Billigfleisch vom Discounter war gestern, mehr Farbe ist heute Brauchen wir wirklich noch mehr "Tierschutz"-Plaketten?

Comic: Vegan Sidekick

Die meisten Menschen in Deutschland essen Tierfleisch und andere „Tierprodukte“. In den letzten Jahren haben sich jedoch Diskussionskultur und Wahrnehmung, vor allem beim Fleisch, gewandelt. Es geht nicht mehr um „Fleisch essen, ja oder nein“, sondern vor allem um einen vermeintlich akzeptablen Konsum. Das haben auch die Supermärkte und Discounter gelernt, deren Produkten gern das böse Massentierhaltungs-Image anhaftete.

Um aus der Schmuddelecke herauszukommen, wurden so allerhand Systeme erdacht, um mit minimaler Tierschutzkosmetik, maximale Aufmerksamkeit von Seiten der Konsument*innen zu erreichen. Zwischen lauter Fairmast1 und Tierwohl2 ließ sich fast vergessen, dass spätestens bei der Schlachtung die grundlegenden Interessen fühlender Lebewesen auf schlimmste und endgültige Weise verletzt werden. Während Fairmast und Tierwohl-Label bereits Kritik wegen lächerlich geringer Forderungen für die Tiere, minimal höherer Fleischpreise, bzw. intransparenter Vermarktung einstecken mussten, haben die Märkte nun weitere Ideen, um Fleischprodukten ein akzeptables Image zu gewähren, ohne den Preis sonderlich anzuheben.

Netto hat ein System eingeführt, dass aufzeigen soll, wie die Tiere zu Lebzeiten gehalten wurden3. Erstaunlicherweise die Nummer eins erhält dabei die Kategorie „Konventionelle Stallhaltung“. Diese solle den gesetzlichen Standards entsprechen. Dass diese nur ein minimales Zugeständnis der Wirtschaft an den Tierschutz sind, ist schlimm genug. Jedoch kommen noch fehlende Kontrollen hinzu. Viele Unternehmen werden nur im Abstand von Jahren bis Jahrzehnten kontrolliert4

Kategorie zwei soll winzige Zugeständnisse an die Bedürfnisse der Tiere machen, indem z. B. Beschäftigungsmaterial vorhanden sein soll. Kategorie soll den Tieren doch tatsächlich Zugang zu einem Außenbereich geben und Kategorie vier den Bio-Kriterien entsprechen5. Der unfreiwillige und leidvolle Tod wird durch die bunten Verpackungen natürlich nicht verhindert.

Eine weitere Idee, zur Tierschutz-Deko kommt von ALDI-Süd. Dort wurde nicht nur das Design eines Bilderbuches aufgenommen, sondern direkt auch zwei Tierschutzorganisationen als Fürsprecher gefunden6. Revolutionäre Verbesserungen für zu Nutztieren degradierte Tiere finden sich jedoch nicht7.

Eine Recherche zu den Labeln, Versprechen und vermeintlich tiergerechteren Haltungs-, Transport-, und Schlachtbedingungen zeigen wieder nur eines auf, nämlich die Tatsache, dass es den Tieren nicht besser ergeht, dass bunte Bilder und eingefärbte Fleischverpackungen nur dem Gewissenswohl dienen.
Wer in den Diskussionen dem Einwand vom geringen Fleischkonsum, bei striktem Wissen um Herkunft und Beachtung von Tierwohl begegnet, kann nicht anders, als diese Blase platzen zu lassen.

Fair den Tieren gegenüber ist es nur, sie nicht den Leiden und dem frühen Tod im Verwertungsprozess auszusetzen. Fair ist es ebenfalls, Tierschutzorganisationen nicht dazu zu verwenden, blutigen Produkten einen tierfreundlichen Anstrich zu geben.

 

  1. Fairmasthttps://www.fairmast.de/ []
  2. Initiative Tierwohl: https://initiative-tierwohl.de/ []
  3. Haltungszeugnis des Discounters Netto:
    https://www.netto-online.de/Haltungszeugnis.chtm []
  4. N-TV Mediathek: Amtstierarzt schaut mancherorts nur alle 48 Jahre vorbei:
    https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Amtstierarzt-schaut-mancherorts-nur-alle-48-Jahre-vorbei-article20599831.html []
  5. Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, Bio-Siegel:
    https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnutzung/Oekolandbau/_Texte/Bio-Siegel.html []
  6. Aldis Bilderbuch für Erwachsene:
    https://unternehmen.aldi-sued.de/fileadmin/fm-dam/company_photos/US_Verantwortung/Lieferkette/ALDI_SUED_Fuer_mehr_Tierwohl.jpg []
  7. Aldis Einkaufspolitik:
    https://unternehmen.aldi-sued.de/fileadmin/fm-dam/company_photos/US_Verantwortung/Downloads/ALDI_SUED_Tierwohl-Einkaufspolitik.pdf []

Dominion – Das Grauen der Tierausbeutung Filmbesprechung

Der australische Dokumentarfilm ‘Dominion’ ist derzeit innerhalb der Tierrechtsszene in aller Munde1. Wir haben ihn uns angeschaut.

Triggerwarnung: Der Film zeigt eine Vielzahl grausamer Bilder realer Gewalt gegen Tiere. Wir verwenden hier bewusst keine Bilder aus dem Film, werden aber unter der Überschrift ‚Was genau zeigt dieser Film?‘ in Worten beschreiben, welche Zustände Dominion dokumentiert. Auch diese Beschreibungen können verstörend wirken und psychischen Stress erzeugen.

Worum geht es in dem Film?

Dominion zeigt die Praxis der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen. Die meisten Aufnahmen stammen aus der australischen Tierrechtsmediathek Aussie Farms Respository, einige auch aus Asien (vor allem aus China) und den USA.2 Sie könnten aber ebenso aus einem europäischen Land stammen. Die dargestellten gewalttätigen Prozesse sind weltweit überall dort, wo industrielle Tiernutzung in großem Stil stattfindet, in ähnlicher Weise Realität.

Der Film dokumentiert hauptsächlich die Zustände in der sogenannten ‘konventionellen Nutztierhaltung’ zum Zweck der Fleisch- und Milchproduktion. Außerdem wirft er einige Blicke auf andere Bereiche, in denen Tiere für menschliche Zwecke ausgebeutet werden, z.B. Jagd, Unterhaltung, ‘Sport’, Bekleidungsindustrie und wissenschaftliche Forschung.

Dominion zeigt die Realität der Tierausbeutung schonungslos brutal. Das Filmmaterial ist fast durchgängig von hoher Bildqualität. Die Szenen wurden von Tierrechtsaktivist*innen über Jahre mit versteckten Kameras und Drohnen in den Mastanlagen, Schlachthöfen und an anderen Tatorten eingefangen.

Als Zuschauer*in erleben wir die Leidenswege der Tiere hautnah, getrennt nach Tierart bzw. ihrer vermeintlicher ‘Bestimmung’ (z.B. Legehuhn und Masthuhn), minutiös aufgezeichnet vom Moment ihrer Geburt in Gefangenschaft bis zum Zeitpunkt des unfreiwilligen Todes. Die Bilder werden von mehreren Sprecher*innen kommentiert. Emotionslos, nüchtern, auf die wesentlichen Fakten reduziert.

Was genau zeigt der Film?

Wer den Film anschaut, weiß und fühlt bereits nach wenigen Augenblicken, dass er/sie gerade Augenzeug*in eines entsetzlichen Gewaltverbrechens wird. Die Bilder sind von kaum erträglicher Brutalität. Wir werden heftig konfrontiert mit den Abgründen menschlicher Profitgier und damit, was es für fühlende Lebewesen konkret bedeutet, unter kapitalistischen Produktionsbedingungen zu Waren und Erzeugnissen degradiert zu werden.

Der Film führt uns kaum vorstellbares Grauen vor Augen: Bilder von Tieren, die dicht zusammengedrängt knietief in ihren eigenen Exkrementen stehen, sind noch die harmlosesten. Wir sehen entsetzlich leidende, sterbende Tiere, die elend krepieren, weil ihre Verletzungen nicht versorgt werden. Auch tote Tiere, einfach liegengelassen und vergessen. Wir erleben unerträgliche Szenen von Tierquälerei, begangen vom überforderten und oftmals sadistischen Personal in den Tierfabriken. Unsere Blicke begleiten die Opfer bis zum Schluss, wenn ihr Leben im Schlachthof ausgelöscht wird. Wir hören die Schreie der gepeinigten Tiere, sehen ihre panischen Blicke, erleben ihren verzweifelten Todeskampf. Wir werden zigfach Zeug*in misslungener Betäubung, sehen Tiere, die bei vollem Bewusstsein zerlegt werden oder mit aufgeschlitzter Kehle aus der Betäubung erwachen, während sie gleichzeitig langsam verbluten.

Wer Dominion schaut, wird die Bilder und Schreie vielleicht ein Leben lang nicht vergessen.

Wer sollte den Film anschauen?

Der Film ist eine Empfehlung für alle Menschen, die die Überzeugung vertreten, ein Recht auf den Konsum tierlicher Produkte zu haben oder Tiere sonstwie zum eigenen Vorteil nutzen zu dürfen. Wer Tierleid in Auftrag gibt, sollte auch wissen, was er/sie da eigentlich beauftragt und sich der eigenen Verantwortung vollständig bewusst sein. Dominion regt dazu an, sorgsam zu prüfen, wie das, was dort zu sehen ist, eigentlich zu den eigenen Werten passt. Der Film kann sicher für manche Menschen der entscheidende Anstoß für eine bedeutsame Veränderung im eigenen Leben sein.

Auch Vegetarier*innen sollten sich den Film ansehen, insbesondere, wenn sie bislang der Meinung sind, Vegetarismus sei ein ethisches Verhalten, das kein Leid verursacht.

Wer bereits vegan lebt, weil er/sie die Fakten des Films längst kennt, sollte den Film vielleicht besser nicht anschauen. Zumindest dann nicht, wenn ähnliche Bilder einst der schmerzhafte Anstoß waren, das eigene Leben konsequent neu auszurichten. Die Gefahr einer Re-Traumatisierung durch die schockierenden Bilder ist erheblich. Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich diesem Risiko zwei Stunden lang auszusetzen.3

Wie kann der Film sinnvoll eingesetzt werden?

