Besser geht immer Killerphrasen sind das Ende jeder fruchtbaren Unterhaltung


Es ist so:
Der Versuch ethisch zu leben ist anstrengend.
Aber eigentlich nicht, weil es im Alltag so schwierig ist. Das ist alles machbar.
Was wirklich schwierig ist, sind die Leute um einen herum.

Nehmen wir das Beispiel Vegan.
Man kann vegan auf eine rein pflanzliche Ernährung reduzieren.
Muss man aber nicht.
Ich habe schon die wildesten Interpretationen zur Definition von Donald Watson gelesen.
Zum Beispiel, dass Gelatine o. k. wäre für Veganer*innen, da diese ja nur ein Abfallprodukt der Fleischindustrie sei.
Seriously?
Ja. Denk ich mir nicht aus.
Auch Muscheln wurden im gleichen Thread als „vegan“ gelabelt, da sie ja keine Schmerzen spüren (der Poster muss im letzten Leben Muschel gewesen sein, anders kann ich mir seine Erkenntnis nicht erklären).

Es ist also mittlerweile schwierig, auf einen gemeinsamen Konsens zu kommen, was vegan bedeutet.
Für viele von uns ist es die Grundlage gewaltfreier und emanzipatorischer Lebensform.
Das bedeutet, dass jedes Wesen Unversehrtheit und grundsätzlich Freiheit verdient.
Nein, besser gesagt: ein Recht auf diese hat.
Das bedeutet, dass „moderner“ Veganismus automatisch inkludiert, dass alle diskriminierenden -ismen nicht akzeptabel sind.

Die Grundidee des Veganismus ist, das Recht jedes Lebewesens zu schützen, solange keine weitere Person oder Lebensraum zu Schaden kommt.
Ich verwende den Begriff Person bewusst, denn hier stoßen wir auf ein weiteres Problem.
Personenstatus haben nur menschliche Tiere.
Nicht-menschlichen Tieren wird dieser Status und damit das Recht auf Unversehrtheit abgesprochen.
Um Tiere endlich rechtlich schützen zu können, ist es längst an der Zeit, nicht-menschlichen Tieren Personenstatus zuzusprechen.
Darauf sollte sich unter anderem der Fokus politischer Tierrechtsarbeit richten.
Das heißt, wir haben auf der einen Seite den Menschen, und auf der anderen Seite fassen wir alle anderen Lebensformen als nicht-menschlich – respektive Tiere – zusammen.
Die Unterteilung in Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Insekten klassifiziert zwar den Homo sapiens als Säugetier, bei der Zuteilung von Rechten und Fähigkeiten nimmt der MENSCH aber wieder eine Sonderstellung über allen anderen (Säuge-)Tieren ein.

Diese Tatsache verdanken wir vornehmlich Religionen, die den Menschen als Gottes Ebenbild, die Krone der Schöpfung und Herrscher über den Planeten sehen.
(Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan. 1. Mose 1,28)
Hier möchte ich zu meinem eigentlichen Thema kommen:
Was mich immer wieder maximal irritiert ist, wenn Menschen, die versuchen so viel Leid zu vermeiden, wie für sie machbar ist, als Vegannazis, Veganerererer, Veganpolizei und ähnliches bezeichnet werden.
Und nein, nicht von Menschen die die Tierausbeutung durch ihren Konsum unterstützen, sondern von anderen Veganer*innen.

Einige Beispiele:
Jemand postet ein Produkt einer bekannten Großfirma wie Nestle, Unilever oder Zweitmarken bekannter Tierausbeuterfirmen.
Eine andere Person macht darauf aufmerksam, dass man mit dem Kauf dieses Produktes besagte Großfirmen finanziell unterstützt.
Man kann von 10 rückwärts zählen, bis die ersten Beleidigungen auf den Kritiker niederprasseln.
Was mich allerdings am meisten irritiert, sind nicht einmal die Beleidigungen, sondern die vermeintlich „logischen“ Rückschlüsse, die einige Leute daraufhin ziehen.
„Argumente“ wie:
„Dann leb doch im Wald!“ (der arme Wald)
„Dann darfst du gar nichts mehr essen.“
„Aha, du schreibst doch auch gerade am PC.“
„Dann darfst du auch nicht in Supermärkten einkaufen, in denen es Tierprodukte gibt.“

In der Kommunikationspsychologie nennt man diese Statements Killerphrasen.
Killerphrasen werden eingesetzt, um einen Dialog ad absurdum zu führen.
Inhalte sucht man hier vergeblich, Verallgemeinerungen findet man dagegen zuhauf.
Killerphrasen beinhalten keine Argumente, sondern dienen lediglich der Herabsetzung des Gegenübers. Sie sind nicht dazu angelegt, den Dialog zu fördern, im Gegenteil – jegliche Kommunikation und Auseinandersetzung wird durch sie unterbunden.
Der Hinweis auf Supermärkte ist faktisch betrachtet sogar richtig.
Kauft man bei Discountern ein, wo Tierausbeuterprodukte verkauft werden, unterstützt man die Filiale, den Konzern etc.
Das Problem an der Sache ist, dass dieses Kriterium, wenn man es zu Ende führt, darin mündet, dass man sich am besten in Luft auflöst.
Denn egal, was Lebewesen auf diesem Planeten tun, es hat Folgen, und wir Menschen haben uns durch Zivilisation und Industrialisierung in eine Situation gebracht, in der es kaum bis gar nicht möglich ist, etwas zu tun, ohne dass es anderen schadet.
Natürlich sterben Lebewesen beim Anbau von Gemüse.
Die wenigsten Veganer*innen denken, sie würden leidfrei leben.
Das ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht machbar.
Was allerdings machbar ist, ist eine genaue Auseinandersetzung mit Machtstrukturen.
Im Prinzip unterscheidet sich die Frage einiger Konsument*innen tierausbeuterischer Produkte, was Veganer*innen auf der berühmten Insel mit Giftpflanzen essen würde, nicht wirklich von dem Hinweis mancher Veganer*innen, man würde ja auch im Supermarkt einkaufen oder man soll bitte nackt im Wald leben.
Beide „Argumente“ sind absurd.
Ziel ist die größtmögliche Leidvermeidung.
Nun kommen wir aber damit zu einem spezifischen, sehr menschlichen und fast schon philosophischen Problem.
Denn die Grenzen setzt jeder Mensch für sich selbst.
Während manche nur noch Fahrrad fahren, keine Mobiltelefone nutzen , eventuell selbst Gemüse anbauen, ist für andere der Verzicht auf „vegane“ Produkte großer Tierausbeuterfirmen ein nicht akzeptabler Einschnitt in die Lebensqualität.
Wenn wir ehrlich sind, setzen die meisten von uns die moralischen Grenzen gemessen an der eigenen Bequemlichkeit und dem eigenen gustatorischen Verlangen.
Es wird immer jemanden geben, der noch konsequenter und noch leidfreier lebt.
Darf man ihm/ihr das zum Vorwurf machen?
Ich denke nicht.

Wie also umgehen mit diesen unterschiedlichen Ansätzen?
Ganz ehrlich?
Ich weiß es nicht.
Ich merke nur, dass die Art und Weise, wie innerhalb der sogenannten veganen Szene, einem schönen und nicht existenten Konstrukt, argumentiert und diskutiert wird, kontraproduktiv ist.
Nun gehe ich davon aus, dass dieser zwischenmenschliche Umgang nicht nur auf die Themen innerhalb des Veganismus beschränkt ist, sondern vielmehr eine menschliche „Schwäche“ innerhalb der Kommunikation offenbart.

Das 4-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun erklärt die Grundlagen dieser Missverständnisse sehr gut.

4-Seiten-Modell nach  Friedemann Schulz von Thun

Wenn man jemanden auf der Sachebene anspricht, dieser sich aber auf der Beziehungsebene angegriffen fühlt, ist der Dialog bereits zum Scheitern verurteilt.
Ich habe trotz allem die Hoffnung, dass wir uns weiter entwickeln, dass eine sachliche Auseinandersetzung möglich ist; dass ein Hinweis nicht als Kritik gewertet wird, sondern lediglich der Aufklärung dient.
Wir alle können noch so viel lernen und besser machen.
Dabei müssen wir einander unterstützen und Wissen weitergeben und nicht diejenigen angreifen, die schon konsequenter sind als man selbst.
Das sollte nicht zu Streit führen, sondern zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten, des eigenen Wissens und letztendlich auch zu Visionen für eine friedlichere Welt.
Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen immer weitergehen, denn es ist tatsächlich so:
Besser geht immer.

Veröffentlicht unter Veganes Leben, Warum vegan?, Ethik, Erfahrungen, Veganismus und Tierrechte | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mitgefühl als Katalysator Empathie mit anderen gilt als etwas Schlechtes - dabei kann sie uns helfen, die Welt schrittweise zu verbessern.

Es ist wohl keine Übertreibung, wenn wir festhalten: Die Welt ist am Arsch. Na gut, manche Sachen funktionieren recht gut, und immerhin besitzen ganze 42 Menschen so viel wie 3,7 Milliarden der ärmsten Menschen [1].

Wenn wir das nun mal nicht ironisch nehmen oder einfach auf die rund 74 Milliarden Tiere schauen [2], die jährlich für den Konsum tierlicher Produkte getötet werden, dann kann uns schon ganz anders zumute werden. Jeden auch nur ansatzweise klar denkenden Mensch überkommt bei Bildern aus den Mastanlagen ein ungutes Gefühl. Eine Art Kloß, der sich in der Kehle festsetzt und den Atem nimmt. Dieses Gefühl fesselt und lähmt uns, oder es drängt uns dazu, der Situation in irgendeiner Weise zu entfliehen [3].

Dieses Gefühl nennen wir Mitgefühl.

Vernachlässigte Emotionen

„Moralität ist nicht notwendig und nicht primär ideologisch. Angesichts einer unmoralischen Gesellschaft wird sie eine politische Waffe, eine wirksame Kraft, welche die Leute veranlasst, ihre Wehrpässe zu verbrennen, die nationalen Führer lächerlich zu machen, auf den Straßen zu demonstrieren und Transparente mit der Aufschrift ‚Du sollst nicht töten‘ in den Kirchen zu entrollen.“ – Herbert Marcuse: „Versuch der Befreiung“ (1969)

Mitgefühl trägt jede*r von uns in sich

Mitgefühl trägt jede*r von uns in sich

Doch gerade dieses sehr menschliche und tiefgründige Gefühl wird nur zu oft unterdrückt: In einer Gesellschaft, in der noch heute eingerostete Ansichten à la „das sind doch nur Tiere“ als Antwort auf Tierquälerei gelten, ist Empathie zu etwas Hinderlichem geworden.

