„Do you think, you’re better…?“ Über die Auswirkungen unseres Handelns

Wenn anderweitige Argumente fehlen, werden VeganerInnen oft kurzerhand auf emotionaler Ebene beschuldigt: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres!“. Dieser Angriff auf die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen trifft diesen natürlich gerne direkt ins Herz. Vor allem, weil er sämtliche sachlichen Argumentationsgrundlagen komplett außen vor lässt. Hinzu kommt, dass sich darauf nicht einfach ohne weitere Erklärung antworten lässt, denn es trifft nur ein eindeutiges „Jein“ zu:

„Nein, ich halte mich nicht für einen besseren Menschen und ja, ich halte ein paar meiner Handlungen für besser oder aber auch schlechter, als die anderer Menschen.“

Die Frage, ob man sich als besseren Menschen sieht, stellt diesen Menschen zunächst undifferenziert in eine Ecke zu „schlechten Eigenschaften“, die keiner gerne hat. Sie zielt darauf ab, jemanden auf Gefühlsebene zu treffen, anstatt die Handlungen objektiv nach deren Auswirkungen zu beurteilen. Die Herausforderung, sich daraufhin entweder selbst abzuwerten oder über den/die andere/n zu erheben, erfordert in der Antwort eine Klarstellung, was uns Menschen zu dem macht, was wir sind und wie wir gesehen werden.

 

 

Nicht „wer“, sondern „was“ ist besser? Mitgefühl haben oder ohne Notwendigkeit töten?

 

Veganismus – sich nicht über andere stellen

 

VeganerInnen sind so unterschiedlich wie NichtveganerInnen. Man könnte auch sagen, es gibt unterschiedliche Frauen genauso wie unterschiedliche Männer, unterschiedliche Europäer ebenso wie verschiedenste Amerikaner…eine Liste ohne Ende. Und überall, wo Menschen gruppiert werden, sind sicher welche dabei, die sich gerne überlegen fühlen (möchten) – intellektuell, moralisch oder aus finanziellen Gründen. Das Überlegenheitsgefühl passt nur schlicht und ergreifend nicht auf Menschen, die sich genau aus jenem ethischen Grund dazu entschieden haben, vegan zu leben: Weil sie sich gerade nicht für etwas Besseres oder Wertvolleres halten.

Bei dieser Art des Vorwurfs wird nun ausgerechnet eine moralische Handlung kritisiert, die selbst aus Sicht von NichtveganerInnen scheinbar durchaus als besser angesehen werden könnte. Dazu gleich mehr. Ganz übersehen wird nämlich, mit oder ohne Absicht, dass es beim Veganismus gar nicht darum geht, besser oder schlechter zu sein. Es geht dabei noch nicht einmal um die eigene Person und noch weniger um das eigene Wohlbefinden, ganz zu schweigen von der eigenen hierarchischen Erhebung über andere. Im Gegenteil- es geht um die Bedürfnisse und Rechte aller Mitlebewesen.

Es ist also irrelevant, höher, schneller, weiter, intelligenter, schöner, gesünder oder fitter zu sein. Entscheidend ist einzig, fair zu handeln. Da wir uns selbst unnötiges Leid und gewaltsamen Tod ersparen wollen, möchten VeganerInnen fairerweise, dass ihr Handeln ebensowenig unnötig Schmerzen und Tod anderer verursacht, die einfach glücklich leben könnten.

 

Die Ablenkung in andere Themenbereiche

 

VeganerInnen nehmen dabei sogar sehr oft in Kauf, wegen ihrer Lebensweise ausgelacht, teilweise sogar beschimpft oder als dumm dargestellt zu werden. Wären sie darauf aus, sich erhaben fühlen zu wollen, diese Reaktionen kämen dem eigenen Wohlbefinden nicht gerade zugute. Als Ablenkungsmaßnahme fungieren die emotionalen Übergriffe perfekt: Der/die Ausgelachte ärgert sich und kann nicht mit sachlichen Informationen argumentieren, weil das ehrliche Interesse des Gegenübers fehlt.

Wenn über das Thema Tiere essen diskutiert wird, lenken nichtvegane Menschen in den allermeisten Fällen kurzerhand auch auf andere Bereiche ab:

„Nur weil du…. – Ich achte dafür auf…“.

Dieses Ablenken vom Thema führt dazu, nicht mehr über den eigentlichen Punkt diskutieren zu müssen, um den es ursprünglich ging. Die Reflexion der eigenen Verantwortung am Töten von Lebewesen wird damit ganz einfach umgangen.

Dabei wird ein/e VeganerIn nie bestreiten, dass es sicher besser ist,

– Plastik zu vermeiden, als alles in Kunststoff eingeschweißt zu kaufen…

– Second Hand zu tragen, als in Bangladesh produzieren und Menschen ausbeuten zu lassen…

– mit dem Fahrrad zu fahren, als das Auto zu nehmen…

– Entwicklungshilfe und ärztliche Versorgung zu leisten, als Waffen zu verkaufen…

– Mitleid zu haben und leben zu lassen, als ohne Notwendigkeit zu töten…

Weder vegane noch nichtvegane Menschen würden sagen: „Du hältst dich wohl für etwas Besseres, weil du mit dem Fahrrad fährst!“ Meist wird sogar gelobt oder für unterstützenswert gehalten, wenn jemand beispielsweise darauf achtet, möglichst plastikfrei zu leben. Niemand wird dem-/derjenigen entgegnen, er/sie halte sich wohl deshalb für etwas Besseres. Und was wäre auch die Antwort auf diese Frage?

Genausowenig würde jemand einzelne Bereiche gegeneinander ausspielen. Wer würde schon argumentieren: „Ja, meine Kinder bekommen hin und wieder mal eine Ohrfeige, aber dafür helfe ich ehrenamtlich im Seniorenheim!“ oder „Ja, ich gehe schon recht verschwenderisch mit Lebensmitteln um, aber dafür trenne ich meinen Müll vorbildlich!“ Oder, um es mal zu überspitzen: „Ja, in meiner Fabrik lasse ich Kriegswaffen produzieren, aber ich nehme regelmäßig an Friedensmärschen teil, unterstütze den Erhalt des Hambacher Forsts und außerdem drücke ich ja nicht selbst den Abzug!“

 

Kein/e VeganerIn findet Plastikmüll klasse. Jede/r würde zustimmen, dass Vermeidung das bessere Verhalten wäre. Wieso können Menschen beim Thema Töten dann nicht zustimmen, dass Vermeidung die bessere Alternative ist…?

Die Auswirkungen unseres Handelns

 

Jeder nicht-vegane Mensch wird mit allen weiter oben aufgeführten Beispielen so einverstanden sein. Die einzige Ausnahme gilt dem Punkt, ohne Notwendigkeit zu töten. Da steht plötzlich zur Debatte, dass es keine alternative/bessere Wahl gibt.