Die größte Wirkung wird der Film vermutlich dann entfalten, wenn er im Rahmen eines geplanten Anlasses (z.B. einer Tierrechts- oder Veganismuswoche oder als Sondervorstellung in einem Kino) öffentlich gezeigt wird und unter den Anwesenden möglichst viele Nochnichtveganer*innen sind. Es sollte unbedingt die Möglichkeit bestehen, noch über das Gesehene zu sprechen und die Bilder zu verarbeiten.

Natürlich lässt sich Ähnliches auch privat ganz leicht organisieren, wenn z.B. einige Veganer*innen ihre unveganen Bekannten einladen. Nützliche Hinweise hierzu gibt es direkt auf der Seite von ‚Dominion Movement‘.4 Die Macher von ‚Vegan ist ungesund‘ haben beispielsweise eine sehr gute Aktion durchgeführt und in einem YouTube-Video dokumentiert.5

Wer eine Veranstaltung inszeniert, sollte sich bewusst sein, dass es zu heftigen emotionalen Reaktionen kommen kann und sollte einige Erfahrung im Umgang damit haben.6
(Ich selbst habe den Film im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung erlebt, bei der sehr professionell auf die psychischen Risiken hingewiesen wurde und sogar therapeutische Soforthilfe möglich gewesen wäre.)7

Eine Vorführung ausschließlich für Veganer*innen ist vor allem dann sinnvoll, wenn der Fokus auf der Frage liegt, wie der Film für Überzeugungsarbeit strategisch genutzt werden kann. Dass Dominion auf der international animal rights conference gezeigt wird, ist beispielsweise sinnvoll und effektiv, weil er automatisch wichtige Diskussionen auslösen wird.8 Inhaltlich bietet Dominion für informierte Tierrechtler*innen allerdings keine Neuigkeiten.

Welche Schwächen hat der Film?

Der Film dauert zwei Stunden. Für viele ein Hindernis. Da wäre es hilfreich, wenn es eine komprimierte ‘Europa-Version’ gäbe.9

Obwohl der Film zu Beginn klarstellt, dass die gezeigten Geschehnisse tagtäglich überall auf der Welt stattfinden, werden wohl viele Zuschauer*innen intuitiv die Chance nutzen, die Relevanz der Bilder abzuwerten, weil das alles ja am anderen Ende der Welt stattfindet und außerdem auf die ‚allerschlimmsten‘ Auswüchse der Massentierhaltung fokussiert, die man selbst natürlich entschieden ablehnt. Wenn wir jemanden speziell für das Grauen der Massentierhaltung zum Zweck der Lebensmittelproduktion sensibilisieren wollen, dann sollten wir überlegen, ob wir statt Dominion nicht besser den Film Land of Hope and Glory des britischen Tierrechtlers Earthling Ed empfehlen.10 Der Film ist mit 48 Minuten Dauer wesentlich kompakter und genießt als europäischer Film vermutlich eine etwas höhere Akzeptanz bei nichtveganen Zuschauer*innen.

Wirklich störend ist der latent misanthrope Tenor des Films. Menschen werden ausschließlich von ihrer schlechtesten Seite gezeigt: grausam, erbarmungslos, zynisch. Am Ende fragt der Film, was all das Gesehene über den Mensch als Spezies verrät. Es folgen Bilder: Sklaverei, Hitlerdeutschland, Unterdrückung der Frauen. Danach die Frage: “Sind wir dazu verdammt, die Geschichte ständig zu wiederholen?”. Die Sequenz dauert zwar nur wenige Sekunden. Sie vermittelt aber ein durchaus verzerrtes, vermutlich gewollt unvollständiges, äußerst negatives Bild der Menschheit. Natürlich ist die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte der Unterdrückung und verbrecherischer Gewalt. Sie ist aber auch eine Geschichte des Widerstands, der Befreiung, der Solidarität mit den Gedemütigten, der Durchsetzung elementarer Rechte. Dieses Bild blendet der Film komplett aus.

Mein Fazit

Dominion ist ein Film, der wachrüttelt, bewegt und schmerzhaft berührt. All das kann sehr hilfreich sein und Erkenntnisprozesse anstoßen oder beflügeln.

Bevor man den Film empfiehlt, sollte man sich aber fragen, was genau man damit erreichen will. Geht es darum, das Gegenüber auf ganz bestimmte Missstände hinzuweisen, gibt es oftmals besser geeignete kurze Filme zu genau diesem Aspekt aus dem eigenen Land. Geht es um das Mensch-Tier-Verhältnis im Allgemeinen kann Dominion sicher die Heile-Welt-Vorstellungen mancher Mitmenschen massiv erschüttern und damit vielleicht tatsächlich der Unterschied sein, der den Unterschied macht.

  1. Die Verbreitung des Films wird über die Seite ‚Dominion Movement‘ gesteuert. Hier kann er auch kostenpflichtig angeschaut oder gekauft werden. https://www.dominionmovement.com/ []
  2. https://www.aussiefarms.org.au/ []
  3. Wer bereits vegan lebt und Dominion getrieben von der Motivation anschaut, unbedingt wissen zu wollen, worum es in dem Film geht, um in Diskussionen ‚mitreden‘ zu können oder den Film gegebenenfalls anderen gezielt zu empfehlen, dem/der empfehlen wir, einfach eine Beschreibung des Films wie z.B. diesen Artikel zu lesen. Das genügt völlig. []
  4. https://www.dominionmovement.com/host-screening []
  5. https://www.facebook.com/VeganIstUngesund/videos/495621644233063/ []
  6. Auf der Seite ‚Dominion Movement‘ gibt es einen sehr guten Text der klinischen Psychologin Apoorva Madan zur Selbsfürsorge bei belastenden Erfahrungen. https://www.dominionmovement.com/self-care []
  7. https://www.facebook.com/events/1964144750303511/ []
  8. https://ar-conference.org/ []
  9. Man könnte z.B. Hühner, Truthähne und Enten zusammenfassen und einige Themen weglassen, die für europäische Betrachter*innen weniger relevant sind (z.B. Kamelhaltung, Windhundrennen, …). []
  10. https://www.youtube.com/watch?v=dvtVkNofcq8&vl=de []

Wie sage ich es meinem(r) Omni? Impulse für eine wertschätzende, effektive Überzeugungsarbeit

Wie überzeugen wir unsere Mitmenschen von der Sinnhaftigkeit oder gar Notwendigkeit einer veganen Lebensweise? Eine lohnende, kontrovers diskutierte Frage, die leider nicht eindeutig beantwortet werden kann. Am ehesten passt wohl die Antwort: „Es kommt darauf an“. Nämlich auf den Kontext der Situation, die Persönlichkeit des Gegenübers und ihren ‚veganen Reifegrad‘. Auch wenn es kein Patentrezept für ‚vegane Überzeugungsarbeit‘ gibt, so gibt es doch immerhin einige hilfreiche Prinzipien. Ihre Berücksichtigung kann uns in vielen Situationen helfen, zufriedenstellendere Gesprächsergebnisse zu erzielen.

Erst verstehen, dann verstanden werden

Menschen brauchen das Gefühl, dass ihre Sichtweisen gehört, verstanden und ernst genommen werden. Deshalb sollten Veganer*innen sich die Argumente ihrer Mitmenschen immer anhören. Auch dann, wenn sie diese bereits in hundert anderen Gesprächen gehört und geduldig widerlegt haben. Verstehen bedeutet ja noch lange nicht zustimmen. Indem wir uns aber ehrlich bemühen, die Sichtweise der anderen Person zunächst zu erfassen, zeigen wir Wertschätzung. Sie ist die Basis für einen offenen Dialog.

Klar in der Sache, freundlich zu den Menschen

Wir sollten uns bemühen, während des Gesprächs dauerhaft in einer wertschätzenden Haltung auf Augenhöhe zu bleiben. Dadurch steigt die Chance, dass unser Gegenüber die Bereitschaft entwickelt, sich für Veränderungsimpulse zu öffnen. Umgekehrt gilt: Wer sich persönlich angegriffen fühlt, geht in Widerstand. Er/sie verteidigt sich dann reflexhaft, bläst zum Gegenangriff oder zieht sich beleidigt zurück. Selbst dann, wenn diese Person insgeheim sehr genau weiß, dass der Vorwurf inhaltlich berechtigt ist.

Abb.: Konstruktiver Dialog

Wir werden unsere Mitmenschen generell eher erreichen, wenn wir sie aufklären, inspirieren, ermutigen, als wenn wir sie beschimpfen, beschuldigen oder mit Vorwürfen überziehen. Uns sollte jederzeit klar sein, was der Unterschied zwischen einer wohlwollenden Anregung und einer arroganten Belehrung ist. Auch Rat-Schläge sind Schläge, wenn wir sie ungebeten und von oben herab erteilen. Gleichzeitig sollten wir aber auch jederzeit klar in unserer Haltung sein. Die Ausbeutung der Tiere durch den Menschen verursacht entsetzliches Leid. Sie stellt deshalb ein völlig inakzeptables moralisches Unrecht dar.

Gemeinsamkeiten finden und verstärken (Hauptnennerprinzip)

Wer vegan lebt, lehnt Tierquälerei und -ausbeutung entscheiden ab. Wer nicht vegan lebt, gibt diese aktiv in Auftrag und bezahlt andere für die blutigen Taten, auch wenn dieser Zusammenhang vielen zu Beginn des Gesprächs nicht wirklich bewusst ist. Eine denkbar ungünstige Ausgangslage für ein zugewandtes, inspirierendes Gespräch. Je größer die Diskrepanz ist, zwischen dem, was andere tun oder denken und dem, was wir selbst für moralisch geboten erachten, umso hilfreicher ist es, eine gemeinsame Ausgangsposition zu suchen, über die Einigkeit besteht. Wenn es um das Thema Veganismus geht, ist eine solche Position, der auch die meisten Nichtveganer*innen durchaus zustimmen, beispielsweise: „Tiere empfinden Schmerz und Leid. Deshalb sollten wir ihnen nicht vorsätzlich vermeidbares Leid zufügen.“ Wenn dieser ‚Hauptnenner‘ benannt und von beiden Seiten als richtig bestätigt wurde, kann man sich im Gespräch immer wieder darauf beziehen. Einerseits, um die Logik der eigenen Argumentation zu untermauern. Andererseits, um die Inkonsistenz der Argumentation der anderen Seite zu hinterfragen.