Jeder gefühlte Ballast muss abgeworfen werden, wenn er uns von einem selbstgesteckten Ziel fernhält oder den Weg dorthin erschwert. „Alles ist möglich“ – zumindest, wenn wir möglichst wenig (am besten: keine) Rücksicht auf andere Lebewesen oder die Natur nehmen.

Konträr dazu stehen Mitgefühl und unsere Vorstellung von Moral für etwas durch und durch Gutes: Ohne diese kleinen Gimmicks unseres Hirns wäre unsere Spezies wohl noch schlimmer dran und hätte sich ziemlich wahrscheinlich schon letzte Woche zum zweiten Mal selbst ausgelöscht.

Damit stellt sich die Frage, ob Mitgefühl nicht auch einen weiteren Nutzen haben kann: Mitleid mit unseren tierlichen Freunden als Werkzeug des tiefen Verstehens.

Einfühlendes Verstehen

„Nun kann ich euch in Frieden betrachten, ich esse euch nicht mehr.“ – Franz Kafka beim Anblick von Fischen in einem Aquarium.

Dieses „Aufblitzen von Verstehen“ macht uns aufnahmefähig für das Leiden von anderen Lebewesen. Plötzlich vergessen wir all diesen egozentrischen Müll, der uns von der Kinderstube über die Schule bis hin zum Beruf eingetrichtert wurde.

Wir erkennen das Leben in dem der Andere*n und vor allem, welche Relevanz nur das für unser Gegenüber hat.

Unter dieser Voraussetzung gibt es weder ein „aber das ist doch ein Nutztier“ oder ein „das haben wir schon immer so gemacht“. In diesem klaren Moment des Mitfühlens gibt es solche Abwägungen nicht. Es zählt nur das Hineinfinden in das Gegenüber – oder wie es in der Psychotherapie heißt: „einfühlendes Verstehen“ [4].

Zugegeben: Diese Momente sind äußerst selten und werden gar noch spärlicher in einer Welt, in der wir fluchen, wenn unsere Nachricht bei WhatsApp nicht in zwei Augenblicken gesendet wurde. Doch es ist unbestritten, dass wir als Menschen alle fähig zum Mitgefühl sind – wir haben nur verdammt gut gelernt, Empathie aus unserem Leben zu verbannen.

Übersetzen in die Handlung

Leider ist es natürlich nicht simpel, von der abstrakten Gefühls- und Gedankenwelt in die Handlung überzugehen. Klar hätten wir es um einiges einfacher, wenn wir nicht immer wieder zurück in unsere Muster geworfen würden – aber naja: Wir sind nicht so einfach „umprogrammierbar“.

Deshalb werden oft auch im Bereich der Veganismus-Propaganda schreckliche Bilder aus der Tierindustrie vermieden und stattdessen auf „Reichweite“ mit unverfänglichen Memes oder Foodporn gesetzt. Denn Veganismus soll vor allem Spaß machen. „Mit der Moralkeule erreicht man niemanden“, wird stets unisono behauptet.

Dabei redet niemand, der Mitgefühl wecken möchte, von einer plumpen Moralkeule.

Mit ergreifenden Bildern und Geschichten können wir den ersten Schritt ins Gewissen der Menschen machen. Viele Menschen, die vegan oder zumindest fleischfrei leben, haben diesen Anstoß ernst genommen und daraus eine Handlung – vegan leben oder auf tote Tiere verzichten – abgeleitet.

Auf einer politischen Ebene mag das zu abstrakt sein, aber es ist nicht weniger effektiv. Schließlich ist es zwar „normal“, dass alle Handlungen in der Wirtschaft auf rationale Entscheidungen heruntergebrochen werden – aber „gut“ ist es dadurch noch lange nicht!

Mitgefühl in einer speziesistischen Welt

Wir Menschen haben den Speziesismus über Jahrhunderte geschaffen und gefestigt. Ohne ihn wäre die verzerrte Wirklichkeit – Lebewesen einsperren, unterjochen, quälen, töten und zu Produkten degradieren – nicht zu ertragen.* Ohne diese Ideologie wäre es nicht möglich, auch nur an etwas wie Reitsport oder eben Fleischessen zu denken – und schon gar nicht wäre ohne sie zu erklären, warum wir uns nicht auflehnen gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit.. Unsere Leben sind derart entfremdet von der Realität, dass es uns schwer fällt, zu akzeptieren, dass Tiere leiden und wir deren Bilder auf unseren Handydisplays sehen.

Denn Mitgefühl kann eben nicht einfach monetarisiert oder durch ein GIF ersetzt werden. Dieses Gefühl steht nicht irgendwo im Regal und wartet auf eine*n Käufer*in.

Aber Mitgefühl ist das Werkzeug, um die Leidensgeschichten anderer wahrzunehmen – und Handlungen folgen zu lassen. Für Letzteres gibt es Myriaden an veganen Kochbüchern und für das Erste leider genügend Beweise aus der Tierindustrie.

Durch Empathie solidarisieren wir uns mit allen unfreien Lebewesen. Veganismus ist der Anstoß zur Veränderung unserer Gesellschaft. [6]

Wenn wir ehrlich sind: Es geschieht so viel Mieses auf der Welt, nur weil unsere Spezies aus Gier, Egoismus (inklusive eines Individualisierungszwangs) und einer pervertierten Selbstüberhöhung handeln. Niemand unterdrückt aus Mitleid eine Volksgruppe oder beutet Menschen aus.

Daran kann doch eigentlich jeder Mensch sehen, welche Kraft Mitleid haben kann. Warum sollten wir nicht Gebrauch von dieser aktivierenden Gefühlsregung machen? Ein Versuch wäre es wert.


[1] https://www.theguardian.com/inequality/2018/jan/22/inequality-gap-widens-as-42-people-hold-same-wealth-as-37bn-poorest

[2] Zuzüglich einiger Milliarden Wassertiere.
FAO Statistik für 2016 zu allen Schlachtungen Quelle: http://www.fao.org/faostat/en/#data/QL (Regions > „World + (Total)“; Elements > „Producing Animals/Slaughtered“; Items aggregated > „Meat, Total > (List)“; Years > „2016“)

[3] Meist übrigens geäußert in a) weglaufen, b) leugnen, c) ignorieren oder d) einen blöden Spruch machen.

[4] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Empathie#Empathie_in_der_Psychoanalyse

[6] Der Autor möchte hiermit nicht für das reine Vertrauen aufs Bauchgefühl plädieren. Solch ein Plädoyer könnte leicht ein erster Schritt in die reaktionäre Esoterik sein. Es geht hier rein darum, Emotionen in ein positiveres Licht zu rücken.

* Wir beuten Tiere im kapitalistischen System aus, weil wir Profit aus ihnen schlagen können. Und der Speziesismus macht es uns einfacher, mit dieser rein profitorientierten Maschinerie Frieden zu schließen – nicht andersherum.

Veröffentlicht unter Psychologie, Ethik, Überzeugungsarbeit, Veganismus und Tierrechte | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Löwen-Moral oder: Wenn die das dürfen, warum dann ich nicht?

(c) Vegan Sidekick

Das hört man ziemlich oft: „Aber Tiere töten auch Tiere.“ 

Meist soll dadurch ausgedrückt werden, dass das Töten an sich nicht automatisch ein unmoralischer Akt ist, vorausgesetzt, es handelt sich um nicht-menschliche Tiere, die getötet werden.

Die Argumentation ist aus verschiedenen Gründen nicht schlüssig.

Differenzieren, bitte.

Erstens sind es nur einige Tiere, nicht alle,  die andere Tiere töten. Wer also nach Vorbildern im Tierreich sucht, fände jede Menge Pflanzen- und Früchtefresser, die zur Wahl stünden. Warum nicht Gorillas oder Orang Utans, die uns entwicklungsgeschichtlich viel näher stehen? Oder Pferde, Giraffen oder Elefanten als Vorbild wählen?

Selbst entscheiden

Es ist auch nicht so ganz nachvollziehbar, warum moralische Entscheidungen von den Handlungen anderer abhängig gemacht werden. Können wir nicht selbst entscheiden, was moralisch gerechtfertigt werden kann und was nicht? Können wir nicht selbst richtig von falsch unterscheiden, ohne dabei nach anderen zu schielen? „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andren zu.“

Es ist im Prinzip doch ganz einfach, gut von schlecht zu unterscheiden: Was mir oder anderen Schaden zufügt, ist schlecht. Jemandem absichtlich Schaden zuzufügen, kann zwar in Ausnahmefällen geduldet werden (Notwehr, Überleben), sollte aber dennoch unter allen Umständen vermieden werden, wo immer es möglich ist, also immer dann, wenn es eine bessere Wahl gibt.

Sozialer Sinn der Moral

Das bedeutet auch, dass das, was andere oder sogar wir selbst in verzweifelten, ausweglosen Situationen, oder wenn es ums nackte Überleben ginge, tun würden, nicht als Fundament für das alltägliche Handeln herangezogen werden kann. Würden wir das tun, wäre jegliche Gesetzgebung komplett überflüssig und wir lebten in einer Gesellschaft, in der ausschließlich die Macht des Stärkeren gilt. 

Darum haben wir Moral und Ethik entwickelt. Um Willkür und Gewalt unter Kontrolle zu bekommen und eine möglichst friedliche Gesellschaft mit größtmöglicher Sicherheit für alle zu gewährleisten. Grundrechte und Menschenrechte sind große Errungenschaften, auf die wir zu Recht stolz sein können. Wir sind Wesen, die einen Sinn für Gerechtigkeit haben, die Ethik verstehen und moralisch handeln (können). Wir verstehen den großen Wert, den das Leben und die körperliche Unversehrtheit haben. Wir verstehen den Wert von Freiheit. Weil wir verstehen, wie wichtig das für uns ist, sind wir in der Lage, zu begreifen, dass das für andere genauso wichtig ist. Wir entscheiden uns als moralische Wesen dafür, freiwillig die eigene Freiheit da aufhören zu lassen, wo sie Gefahr läuft, anderen zu schaden. Das ist etwas ganz Wunderbares, obwohl es manchmal auch etwas Willenskraft und bewusste Entscheidung von uns verlangt.

Moral, mal aktiv und mal passiv

Erwachsene Menschen, die keine mentalen Beeinträchtigungen haben, sind aktive Anwender*innen von Moral und Ethik, weil sie diese verstehen können. Alle anderen Lebewesen, die ein Interesse an Leben, Gesundheit und Freiheit haben, zeigen, oder bei denen es aller Wahrscheinlichkeit nach vermutet werden kann, sind passive Empfänger von moralischem Verhalten. Dazu zählen zum Beispiel kleine Kinder sowie Menschen, deren kognitive Fähigkeiten durch Krankheit, Alter oder Unfall beeinträchtigt sind, und eben auch Tiere. Sie alle verstehen zwar Ethik nicht mehr oder noch nicht oder einfach gar nicht, dennoch haben sie ein Anrecht darauf, dass diejenigen, die in der Lage sind, sich moralisch richtig zu verhalten, es ihnen gegenüber auch tun. 