Es folgt nicht selten ein Fehlschluss, den viele Nichtveganer begehen: Wer moralische Entscheidungen trifft, ist automatisch in allen Lebensbereichen unfehlbar. Eine unrealistische Utopie. Kein Mensch ist perfekt. Seine Handlungen können in verschiedenen Lebensbereichen ganz unterschiedlich aussehen. Durchaus können jedoch die Auswirkungen dieser Handlungen besser oder schlechter sein. Ob diese Klima, Umwelt oder Leben und Tod betreffen. Selbst pünktlich zu sein, wird in unserer Gesellschaft als besser oder erstrebenswerter erachtet, als regelmäßig zu spät kommen. Nun hat eine Verspätung bis auf die Wartenden keinen Effekt, der das Leben und die Unversehrtheit eines anderen aufs Spiel setzt, außer man ist vielleicht Notarzt. Und niemand wird bestreiten, dass es durchaus schlechter ist, seinen Müll im Wald zu entsorgen oder jemanden unnötig zu beklauen, als bei Verabredungen zu spät zu erscheinen. Wieso also machen nicht-vegane Menschen ausgerechnet bei einer Handlung, die das Leben von Abermilliarden Lebewesen ganz direkt unnötig und absichtlich gewaltsam beendet, am Liebsten einen Vergleich mit Plastik? Oder mit Mücken auf Windschutzscheiben, die sie noch nicht einmal als positive Vermeidungshandlung in die eigene Waagschale werfen könnten?

Unsere Handlungen haben Auswirkungen, die wir normalerweise ganz gut kennen. Manche davon sind offensichtlich, andere sind vielleicht nicht im selben Augenblick wahrnehmbar und lassen sich dadurch besser verdrängen. Je nachdem, ob die Auswirkungen Dritte positiv oder negativ betreffen, entsteht ein automatisches Wohl- oder Schuldgefühl, sobald dies jemand thematisiert. Ablenkung und Angriff sind oft rein nahe liegende Reaktionen, die übrig bleiben, um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, besser handeln zu können, wenn man denn wollte.

 

Niemand muss perfekt sein, um zu erkennen, dass Lebewesen Gefühle haben.

Wir wissen was wir tun. Aber wollen wir?

 

In der Regel möchte niemand jemand anderem wissentlich schaden. Wenn wir Tiere essen, ist uns allerdings bewusst, dass das Tier dafür getötet wird. Wir schaden also wissentlich. Wir nehmen den Tod in Kauf, obwohl es unnötig ist. Es bringt uns in Verlegenheit, wenn Offensichtliches angesprochen wird, das wir ungern wahrhaben möchten. Wir wissen jedoch genau, dass es besser wäre, kein unnötiges Leid zu verursachen. Wir haben ein Verhalten gefunden, das das Gegenüber wortwörtlich besser macht und wieso sich das Gegenüber deshalb für etwas Besseres halten könnte. Die Frage bringt also VeganerInnen in eine Zwickmühle in Sachen Ergebnisse, die Menschen aus der Antwort ableiten (möchten). Antworten sie mit: „Nein, tu ich nicht“, dann stellt das augenscheinlich NichtveganerInnen eine Freikarte aus, ihre Handlungsweise hier gar nicht ändern zu müssen, obwohl sie mit der Frage absichtlich nicht nur den Bereich Tiere töten meinen. Antworten VeganerInnen mit „Ja, ich finde Veganismus besser als Tiere zu essen“, dann gelten sie als abgehoben und eingebildet, wieder, weil die Frage gar nicht auf das spezifische Verhalten abzielte, sondern auf die gesamte Person.

Menschen wissen im Grunde ihres Herzens genau, dass die Summe ihrer Handlungen sie zu dem Menschen macht, der sie sind.

Und dass bestimmte Handlungen negativere und tödlichere Auswirkungen haben, als andere.

Wenn du also einen Grund findest, der plausibel genug ist, warum sich Menschen moralisch besser fühlen könnten, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen anwenden, dann ist das wahrscheinlich ein guter Grund, in Zukunft selbst danach zu handeln

Haben wir eigentlich einen Knall? Silvesterfeuerwerk - Der einen Freud, der anderen Leid

Silvester. Während sich die einen bereits darauf freuen mit einem krachenden Feuerwerk fulminant ins neue Jahr zu starten, ist den anderen genau dieses Ereignis ein Gräuel, das ihnen jede Vorfreude auf den Jahreswechsel verdirbt. Was für die einen ein guter alter Brauch ist, für den man gerne mal bedenkenlos 137 Millionen Euro in einer einzigen Nacht ‚verbrennen‘ darf, empfinden die anderen als einen unsinnigen, gewalttätigen Akt der Verschwendung und Ignoranz.1

Sind die Kritiker*innen des Feuerwerks einfach nur spaßbefreite Langweiler*innen, oder haben sie vielleicht gute Gründe, sich nicht an dem Spektakel zu beteiligen? Sie haben. Wer beabsichtigt, sich auch dieses Jahr wieder an der Knallerei zu beteiligen, sollte sich zuvor mit diesen Argumenten auseinandersetzen.

Feuerwerke verursachen Tierleid

Wir sind nicht allein auf dieser Welt, sondern tragen Verantwortung für das Wohlergehen der anderen Lebewesen, mit denen wir uns diesen Planeten teilen.

Bei vielen Tierarten lösen Lärm, Lichtreize und intensive Gerüche massiven Stress aus. Tiere haben oftmals ein wesentlich empfindlicheres Gehör und einen feineren Geruchssinn als wir Menschen. Beides ist für viele überlebensnotwendig. Ihre geschärften Sinne warnen sie frühzeitig vor potenziellen Gefahren und ermöglichen eine rasche Flucht.

Feuerwerke werden von den meisten Tieren als extreme Bedrohung wahrgenommen. Wenn das Krachen und Blitzen in der Silvesternacht plötzlich losgeht, reagieren sie oft panisch. Viele bekommen Todesangst. Egal ob Wildtiere, Haustiere oder sogenannte Nutztiere: Für sie ist diese Nacht ein absoluter Ausnahmezustand. Hunde zittern oft noch Stunden nach dem Feuerwerk vor Aufregung am ganzen Körper. Haustiere, die nicht eingesperrt sind, rennen in Panik weg und kehren erst nach Tagen oder vielleicht auch nie wieder heim. Auch Wildtiere werden aufgescheucht und rennen in alle Richtungen davon. Manche werden auf der Flucht von Autos erfasst und getötet, wieder andere finden nicht mehr zu ihren Familien zurück. Igel werden im Winterschlaf gestört oder gar aufgeweckt und verbrauchen sinnlos lebenswichtige Energiereserven. Millionen Vögel schrecken in ihren Schlafplätzen auf und steigen scharenweise orientierungslos in große Höhen auf. Viele überleben den Schock und die Anstrengung nicht.2

Im Jahr 2011 kam es in der Silvesternacht im US Bundesstaat Arkansas zu einem gruseligen Ereignis. Auf einer Strecke von zwei Kilometern fielen während des Feuerwerks mehr als 3.000 Amseln tot vom Himmel. Das Ereignis war so gespenstisch, dass manche Einwohner*innen später berichteten, sie hätten geglaubt, dies sei der Beginn der Apokalypse.3

Wer böllert, unterstützt fast immer Ausbeutung und Kinderarbeit

Die pyrotechnische Industrie in Deutschland beschäftigt gerade mal 3.000 Menschen.4 Die Hauptproduzenten der Feuerwerkskörper sind China und Indien, die mit ihren Produkten 97% des Weltmarktes decken.5

Die Produkte werden dort unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt. Nach Angaben der Kampagne aktiv gegen Kinderarbeit arbeiten allein in Indien ungefähr 70.000 Kinder in der Feuerwerksindustrie. Laut Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi fangen die Kinder schon mit fünf Jahren zu arbeiten an. Zehn bis Zwölfjährige arbeiten bis zu 13 Stunden am Tag – sechs Tage die Woche. Sie verdienen nur einen Bruchteil dessen, was die erwachsenen Arbeiter*innen bekommen, aber auch sie sind bei ihrer Arbeit extremen Gefahren ausgesetzt. Verätzungen durch giftige Chemikalien und schwere Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung.6

Feuerwerke belasten die Luft und produzieren tonnenweise Müll

Laut Umweltbundesamt werden allein in der Neujahrsnacht in Deutschland rund 4.500 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Diese Menge entspricht in etwa 15,5 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge.7 Angesichts der ohnehin dramatischen Feinstaubbelastung insbesondere in vielen Innenstädten überrascht es, dass in der Diskussion über mögliche Gegenmaßnahmen nur wenige Akteure ein Verbot von Silvesterfeuerwerken fordern. Es wäre eine naheliegende, leicht umsetzbare, sofort wirksame Maßnahme.