Fragen lenken Denken

Anstatt ausführlich über die eigene Position des Veganismus zu referieren und diese mühselig gegen zig ‚Ja-aber-Reflexe‘ zu verteidigen, kann es klug sein, im Gespräch die ‚Beweislast‘ umzukehren. Wir können unser Gegenüber ’nötigen‘, die eigene Position des Nichtveganismus schlüssig zu begründen. Am einfachsten gelingt das, indem wir gezielt Fragen stellen.1 Wir bekommen dann zwangsläufig eine Reihe von Aussagen zu hören, die im Widerspruch zum ‚Hauptnenner‘ stehen, auf den man sich ja zuvor geeinigt hatte. Wir können dann jedesmal freundlich nachfragen und um Präzisierung bitten. Zum Beispiel: „Du stimmst zu, dass wir Tieren nicht vorsätzlich Leid zufügen dürfen. Gleichzeitig isst du Fleisch und Käse. Beides Produkte, die aber genau das erfordern. Wie passt das zusammen?“ Wenn wir diese Fragen neugierig stellen, ist die Chance, dass unser Gegenüber die eigene Widersprüchlichkeit erkennt, meist wesentlich größer, als wenn wir den Widerspruch als konfrontative Tatsachenfeststellung formulieren.

Leading from behind

Die durch die ‚Umkehr der Beweislast‘ erfolgte Verlagerung von Aktion und Reaktion können wir im weiteren Verlauf des Gesprächs beibehalten. Das heißt, wir überlassen unserem Gegenüber scheinbar die Führung und reagieren auf die Aussagen jeweils mit weiteren Vertiefungs- oder Verständnisfragen. ‚Leading from behind‘ nennen Kommunikationspsycholog*innen dieses effektive Prinzip. Wir schauen unserem Gegenüber dabei gewissermaßen von hinten über die Schulter. Wir nehmen die Welt also aus seiner Sicht wahr. Gleichzeitig sorgen wir aber durch unsere gezielten Fragen dafür, dass wir uns genau über die Aspekte unterhalten, die geeignet sind, die limitierenden Wahrnehmungen und Meinungen zu erschüttern.

Ich-Botschaften

Einen starken Trumpf, den fast alle Veganer*innen in Gesprächen zum Thema Tierrechte und Veganismus nutzen können, ist die eigene unvegane Vergangenheit. Wir kennen sowohl die vegane als auch die unvegane Welt aus eigener Erfahrung. Wir haben eine Menge persönlicher Geschichten zu erzählen.

Anstatt die andere Person für ihr Verhalten zu kritisieren, das wir selbst jahrelang gezeigt haben, können wir auch retrospektiv uns selbst kritisieren. Statt der Du-Botschaft ‚Dein Verhalten X ist nicht in Ordnung‘ lautet die Ich-Botschaft dann: ‚Früher habe ich X auch so gesehen/gemacht. Doch dann habe ich erfahren/recherchiert/verstanden …‘.

Ein Beispiel: Jemand rechtfertigt den Konsum tierlicher Produkte mit ‚artgerechter Haltung‘, ‚humaner Schlachtung‘, Bio-Siegeln oder dem Glück der Tiere. Anstatt ihn/sie als Heuchler*in anzuklagen, könnte ich sagen: „Ja, ich war auch lange Zeit der Meinung, es könne in Ordnung sein, Tiere zu essen, wenn sie bis zu ihrem Tod ein glückliches Leben hatten. Als ich mich dann näher mit dem Thema beschäftigt habe, war ich regelrecht entsetzt.“ Jetzt kann ich erzählen, wie lächerlich gering die Unterschiede zwischen konventioneller und Bio-Haltung bzw. -schlachtung sind. Ich kann einfließen lassen, wie jung die Opfer unabhängig von der Haltungsform zum Zeitpunkt ihres Todes sind (Es sind Kinder). Ich kann auch ausführen, wie absurd es mir heute erscheint, ausgerechnet das Leben glücklicher Lebewesen für meine trivialen Vorlieben auslöschen zu lassen.

Solche Ich-Botschaften entfalten allerdings nur dann ihre Wirkung, wenn sie absolut authentisch und ehrlich sind.

Verstärken, was bereits vegan funktioniert

Wie eingangs erwähnt, sollten wir uns zwar um eine maximale Wertschätzung unseres Gegenübers bemühen, dabei unsere Überzeugung, dass Tierausbeutung Unrecht ist, aber niemals ‚weichspülen‘ oder über Bord werfen.2 Das geht ganz einfach. Wir können alles, was die andere Person bereits im Sinne einer veganen Lebensweise tut, ausdrücklich anerkennen und verstärken. Umgekehrt sollten wir die erhoffte Absolution konsequent verweigern, wenn jemand stolz berichtet, immer weniger vom Falschen zu tun. Wenn jemand beispielsweise erzählt, mittlerweile nur noch an fünf Tagen Tierprodukte zu essen, sollte das Feedback nicht lauten: „Ich finde toll, dass du nur noch fünfmal die Woche Tiere isst“. Besser wäre die Rückmeldung: „Toll, dass du an zwei Tagen vegan lebst. Wie kann ich dich unterstützen, dass schon bald drei und noch mehr Tage daraus werden?“

Fazit

Der Erfolg unserer Kommunikation wird  bestimmt durch die Wahrnehmung des Empfängers bzw. der Empfängerin. Ob uns das gefällt oder nicht. Deshalb sollten wir unseren Gesprächspartner*innen jederzeit freundlich und neugierig gegenübertreten. Statt unsere ‚Wahrheit‘ zu dozieren, sollten wir dem jeweiligen Gegenüber durch gezielte Fragen oder durch Beispiele aus unserer eigenen Entwicklung helfen, die Notwendigkeit der eigenen Veränderung in sich selbst zu entdecken. Die meisten Menschen lehnen Tierquälerei ab. Sie denken also bereits vegan. Ziel der Überzeugungsarbeit sollte sein, dass unsere Mitmenschen genau das realisieren und den Wunsch entwickeln, die eigenen Werte endlich auch konsistent zu leben.

 

 

 

  1. Zum Thema Fragetechnik haben wir vor einiger Zeit bereits einen ausführlichen Artikel veröffentlicht: http://veganswer.de/fragen-lenken-denken/ []
  2. Der Frage, warum es wichtig ist, in der Ablehnung jeglicher Tierausbeutung klar zu bleiben, haben wir bereits einen längeren Artikel gewidmet. Am Beispiel der populären Forderung, man möge gerne weiterhin Käse essen, aber bitte aufhören Fleisch zu konsumieren, zeigen wir, dass eine solche ‚Absolution‘ beim Gegenüber zwar sehr gut ankommt, seine Entwicklung in Richtung Veganismus aber eher erschwert als begünstigt. http://veganswer.de/du-moechtest-vegan-leben-kannst-aber-nicht-auf-kaese-verzichten/ []

How to create a vegan world – oder: Der neue Geist des Veganismus [Buchrezension: Tobias Leenaert - How to create a vegan world: A pragmatic approach]

Der Veganismus hat in den letzten 10 Jahren eine unglaubliche Entwicklung hingelegt. Galt man früher als langhaariger, barfüßiger und Bäume umarmender Hippie, wenn man vegan lebte, so gilt man heute zwar immer noch als ein wenig wunderlich, wenn man vegan ist, aber man wird ernst genommen oder gar bekämpft und nicht mehr nur belächelt. Diskussionen über Veganismus oder Tierrechte füllen täglich die Zeitungen und die Kommentarspalten. Von dem Anstieg und der Verfügbarkeit veganer Produkte ganz zu schweigen.

Es ist klar, dass die Taktiken und Strategien, die vor 10, 20 oder 50 Jahren angewandt wurden, auf den Prüfstand müssen. Diesem Anspruch im Sinne einer Fundamentalkritik hat sich Tobias Leenaert in seinem Buch „How to create a vegan world: A pragmatic approach“ [Wie man eine vegane Welt schafft: Ein pragmatischer Ansatz] verpflichtet. Ausgehend von der Frage, wie wir effektiv sein können, ohne unser Ziel – das Beenden von menschengemachten Tierleid – aufzugeben, entwickelt Leenaert verschiedene Strategien und Kritiken an herkömmlichen Methoden und Kampagnen. Das Ziel, so wird Leenaert nicht müde am Anfang jedes Kapitels zu betonen, ist es, alle Menschen nach „Veganville“ zu bringen. Veganville, das ist eine Metapher für eine vegane Welt. Ganz oben auf dem Berg leben die Veganer*innen in einem Dorf. Sie sind wenige. Die meisten (Omnivor*innen) leben unten im Tal, manche dazwischen (Vegetarier*innen/Flexitarier*innen). Das Ziel ist es, die Menschen unterhalb davon zu überzeugen, auch in Veganville zu leben.

Auf dem Berg zu wohnen impliziert, auf andere herabzuschauen. Und das ist die (stillschweigende) Kritik, die das Buch durchzieht: Zu lange hätten Veganer*innen auf andere herabgeblickt, zu oft würden sie moralisieren und die „reine“ Lehre predigen. Da diese Taktik aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei, da immer noch der überwiegende Teil der Menschen nicht vegan lebe und der Markt an Alternativprodukten und veganen Angeboten hauptsächlich von „Reducern“ (also Menschen, die hin und wieder tierliche Produkte konsumieren) getragen werde, aber auch, da die Bewegung nicht mit anderen Bewegungen wie der Abschaffung der Sklaverei oder dem Feminismus gleichzusetzen sei (der Konsum tierlicher Produkte sei geschichtlich tiefer im Bewusstsein verankert und die Opfer könnten nicht für sich selber sprechen) sei ein „pragmatic approach“, eine pragmatische Herangehensweise, nötig.

In seiner Definition stützt sich Leenaert auf das Cambridge Essential English Dictionary: „Pragmatism is the quality of dealing with a problem in a manner that suits the conditions that really exist, rather than following fixed theories, ideas, or rules.“ [“Pragmatismus ist die Eigenschaft mit einem Problem in derjenigen Weise umzugehen, die den Bedingungen entspricht, die wirklich existieren, und nicht mit festen Theorien, Ideen oder Regeln.”] Er ergänzt: „Being pragmatic, then, is about reality rather than rules.” [“Pragmatisch zu sein bedeutet, sich mehr an der Realität zu orientieren als an Regeln.”] Dabei stellt er dem Pragmatismus Dogmatismus und Idealismus gegenüber, wobei er weder für einen puren Dogmatismus noch einen reinen Pragmatismus votiert, sondern für einen Weg der Mitte, der über den Pragmatismus führt.