Hast du die Wahl, verursach‘ keine Qual!

Im Gegensatz zu uns haben Löwen und andere Raubtiere nämlich keine Wahl und soweit wir wissen, auch keinen Sinn für Moral und Ethik. Ein Wesen, das weder gut noch böse kennt, sondern nur überleben oder verhungern, unterliegt nicht demselben moralischen Anspruch wie ein Wesen, das sehr wohl richtig von falsch unterscheiden und dementsprechend handeln kann, weil es Alternativen hat.

Wer sein moralisches Verhalten wann immer es gerade in den Kram passt von dem abhängig macht, was wilde Tiere in freier Wildbahn tun, um das nackte Überleben zu sichern, der wirft eine der besonders wichtigen und einzigartigen menschlichen Errungenschaften einfach über Bord. 

Wer sich eingehender mit der Thematik befassen möchte, dem/der sei Armins hervorragenden Artikel ans Herz gelegt: Der Löwe frisst auch Zebras

Veröffentlicht unter Warum vegan?, Ethik, Einwände, Rechtfertigungen, Überzeugungsarbeit, Veganismus und Tierrechte | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Tierethik – Der Comic zur Debatte Buchrezension

Tierethik – Der Comic zur Debatte

Tierethik – Der Comic zur Debatte
von Julia Kockel und Oliver Hahn1.

Philosophie als Comic, ein Konzept, das wirklich aufgeht. Julia Kockel und Oliver Hahn vermitteln die Ansichten und Wertemaßstäbe, die wir Menschen unseren tierlichen Mitgeschöpfen im Laufe unserer Geschichte entgegengebracht haben, auf ungemein unterhaltsame und interessante Art und Weise.
Von Pythagoras über René Descartes bis hin zu Michael Schmidt-Salomon schauen wir Philosoph*innen über die Schulter und können verstehen, wie ihre Sicht auf die nicht menschlichen Tiere entstand und sich auf die Ethik der jeweiligen Zeit auswirkt(e). Durch die geniale Umsetzung als Comic bleibt der Inhalt immer verständlich und wird so gerafft, dass es keine Längen gibt.

Die Bilder erlauben es sowohl Einsteiger*innen, als auch langjährigen Tierrechtler*innen, immer wieder zu schmunzeln. Mal drängen Maus oder Esel in den Vordergrund, um für ihre Sache einzutreten, mal werden Internetphänomene aufs Korn genommen.

Lust auf mehr machen nicht nur die Verknüpfungen mit anderen sozialen Bewegungen, wie z. B. dem Feminismus, sondern auch der großzügige Anhang mit Quellen und Anlaufpunkten zur weiteren Beschäftigung mit Tierethik und ihrer Etablierung, sowie Fortentwicklung in unserer Gesellschaft.

Kritische Gedanken zu problematischen Punkten bei der Etablierung von Tierrechten als Ergebnis der Tierrethik, finden ebenfalls ihren Eingang ins Werk. So z. B.wenn in andere Teile der Welt geschaut wird, in denen ein Überleben von Menschen derzeit von ihrer Benutzung anderer Tiere abhängt. Oder auch, wenn auf sexistische Personen und Kampagnen hingewiesen wird, die eine Verbesserung der Situation der Tiere mit einem Verlust bereits erkämpfter Menschenrechte erkaufen würden. 

Klare Empfehlung. Sowohl für das eigene Vergnügen, als auch zum Verschenken.

Henry S. Salt2

  1. https://www.facebook.com/tierethikcomic []
  2. Animals’ Rights: Considered in Relation to Social Progress []
Veröffentlicht unter Veganes Leben, Warum vegan?, Ethik, Einstieg, Veganismus und Tierrechte, Rezensionen, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wünsche zu einem weiteren Jahresende Übersetzung von "Wishes as another year ends" von "There's an Elephant in the Room blog".

Es war nicht immer so, aber je länger ich mich für die Rechte der unschuldigen Opfer unserer Spezies einsetze, desto schwieriger empfinde ich die festliche Jahreszeit. So wie ich es immer tue, habe ich versucht zu ergründen, woran das liegen könnte, denn immerhin ist heute, da sich das Jahr dem Ende zuneigt, die Welt nicht weniger vegan als zu jeder anderen Jahreszeit. Wie alle anderen bin ich ständig umgeben von einer Kultur, die ekelerregendste Brutalität vollständig normalisiert hat; einer Brutalität, die für unkritische Kunden derart umgedeutet wurde, dass die Mehrheit nicht nur ahnungslos ist, sondern sich auch in tiefer Verleugnung über ihre Teilhabe an dem Blutbad befindet und sich selbst standhaft als ‚tierlieb‘ wahrnimmt. Ich lebe in einer Gesellschaft, in der dieses endlose Blutbad so tief verwurzelt ist, dass ihre Mitglieder auf die Wahrheit mit Empörung und Aggression reagieren, so überzeugt sind sie davon, dass es einfach nicht stattfindet.
 
In einer Gesellschaft, die Vergnügungssucht geradezu bestärkt, werden die erfundenen Geschichten über Tiernutzung pausenlos von den Werbeleuten in den Vordergrund gedrückt. Diesen käuflichen Frontmännern der riesigen Industrien, deren Gewerbe Tod, Schmerz und Gewalt ist und die quälerische Ausbeutung der Fortpflanzungsorgane für Eier und Milch. Diese Märchen erzählen den Konsumenten genau das, was sie hören möchten. Lediglich dünn mit einem ‚erwachsenen‘ Lack und Glanz übertüncht, werden die unsinnigen Mythen unserer Kindheit stets wiederholt und neu ausgerichtet, so dass wir weiterhin glauben können, die Mitglieder anderer Spezies nutzen zu ‚müssen‘; dass es uns ‚zusteht‘, sie zu benutzen aufgrund unserer unzureichend bewiesenen ‚Überlegenheit‘; dass es den Opfern nichts ausmacht und sie sogar ‚mitwirken‘ bei ihrer Tortur.
 
Kindergeschichten
 
Es ist kein Wunder, dass es der Mehrheit schwer fällt zu erklären, wo die Wurzeln dieser Vorstellungen liegen. Sie bleiben ins Dunkel der Worte unserer frühen Kindheit gebettet, verloren in den Nebeln der Vergangenheit, feingeschliffen während unserer Entwicklung zu Erwachsenen, indem unsere Familie und Gleichaltrigen immer wieder bestätigten, dass das ’normal‘ ist. Endlich, ohne überhaupt gewahr zu sein, wie sehr wir beschädigt wurden, wurden wir zu voll ausgebildeten Konsumenten von Brutalität, werden gewalttätige Geldgeber für blutiges Gemetzel, selbstzufriedene Unterstützer von Quälerei und Gewalt, die ihr empfindliches Zartgefühl durch den dichten Schleier des Wunschdenkens schützen, der das Ergebnis der unterschiedlichsten scheinbaren Rechtfertigungen ist, die uns jemals beeinflussten. Jedenfalls, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir vegan werden.
 
Was ist anders an der festlichen Jahreszeit?
 
Warum also ist die festliche Jahreszeit so besonders hart – nicht nur für mich – sondern auch für viele meiner Freund*innen? Es ist die Jahreszeit, in der viele über ‚Frieden auf Erden‘ reden, über stille, heilige Nächte, über Liebe und Freude und Wohlgefallen, über Geben und Teilen und die Bande von Familie und Freundschaft.
 
Es ist die Jahreszeit, in der es noch vernünftiger als sonst sein sollte, derselben Überzeugung zu sein wie der, an die ich mich so verzweifelt klammere, nämlich dass die Menschen im Herzen gut sind, dass sie sich Frieden wünschen, dass sie wehrlosen Unschuldigen niemals würden schaden wollen, oder ihnen Schmerzen, Qual und Gewalt zufügen möchten.
 
Das Todesgeläut der Weihnachtsglocken
 
Aber dann sehe ich in den Läden die Toten-Gänge voller Leichen. Ich sehe Milch, Käse, Sahne, für die Kinder auf ewig von ihren Müttern getrennt wurden, die Eier, die so viele zerbrechliche Leben in fortwährenden Wehen zerstörten, Hygieneartikel, für die Augen verätzt und Haut wund gescheuert wurde. Ich sehe exklusive, glänzende Handtaschen und Schuhe, die die blosse Existenz der Häuter verleugnen, die ebendiese Haut, ihr Rohmaterial, in Übelkeit erregender Weise vom zitternden Fleisch ihrer gequälten Eigentümer rissen. Ich sehe den Horror, der hinter dieser Jahreszeit des Selbstbetruges lauert.
 
Dann erkenne ich, dass mein Unbehagen in dieser Jahreszeit von dem Gefühl der verpassten Gelegenheit herrührt. Es ist Trauer. Es ist die schier herzzerreissende Erkenntnis, dass dies alles nur eine Scharade ist; zu wissen, dass es in den Schlachthöfen nur ein Tag wie jeder andere ist, mit all seinem Geschrei, Geschepper und dem fieberhaft krallenden Schrecken. Dort ist kein Frieden. Keine Stille. Weder Liebe noch Freude. Nur die Erfüllungsgehilfen einer unbarmherzigen Spezies von ‚Tierfreunden‘, die ihre schreckensstarren Opfer in Stücke hacken, um Frieden zu feiern.
 
Wie wünscht man da ein gutes neues Jahr?
 
Früher sagte ich auch Sachen wie ‚Fröhliche Weihnachten‘, oder ‚glückliches neues Jahr‘. Ich kann das nicht mehr. Wie kann ich ‚Fröhlichkeit‘ oder ‚Glückseligkeit‘ empfinden in dem Bewusstsein, dass so viele unschuldige Kinder anderer Spezies für diese prunkvolle, hohle Scharade mit dem Leben bezahlen?
 
Ich wünsche Freunden und Familie Frieden. Jenen, die vegan leben, kann ich versichern, dass ich verstehe, was sie in ihren schlaflosen Nächten heimsucht – mir geht es genauso. Aber wir können nicht aufgeben, wie weh es auch tun mag, denn auch wenn es uns nicht gelingen wird, die über 70 Milliarden(*) Landtiere und die ungezählten Billionen empfindungsfähiger Wassertiere, die im kommenden Jahr grauenvolle Tode ohne jeglichen Grund sterben müssen, zu retten, so können wir doch am Ende vielleicht ihre Kinder davor bewahren, dieselbe brutale Ungerechtigkeit wie ihre Eltern erleiden zu müssen.
 