Wenn alles vorbei ist … (Foto: Pixabay)

Silvesterfeuerwerke produzieren tausende Tonnen Müll, der in den nächsten Tagen wieder eingesammelt und entsorgt werden muss. Obwohl das Abfallrecht eigentlich vorsieht, dass jede(r) Einzelne seinen/ihren Müll selbst wegräumen soll, geschieht dies tatsächlich fast überall in Deutschland durch die städtischen Straßenreinigungen, also auf Kosten der Steuerzahler*innen.

Allein in München entsorgten zu Jahresbeginn 150 Mitarbeiter*innen der städtischen Straßenreinigung mit Kehrmaschinen, LkW-Kippern, Mehrzweckfahrzeugen und Kleintraktoren 60 Tonnen Silvestermüll. Zehn Tonnen mehr als im Vorjahr.8

Während in den Städten das gewohnte Straßenbild schnell wieder hergestellt ist, kümmert sich nahezu niemand um die Feuerwerksreste, die auf die Wälder, Felder, Wiesen und Gewässer herabfallen. Millionen von Plastikteilen, die Jahrzehnte brauchen, um zu verrotten.

Gesundheitsgefährdung und Körperverletzung

Es gibt gute Gründe, warum es Privatpersonen ohne Sondergenehmigung an 364 Tagen im Jahr verboten ist, ein Feuerwerk abzufackeln. Allein dass dies eine Verordnung zum Sprengstoffgesetz regelt, lässt ahnen, dass das Silvestervergnügen wohl ein durchaus gefährlicher Spaß ist.9 Wir bringen große Mengen Sprengstoff zur Detonation und gefährden dadurch uns selbst und andere. Jedes Jahr verletzen sich hunderte Menschen in der  Silvesternacht beim Hantieren mit Feuerwerkskörpern schwer. Manche Unfälle enden tödlich. Allein das Unfallkrankenhaus Berlin zählte in der Nacht zum Jahreswechsel 2018 21 Verletzte. Mindestens fünf Patienten erlitten schwere Amputationsverletzungen. Das Team der Handchirurgie arbeitete durchgehend in drei Operationssälen.10

Außerdem werden auch viele unbeteiligte Menschen verletzt. Sie erleiden häufig Verbrennungen oder sogenannte Knalltraumata, wenn sie in der Nähe sind, wenn (oftmals alkoholisierte) Mitmenschen grob fahrlässig mit Böllern hantieren oder diese gar mutwillig in die Menge werfen.  Bei den männlichen Verletzten der Silvesternacht sind 40% der Unfälle fremdverschuldet, bei Frauen ist der Anteil der Fremdverschuldung mit 80% sogar doppelt so hoch.11

Knallkörper erzeugen eine Lautstärke von bis zu 180 Dezibel. Die Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs liegt bei ca. 120 Dezibel. Lärm, der diesen Pegel übersteigt, schädigt die Ohrzellen im Innenohr. Sterben die Hörzellen ab, sind sie unwiderbringlich verloren. Bereits ein einziger Knall von mehr als 150 Dezibel kann ein Knalltrauma auslösen und zu Schwerhörigkeit und dauerhaften Ohrgeräuschen führen.12 Aus einer Mitteilung des Ärzteblatts geht hervor: In Deutschland erleiden jährlich 8.000 Menschen an Silvester Verletzungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Rund ein Drittel behält bleibende Schäden.13

Erst nachdenken, dann nicht böllern

Die Argumente gegen Böller und Raketen sind begründet und leicht nachvollziehbar. Fragt man die Befürworter*innen nach ihren Argumenten pro Feuerwerk, so bekommt man in der Regel keine substanzielle Gegenrede, sondern eher schwache Argumente wie ‚Das Feuerwerk zu Silvester ist einfach eine schöne Tradition‘, ‚Ich mache das auch nur wegen der Kinder‘ oder ‚Wollt ihr jetzt alles verbieten, was Spaß macht‘ zu hören.

Spaß zu haben ist natürlich ein legitimer Wunsch. Allerdings endet unser Recht auf Spaß genau da, wo es anderen vorsätzlich Schaden zufügt. Sich auf Kosten anderer zu amüsieren, die vielleicht mit ihrer körperlichen Unversehrtheit oder ihrem Leben dafür bezahlen, ist nicht lustig, sondern egoistisch und ignorant.

Kinder sind mühelos in der Lage, zu verstehen, warum man sich ab sofort nicht mehr an der Knallerei beteiligt. Würde man ihnen z.B. erklären, dass die Feuerwerkskörper von Kindern ihres Alters am anderen Ende der Welt unter furchtbaren Bedingungen gefertigt werden, oder dass tausende von Tieren in der Silvesternacht durch unsere Gleichgültigkeit leiden und sterben müssen, wären die meisten wohl sofort bereit, auf diese merkwürdige Tradition zu verzichten und stattdessen auf andere Weise Spaß zu haben.

Wie wäre es also, im Kreis der Familie das Thema einmal in Ruhe zu besprechen, um gemeinsam eine verantwortliche Entscheidung zu treffen? Man stelle sich vor, die Menschen in diesem Land würden sich kollektiv entschließen, 137 Millionen Euro für etwas wirklich Sinnvolles statt für Feuerwerkskörper auszugeben.

 

  1. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  2. Der Falke. Journal für Vogelbeobachter. 01/2013. https://blog.canoncam.de/media/blogs/cam/SONJA/Falke_Studie_Voegel_Silvester.pdf []
  3. Die Welt. Silvesterböller verursachen mysteriöses Vogelsterben. https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article11962392/Silvesterboeller-verursachten-mysterioeses-Vogelsterben.html []
  4. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/284913/umfrage/umsatz-der-deutschen-pyrotechnischen-industrie/ []
  5. Die Stadt Liuyang in China ist mit 1700 Fabriken der größte Fabrikant. In Liuyang arbeitet ein Drittel der Bevölkerung in der Feuerwerksproduktion. Die Stadt Sivakasi in Südindien wird auch die ‚Feuerwerkhauptstadt‘ genannt. Mehr als 90% der aus Indien stammenden Feuerwerkskörper werden hier in über 800 Werken produziert. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  6. Kampagne ‚aktiv gegen Kinderarbeit‘. https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/12/kinderarbeit-fuer-bunte-sterne/ []
  7. Umweltbundesamt. Dicke Luft zum Jahreswechsel. https://www.umweltbundesamt.de/themen/dicke-luft-jahreswechsel?fbclid=IwAR3MMtUcPfvBSR6fRixQJoheIyLs5EPAfbudtb95QZqzHff6SICez6x9oNQ []
  8. münchen.tv. https://www.muenchen.tv/strassenreinigung-60-tonnen-silvestermuell-mussten-entsorgt-werden-254400/ []
  9. Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz, § 23.  https://www.gesetze-im-internet.de/sprengv_1/__23.html []
  10. Spiegel online. http://www.spiegel.de/panorama/silvester-unfaelle-durch-boeller-und-silvester-fondue-a-1185749.html []
  11. Stille Nacht. http://web201.c10.webspace-verkauf.de/bi-stillenacht/index.php?pid=7&art=1963 []
  12. RP Online: Damit nach Silvester nicht das Knalltrauma bleibt. https://rp-online.de/leben/gesundheit/medizin/damit-nach-silvester-nicht-das-knalltrauma-bleibt_aid-13041051 []
  13. Ärzteblatt. Zahl der Woche. https://www.aerzteblatt.de/archiv/treffer?mode=s&wo=1008&typ=16&aid=133942&s=Silvester []

