aufgeweckt und verbrauchen sinnlos lebenswichtige Energiereserven. Millionen Vögel schrecken in ihren Schlafplätzen auf und steigen scharenweise orientierungslos in große Höhen auf. Viele überleben den Schock und die Anstrengung nicht.2

Im Jahr 2011 kam es in der Silvesternacht im US Bundesstaat Arkansas zu einem gruseligen Ereignis. Auf einer Strecke von zwei Kilometern fielen während des Feuerwerks mehr als 3.000 Amseln tot vom Himmel. Das Ereignis war so gespenstisch, dass manche Einwohner*innen später berichteten, sie hätten geglaubt, dies sei der Beginn der Apokalypse.3

Wer böllert, unterstützt fast immer Ausbeutung und Kinderarbeit

Die pyrotechnische Industrie in Deutschland beschäftigt gerade mal 3.000 Menschen.4 Die Hauptproduzenten der Feuerwerkskörper sind China und Indien, die mit ihren Produkten 97% des Weltmarktes decken.5

Die Produkte werden dort unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt. Nach Angaben der Kampagne aktiv gegen Kinderarbeit arbeiten allein in Indien ungefähr 70.000 Kinder in der Feuerwerksindustrie. Laut Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi fangen die Kinder schon mit fünf Jahren zu arbeiten an. Zehn bis Zwölfjährige arbeiten bis zu 13 Stunden am Tag – sechs Tage die Woche. Sie verdienen nur einen Bruchteil dessen, was die erwachsenen Arbeiter*innen bekommen, aber auch sie sind bei ihrer Arbeit extremen Gefahren ausgesetzt. Verätzungen durch giftige Chemikalien und schwere Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung.6

Feuerwerke belasten die Luft und produzieren tonnenweise Müll

Laut Umweltbundesamt werden allein in der Neujahrsnacht in Deutschland rund 4.500 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Diese Menge entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge.7 Angesichts der ohnehin dramatischen Feinstaubbelastung insbesondere in vielen Innenstädten überrascht es, dass in der Diskussion über mögliche Gegenmaßnahmen nur wenige Akteure ein Verbot von Silvesterfeuerwerken fordern. Es wäre eine naheliegende, leicht umsetzbare, sofort wirksame Maßnahme.

Wenn alles vorbei ist … (Foto: Pixabay)

Silvesterfeuerwerke produzieren tausende Tonnen Müll, der in den nächsten Tagen wieder eingesammelt und entsorgt werden muss. Obwohl das Abfallrecht eigentlich vorsieht, dass jede(r) Einzelne seinen/ihren Müll selbst wegräumen soll, geschieht dies tatsächlich fast überall in Deutschland durch die städtischen Straßenreinigungen, also auf Kosten der Steuerzahler*innen.

Allein in München entsorgten zu Jahresbeginn 150 Mitarbeiter*innen der städtischen Straßenreinigung mit Kehrmaschinen, LkW-Kippern, Mehrzweckfahrzeugen und Kleintraktoren 60 Tonnen Silvestermüll. Zehn Tonnen mehr als im Vorjahr.8

Während in den Städten das gewohnte Straßenbild schnell wieder hergestellt ist, kümmert sich nahezu niemand um die Feuerwerksreste, die auf die Wälder, Felder, Wiesen und Gewässer herabfallen. Millionen von Plastikteilen, die Jahrzehnte brauchen, um zu verrotten.