Jenen, die nicht vegan leben, wünsche ich ebenfalls Frieden. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug versuchen, die richtigen Worte zu finden, um euch verständlich zu machen, dass echter Friede vegan ist, damit ihr diesen Pfad des gewalttätigen Unrechts verlassen und endlich dessen Realität wahrnehmen könnt.
 
Sei vegan.

* Die grauenvolle Zahl für das Jahr 2016 ist: 74 Milliarden. Hier die genaue Aufschlüsselung der weltweiten Schlachtzahlen 2016 (von  FAOstat.FAO.org): 

Esel – 2,569,520
Vögel, die nicht anderweitig spezifiziert sind – 55,324,000
Büffel – 26,190,707
Kamele – 2,445,235
Rinder – 302,018,862
Hühner – 65,847,411,000
Enten – 3,056,103,000
Wild – 655,978
Ziegen – 459,861,000
Enten und Perlhühner – 658,903,000
Pferde – 4,784,491
Maultiere – 477,506
Andere, nicht spezifizierte – 93,292
Andere Kamelartige  – 944,671
Andere Nagetiere – 70,440,000
Schweine – 1,478,167,073
Kaninchen – 980,785,000
Schafe – 551,420,651
Truthähne – 673,278,000
Gesamt – 74,171,872,986
 

Dies ist eine Übersetzung des am 29. Dezember 2017 erschienen Beitrags Wishes as another year ends des Blogs There’s an Elephant in the Room blog, der meines Erachtens zu den besten veganen Tierrechtsblogs zählt. Der/die Betreiber*in findet/n die perfekte Balance zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Appell an das Herz und Nahrung für das Hirn. Das alles ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger, aber immer durchdrungen von Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Englisch sprechenden Leser*innen sei er darum ans Herz gelegt. Ich werde versuchen, noch mehr Beiträge davon für deutschsprachige Leser*innen zu übersetzen.

[Susanne]


Veröffentlicht unter Aktuelles, Aus aller Welt, Veganismus und Tierrechte, Webseiten | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Buchbesprechung: Die Schweineverschwörung Max & Fine, Band 3: Ein Kinderbuch von Marco Mehring, illustriert von Kerstin Falkenstein

Wir kennen die kleine Heldin Fine bereits aus zwei Büchern. Im ersten Band war sie noch ein kleines Mädchen und rettete das Kalb Max und seine Mutter Luise mutig vor dem Schlachter. In ihrem zweiten Abenteuer (‚Henri haut ab‘) zwang sie gemeinsam mit ihren tierlichen und menschlichen Freunden den skrupellosen Eierkönig Hohlmann in die Knie.

Nun erschien Max & Fine, Band 31. Die mittlerweile zehnjährige Fine erlebt nun ihr größtes Abenteuer – Die Schweineverschwörung.

Die Sommerferien sind gerade vorbei und schon am ersten Schultag überschlagen sich die Ereignisse. Fine entdeckt in einem verunglückten Schweinetransporter ein rätselhaftes fremdes Mädchen, das plötzlich spurlos verschwindet (und bald schon wieder auftaucht und ihre Freundin wird). Kurze Zeit später wird Fine die heimliche Zeugin einer mysteriösen Begegnung. Irgendetwas ist hier faul. Natürlich ein Fall für Fine. Mit ihren Freund*innen macht sie sich an die Aufklärung. Es entwickelt sich eine rasante Geschichte über das Unrecht der Tierausbeutung, über Korruption, Gleichgültigkeit und Gier, aber auch über Solidarität, Mitgefühl und Verantwortung, und am Ende, ganz am Ende, triumphiert die Gerechtigkeit.

Marco Mehring gelingt es auch im dritten Band, ein potenziell schwieriges und gesellschaftlich tabuisiertes Thema in eine spannende Geschichte zu packen und kind- bzw. jugendgerecht zu erzählen.

Wenn wir möchten, dass aus unseren Kinder verantwortungsbewusste Menschen werden, dann sollten wir ihnen bessere Vorbilder sein und endlich aufhören, sie systematisch zu belügen. Es ist vielleicht gut gemeint, wenn wir ihnen lieber nicht erzählen, was in den Tierfabriken und Schlachthöfen vor sich geht, aber ehrlich ist es nicht. Vor allem ist es feige. Anstatt den Kindern die Wahrheit über die Vorgeschichte tierlicher ‚Lebensmittel‘ zu verschweigen oder ihnen Heile-Welt-Geschichten darüber zu erzählen, sollten wir endlich erkennen, dass wir über dieses Thema deshalb nicht reden, weil es falsch ist, was wir den Tieren antun. Unsere Kinder haben ein Recht auf die Wahrheit, und wir können von ihnen eine Menge lernen, wenn es darum geht, die richtigen Entscheidungen aus ihr abzuleiten.

Geschichten wie ‚Die Schweineverschwörung‘ helfen unseren Kindern, sich schon früh im Leben auf konstruktive Weise mit gesellschaftlichen Missständen auseinanderzusetzen und Partei für die Schwachen und Unterdrückten zu ergreifen. Sie lehren soziale Verantwortung und ermutigen dazu, auch dann die Stimme gegen Unrecht zu erheben, wenn die Mehrheit schweigt.

Eine klare Kauf- und Schenkempfehlung.

Max & Fine, Band 3: ‚Die Schweineverschwörung‘ Ein Buch von Marco Mehring

  1. https://www.maxundfine.de/buch-3-max-fine-die-schweineverschwoerung/ []
Veröffentlicht unter Literatur | Hinterlasse einen Kommentar

Über Urteile und Chancen Ist jede Beurteilung auch gleich eine Verurteilung, oder eröffnen klare Worte nicht auch Entwicklungschancen?

„Ich bin kein schlechter Mensch. Du hast kein Recht, mich so zu verurteilen!“ 
 
Wer hat diese Klage noch nicht gesehen oder gehört, wenn Veganer*innen mit Nichtveganer*innen diskutieren? Ist sie berechtigt? 
 
Zeit, sich ein paar Gedanken über Urteile zu machen. 
 

Foto: pixabay

„Urteilen“, oder besser: „bewerten“, kann sinnvoll  und notwendig sein.

Wenn wir unser Verhalten und das anderer sowie die es begleitenden Gedanken genau betrachten, dann fällt auf, dass wir alle andauernd alles mögliche beurteilen. Es ist etwas, das einfach so passiert,  unwillkürlich, automatisch.
 
Wir müssen Situationen und Verhalten anderer abwägen und beurteilen, weil es für das Überleben notwendig sein kann.
 
– ‚Will mir die dunkle Gestalt da vorne etwa Böses? Nichts wie weg!‘ –
 
Von anderen zu verlangen, dieses Beurteilen von Verhalten und Situation zu unterlassen, ist unerfüllbar.
 
Wenn ein Verhalten aktuell oder absehbar Schaden zufügt, wenn dieser Schaden in eklatantem Missverhältnis zum Nutzen steht, wenn Wehrlose dadurch auf nicht wiedergutzumachende Weise verletzt werden, dann sollten wir nicht nur urteilend einschreiten – wir müssen es sogar. 
 
Auf welcher Basis wir Verhalten beurteilen. 
 
Ob ein Verhalten als gut oder schlecht bewertet wird, hängt davon ab, ob es Schaden zufügt, oder gut tut. Fügt das Verhalten Schaden zu, bewerten wir es als unerwünscht, tut es gut, bewerten wir es als erwünscht. Dabei gibt es verschiedene Grade. Je schwerwiegender der verursachte Schaden, desto unerwünschter. 
 
Wenn jemand nachts laut hupend durch ein Wohnviertel oder an einem Krankenhaus vorbei fährt, beurteilen wir sein Verhalten als rücksichtslos. Wenn sich jemand in einer langen Warteschlange einfach vordrängelt, beurteilen wir das als egoistisch. Wenn jemand im Kino laut raschelt und ständig mit dem Nachbarn quatscht, beurteilen wir das Verhalten als störend und respektlos. Jemandem im Bierzelt einen Maßkrug auf den Kopf zu hauen, weil ihm eine andere Fußballmannschaft besser gefällt, beurteilen wir als überzogen und nennen es Körperverletzung aus nichtigen Gründen.
 
Beurteilen funktioniert auch in der anderen Richtung: Wenn jemand im Bus Älteren oder Gehandicapten den Platz anbietet, beurteilen wir diese Handlung als freundlich, rücksichtsvoll und vorbildlich. Wenn jemand einem gestürzten Radfahrer zu Hilfe eilt, beurteilen wir das als fürsorglich und hilfreich.
 
Wenn die rücksichtslosen Autofahrer, Warteschlangendrängler und Kinoraschler ihr Verhalten korrigieren, sobald sie auf die unangenehmen Effekte, die es auf andere hat, hingewiesen werden, dann beurteilen wir sie als einsichtige, kluge, freundliche und trotz allem rücksichtsvolle Menschen. Fangen sie jedoch statt dessen an, auf ihr vermeintliches Recht zu pochen, sich lustig zu machen und ihr ungutes Verhalten trotzig zu intensivieren, dann wird aus einer Beurteilung zu Recht schnell eine Verurteilung.
 
Der Maßkrug-Schläger „verdient“ eine Strafe. Ist er einsichtig und gelobt Besserung, kann sich das zu seinen Gunsten auswirken. Es kommt eben auch darauf an, wie erwachsen und verantwortungsbewusst man mit den eigenen Fehlern umgeht.
 
Tatsachen sind keine Urteile.
 
Das Verhalten von Menschen, die tierliche Produkte konsumieren, fügt in vielerlei Hinsicht Schaden zu. Das ist weder eine Meinung noch ein Urteil, sondern eine Tatsache. Auch wenn die Tatsache mit wertenden Worten vorgetragen wird, bleibt sie eine Tatsache.
 
Tiere sind die unmittelbar Leidtragenden der nichtveganen Lebensweise. Sie werden auf schreckliche Weise gewaltsam erzeugt, gemästet, ausgebeutet und getötet, aus dem Hinterhalt erschossen, mit Ködern in Fallen gelockt, für abscheuliche und widerwärtige Experimente gequält, zu Unterhaltungsclowns gemacht oder müssen ihr ganzes Leben in einem für ihre Verhältnisse winzigen Gefängnis verbringen. Die Liste dessen, was Tieren angetan wird, ist erschreckend lang. Für Veganer*innen ist das der Hauptgrund, vegan zu leben und wird es immer sein.
 