Das Ziel ist damit gesetzt. Und in 5 weiteren Kapiteln führt Leenaert seinen pragmatic approach aus. Er arbeitet mit Statistiken, bringt eigene Argumente, geht aber auch vorwegnehmend auf Gegenargumente ein. Die Sprache ist einfach gehalten. Ein englisches Wörterbuch ist fast kaum nötig. Leenaert ergänzt seine Argumente oft durch Metaphern und Beispiele. An manchen Stellen soll es der gesunde Menschenverstand richten, ohne weitere Belege anzuführen. Die Abbildungen sind (fast schon erschreckend) einfach gehalten. Die Auswahl der Statistiken ist begrenzt, was weniger an Leenaert selbst liegt, sondern an der Tatsache, dass die vegane Bewegung relativ jung ist und entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen rar sind. Der Stil ist nicht aggressiv, sondern eher vorsichtig tappend, ohne dabei jedoch inhaltliche Ansprüche aufzugeben. Diese Ansprüche sind es auch, warum der Stil so entgegenkommend ist und Leenaert am Anfang den „benefit of the doubt“  haben möchte.

Tobias Leenaert, so könnte man polemisch sagen, ist der Richard David Precht der veganen Bewegung. Das klingt herabwürdigender, als es gemeint ist. Wie Precht auch, so schreibt Leenaert nicht für Gelehrte oder Menschen, die allzu tief in ein bestimmtes Thema eindringen möchten. Wie Precht auch, so verlangt Leenaert (zumindest) explizit nichts von den Menschen. Sie sollen selbst entscheiden (auch wenn er natürlich den pragmatischen Weg besser findet, was in der Natur der Sache liegt, wenn er solch ein Buch schreibt). Wie Precht auch, so steht Leenaert auf der Seite des Konsequentialismus und nicht auf der Seite einer deontologischen Ethik. Sind beim Konsequentialismus die Folgen einer Handlung entscheidend, so bei der deontologischen Ethik die Absichten.

Precht rechtfertigt seinen Nicht-Veganismus damit, dass er mehr Menschen ansprechen könne, wenn er hin und wieder Fleisch äße. Seine philosophischen Bücher sind ebenfalls darauf ausgelegt, möglichst viele Menschen zu erreichen, um ihnen philosophische Themen näherzubringen, wofür er in der wissenschaftlichen Philosophie (ob nun zu Recht oder zu Unrecht) belächelt wird. Leenaert hält es ebenfalls für besser, Menschen überhaupt zu erreichen, als sie zu verprellen. Das Ziel von Leenaert ist keine Fundamentalkritik an dem kapitalistischen System, in dem Tiere (und Menschen) zur Ware degradiert werden. Er argumentiert innerhalb des Systems und von den Konsequenzen her. Sein Ansatz ist also individualistisch: Gefordert sind einzelne und isolierte Handlungen – keine kollektiven Bewegungen-, die dann nach und nach zu Veränderungen in Wirtschaft und Politik führen. Diese Herangehensweise ist zumindest – einseitig. Es wird vollkommen ignoriert, wie sehr Politik und Wirtschaft (und auch die Medien) Einfluss auf das Konsumverhalten nehmen.

Ich stehe auf der Seite der deontologischen Ethik, aber ich kann den konsequentialistischen Ansatz verstehen. Wenn es um die Begründung geht, so halte ich weder die eine noch die andere Herangehensweise für besser oder schlechter begründet. Am Ende entscheiden sowieso die tatsächlichen Handlungen, und wenn jemand meint, es sei falsch, einen Menschen zu töten, um 5 zu retten (oder ein Tier, um 5 zu retten), so ist das ein Streit, der theoretisch ungelöst ist, aber praktisch tausendfach entschieden wird. Mit ihren Handlungen entscheiden die Menschen, auch die Aktivist*innen, auf welcher Seite sie stehen.

Leenaert selbst bringt drei Beispiele, um den Konsequentialismus stark zu machen.

  1. Jemand behauptet, er/sie würde das Dreifache an Fleisch essen, was er/sie sonst isst, wenn du dich vegan ernährt. Tust du es nicht, bleibt er/sie bei der ursprünglichen Menge.
  2. Würdest du für 100’000 Euro ein Steak essen? Stell dir vor, was du mit diesem Geld alles für die Tiere tun könntest!
  3. Im Zuge von Undercover-Recherchen müssen Veganer*innen in Ställe einbrechen, hilflos zusehen, wie Tiere getötet werden Tiere oder Fleisch essen, um nicht aufzufallen. Sind sie deswegen schlechte Veganer*innen?

Das ist natürlich manipulativ und suggestiv. Die deontologische Ethik geht einher mit der Autonomie des Individuums und der Verantwortlichkeit der Handlungen. Im ersten Fall ist also niemand anderes als die Fleisch essende Person verantwortlich für die Konsequenzen. Alles andere ist paternalistisch und anmaßend. Im zweiten Falle würde wohl niemand nein sagen. Aber unrealistische Szenarien beweisen nichts. Man könnte hier auch einfach „Steak essen“ mit „töte ein Tier, damit tausende gerettet werden“ und die Sache sähe schon ganz anders aus. Ganz abgesehen vn der Frage, wo denn die preisliche Grenze zu ziehen ist: Ein Schnitzel für 10’000 Euro? Ein Liter Milch für 1000 Euro? Ein Ei für 100 Euro? Der dritte Fall ist schon schwieriger. Da lautet die Opposition aber auch nicht Konsequentalismus oder deontologische Ethik, sondern die Frage ist, was das für ein System ist, in dem wir leben (ich komme darauf zurück). Ganz davon abgesehen, dass bei Stallrecherchen durchaus Tiere gerettet werden und man im Schlachthaus nicht die Möglichkeit hätte, das Töten der Tiere zu unterbinden – selbst wenn man das wollen würde.

Auch der Konsequentialismus lässt sich in seiner Logik zuspitzen und so ad absurdum führen. Was spricht noch dagegen, mit rechten und antiemanzipatorischen Bewegungen zusammenzuarbeiten? Immerhin werden so eventuell mehr Tiere gerettet! Sklavenhaltung ist im reinen Konsequentialismus ebenfalls nicht schlecht, wenn dadurch das Wohl von mehr Menschen gefördert wird. Weder eine rein deontologisch noch eine rein konsequentialistiche Ethik also werden den intuitiven Empfindungen noch den gesellschaftlichen Verhältnissen gerecht. Und doch drängt uns Leenaert dazu, konsequentialistisch zu sein. Es verwundert nicht, dass er auch für einen „95%-Veganismus“ plädiert, um Menschen nicht aus dem „Vegankreis“ auszuschließen. Ironischerweise zitiert er die ursprüngliche Definition des Veganismus, die auch heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren hat:
“Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – soweit wie praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden.”

Veganismus heißt also nicht, aus einem Selbstzweck tierliche Produkte zu vermeiden, sondern das Leiden von Tieren zu minimieren, soweit das möglich ist. Da kommen deontologische und konsequentialistische Elemente zusammen. Und wichtiger noch: Das Ideal von „100%“ ist eingebunden in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Veganismus ist also der Versuch, möglichst wenig Tiere töten und leiden zu lassen. Ein gewisser Spielraum ist in dieser Definition damit schon vorhanden. Was denn nun notwendig ist und wo Einschränkungen beginnen, die nicht mehr zu rechtfertigen sind, ist eine andere Frage, die kontextabhängig ist. Man kann sich darauf einigen, dass Fleisch, Milch- und Eiprodukte vollkommen vermeidbar sind, ebenso wie Leder, Wolle, Pelze, Zirkusse und Zoos. Ob geklärte Weine, Produkte mit 2%-Honiganteil, Medikamente o.Ä. darunter fallen, ist eine Frage, die nicht so einfach so beantworten ist. Niemand wird zum Nicht-Veganer, wenn sie alte Lederschuhe trägt oder ein Getränk mit der E-Nummer 120 trinkt. Von der Gleichsetzung “Konsum = alleinige Verantwortung” ganz zu schweigen.

Darum ist der Vergleich zur Religion auch passend. Christ oder Muslimin zu sein, bedeutet nicht, unfehlbar zu sein. Ebenso wie links zu sein nicht bedeutet, in den Handlungen „pur“ zu sein. Es bedeutet die Verpflichtung auf bestimmte Werte oder Glaubensinhalte. Der Veganismus ist da nicht anders. Und man sollte von den Einzelnen keine Reinheit verlangen, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse an sich durch und durch falsch und destruktiv sind.

Interessanterweise wird bei Leenaert nicht ganz klar, wo er die Grenzen zieht. Er spricht sich zwar klar für einen konsequentialistischen Ansatz aus, also dafür, möglichst viel Leid zu verhindern, aber er hat doch Prinzipien, an denen er festhalten möchte. So spricht er von Yvonne, die eine hypothetische Lasagne mit Ei zubereitet. Essen oder nicht essen, das ist Leenaerts Frage. Er würde die Lasagne essen, da er so mehr für die Tiere tun würde (da Yvonne dem Veganismus wohl abgeneigt wäre, wenn sie sich soviel Mühe gegeben hätte und wegen ein klein wenig Ei Leenaert die Lasagne nicht essen würde). Das Szenario ist nicht absurd. In der ein oder anderen Form kennen das die meisten Veganer*innen. Interessant ist nun die Konsequenz des Beispiels: Warum Halt machen bei Eiern? Was ist mit Milch oder Hackfleisch? Leenaert hat da keine Antwort, sondern spricht nur davon, dass das „absurd limits“ [absurde Grenzen] wären und er schon aus „physical disgust“ [körperlichem Ekel] keinen Käse essen würde.

Die ethische Gegenüberstellung zwischen Konsequentialismus und deontologischer Ethik ist nicht neu. Jede soziale Bewegung, je größer sie wird, kennt den Streit zwischen Pragmatist*innen und Idealist*innen. Auch in der Politik besteht die Diskrepanz zwischen Fundamentalopposition (Theorie) und pragmatischem Regierungshandeln (Praxis). Die Grünen starteten als Partei, die fundamentale gesellschaftliche und politische Werte in Frage stellte. Der Widerstand war entsprechend groß. 1998 waren sie dann an der Regierung beteiligt und haben heute keine Probleme mehr damit, mit der Union zu koalieren. SPD, Grüne, CDU/CSU, FDP und auf Landesebene auch die Linke: Sie alle sind bereit, einen Teil ihrer Überzeugungen aufzugeben, um regieren und damit überhaupt etwas verändern zu können. Und je weiter verbreiteter der Veganismus wird, desto mehr wird eine pragmatische Herangehensweise zunehmen. Lieber wenig(er) als nichts, so die Idee des neuen Geistes des Veganismus. (Es muss an dieser Stelle offen bleiben, ob ein Festhalten an Grundidealen „nichts“ erreicht.)