Gesundheitsgefährdung und Körperverletzung

Es gibt gute Gründe, warum es Privatpersonen ohne Sondergenehmigung an 364 Tagen im Jahr verboten ist, ein Feuerwerk abzufackeln. Allein dass dies eine Verordnung zum Sprengstoffgesetz regelt, lässt ahnen, dass das Silvestervergnügen wohl ein durchaus gefährlicher Spaß ist.9 Wir bringen große Mengen Sprengstoff zur Detonation und gefährden dadurch uns selbst und andere. Jedes Jahr verletzen sich hunderte Menschen in der  Silvesternacht beim Hantieren mit Feuerwerkskörpern schwer. Manche Unfälle enden tödlich. Allein das Unfallkrankenhaus Berlin zählte in der Nacht zum Jahreswechsel 2018 21 Verletzte. Mindestens fünf Patienten erlitten schwere Amputationsverletzungen. Das Team der Handchirurgie arbeitete durchgehend in drei Operationssälen.10

Außerdem werden auch viele unbeteiligte Menschen verletzt. Sie erleiden häufig Verbrennungen oder sogenannte Knalltraumata, wenn sie in der Nähe sind, wenn (oftmals alkoholisierte) Mitmenschen grob fahrlässig mit Böllern hantieren oder diese gar mutwillig in die Menge werfen.  Bei den männlichen Verletzten der Silvesternacht sind 40% der Unfälle fremdverschuldet, bei Frauen ist der Anteil der Fremdverschuldung mit 80% sogar doppelt so hoch.11

Knallkörper erzeugen eine Lautstärke von bis zu 180 Dezibel. Die Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs liegt bei ca. 120 Dezibel. Lärm, der diesen Pegel übersteigt, schädigt die Ohrzellen im Innenohr. Sterben die Hörzellen ab, sind sie unwiderbringlich verloren. Bereits ein einziger Knall von mehr als 150 Dezibel kann ein Knalltrauma auslösen und zu Schwerhörigkeit und dauerhaften Ohrgeräuschen führen.12 Aus einer Mitteilung des Ärzteblatts geht hervor: In Deutschland erleiden jährlich 8.000 Menschen an Silvester Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Rund ein Drittel behält bleibende Schäden.13

Erst nachdenken, dann nicht böllern

Die Argumente gegen Böller und Raketen sind begründet und leicht nachvollziehbar. Fragt man die Befürworter*innen nach ihren Argumenten pro Feuerwerk, so bekommt man in der Regel keine substanzielle Gegenrede, sondern eher schwache Argumente wie ‚Das Feuerwerk zu Silvester ist einfach eine schöne Tradition‘, ‚Ich mache das auch nur wegen der Kinder‘ oder ‚Wollt ihr jetzt alles verbieten, was Spaß macht‘ zu hören.

Spaß zu haben ist natürlich ein legitimer Wunsch. Allerdings endet unser Recht auf Spaß genau da, wo es anderen vorsätzlich Schaden zufügt. Sich auf Kosten anderer zu amüsieren, die vielleicht mit ihrer körperlichen Unversehrtheit oder ihrem Leben dafür bezahlen, ist nicht lustig, sondern egoistisch und ignorant.

Kinder sind mühelos in der Lage, zu verstehen, warum man sich ab sofort nicht mehr an der Knallerei beteiligt. Würde man ihnen z.B. erklären, dass die Feuerwerkskörper von Kindern ihres Alters am anderen Ende der Welt unter furchtbaren Bedingungen gefertigt werden, oder dass tausende von Tieren in der Silvesternacht durch unsere Gleichgültigkeit leiden und sterben müssen, wären die meisten wohl sofort bereit, auf diese merkwürdige Tradition zu verzichten und stattdessen auf andere Weise Spaß zu haben.

Wie wäre es also, im Kreis der Familie das Thema einmal in Ruhe zu besprechen, um gemeinsam eine verantwortliche Entscheidung zu treffen? Man stelle sich vor, die Menschen in diesem Land würden sich kollektiv entschließen, 137 Millionen Euro für etwas wirklich Sinnvolles statt für Feuerwerkskörper auszugeben.

 

  1. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  2. Der Falke. Journal für Vogelbeobachter. 01/2013. https://blog.canoncam.de/media/blogs/cam/SONJA/Falke_Studie_Voegel_Silvester.pdf []
  3. Die Welt. Silvesterböller verursachen mysteriöses Vogelsterben. https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article11962392/Silvesterboeller-verursachten-mysterioeses-Vogelsterben.html []
  4. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  5. Die Stadt Liuyang in China ist mit 1700 Fabriken der größte Fabrikant. In Liuyang arbeitet ein Drittel der Bevölkerung in der Feuerwerksproduktion. Die Stadt Sivakasi in Südindien wird auch die ‚Feuerwerkhauptstadt‘ genannt. Mehr als 90% der aus Indien stammenden Feuerwerkskörper werden hier in über 800 Werken produziert. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  6. Kampagne ‚aktiv gegen Kinderarbeit‘. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  7. Umweltbundesamt. Dicke Luft zum Jahreswechsel. https://www.umweltbundesamt.de/themen/dicke-luft-jahreswechsel?fbclid=IwAR3MMtUcPfvBSR6fRixQJoheIyLs5EPAfbudtb95QZqzHff6SICez6x9oNQ []
  8. münchen.tv. https://www.muenchen.tv/strassenreinigung-60-tonnen-silvestermuell-mussten-entsorgt-werden-254400/ []
  9. Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz, § 23.  https://www.gesetze-im-internet.de/sprengv_1/__23.html []
  10. Spiegel online. http://www.spiegel.de/panorama/silvester-unfaelle-durch-boeller-und-silvester-fondue-a-1185749.html []
  11. Stille Nacht. http://web201.c10.webspace-verkauf.de/bi-stillenacht/index.php?pid=7&art=1963 []
  12. RP Online: Damit nach Silvester nicht das Knalltrauma bleibt. https://rp-online.de/leben/gesundheit/medizin/damit-nach-silvester-nicht-das-knalltrauma-bleibt_aid-13041051 []
  13. Ärzteblatt. Zahl der Woche. https://www.aerzteblatt.de/archiv/treffer?mode=s&wo=1008&typ=16&aid=133942&s=Silvester []

Liebe von uns genervte Mitmenschen (Teil II)

 

Liebe von uns genervte Mitmenschen,

wir geben zu, dass auch wir vegan lebenden Menschen nicht perfekt und nicht vor Widersprüchen gefeit sind. So ist uns klar, dass eine vegane Lebensweise auch für die Tötung von Tieren verantwortlich ist. Auch wissen wir, dass die Frage, was «unvermeidbar» ist, nicht so einfach entschieden werden kann. Wir trinken vielleicht auch mal einen Saft, bei dem wir nicht genau wissen, wie er geklärt wurde. Denn auch wir sind fehlbar und können die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, nicht ignorieren. Aber wir ziehen aus der Fehlbarkeit nicht den Schluss, dass alles erlaubt ist und nichts einen Unterschied macht. Auch nehmen wir lieber 98% als 0% und pfeifen nicht auf alles, nur weil 100% nicht möglich sind. Einem Ideal kann man folgen, auch wenn man es nicht zu 100% umsetzen kann. Erst recht in einer Welt, die in nahezu allen ihren Bereichen auf der Nutzung und Tötung von Tieren basiert.

Da ihr bereit seid, die Fehler der veganen Lebensweise aufzudecken, würde mich interessieren, wie ihr zu folgenden Widersprüchen steht:

  1.      Veganismus ist euch zu teuer, aber gleichzeitig behauptet ihr, nur Biofleisch zu essen.
     
  2.      Ihr entdeckt euer Herz für Pflanzen. Wisst ihr, dass die Tiere, die ihr esst, mit Pflanzen gefüttert werden, und so indirekt für eine omnivore Lebensweise viel mehr Pflanzen getötet werden?
     
  3.      Ihr seid sensibel für Pflanzen, aber seid nicht in der Lage, das Leiden eines Schweines oder einer Kuh zu sehen, ja stellt bisweilen sogar deren Empfindungsfähigkeit in Abrede.
     
  4.      Ihr seid nicht an der Ernährung anderer interessiert, bis ihr erfahrt, dass jemand vegan lebt. Dann werdet ihr auf einmal zu Ernährungs- und Gesundheitsexpert*innen. Wenn eine omnivor lebende Person krank ist, dann ist sie einfach nur krank. Wenn eine vegan lebende Person krank ist, dann ist sie krank, weil sie vegan lebt.
     