Aber da entsteht noch mehr Schaden und der trifft auch uns Menschen ganz direkt und bedroht unsere Zukunft und die der anderen Lebewesen. Bei der Erzeugung tierlicher Produkte entstehen massive Veredelungsverluste1, die die Umwelt belasten. Viel zu viel unberührte Natur wird für Futtermittelanbau und Weiden zweckentfremdet. Regenwälder und ihre Biodiversität2 werden hauptsächlich deswegen vernichtet. Das Grundwasser3 wird mit Nitrat4 und Antibiotika56 verseucht. In den Ställen werden multiresistente Bakterien78 und Zoonosen910 regelrecht herangezüchtet. Die Auswirkungen auf Klima und Umwelt11  sind dramatisch und gründlich belegt. Die Vorsichtsmaßnahmen12, die von der Verbraucherzentrale Hamburg für den Umgang mit Fleischprodukten empfohlen werden, sprechen eine deutliche Sprache.
 
Es ist somit völlig in Ordnung und sogar dringend notwendig, ein derart zerstörerisches und rücksichtsloses Verhalten zu beurteilen und es laut und deutlich zu brandmarken.
 
Warum? Damit die Menschen, die sich womöglich noch nie über diese Wirkungen ihres Verhaltens Gedanken gemacht haben, eine Chance bekommen, ihr Verhalten zu korrigieren.
  
Wann man sich angesprochen fühlt – oder nicht.
 
Grundsätzlich hat man die Wahl zwischen sich angesprochen fühlen und verurteilt fühlen. Wie eine Tatsachenbotschaft bei uns ankommt, hängt nicht nur von ihrem Inhalt ab, oder der Art, wie sie überbracht wird, sondern auch zu einem guten Teil davon, in welcher Stimmung wir sind und ob wir gelernt haben, mit unangenehmen Wahrheiten konstruktiv umzugehen.
 
Bin ich bereit, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen, dann erlebe ich Informationen und Diskussionen primär als Erkenntnisgewinn, als bereichernd, und zwar selbst dann, oder vielleicht sogar gerade dann, wenn mir dadurch klar wird, dass ich dringend etwas ändern sollte und dies auch kann. Tatsächlich empfinden viele Neuveganer*innen es als befreiend und beglückend, selbst ganz direkt etwas tun zu können, Einfluss nehmen zu können, nicht auf Politik und Gesellschaft warten zu müssen. Die Umstellung wird nicht als Zwang empfunden, sondern als Befreiung. „Hier ist ein Problem, ich war daran beteiligt, aber nun nicht mehr.“ Das ist einfach und schön.
 
Bin ich hingegen nicht bereit, Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen, dann fühle ich mich gegen die Wand gedrängt, beschuldigt, verurteilt, und flüchte mich in eine diffuse Abwehrhaltung, die einfach nur versucht, den „schwarzen Peter“ irgendwo anders hin zu schieben.
 
Das zweite Verhalten ist oft eine geradezu reflexhafte Reaktion. Wir erleben ganz vieles  erst einmal als Beschuldigung. Das ist einfach so wie es ist und wird erst dann zum Problem, wenn man nicht in der Lage ist, nach der ersten Empörung einen Schritt zurück zu treten und die Information in Ruhe und möglichst sachlich zu … bewerten.
 
Nicht selten durchlaufen die Empfänger*innen einer unbequemen Botschaft beide Phasen. Erst die reflexhafte Empörung, – „Was fällt dir eigentlich ein?!“ -, etwas später, wenn man sich beruhigt und darüber nachgedacht hat, dann das „Eigentlich hast du ja Recht“.
 
Es gibt noch eine dritte Reaktion und zwar die, sich einfach gar nicht angesprochen zu fühlen. Wenn jemand sagt: „Ich finde, die Abseitsregel gehört abgeschafft!“, dann kann sich unter echten und vermeintlichen Fußball-Expert*innen eine durchaus hitzige Diskussion entspinnen, während Menschen, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren, höchstens mit den Schultern zucken und sich anderen Dingen zuwenden.
 
Wenn also jemand eine Diskussion beginnt oder darauf einsteigt, kann davon ausgegangen werden, dass das Thema in irgendeiner Weise für diese Person wichtig ist. Wer sich von der Darstellung der Fakten angegriffen und verurteilt fühlt, kämpft in dem Moment möglicherweise gar nicht gegen den Überbringer der Nachricht, sondern hadert mit dem eigenen Gewissen13.
 
Was Nichtveganer*innen im Allgemeinen komplett übersehen, ist, dass fast alle Veganer*innen beide Seiten 14 kennen. Fast alle wuchsen in nichtveganen Familien auf, kennen und mochten nichtveganes Essen, haben oft über Jahre oder Jahrzehnte nichtvegan gelebt. Bei manchen hat es von einem Moment zum anderen „Klick“ gemacht, andere wurden in einem langen Prozess vegan.
 
Sie alle haben gemeinsam, dass sie sich irgendwann den Tatsachen gestellt haben, so unangenehm diese auch sind, und sich bewusst dafür entschieden haben, die Erwachsenenschuhe anzuziehen, Verantwortung zu übernehmen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Dies ist von allen Möglichkeiten die beste und nachhaltigste, um mit der quälenden kognitiven Dissonanz15 fertig zu werden.
 
Bewertungen und Beurteilungen sind also nicht von vornherein schlimme Dinge, die um jeden Preis oder um der Höflichkeit willen vermieden werden müssen. Verurteilungen können nicht nur angebracht, sondern sogar dringend nötig sein.  Die Situation ist der maßgebliche Faktor.
 
Die Situation der Tiere ist dramatisch und unfassbar fürchterlich. In ihrem Falle hilft kein Schönreden und keine Leisetreterei. Sie leiden, sie werden getötet, sie werden züchterisch bis zur Lebensunfähigkeit deformiert, denn es reicht ja, wenn sie bis zum geplanten Tötungstag durchhalten, oder eben so lange, wie sie maximale oder mindestens profitable Produktion (Eier, Milch, Honig, Wolle usw.) „abliefern“ können.
 
Da sie keinerlei Möglichkeit haben, für sich selbst einzutreten, ist es unsere Pflicht, ihnen zur Seite zu stehen und uns für sie einzusetzen. Sie sind die einzigen Opfer in der Geschichte der Menschheit, die darauf angewiesen sind, dass ihre Unterdrücker von selbst die Bereitschaft entwickeln, sich zu ändern.
 
Bei genauer Betrachtung ist es doch eigentliche eine tolle Sache, auf ein Problem hingewiesen zu werden und die Lösung gleich mitgeliefert zu bekommen. Oder nicht?
 
Es war noch nie so einfach, genußvoll und schön, vegan zu leben. Mach’s einfach. Du weißt, dass es das Richtige ist. 
 

  1. https://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung – GEO: Wir müssen weg vom Fleisch []
  2. http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/soja.htm []
  3. https://www.br.de/nachrichten/ursache-hohe-nitratwerte-100.html []
  4. https://www.umweltbundesamt.de/indikator-nitrat-im-grundwasser []
  5. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/antibiotika-im-grundwasser-im-landkreis-cloppenburg-wurde-sulfamidin-nachgewiesen-13260916.html, []
  6. http://www.wiwo.de/technologie/green/living/viehzucht-umweltbundesamt-weist-antibiotika-im-grundwasser-nach/13548750.html []
  7. https://www.br.de/nachrichten/antibiotikaresistente-keime-in-supermarktfleisch-100.html, []
  8. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-11/multiresistente-keime-mrsa-antibiotika-massentierhaltung-keimkarte/komplettansicht []
  9. http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-zoonosen-seuchen/komplettansicht, []
  10. https://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_Lebensmittel/04_Zoonosen_Monitoring/Zoonosen_Monitoring_Bericht_2016.pdf?__blob=publicationFile&v=4 []
  11. http://www.ariwa.org/index.php?option=com_content&view=article&id=63&Itemid=79 – Hervorragender Artikel von Animal Rights Watch mit zahlreichen Quellen []
  12. http://www.vzhh.de/ernaehrung/158716/keime-im-putenfleisch-was-tun.aspx []
  13. http://veganswer.de/wenn-das-gewissen-urlaub-macht/ []
  14. http://veganswer.de/du-hast-frueher-selbst-fleisch-gegessen/ []
  15. http://veganswer.de/kognitive-dissonanz/ []
Veröffentlicht unter Psychologie, Warum vegan?, Einwände, Angriffe, Veganismus und Tierrechte | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Über Pflanzen, Gefühle, Leid und Bewusstsein Ein Thema, das offenbar viele Nichtveganer*innen sehr bewegt: Die Gefühle der Pflanzen. Zu Recht?

Es ist ein wohlbekanntes Phänomen, dass, sobald man sich für die Interessen der Tiere stark macht, allenthalben Pflanzenschützer*innen aus dem Boden sprießen, die felsenfest der Meinung sind, sie hätten „irgendwo gelesen oder gehört“, dass Pflanzen aber auch Lebewesen sind und Schmerzen nicht nur fühlen, sondern sich sogar davor ängstigen, kurz: dass auch Pflanzen voll empfindungsfähige und bewusste Lebewesen sind, ganz genau so wie Tiere. 

Es wäre zu leicht, sich darüber lustig zu machen, auch wenn es absurd erscheint, dass den Fragesteller*innen das Leben eines Kohlkopfs wohl genauso wertvoll und schützenswert erscheint, wie das eines Hündchens oder womöglich gar der besorgten Pflanzenfreunde selbst. Immerhin gehören ja auch Menschen zum Tierreich und wenn Pflanzen ganz genau dieselbe Gefühlswelt haben wie Tiere, dann sind die Interessen eines bunten Salats moralisch genauso zu berücksichtigen, wie die der Pflanzenfürsprecher. Oder vielleicht doch nicht?

Ich frage mich, ob die Menschen, die diesen Einwand vorbringen, es tatsächlich ernst meinen, oder ob es letztlich nur in ein allzu offensichtliches tu quoque1 münden soll, oder ob sie sich gar als letztes Mittel der Distanzierung über die Qualen der Tiere lustig machen.

In dubio pro reo. Vermuten wir also das Beste, gehen davon aus, dass es eine ehrlich gemeinte Frage ist und versuchen, Antworten zu finden.

Was sind Schmerzen und sind sie zu etwas gut?

Voraussetzungen für Schmerzempfinden

Schmerzen sind zunächst einfach nur Reize. Um Schmerzen haben zu können, bedarf es bestimmter spezifischer Nervenzellen, der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren).  Es handelt sich hierbei um spezielle Fühler, die registrieren können, ob und auf welche Weise (thermisch, mechanisch, chemisch) Körpergewebe beschädigt wird. Zwar können unmittelbare Reaktionen auf Schmerzreize wie reflexhaftes Zurückzucken schon im Rückenmark ausgelöst werden, doch erst im Gehirn werden die Schmerzreize dann entsprechend subjektiv-emotional interpretiert und je nach Intensität als quälend oder leidvoll empfunden.