Auf seiner Facebooksseite tritt Leenaert deutlich entschiedener auf als in seinem Buch und macht keinen Hehl daraus, dass er den Begriff des Veganismus verschieben möchte.

Ebenfalls wird deutlich, dass er seinen Ansatz für besser hält und für die herkömmlichen Methoden und Inhalte nur Verachtung übrig hat.

 

Nach fast 10 Jahren Verdruss hat sich für mich das Moralisieren als nicht zielführend herausgestellt. Und es reicht ja schon, überhaupt auf die Zustände der Massentierhaltung hinzuweisen, um als „moralisierend“ zu gelten. Den meisten Menschen ist das Tierleid egal oder zumindest nicht so wichtig, als dass sie dafür ihr Verhalten ändern würden. Und die Gründe dafür sind bekannt. Leenaert geht auf die Konformität und den Karnismus ein. Aber das greift zu kurz, da es nur die psychologische und individuelle, nicht aber die strukturelle Ebene beleuchtet.

Ob uns das gefällt oder nicht, andere Herangehensweisen sind geboten, und wenn diese über Gesundheit, Umwelt oder Klima führen, mag das nicht unsere Motivation sein, ist aber aus strategischer Sicht anzuerkennen. Zwar bin ich der Auffassung, dass eben die mangelnde Motivation dazu führt, dass viele Veganer*innen und Vegetarier*innen wieder rückfällig werden (Leenaert geht auch auf das Argument ein, ohne es allerdings entkräften zu können), aber auch hier handelt es sich um eine These, die bewiesen werden müsste. Ebenso wie ich nicht belegen kann, dass es schlecht ist, Menschen dafür zu loben, wenn sie nur an drei Tagen pro Woche Fleisch essen, weil sie dann keine Motivation mehr haben, weiter zu gehen. Wenn man etwas weniger Schlechtes als gut empfindet, hat man ein definitorisches Problem. Die Menschen fühlen sich besser und gut, wenn sie etwas tun, das im Vergleich eigentlich nur weniger schlecht ist. Da es Massentierhaltung gibt, halten sich einige für gut, wenn sie Biofleisch kaufen. Aber Biofleisch ist nicht gut, sondern nur weniger schlecht als Fleisch aus Massentierhaltung (aus der 98% alles Fleisch stammt).

Zugegeben, die Strategien sind nicht welterschütternd. Im Grunde geht es darum, kein Arschloch zu sein, Menschen zuzuhören und sie abzuholen, wo sie stehen und wohin zu gehen sie bereit sind. Viel wichtiger sind die Implikationen und die Richtungsverschiebung in Bezug auf den Veganismus, aber auch der Bezug zur Gesellschaft insgesamt, die in dem Buch enthalten sind. Vielen Veganer*innen wird nicht gefallen, was Leenaert schreibt. Sie werden es als Aufgabe des Veganismus betrachten, wenn dieser nicht (hauptsächlich) ethisch fundiert ist und wenn man kleine Schritte lobt. Aber das würde bedeuten, die normative (wertende) mit der deskriptiven (beschreibenden) Ebene zu verwechseln. Man kann kaum Leenaert dafür verantwortlich machen, dass ethische Argumente eine eingeschränkte Wirkung besitzen, dass Menschen Konventionen und Traditionen über das Wohl von Tieren stellen, dass Klima- und Gesundheitsargumente gleichgewichtig neben ethischen stehen oder dass Menschen davon eingeschüchtert sind, wo alles tierliche Produkte enthalten sind.

Die Ablehnung sollte sich also weniger auf Leenaert und den neuen Geist des Veganismus richten, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Leenaert widmet zwar ein Kapitel den institutionellen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, aber eine Kapitalismuskritik fehlt komplett (was auch sein oberflächlicher Gebrauch des Wortes „Ideologie“ beweist). Wenn Leenaert appelliert, den Schulterschluss mit anderen Bewegungen zu suchen, so wäre eine kapitalismuskritische Bewegung naheliegend. Es ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechen (neo-)liberale Ideologie, in deren Zuge Menschen und Tiere zu Waren degradiert werden. Ohne Kritik des Kapitalismus keine Kritik des Tierverhältnisses. Und wer vom Kapitalismus nicht reden möchte, der sollte vom Veganismus schweigen.

Auch Leenaert steht in dieser individualistischen und neoliberalen Tradition. Wenn Leenaerts Buch eine Jobausschreibung wäre, würde sie so lauten: „Bist du jung, dynamisch kreativ, teamfähig und hast Lust, täglich neue Menschen kennenzulernen? Dann bewirb dich jetzt auf unsere Stelle!“ Alles muss vermessen werden. Alles muss statistisch untermauert sein. Leenaert leugnet zwar, dass es darum ginge, Menschen zu manipulieren, aber man wird diesen Eindruck nicht los, wenn er, sich auf Dale Carnegie stützend, „Techniken“ und „Methoden“ darlegt, wie man Menschen erreichen kann. Er zitiert auch William James, einen der Begründer des Pragmatismus, der schreibt: „What is the truth’s cash value?“. Wahrheit wird eine Frage des Geldwerts. Besser wäre eine Veränderung der konkreten Praxis hin zu einer empathischeren Welt. Karl Marx wollte auch eine Praxis der Philosophie. Aber diese sollte gesellschaftsverändernd sein. Die Praxis der Pragmatist*innen und Leenaerts dagegen ist konformistisch und duckmäuserisch. Lasst uns also nicht pragmatisch und effektiv sein, sondern fundamentalkritisch. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung

 

Veganismus ist eine Wohlstandserscheinung. Da essen sie ihre Tofuwürste, während andere Menschen froh wären, überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Selbstgefällig denken sie die Welt zu retten, weil sie keine Eier und keine Milch mehr essen, obwohl Oma damals nach dem Krieg hungern musste. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Und es ist nichts anderes als Dekadenz, sich derart über das Essen zu definieren.

Wisst ihr, was noch eine Wohlstandserscheinung ist? Hartz IV. In anderen Ländern gibt es nicht mal ein Grundsicherungssystem. Und die Trennung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Zugang zu medizinischer Versorgung zu haben. Oder die Diskussionen über Mietpreise. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt eine Unterkunft zu haben. Und Niedriglöhne. In anderen Ländern wären die Menschen froh, überhaupt Arbeit zu haben.

Wer bestimmte Phänomene zu „Wohlstandserscheinungen“ erklärt, der stellt nicht nur fest. Vielmehr geht es um eine wertende Aussage. „Das ist nur in einer Wohlstandsgesellschaft möglich. Das hat keine Berechtigung.“ Weil es immer noch schlimmer geht, darf man das weniger Schlimme gar nicht diskutieren.

Veganismus ist ein Wohlstandsphänomen. Sich Nahrung aussuchen zu dürfen, ist ein Privileg. Und ich stimme dem zu. Mir keine Sorgen machen zu müssen um meine Nahrung, auswählen zu können zwischen tausenden Nahrungsmitteln – das ist ein Privileg. Aber wisst ihr, was noch ein Privileg ist? Jeden Tag Fleisch essen zu dürfen. Jeden Tag wählen zu können zwischen Wurst und Fleisch vom Schwein, vom Rind, vom Huhn, vom Fisch, vom Lamm. Jeden Tag Käse, Eier und Milch konsumieren zu können, ebenso wie Lederprodukte, Wolle und Pelz. Und die Dekadenz steigert sich, wenn man wählen kann zwischen Brust, Nacken, Bauch, Rücken, Bein und Schulter. Während die Schlachtabfälle für Westafrika gerade gut genug sind.

Der Wohlstand der Nationen erhebt sich nicht auf pflanzlicher Nahrung. Er erhebt sich auf den Leichenbergen von Milliarden Tieren, deren Körperteile in jeglicher Form verarbeitet wurden und werden. Zivilisationen und Kulturen wachsen in dem Grade, Tiere in jeglicher Gestalt zu verwerten. Aber ist das ein ethisches Argument? Die Pyramiden wären niemals ohne Sklavenarbeit erbaut worden. Die kapitalistische Produktion hätte ihren Wohlstand niemals ohne Frauen- und Kinderarbeit erreicht. Der transatlantische Sklavenhandel hat immense Reichtümer geschaffen. Ist das denn ein Argument für Unterjochung und Gewalt, für Sklaverei, Patriarchat und Kinderarbeit?

Manche können sich die Geschichte ohne die Unterjochung von Schwarzen, Versklavten und Frauen vorstellen. Aber sie können sich nicht vorstellen, keine Tiere mehr zu nutzen. Wer zugibt, dass Schwarze, Frauen und Versklavte unterjocht wurden und das Teil unserer Geschichte ist, und proklamiert, dass das heute nicht mehr sein muss, der muss auch zugeben, dass die Geschichte ohne die Nutzung von Tieren nicht zu schreiben ist, aber in Bezug auf die Zukunft so geschrieben werden kann.

Wer sich eine Welt ohne Versklavte und die Unterdrückung von Schwarzen und Frauen vorstellen kann, nicht aber ohne die Nutzung von Tieren, der offenbart nicht nur grundlegende geschichtliche Unkenntnis, sondern auch einen Mangel an Vorstellungsvermögen. Da wird auf tierlichen Dünger verwiesen, ohne den die Landwirtschaft nicht funktionieren könne, ohne zu erkennen, dass das einfach das Ergebnis von hunderten von Jahren Tiernutzung ist, die sich in unseren Institutionen, in unseren Praktiken und auch in unserem Denken festgesetzt hat. Man kann sich derzeit auch keine Welt ohne Kapitalismus vorstellen – aber ist das denn ein Argument? Man konnte sich auch mal eine Welt ohne Sklaverei nicht vorstellen – denn die ökonomischen Vorteile lagen für einige klar auf der Hand. Eine Welt ohne Sklaverei aber ist möglich, ebenso wie eine Welt ohne die Nutzung von Tieren. Es bedarf dazu nur ein wenig guten Willens, um den Blickwinkel, dass Tiere per se minderwertig und Produktionsmittel und Waren sind, zu ändern. Der Verweis auf entfernte Regionen, die heute noch auf die Nutzung von Tieren angewiesen sind, ist nichts anderes als ein Hohn und eine fadenscheinige Verlagerung der Argumentation. Was hat die Tierhaltung in Indien oder Argentinien damit zu tun, wie Tiere bei uns behandelt werden? Hier werden andere Menschen nur wieder instrumentalisiert, um hemmungslosen Fleischkonsum zu rechtfertigen.