Liebe von uns genervte Mitmenschen (Teil II)

 

Liebe von uns genervte Mitmenschen,

wir geben zu, dass auch wir vegan lebenden Menschen nicht perfekt und nicht vor Widersprüchen gefeit sind. So ist uns klar, dass eine vegane Lebensweise auch für die Tötung von Tieren verantwortlich ist. Auch wissen wir, dass die Frage, was «unvermeidbar» ist, nicht so einfach entschieden werden kann. Wir trinken vielleicht auch mal einen Saft, bei dem wir nicht genau wissen, wie er geklärt wurde. Denn auch wir sind fehlbar und können die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, nicht ignorieren. Aber wir ziehen aus der Fehlbarkeit nicht den Schluss, dass alles erlaubt ist und nichts einen Unterschied macht. Auch nehmen wir lieber 98% als 0% und pfeifen nicht auf alles, nur weil 100% nicht möglich sind. Einem Ideal kann man folgen, auch wenn man es nicht zu 100% umsetzen kann. Erst recht in einer Welt, die in nahezu allen ihren Bereichen auf der Nutzung und Tötung von Tieren basiert.

Da ihr bereit seid, die Fehler der veganen Lebensweise aufzudecken, würde mich interessieren, wie ihr zu folgenden Widersprüchen steht:

  1.      Veganismus ist euch zu teuer, aber gleichzeitig behauptet ihr, nur Biofleisch zu essen.
     
  2.      Ihr entdeckt euer Herz für Pflanzen. Wisst ihr, dass die Tiere, die ihr esst, mit Pflanzen gefüttert werden, und so indirekt für eine omnivore Lebensweise viel mehr Pflanzen getötet werden?
     
  3.      Ihr seid sensibel für Pflanzen, aber seid nicht in der Lage, das Leiden eines Schweines oder einer Kuh zu sehen, ja stellt bisweilen sogar deren Empfindungsfähigkeit in Abrede.
     
  4.      Ihr seid nicht an der Ernährung anderer interessiert, bis ihr erfahrt, dass jemand vegan lebt. Dann werdet ihr auf einmal zu Ernährungs- und Gesundheitsexpert*innen. Wenn eine omnivor lebende Person krank ist, dann ist sie einfach nur krank. Wenn eine vegan lebende Person krank ist, dann ist sie krank, weil sie vegan lebt.
     
  5.      Ihr behauptet, der Mensch habe schon immer Fleisch gegessen. Was hat das mit Milch, Leder, Pelzen, Zoos, Zirkussen und Tierversuchen zu tun?
     
  6.      Ihr seid dafür, dass Erziehung Privatsache ist, und interveniert nicht, wenn jemand mit einem Kind zu McDonald’s geht oder den Einkaufswagen mit Chips und Cola füllt. Gleichzeitig schäumt ihr vor Wut, wenn ihr hört, dass jemand sein Kind vegan ernährt oder vegane Kitas eröffnen.
     
  7.     Ihr nennt uns «Veganazis» und «Ökoterroristen», aber werft uns vor, «extremistisch» und «radikal» zu sein.
     
  8.     Ihr erachtet einen Löwen als ethisches Vorbild, wenn es um Fleischkonsum geht, aber nicht, wenn es darum geht, Konkurrenz auszuschalten oder Infantizide zu rechtfertigen.
     
  9.      Veganer*innen verändern mit ihrer Lebensweise sowieso nichts, sind aber gleichzeitig für die Zerstörung von Arbeitsplätzen und den Regenwald verantwortlich.
     
  10.  Ihr könnt es euch leisten, jeden Tag Fleisch, Milch, Eier und Fisch auf hundert verschiedene Arten zu konsumieren, aber verspottet den Veganismus als «Wohlstandserscheinung».
     
  11.   Ihr prangert den Veganismus an, dass er nicht zu 100% erreichbar ist, aber sagt auch, man solle es nicht übertreiben und die «goldene Mitte» wählen.
     
  12.  Ihr werft uns vor, radikal und extrem, aber gleichzeitig nicht konsequent genug zu sein.
     
  13.  Ihr werft uns vor, bei der Beendigung der Tierhaltung würden die Tierrassen aussterben, aber gleichzeitig würden uns die ganzen freigelassenen Tiere überrennen.
     
  14.  Ihr könnt euch vorstellen, dass von heute auf morgen alle Tiere freigelassen werden, aber eine Welt, in der Tiere nicht mehr genutzt werden und gleichberechtigt mit uns leben, übersteigt euer Fassungsvermögen.
  15. Weiterlesen

Gedanken einer Aktivistin

Da steh ich also mit meinem Schild um den Hals, und vor mir teilt sich die Menge wie einst vor Moses das Tote Meer.
Es ist kalt.
Bitterkalt.
In meine Gedanken drängen sich Bilder von Tieren in kleinen Gitter-Käfigen. Ohne Schutz vor Wind und Nässe, nur das Fell an ihrem Körper, das ihnen bald gewaltsam genommen wird.

Ich sehe innerlich Bilder von Nerzen, die sich im Todeskampf minutenlang gegen die Wände der Kisten werfen, in die gerade CO oder CO2 geleitet wird, um ihr Leben zu beenden. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass ihr kostbares Fell keinen Schaden nimmt.
Würde man ihnen die Luftröhre und die Halsschlagader durchtrennen, wie man es bei anderen Tieren wie Kühen, Schweinen, Hühnern, Kaninchen, Puten, Schafen, Ziegen und vielen anderen praktiziert, die für die sogenannte „Fleischgewinnung“ getötet werden, würde man das kostbare „Produkt“ Pelz verletzen.

Pelz – fremde Haut, die von Menschen mit leeren Gesichtern durch die Innenstadt getragen wird.
Aber Nerz ist nichts für den Durchschnittsignoranten. Der/die junge Ausbeutungskonsument*in steht auf Kojotenpelz.
Je größer, desto besser.

Menschen jeden Geschlechts kommen mir entgegen, überheblich grinsend beim Blick auf das Plakat um meinen Hals.
Die Hosen, zu kurz, lassen den Blick auf entblößte Knöchel oberhalb der Sneakersöckchen zu. Aber je weiter man den Blick nach oben wandern lässt, desto deutlicher zeigt sich die Ode an den Winter.
Am Kapuzenaufschlag hängt das tote Tier.
Sein Fell bewegt sich im Wind. Lebendig gehäutet für eine sinnlose Mode.