Damit ein Organismus Schmerzen empfinden kann, braucht er also Schmerzrezeptoren, ein Nervensystem, das die Reize weiterleitet und ein Gehirn, das diese Reize subjektiv interpretiert. 

Alarmsignal

Schmerzen sind Alarmsignale2, die auf Gefahren, insbesondere die Beschädigung von Körpergewebe hinweisen. Sie sind die sehr eindringliche Aufforderung, den Körper oder das betreffende Körperteil schnellstens aus der Gefahrenzone zu bewegen. Ihre Aufgabe ist es, die körperliche Integrität und das Überleben des Individuums zu gewährleisten.

Schmerzen sind also nur dann sinnvoll3, wenn das Individuum dazu in der Lage ist, sich dem Schmerzauslöser zu entziehen, wenn es davonlaufen kann, wenn es sich also um einen mobilen Organismus handelt.

Wann sind Alarmsignale sinnvoll – und wann nicht?

Pflanzen sind immobil, sie können sich nicht aus der Gefahrenzone bewegen. Ein Schmerzempfinden wäre dementsprechend völlig nutzlos für sie. Ein quälendes Schmerzempfinden, dem man nicht entkommen kann, wäre dem Überleben wohl sogar eher abträglich, da der dabei entstehende Stress Energie kostet und somit die Überlebenschancen beeinträchtigt. Evolution merzt im Allgemeinen ungünstige Mutationen wieder aus (Selektion durch geringere oder gar keine Vermehrung) und begünstigt solche, die für das Überleben des Individuums und somit der Art geeignet sind (erfolgreichere Vermehrung).

Zur Klarstellung: Evolution ist ein Prozess, der ohne jegliches Bewusstsein oder Ziel abläuft. Nicht, dass hier noch der Verdacht gehegt wird, ich unterstellte Evolution ein zielgerichtetes Handeln. Dem ist nicht so. Mutationen entstehen ständig und zufällig. Stellt sich eine Mutation als günstig für Überleben und/oder Fortpflanzung heraus, wird sie an die nächste Generation weitergegeben. Ist sie ungünstig, dann gibt es einfach keine nächste Generation mit dieser Mutation und so verschwindet sie wieder. 

Wie wahrscheinlich ist es, dass Pflanzen Schmerzen empfinden können?

Bisher konnte m.W. noch kein Wissenschaftler Schmerzrezeptoren oder etwas Vergleichbares bei Pflanzen nachweisen. Ein zentrales Nervensystem, ein Gehirn, ebensowenig. Wenn man dies in Betracht zieht und die oben erläuterte Tatsache, dass Pflanzen keine Möglichkeit haben, adäquat auf Schmerzen zu reagieren, lässt sich daraus schließen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Pflanzen Schmerzen empfinden und darunter leiden können, sehr gering bis unwahrscheinlich ist.

Es ist zwar denkbar und eventuell möglich, dass Pflanzen so etwas wie Schmerzen empfinden können, aber es ist eher unwahrscheinlich.

Kann man beweisen, dass Pflanzen keine Schmerzen haben?

Nein, das geht nicht. Es ist nicht möglich, ein Nichtvorhandensein von etwas zu beweisen. Man kann nur das Vorhandensein von etwas beweisen. Es ist wie mit den rosa Einhörnern. Nur, weil noch nie ein lebendiges rosa Einhorn gesichtet wurde, muss das nicht bedeuten, dass es sie nirgendwo gibt. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit ihrer Existenz aufgrund der vorhandenen Daten über die bisher bekannte Fauna als denkbar gering bis unwahrscheinlich einzuschätzen.

Deshalb sind diejenigen, die eine Behauptung aufstellen, in der Beweispflicht, und nicht diejenigen, die Skepsis äußern. Wer behauptet, dass Pflanzen ein Schmerzempfinden haben, das demjenigen von Menschen und Tieren absolut gleicht und daraus folgert, dass Pflanzen ein ähnlich starkes Interesse daran haben, Leid zu vermeiden, wie Tiere, der ist in der Beweispflicht und nicht derjenige, der sagt: Das glaube ich dir nicht.

Woher kommt die Mär von den fühlenden Pflanzen?

Fehlerhafte Experimente

Zum einen gab es in den 1960er Jahren einen Mitarbeiter des CIA, Cleve Backster4, der auf die Idee kam, seinen Drachenbaum an einen Lügendetektor anzuschließen. Er meinte, emotionale, sogar telepathische, Reaktionen bei der Pflanze wahrnehmen zu können und schrieb darüber sogar ein Buch: „The Secret Life of Plants“. In den 1970er Jahren haben andere Forscher vergeblich versucht, seine Experimente nachzustellen und festgestellt, dass seine Forschungsaufstellung nicht wissenschaftlichen Massstäben entsprach. Sobald entsprechende Kontrollen angewendet wurden, konnten die Pflanzenreaktionen nicht mehr nachgewiesen werden.

„Backster’s claims were refuted by Horowitz, Lewis, and Gasteiger (1975) and Kmetz (1977). Kmetz summarized the case against Backster in an article for the Skeptical Inquirer in 1978. Backster had not used proper controls in doing his study. When controls were used, no detection of plant reaction to thoughts or threats could be found.“ ~http://skepdic.com/plants.html

Wie so häufig blieb der spannende Mythos im Gedächtnis haften, ganz besonders bei Menschen, die ein Interesse an Esoterik und paranormalen Erscheinungen haben. Die lange nicht so spannenden wissenschaftlichen Erklärungen und Gegenbeweise hingegen nicht.

Reaktion auf bestimmte Stimuli

Zum anderen haben manche Pflanzen Berührungsrezeptoren, die in einigen Fällen bestimmte Reaktionen auslösen können (Mimosen und Venusfliegenfallen z.B.). Diese Reaktionen laufen aber, soweit wir es wissen, auf der vegetativen (sic!) Ebene ab.

Man kann sich das ein bisschen wie das Aufziehen einer mechanischen Uhr vorstellen, wo die Spannung der aufgezogenen Spirale die Unruh der Uhr über einen bestimmten Zeitraum hinweg in gleichmäßige Bewegung bringt. Papier, das nass wird, „reagiert“, indem es sich wellt. Smartphones reagieren auf Berührung. Trotzdem würde man weder Gefühle noch Bewusstsein dahinter vermuten. Es handelt sich um chemische, elektrische oder mechanische Reaktionen. Ein Bewusstsein ist dafür nicht nötig. Leid und Genuß entstehen erst im Bewusstsein.

Ein weiterer guter Vergleich ist unser Immunsystem. Werden bestimmte Zellrezeptoren berührt, springt es an und beginnt Antikörper zu produzieren, die Körpertemperatur zu erhöhen, Schleim zu erzeugen und auszuwerfen, das ganze Programm. Das läuft ebenfalls außerhalb unserer bewussten Kontrolle, also unbewusst ab, auch dann, wenn wir schlafen und sogar, wenn wir im Koma liegen.

Ähnlich können auch Pflanzen teils recht komplex auf Reize reagieren, eine bewusste Verarbeitung in einem Gehirn findet jedoch nicht statt.

Sprachliche Grenzen oder Ungenauigkeiten

Sprachlich wird oft nicht klar unterschieden zwischen fühlen, spüren und empfinden5.

Fühlen und empfinden haben eine emotionale, subjektive, wertende Komponente (gut/schlecht, angenehm/unangenehm), während spüren sich eher wertfrei auf den Tastsinn bezieht (rauh/glatt, weich/hart). Doch die Grenzen sind nicht klar gezogen. Sie verschwimmen, die Worte sind insbesondere im Alltagsgebrauch nahezu austauschbar.

Übersetzungsprobleme, Sprachunterschiede

Erschwerend kommt hinzu, dass es beim Übersetzen von Forschungsergebnissen manchmal schwierig ist, exakte und korrekte Entsprechungen zu finden. Wenn ein*e Forscher*in das Wort „feel6 verwendet, dann findet man im Wörterbuch sowohl fühlen, als auch spüren und empfinden.

Es ist also leicht, die Forscher und ihre Ergebnisse versehentlich oder absichtlich falsch zu interpretieren. 

Sensationslust

Da das alles aber eher nüchtern und langweilig daher kommt, gibt es keine aufregenden Schlagzeilen her. Ernstzunehmende Forschung und vor allem deren Ergebnisse kommen oft staubtrocken daher. Forscher*innen möchte aber gerne auch von Nichtforscher*innen verstanden werden und verwenden daher manchmal Vergleiche, Allegorien und Metaphern, um ihre Arbeit anschaulich darzustellen. So kann es leicht zu Missverständnissen kommen.

Redakteur*innen wiederum haben ihre eigenen Anliegen. Sie wollen Auflagen und Einschaltquoten. Griffige Schlagzeilen sollen Aufmerksamkeit und Interesse erzeugen und darum wird gerne getitelt: „Veganer, jetzt habt Ihr ein Problem: Pflanzen können fühlen!“ Das macht was her, das löst Diskussionen aus, sowie jede Menge Schadenfreude und Häme, die allerdings, wie ich weiter unten ausführen werde, fehl am Platze sind.

Das sagt ein Wissenschaftler

Einer der Wissenschaftler, Prof. Daniel Chamovitz7, der an solchen Pflanzenexperimenten beteiligt ist, hat es in einem Interview8 recht anschaulich beschrieben:

——————–englisch——————–

Q: Isn’t sensing damage, even without a neural system, essentially pain?
A:The idea that damage has to be pain is mistaken. We feel pain because we have specific types of receptors called nociceptors which are programmed to respond to pain, not to touch. People can have genetic malfunctions where they feel pressure but never feel pain because they don’t have pain receptors.

Q: So, if I follow you, plants really do feel, not metaphorically, but really. They just can’t feel pain. Right?
A: Plants don’t have pain receptors. Plants have pressure receptors that allow them to know when they’re being touched or moved—mechanoreceptors. It’s a specific nerve cell.

Q: And to be clear, am I right that a plant knows it’s being damaged?
A: You can definitely kill a plant, but it doesn’t care.

——————-deutsch——————-

Q: Ist denn die Wahrnehmung von Beschädigung, selbst ohne ein neurales System, im Grunde Schmerz?
A: Der Gedanke, dass Beschädigung gleich Schmerz ist, ist fehlerhaft. Wir fühlen Schmerzen, weil wir einen spezifischen Rezeptortypus haben, Nozizeptoren, die darauf programmiert sind, auf Schmerz zu reagieren, nicht auf Berührung. Es gibt Menschen mit genetischen Fehlfunktionen, die zwar Berührung fühlen können, jedoch keine Schmerzen, weil ihnen die Schmerzrezeptoren fehlen.