Es ist an Zynismus nicht zu überbieten. Wer den Veganismus eine Wohlstandserscheinung schimpft, ist meistens auch von jenem Schlage, zu konstatieren, dass der Mensch stets dem Tier zu bevorzugen sei. Und zwar vor dem Hintergrund, sich weder um Menschen noch um Tiere zu scheren, sondern Menschen nur deswegen hoch zu bewerten, um Tiere damit abwerten zu können.

Wer also in unseren Breitengraden tierliche Produkte konsumiert, zwischen Leder und Pelz wählen kann, die Vorteile des Gesundheitssystems in Anspruch nimmt, eine Renten- und Arbeitslosenversicherung hat, in den Urlaub gehen und für seine Rechte eintreten kann – derjenige hat das Recht verwirkt, den Veganismus als Wohlstandserscheinung zu diskreditieren.

Denkt denn nicht mal jemand an die Kinder?

 

„Wenn Veganer*innen ihre Ideologie für sich selbst leben, ist das in Ordnung. Aber wehe, sie zwingen ihre Essstörung auch noch ihren Kindern auf!“ Wenn die Argumentation dem Veganismus im Allgemeinen gegenüber schon ziemlich schlecht ist, dann versagt sie in Bezug auf vegane Kindererziehung vollends. Eine sachliche Auseinandersetzung scheint nicht mehr möglich zu sein. Die Münder schäumen über. Von Kindesmisshandlung ist die Rede, davon, das Jugendamt einzuschalten. Wie kann man Kindern schließlich das Recht vorenthalten, tierliche Produkte zu essen? Sie können sich ja später immer noch dagegen entscheiden.

Es ist der Trick einer gesellschaftlich anerkannten Ideologie, dass sie sich nicht als solche durchschaut. Ideologisch, das sind immer nur die anderen, nie man selbst. Insofern Ideologie bedeutet, bestimmte Werte zu vermitteln, ist dagegen jede Erziehung ideologisch. Man vermittelt Kindern die eigenen Werte und diese Werte prägen die Kinder. In diesem Sinne ist eine Erziehung mit der Auffassung, man dürfe Tiere und deren Produkte essen, (auch bekannt als Speziesismus) nicht weniger ideologisch als eine vegane.

Der Vorwurf, Kinder sollten später selbst über ihre Ernährung entscheiden, vernachlässigt die frühkindliche Prägung und die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Speziesismus. In Bezug auf den Konsum von Fleisch bedeutet das, dass von einer „freien“ Entscheidung gar nicht mehr die Rede sein kann, wenn ein Kind 12, 14 oder 18 Jahre Fleisch, Milch und Eier gegessen hat. Das Kind hat den Geschmack schon im Mutterleib aufgenommen und entwickelt die entsprechenden Geschmacksnerven und die entsprechende Prägung auf tierliche Nahrung. Das ist auch ein Grund, warum es absurd ist, Kuhmilch und Sojamilch oder Schweineschnitzel und Tofu in späteren Jahren geschmacklich gegenüberzustellen, als wäre man nicht von klein durch den Geschmack von Kuhmilch und Schweinefleisch geprägt worden.

Aber auch die sozialen Voraussetzungen sind gebunden an tierliche Nahrung. Welches Kind ist in seiner Entscheidung frei, wenn die meisten anderen Kinder Fleisch essen? Welches Kind verspürt nicht den Gruppenzwang, wenn im Kindergarten, in der Schule oder im Sportverein alle um es herum tierliche Produkte konsumieren? Wo ist die geforderte Neutralität, wenn auf Kindergeburtstagen ein Besuch bei McDonald‘s oder Burger King dazu gehört?

Wenn das Entscheidungsrecht der Kinder so hochgehalten wird – warum klärt man Kinder nicht entsprechend auf? Welche Eltern berichten den Kindern denn von den Zuständen in den Schlachtanlagen oder nehmen sie gar in einen solchen Betrieb mit? Kann das Ausbleiben dessen eventuell daran liegen, dass es auf Kinder verstörend wirken könnte? Hier zeigt sich wieder einmal, dass zwischen dem Recht, zu essen was man möchte, und der notwendigen Schlachtung eines Tieres eine Kluft liegt, die meistens versucht wird zu umgehen, indem man die Zustände der Massentierhaltung einfach leugnet oder zu fadenscheinigen Begründungen greift („Es ist halt natürlich“). Die Entscheidung eines Kindes ist nicht „frei“, wenn ihm wesentliche Fakten vorenthalten oder diese Fakten beschönigt werden.

„Also ich war bei einer Schlachtung dabei, und es war wirklich nicht so toll, aber nachhaltig geschadet hat es mir nicht“, hört man manchmal Erwachsene sagen, die noch in kleinbäuerlichen Betrieben groß geworden sind oder im Rahmen einer solchen an einer Schlachtung teilgenommen haben. Mal davon abgesehen, dass diese Art der Haltung und Schlachtung im Gesamtkontext der Fleischerzeugung kaum Relevanz besitzt, da 98% alles konsumierten Fleisches aus der Massentierhaltung stammt, offenbart sie doch ein merkwürdiges Verständnis von Erziehung. Muss etwas denn nachhaltig schaden, um als schlecht angesehen zu werden? Und besteht eine der Leistungen des menschlichen Unterbewusstseins nicht gerade darin, schlimme Dinge im Nachhinein positiver darzustellen oder zu verdrängen? Schadet es einem Kind nachhaltig, mal einen Klaps auf den Hintern zu erhalten? Oder eine Zigarette zu rauchen? Nein. Falsch ist es trotzdem.

Kinder an einer Schlachtung teilhaben zu lassen bedeutet nichts anderes, als Kinder mit Gewalt zu erziehen. Und eine friedvolle und menschliche Gesellschaft kann nicht durch Gewalt erreicht werden. Es findet eine geradezu groteske Verkehrung von geforderter Menschlichkeit statt, wenn man die frühkindlichen Gewalterfahrungen an Tieren als normal und damit gut zu legitimieren versucht, aber jene, die jegliche Gewalt gegenüber empfindungsfähigen Tieren ablehnen, ins gesellschaftliche Abseits drängen und ihnen die Legitimität absprechen möchte.

Zu behaupten, Kinder könnten später selber entscheiden, ist so sinnvoll, wie Kinder religiös zu erziehen und dann zu sagen, sie könnten sich später ja für oder gegen Gott (welchen auch immer) entscheiden. Nach zum Teil jahrzehntelanger Prägung ist es freilich absurd, von einer freien Entscheidung zu sprechen. Wenn Arthur Schopenhauer schreibt: „Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein“, so gilt das nicht weniger für eine speziesistische Erziehung.

Doch wie weit reicht die Ideologie des Speziesismus? Der Autor des Artikels erinnert sich noch gut genug daran, in der Schule Milchgeld bezahlt und tierliche Speisen wegen fehlender Alternativen und allgemeiner Konformität gegessen zu haben. Ebenso erinnert er sich daran, an schulischen oder vereinssportlichen Grillfesten (bei denen selbstverständlich Körperteile von Tieren gegessen wurden) teilgenommen zu haben. Aber auch in der Schule war die Sezierung eines Fischs ein ganz normaler Bestandteil des Biologieunterrichts, ebenso wie das Einreiben eines Blattes Papier mit tierlicher Wurst, um Eigenschaften von Fetten herauszufinden. Was ist das, wenn nicht Ideologie? Dass (die meisten) Tiere minderwertig sind, ist eine unhinterfragte Voraussetzung in der Institution Schule.

Schauen wir uns ein paar Beispiele an, wie Kinder und Jugendliche mit der speziesistischen Ideologie erzogen werden. Besonders in der Mathematik ist die Einbindung von Tieren zur Flächen- und Volumenbestimmung, aber auch für die Prozentrechnung sehr beliebt.

 

Ein Löwe in seinem natürlichen Habitat.
Auf einem Betonboden artgerecht gehaltene Ferkel. Niedlich, oder?

Englischabschlussprüfung, 10. Klasse Realschule.
Für die Übersetzung siehe Artikelende [1].

Die Musterlösung zu der Prüfung.
Für die Übersetzung siehe Artikelende [2].
Besonders Punkt d) ist interessant. Hier haben wir Ideologie par Excellence: Der Verzehr von Fleisch ist „natürlich“, also automatisch gut. Löwen fressen Antilopen auch. Interessant ist die Nutzung des Wortes „Nonsense“. In den Antworten davor steht nur „yes“ oder „I don’t think so“. „Nonsene“ dagegen ist eine gesteigerte emotionale Bewertung. Weil man weiß, wie schlecht die Antwort begründet ist, muss man auf emotionale Aussagen zurückgreifen, um sich selbst zu bestärken.
Nicht nur für die Jagd, sondern auch für die Mathematik scheint zu gelten: Gewaltfreie Lösungsansätze erscheinen in diesem Szenario buchstäblich undenkbar.
Wie viel vom Rind darf’s denn sein? Vielleicht noch eine Bärchenwurst für die Kleine?

 

Die Schule ist nur ein Beispiel für Institutionen, die die Minderwertigkeit von Tieren vermitteln. Es beginnt im Mutterleib, wenn das Kind durch die Ernährung der Mutter geprägt wird. Es geht weiter mit einer Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter, wenn die Mutter nicht mehr die Nahrungslieferantin ist, sondern auf Milch bzw. eine allgemein omnivore Ernährung umgestiegen wird, gerne auch mit entsprechender Beeinflussung der Kind durch Verniedlichungen wie Bärchen-Wurst, die von der netten Frau am Tresen  gereicht wird. Es geht weiter damit, dass Kinder in der Grippe und im Kindergarten ebenfalls omnivor ernährt werden. Der Besuch von Zoos und Zirkussen, Grillfeste, Schulessen, das Halten von Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen und Hunden, Fernsehwerbung – von morgens bis abends sind Kinder der speziesistischen Ideologie ausgesetzt. Und aus speziesistischen Kindern werden speziesistische Erwachsene.

Doch davon abgesehen, dass es bei Diskussionen über Veganismus nicht nur um die Ernährung geht, sondern darum, Kindern grundlegend Respekt gegenüber Tieren zu vermitteln, was sich auf die Kleidung, die Jagd, Tierversuche, Zoos, Zirkusse und die Heimtierhaltung auswirkt – ist eine vegane Ernährung überhaupt gesund? Schlagen nicht Ärzte Alarm und kommen nicht ständig neue Berichte, wie schädlich eine vegane Ernährung ist? [3]

Ärztinnen selbst sind im Rahmen speziesistischer Institutionen groß geworden. Sie betrachten die Frage nach tierlichen Produkten daher von vornherein aus derjenigen Perspektive, dass es in Ordnung und notwendig ist, tierliche Produkte zu konsumieren. Die Ausbildung an den Universitäten räumt der Ernährung keinen großen Platz ein, und selbst diese Vermittlung ernährungsphysiologischer Kenntnisse findet innerhalb des Rahmens statt, dass tierliche Produkte Bestandteil einer „ausgewogenen Ernährung“ seien.

Aber auch wenn man davon ausginge, dass immer mehr vegan ernährte Kinder beim Arzt vorstellig würden, ließe sich das leicht erklären. Es leben immer mehr Menschen vegan. Es ist nur logisch, dass diese Menschen auch mal krank werden, Kinder sowieso, und dann zur Ärztin gehen. Man müsste vielmehr beweisen, dass Veganer*innen überproportional krank werden und dass dies an ihrer Ernährung liegt (und dass diese dazu noch ausgewogen gewesen ist). Aber wir sollten natürlich nicht vergessen: Wenn eine omnivore Person krank wird, dann wird sie einfach krank. Wenn dagegen eine vegane Person krank wird, dann wird sie krank, weil sie vegan lebt.

Was ist mit den etlichen Berichten veganer Mangelernährung? Diese etlichen Berichte gibt es nicht. Vielmehr tauchen jedes Jahr ein, zwei Artikel nachlässiger Ernährung von Kindern auf, die mit Veganismus so gut wie nichts zu tun haben. Meistens vernachlässigten die Eltern die Kinder grob, so dass von einer ausgewogenen veganen Ernährung nicht die Rede sein kann. Erst recht, wenn andere Überzeugungen der Eltern, wie die Ablehnung der konventionellen Medizin, hinzu kamen. Ein Kind mit Wasser und Brot zu ernähren ist vegan, aber nicht ausgewogen. Da die größere Menge die kleinere Menge enthält, ist es aber auch omnivor, Kinder mit Wasser und Brot zu ernähren. Dennoch werden die Fälle auf eine vegane Ernährung reduziert. Dagegen blieben die Proteste aus, als bekannt wurde, dass ein Kind ohne Obst und Gemüse fast blind geworden wäre. Nach omnivorer Logik müsste die Schlussfolgerung lauten: Eine omnivore Ernährung schadet Kindern!

Dass man sich an diesen extremen Fällen hochzieht, beweist nur, dass es nicht möglich ist, eine flächendeckende Mangelernährung vegan lebender Kinder nachzuweisen. Davon abgesehen ist es durch und durch anmaßend, Eltern vegan lebender Kinder zu unterstellen, sie würden sich nicht um das Wohl ihrer Kinder sorgen. Denn nichts anderes behaupten jene, die vegan lebenden Eltern am liebsten die Kinder wegnehmen würden. Dabei ist das Gegenteil der Fall – vegane Eltern wissen meistens besser über die ernährungsphysiologischen Bedürfnisse ihrer Kinder Bescheid als omnivor lebende Eltern. Wenn Kinder mit Cola, Gummibärchen und Big Mac oder täglicher Bärchenwurst, Kuhmilch und gesüßten Frühstücksflocken erzogen werden und in der Schule dann genussvoll in die Wurst- oder Nutellasemmel beißen, bleibt die Empörung jedoch aus. Denn das ist ja normal. Und was normal ist, muss richtig sein.

 



1 a) Wilde Tiere in einem Zoo zu beobachten kann ziemlich bedrückend sein. b) Tiere in einem Zirkuss haben es schwer dabei, dich zu unterhalten. c) Experimente an Tieren sollten Verboten werden. d) Nur Vegetarier lieben Tiere wirklich. zurück


2 a) Ja, das stimmt. Besonders in Bezug auf Tiere, die viel Platz benötigen. Wenn du einen Tiger in einem kleinen Käfig umherlaufen siehst, kann das sehr bedrückend sein. b) Ich denke nicht. Viele Tiere liebe es, Kunststücke zu vollführen, besonders, wenn sie danach eine Belohnung erhalten. Oftmals werden ihnen Dinge beigebracht, die sie auch in ihrem normalen Leben tun würden. c) Ich stimme der Aussage zu. Die Industrie nutzt oft Tiere, um die Wirkung bestimmter Substanzen herauszufinden. Aber wenn du die Tiere in ihren kleinen Käfigen leiden siehst, kann dich das sehr wütend machen. d) Das ist Unsinn. Du kannst dich um Tiere kümmern und gleichzeitig Fleisch essen. Wenn du dir die Tierwelt anschaust, ist Fleischessen nur natürlich. zurück


3 Die Academy of Nutrition and Dietetics schreibt dazu: “It is the position of the Academy of Nutrition and Dietetics that appropriately planned vegetarian, including vegan, diets are healthful, nutritionally adequate, and may provide health benefits for the prevention and treatment of certain diseases. These diets are appropriate for all stages of the life cycle, including pregnancy, lactation, infancy, childhood, adolescence, older adulthood, and for athletes.” https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27886704 zurück

Warum Veganer nerven und Argumente (alleine) nicht ausreichen

 

Es kommt oft vor, dass Veganer*innen in Diskussionen über den Veganismus verwickelt werden. Besonders dann, wenn sie eigentlich einen angenehmen Abend verbringen oder in Ruhe ihr Gemüseschnitzel essen möchten. Aber da vegan lebende Menschen am Austausch von Fakten und Argumenten interessiert sind, lassen sie sich auf eine Diskussion ein. Ruhig und sachlich legen sie ihre Sichtweise dar und antworten auf Argumente. Sie erklären dann, dass es nicht um Ernährung alleine geht, dass das Soja, für das Regenwald vernichtet wird, nicht für Veganer*innen angebaut wird, sondern für die Tiermast. Aber auch, dass aus der Tatsache, dass der Mensch Fleisch essen kann, nicht folgt, dass er Fleisch essen muss oder dass, wenn Pflanzen tatsächlich Schmerzen empfinden können, man erst recht vegan leben müsste, da ein Vielfaches an Pflanzen für tierliche Nahrung verbraucht wird.

Die Diskussionen können sich stundenlang hinziehen. Und am Ende stimmen die meisten dann zu, dass es schon richtig ist, was Veganer*innen machen. Aber ziehen diese Menschen die entsprechenden Konsequenzen? Oder wirken die Argumente später noch nach? Davon ist nicht auszugehen. Aus einem einfachen Grund: Argumente alleine entscheiden nicht darüber, ob jemand sein Verhalten ändert oder nicht, ob jemand vegan wird oder nicht.

Es ist nicht so, dass Menschen speziesistisch auf die Welt kommen. Sie werden zu Speziesist*innen gemacht. Die gelebte Praxis geht dem Nachdenken über diese Praxis voraus. Es ist also nicht so, dass Menschen die Gründe abwägen, ob es okay ist, Fleisch zu essen, Leder zu tragen und in Zoos zu gehen. Sondern Menschen essen Fleisch, tragen Leder und gehen in Zoos und wägen dann erst ab – wenn überhaupt , ob dieses Verhalten in Ordnung ist.

Man lebt also in den gesellschaftlichen Institutionen der Familie, der Schule, der Arbeit, des Freundeskreises und hinterfragt zum Teil jahrzehntelang das eigene Verhalten nicht. Und man verbindet schöne Momente und Erinnerungen mit dem Speziesismus. Der Braten bei Oma, der Zoobesuch in der Schule, das Grillfest mit Freunden, der Restaurantbesuch mit der Familie usw.

Das bedeutet aber auch, dass man in der Entscheidung darüber, ob es in Ordnung ist, Tiere zu halten, zu nutzen und zu töten, immer schon stark beeinflusst ist. Menschen entwickeln Werte nicht in einem Vakuum. Menschen haben immer schon bestimmte Erfahrungen gemacht und sind in gesellschaftliche Verhältnisse eingebunden, die diese Werte beeinflussen.

Wir leben in Zeiten des Individualismus. Alle wollen „einzigartig“ sein. Aber diese Einzigartigkeit ist ein Mythos, da sie Individualität nur innerhalb bestimmter Grenzen erlaubt. Wer über die wohlbehütete „Mitte“ und bestimmte gesellschaftliche Normen hinausgeht, wird schnell geächtet. Im Grunde sind die Menschen nach wie vor Herdentiere, und das ist verständlich. Evolutionär betrachtet ergibt es Sinn, sich der Gruppe unterzuordnen und einer Mehrheit angehören zu wollen, denn diese Unterordnung und diese Zugehörigkeit bieten Schutz. Es ist nur folgend, Abweichungen und Infragestellungen zu bestrafen, wenn der Zusammenhalt der Gruppe gefährdet wird.

Natürlich sind die erworbenen Werte niemals eindeutig. Es ist nicht so, dass Menschen so erzogen würden, dass Tiere immer und überall minderwertig und ihre Bedürfnisse nebensächlich sind. Im Gegenteil. „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz!“ Die gelebten und anerzogenen Werte stehen also auch im Widerspruch zueinander. Das Essen tierlicher Produkte ist richtig und notwendig, aber gleichzeitig ist es falsch, Tiere unnötig zu quälen. Man will also tierliche Produkte essen, aber auch nicht teilhaben an unnötigem Tierleid.

Und dann gibt es bestimmte Strategien, damit umzugehen. Man kann zum Beispiel den Begriff des „unnötigen“ Leidenlassens so umdefinieren, dass Fleisch einfach als notwendig erachtet wird. Man kann sich aber auch einreden, dass man eh nur ganz wenig Fleisch isst, und wenn, dann vom Metzger des Vertrauens. Oder man leugnet einfach, dass es den Tieren in den Massenanlagen wirklich schlecht geht. Hilft das nicht, dann spricht man von (vermeintlicher) Natürlichkeit und Normalität.