  5.      Ihr behauptet, der Mensch habe schon immer Fleisch gegessen. Was hat das mit Milch, Leder, Pelzen, Zoos, Zirkussen und Tierversuchen zu tun?
     
  6.      Ihr seid dafür, dass Erziehung Privatsache ist, und interveniert nicht, wenn jemand mit einem Kind zu McDonald’s geht oder den Einkaufswagen mit Chips und Cola füllt. Gleichzeitig schäumt ihr vor Wut, wenn ihr hört, dass jemand sein Kind vegan ernährt oder vegane Kitas eröffnen.
     
  7.     Ihr nennt uns «Veganazis» und «Ökoterroristen», aber werft uns vor, «extremistisch» und «radikal» zu sein.
     
  8.     Ihr erachtet einen Löwen als ethisches Vorbild, wenn es um Fleischkonsum geht, aber nicht, wenn es darum geht, Konkurrenz auszuschalten oder Infantizide zu rechtfertigen.
     
  9.      Veganer*innen verändern mit ihrer Lebensweise sowieso nichts, sind aber gleichzeitig für die Zerstörung von Arbeitsplätzen und den Regenwald verantwortlich.
     
  10.  Ihr könnt es euch leisten, jeden Tag Fleisch, Milch, Eier und Fisch auf hundert verschiedene Arten zu konsumieren, aber verspottet den Veganismus als «Wohlstandserscheinung».
     
  11.   Ihr prangert den Veganismus an, dass er nicht zu 100% erreichbar ist, aber sagt auch, man solle es nicht übertreiben und die «goldene Mitte» wählen.
     
  12.  Ihr werft uns vor, radikal und extrem, aber gleichzeitig nicht konsequent genug zu sein.
     
  13.  Ihr werft uns vor, bei der Beendigung der Tierhaltung würden die Tierrassen aussterben, aber gleichzeitig würden uns die ganzen freigelassenen Tiere überrennen.
     
  14.  Ihr könnt euch vorstellen, dass von heute auf morgen alle Tiere freigelassen werden, aber eine Welt, in der Tiere nicht mehr genutzt werden und gleichberechtigt mit uns leben, übersteigt euer Fassungsvermögen.
  15. Weiterlesen

Gedanken einer Aktivistin

Da steh ich also mit meinem Schild um den Hals, und vor mir teilt sich die Menge wie einst vor Moses das Tote Meer.
Es ist kalt.
Bitterkalt.
In meine Gedanken drängen sich Bilder von Tieren in kleinen Gitter-Käfigen. Ohne Schutz vor Wind und Nässe, nur das Fell an ihrem Körper, das ihnen bald gewaltsam genommen wird.

Ich sehe innerlich Bilder von Nerzen, die sich im Todeskampf minutenlang gegen die Wände der Kisten werfen, in die gerade CO oder CO2 geleitet wird, um ihr Leben zu beenden. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass ihr kostbares Fell keinen Schaden nimmt.
Würde man ihnen die Luftröhre und die Halsschlagader durchtrennen, wie man es bei anderen Tieren wie Kühen, Schweinen, Hühnern, Kaninchen, Puten, Schafen, Ziegen und vielen anderen praktiziert, die für die sogenannte „Fleischgewinnung“ getötet werden, würde man das kostbare „Produkt“ Pelz verletzen.

Pelz – fremde Haut, die von Menschen mit leeren Gesichtern durch die Innenstadt getragen wird.
Aber Nerz ist nichts für den Durchschnittsignoranten. Der/die junge Ausbeutungskonsument*in steht auf Kojotenpelz.
Je größer, desto besser.

Menschen jeden Geschlechts kommen mir entgegen, überheblich grinsend beim Blick auf das Plakat um meinen Hals.
Die Hosen, zu kurz, lassen den Blick auf entblößte Knöchel oberhalb der Sneakersöckchen zu. Aber je weiter man den Blick nach oben wandern lässt, desto deutlicher zeigt sich die Ode an den Winter.
Am Kapuzenaufschlag hängt das tote Tier.
Sein Fell bewegt sich im Wind. Lebendig gehäutet für eine sinnlose Mode.

„Ernte“ heißt dazu der euphemistische Fachjargon. Als würde man Äpfel von Bäumen pflücken und nicht ein Lebewesen gewaltsam und unter unvorstellbaren Schmerzen von seiner schützenden Haut trennen.
Der Nutzen dieser Kapuzenbehaarung ist gleich Null, sie gilt aber als Statussymbol unter den Jungen und Attraktiven.
Die nicht ganz so coolen Exemplare der Gattung Egosapiens tragen zusätzlich oder auch ausschließlich Bommelmützen mit Echtpelzbommel.
Jene Mützen, die ich mir bereits als Kind vom Kopf riss, sobald meine Eltern außer Sichtweite waren, weil sie einfach unfassbar peinlich waren.
Geändert hat sich daran nichts, nur, dass die Bommeln damals aus Polyester bestanden und nicht – wie heute – aus der Haut lebendig gehäuteter Kojoten und Hunde, denen ein Eisenhaken durch den Unterkiefer getrieben wird, um ihre Haut samt Haar besser an einem Stück abziehen zu können.
Im Internet findet sich dazu reichlich und schwer zu verkraftendes Videomaterial.

Ab und an bleibt jemand stehen, hört mir zu, nimmt einen Flyer und sagt mir leise, als solle es niemand außer mir hören, wie wertvoll meine Arbeit ist.
Das ist wie eine warme Brise an diesem kalten Tag, in einer noch kälteren Welt.

Viele grinsen.
Ich frage: „Sie wissen, dass ihr Pelz von einem Tier stammt, das lebendig und bei vollem Bewusstsein gehäutet wurde?“
Manche lachen und sagen: „Klar, aber das ist mir egal.“
Andere sind geschockt und ich frage mich, was sie dachten, wie der Pelz an ihren Kragen gekommen ist.

Ich schaue in viele Gesichter.
In lächelnde, die mir Zuspruch schenken, leise, heimlich, verschämt.
In lachende, verhöhnende.
In kalte, ausdruckslose.
Aber auch in peinlich berührte, denen klar wird, dass das Fell an ihrem Kragen dem Tier auf meinem Plakat gehört haben könnte.

Nach Stunden in der Kälte gehe ich nach Hause.
Etwas traurig, aber auch froh, den/die eine*n oder andere*n vielleicht doch erreicht zu haben.
Wenn es nur eine*r von hundert ist, hat sich die emotionale Achterbahnfahrt aus Wut, Abscheu, Traurigkeit und Hoffnung gelohnt.

Und eines ist jetzt schon klar: ich werde wieder dort stehen. Until every cage ist empty.

Unter Gleichgesinnten Tierrechtsaktion: Rund 3.000 Menschen bilden eine riesige Menschenkette um die Binnenalster in Hamburg.

Schön war’s. Einfach schön.

Es war eine riesengroße Freude, dabei sein zu dürfen!

Das Wetter war uns gnädig, denn es war zwar zapfig bei Temperaturen um und unter 10 Grad, aber es blieb trocken und ab und zu lächelte sogar die Sonne auf uns herab, als sich rund 3.000 Menschen vor genau einer Woche, am Samstag, dem 27. Oktober 2018, in Hamburg zum vorgezogenen Welt-Vegan-Tag versammelten. Dort konnten sie das wunderbare Gefühl erleben, sich endlich wenigstens für ein paar Stunden unter Gleichgesinnten zu befinden.

Auch unser Team von Veganswer entsandte eine kleine Delegation, um an dem ehrgeizigen Projekt, eine Menschenkette für Tierrechte rund um die Binnenalster zu bilden, teilzunehmen.