F: Also, wenn ich recht verstehe, dann fühlen Pflanzen tatsächlich, nicht nur metaphorisch, sondern ganz real. Sie können nur keine Schmerzen fühlen. Richtig?
A: Pflanzen haben keine Schmerzrezeptoren. Pflanzen haben Druckrezeptoren, die ihnen erlauben, wahrzunehmen, wenn sie berührt oder bewegt werden – mechanische Rezeptoren. Es sind spezifische Nervenzellen.

F: Um ganz klar zu sein, verstehe ich richtig, dass Pflanzen es wissen, wenn sie beschädigt werden?
A: Man kann eine Pflanze töten, aber es kümmert sie nicht.

———————————————

In diesem Video9 wird Prof. Chamovitz noch deutlicher und beantwortet die Frage, ob Pflanzen Schmerzen empfinden können, mit einem „resounding NO“, einem „hallenden NEIN“ und begründet dies mit dem fehlenden Cortex, den somit fehlenden Voraussetzungen für subjektives Empfinden und beruhigt alle Vegetarier und Veganer, dass sie auch weiterhin ohne schlechtes Gewissen ihren Brokkoli verputzen dürfen.

Aber was, wenn Pflanzen doch leiden und wir es nur nicht beweisen können?

Gute Frage. Vielleicht hilft es, sich eine Waage vorzustellen:

Was wiegt schwerer?

In der einen Waagschale befinden sich die Tiere, bei denen wir mit nahezu hundertprozentiger Gewissheit davon ausgehen können, dass sie Schmerzen sowohl körperlich als auch seelisch erleben können und es augenscheinlich auch tun. Sie haben alle körperlichen Voraussetzungen: Schmerzrezeptoren, Nervensystem und Gehirn. Sie demonstrieren durch ihr Verhalten klar und deutlich, dass sie die entsprechenden Sinneswahrnehmungen subjektiv-emotional bewerten (Flucht, Geschrei, Gezappel, Verteidigung) und somit nicht nur Schmerzen fühlen, sondern sie auch als Leid empfinden können. Wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie folgende existenzielle (das Leben sichernde) Interessen haben: körperliche Unversehrtheit, die Möglichkeit, sich Schmerzen zu entziehen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ihren Nachwuchs zu behüten, am Leben zu bleiben.

Auf der anderen Waagschale befinden sich die Pflanzen, bei denen bisher nicht die körperlichen Voraussetzungen nachgewiesen werden konnten, die keinerlei Fluchtverhalten zeigen und von denen nur einige wenige lediglich sehr rudimentäres, vegetativ-passives Verteidigungsverhalten aufweisen (Mimosen z.B.). Es handelt sich zwar zweifellos um lebende Organismen, die bestimmte Reize spüren können, diese aber aller Wahrscheinlichkeit10 nach nicht subjektiv-wertend empfinden.

Was wiegt schwerer? Sehr hohe Wahrscheinlichkeit oder sehr geringe Wahrscheinlichkeit? Deutlich sichtbares Leid oder deutlich sichtbare Gleichgültigkeit? 

Spiegelneuronen

Spiegelneuronen11 wurden in den 1990er Jahren entdeckt und sind eine ziemlich spannende Sache, wenn auch noch lange nicht vollständig erforscht und verstanden. Wenn wir oder andere Tiere andere Lebewesen oder selbst Roboter bei einem bestimmten Verhalten beobachten, dann verhält sich unser Gehirn so, als ob wir selbst es wären. Wir können ihre Wirkung ganz leicht bei uns selbst beobachten, wenn z.B. Held oder Heldin im Spielfilm unter Wasser geraten und wir unwillkürlich die Luft anhalten. Sie funktionieren offenbar auch speziesübergreifend und man nimmt an, dass sie uns helfen können, Mitgefühl, Empathie12 zu empfinden, indem wir buchstäblich mit fühlen.

Mitgefühl

Die meisten Menschen sind in der Lage, spontan und ohne jede bewusste Anstrengung Mitgefühl zu empfinden. Wenn wir beobachten, wie jemand beim Gemüseschneiden mit dem Messer abrutscht und den eigenen Finger erwischt, zucken wir unwillkürlich zusammen und oft rufen wir sogar „Autsch!“. Wir müssen nicht einmal direkt Zeug*in des Vorfalls sein. Wenn wir jemanden mit Verband sehen, fragen, was passiert ist und uns vom Unfall erzählt wird, krümmen wir uns manchmal gequält und verziehen schmerzvoll das Gesicht. Das funktioniert nicht nur bei Schmerz, sondern auch bei Wohlgefühl oder freudiger Erwartung. 

Wir sind in der Lage, verschiedene Gefühle bei anderen zu erkennen und zwar speziesübergreifend, also nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren. 

Nutzen des Mitgefühls

Mitgefühl kann in vielerlei Hinsicht nützlich sein. Babies z.B. können uns nicht sprachlich mitteilen, ob es ihnen gut oder schlecht geht. Für ihre Eltern oder andere Fürsorger*innen ist es also hilfreich, durch Mitfühlen ihres Verhaltens Rückschlüsse über ihre Befindlichkeiten gewinnen zu können.

Es kann dabei helfen, den sozialen Frieden in Gruppen zu wahren, indem einander geholfen wird, getröstet, oder Nahrung geteilt wird, was beim Überleben in der Wildnis sicherlich vorteilhaft ist.

Nicht zuletzt kann es nützlich sein, aus dem Verhalten anderer auf eventuell vorhandene Gefahren zu schließen. Springt die Gazelle aus Lebenslust herum oder flüchtet sie vor einem Geparden? Haben diese Löwen Hunger oder sind sie satt? Das zu wissen, kann in der Wildnis den Unterschied ausmachen zwischen langem Leben und frühem Tod. So erklärt sich dann auch das Vorhandensein der speziesübergreifenden Empathie. Je richtiger unsere Annahmen bezüglich des Verhaltens und der Absichten anderer Tiere, desto mehr Erfolg bei Überleben und Fortpflanzung und dadurch die Weitergabe dieses „Wissens“ an die folgenden Generationen.

Sicherlich sollten wir uns nicht dazu hinreißen lassen, unser Mitgefühl für einen quasi sicheren Beweis für das Vorhandensein von Gefühlen bei anderen zu halten, oder umgekehrt aus fehlendem Mitgefühl unsererseits auf mangelndes Gefühlserleben bei anderen zu schließen. 

Dennoch schließe ich mich hinsichtlich der Tiere uneingeschränkt der Tierärztin Nicole Tschierse an, die in ihrem Essay „Gesichter der Angst13 schrieb:

„Es sieht aus wie Angst, es wirkt sich aus wie Angst: ich nenne es Angst…

Wenn Sie den Eindruck haben, eine von Ihnen verschiedene Lebensform hat Schmerzen und leidet, dann gehen Sie besser auch davon aus, dass es so ist.“ 

Ich sage es klar und deutlich: Es fällt mir nicht schwer, bei Tieren Mitgefühl zu empfinden, aber es ist mir völlig unmöglich, dasselbe für Pflanzen zu empfinden und ich behaupte, dass es sich bei den Pflanzenschützer*innen ebenso verhält. Ich habe noch nie beobachten können, wie ein Mensch beim „Unkraut“ jäten Schwierigkeiten hat, sein Mitgefühl für die leidenden Pflanzen zu überwinden und jammervoll das Gesicht verzieht. Aber ich habe viele Nichtveganer*innen dabei erlebt, wie sie vorsichtig Insekten in einem Glas fingen, um sie behutsam nach draußen in die Freiheit zu verbringen, oder Schnecken von der Straße ins Gras am Wegesrand setzten.

Ganz subjektiv bin ich der Meinung, dass wir uns in den allermeisten Fällen auf die Botschaften unseres Mitgefühls verlassen können und auch sollten.

Interessensabwägung

Wenn Pflanzen tatsächlich ein bewusstes, existenzielles Interesse haben, nicht gegessen zu werden, ich aber ein ebenso existenzielles Interesse habe, nicht verhungern zu müssen, dann haben beide Organismen das Recht, ihre jeweiligen Interessen zu verfolgen. So lapidar es auch klingt: Pflanzen haben da leider aufgrund ihrer Immobilität schlechte Karten. Sie können weder davonlaufen noch sich wehren. 

Wir haben nur die Wahl zwischen Pflanzen essen oder verhungern. Selbsterhalt kann als zwingende Notwendigkeit gelten. 

In diesem Moment habe ich als moralisches Subjekt, also als Wesen, das in der Lage ist, moralische Entscheidungen zu treffen, nur die Wahl zwischen einer (vermeintlich) schlechten und einer ganz schlechten Option. Entweder ich überwinde meine moralischen Bedenken und esse die Pflanze, oder ich verhungere.

Da ich nicht davon überzeugt bin, dass Pflanzen tatsächlich voll leidensfähige und bewusste Wesen sind, habe ich keine moralischen Bedenken, Pflanzen zu verzehren. Anders ist das bei Tieren. Ich bin überzeugt, dass sie leidensfähige, bewusste Wesen sind, für die ihr Leben genauso wichtig ist, wie meines für mich. Da ich sie weder benutzen noch töten muss, weil es mehr als genügend Alternativen gibt, wiegt ihr existenzielles Interesse am Leben zu bleiben, schwerer als meine nicht-existenziellen Wünsche. Es besteht keine zwingende Notwendigkeit, tierliche Produkte zu konsumieren. Geschmack, Gewohnheit, Tradition, Mode rechtfertigen es nicht, einem fühlenden Wesen Schaden zuzufügen.

Maximierung des Pflanzenleids durch Veredelungsverluste

Was für Pflanzenliebhaber*innen gar nicht in Frage kommen sollte, ist das Verfüttern großer Pflanzenmengen an sogenannte „Nutztiere“, um diese zu mästen oder Körpersekrete zu erzeugen (Milch, Eier). Für jedes Kilogramm verwertbares, tierliches Material muss ein Vielfaches an pflanzlichem Material aufgewendet werden.

„Jede Form der Fleischproduktion ist extrem ineffizient, was die Kalorienausbeute betrifft. Man braucht im Schnitt mindestens sieben pflanzliche Kalorien, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Fünf Kalorien gehen nur für den Stoffwechsel der Tiere drauf. Wir verfüttern 40 Prozent der Weltgetreideernte und 85 Prozent der Sojaernte an Nutztiere – und produzieren daraus primär Exkremente.“ ~Dr. Kurt Schmidinger in der GEO14

Je nach Tierart und Produkt kann das bis zum 16-fachen betragen, also im Extremfall bis zu 16 kg Pflanzen für ein Kilogramm Tier. Man nennt das Veredelungsverlust, oder englisch Feed:Meat Ratio, bzw. FCR (Feed Conversion Rate), also das Verhältnis von Futter zu gewonnenem Fleisch. Tiere benötigen den größten Teil der Nahrung, um den eigenen Stoffwechsel aufrecht zu erhalten, die Körpertemperatur zu regeln, das Herz am Schlagen zu halten, und so weiter.