Da trifft die vegane Person einen Nerv. Ihre bloße Anwesenheit wird als Angriff gewertet. Sie zeigt, dass es geht, dass man ohne tierliche Produkte leben kann. Und damit wanken das Selbstbild und die Identität. Traditionen und positive Erfahrungen werden in Frage gestellt. Was erwartet man also, wenn man die Menschen in ihren tiefsten Überzeugungen und ihrem Alltag „angreift“? Natürlich sagen sie nicht: „Danke, du hast mir die Augen geöffnet!“ Nein, sie werden sich verteidigen, weil ihr Selbstbild auf dem Spiel steht, weil bestimmte positive Erlebnisse kritisch betrachtet werden, weil ihre Gruppenzugehörigkeit in Frage steht. Und der Widerstand wird noch heftiger, wenn Menschen ökonomisch von der Tiernutzung abhängig sind. Da steht dann die gesamte Existenz auf dem Spiel. Und es ist bekannt, dass es schwer ist, jemandem etwas verständlich machen zu wollen, wenn seine ganze Existenz darauf gründet, es nicht zu verstehen.

Veganer stellen bestimmte Werte und Handlungen grundsätzlich in Frage. Und das führt natürlich zu Ablehnung. Die Ideologie des Speziesismus wirkt deshalb so stark, weil sie identitätsstiftend ist, weil sie es erlaubt, Widersprüche zu umgehen. Man kann weiterhin Omas Braten essen, auf Grillfesten Steak braten oder in der tiernutzenden Landwirtschaft arbeiten und sich trotzdem für eine tierliebe Person halten. Aber die Argumente zählen nicht, wenn sie erstens leicht zu widerlegen sind (es ist nicht notwendig, Fleisch zu essen, und aus der Tatsache, dass es normal und natürlich ist, Fleisch zu essen, folgt nicht, dass es gut ist und gemacht werden sollte) und wenn es zweitens eigentlich nur darum geht, bestimmte Verhaltensweisen aufrecht zu erhalten wollen. Und es hilft Veganer*innen zu verstehen, dass, wenn jemand nicht mit Argumenten zu einer Auffassung gekommen ist, er/sie auch nur schwer durch Argumente davon abzubringen ist.

Bevor man sich also über Veganer*innen lustig macht, sollte man versuchen, die eigenen Widersprüche zu minimieren.

Besser geht immer Killerphrasen sind das Ende jeder fruchtbaren Unterhaltung


Es ist so:
Der Versuch ethisch zu leben ist anstrengend.
Aber eigentlich nicht, weil es im Alltag so schwierig ist. Das ist alles machbar.
Was wirklich schwierig ist, sind die Leute um einen herum.

Nehmen wir das Beispiel Vegan.
Man kann vegan auf eine rein pflanzliche Ernährung reduzieren.
Muss man aber nicht.
Ich habe schon die wildesten Interpretationen zur Definition von Donald Watson gelesen.
Zum Beispiel, dass Gelatine o. k. wäre für Veganer*innen, da diese ja nur ein Abfallprodukt der Fleischindustrie sei.
Seriously?
Ja. Denk ich mir nicht aus.
Auch Muscheln wurden im gleichen Thread als „vegan“ gelabelt, da sie ja keine Schmerzen spüren (der Poster muss im letzten Leben Muschel gewesen sein, anders kann ich mir seine Erkenntnis nicht erklären).

Es ist also mittlerweile schwierig, auf einen gemeinsamen Konsens zu kommen, was vegan bedeutet.
Für viele von uns ist es die Grundlage gewaltfreier und emanzipatorischer Lebensform.
Das bedeutet, dass jedes Wesen Unversehrtheit und grundsätzlich Freiheit verdient.
Nein, besser gesagt: ein Recht auf diese hat.
Das bedeutet, dass „moderner“ Veganismus automatisch inkludiert, dass alle diskriminierenden -ismen nicht akzeptabel sind.

Die Grundidee des Veganismus ist, das Recht jedes Lebewesens zu schützen, solange keine weitere Person oder Lebensraum zu Schaden kommt.
Ich verwende den Begriff Person bewusst, denn hier stoßen wir auf ein weiteres Problem.
Personenstatus haben nur menschliche Tiere.
Nicht-menschlichen Tieren wird dieser Status und damit das Recht auf Unversehrtheit abgesprochen.
Um Tiere endlich rechtlich schützen zu können, ist es längst an der Zeit, nicht-menschlichen Tieren Personenstatus zuzusprechen.
Darauf sollte sich unter anderem der Fokus politischer Tierrechtsarbeit richten.
Das heißt, wir haben auf der einen Seite den Menschen, und auf der anderen Seite fassen wir alle anderen Lebensformen als nicht-menschlich – respektive Tiere – zusammen.
Die Unterteilung in Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Insekten klassifiziert zwar den Homo sapiens als Säugetier, bei der Zuteilung von Rechten und Fähigkeiten nimmt der MENSCH aber wieder eine Sonderstellung über allen anderen (Säuge-)Tieren ein.

Diese Tatsache verdanken wir vornehmlich Religionen, die den Menschen als Gottes Ebenbild, die Krone der Schöpfung und Herrscher über den Planeten sehen.
(Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan. 1. Mose 1,28)
Hier möchte ich zu meinem eigentlichen Thema kommen:
Was mich immer wieder maximal irritiert ist, wenn Menschen, die versuchen so viel Leid zu vermeiden, wie für sie machbar ist, als Vegannazis, Veganerererer, Veganpolizei und ähnliches bezeichnet werden.
Und nein, nicht von Menschen die die Tierausbeutung durch ihren Konsum unterstützen, sondern von anderen Veganer*innen.

Einige Beispiele:
Jemand postet ein Produkt einer bekannten Großfirma wie Nestle, Unilever oder Zweitmarken bekannter Tierausbeuterfirmen.
Eine andere Person macht darauf aufmerksam, dass man mit dem Kauf dieses Produktes besagte Großfirmen finanziell unterstützt.
Man kann von 10 rückwärts zählen, bis die ersten Beleidigungen auf den Kritiker niederprasseln.
Was mich allerdings am meisten irritiert, sind nicht einmal die Beleidigungen, sondern die vermeintlich „logischen“ Rückschlüsse, die einige Leute daraufhin ziehen.
„Argumente“ wie:
„Dann leb doch im Wald!“ (der arme Wald)
„Dann darfst du gar nichts mehr essen.“
„Aha, du schreibst doch auch gerade am PC.“
„Dann darfst du auch nicht in Supermärkten einkaufen, in denen es Tierprodukte gibt.“

In der Kommunikationspsychologie nennt man diese Statements Killerphrasen.
Killerphrasen werden eingesetzt, um einen Dialog ad absurdum zu führen.
Inhalte sucht man hier vergeblich, Verallgemeinerungen findet man dagegen zuhauf.
Killerphrasen beinhalten keine Argumente, sondern dienen lediglich der Herabsetzung des Gegenübers. Sie sind nicht dazu angelegt, den Dialog zu fördern, im Gegenteil – jegliche Kommunikation und Auseinandersetzung wird durch sie unterbunden.
Der Hinweis auf Supermärkte ist faktisch betrachtet sogar richtig.
Kauft man bei Discountern ein, wo Tierausbeuterprodukte verkauft werden, unterstützt man die Filiale, den Konzern etc.
Das Problem an der Sache ist, dass dieses Kriterium, wenn man es zu Ende führt, darin mündet, dass man sich am besten in Luft auflöst.
Denn egal, was Lebewesen auf diesem Planeten tun, es hat Folgen, und wir Menschen haben uns durch Zivilisation und Industrialisierung in eine Situation gebracht, in der es kaum bis gar nicht möglich ist, etwas zu tun, ohne dass es anderen schadet.
Natürlich sterben Lebewesen beim Anbau von Gemüse.
Die wenigsten Veganer*innen denken, sie würden leidfrei leben.
Das ist in unserer Gesellschaft überhaupt nicht machbar.
Was allerdings machbar ist, ist eine genaue Auseinandersetzung mit Machtstrukturen.
Im Prinzip unterscheidet sich die Frage einiger Konsument*innen tierausbeuterischer Produkte, was Veganer*innen auf der berühmten Insel mit Giftpflanzen essen würde, nicht wirklich von dem Hinweis mancher Veganer*innen, man würde ja auch im Supermarkt einkaufen oder man soll bitte nackt im Wald leben.
Beide „Argumente“ sind absurd.
Ziel ist die größtmögliche Leidvermeidung.
Nun kommen wir aber damit zu einem spezifischen, sehr menschlichen und fast schon philosophischen Problem.
Denn die Grenzen setzt jeder Mensch für sich selbst.
Während manche nur noch Fahrrad fahren, keine Mobiltelefone nutzen , eventuell selbst Gemüse anbauen, ist für andere der Verzicht auf „vegane“ Produkte großer Tierausbeuterfirmen ein nicht akzeptabler Einschnitt in die Lebensqualität.
Wenn wir ehrlich sind, setzen die meisten von uns die moralischen Grenzen gemessen an der eigenen Bequemlichkeit und dem eigenen gustatorischen Verlangen.
Es wird immer jemanden geben, der noch konsequenter und noch leidfreier lebt.
Darf man ihm/ihr das zum Vorwurf machen?
Ich denke nicht.

Wie also umgehen mit diesen unterschiedlichen Ansätzen?
Ganz ehrlich?
Ich weiß es nicht.
Ich merke nur, dass die Art und Weise, wie innerhalb der sogenannten veganen Szene, einem schönen und nicht existenten Konstrukt, argumentiert und diskutiert wird, kontraproduktiv ist.
Nun gehe ich davon aus, dass dieser zwischenmenschliche Umgang nicht nur auf die Themen innerhalb des Veganismus beschränkt ist, sondern vielmehr eine menschliche „Schwäche“ innerhalb der Kommunikation offenbart.

Das 4-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun erklärt die Grundlagen dieser Missverständnisse sehr gut.

4-Seiten-Modell nach  Friedemann Schulz von Thun

Wenn man jemanden auf der Sachebene anspricht, dieser sich aber auf der Beziehungsebene angegriffen fühlt, ist der Dialog bereits zum Scheitern verurteilt.
Ich habe trotz allem die Hoffnung, dass wir uns weiter entwickeln, dass eine sachliche Auseinandersetzung möglich ist; dass ein Hinweis nicht als Kritik gewertet wird, sondern lediglich der Aufklärung dient.
Wir alle können noch so viel lernen und besser machen.
Dabei müssen wir einander unterstützen und Wissen weitergeben und nicht diejenigen angreifen, die schon konsequenter sind als man selbst.
Das sollte nicht zu Streit führen, sondern zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten, des eigenen Wissens und letztendlich auch zu Visionen für eine friedlichere Welt.
Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen immer weitergehen, denn es ist tatsächlich so:
Besser geht immer.