„Ernte“ heißt dazu der euphemistische Fachjargon. Als würde man Äpfel von Bäumen pflücken und nicht ein Lebewesen gewaltsam und unter unvorstellbaren Schmerzen von seiner schützenden Haut trennen.
Der Nutzen dieser Kapuzenbehaarung ist gleich Null, sie gilt aber als Statussymbol unter den Jungen und Attraktiven.
Die nicht ganz so coolen Exemplare der Gattung Egosapiens tragen zusätzlich oder auch ausschließlich Bommelmützen mit Echtpelzbommel.
Jene Mützen, die ich mir bereits als Kind vom Kopf riss, sobald meine Eltern außer Sichtweite waren, weil sie einfach unfassbar peinlich waren.
Geändert hat sich daran nichts, nur, dass die Bommeln damals aus Polyester bestanden und nicht – wie heute – aus der Haut lebendig gehäuteter Kojoten und Hunde, denen ein Eisenhaken durch den Unterkiefer getrieben wird, um ihre Haut samt Haar besser an einem Stück abziehen zu können.
Im Internet findet sich dazu reichlich und schwer zu verkraftendes Videomaterial.

Ab und an bleibt jemand stehen, hört mir zu, nimmt einen Flyer und sagt mir leise, als solle es niemand außer mir hören, wie wertvoll meine Arbeit ist.
Das ist wie eine warme Brise an diesem kalten Tag, in einer noch kälteren Welt.

Viele grinsen.
Ich frage: „Sie wissen, dass ihr Pelz von einem Tier stammt, das lebendig und bei vollem Bewusstsein gehäutet wurde?“
Manche lachen und sagen: „Klar, aber das ist mir egal.“
Andere sind geschockt und ich frage mich, was sie dachten, wie der Pelz an ihren Kragen gekommen ist.

Ich schaue in viele Gesichter.
In lächelnde, die mir Zuspruch schenken, leise, heimlich, verschämt.
In lachende, verhöhnende.
In kalte, ausdruckslose.
Aber auch in peinlich berührte, denen klar wird, dass das Fell an ihrem Kragen dem Tier auf meinem Plakat gehört haben könnte.

Nach Stunden in der Kälte gehe ich nach Hause.
Etwas traurig, aber auch froh, den/die eine*n oder andere*n vielleicht doch erreicht zu haben.
Wenn es nur eine*r von hundert ist, hat sich die emotionale Achterbahnfahrt aus Wut, Abscheu, Traurigkeit und Hoffnung gelohnt.

Und eines ist jetzt schon klar: ich werde wieder dort stehen. Until every cage ist empty.

Unter Gleichgesinnten Tierrechtsaktion: Rund 3.000 Menschen bilden eine riesige Menschenkette um die Binnenalster in Hamburg.

Schön war’s. Einfach schön.

Es war eine riesengroße Freude, dabei sein zu dürfen!

Das Wetter war uns gnädig, denn es war zwar zapfig bei Temperaturen um und unter 10 Grad, aber es blieb trocken und ab und zu lächelte sogar die Sonne auf uns herab, als sich rund 3.000 Menschen vor genau einer Woche, am Samstag, dem 27. Oktober 2018, in Hamburg zum vorgezogenen Welt-Vegan-Tag versammelten. Dort konnten sie das wunderbare Gefühl erleben, sich endlich wenigstens für ein paar Stunden unter Gleichgesinnten zu befinden.

Auch unser Team von Veganswer entsandte eine kleine Delegation, um an dem ehrgeizigen Projekt, eine Menschenkette für Tierrechte rund um die Binnenalster zu bilden, teilzunehmen.

Kann es eine bessere Gelegenheit geben, liebgewonnene virtuelle Freund*innen auch einmal im echten Leben zu treffen?

Die Veranstaltung war von langer Hand geplant und optimal vorbereitet. Die letzte Woche vor dem Event gab es einen täglichen Countdown und die Spannung stieg von Tag zu Tag. Einen Tag vorher erhielten wir per Email die letzten Instruktionen und schließlich war es soweit.

Schon um 10 Uhr waren rege Aufbauarbeiten der verschiedensten Organisationen zu beobachten. Unter anderem waren Ariwa da, Animals United, die Albert-Schweitzer-Stiftung mit dem Grunzmobil, Peta, das Deutsche Tierschutzbüro und der Truck-You Laster, der den Besucher*innen das beklemmende Gefühl der Tiertransporte vermittelte, Hof Butenland, die Ärzte gegen Tierversuche, natürlich die Veranstalter*innen, das Tierrechtsaktivistenbündnis,und sogar zwei, die sich als vegane Superheld*innen maskiert hatten.

Ab 12 Uhr begann die offizielle Anmeldung, bei der die Teilnehmer*innen ein Armbändchen erhielten, einem Bereich für die Menschenkette zugeteilt wurden und einen Flyer mit dem Liedtext und der Strecke des Demozugs.

Gegen 13:30 Uhr machten wir uns dann auf den Weg zu unserem Bereich und schauten gespannt und gebannt zu, wie sich die Menschen rund um die Binnenalster verteilten. Die Ordner*innen schwirrten emsig hin und her, lösten kleine Menschentrauben auf und schlossen Lücken. Und dann stand sie, die Menschenkette. Es war beeindruckend und beglückend. Dieses Jahr, 2018, hat so viele herzerwärmend große Demonstrationen für die Tiere und ihre Rechte gesehen, man denke nur an die Official Animal Rights Marches in London, Amsterdam, Kopenhagen und Berlin, da war dieses Event wahrlich ein würdiger Abschluß.

Über all dem aufgeregten, freudigen Getuschel und Getratsche erklangen dann aus der Ferne die Drums of Liberation des Drums Over Knives Ensembles, die loszogen, und die Menschen aus der Kette zusammen trommelten für den Marsch durch die Stadt.

So marschierten wir endlich tanzend, trommelnd, pfeifend, skandierend und singend durch die Hamburger Innenstadt. Es war fröhlich, es war laut, es war episch. Besonders erhebend war es, im großen Chor die Hymne für die Tiere von Séimí Rowan mitzusingen.

Die Abschluss-Rede von Hilal Sezgin war der letzte Höhepunkt dieser gelungenen Veranstaltung.

Was viele Nichtveganer*innen oft nicht begreifen, ist, dass uns nahezu täglich das Herz bricht. So einfache Dinge wie der Gang zum Supermarkt erinnern uns an das alltägliche Grauen, das uns umgibt. Da sind Veranstaltungen wie diese regelrecht Balsam auf den Wunden der Seele. Umringt zu sein von Gleichgesinnten, die dich und die Sache verstehen, denen du nicht ständig erklären musst, dass es eben nicht um uns geht, nicht um Diät, nicht um Dogmen, sondern einfach um diejenigen, die sich nicht selbst helfen können, tut so unendlich gut. Dass sich so viele zu dieser Veranstaltung einfanden, macht Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ich hoffe, die kommenden Jahre bringen noch mehr solcher Events, mit noch mehr Menschen, die laut, selbstbewusst und deutlich für die Rechte der Wehrlosen eintreten.

Unser tiefer Dank gilt den Veranstaltern, die monatelang voller Enthusiasmus Zeit und Nerven auf wendeten, um dies auf die Beine zu stellen. Es wird unvergesslich bleiben.

Danke!

Zu guter Letzt die wichtigste Info für alle Teilnehmenden: die Fotos :) und das offizielle Video zur Veranstaltung!

 

Friederike Schmitz: ‚Tierethik kurz + verständlich‘ Buchbesprechung

Tierschutz und Tierrechte sind Begriffe, die es bereits in unsere Medien geschafft haben. Die Tierethik, als Grundlage unseres Verhältnisses zu Kuh, Schwein, Hund und Spatz, ist jedoch noch immer ein Nischenthema. Die Philosophin und Autorin Friederike Schmitz hat nun ein Werk zur Heranführung herausgebracht.

„Tierethik kurz + verständlich“ ist nicht nur so kompakt, dass es in die Hosentasche passt, sondern hält auch was es verspricht. Das Buch ist ideal für Menschen, die sich bisher noch nicht mit der Tierethik befasst haben und einen guten Einstieg, sowie eine übersichtliche Gliederung wünschen.
Schmitz beginnt nach einer knappen Einleitung mit der Frage, um wen es in der Tierethik nun eigentlich geht. Dabei zeigt sie auch unsere Form der Abgrenzung zu anderen Tieren auf, bei der wir auf unsere erste Schwierigkeit zur Benennung treffen. Sind Huhn und Reh nun „Tiere“, „andere Tiere“ oder „nichtmenschliche Tiere“?
Weiter geht es mit einer Geschichte der Tierethik und einem Einblick in die verschiedenen Ansätze, die Philosoph*innen zum Verhältnis und Umgang mit Tieren generell oder bestimmten Tierarten wie Säugetieren, zeigen.

Trotz der gerafften und kurzweiligen Form, werden auch stark umstrittene Themen wie z. B. der Bereich der Tierversuche betrachtet und Bewertungsanreize gegeben. Obwohl derzeit noch wenig diskutiert, gibt es das Kapitel „Was schulden wir Wildtieren?“ einige Positionen zum Thema wieder. Dadurch wird das Werk auch für Menschen interessant, die sich mit der Tierethik bereits auseinandergesetzt haben. Immerhin haben wir derzeit noch wenige Positionen zum Umgang mit Wildtieren, die von Fragen zur Winterfütterung oder dem Schutz von Kitzen vor Mähmaschinen abweichen.

Tierethik: kurz + verständlich von [Schmitz, Friederike]

Die Autorin, Friederike Schmitz, ist promovierte Philosophin, Autorin und Mitbegründerin des Vereins „Mensch Tier Bildung e. V.“. Sie gibt Vorträge, Workshops und Interviews zu tierethischen Fragen.

Friederike Schmitz: Tierethik kurz und verständlich
compassion media 2017, 211 Seiten, 7,90€, ISBN 978-3-9816425-5-1

 

Kritik lässt uns wachsen Warum Kritik gut ist

Kritik lässt uns wachsen

Wir wissen alle, wie schwierig es ist, mit brenzligen Situationen umzugehen, und wie wir teilweise auch immer wieder daran scheitern, auf diese adäquat hinzuweisen.

Deshalb soll dieser Beitrag ein paar Denkanstöße geben, wie wir mit Kritik umgehen können.

Zwei Schaafe blöken sich an.

Kritik lässt uns wachsen. Also: Nich‘ meckern!

Sachliche Kritik hat nichts mit “bashen” zu tun

Gerade in den sozialen Medien begegnet uns oft ein Schema: Kommentatorinnen* sind total verwirrt und entsetzt, dass ihr Idol “durch den Hafermilch-Kakao gezogen” oder “niedergemacht” wird. Daher ist die erste, reflexartige Aktion manchmal ein: “Hör auf zu bashen!” oder “Aber Du bist total toll oder wie?!”

Dabei wird nicht selten übersehen, dass es sich ja vielleicht um berechtigte Kritik handeln könnte. Steckt hinter dem vermeintlichen “Bash” tatsächlich mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit? Wurde unter Umständen sogar ein Makel am Idol gefunden?

Sicher: Das entsetzt erstmal ziemlich.

 

“Unser Idol ist nur ein Mensch mit Fehlern?! Kann ja gar nicht sein!!11elf” – Selbstkundgabe der Betroffenen

 

Dabei ist Kritik aber nie etwas Schlechtes. Sie ist sogar sehr nötig: Wir brauchen Kritik, damit wir weiter wachsen können. Probleme umschiffen, Lösungen finden oder auch neue Wege gehen klappt nicht, wenn wir den alten Mustern hinterhereifern.

Und das hat mit “bashen” rein gar nichts zu tun: Wenn wir objektiv aufzeigen, welche Probleme sich aus den Handlungen eines vermeintlichen “Idols” ableiten (bspw. der allseits bekannte Ausverkauf des Veganismus als “health issue”), dann ist das konstruktive Kritik.

Im Gegensatz zum “Bashing” geht diese Kritik nicht auf eine persönliche oder rein subjektive Ebene: “Du bist ein Muskelotto” oder “Dein Matcha schmeckt nicht”. Sondern sie gibt ein möglichst wertfreies Bild wieder, an dem wir etwas verbessern können.

Natürlich ist das nicht so leicht – weder die Kritik zu akzeptieren noch daraus eine Handlung abzuleiten.

Wir sollten Kritik wertschätzen

Kritik kann weh tun – das können wir wohl alle zugeben.

Der erste vegane Einkauf ist anstrengend. Dann ärgert es umso mehr, wenn wir von unseren Freundinnen darauf hingewiesen werden, dass wir leider auch ein Produkt von Nestlé oder einer Fleischfabrikantin gekauft haben.

Da kann schnell die volle Demotivation reinhauen und wir zittern, dass wir aaaallleeess falsch gemacht haben.

Dabei haben wir für diesen Moment vollkommen vergessen, wie viele tolle Schritte wir bisher machen mussten, um überhaupt so weit zu kommen.

Also: Erstmal auf die Schulter klopfen. Danach überlegen wir uns, was an der Kritik dran sein könnte: Ist es vielleicht wirklich schlecht, die leckeren veganen Nuggets von “Vegetaria” zu kaufen, weil das den Ausbau der Tierausbeutung eines Fleischunternehmens fördert? “Hauptsache vegan” zählt nicht, wenn wir weiter darüber nachdenken.

Solange wir diese Kritik ernst nehmen, kann sie uns weiter bringen und ganz neue Blickwinkel eröffnen.

Nur mit kritischem Hinterfragen von allem können wir die Welt verändern (“status quo”)

Leider ist es gang und gäbe die oben genannten Punkte gekonnt zu ignorieren, wenn es um systematische Probleme geht. Letztlich wollen wir alle ein wenig Sicherheit haben und die wähnen wir manchmal in Gefahr, wenn andere unser “System” kritisieren (bspw. “Wertesystem” bei unserer Kindererziehung oder “Nachhaltigkeitssystem” bei unserer Mobilität usw.).

Wer nicht kritisiert, akzeptiert alles, wie es ist

Wir sind uns wohl alle darüber einig, dass so einiges auf dieser Welt schief läuft: Menschen verhungern, wo andernorts gutes Essen in Unmengen weggeworfen wird. Der Rechtsruck in der Gesellschaft wird an militärisch abgeriegelten Grenzen spürbar. Gewässer werden überschwemmt mit Plastikmüll – ganz abgesehen von den Auswirkungen der Massentierhaltung, die das Grundwasser ganzer Landstriche verpestet.

Genau diese Zustände nicht zu hinterfragen und nicht zu kritisieren bedeutet, sie einfach zu akzeptieren.

Wer die implizite Moralkeule hier im Text bisher noch nicht wahrgenommen hat, hört sie jetzt mit voller Wucht einschlagen:

 

“Sich fügen heißt lügen.” Erich Mühsam (und Slime)

 

Deshalb ist es nicht nur unser aller Recht, sich kritisch gegenüber dem “status quo” (Ist-Zustand) zu zeigen, sondern auch unser aller Pflicht, genau das zu tun.

Die milliardenfache Tierausbeutung wird sich nicht in Luft auflösen, wenn wir einfach stur so weiter machen wie bisher. Nur weil wir die Zustände wie sie sind nicht akzeptieren wollten, wurden wir zu Veganerinnen und Tierrechtlerinnen. Das war sozusagen die erste, gelebte Kritik.