Um 1 Kilo Rindfleisch zu erzeugen, müssen etwa 10 Kilo Getreide an ein Rind verfüttert werden. Tiere benötigen die Nahrungsenergie der Futterpflanzen vor allem für ihren normalen Stoffwechsel. Weil dadurch etwa zwei Drittel der Futterenergie verloren gehen, ist ein Vielfaches an Futterpflanzen für die Fleischerzeugung notwendig. ~Verbraucherzentrale Saarland ((https://www.saarland.de/104859.htm))

Diese sehr anschauliche Übersicht stammt von der Seite A-Well-Fed-World15:

Feed Ratios, awfw.org

Wenn Pflanzenfreund*innen es wirklich ernst meinen, dann müsste es ihnen ein Anliegen sein, so wenig Pflanzenleid wie irgend möglich zu verursachen. Damit wird das Verfüttern von Pflanzen an sogenannte „Nutztiere“ untragbar und der eigene Pflanzenkonsum müsste auf das absolut unumgänglich notwendige Minimum beschränkt werden.

Letzter Ausweg Frutarismus

Wer tatsächlich fest davon überzeugt ist oder glaubt, dass Pflanzen in vollem Umfang leidensfähige Lebewesen sind, die entsprechend moralische Berücksichtigung verdienen, muss sich überlegen, ob es mit dem Gewissen vereinbar ist, Pflanzen absichtlich Schmerzen zuzufügen. Das ist nun aber nicht etwa ein Freibrief für  den Konsum auf jeden Fall leidensfähiger Tiere, sondern viel eher ein Grund, frutarisch16  zu leben, denn die Früchte vieler Pflanzen werden extra für den Verzehr erzeugt. Es ist eine gut funktionierende Möglichkeit, die Samen weit zu verbreiten und den Kot der Esser*innen auch gleich noch als Dünger zu nutzen. Frutarisch zu leben wäre somit die logische Konsequenz aus der Annahme, dass Pflanzen fühlen.

Frutarier fügen Pflanzen also keinen Schaden zu, sondern nützen ihnen sogar. Die perfekte Lösung für Pflanzenfreund*innen.

Und was ist jetzt mit den Tieren?

Physische Voraussetzungen

Tiere verfügen über Schmerzrezeptoren, Nervensysteme und Gehirne, und erfüllen somit  alle Voraussetzungen, Schmerzen nicht nur körperlich spüren zu können, sondern auch emotional darunter zu leiden.

Verhalten

Sie zeigen durch ihr Verhalten ein deutliches, existenzielles Interesse, keine Schmerzen zu leiden (Flucht, Wegducken, Gegenwehr) und am Leben zu bleiben. Ihre Stressreaktionen entsprechen unseren: geweitete Augen, schwitzen, zittern, vermehrter Speichelfluss, erhöhter Blutdruck und Puls, Adrenalinausschüttung, Geschrei, Gewimmer.

Wir verstehen diese Gefühlsäußerungen deshalb intuitiv und zumeist intuitiv richtig, weil wir selbst ebenfalls Tiere sind und wir und unsere Körper sehr ähnlich reagieren. Das hat nichts mit Vermenschlichung zu tun. Viel eher haben wir die Unsitte, uns selbst zu enttierlichen, wir handeln und denken anthropozentrisch, halten uns für den Nabel der Welt, doch angesichts des Zustands, in den wir das für alle Lebewesen überlebenswichtige Ökosystem gebracht haben, besteht dazu wahrlich kein Grund.

Wie Tom Regan in „Empty Cages“ so treffend schreibt: „Wir verstehen sie und ihr Verhalten weil wir uns und unser Verhalten verstehen“.

„Part of the reason we can speak meaningfully about what dogs and other animals want is because their behavior resembles ours in relevant respects. If I am in a cage and want out, I will try to get out (for example, I will try to widen the space between the bars or push against them). If your neighbor’s dogs want out of their cage, they will try to get out too (for example, by digging with their paws). We understand them and their behavior because we understand ourselves and our behavior.“ ~Regan, Tom. Empty Cages: Facing the Challenge of Animal Rights (S.55). Rowman & Littlefield Publishers. Kindle-Version.

 

In den fundamentalen, existenziellen Belangen haben wir, die menschliche Tierspezies und die anderen Tierspezies dieselben Interessen: Frei sein, unverletzt bleiben, am Leben bleiben, die eigenen Kinder erfolgreich ins Erwachsenenleben bringen.

Ethische Überlegungen

Gleiche Interessen sind moralisch gleich zu berücksichtigen.

Das ist die Grundlage des Veganismus. Die Anerkenntnis, dass Tiere ganz wie wir Schmerzen und Glücksgefühle empfinden können und dass ihre existenziellen Interessen sich nicht grundlegend von unseren unterscheiden. Das macht Tiere moralisch relevant und dementsprechend fühlen sich Veganer*innen verpflichtet, diese existenziellen Interessen moralisch zu berücksichtigen. Da wir keine Tierprodukte benötigen, um ein gutes, gesundes und erfülltes Leben führen zu können, sind unsere Interessen an Tierprodukten lediglich als trivial zu bewerten, also von weitaus geringerem moralischen Gewicht als diejenigen der Tiere.

Es sind ihre Körper, ihre Leben, ihre Kinder, ihre Milch, ihre Eier, ihr Honig, ihre Wolle, ihre Federn, ihre Haut. Nichts davon gehört uns oder steht uns zu. Wir müssen aufhören uns zu nehmen, was uns nicht gehört. Wir dürfen leidensfähige, selbst-bewusste Wesen nicht als Eigentum betrachten und zu Ressourcen machen.

Dass Tiere über Bewusstsein verfügen, bestätigen mittlerweile auch eine ganze Reihe namhafte Wissenschaftler*innen in der Cambridge Declaration of Consciousness.17

Was ist mit Insekten, Schalen- und Krustentieren, anderen Weichtieren und Wirbellosen?

Aber Insekten und Muscheln z.B. haben doch keine so ausgeprägten Nervensysteme wie die Wirbeltiere, nicht wahr? Bei denen wissen wir nicht, ob und wie viel sie fühlen. Wahrscheinlich tatsächlich deutlich weniger, oder anders, oder… die darf man doch sicher essen, nicht wahr?

Benefit of Doubt, die Gunst des Zweifels

Es stimmt, dass die Nervensysteme und Gehirne von Insekten und Weichtieren anders strukturiert sind und es daher schwer oder doch zumindest schwerer fällt, Ähnlichkeiten zu entdecken, die als moralisch berücksichtigenswert zu gelten haben.

Bei den Cephalopoden, den Kopffüssern, bestehen keine nennenswerten Zweifel mehr, dass sie außerordentlich intelligent18 sind und offenbar sogar über Persönlichkeit verfügen19. Zumindest sie sollten wir auf jeden Fall moralisch berücksichtigen.

Fische ebenso20, denn erstens sind die meisten Fische ebenfalls Wirbeltiere und zweitens kann  ihre Leidensfähigkeit21 durchaus als nachgewiesen angesehen werden.

Die Tatsache, dass teils so verschiedene Systeme dann doch so ähnliche kognitive und sensorische Fähigkeiten hervorbringen, sollte uns zu denken geben. Im Zweifel, wie z.B. bei Insekten, Schnecken, Muscheln, Krabben, Krebsen, Hummern, Seesternen usw., sollten wir deshalb sicherheitshalber einfach immer davon ausgehen, dass Tiere nicht nur möglicherweise sondern sehr wahrscheinlich Schmerzen spüren und Leid empfinden können. Schmerz hilft beim Überleben und ist deswegen sehr wahrscheinlich im Laufe der Evolution auch bei ihnen entstanden.

Wenn wir andere nicht verletzen und töten müssen, warum sollten wir es dann tun?

The word „veganism“ denotes a philosophy and way of living which seeks to exclude — as far as is possible and practical — all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose; and by extension, promotes the development and use of animal-free alternatives for the benefit of humans, animals and the environment. In dietary terms it denotes the practice of dispensing with all products derived wholly or partly from animals.
 
Das Wort ‚Veganismus‘ bezeichnet eine Philosophie und Lebensweise, die versucht, so weit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was Menschen, Tieren und der Umwelt zum Vorteil gereichen soll.
~Donald Watson22, Gründer der Vegan Society und Erfinder des Wortes „vegan“
 

Du weißt, dass es das Richtige ist. Sei fair. Sei vegan. Fang heute noch an.

—– Quellen —–

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Tu_quoque []
  2. https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/schmerz/die-komplexeste-alarmanlage-der-welt []
  3. https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/schmerz/vom-sinn-des-schmerzes []
  4. http://skepdic.com/plants.html []
  5. https://www.duden.de/suchen/dudenonline/empfinden%3B%20f%C3%BChlen%3B%20sp%C3%BCren []
  6. https://www.dict.cc/?s=feel []
  7. https://en.wikipedia.org/wiki/Daniel_Chamovitz []
  8. https://www.vice.com/en_au/article/xd74nd/we-asked-a-botanist-how-sure-science-is-that-plants-cant-feel-pain-302 []
  9. https://www.youtube.com/watch?v=CP1ysZ9ZO8Q []
  10. https://www.forschung-und-wissen.de/magazin/tiere-pflanzen/koennen-pflanzen-schmerzen-empfinden-13371960 []
  11. https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/spieglein-spieglein-im-gehirn []
  12. https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/was-koennen-spiegelneurone-leisten []
  13. http://www.tiere-leben.de/imags/Gesichter_der_Angst.pdf []
  14. https://www.geo.de/natur/oekologie/3455-rtkl-fleischkonsum-und-klima-wir-muessen-weg-von-der-tierhaltung []
  15. http://awfw.org/feed-ratios/ []
  16. https://de.wikipedia.org/wiki/Frutarier []
  17. http://fcmconference.org/img/CambridgeDeclarationOnConsciousness.pdf []
  18. http://www.sueddeutsche.de/wissen/oktopusse-die-aliens-sind-unter-uns-1.3443913 []
  19. https://www.geo.de/natur/tierwelt/3003-rtkl-verhalten-kluge-kraken []
  20. http://fishfeel.org/ []
  21. https://www.swr.de/swr2/wissen/fische-empfinden-schmerzen/-/id=661224/did=19481312/nid=661224/1sd49il/index.html []
  22. https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Watson []
Veröffentlicht unter Einwände, Gegenargumente | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar