Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung

 

Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung. Da essen sie ihre Tofuwürste, während andere Menschen froh wären, überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Selbstgefällig denken sie die Welt zu retten, weil sie keine Eier und keine Milch mehr essen, obwohl Oma damals nach dem Krieg hungern musste. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und es ist nichts anderes als Dekadenz, sich derart über das Essen zu definieren.

Wisst ihr, was noch eine Wohlstandserscheinung ist? Hartz IV. In anderen Ländern gibt es nicht mal ein Grundsicherungssystem. Und die Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung zu haben. Oder die Diskussionen über Mietpreise. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt eine Unterkunft zu haben. Und Niedriglöhne. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Arbeit zu haben.

Wer bestimmte Phänomene zu „Wohlstandserscheinungen“ erklärt, der stellt nicht nur fest. Vielmehr geht es um eine wertende Aussage. „Das ist nur in einer Wohlstandsgesellschaft möglich. Das hat keine Berechtigung.“ Weil es immer noch schlimmer geht, darf man das weniger Schlimme gar nicht diskutieren.

Veganismus ist ein Wohlstandsphänomen. Sich Nahrung aussuchen zu dürfen, ist ein Privileg. Und ich stimme dem zu. Mir keine Sorgen machen zu müssen um meine Nahrung, auswählen zu können zwischen tausenden Nahrungsmitteln – das ist ein Privileg. Aber wisst ihr, was noch ein Privileg ist? Jeden Tag Fleisch essen zu dürfen. Jeden Tag wählen zu können zwischen Wurst und Fleisch vom Schwein, vom Rind, vom Huhn, vom Fisch, vom Lamm. Jeden Tag Käse, Eier und Milch konsumieren zu können, ebenso wie Lederprodukte, Wolle und Pelz. Und die Dekadenz steigert sich, wenn man wählen kann zwischen Brust, Nacken, Bauch, Rücken, Bein und Schulter. Während die Schlachtabfälle für Westafrika gerade gut genug sind.

Der Wohlstand der Nationen erhebt sich nicht auf pflanzlicher Nahrung. Er erhebt sich auf den Leichenbergen von Milliarden Tieren, deren Körperteile in jeglicher Form verarbeitet wurden und werden. Zivilisationen und Kulturen wachsen in dem Grade, Tiere in jeglicher Gestalt zu verwerten. Aber ist das ein ethisches Argument? Die Pyramiden wären niemals ohne Sklavenarbeit erbaut worden. Die kapitalistische Produktion hätte ihren Wohlstand niemals ohne Frauen- und Kinderarbeit erreicht. Der transatlantische Sklavenhandel hat immense Reichtümer geschaffen. Ist das denn ein Argument für Unterjochung und Gewalt, für Sklaverei, Patriarchat und Kinderarbeit?

Manche können sich die Geschichte ohne die Unterjochung von Schwarzen, Versklavten und Frauen vorstellen. Aber sie können sich nicht vorstellen, keine Tiere mehr zu nutzen. Wer zugibt, dass Schwarze, Frauen und Versklavte unterjocht wurden und das Teil unserer Geschichte ist, und proklamiert, dass das heute nicht mehr sein muss, der muss auch zugeben, dass die Geschichte ohne die Nutzung von Tieren nicht zu schreiben ist, aber in Bezug auf die Zukunft so geschrieben werden kann.

Wer sich eine Welt ohne Versklavte und die Unterdrückung von Schwarzen und Frauen vorstellen kann, nicht aber ohne die Nutzung von Tieren, der offenbart nicht nur grundlegende geschichtliche Unkenntnis, sondern auch einen Mangel an Vorstellungsvermögen. Da wird auf tierlichen Dünger verwiesen, ohne den die Landwirtschaft nicht funktionieren könne, ohne zu erkennen, dass das einfach das Ergebnis von hunderten von Jahren Tiernutzung ist, die sich in unseren Institutionen, in unseren Praktiken und auch in unserem Denken festgesetzt hat. Man kann sich derzeit auch keine Welt ohne Kapitalismus vorstellen – aber ist das denn ein Argument? Man konnte sich auch mal eine Welt ohne Sklaverei nicht vorstellen – denn die ökonomischen Vorteile lagen für einige klar auf der Hand. Eine Welt ohne Sklaverei aber ist möglich, ebenso wie eine Welt ohne die Nutzung von Tieren. Es bedarf dazu nur ein wenig guten Willens, um den Blickwinkel, dass Tiere per se minderwertig und Produktionsmittel und Waren sind, zu ändern. Der Verweis auf entfernte Regionen, die heute noch auf die Nutzung von Tieren angewiesen sind, ist nichts anderes als ein Hohn und eine fadenscheinige Verlagerung der Argumentation. Was hat die Tierhaltung in Indien oder Argentinien damit zu tun, wie Tiere bei uns behandelt werden? Hier werden andere Menschen nur wieder instrumentalisiert, um hemmungslosen Fleischkonsum zu rechtfertigen.

Es ist an Zynismus nicht zu überbieten. Wer den Veganismus eine Wohlstandserscheinung schimpft, ist meistens auch von jenem Schlage, zu konstatieren, dass der Mensch stets dem Tier zu bevorzugen sei. Und zwar vor dem Hintergrund, sich weder um Menschen noch um Tiere zu scheren, sondern Menschen nur deswegen hoch zu bewerten, um Tiere damit abwerten zu können.

Wer also in unseren Breitengraden tierliche Produkte konsumiert, zwischen Leder und Pelz wählen kann, die Vorteile des Gesundheitssystems in Anspruch nimmt, eine Renten- und Arbeitslosenversicherung hat, in den Urlaub gehen und für seine Rechte eintreten kann – derjenige hat das Recht verwirkt, den Veganismus als Wohlstandserscheinung zu diskreditieren.

Denkt denn nicht mal jemand an die Kinder?

 

„Wenn Veganer*innen ihre Ideologie für sich selbst leben, ist das in Ordnung. Aber wehe, sie zwingen ihre Essstörung auch noch ihren Kindern auf!“ Wenn die Argumentation dem Veganismus im Allgemeinen gegenüber schon ziemlich schlecht ist, dann versagt sie in Bezug auf vegane Kindererziehung vollends. Eine sachliche Auseinandersetzung scheint nicht mehr möglich zu sein. Die Münder schäumen über. Von Kindesmisshandlung ist die Rede, davon, das Jugendamt einzuschalten. Wie kann man Kindern schließlich das Recht vorenthalten, tierliche Produkte zu essen? Sie können sich ja später immer noch dagegen entscheiden.

Es ist der Trick einer gesellschaftlich anerkannten Ideologie, dass sie sich nicht als solche durchschaut. Ideologisch, das sind immer nur die anderen, nie man selbst. Insofern Ideologie bedeutet, bestimmte Werte zu vermitteln, ist dagegen jede Erziehung ideologisch. Man vermittelt Kindern die eigenen Werte und diese Werte prägen die Kinder. In diesem Sinne ist eine Erziehung mit der Auffassung, man dürfe Tiere und deren Produkte essen, (auch bekannt als Speziesismus) nicht weniger ideologisch als eine vegane.

Der Vorwurf, Kinder sollten später selbst über ihre Ernährung entscheiden, vernachlässigt die frühkindliche Prägung und die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Speziesismus. In Bezug auf den Konsum von Fleisch bedeutet das, dass von einer „freien“ Entscheidung gar nicht mehr die Rede sein kann, wenn ein Kind 12, 14 oder 18 Jahre Fleisch, Milch und Eier gegessen hat. Das Kind hat den Geschmack schon im Mutterleib aufgenommen und entwickelt die entsprechenden Geschmacksnerven und die entsprechende Prägung auf tierliche Nahrung. Das ist auch ein Grund, warum es absurd ist, Kuhmilch und Sojamilch oder Schweineschnitzel und Tofu in späteren Jahren geschmacklich gegenüberzustellen, als wäre man nicht von klein durch den Geschmack von Kuhmilch und Schweinefleisch geprägt worden.

Aber auch die sozialen Voraussetzungen sind gebunden an tierliche Nahrung. Welches Kind ist in seiner Entscheidung frei, wenn die meisten anderen Kinder Fleisch essen? Welches Kind verspürt nicht den Gruppenzwang, wenn im Kindergarten, in der Schule oder im Sportverein alle um es herum tierliche Produkte konsumieren? Wo ist die geforderte Neutralität, wenn auf Kindergeburtstagen ein Besuch bei McDonald‘s oder Burger King dazu gehört?

Wenn das Entscheidungsrecht der Kinder so hochgehalten wird – warum klärt man Kinder nicht entsprechend auf? Welche Eltern berichten den Kindern denn von den Zuständen in den Schlachtanlagen oder nehmen sie gar in einen solchen Betrieb mit? Kann das Ausbleiben dessen eventuell daran liegen, dass es auf Kinder verstörend wirken könnte? Hier zeigt sich wieder einmal, dass zwischen dem Recht, zu essen was man möchte, und der notwendigen Schlachtung eines Tieres eine Kluft liegt, die meistens versucht wird zu umgehen, indem man die Zustände der Massentierhaltung einfach leugnet oder zu fadenscheinigen Begründungen greift („Es ist halt natürlich“). Die Entscheidung eines Kindes ist nicht „frei“, wenn ihm wesentliche Fakten vorenthalten oder diese Fakten beschönigt werden.

„Also ich war bei einer Schlachtung dabei, und es war wirklich nicht so toll, aber nachhaltig geschadet hat es mir nicht“, hört man manchmal Erwachsene sagen, die noch in kleinbäuerlichen Betrieben groß geworden sind oder im Rahmen einer solchen an einer Schlachtung teilgenommen haben. Mal davon abgesehen, dass diese Art der Haltung und Schlachtung im Gesamtkontext der Fleischerzeugung kaum Relevanz besitzt, da 98% alles konsumierten Fleisches aus der Massentierhaltung stammt, offenbart sie doch ein merkwürdiges Verständnis von Erziehung. Muss etwas denn nachhaltig schaden, um als schlecht angesehen zu werden? Und besteht eine der Leistungen des menschlichen Unterbewusstseins nicht gerade darin, schlimme Dinge im Nachhinein positiver darzustellen oder zu verdrängen? Schadet es einem Kind nachhaltig, mal einen Klaps auf den Hintern zu erhalten? Oder eine Zigarette zu rauchen? Nein. Falsch ist es trotzdem.

Kinder an einer Schlachtung teilhaben zu lassen bedeutet nichts anderes, als Kinder mit Gewalt zu erziehen. Und eine friedvolle und menschliche Gesellschaft kann nicht durch Gewalt erreicht werden. Es findet eine geradezu groteske Verkehrung von geforderter Menschlichkeit statt, wenn man die frühkindlichen Gewalterfahrungen an Tieren als normal und damit gut zu legitimieren versucht, aber jene, die jegliche Gewalt gegenüber empfindungsfähigen Tieren ablehnen, ins gesellschaftliche Abseits drängen und ihnen die Legitimität absprechen möchte.

Zu behaupten, Kinder könnten später selber entscheiden, ist so sinnvoll, wie Kinder religiös zu erziehen und dann zu sagen, sie könnten sich später ja für oder gegen Gott (welchen auch immer) entscheiden. Nach zum Teil jahrzehntelanger Prägung ist es freilich absurd, von einer freien Entscheidung zu sprechen. Wenn Arthur Schopenhauer schreibt: „Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein“, so gilt das nicht weniger für eine speziesistische Erziehung.

Doch wie weit reicht die Ideologie des Speziesismus? Der Autor des Artikels erinnert sich noch gut genug daran, in der Schule Milchgeld bezahlt und tierliche Speisen wegen fehlender Alternativen und allgemeiner Konformität gegessen zu haben. Ebenso erinnert er sich daran, an schulischen oder vereinssportlichen Grillfesten (bei denen selbstverständlich Körperteile von Tieren gegessen wurden) teilgenommen zu haben. Aber auch in der Schule war die Sezierung eines Fischs ein ganz normaler Bestandteil des Biologieunterrichts, ebenso wie das Einreiben eines Blattes Papier mit tierlicher Wurst, um Eigenschaften von Fetten herauszufinden. Was ist das, wenn nicht Ideologie? Dass (die meisten) Tiere minderwertig sind, ist eine unhinterfragte Voraussetzung in der Institution Schule.

Schauen wir uns ein paar Beispiele an, wie Kinder und Jugendliche mit der speziesistischen Ideologie erzogen werden. Besonders in der Mathematik ist die Einbindung von Tieren zur Flächen- und Volumenbestimmung, aber auch für die Prozentrechnung sehr beliebt.

 

Ein Löwe in seinem natürlichen Habitat.
Auf einem Betonboden artgerecht gehaltene Ferkel. Niedlich, oder?

Englischabschlussprüfung, 10. Klasse Realschule.
Für die Übersetzung siehe Artikelende [1].

Die Musterlösung zu der Prüfung.
Für die Übersetzung siehe Artikelende [2].
Besonders Punkt d) ist interessant. Hier haben wir Ideologie par Excellence: Der Verzehr von Fleisch ist „natürlich“, also automatisch gut. Löwen fressen Antilopen auch. Interessant ist die Nutzung des Wortes „Nonsense“. In den Antworten davor steht nur „yes“ oder „I don’t think so“. „Nonsene“ dagegen ist eine gesteigerte emotionale Bewertung. Weil man weiß, wie schlecht die Antwort begründet ist, muss man auf emotionale Aussagen zurückgreifen, um sich selbst zu bestärken.
Nicht nur für die Jagd, sondern auch für die Mathematik scheint zu gelten: Gewaltfreie Lösungsansätze erscheinen in diesem Szenario buchstäblich undenkbar.
Wie viel vom Rind darf’s denn sein? Vielleicht noch eine Bärchenwurst für die Kleine?

 

Die Schule ist nur ein Beispiel für Institutionen, die die Minderwertigkeit von Tieren vermitteln. Es beginnt im Mutterleib, wenn das Kind durch die Ernährung der Mutter geprägt wird. Es geht weiter mit einer Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter, wenn die Mutter nicht mehr die Nahrungslieferantin ist, sondern auf Milch bzw. eine allgemein omnivore Ernährung umgestiegen wird, gerne auch mit entsprechender Beeinflussung der Kind durch Verniedlichungen wie Bärchen-Wurst, die von der netten Frau am Tresen  gereicht wird. Es geht weiter damit, dass Kinder in der Grippe und im Kindergarten ebenfalls omnivor ernährt werden. Der Besuch von Zoos und Zirkussen, Grillfeste, Schulessen, das Halten von Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen und Hunden, Fernsehwerbung – von morgens bis abends sind Kinder der speziesistischen Ideologie ausgesetzt. Und aus speziesistischen Kindern werden speziesistische Erwachsene.

Doch davon abgesehen, dass es bei Diskussionen über Veganismus nicht nur um die Ernährung geht, sondern darum, Kindern grundlegend Respekt gegenüber Tieren zu vermitteln, was sich auf die Kleidung, die Jagd, Tierversuche, Zoos, Zirkusse und die Heimtierhaltung auswirkt – ist eine vegane Ernährung überhaupt gesund? Schlagen nicht Ärzte Alarm und kommen nicht ständig neue Berichte, wie schädlich eine vegane Ernährung ist? [3]

Ärztinnen selbst sind im Rahmen speziesistischer Institutionen groß geworden. Sie betrachten die Frage nach tierlichen Produkten daher von vornherein aus derjenigen Perspektive, dass es in Ordnung und notwendig ist, tierliche Produkte zu konsumieren. Die Ausbildung an den Universitäten räumt der Ernährung keinen großen Platz ein, und selbst diese Vermittlung ernährungsphysiologischer Kenntnisse findet innerhalb des Rahmens statt, dass tierliche Produkte Bestandteil einer „ausgewogenen Ernährung“ seien.

Aber auch wenn man davon ausginge, dass immer mehr vegan ernährte Kinder beim Arzt vorstellig würden, ließe sich das leicht erklären. Es leben immer mehr Menschen vegan. Es ist nur logisch, dass diese Menschen auch mal krank werden, Kinder sowieso, und dann zur Ärztin gehen. Man müsste vielmehr beweisen, dass Veganer*innen überproportional krank werden und dass dies an ihrer Ernährung liegt (und dass diese dazu noch ausgewogen gewesen ist). Aber wir sollten natürlich nicht vergessen: Wenn eine omnivore Person krank wird, dann wird sie einfach krank. Wenn dagegen eine vegane Person krank wird, dann wird sie krank, weil sie vegan lebt.

Was ist mit den etlichen Berichten veganer Mangelernährung? Diese etlichen Berichte gibt es nicht. Vielmehr tauchen jedes Jahr ein, zwei Artikel nachlässiger Ernährung von Kindern auf, die mit Veganismus so gut wie nichts zu tun haben. Meistens vernachlässigten die Eltern die Kinder grob, so dass von einer ausgewogenen veganen Ernährung nicht die Rede sein kann. Erst recht, wenn andere Überzeugungen der Eltern, wie die Ablehnung der konventionellen Medizin, hinzu kamen. Ein Kind mit Wasser und Brot zu ernähren ist vegan, aber nicht ausgewogen. Da die größere Menge die kleinere Menge enthält, ist es aber auch omnivor, Kinder mit Wasser und Brot zu ernähren. Dennoch werden die Fälle auf eine vegane Ernährung reduziert. Dagegen blieben die Proteste aus, als bekannt wurde, dass ein Kind ohne Obst und Gemüse fast blind geworden wäre. Nach omnivorer Logik müsste die Schlussfolgerung lauten: Eine omnivore Ernährung schadet Kindern!

Dass man sich an diesen extremen Fällen hochzieht, beweist nur, dass es nicht möglich ist, eine flächendeckende Mangelernährung vegan lebender Kinder nachzuweisen. Davon abgesehen ist es durch und durch anmaßend, Eltern vegan lebender Kinder zu unterstellen, sie würden sich nicht um das Wohl ihrer Kinder sorgen. Denn nichts anderes behaupten jene, die vegan lebenden Eltern am liebsten die Kinder wegnehmen würden. Dabei ist das Gegenteil der Fall – vegane Eltern wissen meistens besser über die ernährungsphysiologischen Bedürfnisse ihrer Kinder Bescheid als omnivor lebende Eltern. Wenn Kinder mit Cola, Gummibärchen und Big Mac oder täglicher Bärchenwurst, Kuhmilch und gesüßten Frühstücksflocken erzogen werden und in der Schule dann genussvoll in die Wurst- oder Nutellasemmel beißen, bleibt die Empörung jedoch aus. Denn das ist ja normal. Und was normal ist, muss richtig sein.

 



1 a) Wilde Tiere in einem Zoo zu beobachten kann ziemlich bedrückend sein. b) Tiere in einem Zirkuss haben es schwer dabei, dich zu unterhalten. c) Experimente an Tieren sollten Verboten werden. d) Nur Vegetarier lieben Tiere wirklich. zurück


2 a) Ja, das stimmt. Besonders in Bezug auf Tiere, die viel Platz benötigen. Wenn du einen Tiger in einem kleinen Käfig umherlaufen siehst, kann das sehr bedrückend sein. b) Ich denke nicht. Viele Tiere liebe es, Kunststücke zu vollführen, besonders, wenn sie danach eine Belohnung erhalten. Oftmals werden ihnen Dinge beigebracht, die sie auch in ihrem normalen Leben tun würden. c) Ich stimme der Aussage zu. Die Industrie nutzt oft Tiere, um die Wirkung bestimmter Substanzen herauszufinden. Aber wenn du die Tiere in ihren kleinen Käfigen leiden siehst, kann dich das sehr wütend machen. d) Das ist Unsinn. Du kannst dich um Tiere kümmern und gleichzeitig Fleisch essen. Wenn du dir die Tierwelt anschaust, ist Fleischessen nur natürlich. zurück


3 Die Academy of Nutrition and Dietetics schreibt dazu: “It is the position of the Academy of Nutrition and Dietetics that appropriately planned vegetarian, including vegan, diets are healthful, nutritionally adequate, and may provide health benefits for the prevention and treatment of certain diseases. These diets are appropriate for all stages of the life cycle, including pregnancy, lactation, infancy, childhood, adolescence, older adulthood, and for athletes.” https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27886704 zurück

Warum Veganer nerven und Argumente (alleine) nicht ausreichen

 

Es kommt oft vor, dass Veganer*innen in Diskussionen über den Veganismus verwickelt werden. Besonders dann, wenn sie eigentlich einen angenehmen Abend verbringen oder in Ruhe ihr Gemüseschnitzel essen möchten. Aber da vegan lebende Menschen am Austausch von Fakten und Argumenten interessiert sind, lassen sie sich auf eine Diskussion ein. Ruhig und sachlich legen sie ihre Sichtweise dar und antworten auf Argumente. Sie erklären dann, dass es nicht um Ernährung alleine geht, dass das Soja, für das Regenwald vernichtet wird, nicht für Veganer*innen angebaut wird, sondern für die Tiermast. Aber auch, dass aus der Tatsache, dass der Mensch Fleisch essen kann, nicht folgt, dass er Fleisch essen muss oder dass, wenn Pflanzen tatsächlich Schmerzen empfinden können, man erst recht vegan leben müsste, da ein Vielfaches an Pflanzen für tierliche Nahrung verbraucht wird.

Die Diskussionen können sich stundenlang hinziehen. Und am Ende stimmen die meisten dann zu, dass es schon richtig ist, was Veganer*innen machen. Aber ziehen diese Menschen die entsprechenden Konsequenzen? Oder wirken die Argumente später noch nach? Davon ist nicht auszugehen. Aus einem einfachen Grund: Argumente alleine entscheiden nicht darüber, ob jemand sein Verhalten ändert oder nicht, ob jemand vegan wird oder nicht.

Es ist nicht so, dass Menschen speziesistisch auf die Welt kommen. Sie werden zu Speziesist*innen gemacht. Die gelebte Praxis geht dem Nachdenken über diese Praxis voraus. Es ist also nicht so, dass Menschen die Gründe abwägen, ob es okay ist, Fleisch zu essen, Leder zu tragen und in Zoos zu gehen. Sondern Menschen essen Fleisch, tragen Leder und gehen in Zoos und wägen dann erst ab – wenn überhaupt , ob dieses Verhalten in Ordnung ist.

Man lebt also in den gesellschaftlichen Institutionen der Familie, der Schule, der Arbeit, des Freundeskreises und hinterfragt zum Teil jahrzehntelang das eigene Verhalten nicht. Und man verbindet schöne Momente und Erinnerungen mit dem Speziesismus. Der Braten bei Oma, der Zoobesuch in der Schule, das Grillfest mit Freunden, der Restaurantbesuch mit der Familie usw.