Doch es ist und bleibt ein Kampf für die Befreiung aller Lebewesen, der zumindest Kritik am status quo von uns allen erfordert, um endlich wenigstens Änderungen anstoßen zu können. – Denn sonst passiert nichts.

Man kann auch das Eine ablehnen, und etwas ganz anderes unterstützen

Natürlich ist es gut, wenn wir unsere Kräfte möglichst bündeln und gezielt einsetzen. Dazu müssen wir nicht bei allen Punkten übereinstimmen.

Und auch, wenn manche Veganerinnen einen automatisierten Brechreiz durch ihren Holocaust-Vergleich hervorrufen, sollten wir sie für genau das kritisieren. Es zu ignorieren und zum Tagesgeschäft überzugehen, festigt nur den Glauben, dass solche ekelhaften und verletzenden Vergleiche wirklich Menschen zum Veganismus bringen würden. (hint: Nein, tun sie nicht!)

Aber bei der Kritik an einer Äußerung einer Veganerin bleibt es dann ganz sicher nicht. Denn wir kämpfen alle an verschiedenen Fronten – jetzt kommt’s – auf einmal!
Es gibt Menschen, die in diversesten Vereinen und Organisationen aktiv sind und fast schon im Schlaf herbeten können, warum der o.g. Vergleich scheiße ist.

Nicht, dass das immer so sein sollte. Es ist vielmehr nur ein Beispiel von vielen, das zeigen soll, wie notwendig beides ist: Die Kritik an uns allen und die Kritik am System außerhalb unseres Bereichs.

“Du lästerst einfach über unsere Arbeit, statt selbst etwas zu tun”

FingerzeigenAuch wenn es schwer vorstellbar ist, aber nicht immer ist die eigene Arbeit der Zenit der Menschheit. Gerade im Rahmen der Freiwilligenarbeit – also in Vereinen, Aktionsgruppen oder auch bei solidarischer Hilfe – können wir nur gegenseitig voneinander lernen.

Das heißt allerdings auch, dass wir zu unserer eigenen Unperfektheit stehen können. Und hier wird es kniffelig: Wo wir doch so viel Herzblut und Energie in ein Projekt, die Kampagne XY gesteckt haben, wie kann sich da jemand erdreisten, uns dafür zu kritisieren?!

Da haben wir uns stundenlang den Mund fusselig geredet, um die Menschen zu etwas mehr Empathie zu bewegen, und eine X-Beliebige meint (ver-)urteilen zu können.

Wir sind eben soziale Wesen, die nach Anerkennung streben und lieber Jubel hören, als etwas, das uns den Wind aus den Segeln nimmt.

Am schlimmsten ist es für die Kritisierten, wenn ihr Gegenüber dem Anschein nach gar nicht so tolle Arbeit gemacht hat wie wir. Doch vielleicht hat sie bereits Erfahrungen mit dieser Art von Aktivismus und daraus gelernt: nämlich dazu Abstand zu halten.

In jedem Fall sollten wir uns zu Herzen nehmen, dass die beste Kritik von Außenstehenden kommt: Objektive Kritik ist nur mit eingehender Reflexion der sichtbaren Umstände möglich. Nur, weil jemand nicht Teil einer fancy Gruppe ist, sollten wir uns nicht einbilden, dass diese Person keine fundierte Kritik üben kann.

Der Blickwinkel

Kritik muss nicht aus der Perspektive eines direkt betroffenen Individuums kommen: Wir sind keine Tiere in der Massentierhaltung und haben dennoch das Recht und vor allem die Pflicht, die Tierindustrie zu kritisieren.

Berechtigung für Kritik ist keine subjektive Einschätzung (“mir gefällt deine Mütze nicht”), sondern eine Anführung kritikwürdiger Inhalte oder Zustände. Das ist eine generelle Voraussetzung: Nicht mein Gusto ist entscheidend, sondern der Zusammenhang von Inhalt, Form, Darstellung, Struktur usw. – alles, was uns erkenntlich ist.

Selbst, wenn wir Kritik gegenüber einer Person äußern, heißt das nicht gleich, dass diese Person selbst das Problem ist. Es lässt vielmehr den Raum für Veränderungen offen. Nicht: “Du bist nicht O.K.”, sondern: “Du bist O.K., aber Deine Äußerung ist kritikwürdig”.

Wichtig für den Wert der Kritik ist allein deren Inhalt, nicht die gesellschaftliche Stellung der Kritikerin. Diese Stellung setzt die Kritik höchstens in ein Verhältnis (bspw. wenn die Mitarbeiterin die Chefin kritisiert).

 

Deshalb dürfen wir auch rechte Strukturen in der veganen Szene kritisieren, obwohl wir die Personen nicht persönlich kennen. Das macht nämlich den Inhalt der Kritik nicht irrelevant. Im Gegenteil: Sie wird durch eine Distanz noch viel tragfähiger (natürlich, sofern sie an den Sachverhalten orientiert ist – was bei jeder Kritik eben der Fall sein soll).

Wenn wir eine Situation aus der Distanz beobachten, fallen uns womöglich viele Einzelheiten auf, die von Wert sind: Zahlen, Fakten, Observierungen und wichtige Details. Wenn wir allerdings emotional verknüpft sind mit der Erfahrung, können wir (unbewusst) Präferenzen setzen, die unsere Wahrnehmung der gesamten Situation verzerren können.

Lamm

Danke, dass Ihr so weit gelesen habt – als Dankeschön: Ein Süßes Foto ;)

Kritik abzuwehren ist leicht – sie ernst zu nehmen nicht

Kritik bedeutet Arbeit. Wir können einfach alles akzeptieren, wie es ist – das ist wesentlich einfacher. Aber das wird uns niemals in eine vegane oder generell gerechtere Zukunft bringen.

“Aber andere machen das auch soundso!”

Wenn wir vegan leben, haben wir schon einen großen Schritt dahin gemacht, Dinge nicht zu akzeptieren, nur weil es schon “immer so war” oder “andere es auch so machen”.

Nur weil etwas gesellschaftsfähig ist, heißt das noch lange nicht, dass es moralisch vertretbar ist. Diese Abwehrhaltungen kennen wir von noch nicht veganen Menschen und zeugen nur davon, dass wir uns nicht mit der Materie auseinandersetzen müssen.

“Wo ist Deine Lösung?!”

Das muss jetzt furchtbar hart klingen, aber: Kritik muss keine Lösung beinhalten. Manchmal reicht es schon, auf die morschen Balken hinzuweisen, damit die Bewohnerinnen das Haus noch rechtzeitig vor dem Einsturz verlassen können.

Natürlich macht ein Lösungsansatz was her – und vor allem macht er es anderen einfacher, die Kritik zu akzeptieren und daraus zu lernen. Aber manchmal werden wir uns der Lösungen erst bewusst, wenn wir die Probleme benannt haben. (Jetzt, wo wir von den morschen Balken wissen, reparieren wir sie einfach – oder bauen gleich ein neues Haus!)

 

Vielleicht wurde mit diesem kleinen Ausflug in die (Ab)Gründe der Kritik für Euch etwas deutlich: Kritik ist gut. Manchmal tut sie weh, aber sie bringt uns voran.

 

* Wenn nur die weibliche Form genutzt wurde, soll das alle Geschlechter einschließen.

Liebe von uns genervte Mitmenschen

Ihr werft uns vegan lebenden Menschen vor, nicht selbstkritisch zu sein, uns als moralisch überlegen zu fühlen, intolerant, verbissen, ideologisch, extremistisch, radikal und militant zu sein. Ihr werft uns vor, dass wir euch das Fleisch verbieten wollen, dass wir eine Ökodiktatur errichten wollen, dass wir Tierarten aussterben lassen wollen.

Und ihr habt (weitgehend) recht. Nicht in der Wahl eurer Worte, wohl aber im Inhalt.

Wir wollen tatsächlich eine Welt, in der Menschen vegan leben. Eure «Ökodiktatur» ist der Zustand einer Gesellschaft, in der empfindungsfähige Lebewesen um ihrer selbst willen geschützt und respektiert werden, in der Kühe, Schweine, Lämmer, Rinder, Forellen, Katzen, Hunde, Elefanten, Ratten, Rehe, Wildschweine und Hühner nicht eingesperrt, gejagt, gehäutet oder dressiert werden, um sie und ihre Produkte zu essen, ihre Häute zu tragen, sie anzugaffen, an ihnen zu experimentieren oder Spaß an ihrem Tod zu haben. Wir gestehen dieses ungeheuerliche Ziel ein. Auch wenn wir niemals ein Verbot von Fleisch fordern würden, weil wir daran glauben, dass die Menschen von sich aus einsichtig genug sind, um die Verbrechen, die wir an Tieren begehen, zu sehen und entsprechend zu handeln.

Wir wollen eine Welt, in der Tiere nicht als Produktionsmittel, Waren, Entertainment, Bespaßung, Forschungsobjekte und Nahrungsmittel betrachtet werden. Um das zu erreichen, sind wir intolerant und nicht bereit, die Nutzung und Tötung von Tieren zu respektieren, gerade weil die Mehrheit unreflektiert diese fürchterlichen Praktiken unterstützt und legitimiert. Toleranz und Akzeptanz sind nicht angebracht, wenn unschuldige und hilflose empfindungsfähige Lebewesen auf furchtbare Art und Weise behandelt werden. Und glaubt nicht, wir würden euren Selbstbetrug vom „Metzger nebenan“, der „artgerechten Haltung“ und “Biofleisch” auch noch unterstützen. Ihr glaubt das doch selbst nicht mal, wenn ihr ehrlich seid.

Ein Tier einzusperren, und sei es auf einhundert Quadratmeter, und dann zu töten, nur, weil es schmeckt, wir es anschauen oder an ihm experimentieren wollen, ist falsch. Da gibt es keinen Spielraum. Nennt das intolerant, nennt das ideologisch nennt das militant, nennt dass radikal oder extremistisch, wenn wir euch darauf hinweisen. Wir akzeptieren das. Bitte erwartet nicht, dass wir Ja und Amen sagen, wenn an Unschuldigen Verbrechen begangen werden.

Unsere Art und Weise ist nicht immer angenehm. Wir wissen das. Und wenn wir den Verzehr von Fleisch mit dem Holocaust gleichsetzen, von Vergewaltigungen von Milchkühen sprechen oder skandieren, dass Fleisch Mord sei, dann gehen wir zu weit. Das tut uns leid. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber Erklärungen. Es liegt vielleicht daran, dass uns ein enormer Hass entgegenschlägt. Dass wir als „Veganazis“, „vegane Faschisten“ oder „Ökoterroristen“ bezeichnet werden. Tatsächlich gehen wir manchmal zu weit. Weil wir tagtäglich mit ansehen müssen, wie Millionen Tiere eingesperrt, gehalten, geschlagen gequält, gejagt und begafft werden. Wir sehen das Leiden in ihren Augen, wir sehen die Qual in jeder Faser ihres Körpers. Wir schaffen es leider nicht, das auszublenden.

Wir schaffen es nicht, uns mit „artgerechter Haltung“ und der Aussage, auch nur „ganz wenig Fleisch zu essen“ selbst zu beruhigen. Wir schaffen es nicht, aus natürlichen Gegebenheiten (“Der Mensch ist omnivor”) ethische Werte abzuleiten (“Der Mensch muss Fleisch essen”). Wir schaffen es nicht, einfach das zu machen, «was man eben schon immer so gemacht hat». Wir sehen das Leiden der Tiere. Keine Schnitzel, Bratwürste, Lederjacken, Pelzkragen, Eier oder Kunststücke. Wir sehen empfindungsfähige Lebewesen, die nicht eingesperrt und getötet werden wollen. Wir sehen Individuen, die Gefühle haben und Schmerzen empfinden können, die Freude, Genuss, aber auch Trauer spüren, die sozial sind und den Kontakt zu anderen Tieren brauchen.

Wie wir auch. Wir sind Herdentiere. Die Macht der Masse ist stark. Dass wissen wir vegan lebenden Menschen. Die meisten von uns lebten selbst jahre- oder gar jahrzehntelang omnivor und kennen den Selbstbetrug. Wir kennen die Anziehungskraft der Mehrheit, das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, weil es doch alle machen. Auch wir mochten Familienfeste mit Fleischbergen und Omas Braten. Das tun wir immer noch. Nur ist unser Braten eben vegan und unsere Berge bestehen aus Tofu oder Seitan.

Wir wissen, dass ihr glaubt, tierlieb zu sein. Die Sache ist nur die, dass wir euch das nicht abnehmen, wenn ihr dabei in ein Schnitzel beißt. Wir glauben euch eure Empörung über Tierquälerei – wobei für euch Tierqual offenbar nur an Hunden und Katzen, nicht aber an Schweinen, Rindern und Hühnern möglich ist – nicht, wenn ihr Milch trinkt. Wir glauben euch nicht mal eure Haustierliebe, wenn eure Hunde an Leinen, eure Wellensittiche in Käfigen und eure Meerschweinchen alleine gehalten werden. Für uns besteht ein Zusammenhang zwischen dem Einsperren von Schweinen und dem Abrichten eines Hundes auf der Grundlage der Dominanztheorie. Es geht um die Minderwertigkeit der Tiere, um ihre Unterdrückung, um das Unterordnen ihrer Bedürfnisse. Und ja, wenn die Befreiung der Tiere die Beendigung der Tierhaltung (nicht: die gleichberechtigte Lebensweise zwischen Menschen und anderen Tieren) bedeutet, so gestehen wir dieses Verbrechen ein.

Ihr werft uns vor, nicht selbstkritisch zu sein. Aber wir sind vegan geworden, weil wir selbstkritisch waren und immer noch sind. Vielleicht war es auch Faulheit. Faulheit, weil wir die ganzen unzähligen Widersprüche nicht mehr ausgehalten haben. Weil wir nicht Hunde streicheln und Schweine essen konnten. Weil wir nicht Löwen als ethische Vorbilder nehmen konnten. Weil wir nicht unser Herz für Pflanzen erst dann entdeckten, als es darum ging, Tiere zu degradieren. Weil wir nicht leugnen konnten, dass 80% allen Sojas in die Tiermast geht und dieses Soja kein Nebenprodukt ist.

Sicherlich, wir haben Verständnis dafür. Es ist immer schwierig, sich gegen eine Mehrheit zu stellen. Es ist schwer, jahrzehntelange Praktiken in Frage zu stellen und mit Traditionen zu brechen. Aber was habt ihr zu verlieren? Wird uns nicht täglich gesagt, wie individuell und einzigartig wir sind und sein sollen? Am Ende gibt es nur Gewinnende: Ihr werdet die quälenden Widersprüche los. Und die Tiere werden nicht leiden müssen.