Kann es eine bessere Gelegenheit geben, liebgewonnene virtuelle Freund*innen auch einmal im echten Leben zu treffen?

Die Veranstaltung war von langer Hand geplant und optimal vorbereitet. Die letzte Woche vor dem Event gab es einen täglichen Countdown und die Spannung stieg von Tag zu Tag. Einen Tag vorher erhielten wir per Email die letzten Instruktionen und schließlich war es soweit.

Schon um 10 Uhr waren rege Aufbauarbeiten der verschiedensten Organisationen zu beobachten. Unter anderem waren Ariwa da, Animals United, die Albert-Schweitzer-Stiftung mit dem Grunzmobil, Peta, das Deutsche Tierschutzbüro und der Truck-You Laster, der den Besucher*innen das beklemmende Gefühl der Tiertransporte vermittelte, Hof Butenland, die Ärzte gegen Tierversuche, natürlich die Veranstalter*innen, das Tierrechtsaktivistenbündnis,und sogar zwei, die sich als vegane Superheld*innen maskiert hatten.

Ab 12 Uhr begann die offizielle Anmeldung, bei der die Teilnehmer*innen ein Armbändchen erhielten, einem Bereich für die Menschenkette zugeteilt wurden und einen Flyer mit dem Liedtext und der Strecke des Demozugs.

Gegen 13:30 Uhr machten wir uns dann auf den Weg zu unserem Bereich und schauten gespannt und gebannt zu, wie sich die Menschen rund um die Binnenalster verteilten. Die Ordner*innen schwirrten emsig hin und her, lösten kleine Menschentrauben auf und schlossen Lücken. Und dann stand sie, die Menschenkette. Es war beeindruckend und beglückend. Dieses Jahr, 2018, hat so viele herzerwärmend große Demonstrationen für die Tiere und ihre Rechte gesehen, man denke nur an die Official Animal Rights Marches in London, Amsterdam, Kopenhagen und Berlin, da war dieses Event wahrlich ein würdiger Abschluß.

Über all dem aufgeregten, freudigen Getuschel und Getratsche erklangen dann aus der Ferne die Drums of Liberation des Drums Over Knives Ensembles, die loszogen, und die Menschen aus der Kette zusammen trommelten für den Marsch durch die Stadt.

So marschierten wir endlich tanzend, trommelnd, pfeifend, skandierend und singend durch die Hamburger Innenstadt. Es war fröhlich, es war laut, es war episch. Besonders erhebend war es, im großen Chor die Hymne für die Tiere von Séimí Rowan mitzusingen.

Die Abschluss-Rede von Hilal Sezgin war der letzte Höhepunkt dieser gelungenen Veranstaltung.

Was viele Nichtveganer*innen oft nicht begreifen, ist, dass uns nahezu täglich das Herz bricht. So einfache Dinge wie der Gang zum Supermarkt erinnern uns an das alltägliche Grauen, das uns umgibt. Da sind Veranstaltungen wie diese regelrecht Balsam auf den Wunden der Seele. Umringt zu sein von Gleichgesinnten, die dich und die Sache verstehen, denen du nicht ständig erklären musst, dass es eben nicht um uns geht, nicht um Diät, nicht um Dogmen, sondern einfach um diejenigen, die sich nicht selbst helfen können, tut so unendlich gut. Dass sich so viele zu dieser Veranstaltung einfanden, macht Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ich hoffe, die kommenden Jahre bringen noch mehr solcher Events, mit noch mehr Menschen, die laut, selbstbewusst und deutlich für die Rechte der Wehrlosen eintreten.

Unser tiefer Dank gilt den Veranstaltern, die monatelang voller Enthusiasmus Zeit und Nerven auf wendeten, um dies auf die Beine zu stellen. Es wird unvergesslich bleiben.

Danke!

Zu guter Letzt die wichtigste Info für alle Teilnehmenden: die Fotos :) und das offizielle Video zur Veranstaltung!