Das bedeutet aber auch, dass man in der Entscheidung darüber, ob es in Ordnung ist, Tiere zu halten, zu nutzen und zu töten, immer schon stark beeinflusst ist. Menschen entwickeln Werte nicht in einem Vakuum. Menschen haben immer schon bestimmte Erfahrungen gemacht und sind in gesellschaftliche Verhältnisse eingebunden, die diese Werte beeinflussen.

Wir leben in Zeiten des Individualismus. Alle wollen „einzigartig“ sein. Aber diese Einzigartigkeit ist ein Mythos, da sie Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen erlaubt. Wer über die wohlbehütete „Mitte“ und bestimmte gesellschaftliche Normen hinausgeht, wird schnell geächtet. Im Grunde sind die Menschen nach wie vor Herdentiere, und das ist verständlich. Evolutionär betrachtet ergibt es Sinn, sich der Gruppe unterzuordnen und einer Mehrheit angehören zu wollen, denn diese Unterordnung und diese Zugehörigkeit bieten Schutz. Es ist nur folgend, Abweichungen und Infragestellungen zu bestrafen, wenn der Zusammenhalt der Gruppe gefährdet wird.

Natürlich sind die erworbenen Werte niemals eindeutig. Es ist nicht so, dass Menschen so erzogen würden, dass Tiere immer und überall minderwertig und ihre Bedürfnisse nebensächlich sind. Im Gegenteil. „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz!“ Die gelebten und anerzogenen Werte stehen also auch im Widerspruch zueinander. Das Essen tierlicher Produkte ist richtig und notwendig, aber gleichzeitig ist es falsch, Tiere unnötig zu quälen. Man will also tierliche Produkte essen, aber auch nicht teilhaben an unnötigem Tierleid.

Und dann gibt es bestimmte Strategien, damit umzugehen. Man kann zum Beispiel den Begriff des „unnötigen“ Leidenlassens so umdefinieren, dass Fleisch einfach als notwendig erachtet wird. Man kann sich aber auch einreden, dass man eh nur ganz wenig Fleisch isst, und wenn, dann vom Metzger des Vertrauens. Oder man leugnet einfach, dass es den Tieren in den Massenanlagen wirklich schlecht geht. Hilft das nicht, dann spricht man von (vermeintlicher) Natürlichkeit und Normalität.

Da trifft die vegane Person einen Nerv. Ihre bloße Anwesenheit wird als Angriff gewertet. Sie zeigt, dass es geht, dass man ohne tierliche Produkte leben kann. Und damit wanken das Selbstbild und die Identität. Traditionen und positive Erfahrungen werden in Frage gestellt. Was erwartet man also, wenn man die Menschen in ihren tiefsten Überzeugungen und ihrem Alltag „angreift“? Natürlich sagen sie nicht: „Danke, du hast mir die Augen geöffnet!“ Nein, sie werden sich verteidigen, weil ihr Selbstbild auf dem Spiel steht, weil bestimmte positive Erlebnisse kritisch betrachtet werden, weil ihre Gruppenzugehörigkeit in Frage steht. Und der Widerstand wird noch heftiger, wenn Menschen ökonomisch von der Tiernutzung abhängig sind. Da steht dann die gesamte Existenz auf dem Spiel. Und es ist bekannt, dass es schwer ist, jemandem etwas verständlich machen zu wollen, wenn seine ganze Existenz darauf gründet, es nicht zu verstehen.

Veganer stellen bestimmte Werte und Handlungen grundsätzlich in Frage. Und das führt natürlich zu Ablehnung. Die Ideologie des Speziesismus wirkt deshalb so stark, weil sie identitätsstiftend ist, weil sie es erlaubt, Widersprüche zu umgehen. Man kann weiterhin Omas Braten essen, auf Grillfesten Steak braten oder in der tiernutzenden Landwirtschaft arbeiten und sich trotzdem für eine tierliebe Person halten. Aber die Argumente zählen nicht, wenn sie erstens leicht zu widerlegen sind (es ist nicht notwendig, Fleisch zu essen, und aus der Tatsache, dass es normal und natürlich ist, Fleisch zu essen, folgt nicht, dass es gut ist und gemacht werden sollte) und wenn es zweitens eigentlich nur darum geht, bestimmte Verhaltensweisen aufrecht zu erhalten wollen. Und es hilft Veganer*innen zu verstehen, dass, wenn jemand nicht mit Argumenten zu einer Auffassung gekommen ist, er/sie auch nur schwer durch Argumente davon abzubringen ist.

Bevor man sich also über Veganer*innen lustig macht, sollte man versuchen, die eigenen Widersprüche zu minimieren.

Besser geht immer Killerphrasen sind das Ende jeder fruchtbaren Unterhaltung


Es ist so:
Der Versuch ethisch zu leben ist anstrengend.
Aber eigentlich nicht, weil es im Alltag so schwierig ist. Das ist alles machbar.
Was wirklich schwierig ist, sind die Leute um einen herum.

Nehmen wir das Beispiel Vegan.
Man kann vegan auf eine rein pflanzliche Ernährung reduzieren.
Muss man aber nicht.
Ich habe schon die wildesten Interpretationen zur Definition von Donald Watson gelesen.
Zum Beispiel, dass Gelatine o. k. wäre für Veganer*innen, da diese ja nur ein Abfallprodukt der Fleischindustrie sei.
Seriously?
Ja. Denk ich mir nicht aus.
Auch Muscheln wurden im gleichen Thread als „vegan“ gelabelt, da sie ja keine Schmerzen spüren (der Poster muss im letzten Leben Muschel gewesen sein, anders kann ich mir seine Erkenntnis nicht erklären).

Es ist also mittlerweile schwierig, auf einen gemeinsamen Konsens zu kommen, was vegan bedeutet.
Für viele von uns ist es die Grundlage gewaltfreier und emanzipatorischer Lebensform.
Das bedeutet, dass jedes Wesen Unversehrtheit und grundsätzlich Freiheit verdient.
Nein, besser gesagt: ein Recht auf diese hat.
Das bedeutet, dass „moderner“ Veganismus automatisch inkludiert, dass alle diskriminierenden -ismen nicht akzeptabel sind.

Die Grundidee des Veganismus ist, das Recht jedes Lebewesens zu schützen, solange keine weitere Person oder Lebensraum zu Schaden kommt.
Ich verwende den Begriff Person bewusst, denn hier stoßen wir auf ein weiteres Problem.
Personenstatus haben nur menschliche Tiere.
Nicht-menschlichen Tieren wird dieser Status und damit das Recht auf Unversehrtheit abgesprochen.
Um Tiere endlich rechtlich schützen zu können, ist es längst an der Zeit, nicht-menschlichen Tieren Personenstatus zuzusprechen.
Darauf sollte sich unter anderem der Fokus politischer Tierrechtsarbeit richten.
Das heißt, wir haben auf der einen Seite den Menschen, und auf der anderen Seite fassen wir alle anderen Lebensformen als nicht-menschlich – respektive Tiere – zusammen.
Die Unterteilung in Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Insekten klassifiziert zwar den Homo sapiens als Säugetier, bei der Zuteilung von Rechten und Fähigkeiten nimmt der MENSCH aber wieder eine Sonderstellung über allen anderen (Säuge-)Tieren ein.

Diese Tatsache verdanken wir vornehmlich Religionen, die den Menschen als Gottes Ebenbild, die Krone der Schöpfung und Herrscher über den Planeten sehen.
(Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan. 1. Mose 1,28)
Hier möchte ich zu meinem eigentlichen Thema kommen:
Was mich immer wieder maximal irritiert ist, wenn Menschen, die versuchen so viel Leid zu vermeiden, wie für sie machbar ist, als Vegannazis, Veganerererer, Veganpolizei und ähnliches bezeichnet werden.
Und nein, nicht von Menschen die die Tierausbeutung durch ihren Konsum unterstützen, sondern von anderen Veganer*innen.

Einige Beispiele:
Jemand postet ein Produkt einer bekannten Großfirma wie Nestle, Unilever oder Zweitmarken bekannter Tierausbeuterfirmen.
Eine andere Person macht darauf aufmerksam, dass man mit dem Kauf dieses Produktes besagte Großfirmen finanziell unterstützt.
Man kann von 10 rückwärts zählen, bis die ersten Beleidigungen auf den Kritiker niederprasseln.
Was mich allerdings am meisten irritiert, sind nicht einmal die Beleidigungen, sondern die vermeintlich „logischen“ Rückschlüsse, die einige Leute daraufhin ziehen.
„Argumente“ wie:
„Dann leb doch im Wald!“ (der arme Wald)
„Dann darfst du gar nichts mehr essen.“
„Aha, du schreibst doch auch gerade am PC.“
„Dann darfst du auch nicht in Supermärkten einkaufen, in denen es Tierprodukte gibt.“

In der Kommunikationspsychologie nennt man diese Statements Killerphrasen.
Killerphrasen werden eingesetzt, um einen Dialog ad absurdum zu führen.
Inhalte sucht man hier vergeblich, Verallgemeinerungen findet man dagegen zuhauf.
Killerphrasen beinhalten keine Argumente, sondern dienen lediglich der Herabsetzung des Gegenübers. Sie sind nicht dazu angelegt, den Dialog zu fördern, im Gegenteil – jegliche Kommunikation und Auseinandersetzung wird durch sie unterbunden.
Der Hinweis auf Supermärkte ist faktisch betrachtet sogar richtig.
Kauft man bei Discountern ein, wo Tierausbeuterprodukte verkauft werden, unterstützt man die Filiale, den Konzern etc.
Das Problem an der Sache ist, dass dieses Kriterium, wenn man es zu Ende führt, darin mündet, dass man sich am besten in Luft auflöst.
Denn egal, was Lebewesen auf diesem Planeten tun, es hat Folgen, und wir Menschen haben uns durch Zivilisation und Industrialisierung in eine Situation gebracht, in der es kaum bis gar nicht möglich ist, etwas zu tun, ohne dass es anderen schadet.
Natürlich sterben Lebewesen beim Anbau von Gemüse.
Die wenigsten Veganer*innen denken, sie würden leidfrei leben.
Das ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht machbar.
Was allerdings machbar ist, ist eine genaue Auseinandersetzung mit Machtstrukturen.
Im Prinzip unterscheidet sich die Frage einiger Konsument*innen tierausbeuterischer Produkte, was Veganer*innen auf der berühmten Insel mit Giftpflanzen essen würde, nicht wirklich von dem Hinweis mancher Veganer*innen, man würde ja auch im Supermarkt einkaufen oder man soll bitte nackt im Wald leben.
Beide „Argumente“ sind absurd.
Ziel ist die größtmögliche Leidvermeidung.
Nun kommen wir aber damit zu einem spezifischen, sehr menschlichen und fast schon philosophischen Problem.
Denn die Grenzen setzt jeder Mensch für sich selbst.
Während manche nur noch Fahrrad fahren, keine Mobiltelefone nutzen , eventuell selbst Gemüse anbauen, ist für andere der Verzicht auf „vegane“ Produkte großer Tierausbeuterfirmen ein nicht akzeptabler Einschnitt in die Lebensqualität.
Wenn wir ehrlich sind, setzen die meisten von uns die moralischen Grenzen gemessen an der eigenen Bequemlichkeit und dem eigenen gustatorischen Verlangen.
Es wird immer jemanden geben, der noch konsequenter und noch leidfreier lebt.
Darf man ihm/ihr das zum Vorwurf machen?
Ich denke nicht.

Wie also umgehen mit diesen unterschiedlichen Ansätzen?
Ganz ehrlich?
Ich weiß es nicht.
Ich merke nur, dass die Art und Weise, wie innerhalb der sogenannten veganen Szene, einem schönen und nicht existenten Konstrukt, argumentiert und diskutiert wird, kontraproduktiv ist.
Nun gehe ich davon aus, dass dieser zwischenmenschliche Umgang nicht nur auf die Themen innerhalb des Veganismus beschränkt ist, sondern vielmehr eine menschliche „Schwäche“ innerhalb der Kommunikation offenbart.

Das 4-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun erklärt die Grundlagen dieser Missverständnisse sehr gut.

4-Seiten-Modell nach  Friedemann Schulz von Thun

Wenn man jemanden auf der Sachebene anspricht, dieser sich aber auf der Beziehungsebene angegriffen fühlt, ist der Dialog bereits zum Scheitern verurteilt.
Ich habe trotz allem die Hoffnung, dass wir uns weiter entwickeln, dass eine sachliche Auseinandersetzung möglich ist; dass ein Hinweis nicht als Kritik gewertet wird, sondern lediglich der Aufklärung dient.
Wir alle können noch so viel lernen und besser machen.
Dabei müssen wir einander unterstützen und Wissen weitergeben und nicht diejenigen angreifen, die schon konsequenter sind als man selbst.
Das sollte nicht zu Streit führen, sondern zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten, des eigenen Wissens und letztendlich auch zu Visionen für eine friedlichere Welt.
Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen immer weitergehen, denn es ist tatsächlich so:
Besser geht immer.

Mitgefühl als Katalysator Empathie mit anderen gilt als etwas Schlechtes - dabei kann sie uns helfen, die Welt schrittweise zu verbessern.

Es ist wohl keine Übertreibung, wenn wir festhalten: Die Welt ist am Arsch. Na gut, manche Sachen funktionieren recht gut, und immerhin besitzen ganze 42 Menschen so viel wie 3,7 Milliarden der ärmsten Menschen [1].

Wenn wir das nun mal nicht ironisch nehmen oder einfach auf die rund 74 Milliarden Tiere schauen [2], die jährlich für den Konsum tierlicher Produkte getötet werden, dann kann uns schon ganz anders zumute werden. Jeden auch nur ansatzweise klar denkenden Mensch überkommt bei Bildern aus den Mastanlagen ein ungutes Gefühl. Eine Art Kloß, der sich in der Kehle festsetzt und den Atem nimmt. Dieses Gefühl fesselt und lähmt uns, oder es drängt uns dazu, der Situation in irgendeiner Weise zu entfliehen [3].

Dieses Gefühl nennen wir Mitgefühl.

Vernachlässigte Emotionen

„Moralität ist nicht notwendig und nicht primär ideologisch. Angesichts einer unmoralischen Gesellschaft wird sie eine politische Waffe, eine wirksame Kraft, welche die Leute veranlasst, ihre Wehrpässe zu verbrennen, die nationalen Führer lächerlich zu machen, auf den Straßen zu demonstrieren und Transparente mit der Aufschrift ‚Du sollst nicht töten‘ in den Kirchen zu entrollen.“ – Herbert Marcuse: „Versuch der Befreiung“ (1969)

Mitgefühl trägt jede*r von uns in sich

Mitgefühl trägt jede*r von uns in sich

Doch gerade dieses sehr menschliche und tiefgründige Gefühl wird nur zu oft unterdrückt: In einer Gesellschaft, in der noch heute eingerostete Ansichten à la „das sind doch nur Tiere“ als Antwort auf Tierquälerei gelten, ist Empathie zu etwas Hinderlichem geworden.

Jeder gefühlte Ballast muss abgeworfen werden, wenn er uns von einem selbstgesteckten Ziel fernhält oder den Weg dorthin erschwert. „Alles ist möglich“ – zumindest, wenn wir möglichst wenig (am besten: keine) Rücksicht auf andere Lebewesen oder die Natur nehmen.

Konträr dazu stehen Mitgefühl und unsere Vorstellung von Moral für etwas durch und durch Gutes: Ohne diese kleinen Gimmicks unseres Hirns wäre unsere Spezies wohl noch schlimmer dran und hätte sich ziemlich wahrscheinlich schon letzte Woche zum zweiten Mal selbst ausgelöscht.

Damit stellt sich die Frage, ob Mitgefühl nicht auch einen weiteren Nutzen haben kann: Mitleid mit unseren tierlichen Freunden als Werkzeug des tiefen Verstehens.

Einfühlendes Verstehen

„Nun kann ich euch in Frieden betrachten, ich esse euch nicht mehr.“ – Franz Kafka beim Anblick von Fischen in einem Aquarium.

Dieses „Aufblitzen von Verstehen“ macht uns aufnahmefähig für das Leiden von anderen Lebewesen. Plötzlich vergessen wir all diesen egozentrischen Müll, der uns von der Kinderstube über die Schule bis hin zum Beruf eingetrichtert wurde.

Wir erkennen das Leben in dem der Andere*n und vor allem, welche Relevanz nur das für unser Gegenüber hat.

Unter dieser Voraussetzung gibt es weder ein „aber das ist doch ein Nutztier“ oder ein „das haben wir schon immer so gemacht“. In diesem klaren Moment des Mitfühlens gibt es solche Abwägungen nicht. Es zählt nur das Hineinfinden in das Gegenüber – oder wie es in der Psychotherapie heißt: „einfühlendes Verstehen“ [4].

Zugegeben: Diese Momente sind äußerst selten und werden gar noch spärlicher in einer Welt, in der wir fluchen, wenn unsere Nachricht bei WhatsApp nicht in zwei Augenblicken gesendet wurde. Doch es ist unbestritten, dass wir als Menschen alle fähig zum Mitgefühl sind – wir haben nur verdammt gut gelernt, Empathie aus unserem Leben zu verbannen.

Übersetzen in die Handlung

Leider ist es natürlich nicht simpel, von der abstrakten Gefühls- und Gedankenwelt in die Handlung überzugehen. Klar hätten wir es um einiges einfacher, wenn wir nicht immer wieder zurück in unsere Muster geworfen würden – aber naja: Wir sind nicht so einfach „umprogrammierbar“.

Deshalb werden oft auch im Bereich der Veganismus-Propaganda schreckliche Bilder aus der Tierindustrie vermieden und stattdessen auf „Reichweite“ mit unverfänglichen Memes oder Foodporn gesetzt. Denn Veganismus soll vor allem Spaß machen. „Mit der Moralkeule erreicht man niemanden“, wird stets unisono behauptet.

Dabei redet niemand, der Mitgefühl wecken möchte, von einer plumpen Moralkeule.

Mit ergreifenden Bildern und Geschichten können wir den ersten Schritt ins Gewissen der Menschen machen. Viele Menschen, die vegan oder zumindest fleischfrei leben, haben diesen Anstoß ernst genommen und daraus eine Handlung – vegan leben oder auf tote Tiere verzichten – abgeleitet.

Auf einer politischen Ebene mag das zu abstrakt sein, aber es ist nicht weniger effektiv. Schließlich ist es zwar „normal“, dass alle Handlungen in der Wirtschaft auf rationale Entscheidungen heruntergebrochen werden – aber „gut“ ist es dadurch noch lange nicht!

Mitgefühl in einer speziesistischen Welt

Wir Menschen haben den Speziesismus über Jahrhunderte geschaffen und gefestigt. Ohne ihn wäre die verzerrte Wirklichkeit – Lebewesen einsperren, unterjochen, quälen, töten und zu Produkten degradieren – nicht zu ertragen.* Ohne diese Ideologie wäre es nicht möglich, auch nur an etwas wie Reitsport oder eben Fleischessen zu denken – und schon gar nicht wäre ohne sie zu erklären, warum wir uns nicht auflehnen gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit.. Unsere Leben sind derart entfremdet von der Realität, dass es uns schwer fällt, zu akzeptieren, dass Tiere leiden und wir deren Bilder auf unseren Handydisplays sehen.

Denn Mitgefühl kann eben nicht einfach monetarisiert oder durch ein GIF ersetzt werden. Dieses Gefühl steht nicht irgendwo im Regal und wartet auf eine*n Käufer*in.

Aber Mitgefühl ist das Werkzeug, um die Leidensgeschichten anderer wahrzunehmen – und Handlungen folgen zu lassen. Für Letzteres gibt es Myriaden an veganen Kochbüchern und für das Erste leider genügend Beweise aus der Tierindustrie.

Durch Empathie solidarisieren wir uns mit allen unfreien Lebewesen. Veganismus ist der Anstoß zur Veränderung unserer Gesellschaft. [6]

Wenn wir ehrlich sind: Es geschieht so viel Mieses auf der Welt, nur weil unsere Spezies aus Gier, Egoismus (inklusive eines Individualisierungszwangs) und einer pervertierten Selbstüberhöhung handeln. Niemand unterdrückt aus Mitleid eine Volksgruppe oder beutet Menschen aus.

Daran kann doch eigentlich jeder Mensch sehen, welche Kraft Mitleid haben kann. Warum sollten wir nicht Gebrauch von dieser aktivierenden Gefühlsregung machen? Ein Versuch wäre es wert.


[1] https://www.theguardian.com/inequality/2018/jan/22/inequality-gap-widens-as-42-people-hold-same-wealth-as-37bn-poorest

[2] Zuzüglich einiger Milliarden Wassertiere.
FAO Statistik für 2016 zu allen Schlachtungen Quelle: http://www.fao.org/faostat/en/#data/QL (Regions > „World + (Total)“; Elements > „Producing Animals/Slaughtered“; Items aggregated > „Meat, Total > (List)“; Years > „2016“)

[3] Meist übrigens geäußert in a) weglaufen, b) leugnen, c) ignorieren oder d) einen blöden Spruch machen.

[4] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Empathie#Empathie_in_der_Psychoanalyse

[6] Der Autor möchte hiermit nicht für das reine Vertrauen aufs Bauchgefühl plädieren. Solch ein Plädoyer könnte leicht ein erster Schritt in die reaktionäre Esoterik sein. Es geht hier rein darum, Emotionen in ein positiveres Licht zu rücken.

* Wir beuten Tiere im kapitalistischen System aus, weil wir Profit aus ihnen schlagen können. Und der Speziesismus macht es uns einfacher, mit dieser rein profitorientierten Maschinerie Frieden zu schließen – nicht andersherum.

Löwen-Moral oder: Wenn die das dürfen, warum dann ich nicht?

(c) Vegan Sidekick

Das hört man ziemlich oft: „Aber Tiere töten auch Tiere.“ 

Meist soll dadurch ausgedrückt werden, dass das Töten an sich nicht automatisch ein unmoralischer Akt ist, vorausgesetzt, es handelt sich um nicht-menschliche Tiere, die getötet werden.

Die Argumentation ist aus verschiedenen Gründen nicht schlüssig.

Differenzieren, bitte.

Erstens sind es nur einige Tiere, nicht alle,  die andere Tiere töten. Wer also nach Vorbildern im Tierreich sucht, fände jede Menge Pflanzen- und Früchtefresser, die zur Wahl stünden. Warum nicht Gorillas oder Orang Utans, die uns entwicklungsgeschichtlich viel näher stehen? Oder Pferde, Giraffen oder Elefanten als Vorbild wählen?

Selbst entscheiden

Es ist auch nicht so ganz nachvollziehbar, warum moralische Entscheidungen von den Handlungen anderer abhängig gemacht werden. Können wir nicht selbst entscheiden, was moralisch gerechtfertigt werden kann und was nicht? Können wir nicht selbst richtig von falsch unterscheiden, ohne dabei nach anderen zu schielen? „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andren zu.“

Es ist im Prinzip doch ganz einfach, gut von schlecht zu unterscheiden: Was mir oder anderen Schaden zufügt, ist schlecht. Jemandem absichtlich Schaden zuzufügen, kann zwar in Ausnahmefällen geduldet werden (Notwehr, Überleben), sollte aber dennoch unter allen Umständen vermieden werden, wo immer es möglich ist, also immer dann, wenn es eine bessere Wahl gibt.

Sozialer Sinn der Moral

Das bedeutet auch, dass das, was andere oder sogar wir selbst in verzweifelten, ausweglosen Situationen, oder wenn es ums nackte Überleben ginge, tun würden, nicht als Fundament für das alltägliche Handeln herangezogen werden kann. Würden wir das tun, wäre jegliche Gesetzgebung komplett überflüssig und wir lebten in einer Gesellschaft, in der ausschließlich die Macht des Stärkeren gilt. 

Darum haben wir Moral und Ethik entwickelt. Um Willkür und Gewalt unter Kontrolle zu bekommen und eine möglichst friedliche Gesellschaft mit größtmöglicher Sicherheit für alle zu gewährleisten. Grundrechte und Menschenrechte sind große Errungenschaften, auf die wir zu Recht stolz sein können. Wir sind Wesen, die einen Sinn für Gerechtigkeit haben, die Ethik verstehen und moralisch handeln (können). Wir verstehen den großen Wert, den das Leben und die körperliche Unversehrtheit haben. Wir verstehen den Wert von Freiheit. Weil wir verstehen, wie wichtig das für uns ist, sind wir in der Lage, zu begreifen, dass das für andere genauso wichtig ist. Wir entscheiden uns als moralische Wesen dafür, freiwillig die eigene Freiheit da aufhören zu lassen, wo sie Gefahr läuft, anderen zu schaden. Das ist etwas ganz Wunderbares, obwohl es manchmal auch etwas Willenskraft und bewusste Entscheidung von uns verlangt.

Moral, mal aktiv und mal passiv

Erwachsene Menschen, die keine mentalen Beeinträchtigungen haben, sind aktive Anwender*innen von Moral und Ethik, weil sie diese verstehen können. Alle anderen Lebewesen, die ein Interesse an Leben, Gesundheit und Freiheit haben, zeigen, oder bei denen es aller Wahrscheinlichkeit nach vermutet werden kann, sind passive Empfänger von moralischem Verhalten. Dazu zählen zum Beispiel kleine Kinder sowie Menschen, deren kognitive Fähigkeiten durch Krankheit, Alter oder Unfall beeinträchtigt sind, und eben auch Tiere. Sie alle verstehen zwar Ethik nicht mehr oder noch nicht oder einfach gar nicht, dennoch haben sie ein Anrecht darauf, dass diejenigen, die in der Lage sind, sich moralisch richtig zu verhalten, es ihnen gegenüber auch tun. 

Hast du die Wahl, verursach‘ keine Qual!

Im Gegensatz zu uns haben Löwen und andere Raubtiere nämlich keine Wahl und soweit wir wissen, auch keinen Sinn für Moral und Ethik. Ein Wesen, das weder gut noch böse kennt, sondern nur überleben oder verhungern, unterliegt nicht demselben moralischen Anspruch wie ein Wesen, das sehr wohl richtig von falsch unterscheiden und dementsprechend handeln kann, weil es Alternativen hat.

Wer sein moralisches Verhalten wann immer es gerade in den Kram passt von dem abhängig macht, was wilde Tiere in freier Wildbahn tun, um das nackte Überleben zu sichern, der wirft eine der besonders wichtigen und einzigartigen menschlichen Errungenschaften einfach über Bord. 

Wer sich eingehender mit der Thematik befassen möchte, dem/der sei Armins hervorragenden Artikel ans Herz gelegt: Der Löwe frisst auch Zebras

Tierethik – Der Comic zur Debatte Buchrezension

Tierethik – Der Comic zur Debatte

Tierethik – Der Comic zur Debatte
von Julia Kockel und Oliver Hahn1.

Philosophie als Comic, ein Konzept, das wirklich aufgeht. Julia Kockel und Oliver Hahn vermitteln die Ansichten und Wertemaßstäbe, die wir Menschen unseren tierlichen Mitgeschöpfen im Laufe unserer Geschichte entgegengebracht haben, auf ungemein unterhaltsame und interessante Art und Weise.
Von Pythagoras über René Descartes bis hin zu Michael Schmidt-Salomon schauen wir Philosoph*innen über die Schulter und können verstehen, wie ihre Sicht auf die nicht menschlichen Tiere entstand und sich auf die Ethik der jeweiligen Zeit auswirkt(e). Durch die geniale Umsetzung als Comic bleibt der Inhalt immer verständlich und wird so gerafft, dass es keine Längen gibt.

Die Bilder erlauben es sowohl Einsteiger*innen, als auch langjährigen Tierrechtler*innen, immer wieder zu schmunzeln. Mal drängen Maus oder Esel in den Vordergrund, um für ihre Sache einzutreten, mal werden Internetphänomene aufs Korn genommen.

Lust auf mehr machen nicht nur die Verknüpfungen mit anderen sozialen Bewegungen, wie z. B. dem Feminismus, sondern auch der großzügige Anhang mit Quellen und Anlaufpunkten zur weiteren Beschäftigung mit Tierethik und ihrer Etablierung, sowie Fortentwicklung in unserer Gesellschaft.

Kritische Gedanken zu problematischen Punkten bei der Etablierung von Tierrechten als Ergebnis der Tierrethik, finden ebenfalls ihren Eingang ins Werk. So z. B.wenn in andere Teile der Welt geschaut wird, in denen ein Überleben von Menschen derzeit von ihrer Benutzung anderer Tiere abhängt. Oder auch, wenn auf sexistische Personen und Kampagnen hingewiesen wird, die eine Verbesserung der Situation der Tiere mit einem Verlust bereits erkämpfter Menschenrechte erkaufen würden. 

Klare Empfehlung. Sowohl für das eigene Vergnügen, als auch zum Verschenken.

Henry S. Salt2

  1. https://www.facebook.com/tierethikcomic []
  2. Animals’ Rights: Considered in Relation to Social Progress []

Wünsche zu einem weiteren Jahresende Übersetzung von "Wishes as another year ends" von "There's an Elephant in the Room blog".

Es war nicht immer so, aber je länger ich mich für die Rechte der unschuldigen Opfer unserer Spezies einsetze, desto schwieriger empfinde ich die festliche Jahreszeit. So wie ich es immer tue, habe ich versucht zu ergründen, woran das liegen könnte, denn immerhin ist heute, da sich das Jahr dem Ende zuneigt, die Welt nicht weniger vegan als zu jeder anderen Jahreszeit. Wie alle anderen bin ich ständig umgeben von einer Kultur, die ekelerregendste Brutalität vollständig normalisiert hat; einer Brutalität, die für unkritische Kunden derart umgedeutet wurde, dass die Mehrheit nicht nur ahnungslos ist, sondern sich auch in tiefer Verleugnung über ihre Teilhabe an dem Blutbad befindet und sich selbst standhaft als ‚tierlieb‘ wahrnimmt. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der dieses endlose Blutbad so tief verwurzelt ist, dass ihre Mitglieder auf die Wahrheit mit Empörung und Aggression reagieren, so überzeugt sind sie davon, dass es einfach nicht stattfindet.
 
In einer Gesellschaft, die Vergnügungssucht geradezu bestärkt, werden die erfundenen Geschichten über Tiernutzung pausenlos von den Werbeleuten in den Vordergrund gedrückt. Diesen käuflichen Frontmännern der riesigen Industrien, deren Gewerbe Tod, Schmerz und Gewalt ist und die quälerische Ausbeutung der Fortpflanzungsorgane für Eier und Milch. Diese Märchen erzählen den Konsumenten genau das, was sie hören möchten. Lediglich dünn mit einem ‚erwachsenen‘ Lack und Glanz übertüncht, werden die unsinnigen Mythen unserer Kindheit stets wiederholt und neu ausgerichtet, so dass wir weiterhin glauben können, die Mitglieder anderer Spezies nutzen zu ‚müssen‘; dass es uns ‚zusteht‘, sie zu benutzen aufgrund unserer unzureichend bewiesenen ‚Überlegenheit‘; dass es den Opfern nichts ausmacht und sie sogar ‚mitwirken‘ bei ihrer Tortur.
 
Kindergeschichten
 
Es ist kein Wunder, dass es der Mehrheit schwer fällt zu erklären, wo die Wurzeln dieser Vorstellungen liegen. Sie bleiben ins Dunkel der Worte unserer frühen Kindheit gebettet, verloren in den Nebeln der Vergangenheit, feingeschliffen während unserer Entwicklung zu Erwachsenen, indem unsere Familie und Gleichaltrigen immer wieder bestätigten, dass das ’normal‘ ist. Endlich, ohne überhaupt gewahr zu sein, wie sehr wir beschädigt wurden, wurden wir zu voll ausgebildeten Konsumenten von Brutalität, werden gewalttätige Geldgeber für blutiges Gemetzel, selbstzufriedene Unterstützer von Quälerei und Gewalt, die ihr empfindliches Zartgefühl durch den dichten Schleier des Wunschdenkens schützen, der das Ergebnis der unterschiedlichsten scheinbaren Rechtfertigungen ist, die uns jemals beeinflussten. Jedenfalls, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir vegan werden.
 
Was ist anders an der festlichen Jahreszeit?
 
Warum also ist die festliche Jahreszeit so besonders hart – nicht nur für mich – sondern auch für viele meiner Freund*innen? Es ist die Jahreszeit, in der viele über ‚Frieden auf Erden‘ reden, über stille, heilige Nächte, über Liebe und Freude und Wohlgefallen, über Geben und Teilen und die Bande von Familie und Freundschaft.
 
Es ist die Jahreszeit, in der es noch vernünftiger als sonst sein sollte, derselben Überzeugung zu sein wie der, an die ich mich so verzweifelt klammere, nämlich dass die Menschen im Herzen gut sind, dass sie sich Frieden wünschen, dass sie wehrlosen Unschuldigen niemals würden schaden wollen, oder ihnen Schmerzen, Qual und Gewalt zufügen möchten.
 
Das Todesgeläut der Weihnachtsglocken
 
Aber dann sehe ich in den Läden die Toten-Gänge voller Leichen. Ich sehe Milch, Käse, Sahne, für die Kinder auf ewig von ihren Müttern getrennt wurden, die Eier, die so viele zerbrechliche Leben in fortwährenden Wehen zerstörten, Hygieneartikel, für die Augen verätzt und Haut wund gescheuert wurde. Ich sehe exklusive, glänzende Handtaschen und Schuhe, die die blosse Existenz der Häuter verleugnen, die ebendiese Haut, ihr Rohmaterial, in Übelkeit erregender Weise vom zitternden Fleisch ihrer gequälten Eigentümer rissen. Ich sehe den Horror, der hinter dieser Jahreszeit des Selbstbetruges lauert.
 
Dann erkenne ich, dass mein Unbehagen in dieser Jahreszeit von dem Gefühl der verpassten Gelegenheit herrührt. Es ist Trauer. Es ist die schier herzzerreissende Erkenntnis, dass dies alles nur eine Scharade ist; zu wissen, dass es in den Schlachthöfen nur ein Tag wie jeder andere ist, mit all seinem Geschrei, Geschepper und dem fieberhaft krallenden Schrecken. Dort ist kein Frieden. Keine Stille. Weder Liebe noch Freude. Nur die Erfüllungsgehilfen einer unbarmherzigen Spezies von ‚Tierfreunden‘, die ihre schreckensstarren Opfer in Stücke hacken, um Frieden zu feiern.
 
Wie wünscht man da ein gutes neues Jahr?
 
Früher sagte ich auch Sachen wie ‚Fröhliche Weihnachten‘, oder ‚glückliches neues Jahr‘. Ich kann das nicht mehr. Wie kann ich ‚Fröhlichkeit‘ oder ‚Glückseligkeit‘ empfinden in dem Bewusstsein, dass so viele unschuldige Kinder anderer Spezies für diese prunkvolle, hohle Scharade mit dem Leben bezahlen?
 
Ich wünsche Freunden und Familie Frieden. Jenen, die vegan leben, kann ich versichern, dass ich verstehe, was sie in ihren schlaflosen Nächten heimsucht – mir geht es genauso. Aber wir können nicht aufgeben, wie weh es auch tun mag, denn auch wenn es uns nicht gelingen wird, die über 70 Milliarden(*) Landtiere und die ungezählten Billionen empfindungsfähiger Wassertiere, die im kommenden Jahr grauenvolle Tode ohne jeglichen Grund sterben müssen, zu retten, so können wir doch am Ende vielleicht ihre Kinder davor bewahren, dieselbe brutale Ungerechtigkeit wie ihre Eltern erleiden zu müssen.
 
Jenen, die nicht vegan leben, wünsche ich ebenfalls Frieden. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug versuchen, die richtigen Worte zu finden, um euch verständlich zu machen, dass echter Friede vegan ist, damit ihr diesen Pfad des gewalttätigen Unrechts verlassen und endlich dessen Realität wahrnehmen könnt.
 
Sei vegan.

* Die grauenvolle Zahl für das Jahr 2016 ist: 74 Milliarden. Hier die genaue Aufschlüsselung der weltweiten Schlachtzahlen 2016 (von  FAOstat.FAO.org): 

Esel – 2,569,520
Vögel, die nicht anderweitig spezifiziert sind – 55,324,000
Büffel – 26,190,707
Kamele – 2,445,235
Rinder – 302,018,862
Hühner – 65,847,411,000
Enten – 3,056,103,000
Wild – 655,978
Ziegen – 459,861,000
Enten und Perlhühner – 658,903,000
Pferde – 4,784,491
Maultiere – 477,506
Andere, nicht spezifizierte – 93,292
Andere Kamelartige  – 944,671
Andere Nagetiere – 70,440,000
Schweine – 1,478,167,073
Kaninchen – 980,785,000
Schafe – 551,420,651
Truthähne – 673,278,000
Gesamt – 74,171,872,986
 

Dies ist eine Übersetzung des am 29. Dezember 2017 erschienen Beitrags Wishes as another year ends des Blogs There’s an Elephant in the Room blog, der meines Erachtens zu den besten veganen Tierrechtsblogs zählt. Der/die Betreiber*in findet/n die perfekte Balance zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Appell an das Herz und Nahrung für das Hirn. Das alles ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger, aber immer durchdrungen von Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Englisch sprechenden Leser*innen sei er darum ans Herz gelegt. Ich werde versuchen, noch mehr Beiträge davon für deutschsprachige Leser*innen zu übersetzen.

[Susanne]